Meditationstagebuch: Stille am Samstagmorgen


Es gibt keine Stille. Meditieren beruhigt. Stille erleben. Jawoll. Hinsetzen und ruhig werden, ruhig bleiben, nach innen lauschen und Stille erleben.
Bin extra früh aufgestanden, damit ich mal damit anfangen kann. Der Fernseher brummt. Oder der DVD-Recorder. Ich mache jetzt nicht die Augen auf! Aber der brummt. Einer von beiden. Ob der was aufnimmt? Da müsste ich ja was programmiert haben. Aber morgens um halb sieben! Was soll da kommen? Die Morgenandacht. Das ist Radio. Das ist der Kühlschrank. Der müsste gleich ausgehen. Wenn er die Temperatur erreicht hat. Ich hätte die Kaffeemaschine nicht anmachen sollen, Haushaltmultitasking. Wer Stille haben will, muss für Stille sorgen. Mein Stuhl knackt. Die Rückenlehne. Vielleicht ist es auch meine Wirbelsäule. Nasengeräusche. Ich werde verrückt. Ich hätte das Programm mit der Atmung machen sollen, dann könnte ich jetzt bewusst meine Nasengeräusche wahrnehmen. Die Vögel schreien. Ich empfinde das als Schreien, wenn ich hier sitze und Stille erleben will. Frühlingsvögel. Die sind immer so wild. Die machen sich selbst zum Verb und schreien rum, damit sie einen Partner finden. So geht das nicht. Nicht bei Menschen. Motorflugzeug. Um diese Uhrzeit. Wenn andere noch schlafen. Harro bellt. Harro, die Töle von nebenan. Ja, halt die Schnauze, Harro, ich will Stille! Halt die Schnauze zu sagen ist legitim, wenn es ein Hund ist. Warum denke ich darüber nach? Ich will Stille erleben. Ruhe jetzt! Mein Magen knurrt. Der Kaffee ist wahrscheinlich durch, das merkt der automatisch. Unten klappert der Briefkasten. Die Zeitung ist da. Heute mal etwas später, heute ist Samstag, ich bin extra früher aufgestanden, um Samstagsstille zu erleben, wenn die Stadt ruht und nur ich wach bin. Es ist doch der Fernseher. Ich blinzele mit einem Auge. Nein. Der Tiefkühlschrank ist das. Ob der mal wieder abgetaut werden muss? Sonst brummt der nie. Stille. The roaring sllence. Manfred Mann wusste schon, warum er laute Musik machte. Morgen mache ich Atmung. 

Blinded by the night (The Roaring Silence) anhören

Augen auf beim Bananenkauf

Das Auge kauft mit.
Da ist doch schon klar, was der Mensch mit Augen kaufen wird.
Es ist der Apfel unten links, hinter dem anderen Apfel, der wiederum rechts neben der Mandarine liegt und links neben einer Banane, die in echt eine Plastikdose ist.
Das Auge lässt sich zwar gerne täuschen, aber alles hat wohl seine Grenzen. Besonders beim Bananenkauf.


Der Hut ist wieder im Kommen. Zumindest im übertragenen Sinn. Wer hat denn hier den Hut auf, fragt Sandra und meint, wer hat das Sagen? Früher hätte sie gefragt: Wer hat denn das Sagen, wer ist der Chef, an wen muss ich mich wenden, wen muss ich anlächeln und wem muss ich einen Kaffee kochen?
Wer glaubt, dass der Hutträger die kulinarischen und erotischen Privilegien abschöpfen kann, täuscht sich.
Die Arbeitsgruppe grübelt: Wer soll denn da den Hut aufhaben? Was bedeutet,wer macht die Arbeit? Ich haue ab, der Hutmensch bleibt. Es müsste eigentlich umgekehrt sein, denn der, der geht, nimmt den Hut, setzt ihn auf und setzt sich den Unbilden des Wetters aus. Wer bleibt, braucht keinen Hut.
Die Krone aufsetzen. Das ist nachvollziehbar; Kronen trägt man im Mundraum oder, falls man König oder Kaiser ist, in geschlossenen Räumen, damit der Goldhut nicht nass wird oder von der scharfen Stadt- bzw.Landluft angegriffen und stumpf wird.
Ein Trost bleibt denen, die von ihrer Arbeitsgruppe im Regen sitzen gelassen wurden: Der mit Hut ist behütet. Das ist auch schön.

Wenn die Qualitätsanalyse kommt: Ein Blick in den Schulalltag



Das freut die QA: Finger kaputt und doch Spaß im Beruf
Hoffentlich sieht der dann noch meine Gruppenarbeit, denkt Hubert, denn die muss ja mit drin sein. 20 Minuten Zeit, da muss die Gruppenarbeit irgendwie rein. Ohne Gruppenarbeit wird der Vorführzirkus doch abgewertet. Und nachher landet das vielleicht bei der Schulleitung. Na, die sind ja auch nicht besser dran, was da alles in den Akten steht, das ist doch für den Schredder. Auch was nicht drinsteht. Augendiener. Schöntuer. Papier ist geduldig. 
Lernzeit verplempern. Bloß nicht. Hoffentlich geht das mit der Begrüßung gut. Im Stehen. Ist das nicht reaktionär? Ich fand das doch selber schräg damals vor den Mottelkugelpädagogen, die mit Nachnamen Oberstudienrat hießen. 
Guten Morgen!, sage ich. 
Guten Morgen, Herr Reinermeier! Und nicht Herr Rainer Meier, wenn die das doch mal kapieren würden und dann dieses Geleier. Als wenn das ein artikuliertes Gähnen wäre. Kaum einer kann frei stehen, die brauchen Stützräder, damit sie vor Müdigkeit nicht umkippen. 
Und nicht Guten Morgen, Herr…..äh….Herr…äh…Herr Qualitätsanalyse! Höflichkeit hin und her, der Mann ist doch gar nicht da in seinem Anzug und dem Laptop, auf dem er sofort anfängt zu schreiben, als gäbe es bei der Begrüßung schon was zu schreiben. Sagt Rollo jedenfalls. 
Um Guten Morgen zu sagen, müssen die Schlafmützen ja erst mal aufstehen, das ist schon ein Akt, der Zeit kostet. Gemach, gemach! Woher die das Wort haben, weiß ich nicht. So was wie Losung kennen sie nicht, aber gemach. Losung. Verlosung vielleicht. Hauptsache gemütlich. 
Die Losung heißt: Flott begrüßen, weil der QA-Mann schon sitzt und tippt und sofort anfangen zu arbeiten, irgendwas, Hauptsache es geht los, hinterher kräht ja sowieso kein Hahn mehr danach, was es war.  Bloß keinen Eintrag riskieren: Lernzeit verplempert. 
Hoffentlich antworten die nicht auf meinen fragenden Blick. 
Aber guck doch mal nicht so, als wolltest du wissen, was die Schüler da gerade machen. Oder du sagst ein einfaches SO, dieses Unwort des emanzipierten Unterrichts: So!  Gleich kommt die Retourkutsche: Herr Reinermeier! Wieso so? Wir verplempern doch gar keine Lernzeit. 
Warum merken sich Schüler immer das, was sie sich gar nicht merken sollen? 
Was war überhaupt heute dran? Ja, gute Frage, das ist aber nebensächlich. 
Hier geht's um Qualitätssicherung und da ist wichtig, dass kein Schüler nach dem Unterricht dümmer ist als vorher. Qualitätssicherung eben. Die Qualität sichern. Nicht verändern. Wer weiß, wo wir enden? 
Wer nicht weiß, wo er hinwill, muss sich nicht wundern, dass er ganz woanders rauskommt. Lernzielorientierter Unterricht. Alte Kamellen. Hier geht's um Lernzeit verplempern. Nicht verplempern, natürlich. Morgen üben wir die Stunde noch mal, das muss alles viel schneller gehen. Qualitativ schneller. Und dann kann der kommen in seinem Anzug und dem Laptop. Lass ihn tippen. Nicht kippeln, Ben!

Neu im Fast-wie-Food-Shop

Der Wutburger.
Die Geschmacksverstärkerindustrie hechelt den Trends hinterher und versucht natürlich sich eine Scheibe von der Wurst abzuschneiden, sprich: Profit zu machen.
Der "Wutburger" hängt sich an eine Bewegung, in denen Bürger vor Wut anfangen zu demonstrieren, weil sie sich über das Gemache und Getue "der Herrschenden da oben" und die betulichen Gesten inklusive Hängebacken der Kanzlerin aufregen.
Das Dreieck, das Frau Merkel mit den Händen bildet, wenn es brenzlig wird, schreibt man auch esoterischen Zirkeln zu, nicht zuletzt der Hirnwäscherei von Scientology, die seinerzeit Tom Cruise dazu gebracht hat, Semi "Much" Moore zu beflirten.
Wutburger - eigentlich ein schönes Wort. Entscheidend ist aber für kritische Menschen, was drin ist.
Der Rest begnügt sich damit, dass es irgendwie wonach schmeckt.

Gedichte mit schweren Fehlern drin: Georg Krakl - Mein Hut, der hat zwei Ecken


Mein Hut macht mich so melancholisch
ein wenig auch katholisch
er ist so weich und schmiegt sich an
kein Hut an dem ein Mann
sich reiben kann.
Mein Hut hat nur zwei Ecken,
zwei Ecken hat mein Hut.
Bei einer käme ich ins Grübeln und ins Denken.
Mein Hut, der ist gemacht aus feinem Leder eines Schecken
und geschmiedet in der Glut,
und dass er nur zwei Ecken hat, das kann man sich glatt schenken.

Er macht wohl melancholisch,
ein wenig anabolisch,
und zu zehn Prozent katholisch.
Das ist mein Hut.
Und das ist gut.

Gummibärchen sind froh

Haribo macht Kinder froh, und unser Tommi grinst goldlockig in die Kamera. Am liebsten würde er alle Gummibärchen selber essen, aber er ist ja nicht doof, denn die Gummidinger sind ungesund.
Dass er nicht doof ist, beweist die Tatsache, dass er endlich die Samstagsabendzeittotschlagesendung "Wetten, dass...?" abgegeben hat.

Die Kinder aber glauben dem Märchenonkel, der in der Szene als "Guter Onkel Gottschalk" bekannt ist. Sei es, weil er eine Brokatweste trägt und lockiges Haar, mit dem er wie ein gealterter Posaunenengel aussieht, sei es, weil sein Name etwas mit Gott zu tun hat.
Dass er da einen Schabernack mit dem da oben treibt, wird einvernehmlich ignoriert.
Ein Engel soll ja damals aus dem Himmel geflohen sein, weil er vor lauter Langeweile und Herumposaune und -gesinge sich ständig neue Scherze und Schweinigeleien ausgedacht hatte. Er sei dann vom Torwächter Petrus abgemahnt worden und habe fluchtartig das Terrain verlassen, sei gestürzt und mache jetzt als sogenannter "Gefallener Engel" die Welt um uns herum unsicher.
Vielleicht steckt er sogar im Gummibärchen-Gottschalk und lacht sich ins Fäustchen, wenn die Kinder dick und rund werden und Hautausschläge bekommen, weil sie zu viel Lebensmittelfarbe gelutscht haben.
Gummibärchen sind lustig, sind niedlich, sind fröhlich und machen Kinder froh. Froh zu sein bedarf es wenig, weiß schon der Volksmund, den man deswegen stopfen müsste.
Vielleicht erzählt ein richtig böser Onkel den Kinderchen mal, dass Gummibärchen eigentlich nur gesüßte und gefärbte Knochen von Schweinen und Rindern sind.
Ach was, das wird nicht helfen, dann würden die kleinen Esser ja auch keine Bratwurst, keine Kindermortadella (Nomen est Omen!) oder Formfleisch zu sich nehmen.
Oma sagt: Der Tommi ist ein Engel.
Ob gefallen oder nicht, das tut nichts zur Sache. Auf die Botschaft kommt es an, und die ist froh.

Meditation: Still und stumpf starren

Stumm auf den Stein starren. Das war stumpf.
Betrachtet den Stein, hatte der Meister gesagt, und denkt an nichts. Der Meister! Ronni war genervt. Ob der Meister einen Meisterbrief hatte, das war ja wohl sehr fraglich. In dieser Esoterikhöhle konnte ja jeder kommen und sagen, er sei der Meister. Tat natürlich nicht jeder. Auf den Stein starren. Stumm auf den Stein starren. Still werden, hatte der Meister gesagt. Stumm und stumpf auf den Stein starren, still werden, dass die Zeit stehen bleibt, und du stetig tiefer in das Sein des Steins eindringst. In einen Stein eindringen! Wie lächerlich! Ja, womit denn? 
Ronni ärgerte sich, für diesen Quatsch richtig Geld abgedrückt zu haben, nur weil Chanti gesagt hatte, tu mal was für dich!
Das war Jo! Das war eindeutig Jo, der vor ihm lag. Jo als Stein. Der Stein als Jo. Jo, die Couchkartoffel. Der lag doch auch immer so rum, oder saß rum, oder stand rum, oder was es sonst noch gab, wo man sich nicht zwingend bewegen musst. Du, kommst du gerade mal an mein Glas ran, fragte Jo, wenn er zu faul war, sich nach vorne zu beugen. 
Soll ich auch für dich trinken, hatte Ronni immer gefragt. 
Nee, nee, hatte Jo geantwortet, das geht schon, lass mal stecken. 
Bleib mal liegen, ich geb dir das Glas, hatte Ronni mit leicht ironischem Unterton gesagt. 
Jo ignorierte Ironie grundsätzlich. Das entsprach nicht seinen Lebensgrundgesetzen, vor allem nicht, wenn sie seine Bequemlichkeiten gefährden konnte. 
Jo, der Arbeitgeber, der anderen was zu tun gab. Jo hatte immer was, was er liegen gelassen hatte und scheute sich nie, andere um eine Gefälligkeit zu bitten. Kannste das mal abholen, das mal abschreiben, das mal wegbringen? Dies mal und das mal. Jo war der Meister im Aufbau eines Helfersystems ohne eigenes Leiden. Jo war der Stein. Liegen und liegen gelassen werden. In sich ruhen. Warten. Energie bewahren.
Ronni schwoll der Kamm. Der Meister konnte ihn mal. Schau still auf den Stein. Versetz dich in ihn hinein. Ja hallo! Was wollte Ronni denn  in einem vollgefressenen Jo? Was gab es denn da zu entdecken? Verdauungsprodukte? Das war doch totale Scheiße.
Meister! Ich muss mal! Ronni hatte die Blase voll. Irgendwie passte das jetzt gut zur Situation.
Der Meister nickte, was heißen sollte: Ok, Ronni, das ist jetzt total überflüssig, was du hier sagst und was du gleich machst. Am besten bleibst du draußen, wenn du fertig bist,  packst deine Koffer und verschwindest.
Der Meister sagte es natürlich nicht, er nickte es nur.

Aurasichtige Margot

Erich, ich kann deine Aura sehen! Margot H. war aurasichtig,
wie im sozialistischen Lager jetzt bekannt wurde.
Erich: Margot, kannst du meine Aura sehen?
Margot: Meinst du das rote Zeug da vor deinem Kopf?
Erich: Ich seh es ja nicht.
Margot: Also, irgendwas Rotgekritzeltes, als hätte Breschnjew ein Bild auf einem Foto von dir gemalt, kann ich sehen.
Erich: Und, sieht es gut aus?
Margot: Du weißt doch, wie der malen konnte. Kopffüßler sage ich nur.
Erich: Mist!
Margot: Kommunist heißt das.
Erich: Eben

Voller Schreibtisch und auswandern

Mein Schreibtisch ist voll, seufzte Erich H. damals und blickte nachdenklich in den Fernsehschirm. Erich, es sieht dich keiner, tröstete Margot, du kannst dich entspannen, das ist keine Kamera und du musst weder eine Rede halten, noch auf sauberen Schreibtisch machen.
Meine Mauer ist weg, jammerte Erich, und Tränen flossen über seine sozialistisch gemeißelten Falten und Gruben.
Erich, das war nicht deine Mauer, das war die Mauer von dem Spitzbart, dem Ulbricht, wispert Margot und streichelt sanft über Erichs ergrautes und schütteres Haar.
Aber der Weg ist frei in den Westen, Erich. Margot lächelt verschmitzt. Gut, dass sie alle Insassen der Jugenderziehungshöfe freigelassen hatte, kurz bevor die Mauer, dieses morsche Stück Beton, gefallen war, da konnte man sie nicht in Den Haag anklagen, und ehrlich gesagt, war das ja auch nichts gegen die Menschlichkeit, so eine richtige Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit, wo man eben nicht zimperlich war, sondern auch schon mal zeigen musste, wo's langging.
Südamerika, Erich, da geht's lang, da wolltest du doch immer mal hin!
Erich grübelt: Sind da nicht auch die vielen Nazis hingeflohen, damals nach dem Endsieg?
Erich, es gab keinen Endsieg, aber sonst hast du recht.
Margot, meinst du denn, das geht, wir und Nazis? Erich ist verunsichert.
Das passt schon, beruhigt Margot, irgendwie war da ja auch nicht alles schlecht. Genau wie bei uns.
Margot, ich weiß nicht, gibt es keine andere Lösung?
Margot antwortet, ein bisschen zu schnippisch vielleicht: Dann räum deinen Schreibtisch auf!
In Ordnung, dann lass uns eben nach Südamerika fahren. Beruflich kann ich hier auch nichts mehr werden und ich habe ja auch nur Parteivorsitzender gelernt. Die FDP hat schon einen, aber , weißt du, Margot, die könnte ich vielleicht so richtig groß machen. FED. Das wär's, das klingt gut.
Erichs Augen glänzen.
Margot verschwindet ins Schlafzimmer: Ich pack schon mal die Koffer!

Menetekel in der Natur

Da schimmert uns aus der Ferne die Natur an, durch die Fratzen der Dämonen, die sie ersticken wollen. Pestizid und Fungizid, die düsteren Geschwister, knebeln das frische Grün, um es zu zerstören, um den Menschen zu knechten, ihn zu unterwerfen und letztlich zu vernichten. Wer genau hinsieht, kann die Geißel der Erde sehen und muss nach einigem genauerem Hinsehen feststellen: Das sind ja wir Menschen, wenn wir uns die morgens vor dem Alibert angepappten Masken abnehmen, das sind unsere wahren Gesichter, die wir sogar vor uns selbst verbergen wollen.
Ignoranten wie wir sind, sehen wir nur die Balken und Splitter in Augen, Stirn, in Händen und Füßen unserer Nächsten, nicht aber den Pfahl im Fleische, der uns vergiftet und zum parasitären Krebs der Umwelt macht, die uns erhalten soll. Beschlossene Sache: Wir werden uns selbst entfernen, ohne es zu wollen, weil wir uns nichts selbst erkennen wollen.
Hab jetzt keine Zeit, Gerda! Vor allem nicht, mich selbst zu erkennen. Ich weiß auch gar nicht, wie das geht, Gerda! Jetzt sei mal ruhig, gleich ist Anstoß. Die Schwarzgelben, du weißt. Lass uns morgen drüber reden; oder stell das Thema doch mal in der Frauenhilfe vor. Kannst mir ja erzählen, was dabei rausgekommen ist.
So ist die Zeit. Die Mahnung im Spiegel bleibt dem Menschen fremd und unverständlich wie damals Belsazar das Menetekel: Du hast eigentlich eine Hackfresse. Nimm mal die Maske ab!

Hutträger können normal sein

Kaum jemand geht noch mit Hut. Vielleicht ein paar abgehalfterte Fregatten (Abgehalfterte Fregatten!) in Ascot, die von den Krähenfüßen ablenken wollen und nur durch das Meisterstück einer Putzmacherin Beachtung finden. Wie traurig.
Der normale Mensch kann sich einen Hut nicht leisten.
Er könnte sparen und dann eine Melone oder einen Stetson erstehen. Das kann er wohl wirklich, will es aber nicht. Ein Hut führt zu Entsetzen. Der normale Mensch, zu dem sich auch der normale Mensch mit Hut zählen möchte, lacht über normale Menschen mit Hut.
Kein Geld im Portemonnaie und La Paloma pfeifen, gebraucht der nromale Mensch ohne Hut eine Metapher falsch, die irgendetwas mit dem letzten Loch zu tun haben will.
Wer Hut trägt, ist arrogant, will sich abheben, will anders sein, und das soll er dann auch, glaubt die Masse.
Du bist anders!, brüllt die Menge und lacht schenkelklopfend. Du bist nicht wie wir!
Ich nicht Anders, flüstert der Hutträger, Ich bin Andreas.
Die Menge lauscht nicht, sondern johlt. Hat gar nicht gehört, was Hutträger Andreas vorgetragen hat.
Ergo: Ein Hutträger kann normal sein. Es merkt nur keiner.

Auf dem Lande beobachtet: Was Landschaft erzählt


Wie das Land, so das Volk, das auf ihm lebt.
Die knarzigen Kopfweiden neigen sich dem Fremden zu, kahl rasiert wie der Wirt der Dorfkneipe, der seinen Mann an der Theke steht, als sei er mit Karabinerhaken arretiert, der den letzten Gast nicht allein lässt und ihn weckt, wenn sein Kopf auf die Tischplatte sinkt, sich sein vollgekritzelter Bierdeckel in die Stirn presst.
Die archaischen Bäume grüßen den Autofahrer, der vielleicht nur mal links oder rechts abbiegen will, und bringen ihn zum Nachdenken: Was für eine Landschaft? Hier hat das Leben begonnen, hier wird es enden. Der Stacheldraht erinnert an die Beengtheit allen Seins, an die individuelle Beschränktheit, die Begrenztheit, die deutlich macht: Bis hierher und nicht weiter. Alles hat mal ein Ende.
Dort die fröhliche Birke, deren Zweige im Wind wippen, sie ruft uns zu: Nehmt das Leben leicht, lasst mal wieder was wippen!
Die Verkehrsschilder, die unbeirrbar mahnen, dass auch anderen Vorfahrt zu gewähren sei, trotzen dem städtischen Egoismus, der sich nur seinen Vorteil erkämpfen will. Das trübe Grün der Wiesen weiß zu erzählen: Es ist nicht alles grün, was grün aussieht. Manchmal ist es verwaschen, manchmal grau. Was bunt ist, muss noch lange nicht Heiterkeit symbolisieren. Die Schwere des Lebens immer im Kontrast mit der Leichtfertigkeit und der Heiterkeit, die die Schwere erst erträglich machen. Der nasse Asphalt schmatzt unter den Reifen. Auch hier hat die Zukunft bereits begonnen und sie lädt nicht ein zum Verweilen, sondern führt uns weg in unbekannte Gefilde, vielleicht ins Nachbardorf, wo sich auch ein entschlossener Kneipenwirt an die Theke krallt und nicht untergehen weil, nicht aufgeben, nicht scheitern will, sondern seinen Wirt steht, wie es auch sein Vater und sein Großvater getan haben und von ihm erwarten.
Einzig Trost spenden die Fahrbahnbegrenzungstreifen in ihrem unschuldigen Weiß. Es gibt ein Leben jenseits des Horizonts, scheinen sie zu versprechen, während gedankenlose Autofahrer mit schmutzigen Reifen Spuren auf ihnen hinterlassen.

Leute

Was sollen die Leute nur sagen?

Hast du schon gehört?
Nein, was.
Na, du weißt schon.
Wer sagt das denn?
So allgemein wird das gesagt.
Und wer genau?
Na, die Leute eben.
Welche Leute?
So allgemein die Leute.
Und wer genau?
Die Leute eben. Alle eben.
Du auch?
Nein, natürlich nicht, sonst würde ich ja nicht fragen.
Was hast du denn gefragt?
Na, ob du schon gehört hast?
Und was?
Was die Leute erzählen.
Nein, was erzählen sie denn?
Das weiß ich ja nicht, sonst würde ich ja nicht fragen.
Dann sind wir schon zwei.
Wie zwei?
Die erzählen, was alle erzählen.
Wer könnte das denn wissen?
Die Leute.
Und wer genau?
Na, so allgemein die Leute.

Neuer Entwurf für die schweizerische Flagge: 58

Im letzten und neuesten Entwurf für eine neue Flagge in der Schweiz wird dokumentiert und für alle bei jeder Gelegenheit sichtbar gemacht: Die Schweiz will 58 Prozent.
Verglichen mit dem Rest der Welt ist das weit mehr als die Hälfte.
Unklar ist bisher, wovon.
Man munkelt, der Kuchen sei gemeint.
In Bezug zum Weltkuchen sind das gut 9 Stücke, wenn das Rund in 16 Teile geschnitten worden ist. Auch das ist mehr als die Hälfte.

Weisheit der Tierwelt: Kleben

Kleben und kleben lassen, sagt der Uhu.

Christo hat Spuren hinterlassen


Christo hatte seine Frau Christine an der Geschenke-Verpackungsstelle einer Parfümerie kennen gelernt und sich von dem betörend-betäubenden Gerüchen im Duftmarkengeschäft benebeln lassen.
Nachdem Christine den Job als Schleifchenbinderin geschmissen hatte, flohen  beide in den Osten und verpackten den Reichstag in Berlin.
Millionen Menschen kamen, um das Werk zu betrachten; viele lebten sogar schon vor Ort und konnten tagtäglich vor dem Monstrum sitzen. Der Bundestag legte die Arbeit nieder, weil es keine Eingänge gab, was aber in der Bevölkerung nicht wahrgenommen wurde.  Die gelbe Presse teilte mit, die Abgeordneten seien auf Urlaub bei Freunden.
Aus dem Verpackungsmaterial fertigte man später Mülltüten und Windelvorlagen für die Love-Parade, bzw. verkaufte das Ganze auf Kunstmärkten als Frühstück-Sets, auf die man seine Pappteller stellen konnte. Die Loveparade wurde nur ein einziges Mal in Berlin gefeiert, da die Einlagen wenig nutzten. Alle Parkanlagen, Hauseingänge und U-Bahnschächte wurde mit nierengefiltertem Red Bull oder andere Substanzen gewässert.
Viele hielten die Aktion "Versteckt den Reichstag!" für Scharlatanerie und schwiegen. Manche schrien es laut heraus: Scharlatanerie! Da ist keine Kunst!
Dabei war es doch Kunst, denn die Menschen wurden zum Nachdenken angeregt. Sie dachten zum Beispiel: Ach, wie hässlich sieht mein Pferdeanhänger aus. Den will ich mal schnell verpacken; das hat Christo ja damals auch mit den unansehnlichen Reichstag gemacht.
Und schon standen vor vielen Häusern überwiegend auf dem Lande schöne Kunstwerke, die nur entfernt an hässliche Pferdeanhänger erinnertenn.
Man sieht, dass es sich nicht immer lohnt, sofort herumzukrähen. Manchmal muss man still werden und nachdenken. Kunst kommt von Kunstmarkt, und nicht umgekehrt, bzw. von künstlich. 

Teflon und Telefon

Ein wenig Herumgeschiebe am Wort Telefon, ein e entfernen und schon haben wir eine Beschichtung, in der Heißgemachtes nicht ansetzt.
Mit dem Handy geht das nicht so einfach.
Was schließen lässt, dass das gute alte Telefon eben seine Vorzüge hat.
So schreit die Kommunikations-Community nervös: Telefone zu Bratpfannen!  Gebt dem Handy eine Chance!
Wie schön, als wir noch zu zweit kommunizierten und lässig den Hörer an der Schnur baumeln lassen konnten. Da gab es noch kein: Die Seele baumeln lassen. Das war überhaupt nicht nötig.
Abhängen, wenn sich alle langweilten, oder aufhängen, wenn das Gespräch unangenehm wurde.
Den Hörer auf die Gabel knallen. Wo geht das denn mit einem Handy?
Nur: in die Pfanne hauen, das geht auch mit dem modernen Mobilteil. Und wenn nicht den Gesprächspartner, dann das Gerät, das schlechte Laune verbreitet, weil der Gesprächsteilnehmer nicht so mitspielt, wie wir das gern hätten.
In die Pfanne mit Teflonbeschichtung hauen, ein Ei drüber und schön kross anbraten. Dann in die Tonne damit!
Moderne Kommunikation. Muss nicht jedem schmecken.

Georg Krakl: Ehrensold (2012)

Verdammt, schon wieder gekleckert. Blöde Bio-Eier...
Nur weil mir Geld gefällt und Gold
hab ich den Ehrensold
doch nicht gewollt.

Herr Wuff, warum denn dann?

Weil ich im Lotto nie gewann.
Denn Ehrensold ist Gott sei dank
"6 Richtige" ein Leben lang.

Da gibt es nichts zu meckern.
Das Schlimmste ist das Kleckern.
Mir liegt das Klotzen.

Das wiederum, Herr Wuff, find' ich zum Kotzen.


Warum Geburtstag feiern?

Im Mittelalter wurde robust gefeiert
Warum feiert man Geburtstag?
Das Leben bekommt Struktur, ist die oft lapidare Antwort.
Dabei ist noch nicht einmal klar, welche Struktur, denn je nach erreichtem Alter kann man die verstrichene Lebenszeit in Dreißigstel, Zweiundvierzigstel oder Einundachtzigstel teilen. Das bringt aber erst mal gar nichts, wenn man nicht weiß, dass es vielleicht insgesamt Hundertstel werden, oder nur Zweiungdreißigstel.
Es geht nicht immer nach der Reihenfolge, sagte meine Oma schon, und meinte, dass sie zwar dran wäre, altersmäßig, aber noch lange nicht dran sein müsse. Der liebe Gott holt sich gelegentlich auch Jüngere in den Himmel, vielleicht um das Durchschnittsalter zu senken, oder einfach, weil es schöner anzusehen ist.
Wer neunundvierzig wird, feiert seinen fünfzigsten Geburtstag. Hach, werden einige sagen, dann habe ich meinen runden Geburtstag ja ganz falsch gefeiert!
Es ist wie damals in Mathe, fünfte oder sechste Klasse, wir Schüler sollten Zäune berechnen. Wenn man eine Strecke von hundert Metern mit einem Zaun versehen will und nach jedem Meter einen Pfahl setzt, wie  viele Pfähle braucht man dann? Die Lösung wollte mir nur schwer einleuchten: 101. Bei Null geht es nämlich schon los. Wenn man, was natürlich unrealistisch ist, einen Meter einzäunen will, braucht man zwei Pfähle.
Ich fragte mich damals, wer auf die Idee gekommen sein musste, eine Strecke einzuzäunen? Da konnte man doch immer neben Anfangs- und Endpfahl vorbeirennen. Denn Zäune sollte Menschen oder Tiere vom Wegrennen abhalten, bzw. verhindern, dass sie reinrannten. Aber wo hinein?
Ich beschloss damals, es mit den Indianern zu halten, die das kleinkarierter Verhalten weißer Viehzüchter nicht nachvollziehen konnten und gegen jegliche Zäune waren. Sie brauchten die Freiheit der Prärie, und ich brauchte sie auch: Die Freiheit von Mathematik, die sich philosophischer Fragestellungen immer entziehen wollte.
Wer seinen achtundfünfzigsten Geburtstag feiert, ist erst siebenundfünfzig Jahre alt. Denn wie bei den Zaunpfählen zählt der Tag der Geburt natürlich mit. Geburtstag nämlich.
Gefeiert habe ich den garantiert damals nicht, ich war ziemlich kaputt von der Geburt, und erinnern kann ich mich auch nicht mehr.
Auch von den ersten Feiern ist nichts hängen geblieben, wahrscheinlich haben die Verwandten gefeiert, Torte gegessen und Bowle geschlürft, und ich habe in der Zeit geschlafen.
Also lässt sich die Frage, den wievielten Geburtstag man feiert, gar nicht beantworten.
Es geht wohl mehr ums Älterwerden. Ein Vorgang, der jeden Tag passiert, und dessen fortgeschrittenes Stadium man an der steigenden Unlust erkennt, Geburtstage zu feiern.

Geburtstage sind Gedenktage. Bedenke, dass du geboren wurdest. Was hast du aus deinem Leben gemacht? Warum denkst du jetzt über diese Frage nach? Und dann die Erkenntnis: Ich bin ja gar nicht mehr jung.
Nicht mehr jung! Ein Euphemismus  für alt. Man ist so alt, wie man sich fühlt, sagte meine Oma. Aber alt eben. Sie hätte doch sagen können: Man ist so jung, wie man sich fühlt. Hat sie aber nicht. Meine Oma war sowieso immer schon alt.

Gegen die philosophische Depression, die der permanent sich steigernden Sinnkrise entspringt, hilft letztendlich eine Feier: Wegfeiern. Einfach wegfeiern. Nette Menschen um sich sammeln, die das Geburtstagskind daran erinnern, dass sie auch älter werden. Gemeinschaft empfinden. Nicht allein den nächsten, kleineren Nenner, "erleben", und froh sein, nicht mehr überflüssige Fragen nach der Anzahl der Zaunpfähle auf einer Hundertmeterstrecke beantworten müssen.


Verhunzt nicht die Kunzt

Kunst muss raus!, schreit der Liebhaber. Kunst darf nicht auf dem Schrank verrotten und sich den neugierigen Blicken der Bevölkerung entziehen. Kunst hat etwas Exhibitionistisches. Kunst will betrachtet werden.
Kunst will begriffen werden, aber beileibe nicht angefasst.
Finger weg! Nur gucken!
Welch Sakrileg, das, was der Öffentlichkeit gehört, zu verstecken.
Kunst gehört allen. Genau wie es heute die Kunststoffe sind, die sich jeder leisten kann, und früher vielleicht einmal unerschwinglich und nur den Reichen und Schönen bzw. Hässlichen vorbehalten waren. Was war es für eine Pracht, aus einem Kunststoffbecher zu trinken! Das Volk schnitzte noch seine Holztröge, da hatte die herrschende Klasse bereits Kunststoffmesser zum Wegwerfen!
Und genauso ist es mit der Kunst heute! Sie gehört dem Volk! Sie ist demokratisch.
Also: Raus damit!

Jetzt wieder aktuell: Schuluniformen

Es wird wieder diskutiert über Schuluniformen. Um den unterschiedlichen Gewohnheiten, Bräuchen und Vorlieben der Schüler, Eltern und Lehrer und den dazugehörigen vorgesetzten Dienststellen gerecht zu werden, ist ein bunter Mix entstanden, der zudem noch lustig anzuschauen ist.
Eine Mischung aus Schützenverein, Reichswehr und Karnevalsclub bietet den Trägern viele Vorteile:
Mächtige Leder-Handschuhe schützen den Schulkreideallergiker, eine Mütze dämpft Schläge mit dem Lineal und kann gleichzeitig das Attribut des Klassenbesten tragen: Den Troddel, zu hochdeutsch Trottel. In der Mensa sorgt einen breite Schärpe dafür, dass der gute Drillich nicht besudelt wird. Ein formschöner schlanker und blitzblanker Säbel hindert am allzu schnellen Wegrennen und wirft sich im Notfall zwischen die Beine des Schulflüchtlings, wenn der sich mal wieder dem Lernen entziehen will.
Die Schulkleidung baut aber vor allem jene auf, die Halt finden in Recht und Ordnung, die gerne gedient hätten, wenn man sie gelassen hätten, und die nach dem Rauswurf aus dem Schützenverein ihrem Schießgewehr nachtrauern.
Unterschiedliche Kordeln und Tressen und andere Plaketten und Broschen zeigen dem Außenstehenden, wen sie vor sich haben. Der Fünftklässler hat erst mal nichts zu zeigen bis auf den nackten Uniformstoff, ab der Klassen 6 wird an die Eleven und auch Pädagogen informativer Schmuck gehängt; bis zum Schulleiter erinnert der Ausgestattete immer mehr einem Weihnachtsbaum, wenn man Kritiker glauben will.
Platz ist aber auch für kleine Mitteilungen, die die Kategorisierungen erleichtern: Eine Null etikettiert den Dümmsten der Klasse, eine Trompete den Störer, ein X, das ein U sein sollte, den Lügner, ein geöffneter Mund den Butterbrotdieb, ein rosa H den Hausaufgabenvergesser. Und wer die Schule demnächst verlassen sollte und zum "Abschuss freigegeben" ist, bekommt eine kleine Zielscheibe vor die weiche Mütze, die die Träger dann samt Besteck bald abgeben müssen.
"Pädagogik ist doch immer ein lustiges Feld, wo auch Spaß mittun kann!", um den beliebten Reformhauspädagogen Hartmut von Händewig zu zitieren. Und warum sollen nur die Rheinländer das ganze Jahre lachen?

Georg Krakl: Traurige Mütter (2012)


Weder ein feiger noch tapferer Mann, sobald er geboren,
wird lauthals zum Wetter und anderen Banalitäten nur sprechen,
denn eine jede Mutter hat bei der Zeugung geschworen:
Mein Junge, der spricht auch zu anderen Themen,
zu Skizzen und Schemen und schlechtem Benehmen.
Mein Junge, der ist noch sehr klein,
er soll aber jetzt schon ein Freidemokrat, zumindest Politiker sein.
Wie sagt ihr? Die Freidemokraten
verkauft und verraten
die sind bald schon weg
weg vom Fenster
und werden Gespenster?

Ach, Junge, dann bist du verloren,
ach, hätt ich dich niemals geboren.

Engelschutzschild

Gerichtsmedizin stellt fest: Kapitän der Concordia hatte keinen Geschlechtsverkehr vor dem Unglück


Kapitän und Moldawierin nach dem Kuss

Nachdem Kapitän S.(Name geändert) auf seinen Verstand untersucht worden ist, wobei sich nichts nachweisen ließ, wird jetzt sein körperlicher Zustand unter die gerichtsmedizinische Lupe genommen. Bisheriges Ergebnis ist, dass S. sich vor dem Unglück eher mönchisch zurückgezogen habe, um das Kentern der Concordia nicht zu behindern.
Lediglich sei es zu einem Kuss mit einer Moldawierin gekommen, die angab, dass sie später dann im Bett "gelandet worden wären" und S. ihr Held sei. Die merkwürdige Zeitform - Konjunktiv II im Passiv- liegt höchstwahrscheinlich an einem Übersetzungsfehler, denn "gelandet worden wären" gehört ja eher in die Abteilung Flugsicherung. Immerhin entschuldigt dieser Modus die beiden, denn sie wären nicht aktiv  an der Landung im Bett beteiligt gewesen, eine bisher unbekannte Größe würde sie dorthin gebracht haben. Die Moldawierin sei sowieso neu an Bord gewesen, so S. und von ihm, dem Kapitän noch nicht auf Seetauglichkeit überprüft worden. Ein Mund-zu-Mund-Kontakt gehöre zu den grundlegenden Techniken der Wiederbelebung.
Kurz nach dem Kuss habe der Kapitän das Schiff verlassen, da es im Sinken begriffen war und er nicht im Wege stehen wollte. Der Kuss habe mit der Havarie nichts zu tun, da der Kapitän auf der Brücke abwesend gewesen sei, wo er, so das Führungspersonal, gelegentlich die Navigation behindert habe.
Kapitän und Moldawierin sind wohlauf und wollen, wenn der ganze Bohai vorbei sei, den Kuss fortsetzen.

Teures muss nicht schön sein

Teures muss nicht immer schön sein, und Hässliches ist nicht immer billig. Selten ist Überflüssiges brauchbar, und Brauchbares ist oft unnütz. Aber der Mensch gibt gern Geld aus, nachdem er ausgiebig herumgeschlendert ist, Kleider anprobiert, Dinge befingert und Leckereien gekostet hat. Dann sitzt die Geldbörse locker, wenn der Mensch etwas findet, das noch Platz in seinem Partykeller oder zweitem Wohnzimmer findet und dort die Verwandtschaft zum vorzeitigen Aufbruch nötigt.
Zu den wirklich unwichtigen Dingen des Lebens gehören ein Vogelkäfig, ein Bund Leuchtstäbchen, ein aufblasbarer Globus, ein Motorschiffmodell ohne Batterien und mangelhafter Fernbedienung, ein Wecker mit Alarmstufe rot, 24 Karat vergoldet (galvanisiert) und schließlich auch ein paar Beine, die man jederzeit für den wackligen Küchentisch, den Sessel oder Uropa gebrauchen kann.
Diese Dinge machen das Leben erst lebenswert. Vor allem, wenn man sie endlich los wird.

Unverstellte Kinder sehen mehr

Menschen wollen das Besondere, das sie abhebt von den anderen, von den Blassen, den Langweiligen, den Hässlichen.
Je mehr sie selber diesen gleichen, desto fester glauben sie daran, dass etwas Besonderes an ihrem Körper sie dieser Gruppe entreißt und sie als Stern an den Himmel schießt, den alle mit lautem Aaaah! Aufmerksamkeit spenden und das neue Licht im Dunklen bewundern.
Kinder sehen mehr als Erwachsene, weil ihre Augen noch offen sind, ihr Verstand noch wach ist, nicht vergiftet vom alltäglichen Mühen, besser, schöner und tüchtiger, vor allem begehrenswerter zu sein, die einfach schauen und assoziieren, die ihren Gedanken freien Lauf lassen und die Dinge dadurch zurechtrücken.
Mutti, guck mal, die Tante hat Hasenköttel am Hals!, ruft Bubi, als er Desirées neue Halskette aus feinsten schwarzen Perlen, die einen Horrorpreis gekostet hat, entdeckt. Bruno hatte immerhin etwas gutzumachen, da waren schwarze Perlen das Mindeste.
Na, du kleiner Affenarsch, zischt Desirée unhörbar für erwachsene Ohren dem Kind zu und stellt dem Kleinen ein Bein.
Bubi stürzt und heult natürlich Rotz und Wasser, schreit nach seiner Mutti, aber Desirée ist zur Stelle und hilft dem Knirps auf. Dabei kneift sie ihm die Innenseite des Oberarms.
Mund halten, Äffchen, zischt sie noch einmal, von wegen Hasenköttel! Die kannst du gleich frühstücken, und das schmeckt wirklich widerlich. Merk dir das für dein Leben!
Gottseidank ist Mutti dann zur Stelle, bedankt sich artig bei Desirée, dass sie geholfen hat und kümmert sich um ihr unverstelltes, offenes Kind, das wohl so schnell nicht mehr schwarze Perlen und Hasenköttel verwechseln wird. Schade eigentlich.

Günter Krass: Die Parabel vom Weltmittelpunkt

Er setzte sich auf den Boden und schmollte. Die Welt drehte sich um ihn. Er hatte es wieder mal geschafft. Die Welt drehte sich immer schneller, das hatte er gewollt; denn er war der Mittelpunkt. Ihm wurde schwindlig.
Die Welt drehte sich weiter. Er verlor die Kontrolle.
Was er im Magen hatte, kotzte er aus.
Er hatte nicht verdaut, dass er erwachsen sein sollte.

Geheimnisse geheim halten

Geheimnisvolles Brötchen in Folie

Ein Paket Geheimnisse gibt es immer zu lüften. Da stehen wir vor dem Nächsten und wissen nichts, kennen seine Schatten nicht und nicht sein Licht. Aber- hach!Auch wir haben unsere Geheimnisse und werden einen Deubel tun, sie preiszugeben. Oder auch nicht. Geheimnisse sind die Würze des Lebens.

Nach zehn Jahren Ehe kann man mal eins lüften. Dass man schon auf Mallorca gewesen ist, obwohl man darüber nie gesprochen hat, dass man heimlich Dunkelbier trinkt, weil das so ein gutes Gefühl von Kindheit wiederbringt. Nach zehn Jahren, und dann kann man mal sehen, was die Beziehung taugt. Die institutionalisierte Beziehung, die ja erst mal recht gefestigt durch Brief und Siegel wirkt, aber vielleicht nur noch dadurch zusammengehalten wird. Und dann kommt ein Geheimnis auf den Tisch. Das kann vielleicht der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, und dann bum!
Ich hasse Camping, sagt Trudel, obwohl sie das angeblich immer schon schön gefunden gaben will.
Seit Jahren fahren sie an den Baggersee in der Eifel und fühlen sich wohl. Trudel kocht aber scheinbar unterirdisch. Jetzt ist es raus. Karl war schon auf Mallorca, da wo Trudel immer hinwollte, und Trudel hasst Camping, das was beide seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, machen.
Ich hasse Braunhaarige, sagt Karl, auch ein Geheimnis, habe ich dir nicht gesagt, weil ich dich nicht verletzen wollte.
Ich hasse fette Männer, sagt Trudel und kann nicht leugnen, dass sie der Model-Klasse längst entwachsen ist, sie ist sogar niemals drin gewesen.
Die Fetzen fliegen, weil Geheimnisse aufgedeckt werden. Die Ehe fliegt in die Luft, nicht in den siebten Himmel, einfach in Stücke.
Ich bin sowieso immer auf Georg scharf gewesen, aber den hat ja die Evi weggeschnappt. Da bliebst nur noch du. Evi fährt schwere Geschütze auf.
Ich bin mit Evi in Teilzeit zusammen, sagt Karl und beißt sich auf die Zunge. Das hätte er nicht verraten sollen. Es ist ja auch erst einmal gewesen. Jetzt gibt es kein Halten mehr, der Damm ist gebrochen. 
Trudel packt die Koffer.
Ich ziehe zu Mutter, schreit Trudel und rennt zur Tür.
Die ist doch schon tot, brüllt Karl
Und wenn schon. Trudel knallt die Tür.

Das Leben lehrt, dass Geheimnisse nicht umsonst Geheimnisse heißen, man soll sie nämlich geheim halten, weil sonst die Fetzen fliegen.

große Stammtischrede

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Stacheldraht-Tattoo



Wie kann man sich einen Stacheldraht auf den Oberarm tätowieren lassen?, fragte sich Mathilde selber, als sie wieder zu Hause war. Aber der Tätowieret war nett gewesen, völlig übersät mit Bildern und hatte ihr sein schönstes Stück gezeigt: Einen Stacheldraht, der um seinen Bauch gewickelt war, und es schien, als sei eine ganze Rolle dabei draufgegangen. Er hatte ihr, nachdem sie den Draht einmal abgefühlt hatte, einen Sonderangebot gemacht. Hundert Euro die Rolle. Und diese Rolle wollte er ihr gern über den ganzen Körper verteilen. Ein Angebot, so günstig, dass man eigentlich nicht ablehnen konnte. Aber dass er da mit seinem Tintenstift auf ihrem ganzen Körper herumkritzeln sollte, war Mathilde dann doch zuviel. Ich nehme erst mal zwanzig Zentimeter, hatte sie gesagt.
Der Tätowierer hatte geschluckt. Darf ich mir die Stelle aussuchen?, war seine Frage.
Ja, sagte Mathilde, und wusste, dass sie aus dieser Nummer nicht mehr herauskam.
Dann den Oberarm, sagte der Bilderstichler, und Mathilde wunderte sich.
Das ist die schönste Stelle, ergänzte er.
Wenn du meinst. Mathilde war erleichtert, aber irgendwie auch geknickt. Die schönste Stelle. Was was das denn für einer? 
Mathilde betrachtete das Tattoo im Spiegel. Irgendwie erinnerte sie der Arm an Mauerfall. Und das war 23 Jahre her. Stacheldraht machte alt.

Gedichte, die keiner versteht: Georg Krakl: Rote Stangen (2012)

Rote Stangen
steht so rum
vor fahlem Grün und Gras
mit rosa Wangen
euer Bangen
ist uns fremd
wir sind gehemmt
denn das Verlangen
das man unterstellt
so unverpellt
so fast entstellt
das will den Lebensfraß
nicht mehr verdauen
das tät das Leben euch versauen
ja rote Stagen lebt ihr denn
ja könnt ihr streben
wie die roten Streben dieses tun?
Ja, was denn nun?

Puzzle

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Land und Linien

Seht die Linien auf dem Lande!, so lautet ein viel zitierter Spruch aus einschlägigen Nachschlagewerken. Stolze Schnörkel hat die Stadt!, ist der herbe Gegensatz zu geometrischer Überschaubarkeit.
Seht die Linien auf dem Lande, sie säen nicht und sie pflügen nicht! Trotzdem kommen sie über die Runden.
 Das klingt paradox.  Schöne gerade Linien können nicht über die Runden kommen, dann wären es ja Kurven.
Aber:  In die Linien wird gesät und schließlich werden sie vorher gepflügt. Vielleicht sind sie ein wenig zu passiv, um Bedeutung in der Weltgeschichte erlangt zu haben, aber sie sind das Richtige für das Land.
Wenn die Menschen sich auf ihren Festen dem Trunke ergeben haben, dann brauchen Orientierung und Überschaubarkeit. Was spielt es für eine Rolle, ob da plötzlich vier oder sechs Linien zu sehen sind, statt derer zwei? Hauptsache ist, dass sie in die selbe Richtung führen. Nach Hause. Denn am Ende der Linien liegt immer auch das Zuhause, da fühlt sich der Landmensch wohl.
Die Stadt verwirrt mit Schnörkeln und Schnitzereien. Es sollen sogar sich übergebende Dämonen an Kirchturmwänden gesehen worden seien. In Kombination mit der hektischen Ruhelosigkeit des Städters führt das, auch in Verbindung mit Suchtstoffen, zu geistiger Verwirrung und Erschöpfung. Der ausgemergelte Städter, der nicht weiß, wo hinten ist oder das Ende einer Linie, ist nicht die Ausnahme.
Der Ländler weiß: Da vorne geht's lang, auch wenn es achtspurig abgeht. Am Ende bin ich zu Hause und wenn ich nicht mehr gehen kann, nehme ich das Auto. Bei diesen vorzüglich ausgebauten Straßen dürfte das wohl kein Problem sein.
Gelobt die Linie auf dem Lande!


Die Schweiz ist nicht käse

Schweizer Käse sieht anders aus
Die Käseindustrie der Schweiz hat einen eigenen Entwurf für die neue Flagge vorgelegt. Nicht ganz eigennützig.
Künstlerisch alles andere als Käse.

Schweiz - Entwurf für neue Flagge

Die Schweiz will weg vom Image des geldgierigen, unmoralischen Schurkenstaates und bekennt sich jetzt per Landesflagge zum Euro, denn damit sei ja ein guter Profit zu erzielen.
Den Franken in die Mitte zu stellen, widerstrebt den Menschen, weil er zu sehr das Eigennützige des Bankgeheimnisses betone.

Schöne Nase

Alma sagte damals: An der Nase des Mannes erkennt man den Johannes. Die Umstehenden schmunzelten, denn sie kannten Alma. Johannes aber lief zum nächsten Spiegel und betrachtete sich dort aufgeregt: Endlich sollte er sich selbst erkennen können, nur durch die Nase?
Seine Nase war klein, zurückhaltend, fast schüchtern.
Hans stand neben ihm am Nachbarbecken. Seine Nase war groß. Lang. Aufdringlich. So, als müsste er sie überall reinstecken. Ein Schnüffler. Hans war ein widerlicher Schnüffler, der in Privatem herumstöberte. Ohne Erlaubnis meistens. Der sprach, wenn er nicht gefragt worden war. Der laut war und über seine Worte lachte, weil er glaubte, sie seien witzig.
Johannes war sensibel, einfühlsam und verstand auch die Frauen.
Was konnte es also bedeuten, wenn es um die Nase ging?
Eine kleine Nase musste positiv sein, denn Hans war ja ein Proll, ein Macho, ein Schlichtdenker.
Warum aber hatte Alma noch kein Interesse an mir gezeigt?, fragte sich Johannes. Hans hieß nicht Johannes. Dann passte der Spruch gar nicht auf Hans?
Johannes war verunsichert. Hans war die Kurzform von Johannes. Kurzform. Hahaha!, lachte Johannes in sich hinein. Und wusste doch nicht mehr.
Mit der Selbsterkenntnis war es nicht so einfach.
Vielleicht sollte er Alma einfach direkt fragen. Johannes wusch sich die Hände und trocknete sie sorgfältig ab. Hans war verschwunden.
Alma!Du....äh, Johannes  stockte.
Dahinten gingen sie zum Ausgang. Hans hatte seinen Arm um Alma gelegt, die scheinbar nichts dagegen hatte.
Johannes fasste sich an die Nase. Eine schöne kleine zurückhaltende Nase reichte nicht. Vielleicht war sie auch zu schüchtern.

Es war nicht alles schlecht

Wir, die unwissentlich Überheblichen im Westen, dachten, dass die Menschen im Osten alle so aussahen, wie die Beamten an der Grenze: Mürrisch, hässlich, uniformiert, verbittert, entnervt durch übermächtigen Genuss von Kaffeeersatz und die Lektüre des Roten Morgen oder der Moskauer Nachrichten. Uns demütigten sie an der Grenze und fragten herrisch, ob wir nicht endlich mal aussehen könnten wie auf dem Foto des Personalausweises. Wir waren immer schon älter als unser Foto und verängstigt, dass wir jetzt zwei Stunden länger warten mussten, wenn wir die Grenzen überschreiten wollten und konnten nichts machen.
Im Inneren des östlichen Deutschlands, das damals durch einen Todesstreifen vom restlichen Land getrennt war, muss es aber wohl ganz anders hergegangen sein:
Die Menschen waren nicht mürrisch, nicht herrisch und nicht verbittert, sondern liefen, wohl wegen der höheren Temperaturen, dünn bekleidet herum und es war eine Freiheit da, von der die Westler träumen konnten. Wenn überhaupt. Denn eigentlich wussten sie ja gar nicht, was alles hätte möglich sein können und wovon sie hätten träumen sollen.
Die Frauen hatten Backförmchen auf dem Kopf und zeigten: Back mers an! Die Männer lieferten die Vorlage für die spätere Dieter-Bohlen-Frisur und konnte das Mädchenhafte in ihnen mal so richtig zur Schau stellen. Sie durften die Fäuste ballen und trotzdem Tränen in den Augen haben, weil sie sich im Spiegel betrachten mussten. Da es an BHs in der Ostzone, wie sie liebevoll jahrzehntelang genannt wurde, mangelte, durften die Frauen auch ohne auf die Straße, und dafür griffige Schulterpolster, die sich in Richtung Bauch strecken konnten, tragen. BHs waren imperialistische Luxusgüter, die niemand wirklich nötig hatte.
Unterhosen waren damals schon out, der String-Tanga, im Westen später als "Arsch-frisst-Hose" bekannt, war Standard. Und: Alle konnten zuhören! Denn sowohl die Mädchenfrisur der Herren als auch das spitzgescheitelte Backförmchen-Toupet der Damen ließen den Ohren ihre Freiheit. Hier lag kein Lauschangriff vor, hier hörte man auf die Stimme des Volkes oder der Partei, je nach dem, wer gerade etwas gerufen hatte.
Letztendlich ist die sozialistische  Revolution dann  an den Ketten vor der Lederbadehose der Männer gescheitert, bei der sich die werktätigen Frauen während der Herstellung verstrickt  haben mussten. Aber: Das Auge guckt mit. Und wo man nichts sehen kann, ist fühlen keine Schande.

Berufe und Menschen: Flieger

Das ist Lufthans von der Lufthansa. Liebevoll wird er auch Lufthansel genannt, weil er nicht alles so genau nimmt.
"Weich landen kann ja jeder!", ist sein Motto, und damit landet er gern bei seinen Stewardessen.
Für den  Beruf des Fliegers qualifiziert ihn  die Pilotenbrille, die in den 70ern modern war.
Meistens bleibt Lufthans im Cockpit und mixt die Begrüßungscocktails.
Sein Kollege Ikus hebt derweil ab.

Fußballer können bis drei zählen

Zwei im Sinn - da wird's schwierig....
Jetzt wurden langjährige Vorurteile gegen Fußballer widerlegt.
Fünf Jahre hatten Wissenschaftler die Sportprofis mit der Kamera begleitet und herausgefunden: Sie können bis drei zählen. Wiederholt wurden eindeutige Gesten registriert, die das bestätigen.
Die Vollprofis bedienten sich sogar einer alten assyrischen Rechenmethode, die überzählige Ganze durch eingeklappte Finger darstellt, was auch bedeuten mag, dass zwei noch im Sinn sind, oder salopp gesagt, noch drin sind.
Die Legende, dass Fußballer mit einem Taschenrechner auf dem Platz herumliefen, um das Ergebnis zu dividieren, ist schlichter Unsinn und gehört in die Abteilung Volksmärchen. Im Fußball gibt es meistens nicht viel zu dividieren, und durch Null darf man bekanntlich nicht teilen, weil dann Unendlich rauskommt oder eine Zahl, die man an einer bzw. zwei Händen nicht abzählen kann. Hand- und Basketballer hätten mehr Freude am Dividieren, denn in diesen Sportarten rasselt es nur so in Tor und Korb. Was allerdings ein geteiltes Ergebnis für alle bedeutet, bleibt im Dunklen. Vielleicht ist es einfach schön, das Leid zu teilen und auch die Freude, das des Verlierers und die des Gewinners. Das Eine teilt sich und das Andere verdoppelt sich, womit sich die Angelegenheit der reinen Mathematik entzieht und wir getrost zum Fußball zurückkehren können. Fußball ist Kopfball, hat schon Sepp Herberge, der Vater aller Herbergsväter, gesagt und angedeutet, dass der Kopf des Fußballers auch ganz ordentlich belastet wird. Taschenrechner will der DFB aber nicht zulassen, und das finden besonders die Fans gut. Die rechnen sowieso immer mit dem Schlimmsten.

Edwin Hoppser: Kurz vor dem Start

Hoppser: Rakete auf Wangerooge (2000)
Rakete auf Wangerooge.

Hiphop-Vorläufer: Georg Krakl - Schaffenmann (1978)

Bodo Bodi  - Schaffenmann (2004)
Schaffenmann kann alles schaffen,
der hat Werkzeug und paar Waffen,
schafft Montag bis ins Wochenende
mit Füße und mit Hände
Hauptsach kann erreichen
was andere nicht
und dicke Autos fahren
und mit Gold im Mund
und
Frauen streichen
die vor blonden Haaren
völlig dicht
und voll daneben
Schaffenmann, so ist das Leben
nicht

(Marcel von Leicht-Wahnwitzki: Ein Quell der Freude für korrekturwütige Deutschlehrer; und doch: Wo findet man das noch?
Eben, überall im Jahre 2012.
Zukunftsweisend. Antizipierend.)

Das drittletzte Blatt


Bertine klemmte die Backen zusammen. Das durfte nicht wahr sein. Peti hatte wieder mal die Rolle bis zum drittletzten Blatt abgerollt und jetzt war sie es, die eine neue Rolle auf den Halter schieben musste. Vor allem: Die die alte Rolle entsorgen musste.
Bertine war nicht dran. Peti hatte diesen Trick jetzt das fünfte Mal in sieben Monaten eingesetzt. Bertine klemmte. Sie war nicht dran und wollte nicht dran sein. Hier musste mal was passieren.
Sie hasste dieses Bild der fast leeren Toilettenpapierrolle, das Ignoranz und Gleichgültigkeit symbolisierte. Sie arbeitete hart und da war es einfach mal selbstverständlichen, dass Peti seinen Teil im Haushalt übernahm. Gut, er saugte. Er wischte. Er brachte Müll. Er kaufte ein. Kochte gelegentlich. Aß wie ein Scheunendrescher und verdaute. Das war die Krux. Er verdaute und verbrauchte Papier. Toilettenpapier. Er konnte zehnmeterweise Papier abrollen und ins Klo stopfen. Fernab von Umweltsorgen. Nur gegen Ende der Rolle wurde er sparsamer. Plötzlich zählte er jedes Blatt, plötzlich konnte er unterscheiden zwischen Vergeudung und Notwendigkeit, zwischen Gedankenlosigkeit und Notdurft.
Bertine hockte jetzt auf der Brille.
Diesmal würde Peti die Rolle holen. 
Bertine begann, die Tageszeitung in Stücke zu reißen und zu zerknittern. Druckerschwärze. Bertines Finger waren schon grau und es roch nach Buchstaben.
Egal. Nachkriegszeit. Vorbei. Egal. Heute war heute und Peti musste umdenken. Handeln. Begreifen.
Peti saß im Rauchzimmer und strich über die fast volle Rolle dreilagigen Papiers, die er  hinter den Kochbüchern versteckt hatte, recycelt, ungebleicht, umweltfreundlich.
Beziehungsschädlich vielleicht. Aber mehr auch nicht. Das Leben war kein Erziehungsprogramm. 
Peti nickte bedächtig, als er die Toilettenspülung hörte.

Bundespräsident darf nicht zurücktreten

Der Duden überlegt, ob der Neologismus "wulffen" in das Wörterbuch und damit in den Sprachschatz der Deutschen und Deutschsprechenden aufgenommen werden soll.
Im Sprachschatz ist er ja schon heimlich und bedeutet das Vollreden eines Anrufbeantworters. Für diesen menschlichen Makel haben wir doch schon immer einen treffenden Begriff gesucht, warum also nicht "wulffen"?
Ja, sagt der Duden, der Begriff muss erst mal ein paar Jahre im Sprachgebrauch sein, er darf nicht nach einem Jahr verschwunden sein.
Gut, sagt der Bürger, der Wulff ist ein blassen Typ und hat seine Farbe erst durch diverse eigennützige Machenschaften erhalten. Der darf nicht zurücktreten, wenn wir ein schönes neues Wort im Duden finden wollen. Ergo: Wulff muss bleiben!
Das Wort "Guttenbergen" für doofes Abschreiben, bei dem man erwischt wird, wartet auch noch auf einen Platz im dicken Werk. Die Vorlage des Begriffs hat durch neue Frisur, Kontaktlinsen und ein paar Kilos mehr auf den Rippen für Gesprächsstoff gesorgt und sich gute Chancen, vor allem auch durch den peinlichen Job in der EU, erarbeitet, den Sprung in die Welt der Sprache zu schaffen. Adel verpflichtet. Da kann der Wulff leider nicht punkten.