Weisheit des Alltag: Was wir von den Raffgierigen lernen können

Warum was andern gönnen,
was wir selber haben können?

REDENSARTEN - Mit gleicher Mütze heimzahlen



Jemandem etwas mit gleicher Mütze heimzahlen - Woher kommt diese Redensart? Als die Häuser noch zugig waren und Höhlen glichen, war die wärmende Mütze ein Standardkleidungsstück. Fast lebensgefährlich war es damals, ohne Mütze herumzulaufen. Das Verlieren der Mütze war ein Desaster, denn diese Kopfbedeckungen waren Handarbeit. Für eine neue Mütze mussten erst einmal zwei bis drei Tiere erlegt werden, z.B. ein paar Haubentaucher. Die Mütze hatte hohen Wert. Wenn nun jemand sich über einen anderen erbost hatte, dann war es eine üble Gewohnheit, die Mütze vom eigenen Kopf zu ziehen und mit dieser die Mütze des Kontrahenten von dessen Schädel zu schlagen, möglichst so, dass diese weit weg flog, etwa hinter die Ligusterhecke des Nachbarn, der keine fremden Mützen in seinem Garten duldete. Der Aggressor setzte seine wärmende Kopfbedeckung wieder auf und ließ sein Gegenüber im Regen stehen.Der Kopfbedeckte schritt davon und wartete darauf, dass der Entblößte sich eine Mütze, die der seinen gleich war, besorgte und versuchte, es ihm nachzutun, es ihm heimzuzahlen. Das war zu damaligen Zeiten fast unmöglich, weil kein Tier dem anderen glich, der Haubentaucher sah anders aus als das Kapuzenäffchen. Aber zur Wiederherstellung der Ehre war der Vorgang unabdingbar. Um dem Dilemma der fehlenden "gleichen" Mütze zu entrinnen, änderte man die Redensart einfach ab und sagte: Das zahle ich dir mit gleicher Mieze heim! Du Schuft!, nahm seine alte Siamkatze beim Schwanz und schmetterte mit ihr den Schädel des Widersachers leer. Später wurde aus dem Worte Mieze das Wort Münze und das Ganze verlor seinen eigentlichen Sinn. Heute weiß niemand mehr, was die Redensart eigentlich bedeutet.

3 Weisheiten zum Verbeugen

Pawel Pikass: Verbeugung vor Frau Machulski (2010)
Wenn du dich schon verbeugst, dann tu es in die richtige Richtung.

Verbeugen und Verbiegen liegen eng beieinander.

Auf Verbeugen
reimt sich Günter Verheugen.

Den Stein ins Rollen bringen


Los, bring den Stein ins Rollen!, schreit Neppo, das kann doch nicht so schwer sein.
Warum denn ich, fragt Feifel, und denkt, wieso soll ich den Stein ins Rollen bringen, dann bin ich es hinterher gewesen.
Nun, mach schon!, brüllt Neppo, jetzt stell dich nicht so an.
Ich weiß nicht, zögert Feifel und Neppo setzt gleich nach: Einer muss es doch tun!
Und warum machst du es nicht?, hakt Feifel nach.
Neppo zögert einen kurzen Moment: Du bist näher dran! Und überhaupt: Ich bin überhaupt nicht dran! Ich war gestern dran.
Da war aber auch kein Stein da! Feifel ist verzweifelt.
Er will nicht, soll aber.
Muss er denn, nur weil Neppo ihn sonst für einen Feigling hält?
Und was ist, wenn ich den Stein ins Rollen gebracht habe?, fragt Feifel nach.
Dann rollt er , dann rollt er, mehr nicht, versichert Neppo.
Und was soll das Ganze? Feifel traut dem Braten nicht.
Steine müssen rollen, das ist schon immer so gewesen, erklärt Neppo, so als würde er ein ewig gültiges Axiom vorsingen.
Feifel gibt dem Stein einen leichten Stoß und der Stein beginnt zu rollen.
Irgendwas ist da unlogisch, irgendwas stimmt da nicht, nur was? Feifel blickte dem Stein hinter, der schwerfällig den Hügel hinabrollt.
Nach 10 Metern bleibt der Stein liegen und rührt sich nicht mehr.
Neppo, hast du gesehen? Ich hab’s getan! Feifel hüpft vor Freude und ist froh, dass der Stein wieder zur Ruhe gekommen ist. Was hätte passieren können!
Ich hab’s gesehen!, brüllt Neppo, du hast es getan! Du bist der Held!
Typisch Feifel, zischt Neppo. Typisch. Der Loser.
Der Stein denkt: Menschen. Völlig bekloppt.

Tonnes Tagebuch: Freitag

Liebes Tagebuch!
Und wie war's auf der Fortbildung?
Anstrengend.
Habe heute festgestellt, dass man nicht abweichen darf von erwarteten Antworten, denn die Leute wollen eigentlich gar nicht wissen, wie es war.
Es ist ihnen nur peinlich, nichts zu sagen, also zu schweigen und vor die Wand oder auf den Boden zu gucken. Irgendwas muss man ja fragen. Ja, ist jetzt wehleidig. Ja, ich bin ein Weichei. Ja, vielleicht wollte ja doch jemand mal was wissen. Hättest du selber hinfahren müssen, hätte ich am liebsten gesagt.
Gut, klasse, beeindruckend.
Das wären richtige Antworten gewesen.
Anstrengend. Da müsste man nachfragen. Ja, wieso das denn? Da müsste man sich mit dem Mitmenschen beschäftigen, warum für den eine super Veranstaltung, bei der es kostenloses Mittagessen mit zwei Nachtischspeisen, Kaffee satt und die gute dänische Keksmischung gab, wo er nur zuhören musste, nicht mal aufschreiben sollte, was der Referent referierte, weil es alles bereits auf CD geschrieben gab, wo er nur sitzen musste, viele Pause machen durfte, weil der Referent Raucher war, wo er umringt von netten Leuten war, ja, bitteschön, wo das denn anstrengend sein konnte? Andere mussten arbeiten. Ob das am Altern läge?
In der Zeit hätten Kinder in Drittweltländern an der Schwelle zum Zweitweltland achtzig Jeans genäht. Ohne sich zu beklagen.
 Da gäbe es jetzt ein Heft: Altern leicht gemacht. Fortbildung mit selbstgesteuerten Wellnessfaktoren.
Es ist zum Verzweifeln. Immer müssen wir alles gut finden, alles unanstregend finden, nur weil es kostenlos ist und andere in zur gleichen Zeit arbeiten müssen.
Mein Tipp zum Nichtbefolgen: Antworte mal auf die Frage "Na, wie geht's, alter Schwede!" mit "schlecht".
Genau. Dem Frager wird schlecht und er wird sich abwenden von dir.

Nomen est omen: Dior-Feige

Niedliches Tattoo am Oberarm
Frührentner, Ehrensoldbezieher und Ex-Präsident von Dötschland, Christian Dior-Feige darf alles behalten: Neben Ehrensold inklusive saftiger Erhöhung auch seinen Chauffeur, seinen Dienstwagen, sein Büro mit den dazugehörigen Menschen, und sogar seine Frau. Die Regierungskoalition Schwatz-Geld lehnte den Antrag einiger hier nicht zu Nennender ab, ihm alles wegzunehmen, was er nicht mehr bräuchte.
Dior-Feige bestätigte, dass der Chauffeur im Dienstwagen morgens die Brötchen holen und ihn chauffiere, wenn es einmal spät und allzu feucht geworden sei. Das Büro sei klasse wegen des Kaffees und der hübschen Damen. Eigentlich frage er sich, wozu er seine Frau noch brauche, eventuell sei sie entbehrbar, allerdings habe sie ein feines Tattoo am Oberarm, das er gern auch von Nahem bestaune.
Endlich könne er weiterhin seine Karten auf den Tisch knallen: Mein Wagen, mein Chauffeur, mein Büro, mein Kaffee, meine Brötchen, meine Damen und Herren, sehr verehrte Gäste! Ups, da hatte sich der Ex wieder einmal verplaudert und wähnte sich auf einem Staatsempfang. Aber alles kostnix!
Was er denn so den ganzen Tag mache?
Im Dienstwagen herumfahren, im Büro Kaffee trinken, mit den netten Damen plaudern, das Tattoo seiner Frau betrachten, das sei ja auf dem Cover ihres Hörbuches drauf.
Für Dötschland ist Dior-Feige ein Schlag ins Gesicht.
Die Rentner werden sich demnächst abstrampeln, um zur Tafel zu kommen oder vor dem Sensemann zu flüchten.
Mit Made verband man früher "Made in Germany"; lässt man das Made in der dötschen Version stehen, als Tier quasi, dann verbindet man es heute mit  Sozialschmarotzern der oben genannten Art.

Ach, da ist mir jetzt aber der moralische Zeigefinger durchgegangen. Ups, da klopft mir gerade die Metaphernpolizei auf die Finger!

Bildbetrachtung: Edwin Hoppel - NASA-Rakete draußen

Edward Hoppel: NASA-Rakete draußen (1974)


Die Stimmung hat etwas von einem ICE mit mehr Beinfreiheit. Das Licht diffus, die Menschen niedergeschlagen, so als warteten sie auf den Zugbegleiter ohne im Besitz einer Fahrkarte zu sein.
Eine lesende Frau mit herbem Gesicht hat sich dem Durchgang  zugewandt, als käme jetzt der zollfreie Verkauf von Parfüm und Spirituosen. Sie ist in Schwarz gekleidet, schaut ernst in ihr Sparkassenbuch, das rote Zahlen aufweist.
Gegenüber beobachtet diese eine nicht minder herbe Frau in rotem Kleid, als wolle sie in ihrem blutfarbenem Gewand eine Todgeweihte fixieren.
Wahrscheinlich aber ist der Blick auf die Nasa-Rakete im Hintergrund gerichtet, die jeden Moment abheben will, wie die Frau in Rot glaubt.
Eine Frau mit Hut sitzt teilnahmslos ein paar Reihen weiter vorne, als habe man sie dort hingesetzt und festgeschnallt, und glaubt, dass sie nach Mallorca fliegt, nur weil draußen eine Rakete steht, die es nicht geschafft hat, zum Mond zu fliegen.
Ein Mann schaut nach rechts und tut das einzig Richtige. Er interessiert sich einen Dreck um das, was seine Mitfahrerinnen tun oder nicht tun. Sein Ziel sind die Malediven. Leider weiß er nicht, dass er sich weder in einem ICE, der gar nicht übers Meer fahren kann, befindet, noch in einem Flugzeug, denn wie sonst könnte er eine NASA-Rakete sehen, die nicht einmal den Boden verlassen hat oder wenigstens umgekippt ist. Er befindet sich in einer Art Lounge, was bedeutet, dass er in einer Mehrzweckhalle wartet, die er für ein Fortbewegungsmittel hält. Die NASA-Rakete vermittelt ihm den Eindruck von Geschwindigkeit, obwohl sich nichts bewegt. Alles ist Illusion, scheint die fromme Botschaft von Hoppel zu sein, dem die NASA-Rakete am wenigsten geglückt ist. Auch die Nylonstrümpfe der Frau in Schwarz wirken wie ausgezogen, so häuten, zu fleischig, zu wenig synthetisch.
Das kann man bei Rembrandt und anderen Experten ganz anders sehen.
Schade um die schöne Leinwand untendrunter.

Fatale Irrtümer: Füße unterm Tisch

Solange Füße unter meinem Tisch sind, wird gemacht, was ich sage.

Wer sich nach dieser Alltagsregel richtet, hat vielleicht unter Spätfolgen zu leiden.
Ein Tisch hat in der Regel Beine, und ohne diese wäre er lediglich eine Tischplatte. Also müsste es richtig heißen: So lange noch Beine unter meiner Tischplatte sind, wird gemacht, was ich säge.
Das ist aber dem Sprichwortgläubigen häufig zu lang, zu kompliziert, zu umständlich auszusprechen.
Wer will sich denn wirklich die Zeit nehmen, mit einer Tischplatte zu argumentieren, nur damit einmal gemacht wird, was der Betreffende sagt? Die Verknüpfung von Beinen unter dem Tisch mit der Macht, anderen durch Ansagen den Willen aufzuzwingen, ist völlig unlogisch.
Wenn dem Tisch zwar Füße zugewiesen sind, die Beine aber fehlen, kann es sich nur um einen Futon handeln und es wird im Sitzen gegessen und Tee getrunken. Die Schuhe stehen dabei vor der Haustür. Und da geht es doch schon los.
Die Sprichwortverwirrung nimmt zu: Schuster, bleib bei deinem Rappen!, grunzt Willi und meint, dem Japaner mit dem Futon seinen Willen aufzuzwingen. Wo ein Willi isst, ist auch ein Weg. Der Japaner bleibt davon unbeeindruckt und Willi ist aufgeschmissen, wenn es nichts zu essen gibt, oder kein Besteck und nur Stäbchen.
Die Füße bekommt Willi sowieso nicht unter den Futon, womit wir wieder bei Null anfangen können:
Solange du die Füße nicht unter meinen Tisch bekommst, hast du gar nichts zu sagen. Das ist verständlich. Sogar selbstverständlich.

Selig sind, die glauben, was sie sehen

Ein Mann stand am Strand. Er wollte eigentlich aufs Meer schauen, sich vergewissern, dass der Horizont noch gerade war, und der Brandung lauschen, aber dazu kam er nicht. Heute nicht. Denn ein halbes gelbes Auto lugte aus dem Sand. Der Mann war zum ersten Mal in seinem Leben am Meer. Andere hatten ihm gesagt, dass er unbedingt mal aufs Meer schauen und der Brandung lauschen müsse. Das mit dem Horizont war ihm ein eigenes Bedürfnis. Aber weil er zum ersten Mal am Meer war, wusste er nicht, dass im Strand außer Hafer eigentlich nicht viel wächst. Und weil er das nicht wusste, fiel es ihm leicht zu glauben, was er sah. Ein Auto, das aus dem Sand emporwuchs. Das schon ein reifes, sattes Gelb hatte. Das nicht gepflückt, aber nach dem Lockern mit der Forke den Kartoffeln ähnlich bald geerntet werden konnte. Der Mann empfand tiefe Dankbarkeit für die Gaben der Schöpfung. Er hatte nicht geahnt, dass sein Ausflug ans Meer so belohnt werden würde. Und wenn er den Kopf ein wenig schief legte, war der Horizont tatsächlich gerade.

Parabel: Der Verkehrsteilnehmer und sein Altfahrzeug

Warum steckst du den Kopf in den Sand?, fragte der Verkehrsteilnehmer sein Altfahrzeug, das neben dessen Liegestuhl das komplette Vorderteil in den feinen Sand gesteckt hatte.
Ich suche nach Öl für meinen Motor, antwortete das Altfahrzeug, denn mein Motor verliert in meinem Alter täglich etwas von dem wichtigen Schmiermittel.
Weißt du nicht, dass das Kopf-in-den-Sand-Stecken den Sträußen vorbehalten ist?, sagte der Verkehrsteilnehmer und wunderte sich, dass ein Altfahrzeug sprechen konnte.
Dies ist ein freies Land, gab das Altfahrzeug zurück.
Aber du verfremdest hier eine Metapher, ein Wortbild.
Ich weiß, was eine Metapher ist, zischte das Altfahrzeug.
Trotzdem, ließ der Verkehrsteilnehmer nicht locker.
Wisse denn, Verkehrsteilnehmer, - und es klang dumpf, weil das Altfahrzeug die Schnauze nicht aus dem  Sand nahm, wisse denn, nicht der Sprecher ist für die Metapher da, sondern die Metapher für den Sprecher.
Und es klang wie "Nmpffdnnnndrnndmmmtffffrrrfrrrdrümpfr".
Wie du meinst, fügte sich der Verkehrsteilnehmer, und wunderte sich, dass sein Altfahrzeug denken und kluge Sprüche machen konnte, ich geh dann mal einen Kanister Öl holen. Wäre 10W- 40 ok?
Das Altfahrzeug schwieg. Es hatte seinen Blick auf die Welt erklärt.
Das sollte für heute genügen. Hauptsache der Verkehrsteilnehmer kam endlich mit dem Öl rüber, denn die Nockenwelle knirschte doch erheblich.


Was uns unsere Träume verraten können

Ich war festgeschnallt und Schmerzmittel waren mal wieder aus; die Assistentinnen des Arztes hatten mich fixiert und hantierten mit den schärfsten und spitzesten Dingen herum, die eine Praxis bieten kann, mit Skalpellen, Spritzen und anderen Werkzeugen zum Stechen, Öffnen und Wehtun. Irrwitzig hüpften die Weiber wie Hexen um mich herum und nahmen alles unter die Lupe, in das man Spitzen hineindrücken oder hineinschneiden konnte. Das ist aber in Deutschland dem Arzt vorbehalten, die Assistentinnen dürfen nur den Kopf halten oder den Schweiß von der Stirn wischen. Mir schien aber, dass sich hier kein Herr im Haus befand, sodass die Mitarbeiterinnen ein Eigenleben entwickeln wollten, unter dem ich als Kassenpatientin zu leiden hätte.  Oder war ich Patient? Im Traum fiel mir dann ein, dass ich privat versichert war und sofort kam Farbe ins Spiel, aus dem verwaschenen Schwarzweißfilm war ein echter Cinemascope-Volltonfarbfilm mit hohem Sättigungsgrad geworden, die kalte Atmosphäre wich einem überhitztem Horroszenario, wofür sofort der mindestens 2,3fache Satz berechnet wurde. Ich schrie auf, weil mir einfiel, dass ich zu Hause die Kerzen nicht ausgeblasen hatte und die Gasleitung undicht war. Von meinem Schrei wurde ich schweißgebadet wach.

Soweit der Bericht eines Träumers aus dem Traumlabor. Was aber will uns der Traum verraten?
Hat hier jemand Angst vorm Arzt? Oder vor seinen Assistentinnen? Angst vor Schwarzweißfilmen, oder vor Wärmebildkameras? Angst vor Farben mit hohem Sättigungsgrad? Vor spitzen Gegenständen? Vor Lupen oder dem Roten Kreuz? Vor dem Angebundensein? Vor dem Schmerz und seiner langsam nachlassenden Wirkung?
Wer weiß. Vielleicht erteilt der Traum heute Nacht darauf Auskunft.

Vladimir Malenich: Klotür (2012)

Vladimir Malenich: Klotür (2013)

Wer was vom Namenskollegen Vladimir Malevich kaufen will, hier drücken.

Tonnes Tagebuch: Samstag


Liebes Tagebuch!
Es gibt kaum noch Toiletten, die man kostenlos benutzen kann. Immer sitzen Personen hinter Geldtellern herum, die einem ein schlechtes Gewissen machen, wenn man nicht den erwarteten Betrag hinlegt.
Ich muss hier arbeiten und du gibst nichts?, scheint auf der Stirn geschrieben, das ist Scheiße, steht in Zeile zwei.
Die Steigerung sozial Gebeutelter, die vor Toiletten herumsitzen, ist eine dunkelhäutige Person, die mit großen Augen schaut, was nach Verrichtung des Geschäfts -wobei überhaupt nicht zwischen Größe und Qualität des Abschlusses differenziert wird- auf dem Teller liegenbleibt. Du Rassist!, schreit es förmlich aus ihnen heraus. Wir machen hier die Sklavenarbeit und du lässt den Teller leer! Ja, Massa, weiter so, Massa, erstick doch an deinem Geld, das du nicht geben willst, obwohl ich deine Geschäftsbeziehung pflege.
Jetzt aber sitze ich hinter meinem Teller und ruhe mich aus!
Man zahlt und hat seine Ruhe. Ein dunkles Danke tönt aus der Klomannkehle - die bei gleicher Qualifikation eine Frau sein kann - und man ist frei.

Aber dann die unbetreuten Klos! Herrlich! Allerdings sind die Benutzer dieser nicht immer sofort einzuordnen, weil sie sich so verhalten, als könnten sie sich verhalten, wie sie wollten. 
Neulich erst: Kommt ein Mann mit dünnem, gefärbtem Haar und einem ebenso dünnen Schnäuzer, der wie angeklebt wirkt, in die Urinalabteilung gestürmt, tritt an die Keramik und stößt ein "Oh, mein Gott" aus. Man wundert sich natürlich, was das soll, mit wem er spricht oder zu wem? Vielleicht empfindet er es als einen Akt der Gnade, hier zu stehen. Vielleicht ist er nur selbstverliebt und neigt zur Blasphemie. Blasphemie erhält hier natürlich eine skurrile Bedeutung.
Jener Mann ist dann schnell im Händewaschraum und spricht einen anderen Mann an, dieser habe aber eine wunderbare Krawatte umgebunden und ein schönes Hemd dazu. Der Angesprochene grunzt etwas, was nicht zu verstehen ist. Verständlich, denn er hat weder eine Krawatte am Hals, lediglich einen rötlichen Schal, und einen Pullover an, der auch einen merkwürdig gemischten Rotton aufweist. Beide verschwinden auf der Rolltreppe, in gehörigem Abstand; der gefärbte Mann  schüttelt sich das Haar aus der Stirn, das aber dafür zu kurz ist, vielleicht als Folge des häufigen Färbens, und murmelt jetzt seinerseits Unverständliches.
In diesen Momenten der Verwirrtheit und der Wirrnis wünscht man sich einen kräftigen Schwarzen an die Tür, der die kleine Toilettenwelt wieder ins rechte Lot rückt, der die Ordnung wieder herstellt: Rein, raus, zahlen! Und zwischendurch wird nicht gequatscht!

Am Strand des Lebens


Am Strand in der Abendsonne überkam uns immer der Wunsch, zurück ins Meer zu gehen, zurück in die Ursuppe, zurück in die große Blase voller Nährflüssigkeit, wo wir schwerelos und unbekümmert herumschwebten, sorgenfrei und voller Ursuppenvertrauen, warm und gehalten, aufgehoben und geschützt.
Damals wussten wir nicht, dass dieser Wunsch, dieser Traum eine Illusion war. Auch in der Ursuppe wimmelt es von Haien, denen ein weicher Mensch eine Art geschmacklose Bratwurst war, eine Weißwurst, wenn er bayrisch war, nicht so fischig im Nachschmecken wie die üblichen Mahlzeiten, aber willkommene und immer gesuchte Abwechslung.
Damals am Strand saßen wir mit glühenden Augen und wollte weinen vor Glück, weil wir nicht erkannt hatten, dass das ersehnte Paradies nur eine weitere Hölle ist.

Gerade, Ihr Flaschenköpfe!

www.gemuesegrafik.blogspot.de

Frage an den König

Huhn: Na, heut schon regiert?
König: Halt den Schnabel.
Huhn: So spricht man nicht mit einem Huhn.
König: Schnauze kann ich ja wohl schlecht sagen, du bist ja kein Schäferhund.
Huhn: Ein Huhn hat auch Gefühle.
König: Da ist mir doch Suppe.
Huhn: Schnuppe, heißt das.
König: Ein Huhn darf den König  nicht korrigieren.
Huhn: Seit wann das denn?
König: Ab jetzt.
Huhn: Stimmt doch gar nicht.
König: Ab in die Suppe!
Huhn: Wenn der König nicht weiter weiß, dann kommt so was.
König: Henker!
Huhn: Ok, du hast recht.
König: Na also.

Ernst G. Meint: Kind und Mütze


In einem Moment der Leichtfertigkeit dachte der Vater einen Scherz zu machen, über den alle lachen konnten. Er zog seiner Tochter die Mütze nicht nur über die Augen, sondern auch über die Ohren, die Nase und den Mund.
Die Tochter war aber ganz neu auf der Welt und wusste nichts darüber, wenn einem eine Mütze über die Augen, Ohren und über den Mund gestülpt wird.
Die Tochter wusste auch nichts zu tun, denn sie kannte ihre Hände nicht als Instrumente, gegen so einen Scherz vorzugehen.
Das Kind war verwirrt.
Es konnte plötzlich nicht sehen, konnte plötzlich nur wenig hören und vor ihrem Mund war Stoff, sodass das Atmen schwieriger war.
Das Kind fühlte sich allein. Was war los? 
Das Kind hatte keine Antwort.
Es bekam für fünf Sekunden Angst, dass seine Eltern es verlassen würden.
Vielleicht war es ein böses Kind.
Aber woher sollte es wissen, was Gut und Böse waren…
Der Vater aber, nachdem er über seinen Scherz gelacht hatte, zog die Mütze wieder hoch, denn er hatte gemerkt, dass das Kind mit den Armen ruderte, so, als könnte es nicht sehen und nicht hören und schlechter atmen und als ob es Angst hätte.
Das Kind lachte, als die Mütze wieder oben war, denn es liebte den Vater und freute sich immer, wenn es ihn sah. 
In diesem Augenblick voller Freude dachte der Vater, dass das Lachen eines Kindes viel heller und reiner und schöner ist, als das Lachen eines Erwachsenen über eine heruntergezogene Mütze.

Tagebuch: Nackte am Fenster

Hans "de" Aap: Nackte aus dem Fenster guckend (2012)
Liebes Tagebuch!
Ich also rein ins Museum, weil da ein neues Bild angekündigt war, Nackte am Fenster, von Hans "de" Aap, den ich nicht kannte.
Erst mal dachte ich, Nackte, das sind in erster Linie mehrere Personen, vor allem natürlich Frauen, Männer werden in der Kunst ja weniger genommen, weil sie schlechter verkauft werden. Dann war da aber nur eine Nackte, und die nur irgendwie unvollständig, weil ihre Gliedmaßen derart verbogen waren, dass man nur eine Ferse erkennen konnte, vielleicht anderthalb Oberschenkel und den Halsansatz.
Nicht einmal die Haarfarbe konnte man identifizieren, geschweige denn, das Gesicht. Schließlich will man sich auch an einem fröhlichen Gesicht erfreuen, das vielleicht zum Fenster gerichtet ist, weil die Augen eine Landschaft betrachten und dem Hirn vermelden: Hallo, hier ist es schön. Das Hirn konnte man auf dem Bild nur ahnen, es sah wie weggeblasen aus, mit einem Hochdruckreiniger vielleicht, einfach weggekärchert in den Himmel bzw. an die Zimmerdecke.
Für mich ist das keine Kunst und ich ärgere mich, dass ich überhaupt Eintritt bezahlt habe.
Wer, liebes Tagebuch, bestimmt eigentlich heutzutage, was Kunst ist?
Tonne

unfreiwillige Begegnungen

www.gemuesegrafik.blogspot.de

Unterschied

Theo von Doeskopp: Mulitkulti (2012)
Jetzt wissenschaftlich festgestellt:
Es gibt doch einen Unterschied zwischen
"uniformiert" und "uninformiert".
Linguisten haben nach jahrelangen Forschungsarbeiten ein kleines n entdeckt, das wohl den Unterschied zwischen beiden Wörtern ausmacht.
Ob es auch inhaltliche Aspekte gibt, sei aber immer noch dahingestellt.

Tonnes Tagebuch: Montag

Liebes Tagebuch!
Heute habe ich darüber nachgedacht, ob es Zeitverschwendung ist, wenn man vor dem Möhrenschälen die Spitzen und den grünen Blattansatz abschneidet, oder ob es Zeit spart, wenn man erst schält und dann abschneidet. Weil ja nach dem Schälen in der Regel weniger abzuschneiden ist als vorher.
Wenn man alle Male, wo ich Möhren schäle, oder heißt es schrappe?, nein, ich schäle, schäle mit einem Sparschäler, den ich übrigens früher als Spargelschäler bezeichnet habe, was völlig falsch ist, wenn ich die Schälmale zusammennehme und vielleicht jedes Mal eine Sekunde spare, dann hätte ich am Lebensende möglicherweise eine Stunde gewonnen.
Problem: Ich kenne das Lebensende nicht und zweitens wüsste ich nicht genau, was ich in der Stunde machen sollte, wenn ich wüsste, dass ich eigentlich schon tot wäre, aber durch effektives Möhrenschälen eine Stunde gespart hätte.
Ich wollte es einfach mal aufschreiben, liebes Tagebuch. Du musst auch nicht antworten.
Vielleicht liegt es auch an der Jahreszeit, dass mir solche Gedanken kommen.

Tonne

Sommerzeit in Russland

Man munkelt, das kalte Klima, meteorologisch und politisch, sei Schuld, dass Russland jetzt ewige Sommerzeit verordnet bekommen habe.
Russland stöhnt und weiß: Abends wird es eine Stunde später dunkel als damals, als man sich noch an die Winterzeit erinnern konnte.
Der Russe ist ehr depressiv und versinkt gern in einem See voller Wodka, singt dann Lieder von der Taiga und tanzt dann mit verheulten Augen eine Art Kasatschock. Lamentieren gehört quasi zum Handwerkszeug und findet in der Poltik wenig Beachtung.

Sommerzeit ist einfach wärmer und spart damit Energie, lässt Präsident Putin verlauten, der beim KGB jahrelang unter dem Kalten Krieg gelitten hat.
Trotzdem stöhnen die Russen, dass Weihnachten ohne Winterzeit dasselbe wäre, wie ein Schlauchboot ohne Luft drauf.
Der Kreml dementierte und droht jetzt mit Zwangsstilllegungen.

Piet Schlendrian: Malen ohne Zahlen

Piet Schlendrian: Ohne Lineal gemalt (2012)

Zeit haben

Die alte Frau zu ihrem Sohn: Du hast nie Zeit.
Der Sohn: Stimmt, ich habe keine Uhr.

Tonnes Tagebuch: Sonntag

Liebes Tagebuch!

Heute beim Bäcker hatte ich einen Mann vor mir, der seine Bestellung fast sang.
Sieben Brötchen - klang wie sieben Brücken in der Maffay-Version-, dann 2 helle, 2 Schortis und zwei Fünfelemente- holla, die Waldfee! , da war deutscher Schlager drin. Was aber sind Fünfelemente? Wasser, Holz, Feuer, Sand und etwas Zement? Das waren übrigens auch nur sechs Brötchen.
Ich dachte, wie denn so ein Zweimeterkerl, der er war, mit diesem Verhalten eine Frau finden will und dann sah ich den Kinderwagen mit einem Baby drin, das schweigend in die Runde sah. Ich dachte: Für jeden Pott gibt es einen Deckel, und auch ein Brötchensänger findet eine Frau, die mit ihm ein Kind haben will. Ich hätte gern gewusst, was das Kind dachte.

Später mit dem Fahrrad unterwegs: Rutschige Stellen im Schatten, heute erstmalig unter Null. Und: Ein schätze Zölfjähriger umarmte seinen Schlitten in der Garageneinfahrt des Einfamilienhauses. Der Vater versuchte ihm das Schlittenfahren auszureden, weil kein Schnee lag. Was ist mit unserem Nachwuchs los?

Ich hatte einen kurzen philosophischen Anflug: Kann kein Schnee liegen? Also, Schnee kann liegen, aber kein Schnee? Die deutsche Sprache ist verwirrend.

Heute Zeitumstellung: Bin extra eine Stunde früher aufgestanden, damit ich mehr vom Tag habe. Totaler Quatsch, ich hätte eine Stunde länger liegen bleiben können.
Das muss ich im Frühjahr wieder ausbügeln.
Tonne


Das letzte Blatt

Vladimir Kannikski: 500 Blatt (234.) (2012)

Das letzte Blatt wollte nicht fallen.
Die Gespräche des Sommers waren vorüber.
Das letzte Blatt  hatte sich immer für etwas Besonderes gehalten, hatte immer gedacht, dass es eine besondere Aufgabe hätte.
Der Baum sprach zu ihm: Lass dich endlich fallen, es wird Zeit!
Das letzte Blatt klammerte sich an seinen Zweig und glaubte fest, dass das Leben ihm noch eine Aufgabe zuweisen würde.
Lass dich nicht hängen, sagte der Baum, deine Aufgabe ist es, dich fallen zu lassen, und zwar zur rechten Zeit. Jetzt.
Ich lasse mich nicht hängen, ich bin für etwas Besonderes bestimmt, jammerte das Blatt.
Ein starker Herbststurm kam.
Er riss den Baum mit seinen Wurzeln aus dem Boden.
Der Baum stürzte und mit ihm das Blatt.
Der Stamm drückte das Blatt schwer und unerbittlich in das Laub, das bereits seit Tagen die Erde bedeckte.
Na, endlich!, wisperte das Laub.
Das letzte wird das erste sein, flüsterte das Blatt, denn der Sturz hatte es erschreckt.
Sei jetzt ruhig!, zischte das Laub, jetzt, wo du endlich da bist, können wir Winter werden.
Langsam breitete sich Schweigen über dem Wald aus.

Georg Krakl: Halt (2012)


Mein Balkongeländer gibt mir Halt.
Es ist zwar kalt
und auch metallen.
Doch muss ich nicht aufs Pflaster fallen.

Weisheiten des Alltags: Ostet

Pawel Pikass: Ast-Baum-Osten (2012)
Wer astet, der ostet.

Gerhard Baum, FDP

alles so wolkig

www.gemuesegrafik.blogspot.de

Time after time - Es wird allmählich Zeit...



Benno hatte sich eine Uhr gekauft, eine mit Metallarmband. Er legte sie zu den 67 anderen Uhren ins Regal.
Kurz vor vier zeigte sie, genau wie zwei andere. Sie wichen um eine Minute voneinander ab.
Dann waren da noch drei Uhren, auf denen es zwanzig vor sieben war, ungefähr jedenfalls, und dann eine,  die zwanzig vor sechs anzeigte. 
Jetzt der Hammer: 12 Uhren standen auf kurz vor zwölf. Das war irgendwie metaphysisch. Fünf vor zwölf, kurz vor Toresschluss, jetzt wurde es Zeit, jetzt war jemand dran, einer musste bezahlen.
Das kann nicht Benno sein, dachte Benno. Er dachte gern von sich in der dritten Person, auch wenn er das unhöflich fand, wenn Anwesende von ihm in der dritten Person sprachen. Das kann nicht Benno sein.
Auf sechs Uhren war es halb neun, eine stand auf zehn nach neun, drei auf Viertel vor elf, die aus dem Osten zeigte Dreiviertel eins, Viertel vor zwölf also, dachte Benno.
12 Uhren waren nicht die Mehrheit. Wenn jemand bezahlen sollte, musste es eine absolute Mehrheit geben, das wären 35 gewesen.
Da! Eine tickte nicht mehr und die goldene ging nach. Musste man die rausrechnen oder durften die zur Mehrheit zählen?
Benno hatte feuchte Hände. Er rückte die Uhren ein wenig hin und ein wenig her, so als stünden sie falsch.
Uhren stehen falsch, welch absurder Satz.
Falsch gehen.
Was war schon richtig? Was ging denn schon richtig?
Lass dich gehen, sagte sich Benno. Entspann dich. Deine Uhren ticken vielleicht nicht richtig.
Benno tickt richtig, sagte Benno sich, denn er sprach gern in der dritten Person mit sich.
Benno weiß, was die Uhr geschlagen hat.
Benno weiß, wann es Zeit ist. Egal welche.
Leise summte Benno den Cyndi Lauper-Song "Time after Time".
Er schaute auf die Digitaluhr mit dem Lederband, direkt unter der Taschenuhr und der mit der Weltzeit an seinem linken Arm.
16 geteilt durch 15. Das war nicht einfach. Benno wusste aber, dass um 18 geteilt durch Nullnull sein Uhrengeschäft schloss. Und durch Nullnull teilen war verboten. Das wusste er noch aus der Schule.
Benno, lass dich gehen!, sagte Benno zu Benno. Und Benno ging.
Es war an der Zeit.

Weisheit des Alltags: Kopfbedeckung

Große Hüte machen kleine Köpfe.
Kleine Deckel große Töpfe.
Kleine Augen machen große Nasen.
Große Blumen kleine Vasen.

Weihnachtsbaumpreise stabil

Weiden sind keine Weihnachtsbäume.
Hurra!, schreit der Weihnachtsmann und die Zwerge hüpfen vor Freude.
Der Verband der Tannenzweig-, -baum- und -zubehörindustrie hatte zusammen mit dem Verband für Grünzeugs und Kappes verkündet, dass die Preise für den Weihnachtsdekohauptgegenstand stabil geblieben sind. Und das schon im  zweiten Jahr.
Da lacht auch der Bürger, denn er kann frohen Herzens Weihnachtsgeschenke kaufen, ohne Geld zurückzuhalten, das er vielleicht für die Nordmanntanne einsetzen müsste.
Hatte der findige Schnäppchenjäger vermutet, er könne einen feinen Schnitt machen und seinen Baum im Juli zum halben Preis kaufen, musste er sich enttäuschen lassen. Im Juli hatten die Bäume die Mindesthöhe von 1 m noch nicht einmal erreicht, oder waren von der Nadellaus befallen, die auch gegen Kunstschnee und Lametta resistent ist. Selbst Bäume aus zweiter Hand im Januar waren nicht günstig zu erhalten, da just in diesem Monat die Brennholzpreise gestiegen waren. Die Halbwertzeit der Objekte reicht nur bis Februar, sodass Anfang Dezember  lediglich ein Adventskranz in Größe S übriggeblieben wäre.
Trauer in der Gemeinde, die gern viel für wenig Geld bekommen möchte.
Aber Aufatmen in der Bevölkerung: Der Kurztrip nach Malle muss nicht gestrichen werden, denn die Weihnachtsbaumpreise bleiben stabil.
Die Soziale Marktwirtschaft hat mal wieder mit mächtigem Hammer zugeschlagen: Niemand soll zu Weihnachten ohne Baum sein. Höchstens der Wald, aber der feiert sowieso nicht.

Georg Krakl: Herz in Stein (2012)


Das Herz ist eingemauert
einfach da wo sonst die Katze lauert
und der Bohrer vorne abgebrochen
da wo sonst die Mäuse krochen

Ein Herz in Stein
dient jetzt als Fahrradständer
oder Katze-Mausgeländer.
Oder Halter abgebrochener Bohrwerkzeuge.
Einer Ellenbeuge
die dem Herzen näher
einem Eichelhäher
oder einer eitlen Frau
als Drahtverhau
für ihren Pekinesen.

Wenn denn nicht, dann wär's das wohl gewesen.

Neues vom Frührentner

Großvater,warum hast du so eine große Brille?
Frührentner und Ehrensöldner Wuff findet keinen rechten Anschluss an seine soziale Kaste.   In seinem Wohnviertel gibt es keine Frührentner, lediglich Rentiers, die von den Zinsen ihres hart Ersparten leben; Söldner sind sowieso verpönt in der Gute-Leute-Gegend. Vielleicht eine Frage der Ehre, wenn man sich darauf einigen könnte, wessen Ehre gemeint ist.
Jetzt begeistert sich der Ruheständler für eine Geschäftsidee, derer sich auch seine Frau bedient hat: Ein Buch schreiben und als Sonderangebot bei Rossmann in die Regale legen.
Thematisch bleibt Wuff am Ball und geht für drei Tage als Praktikant in ein Seniorenstift, um dort einschlägige Erfahrungen zu sammeln. Damit der literarische Erguss lockerer über den Ladentisch kommt, wählte sein Agent den irgendwie schon bekannten Titel: Der Wuff und die sieben Greislein. Untertitel: Aus meiner Seniorenzeit.
Was danach kommt, weiß nur der Himmel.

Grün oder Gelb oder Blau?


Was war schon Grün?
Jetzt war Gelb.
Das Laub hatte sich verfärbt. Ewiger Kreislauf des Jahres, des Lebens. Rammo hatte seinen Philosophischen.
Gut, dass die Sonne schien, sonst wäre das ein gelungener Anlass, in tiefe Depression zu fallen.
Grün zu Gelb, Blau zu Rot, Leben zu Tod.
Rammo konnte sich dem morbiden Charakter des Vorgangs nicht entziehen; dabei war Gelb doch auch die Symbolfarbe der Sonne. Gelb wie Leben, Sonne wie Wärme.
Grün war da doch schon kühler. Die Grünen hatten sich ja auch im Laufe der Jahre abgekühlt, nachdem sie ihre Pullover aus rückfettender Wolle abgelegt, das Strickzeug in den Schrank gesteckt und die Birkenstocksandalen zum Schuster gebracht hatten. Die Turnschuhzeit war vorbei. Der Streichelzoo geschlossen. Vielleicht waren sie schon die Gelben. Grüne des Herbstes.
Gelb war der Rösler. So richtig gelb, ohne rassistisch zu wirken. Rösler der Prototyp der FDP: Gelbgelb. Blau daneben. Westerwelle war blau. Der war ja anders. Anders als Rösler. Also blau, denn mehr hatte die FDP nicht zu bieten.
Die Grünen waren nur grün. Wenn man Blau und Gelb mischte, ergab sich Grün. Das Frühjahr als Mischung aus Herbst und Winter.
Trotzdem sind sie mir nicht grün, die Grünen, oder besser, nicht mehr grün, fiel Rammo eine Metapher ein.
Ach, es war alles so kompliziert im Herbst. So schwer. So lastend.
Zeit, dass das Gelb fiel.

Kosmetiktrends

www.gemuesegrafik.blogspot.de

Ellen Bogen: Mein Ellenbogen

Ich hatte schon gemerkt, da am Skilift, dass der Fuzzi mir den Platz vor dem Drehkreuz streitig mache wollte, dass er mir seinen Skipass vor die Brust gedrängt hatte und sich mit einem Fuß vor mein rechtes Bein gestellt hatte, aber ich hatte ihm natürlich, vorausahnend und nachhaltig denkend, was für ein Idiotenwort! Nachhaltig, fast wie aufhaltig,abhaltig,aushaltig, seinen Ski-Schuh, Skischuh, was für ein hassenswertes Wort!, Shisha ok., aber Shishu, seinen Ski-Schuh, hach, wenn mir ich vorstelle, wie das klingt: Darf ich mal deinen Ski-Schuh öffnen?, so kuschelig diese Worte, ach, wie verteufelnd schlecht war denn Sprache, jedenfalls hatte ich ihm schon den Schuh geöffnet, dann trat ich auf seine Bretter, und er fiel vornüber, blieb mit dem Oberkiefer auf dem Drehkreuz hängen und spuckte drei Zähne aus.
Meister, sagt ich, und korrigierte meinen durch den Skipass verschobenen Sport-BH, Meister, Ski-Farn ist nichts für alte Männer, Ski-Farn, hahaha, das hatte ich auf dem Balkon stehen, dieses biologische Zeugs, hahaha, ist  nichts für alte Männer, wiederholte ich, die Frauen ihren Skipass vor die Brust drücken.
MMMmmmm, mommmphffff, präzisierte der Gefallene seine Gesamthaltung Frauen gegenbüber. Dann kamen die Schergen mit der Trage, glücklicherweise war es keine Bahre, wobei ich glaube, er kannte den Unterschied überhaupt nicht, und ich war bereits in 13 Metern Höhe im Sessel und fand, dass es einfach göttlich war, Sessellift zu fahren, egal, wie gut man Ski fahren konnte. Die Schlacht wird am Sessellift gewonnen. Und ich war diesmal Sieger.

Frauen mögen Männer, die riechen

Problemzone Achsel: Da kann es riechen
Die Wissenschaft hat mal wieder was Lebenspraktisches herausgefunden:
Frauen bevorzugen Männer, die anders riechen als sie selber.
Das habe was mit einer Art Inzesttabu zu tun, oder einer autoerotischen Komponente, die in der archetypischen Verankerung menschlicher Beziehungsmuster verboten ist.
Für Männer, die frisch geduschte Frauen bevorzugen, ist das ein großer Vorteil, denn die können einfach mal Fünfe gerade sein lassen und endlich auf nervige und zeitraubende Körperreinigung verzichten. Umgekehrt klappt das wohl eher nicht: Männer, die häufig duschen und Deodorants benutzen, stehen nicht auf Frauen, die verschwitzt riechen, als kämen sie von einer dreiwöchigen Montage in Saudi-Arabien, wo sie in einem Blechcontainer ohne fließend Wasser haben hausen müssen.
Tagestipp für die Frauen: Mal frisch geduscht etwas Kölnisch Wasser auflegen oder Tosca und mit dem Duft der Haut vermengen.
Mancher schlecht abgenabelter, aber trotzdem gut gebauter Mann erinnert sich an Mutti und wird angezogen wie die Motte vom Licht.
Viel Glück allen!

Das Ergebnis der Unterswuchung stammt aus der Zeitschrift NEO, Ausgabe Februar 2012

Kein Kommentar



Gefrorenes taute ab. Gras tauchte wieder auf. Nur vier Buchstaben waren noch im pappigen Schnee zu lesen. Was hatten sie zu bedeuten? Hell? Hello? hell? Shell? hellblau? War es englisch? Oder doch deutsch? Hatte hier nur ein Wort gestanden? Oder ein ganzer Satz? Ein ganzer Text? Ein Buch? Eine Biographie? Ein Leben? Eine Laune? Ein Lied? Mythos? Spaß? Wahrheit? Ein Drama? Eine Komödie? Grünes, noch leicht matschiges Gras tauchte auf, wurde befreit von dem schweren, nassen Schnee. April, Mai Tai und Juni standen mit einem Kaffee  in der Hand in der noch kalten Frühlingsluft und schauten schweigend auf die kleiner werdende Schneefläche. Wäre ich ein Mann, würde ich in den Schnee pinkeln und gelb das Tauen beschleunigen, dachte April. Mai Tai schüttete ihren Kaffee auf das h, das zischend schmolz. Juni riskierte eine matschige Jacke, schmiss sich in den weißen Rest und versuchte einen Schneeengel. Sie blieb liegen, bekam einen nassen Hintern, stand auf, klopfte sich die letzten Winterreste von der Jacke, war dankbar für die ausdruckslosen Blicke der Freundinnen und teilte mit Mai Tai den Rest ihres Kaffees. Schweigend wanderten die Drei am Fluss entlang, der Hochwasser, Eisschollen, erfrorene Enten, zwei Drachenboote und ziemlich viele Tränen, die den Salzgehalt des Flusses bis zum Grenzbereich steigerten, ins Meer geleitete. Keine von ihnen gab einen Kommentar ab.