Bodo läuft (Reinkarnation)

Bodo läuft wieder. Der Boden ist nicht mehr vereist.
Das Gras ist noch gelb-grau-braun. Wie immer denkt Bodo über das Leben nach und dass er doch gerade einen schönen Umweg gefunden hat: Der gleicht einer Schleife.
Ein schönes Stück ist das, denkt Bodo, ohne gewaltige Steigungen.
Da können doch gut die Schlechtkonditionierten rotieren. Im Kreis laufen. Die würden sich doch sonst verirren, wenn die allein und abgeschlagen auf den verschlungenen Waldwegen zurück bleiben müssten.
Hier kann nichts passieren, es geht immer im Kreis herum. Im Kreis zu rennen ist meditativ; da kommt der Läufer in die langläuferische Trance, in eine verschwitzte Abständigkeit, in eine Entrücktheit, in ein Laufen ohne Absicht.
Der Körper läuft wie von selbst. Er läuft ein Mantra und der Geist hat Ruhe. Nichts denken. Nichts wollen. Einfach da sein.
In Spiralen müsste der Körper sich auf höhere Stufen hochwinden können.
Schade, das geht hier nicht.
Auf dem Höhepunkt der Schleife angekommen, geht es wieder runter.
Das gleicht dem Wiedergeborenwerden ohne Lernerfolg.
Immer wieder in die gleiche Schnecke zurückgestopft, immer wieder das gleiche kriecherische Verhalten, immer wieder ein Leben auf der Schleimspur.
Ein Teufelskreis, den die Schnecke niemals verlassen kann.
Erstens weiß sie nicht, dass sie schon wieder wiedergeboren ist.
Zweitens ist sie zu langsam, um ihre Fehler zu korrigieren. Vielleicht fühlt sie sich wohl und eins mit sich und ihrem Leben, weil sie ein kleines Haus besitzt und sich keine Bausparverträge aufschwatzen lassen muss.
Ist das nicht paradox? Dass die Einfältigen in ihrem Glück nichts von ihrem Unglück wissen? Vielleicht war sie in einem früheren Leben Versicherungsvertreter.

Bodo sinniert über die Frage, ob Schnecken Fehler machen können, und wenn, welche?

Ein dumpfes Brummen schreckt ihn aus seinem Tagtraum auf. Ein graues Untier, für einen Esel zu klein, für eine fehlfarbene Wildkatze zu groß, für einen Tierheimhund zu ungeschickt, stolpert aus dem Unterholz, bleibt stehen, dreht sich um, schaut und wartet. Klappenohren wie die lederne Mütze des Barons von Richthofen.

Da! Das Blechmonster mit dem Frischluftkerl, der bei heruntergedrehter Scheibe vor Wochen an einer andere Stelle im Wald ventiliert hatte, der sich selbst an die Luft gefahren hatte, eine Art Autowanderer mit waidmännischer Färbung, taucht aus dem Dunkel des Unterholzes auf. Der Weg, den er fährt, ist so schmal, dass die Äste, die der Geländewagen streift, knacken. Bodo schaut nicht hin. Er hält die Szene für unmöglich. Unvorstellbar. Irreal. Aber sie ist wirklich.

Blöder Hund, blöder lederfliegerkappenklappenohriger Hund, du Ausgeburt des roten Barons, du miese Inkarnation mit deinem noch mieseren Herrchen, das seinen bequemen Arsch nicht aus dem beheizbaren Landroverfahrersitz kriegt, und stattdessen dem Wald die Luft nimmt, die dieser sich bemüht zu produzieren.
Der Wald ist sauer, stinksauer auf solche Umweltbanditen.

Abgassau! will Bodo sagen, denkt es aber nur. Ein Hund ist unberechenbar. Ein Mensch, der mit dem Auto durch den Wald fährt, um seinem Hund Auslauf zu verschaffen, wird nicht ohne psychische Einschränkung sein. Das kann sich auf den Hund abgefärbt haben! Hundeführerschein, genau denkt Bodo.

Halt deinen Schnauzer! könnte Bodo jetzt lostrompeten, denkt aber, dass das Untier, das er nun beim Wiedersehen durch diese Anrede aus der Mischlings- und No-Name-Abteilung in die genannte Rassekategorie einordnet hat, durch die Aufforderung „Halt deinen dämlichen Schnauzer!“ sensibel reagieren und sich genötigt sehen könnte, sein Herrchen, dem dieser Ausspruch zugedacht ist, zu verteidigen, obwohl lediglich die Bitte, wenn auch energisch, vorgetragen wird, den Hund zu halten.

Deshalb heißen diese Leute doch Hundehalter!

Der fliegerlederkappenohrenklapprige Hund läuft frei herum. Gehört an die Leine! denkt Bodo und macht sich auf den Weg in die andere Richtung, vorsichtig nach hinten lauschend, fürchtend, dass das leise Flappen der Ohrenlappen oder Kappenklappen hinter ihm ertönt.

Nichts zu hören. Hund und Mann und Auto sind in eine andere Richtung. Bodo atmet durch und trabt entspannt weiter. Es gibt also Waldläufer und Waldfahrer, denkt er, ohne daraus eine besondere Erkenntnis abzuleiten.

Welcher Sünder mag in diesem Hund stecken und zum wievielten Male wohl schon? Und welcher in dem Hundehalter, der in seinem Auto durch den Wald spazieren fährt? Schlimmer noch, als wieder zur Schnecke gemacht zu werden.

Was muss eine arme Seele wohl tun, um da endlich rauszukommen?

Lückentexte für junge Männer mit Sprachschwierigkeiten (Umweltschuh)


Hey, du, kommstu kucken, hedu, Umweltschuh heißt das, total genau, Umweltschuh.
So mag es klingen und die jungen Männer mit Sprachschwierigkeiten grübeln den lieben langen Tag darüber nach, was denn wohl ein Umweltschuh sei, vor allem einer, der hier beginnt. Wieso hier?, fragt das Hirn des Intelligentesten. Dann müsste man ihn doch sehen! Da ist aber nichts.
Vielleisch....beginnt ein anderer und gerät ins Stocken, weil er bei vielleisch immer an Fleisch denken muss und jetzt gut eine fetttriefende Fleischtasche verputzen könnte. Der Bauch kommt vor der Moral und so bleibt die kritische Intervention auf der Strecke. Umweltschuld....ja genau....das ist es, genau, die Umwelt ist Schuld, dass die Umwelt so ist wie sie ist. Verantwortung übernehmen. Dafür gerade stehen.
Der Tag geht zu Ende, und wenn es dunkel wird, kann auch mal ein Schnäpschen über die Theke gehen. Vielleisch falsch geschrieben, fällt noch einem ein, Umwälzung könndasch heiße....Hedu, sach nischscheiße! Überhaupt, wo hast du das Wort her? Hastudiert?

Ein Deutschkurs, den man sich sparen kann. Lückentexte bringen Leuten, die gar keine Lücken empfinden, weil ihr Leben so voll ist, überhaupt nichts.
Die Lösung findet der Findige auf dem Umweltschutzamt der Stadt Köln, falls das nicht gerade eingestürzt ist.

Gedichte mit technischen Geräten: Georg Krakl - Toleranz (2010)


Wenn Elektroheimgeräte mal in Not geraten,
wenn zuviel Strom sie plagt, die Sicherungen zittern,
wenn Slips ersaufen, Toasts verbrennen, Hemden knittern,
Eier platzen, Blut und Milch gerinnen,
dann denk ich: Ach, Elektroheimgeräte dürfen auch mal spinnen.
Da bin ich tolerant
und werfe keines der Geräte an die Küchenwand.

Gedichte mit Tieren: Georg Krakl - Mein Schwein (2010)

Mein Schwein hat Grippe,
ob ich es noch essen kann?
Es hat auch Bläschen auf der Lippe,
gelben Hautausschlag, und dann:
Es riecht so aus dem Maul, hat Haarausfall,
es grunzt verrückt, es hat wohl einen Knall.

Ich mische Antibiotika ins Fressen,
das macht gesund und auch steril.
Das ist das Ziel!
Ansonsten müsste ich mein Schwein vergessen.

Man könnt es nur noch exportieren
und zur Mortadella feinpürieren.

Gedichte mit Städtenamen: Georg Krakl - Bremerhaven (2010)


In Bremerhaven
hab ich das Thema verschlafen.
Du, sprach es zu mir, die Stadt hat gar kein Thema.
Dann, sagt' ich, war's wohl das Schema.
Du meinst Silhouette, vielleicht Panorama?
Die Aura oder den Heiligenschein?
Die Stadt hat Substanz, ist alles nur Sein!

Mag alles so sein, wie du sagst, sprach ich traurig,
ich hab es verpennt,
aber in mir, du fühlst es, es brennt!
Bremen, das gierige Bremen,
das sollt ich zu allererst nehmen.

Und dann Bremerhaven,
wo Menschen die eigenen Themen verschlafen.

Im großen Auto hinter Fredo

Fredo ist speziell. Man sollte morgens, wenn man das selbe Ziel wie Fredo hat, viel früher losfahren, gesetzt, man hat Kenntnis von Fredos Abfahrtszeit. Fredo bei unsicheren Witterungsverhältnissen ist noch spezieller. Im Auto hinter Fredo wird man verrückt, wenn es eventuell Eis auf der Straße geben könnte. Hier wünscht sich der Hinterfredofahrende einen Konjunktiv III, der auch die Unwahrscheinlichkeit mit umfasst und eine Möglichkeit von 3% ausdrückt. 3% Eis auf der Straße, heißt im Umkehrschluss: 97 % freie Straße, freie Fahrt, normale Geschwindigkeit.
Fredo hat ESP im Auto. Sein ESP hat aufgeleuchtet. Fredo fährt nach Vorschrift: Wenn sein ESP aufleuchtet, fährt er langsam, damit sein Wagen nicht kaputt geht. ESP könnte heißen: Etwas schleimiges Profil, deshalb Rutschgefahr!
Fredo fährt sofort 25 km/h, da wo 100 erlaubt sind. Hinter Fredo hat sich bereits ein Stau von 30 Autos gebildet. Fredo ist froh, der erste Wagen zu sein. Hinter Fredo drohen die Fahrer: Wenn der aussteigt, dann hau ich ihm in die Fresse! Die Aggressionen sind gestaut. Blöder Sack, die Straße ist frei, die Sicht ist gut, nichts vor ihm, warum fährt der 24km/h? Fredo variiert die Geschwindigkeit. Er fährt 28, dann 24, in einer geschlossenen Ortschaft beschleunigt er auf 30 km/h.
Ich fahre hinter Fredo; mein Auto ist groß, Fredos ist klein und metallicblau. Ist es die Farbe, die mich aggressiv macht? Ich werde nicht überholen, auch wenn alle hinter mir denken, dass ich der Langsamfahrer ohne Grund bin, der Staugrund, der Grund fürs Zuspätkommen, der Grund für Adrenalinausschüttung, die, wenn nicht sofort abgebaut, zu Herzinfarkten führen kann. Kuhfänger hülfen, den Kerl auf die Schüppe zu nehmen, ihn an seinen großen Ohren aus dem Wagen zu zerren. Der Indiefressehauer aus Wagen 12 steigt auch aus. Für Fredo wird die Luft knapp. Fredo, hau ab!
Fredo fährt weiter 25 km/h und wir wiederentdecken die Langsamkeit. Auch schön. Mir war nie aufgefallen, wie langweilig die Landschaft auf dem Weg zur Arbeit ist.
Fredo fährt immer noch ESP. Vielleicht heißt ESP auch extrem schleimiges Profil....

Gedichte mit fehlerhaften Reimen: Georg Krakl - Mein Ei Klaus (2010)


Mein Ei hieß KLaus
und sah sehr lustig aus.
Ich habe es geköpft,
es hat nicht mal getröpft.

Theo von Doeskopp: Mono (Neo-Dadaismus)

MONOTONIE
MONOTONIE
MONO
ONO
O NO
NO
O
O TONI
TONI
TONI
O NIE
NIE
IE
I
I
NIE
O NIE
TONI
TONI
ON NIE
O TONI
NO TONI
O NO TONI
O NOT O NIE
O NO TONI
MO NO
O NO
MONOTONIE

Missverständnisse durch fehlende Kommata


Mancher sagt: Kinderwahnsinn!
Gemeint ist aber: Kinder, Wahnsinn!

Georg Krakl: Die Katze grüßte (2010)


Es grüßte mich die Katze
Mit ihrer Tatze.
Ach nein, sie drohte.
Beim Grüßen heißt es Pfote.
Doch diese Katze winkt
Und grüßt und nickt.
Sie wedelt mit dem Schweif,
vielleicht auch Schwanz.
Am Halse trägt sie einen Reif,
vielleicht auch Kranz.
Mit Katzengliedern ist’s verzwickt,
denn sie entschied:
Der Katzenschwanz, der ist kein Glied.
Auch nicht der Kranz.
Und trotzdem bleibt die Katze ganz.

Neues aus der Meeresforschung: Fische unter sich


Fisch 1: Sag doch mal was!
Fisch 2: Ich sage nichts.
Fisch 1: Seit zwei Jahren redest du nicht mit mir!
Fisch 2: Fische sind stumm.
Fisch 1: Du meinst taub!
Fisch 2: Nein, stumm. Sie können nicht reden.
Fisch 1: Hast du es denn schon mal probiert?
Fisch 2: Nein.
Fisch 1: Na, also.
Fisch 2: Was heißt hier „Na, also“?
Fisch 1: Probier’s doch mal.
Fisch 2: Ich bin taub.
Fisch 1: Was soll das denn jetzt?
Fisch 2: Ich höre nichts.
Fisch 1: Das kann doch nicht wahr sein.
Fisch 2: Das ist, als wenn du einen Brief schreibst und ihn aber nicht lesen kannst.
Fisch 1: Wo soll ich denn jetzt Papier hernehmen?
Fisch 2: War nur ein Beispiel.
Fisch 1 (schwimmt weg): Voll Panne! Fischstäbchen! Blödes Fischstäbchen!

Sie spielen unser Lied!

Why Can't We Live Together/Timmy Thomas

Timmy Thomas, dachte Paul, was für ein bescheuerter Name, da denke ich doch an Timmy von Lassie, diesen blondgesträhnten Bubi, der mit seinem fetten Freund Porky, Schweini auf Deutsch, und seinem humpelnden Hund die Gegend unsicher machte, immer irgendwie in Not kam oder jemanden traf, der in Not geraten war, und Lassie, der treue Collie, rettete dann alle. Collie, fällt mir doch Phil Collie ein, der nervige Fiestler, two sides of the story, jawoll, Trennungsgesülze, da nimmt der eine ganze CD auf, nur um seine Scheidung von wem auch immer zu rechtfertigen. Verarbeiten, nennen das dann die Promoter. Timmy Thomas, ich hasse dich, und dein Stück, unser Stück, Baby, sie spielen unser Stück!, ich ruf dich immer an, wenn’s im Radio gespielt wird, eigentlich bringt das kein Sender mehr, wegen der veralteten Hammondorgel, auch wenn die bei Retrotypen wieder hip ist, damals war das der Brüller, du hast mich immer angepestet wegen dieser Bikinifrau, die auf dem Schirm herumwackelte, tanzte, zuckte, ob ich auf die wohl stehen würde, bist bescheuert, habe ich immer gekontert, die doch nicht, das hat dich nicht beruhigt, wenn nicht die, dann wohl eine andere, danach rollte die große Scheidungswelle an, wir mittendrin, ist wohl jetzt in, ist modern, da muss man mitmachen, wir mittendrin in dieser Welle, und zack!, waren wir geschieden, unser Lied hatte klar formuliert: We can’t live together! Timmy Thomas dudelte auf seinen Tasten herum und Lassie rettete die Welt, nur wir waren nicht zu retten, oder wollten uns nicht retten lassen, ich hab gelacht, als Timmy in die Schweinkuhle gefallen war und Lassie stand bellend davor, während Porky und sein humpelnder Hund hilflos mit dem Kopf wackelten. Und wir mittendrin. Schweinegut, oder besser: Saudumm.
Paul drückt noch einmal den Wiedergabeknopf und die Hammondorgel begann ihr weinerliches Pfffftesrrrrrrrrrrt.

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Gewaltverbrechen nur schwer aufzuklären


In lang anhaltenden Kälteperioden mit Schneefall sind Gewaltdelikte nur schwer zu kaschieren. Blut auf dem weißen Untergrund löst im Menschen
archaische Empfindungen aus, nicht zuletzt werden
hier Verlust der Unschuld und Erbsünde assoziiert.
Die Aufklärungsquote von Verbrechen mit Blutfluss ist allerdings weiterhin gering, obwohl sich mit der ausgelegten DNS ein wichtiges Beweismittel anbietet. Allerdings wird allein dadurch nicht klar, ob das Blut vom Täter oder vom Opfer stammt, bzw. von einer ganz anderen Person oder gar einem Tier. Wenn sich gar kein Verbrechen ereignet hat, wird die Ermittlungsarbeit der Polizei unheimlich schwer. Um dem Ganzen doch noch einen Sinn zu geben, könnte man aus diesem Ansatz einen Tatort drehen, oder, vielleicht interessanter, eine Dokumentation über den Regelvollzug in deutschen Strafanstalten.

Pawel Pikass: Weiblicher Akt aus Klötzchen mit weißer Mütze (2010)


Für den Heimwerker stellt das Bild von Pikass eine schöne Vorlage fürs Badezimmer dar. Einfach Fliesen in elf oder zwölf verschiedenen, möglichst rötlichen Tönen, kaufen und an die Wand kleben. Wer hat schon ein Kunstwerk mit diesem Inhalt über der Badewanne?

Der ganzheitlich orientierte Mensch geht einfach ein paar Meter zurück und wird feststellen, dass das Hirn selbstständig ein Bild erzeugt, das dem weiblichen Akt mit weißer Mütze ähnelt; allerdings fehlen einige primäre Bestandteile. Wie weit wir uns täuschen lassen, zeigt die Tatsache, dass in Wirklichkeit die Farbsilhouette einer Rotbuche aufgelöst wurde. Beweis dafür, dass die Grundthemen der Menschheit, Sex und Verdauung, hier mal wieder- wahrnehmungs- und damit auch lebenslenkend waren.

Georg Krakl: Mein Ei (2010)




Mein Ei ist leergegessen,
es sieht so traurig aus.
Ich hab davor gesessen,
und wusst nicht ein noch aus.
Ich steckt ihm Käserinde durch die Schale,
da sah's gleich besser aus.
Ich schmierte Butter an den Rand
und streute feinen Vogelsand.
Doch wenn ich ehrlich bin,
ist's mit der Fröhlichkeit
und auch dem Gutaussehen
nicht weit hin.
Denn daran krankt die Zeit,
dass wir nur nach dem Äuß'ren gehen.
Das muss man erst einmal verstehen.

Verirrte Menschen - Verwirrte Menschen


Der Krieg musste zu Ende sein. Kalle drehte die Dose Bohnen hin und her. Wie viele Jahre hatte er es nicht gewagt, aus dem Bunker hinauszutreten. Einem Bunker, der nicht aussah wie ein Bunker. Spitz und lang wie eine Zigarre. Ein Phallussymbol, das den Feind abschrecken sollte, das zeigen sollte, wer hier den Hammer hatte, wer die Macht besaß, wer kämpfen würde bis zum Ende.
Überall Häuser und Hallen, dachte Kalle, und rieb sein bleiches Kinn. Frische Luft, dachte er weiter, das war etwas anderes als die stickige Bunkeratmosphäre. Der Krieg musste zu Ende sein. Der Bunker hatte abgeschreckt, denn sonst wären hier nicht Halle um Halle, Haus um Haus gewachsen. Die Dose Bohne blieb zu. Manchmal hätte er sich einen Treffer gewünscht. Vielleicht wäre die Bohnendose aufgeplatzt, er hätte endlich etwas auslöffeln können. Andererseits hätte ihm auch etwas passieren können. Höchstwahrscheinlich sogar. Bohnen schmecken nicht, wenn der Unterkiefer zerschmettert ist. Egal. Es war wohl Frieden. Welch komisches Wort. Kalle holte aus und warf die Dose mit aller Kraft vor die Betonwand. Zerbeult lag sie am Boden, aber immer noch geschlossen.

Winfried Hackeböller: Beruhigungssauger vor Rostrot (2009)

Erziehungsmethoden im Wandel


Bobbi hat mal wieder bei Tisch randaliert, und das, obwohl Tante Trude da war, oder wahrscheinlicher: weil Tante Trude da war. Einem Zappelphilipp wurde früher die Finger gestutzt, um ihm ein für allemal beizubiegen, wer das Sagen hatte. In erfolglosen liberalen Phasen versuchte man mit antiautoritären Mitteln das Kind in die richtige Richtung (Ich mache was ich will und nenne das Selbstverwirklichung) zu beten, was aber letztlich nur Loser und Depressive erzeugte, denen man bescheinigte, sie hätten keinen Herrn und keinen Hirten.
Mit der Erfindung des Nutellabrotes änderte sich einiges: Erstmals treten hyperaktive Kinder auf den Plan, einige zusätzlich mit einem Aufmerksamkeitsdefizityndrom ausgestattet. Die Wörter konnten sie nicht schreiben, aber aussprechen, immer dann nämlich, wenn ihr Verhalten abweichlerisch war, wenn sie die Mitmenschen mit ihrem unkontrollierten Getue an den Rand der Weißglut brachten. „Das habe ich auch schriftlich!“, warfen sie in das aufgeregte Gemurmel der Bevölkerung ein, die gerade einen Masterplan zur finalen Lösung des Problems aufstellte. Sie hatten es immer schriftlich, damals Legasthenie, heute Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom. Das hatte dann der Arzt geschrieben, denn auch Mutter war überfordert mit dieser Krankheit.
Die Geduld der betroffenen Eltern ist auf eine harte Probe gestellt worden; mittlerweile sind die meisten durchgefallen. Andere Maßnahmen mussten her: Individuelle Förderung. Nicht mehr dieses „Dafür müssen Sie Verständnis haben, er kann ja nichts dafür.“
Lernen in idyllischer Abgeschiedenheit, Lernen bei unterschiedlichen Außentemperaturen, Lernen an frischer Luft. Früher hieß das: „Den habe ich erst mal rausgeschmissen!“ Heute umschreibt man eher mit: „ Geh du mal nach draußen in deinen stillen Stuhl. Wenn du deinen Mund hältst und keinen Unsinn veranstaltest, darfst du dir eine Jacke, eine Mütze und ein Nutellabrot mitnehmen.“
Solange man den Zögling nicht hereinholt, funktioniert das.
Aber - es ist ein Anfang. Erziehung war immer ein Abbild der Gesellschaft. Und Bobbi kann wirklich nichts dafür.

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch - 8/ Menschen auf dem Platz

Der Hundebesitzer ist froh, ein Wesen zu haben, das ihm gelegentlich gehorcht und das sich freut, wenn er zur Tür herein- oder heraus kommt. Der Rülpser will sagen: Ich kann auch anders! Ich kann’s auch hinten rauslassen! Oder: Hallo, hier bin ich! Habt ihr mich übersehen oder vergessen? Ich bin da! Ich grüße euch. Mein stilles Nabend ist zu unbedeutend. Ich mache euch aufmerksam. Also. Der Angler will nicht angesprochen werden, denn das vertreibt die Fische, die nicht an den Haken gehen werden. Der Angler ist der, der noch hoffen kann. Er hofft, dass eines Tages ein Fisch an seiner Angel hängt, der eine kleine Familie oder wenigstens ihn selbst satt macht. Bis dahin will er kontemplieren; abspannen; seine Ruhe.
Der englische Patient liest unter Neonlampe mit glasbausteiniger Brille. Er hat seine Blumenkübel im Wohnwagen mitgebracht. Er wird bleich bleiben, weil er nicht aufschaut, um die Sonne zu betrachten. Er kann überall lesen, da, wo seine Neonlampe ist. Die Welt um ihn herum ist unwichtig geworden. Das ist Teil des Urlaubs, Teil seiner Entspannung. Er will einfach nur im Freien unter einer Neonlampe lesen, weil er das zu Hause nicht kann. Dort regnet es den ganzen Tag.

Georg Krakl: Valjum (2010)


Das Frühstück gegessen,
die Nerven nicht blank;
es gibt nichts zu stressen,
der Valjum sei Dank.

Kurts Geschichten:Schneebälle


Klausi hatte sich vorbereitet. Torsten würde ihm nicht davonkommen. Der Schneeball vorgestern hatte Klausi am Kopf getroffen. Ein nasser, feuchter, schwerer Ball war auf seiner Stirn zerplatzt. Es war gar nicht der Schmerz, sondern die Demütigung, die Niederlage gewesen, die ihn unruhig hatte schlafen lassen. Mit dieser Schneeballformmaschine von Onkel Joe aus Amerika hatte er die Zukunftstechnologie unter dem Weihnachtsbaum hergeholt und in den Kampf geführt. In den Straßenkampf gegen Torsten, der in jedem Jahr aufs Neue losbrach. Klausi mochte Onkel Joe nicht besonders, aber das Weihnachtsgeschenkt in diesem Jahr war ein echter Kracher gewesen. Auf so etwas konnten nur Amerikaner kommen, diese Erfinder von Kaugummi, Mickey Mouse und Neutronenbomben.
112 Bälle hatte er gestern Abend geformt, so als ob man in der Eisdiele Kugeln für die Waffeln formt, Schoko, Banane, Vanille. Über Nacht waren sie hart wie Stahlkugeln gefroren. Diesen Geschossen würde Torstens weiche Birne nicht standhalten. Die Zeit war gekommen, den ewig währenden Kampf zu entscheiden. Und überhaupt, was bildete sich Torsten eigentlich ein? Man warf nicht ins Gesicht, man warf keine schweren Matschkugeln, man traf nicht am Kopf. Torsten hatte alle Gesetze außer Kraft gesetzt. Genfer Konvention, das war doch gelacht. Es war Zeit, unkonventionell zu werden. Dem Gegner klar zu machen, dass er sich zu weit nach vorn gewagt hatte.
Klausi spürte ein warmes Brennen an der Stirn, das der Treffer nicht verursachen konnte. Die Schmach war in seine Seele gebrannt wie mit einem Brandeisen. Sollte er sich aus dem Haus wagen!
Möglichst vor dem nächsten Tauwetter.
Klausi blies in die kalten Hände und zählte noch einmal seinen Vorrat an knallharten Schneebällen. Einhundertundzwölf. Da sollte wohl ein schöner Kopftreffer dabei sein. Und diesmal würde der Schneeball nicht zerplatzen. Nicht der Schneeball.

Kurts Geschichten: Bettelbarbie


Bettelbarbie saß am Straßenrand und schaute die Menschen mit ihren großen blauen Augen an. Niemand nahm Notiz von ihr und sie wunderte sich anfangs, um dann später in eine tiefe Depression zu versinken, was auch immer das sein mochte. Wie herzlos die Menschen doch waren. Sie, die Schöne, die die Welt mit ihrem Dasein beglückte, die von allem Hässlichen ablenkte, die die Sonne an einem Regentag war, wurde ignoriert. Sie schob sich die weißen Strümpfe auf die Schuhe hinunter und nahm ihre rosafarbene Fotokamera hervor, weil sie arme Kinder fotografieren wollte, die vorbeikommen würden und ihr kein Geld in den Schoß legten, weil sie keines hatten. Sie würde ein Foto machen und milde lächeln, so als müsste sie ihnen verzeihen, dass sie keine milde Gabe für ein bedürftiges Blondlöckchen hatten. Das Foto würde sie zu Hause in dem alten Fotolabor entwickeln, das Ken nicht mitgenommen hatte, als er ausgezogen war. Dann würde sie die Fotos vergrößern und Schwarzweißabzüge davon machen und den Kindern schenken. Die aber waren dann schon weg, wenn sie überhaupt vorbeigekommen wären. Bettelbarbie schwirrte der Kopf. So viele Hauptwörter, die aus mehreren Teilen bestanden, so viele unterschiedliche Orte, und dann die vielen Kinder. Das machte sie ganz wuschig. Ken konnte ihr obendrein gestohlen bleiben. Und das Fotolabor konnte er sich in die Haare schmieren, wenn das überhaupt möglich wäre. Heute gab es ja schon Kameras, auf denen man die Bilder sofort wieder löschen konnte, und das wäre sowieso einfacher. Arme Kinder fotografieren und dann wieder löschen, weil man nicht hinter ihnen rumlaufen konnte. Sie waren doch immer so unstet. Erst mal mussten die armen Kinder kommen. Nicht mal die armen Erwachsenen blieben stehen. Ob das an ihrem Parfüm lag? Oder am Make up? Bettelbarbie fror an den Beinen und beschloss, die Strümpfe wieder hochzuziehen und vielleicht noch mal nach einem neuen Top für den Frühling zu gucken. Bettelbarbie, was sollte das denn sein? Sie hatte nicht eine müde Mark erbettelt.

Zeichen der Zeit: Offene Schubladen

Jeder wird sich fragen: Was kann daran schlimm sein, dass Schubladen offen stehen? Eigentlich wohl nichts. Oberflächlich betrachtet. Aber die Vorstellung – angenommen du liebst es, dass Schubladen geschlossen sind – mit einem Menschen die Wohnung zu teilen, im Extremfall sogar verheiratet zu sein, der Schubladen, nachdem er sie geöffnet und das Gesuchte oder Gebrauchte entnommen hat, diese nicht schließt, d.h. schon schließt, aber eben nicht ganz, sagen wir, 3cm ragt die Lade noch aus dem Schrank heraus, die Vorstellung also kann belastend sein; vielleicht treibt sie keinen Nachtschweiß wie nach Albträumen hervor, aber sie kann für unruhigen Schlaf sorgen.
Dass jemand Schubladen, die in der Basisposition geschlossen sind, zwar bedarfsgerecht öffnen kann, dann aber nicht verschließt, teilt doch einiges über die Persönlichkeitsstruktur mit. Was ist los mit diesem Menschen?
Gehen wir erst einmal vom Normalen aus: Eine Schublade ist verschlossen, um das Eingelagerte vor Staub zu schützen und um durch Öffnen schnellen Zugriff auf Gesuchtes zu ermöglichen, das in einer thematisch zugeordneten Lade Platz gefunden hat. Besteck findet man in der Besteckschublade. Gummibänder hingegen in der , nennen wir sie Gerümpelschublade, den Pfannenwender in der Abteilung für Küchenwerkzeuge, Heftpflaster in der Notfallabteilung zusammen mit der Abszesssalbe, dem Leukoplast und den Fotos vom letzten Betriebsausflug. Das Schubladendenken der Menschen findet hier eine nützliche Entsprechung. Der Mensch erleichtert sein Leben durch Ordnung. Er beschäftigt sich einen guten Teil des Lebens damit, Dokumente, Andenken und Teile, von denen er nicht weiß, ob er sie einfach wegschmeißen darf, zu ordnen, um sie im Ernstfall wiederzufinden und bereit zu haben; darüber hinaus ist es gut, wenn diese Dinge vom Tisch sind, falls einmal überraschend Besuch kommt. Erklärungen, warum die Einmachhilfe auf dem Fenstersims liegt, sind dann nicht nötig, und der Haushalt macht immer einen aufgeräumten Eindruck. Die geschlossene Schublade ist Ausdruck des entwickelten, selbständigen und selbstbewussten Menschen. Sein Leben ist geordnet; das Wesentliche ist sichtbar, das Nebensächliche in Schubladen verborgen, aber jederzeit präsentierbar. So können wir kommunizieren: Ich zeige dir, Fremder oder entfernter Bekannter, das, worauf es mir ankommt. Aber es sollen Geheimnisse bleiben, die es zu entdecken gilt. Wenn der oder die Richtige kommt, heißt es im übertragenen Sinn: Öffne meine Schubladen. Sieh, was in mir steckt. Dem Schrank werde ich ja überhaupt erst gerecht, wenn ich seine Gestalt respektiere: Diesem harmonischen Holz- und Glasquader, in dem, äußerlich auf die kleinsten Maße gebracht, so viel steckt. Wie wäre unsere Welt, wenn überall und jederzeit Schubladen und vielleicht sogar Schranktüren offen stünden. Unerträglich! Der Schrank in seiner wohlgefälligen Grundstellung vermittelt Sicherheit: Es gibt mehr, als wir sehen können. Er hat somit metaphysische Funktion, er führt uns sensibel in die Geheimnisse des Lebens; wenn denn seine Schubladen und Türen geschlossen sind.
Das akzeptieren einige Menschen nicht. Der unheile Mensch benutzt den Schrank, um sich immer wieder einer ihm adäquaten und angeratenen Therapie zu entziehen. Er benutzt ihn, um sich tagtäglich in eine Schludrigkeit zu fliehen, die ihm eines Tages fatal entgegenstürzen wird. Und damit nicht genug: Er quält und missbraucht den entwickelten Menschen.

Schaufensterpuppen können entlastend sein


Aggressive Schaufensterpuppen sind im Trend. Die Bevölkerung weiß nicht wohin mit ihrer Wut, ihrem Zorn über Bankmanager, Schurkenstaaten, die Schwarzgeld verstecken und Regierungen, die Zahnärzte und Rechtsanwälte bevorzugen, weil sie einem vietnamesisch aussehendem Deutschen ermöglichen, als Gesundheitsminister zu arbeiten. Lippen werden zerbissen, Fäuste geballt, Fingernägel in die Handflächen gebohrt, Mundwinkel nach unten gezogen, Angela!, die Stirn gekraust, die Augenlider zusammengekniffen, geknurrt, gegrunzt, geschnauft!
Und Schaufensterpuppen machen mit! Sie sind solidarisch. Nicht das Geld in der Schweiz verstecken! Ausgeben, sich entlasten, kompensieren, kanalisieren!
Frustabbau durch Einkaufen. Gönn dir eine merkwürdig-komisch karierte Jacke, eine Hose mit unpraktischen Taschen! Dann geht’s dir gleich besser. Das Geld kann dir keiner mehr nehmen, jetzt hast du einen Gegenwert, den dir auch keiner nehmen will, denn mal im Ernst: Wer will schon mit einer komisch karierten Jacke herumlaufen und einer Hose mit falsch angenähten Seitentaschen?
Nicht einmal Bankmanager, um von sich abzulenken.

Peter Armke: Blut im Schnee (2010)


Der Schnee hatte seine Unschuld verloren. Er hatte das Land vor Tagen unter einer weißen Decke versteckt, das triste Grau, den Dreck, das Schmuddelige, das Trübe und Traurigmachende, das die Menschen verzweifeln lässt; selbst die Sorgen, die Probleme, alles war verschwunden, als sei die Welt noch einmal neu geboren, ohne die Vergangenheit ganz zu vergessen, wie eine Reinkarnation, gutes Karma, Unschuld, Reinheit, Klarheit, als wäre es möglich, noch einmal von vorne zu beginnen, einen neuen Anlauf zu nehmen, nicht mehr die Fehler zu machen, die die Menschen ins Düstere, in das Erdrückende, in die Hölle auf Erden geführt hatten. Das Land hatte seine neugewonnene Unschuld verloren.

Dieser Angler. Stundenlang hatte er herumgesessen und gelauert, seinen Köder ausgeworfen, unbeweglich hatte er aufs Wasser gestarrt.
Nach Stunden hatte ein Fisch an seiner Angel gezuckt. Endlich!, war es heiß durch seinen Körper gerast. Endlich! Der Fisch an Land, ein Schlag mit dem Stock, ein paar geübte Schnitte, das Gedärm zurück ins Wasser, das Blut in den Schnee. Die Unschuld verloren. Die Hoffnung auf ein neues Leben verendet mit dem Fisch.
Daheim schlug der Angler die Zähne in das gebratene Tier. Die Frau hatte ihn zubereitet nach dem Rezept ihrer Mutter. Jedes Mal hoffte sie, er würde das Angeln endlich aufgeben und das Schweigen durchbrechen.
Sprich doch endlich mit mir!, schrie es stumm in ihr. Was habe ich dir getan?
"Schmeckt lecker!", murmelte der Angler und zog sich eine Gräte aus dem fettriefenden Mundwinkel.

Rasenmähen und Psyche

Mit dem Rasenmähen ist das so eine Sache. Dieser Vorgang des Alltäglichen sagt eine Menge über den Mäher aus. Feinste Psychoanalysen ließen sich vornehmen und lebenspraktische Hilfen anbieten.
Rasenmäherbenutzer halten sich für völlig normal. Das ist allerdings nur eingeschränkt richtig.
Nehmen wir ein Beispiel: Tante und Onkel Reinhold haben gar keinen Rasen. Sie bewohnen einen ausgedienten Bauernhof, in dem außerdem ein paar Schweine gemästet werden, die bei Ingangsetzung der Belüftung einen bestialischen Gestank absondern, oder dies schon vorher getan haben, welcher jetzt per Lüftungsschlitz freigesetzt wird. Auf dem Hofgelände tummeln sich Hühner, die den einen oder anderen Wurm aus der zähen Erde zurren. Nun will es das Schicksal, dass das nicht so bleiben soll. Warum Idylle, warum Naturbelassenheit, wenn die Möglichkeit besteht, an einer Tombola teilzunehmen. Tante Lotte und Onkel Reinhold tun dies im Rahmen einer Weihnachtsfeier, z.B. des Schützen-, Heimat oder Hühnerzuchtvereins. Die gezogenen drei Lose sind zwei Nieten und ein Haupttreffer. Der Haupttreffer ist ein Aufsitzmäher, der natürlich erst richtig zur Geltung und zu Würde kommt, wenn eine ausreichend große Rasenfläche vorhanden ist, um in aller Ruhe aufzusitzen und sitzen zu bleiben. Während des Sitzen mäht die Maschine den üppigen Rasen. Die Nachbarn stehen blass vor Neid am Zaun und denken: „Und wir müssen unsern immer noch schieben!“ Tante Lotte und Onkel Reinhold wollen sich den Genuss solcher Szenen, allein die Vorstellung was in den Köpfen der anderen schon jetzt vorgeht, nicht entgehen lassen, sondern diesen weiter steigern und in den nächsten Jahren von Frühjahr bis Herbst in vollem Umfange auskosten. Als sie erkennen, was sie gewonnen haben, und als dies auch die Nachbarn erkennen, will ein hämisches Grinsen sich der Gesichter aller und Nietenbesitzer und Krimskramsgewinner bemächtigen. „Die haben doch gar keinen Rasen!“ raunt der eine. „Nen Aufsitzmäher! Den könnense doch gleich wieder abgeben.“
Für Tante Lotte und Onkel Reinhold steht fest: Rasen wird eingesät. Jede Menge Rasen. Je größer die Fläche, desto tiefer wird der Neid in die Herzen der Nachbarn bohren. Und das haben sie verdient, die , die sieben Monaten lang in der Mittagszeit ihre stinkenden Motoren angeworfen und gequält haben. „Jetzt sind wir dran“, denkt Onkel Reinhold. „Aufsitzmäher!“ Allein das schwere Wort erzeugt ein angenehmes Summen in der Magengegend.


Rasenmähen. Es ist ein Wettkampf. Hier zeigt sich nicht nur, wer den stärksten hat, sondern wer auch am längsten kann und das zu unmöglichen Zeiten.
Es ist fast wie Plastikmüllverbrennen am Freitag. Das ist genauso verboten wie am Donnerstag, aber am Freitag verschafft es noch einen besonderen Kick. Früher war es freitags erlaubt. Mit dem Verbrennvorgang kann jeder, der sich traut, noch einmal deutlich Protest einlegen und zeigen: Mir kann keiner was. Ich brenne, wann ich will. Dabei ist Brennen eben nicht der Vorgang des SICHVERZEHRENS durch Feuer, sondern das aktive Abbrennen von Material, das eigentlich bequem im Gelben Sack untergebracht wäre. Die Entsagung dieser Bequemlichkeit ist es gerade, die die große Freiheit des Landmannes oder der Landfrau ausmacht. Ich könnte es tun, wie bequem, aber ich gehe den steinigen Weg. Allerdings kräht kaum ein Hahn danach, ob Gustav seine Eternitplatten in Asche umzuwandeln versucht oder nicht. Jeder ist mit sich selbst und dem Brennmaterial beschäftigt, da bleibt keine Zeit den Nachbarn zu erschnuppern, ob der vielleicht Blumenuntersetzer aus Bakelit, frühe Sechziger, einäschern will. Es geht um die Eigenständigkeit, um die Selbstbestimmtheit, und darum , das allen zu zeigen. Landluft macht frei, in Umkehrung des mittelalterlichen Leitspruches.

Georg Krakl: Zaun (2010)


Wir haben unsern Zaun,
um mal darüber weg zu schau'n
in Nachbars Garten
etwa, um sehen,
nicht zu warten,
ob's Unkraut wieder rüber macht,
zu uns, wir halten Wacht,
und klingeln an beim Nachbarsmann:
He, hallo, Chef, in unsren Beeten
wächst dein Unkraut, Zeit wird's langsam, es zu jäten.
Loben, streicheln unsren Zaun,
und freu'n uns unsrem Nachbarn bei der Arbeit zuzuschaun.

Philosophisches Thema: Ist Skifahren ein Sport?


Warum Menschen gerne Skifahren, ist nicht bekannt. Noch weniger bekannt ist, ob sie wirklich gerne fahren, oder dieses nur behaupten, um etwa andere Menschen, die nicht Ski fahren, neidisch zu machen. Möglich auch, dass sie lediglich wollen, dass andere kein Mitleid zeigen, weil sie Ski fahren müssen und daran keine Freude empfinden können. Wer bemitleidet wird, ist ein armer Tropf, ein Loser, ein totaler Verlierer. Niemand liebt dich, wenn du am Boden liegst. Das ist bekannt. Das gilt nicht nur für das Skifahren. Das ist überall so. Ausgenommen der Schattenplatz am Hotelstrand oder am Pool. Wer da liegt, ist ein Gewinner. Die Vollidioten finden morgens ihre Handtücher, mit denen sie Plätze bunkern wollten, im Wasser wieder. Gleiche Bedingungen für alle: Ab sechs darf das Handtuch ausgelegt werden. Frühaufsteher sind im Vorteil gegenüber den ganz Ausgeschlafenen. Bei Halbtagesausflügen hat man so nachmittags immer noch „sein“ Plätzchen am Planschbecken, um sich von der beschwerlichen Besichtigungstour zu erholen. Niemand wird bei helllichtem Tag wagen, das Badetuch im Pool zu versenken. Darüber wachen die anderen, die trotz verbrannter Haut auf ihren Plätzen liegen. Weggegangen, Platz vergangen. Dieser brutale Reim zeigt, um was es geht. Aushalten, durchhalten, Platz halten. Liegen muss nicht schlecht sein. Das Handtuch ist Platzhalter.
Der Skifahrer steht meistens. Er schaut, ob die Piste frei ist. Er genießt die Gegend. Er steht am Lift. An der Gondel. Am Kartenschalter. An der Schneebar. Im Restaurant. Beim Après-Ski. Er steht in Skischuhen.
Der Skifahrer sitzt darüber hinaus. Im Lift. In der Gondel. Während der Mittagspause. Um die skischuhgequälten Füße zu entlasten. Er sitzt im Schnee, um wieder aufzustehen.
Er fährt den Hang hinunter. Auf der Piste. Er fährt die kürzeste Zeit. Je mehr er fahren will, desto mehr muss er stehen und sitzen. Das ist ein proportionales Verhältnis. Je mehr desto mehr. Reziprok klingt schöner, ist aber je mehr desto weniger. Das hieße, dass er gar nicht zum Fahren käme. Je mehr er stünde, desto weniger führe er. Bei unendlichem Sitzen ginge sein Fahren gegen Null.
Der Skifahrer betreibt seinen Sport bei Nulltemperaturen. Vielleicht aus diesem Grund; weil er sich im Grunde seines Herzens ein reziprokes Verhältnis wünscht. Je weniger er sitzt, desto mehr kann er fahren. Schluss mit Gegendgucken, Schneebarstehen, Füßeausruhen.
Der Sport wird Stress. Niemand kommt zum Halten, alles endet in einer unendlichen Bewegung, die schließlich zur völligen Auszehrung des Körper führt. Oder im umgekehrten Fall zu breiten Hintern und platten Füßen.
Skifahren ist in Wirklichkeit kein Sport, der gut tut. Er schadet im Endeffekt. Das will niemand wahr haben. Wer kauft sich schon eine Skiausrüstung für richtig Geld, um hinterher festzustellen, dass sein Bewegungsverhältnis proportional ist, aber wunschgemäß reziprok sein sollte?
Das wird niemand gern zugeben. Auch nicht, dass er seine Ausrüstung billigst wird verschleudern oder nach einem Schleudersturz durch die Haftpflichtversicherung finanzieren müssen. Skifahren ist nicht einmal Freizeitbeschäftigung, die Wohlbefinden erzeugt. Entweder sitzt man zuwenig und fährt kaum, oder man sitzt ständig und steht an und kann dann auch viel fahren. Nur – woher die Zeit nehmen? Wer viel fahren will, muss sehr viel Zeit haben, sehr viel Zeit.
Da ergibt es doch einen Sinn, am Pool auf seinem Badetuch zu liegen, oder das Tuch alleine liegen zu lassen und sich derweil mit anderen Kostbarkeiten des Lebens zu vergnügen. Denn hier gilt: Je länger ich liege oder liegen lasse, desto länger liege ich oder lasse liegen. Da gerät nichts durcheinander. Herumliegen ist zwar schlicht, aber daher auch für einfache Geister zu bewältigen. Wer es dann noch schafft, kurz vor sechs aufzustehen und sein Handtuch an die richtige Stelle zu legen, der kann eines übersichtlichen proportionalen Verhältnisses sicher sein. Da geht nichts schief, denn es liegt ja.
(Foto: Skifahrer lassen häufig im Vorbeifahren etwas liegen.)

Lange Freiheitsstrafen sind unmenschlich


Hände weg vom Oberkörper!, hieß es in Europa im Mittelalter.
Heute noch beliebte Strafe für Taschendiebe in einigen süd-östlichen Regionen und anderswo.
Der Amerikaner dagegen schwört auf Strom, Gas und Gift.

Sei wie der Stamm


Wie der Stamm im Holzstapel sein.
Sich einfügen und Halt geben.
Halt finden.
Wärme empfinden, nach Jahren der einsamen Kälte.
Dabei sein, wenn es in den Ofen geht.

Männer sind Schweine

Den Satz "Männer sind Schweine" drehten britische Forscher einfach um und sprengten lebende Schweine in die Luft, um herauszufinden, wie denn Sprengstoff auf Männer wirkt, bzw. eben auf Schweine. Dass die Schweine betäubt waren, entschuldigt die eine Seite der Kritiker, die andere ist jedoch empört, dass hier mit Nahrung Krieg gespielt werde. Alles seriös, so die Briten. Durch Österreich geht jedoch ein Aufschrei: Der Satz "Schweine sind Männer" will nicht in die Köpfe der erzkonservativen Fleischesser, die um das Ansehen der Mortadella fürchten. Diese Wurst sei zwar aus irgendwelchen nicht definierbaren Fleisch- und Bindegewebsresten zusammengemixt, feinpüriert, gewürzt und gefärbt, aber seien die Bestandteile nicht durch Sprengung zerkleinert worden. Es habe eine ordnungsgemäße Schlachtung unter Aufsicht eines Veterinärs stattgefunden. Der Fleischbrei müssen ja immerhin noch genießbar bleiben. In erster Linie regt aber der Umkehrschluss auf: Schweine sind Männer! Das darf den Österreichern nicht wahr sein. Wo bleiben denn die Frauen?
Die Briten konterten, dass Frauen in der Regel, also im Kriegsfall, nicht gesprengt werden. Bei Terrorangriffen müsse man noch statistisch auswerten, wie die Verteilung auf die Geschlechter aussehe. Bis dahin wolle man die Sprengung lebender, aber betäubter Schweine einstellen und allenfalls heimlich damit wieder anfangen, vielleicht im Mai schon.
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Bald ist Ostern


Kurz vor Ostern. Weihnachten ist gerade vorbei. Der Karneval tobt und nähert sich seinem Höhepunkt. Wie jedes Jahr Fischstäbchensterben in der Nordsee und riesige Mengen Eier, die auswandern wollen. In Transport-Kartons warten sie auf ein Schiff nach Übersee und hoffen, dort ihr Glück zu machen. Trauriges Thema in einer lichtlosen Jahreszeit. Was wird sie drüben erwarten? Von wegen, vom Tillerwäscher zum Millionär! Die meisten werden in einem Omelett landen und amerikanische Bäuche füllen. Der Rest wird am Transport auf wackliger Planke zerbrechen. Als wenn das Fischstäbchensterben nicht schon genug wäre! Kann es denn nicht auch eine Aufgabe sein, bunt gefärbt im Garten von Vater Tobi versteckt zu werden, damit sich dann Bubi kreischend und quietschend vor Glück auf einen stürzt? Muss denn immer alles, was hier Tradition hat, schlecht sein? Nein.

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch - 7/ Punker

Auch Punker machen Urlaub, italienische wenigstens. Der von seinem eigenen Berufsleben Erschöpfte fragt: Wovon machen denn Punker Urlaub? Haben die nicht immer Urlaub? Und wenn sie immer Urlaub haben, dann sind sie jetzt vielleicht auf Arbeit? Das ist doch so ähnlich wie mit der doppelten Verneinung. Auch bei Punkers gilt: Sie wäscht ab. Er wartet so lange, in eine andere Richtung schauend, die Arme verschränkt.

Theodor Spontane: Kinder auf dem Haufen


Kinder auf dem Haufen
könn' vom vielen Sitzen
nicht mehr laufen.
Kommen nie ins Schwitzen,
und sind nie kaputt.
Haben keine Kondition.
Hätten sie wohl schon
ganz gerne. Nicht nur Schutt,
auf dem man sitzen kann,
aber nicht drauf laufen.
Irgendwann dann
werden sie sich diese kaufen.
Dafür müssten sie zumindest gehen!
Ach, wir werden einfach sehen...
(Vieles wird man später erst verstehen.)

Georg Krakl: Hässlicher Hut (2010)


Hässlicher Hut,
zu dir passt ein Backenbart.
Und wenn nicht der Nacken haart,
wir alles gut.

Kopfgeruch


Ruud: Fred, du hast Kopfgeruch.
Fred: Dann riech doch nicht hin.
Ruud: Ich sitz aber hinter dir.
Fred: Wurd ja auch mal Zeit.
Ruud: Trotzdem. Kopfgeruch.
Fred: Steck deine Nase einfach nicht in alles.
Ruud: Kopfgeruch. Nicht Kopfinnengeruch!
Fred: Ich hab heute Morgen Haare gewaschen.
Ruud: Deswegen ja. Riecht lecker.
Fred: Na, also.
Ruud:Apfel-Zimt. Hmmm, mein Lieblingsgeschmack.
Fred: Freu dich.
Ruud:Darf ich mal dran lecken?
Fred (steht auf und geht): Immer dasselbe mit den Liberalen.

Nachrichten vom Tage

Drei Millionen offizielle Überwachungskameras in Großbritannien, für je 15 Einwohner eine! Trotzdem bleibt die Verbrechensbekämpfung ineffektiv.Ein privates Unternehmen bietet an, eine eigene Kamera zu installieren und dann gefilmte Übergriffe bei Youtube zu veröffentlichen, damit hilfsbereite Nachbarn, die gerade den Film bei Youtube runterladen, rüberkommen und helfen. Über erhöhte Effektivität bei der Verbrechensbekämpfung wird noch nachgegrübelt. Immerhin kann der Geschädigte seinen materiellen, körperlichen und psychischen Schaden im Internet betrachten, zusammen mit der großen, weltweiten Webgemeinde.

Die Schweiz will, gemäß Volksentscheid, keine neuen Minarette bauen. Ein Vorschlag wird geprüft, die vier in der Schweiz bereits bestehenden Minarette abzureißen bzw. sie weiterzubauen, um sie in Sendemasten für ein schweizerisches Handy-Unternehmen nutzbar zu machen. Aus den ebenerdigen Gebäuden und Räumen will man Kulturzentren machen, die besonders die schweizer Kultur pflegen. Schwerpunkte sollen sein: Präzision (wie ein Uhrwerk), Pünktlichkeit (wie die Freimaurer) und Käse (Wie kommen die Löcher in den Schweizer Käse?). Das Wort Rassenintegration wird geändert in Rassenintrigation (Integrieren oder intrigieren), weil es der Wahrheit näher käme und der einfache Bürger zwischen den beiden Wörtern sowieso nicht unterscheiden könne.

Die Firma Nestlé bemüht sich im Gegenzug zu rassendiskriminierenden Maßnahmen der Schweiz um eine Erweiterung ihrer Produktpalette. Enttäuschten Moslems werden demnächst Speisen angeboten, die halal sind, was bedeutet, dass diese den Regeln des Islam entsprechend zubereitet wurden. Man mache dies nicht, um eine Marktlücke zu schließen, heißt es aus dem Hause Nestlé, sondern aus Gründen der Völkerverständigung. Profit könne man mit den wenigen Moslems, die noch Lust hätten, in der Schweiz zu wohnen, nicht machen. Vielleicht gebe es aber einen Markt im entfernteren Ausland.

Zum Thema "halal" meldete sich auch die deutsche Jägerschaft zu Wort, die immer da, wo es um Nahrung und Nahrungsgewinnung, bei der man einen Schuss mehr abgeben darf, geht, Witterung aufnimmt: Sie erkläre sich bereit, geschossenes Wild der Weiterverarbeitung zuzuführen. Mittlerweile seien Kühltruhen voll und die Verwandtschaft wolle sich auch nicht dauernd von Reh oder Wildschwein ernähren. Immerhin werde vor und nach der Jagd ein "Halali" durch die gekrümmten Blechröhren gepustet, und das sei doch wohl gleichzusetzen bzw. vergleichbar mit halal.

Beziehungsproblem: Ich liebe dich

Vera: Ich liebe dich!
Gero: Du mich auch.
Vera:(Blickt verstört.)......
Gero: Quatsch natürlich, ich mich auch.

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch - 6/ Geschäfte


Menschen, die ihre Exkremente der Nacht in kleinen Plastikeimern mit Deckeln durch die Gegend tragen, haben ein unverkrampftes Verhältnis zu ihren Ausscheidungen, was ein Merkmal einer entwickelten, angepassten Persönlichkeit ist. Andere trauen sich nicht einmal, auf dem Klo ein Geräusch abzulassen und verkrampfen, als sei es ein Zeichen besonderer Reinheit, nichts auszuscheiden.
Manchen erfüllt es mit Stolz, sein Eimerchen zu schwenken, um zu zeigen: Ich habe verdaut! Ich habe gegeben! Ich funktioniere! Es erinnert an kleine Jungen, die die Länge ihrer Schniedel vergleichen, um festzustellen, wer der Ranghöhere ist.
Angeberisch wirken die, die allmorgendlich einen riesigen Plastikcontainer auf Rädern zur Entsorgungsstation schleppen, in dem sich alle Ausscheidungen, inklusive der der Kaffeemaschine, der letzten Nacht befinden. Das beeindruckt; macht aber auch nachdenklich: Handelt es sich um eine Urlaubsgemeinschaft, die krankheits- oder altersbedingt an Blaseninkontinenz leidet, oder wird da jeden Abend maßlos Bier gekübelt, das dann später seinen natürlichen Weg ins Freie sucht?
Nein,es ist der Luxus, der den anderen, den Eimerchenbesitzern etwa, vorgeführt wird: Das können wir uns leisten! Niemand muss hier nachts raus, das Ding ist nämlich erst halb voll! Da ist immer noch Platz für eine Nacht! Aber bevor’s stinkt, bring ich’s weg.
Der Eimerchenbesitzer kann nur seinen Eimer noch stärker schwingen: Mir doch egal! Flüstert das durch die Ritze dringende Nachtwasser, wenn es zu Boden plätschert.
(Foto: Jan van de Roll auf dem Weg zum Tagesgeschäft)

Tierschutz


Auch Tiere haben ein Recht, sich als Schneeman zu verkleiden.

Männlich oder weiblich?


Die Welt wird immer androgyner, Männer benutzen Parfüm und Frauen rasieren sich. In deutschen Schaufenstern werden nackte Hinterteile ausgestellt, billige Eyecatcher, oder Neudeutsch: Blickfänge, die den kaufunlustigen Kunden zum Öffnen seiner Geldbörse bewegen sollen. Um davon abzulenken, dass er versunken auf das entblößte Plastik starrt, deutet er errötend auf die wenigen Kleidungsfetzen, mit denen das Objekt drapiert ist, und kauft sich ein längsgestreiftes Oberhemd. Bloß nicht zugeben, dass diese morbide geschlechtsvermischte Welt sein Interesse gefunden hat! ZU Hause ist er unglücklich, weil es sich um eine Damenbluse handelt, die er vor dem Karneval sowieso nicht anziehen kann, weil die Knöpfe auf der falschen Seite sitzen. So entpuppt sich dieser Konsumaufschwung als riesige Umtauschaktion, die der Wirtschaft, dem Staat und letztlich dem Konsumenten überhaupt nichts bringt.
Weg mit solch sexistischen Methoden!

Georg Krakl: Laszive Barbie (2010)


Du Barbie, so sprach der GI,
du bist richtig lasziv.
Das bin ich, Ka-Leu,
es berührt mich so tief.
Ka-Leu bin ich nicht,
sprach der brave Soldat zu ihr schlicht.
Und ich nicht lasziv,
da liegst du wohl schief.

Was bist du denn dann?,
fragt der mutige Mann.
Mag sein, wohl lasziv,
wenn das schlau ist und schön und verwegen und toff.
Der ehrliche Mann rief:
Totaler Blackout, da bist du mal wieder im Off.

Dann bin ich wohl blond,
so unver-James Bond.

GI rülpst verlegen, zurrt an seinem Koppel und schleicht sich von dannen.

60er-Jahre-Melancholie: Georg Krakl - Trevirahose (1965)

Meine Trevirahose
hing so lose
an den Beinen.
Im Spiegel sah ich mich.
Ich fand es fürchterlich
und musste weinen.

60er-Jahre-Begeisterung

Georg Krakl - Helancasöckchen (1966)

Meine Helanca-Söckchen
und dein Perlon-Röckchen,
die war'n doch was, die war'n echt steil!
Der junge Mensch sagt heute: Völlig geil!

Heinrich Bumm: Irlandtagebuch (1)

Ragnhild wagt sich als erste in die Gefahr des Linksfahrens mit einem nagelneuen, geliehenen PKW, der natürlich das Steuerrad rechts hat. Die vier Insassen hoffen, dass sie gut versichert sind. Auf falscher Bahn flitzen die Autos dahin, niemand will sich die Blöße geben, als Linksfahranfänger zu gelten. Also den Fuß aufs Gaspedal und nicht den Verkehr behindern. Alles muss fließen

Linksfahrende Radfahrer müssen in der Regel so überholt werden, dass der Seitenspiegel nicht deren rechten Arm streift, der Mittelstreifen ist eigentlich nicht tabu, wird aber von Mitteleuropäern als Grenze zu einer anderen Welt, zu der der rechtsfahrenden Geisterhafter nämlich, gesehen.
Ein dumpfes "Klong" ist zu hören.
Ragnhild, fahr nicht so dicht an die Radfahrer!, nervt Hans.
Fährst du oder ich?
Du, natürlich, aber trotzdem, den eben hättest du fast weggeputzt.
Ragnhild ist extrem angespannt. Sie muss beweisen, dass sie es kann, dass sie auf der falschen Fahrbahn zurechtkommt, vor allem mit der ganzen Lenkeinrichtung auf der falschen Seite. Irland. Wer wollte dahin? Egal.
Der muss eben aufpassen, die Straße ist ja nicht so breit, zischt Ragnhild Hans an.
Du darfst auch über den Mittelstreifen fahren, das ist wie in Deutschland, lenkt Hans ein.
Wenn du jetzt nicht aufhörst, steige ich aus, wird Ragnhild lauter.
Du machst das sehr gut, Ragnhild, lobt Hans und schweigt dann.
So treibt denn das fast obszön zu nennende Verkehrsgebahren der Iren die Stimmung im Wageninnern mal nach oben, dann wieder in ungeahnte Tiefen.
Das Lenkrad schweißnass, landet der Wagen endlich vor der Stadt; das Stadtgetümmel der Autos weicht einem eher milden Landtreiben. Alles wird übersichtlicher, die Straßen allerdings schmaler, so dass sich nicht nur die Augen der Insassen zu Sehschlitzen verengen. Schließlich sind die Straßen so schmal, dass meine glauben könnte, es gäbe sowieso nur eine Spur. Da macht Linksfahren Spaß.

Musik aus der Mottenkiste: Lalle Anderson (Barbies Mutter?)


Endlich: Lalle Anderson - Ein Schief wird kommen
Hören: Klick

Günter Krass - Skifahren

Die Sonne warf lange Schatten. Knut war ein wenig benebelt. Das war sein subjektiver Eindruck. Seine Ski-Kameraden hätten gesagt, dass Knut ziemlich voll gewesen sei.
Die Welt war schön. Besonders hier, wo alles weiß und gleißend war. Knut hatte seine Brille an der Theke in der Mittelstation vergessen. Vielleicht war sie auch verschwunden. Er hatte sie jedenfalls nicht mitgenommen. Die Berge. Wunderschön. Das Licht. Herrlich. Balsam für sein stressgeplagtes Inneres. Heil werden, das war wichtig. Die Schnäpse an der Theke hatten ihm ein Gefühl von Leichtigkeit vermittelt, als seien alle Sorgen beim letzten Toilettengang abgefallen. Als hätte er sie mit mächtigem Strahl ins Urinal katapultiert und dort weggeschwemmt und weggespült.
Jetzt wieder Skilaufen. Das gehörte dazu. Skilaufen war der Grund, um an der Theke Schnäpse zu trinken. Um an dieser Theke zu trinken. Leichtsoleicht. Das Rausgehen und Anschallen der Bretter waren ihm jetzt schwer gefallen. Beim Bücken schoss ihm das Blut in den Kopf. Die frische Luft machte ihn nicht nüchtern. Die Welt war schön. Alles war leicht. Das Blut zuckte in Knuts Schädel. Günni redete laut. Los geht’s oder so etwas! Die anderen fuhren. Knut schwankte und musste sich zusammenreißen. Hinterher. Bald fuhr der letzte Lift. Nicht abhängen lassen, keine Blöße zeigen. Im Urlaub waren alle gut drauf. Lachen. Das war wichtig. Nicht den Alltagsscheiß erzählen. Allen ging es gut. Null Problemo. Hahah! Was gingen die anderen auch Knuts Probleme an. Nicht den Urlaub versauen. In dieser Woche wollten sie es krachen lassen. Mal so richtig auf die Kacke hauen. Fünfe gerade sein lassen.
Knut hatte Mühe, den anderen zu folgen. Erich, dem Angeber, der am besten fuhr; Kuno, der am meisten trinken konnte und die lautesten Witze erzählte; Andreas, dem Zyniker, der nichts unkommentiert lassen konnte. Eigentlich lagen ihm die anderen nicht besonders; das war eine andere Wellenlänge. Aber es waren seine Freunde, wie er immer wieder behauptete. Wie er sich immer wieder selbst vorhielt. Skifahren war langweilig, gefährlich, mühsam, teuer. Knut hatte eine Liste negativer Eigenschaften des Skifahrens. Für Freundschaften muss man auch etwas tun. Da muss man mal über seinen Schatten springen. Knut wollte nicht vor dem Fernseher versauern. Helma war schon so weit. Sauer. Sie war sauer, wenn er nach Hause kam. Sollte vielleicht doch was zu arbeiten suchen. Früher hatte er das zu verhindern gewusst. Heute wäre er froh. Vielleicht wäre sie zufriedener und ließe ihn in Ruhe. Gegen Versauern half Skifahren, wenn man Spaß dran hatte.
Knut kämpfte mit einer Eisplatte und konnte gerade noch verhindern zu stürzen. Er musste ein kurze Pause einlegen. Die anderen waren nicht mehr zu sehen. Sie würden den Lift nehmen und hochfahren. Der Skipass war bezahlt. Also ausnutzen. Je mehr desto billiger. Knut fuhr weiter. Er wünschte sich in sein Bett. Der Alkohol setzte ihm mehr zu, als er gedacht hatte.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Treckermeditation


Viele Menschen auf dem Lande besitzen einen Trecker, er ist ein Statussymbol. Wer die meisten PS, wer die größten Reifen und die stärkste Stereoanlage im Cockpit hat, ist der Primus des Dorfes.
In vielen Schuppen stehen aber auch die alten Trecker, die Relikte der romantischen Landmannzeit der 50er und 60er, als noch ohne nachzudenken die Giftspritze eingesetzt wurde, als der Himmel noch voll war mit dem Rauch von Restmüllverbrennungen, als es Restmüll noch gar nicht gab, weil alles Restmüll war und in einer Tonne landete oder direkt im Feuer.
Der Erschöpfte der heutigen Zeit, der sich glücklich schätzt, einen solchen Trecker sein eigen zu nennen, weiß intuitiv, wie er sich entspannen und in eine andere Sphäre bringen kann.
Er sitzt auf dem Sattel seiner treuen Zugmaschine; der Dieselmotor tuckert; die Luft ist leicht gewürzt mit dem, was das Auspuffrohr stolz entlässt.
Es ist die Kutscherhaltung, die alle aus dem autogenen Training kennen, in der sich der Meditierende befindet. Die Hände sind locker auf dem Lenkrad gelegt, die Arme leicht angewinkelt. Die Lider halb geschlossen, atmet der Landmann die Dieselluft und sinkt immer tiefer in eine Ruhe, die ein konventionell Meditierender nicht nachempfinden kann.
Schwer wird es, aus dieser tiefen Entspannung zurück zu kommen, in der der Mensch noch einmal Kontakt mit der Erde, der Scholle, der Mutter aufnimmt, aus der alles Leben kommt, mit dem Boden, den er einst mit seinem schweren Pflug bearbeitet hat. Der Mensch weiß sich eins mit der Natur, sogar mit dem Universum.
Wenn der Diesel zur Neige geht, das leise Tuckern verstummt, die Luft ihr Aroma verliert, dann heißt es zurückkehren ins Hier und Jetzt, in die hektische Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts.
Aber die Kraft, die die Dieselmeditation auf dem Trecker spendet, wird bis ins Frühjahr reichen, wenn die Säfte wieder schießen.
Sollte der Erholungseffekt nachlassen, dann helfen ein oder zwei frisch gezapfte Liter Heizöl, und die Welt zeigt sich wieder von ihrer besten Seite.

Pawel Pikass: Akt (2010)


Männlich oder weiblich.
Ist doch letztlich egal.

Pawel Pikass: Halbakt weiblich (2010)


Da hat sich Pikass wieder mal ein nettes Aktmodell besorgt und schmiert dann ein paar großflächige Spachtelstriche auf die Leinwand; vielleicht bastelt er auch einen Siebdruck - muss natürlich stundenlang Skizzen machen, und glotzen, wie das Aktmodell so ohne alles aussieht, Voyeur, sage ich, von Kunst weit entfernt, da hätte der sich doch ein Herrenmagazin besorgen können, bisschen Folie drüber, alles mit dem Linieal umrandet und dann in die Machine. Nein, es muss natürlich ein echtes Modell sein, wahrscheinlich eine Studentin, die sich was dazu verdienen will, weil sie Studiengebühren zahlt. Hat wahrscheinlich die Höchststudiendauer überschritten. Das Geld stammt wohl aus dem Fördertopf des Staates, der glaubt, hier einen Kunstschaffenden zu fördern und nicht einen Gaffer. Unglaublich, dass das heutzutage noch möglich sein darf.
Ekke Dützmann

Sinnvolle Nacktscanner


Bilder, die mit so genannten "Nacktscannern" auf deutschen Flughäfen gemacht werden, sollen auch anderweitig benutzt werden, bzw. benutzbar sein. Auf Wunsch wird dem Fluggast, falls man nichts Verdächtiges an ihm entdeckt, eine Kopie überlassen. Das Original wird an den Kunstbetrieb verkauft und kann dort als naive Malerei oder Neo-Dadaismus verkauft werden. Die Hälfte der Einnahmen soll zur Finanzierung der Fluggastkontrolleure eingesetzt werden. "Obwohl", so ein Sprecher des Vorstandes der Lufthansa, "die haben doch ihren Spaß den ganzen Tag. Da könnte man glatt noch Vergnügungssteuer verlangen."
Die Kopien eignen sich gut, um Frühstücksbrettchen zu gestalten, es als Geschenkpapier oder, nach und nach, als Fototapete zu benutzen. Man kann darüber hinaus Spielkarten aus den Bildern herstellen, z.B. wie links zu sehen, eine Herzdame.

Fragen der Gesellschaft: Kann Eis gefrieren?



Kind: Mutter, Mutter, kann Eis gefieren?
Mutter: Äh, gute Frage....
Kind: Wie nennt man es dann?
Mutter: Tja, da muss ich mal überlegen....
Kind: Eiseis vielleicht?
Mutter: Kenn ich nicht, das Wort.
Kínd: Mutter, Mutter, wenn es richtig kalt ist, gefriert auch das Eis.
Mutter: Wo hast du das denn her?
Kind: Weiß nicht mehr.
Mutter: Na, also, die Frage zählt nicht.
Kind: Doch, doch. Kafka hat schon gesagt, dass Fragen wichtiger seien als Antworten.
Mutter: Kaffka? Ist das nicht so ein Stamm in Afrika?
Kind: Da kenne ich mich nicht aus.
Mutter: Bist ja auch noch klein.

Der Ordnungshüter über dem Bürger


Polizist: Der Ordnungshüter steht über dem Bürger.
Joe: Wie das denn, Meister?
Polizist: Hauptwachtmeister, bitte schön, soviel Zeit muss sein, auch in einer von Stress und Hektik gekennzeichneten Zeit, in der niemand mehr Zeit hat, oder vorgibt, keine zu haben, obwohl er gerade ins Fitnessstudio schlendert bzw. einen Einkaufsbummel durch die Innenstadt unternehmen will, vielleicht ein Bierchen trinken in der Fußballkneipe, in der gerade Borussia übertragen wird, obwohl zu Hause seine Frau darauf wartet, dass der Mann endlich die Löcher in die Wand bohrt, damit sie den Garderobenständer anschrauben...
Joe: Meister!
Polizist: Hauptwacht!
Joe: Noch mal zurück. Der Ordnungshüter steht über dem Bürger. Was soll das denn heißen?
Polzist: Nun, gute Frage. Also, ja, wenn ich kurz nachdenke, also, wenn man den Bürger beschützen will, muss man ihn ja auch überschauen können oder besser auf ihn hinabschauen, damit man drohende Gefahren voraussehen kann, also, irgendwie schon....
Joe: Ach. (Pumpt sich auf.) Ich brauche jedenfalls keinen Ordnungshüter, der mich bewacht.
Polizist: Das weiß man nie.
Joe: Ich schon.
Polizist: Das bringt jetzt aber nichts mehr. Überhaupt, fällt mir gerade ein: Wir tragen Uniform. Das tut der Bürger nicht.
Joe: So ein Blödsinn. Was soll das denn heißen?
Polizist: Und dann stehen wir oft auf einem weißen Gummiball. Das sind wir schon ein gutes Stück größer als der Bürger.
Joe: OK, das Argument lasse ich gelten.
Polizist: Dann sind wir uns ja einig.
Joe: Eigentlich nicht.
Polizist: Na, dann nichts für ungut.
Joe: Doch, doch.

Ängstliche Weihnachtsmänner im Januar


Jetzt schauen sie ängstlich. Vor dem Fest: Imposant, rauschender Bart, fester Blick, gerade Haltung. Jedes Kind zitterte, weil es sich vor einem Tadel fürchtete; selbst Erwachsene schütteten noch Adrenalin aus, wenn sie in ihre Augen schauten.
Jetzt schauen sie ängstlich.
Sie haben Angst, zum halben Preis verkauft zu werden.
Mit der flachen Hand zerdrückt und gefressen zu werden.
Oder am schlimmsten: Eingeschmolzen und in eine Osterhasenform gegossen zu werden.

Rockmusik und Winterwetter: Frank Zappa, gespielt von Dweezil Zappa


Aktuell zum Winterwetter:
Don't eat the yellow snow.....
Ich weiß, wo deine Schlittenhunde stehen!

Gestern vor 38 Jahren

3.1.1962: Der kubanische Staatschef Fidel Castro wird von Papst Johannes XXIII. exkommuniziert.
Che Guevara, der fällt uns sofort ein, und Resopal, die wundersame Tischplatte, unverwüstlich und glatt.
Zu Papst Johnnes fällt uns nichts ein.
Resopal anhören?
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Georg Krakl: Farbiger Mann (2010)


Anti-Diskriminierungs-Gedicht
Farbiger Mann!
Du bist nicht schwarz, nicht gelb, nicht rot, du bist nicht weiß.
Ich kann
nicht wissen: Isst du Reis,
Kartoffeln, Bulgur oder Grütze?
Trinkst du Weißwein oder Wasser aus der Pfütze?
Du bist geächtet, weil du farbig bist.
Zu Hause wirst du sehr vermisst.
Doch hier? Ich weiß ja nicht mal, was du isst!
Geschweige, wer du bist!

Aus Desertstorm-Barbie ist doch etwas geworden


Barbara, sagten die Eltern immer zu Barbara, die lieber Barbie genannt werden wollte, lauf doch nicht immer in diesen Sachen herum, was sollen die Leute von dir denken. Mathe ist zu hart, Mutter, sagte Barbie, ich will später mal was Richtiges tun, kämpfen für eine gerechte Sache, etwa für Ölquellen im Nahen Osten. Ach, Barbara, sagte die Mutter, du weißt doch gar nicht, wo der Nahe Osten überhaupt liegt. Wahrscheinlich im Osten, Mutter, und noch wahrscheinlicher gar nicht weit weg, denn sonst würde man den Nahen Osten ja nicht Naher Osten nennen, oder? Wo du recht hast, hast du recht, antwortete der Vater, der an seiner Pfeife zog und ein wenig Mild&Mellow-Pfeifenqualm in die Übergardinen blies.

Manchmal geschieht es, dass solche Menschen in fortgeschrittenem Alter das Gefühl haben, dass eine Wüste in ihrem Kopf ist. Manchmal ist aber immer noch Zeit, in die Politik zu gehen. Dort fallen Menschen mit ungewöhnlichen Köpfen nicht auf.

Neue Spiele für Kinder ab 4

Die Gesellschaftsspieleindustrie hat sich jetzt auf Bedürfnisse der Menschen eingestellt: Kinder benutzen gern Begriffe aus der Fäkalabteilung des Lebens, um ganz unterschiedliche Gefühle auszudrücken. Erwachsenen ist das abgewöhnt worden, so dass sie dieses oft nur unter Alkoholeinfluss tun oder wenn sie der Meinung sind, sie könnten es sich leisten. Das deutet auf Defizite in der analen Phase ihrer Entwicklung hin.
Dem wirken jetzt Spiele entgegen, die kompensieren. Zicke, zacke, Igelkacke ist so ein Spiel. (http://www.ciao.de/Zoch_Verlag_Zoch_Zicke_Zacke_Igelkacke__8305653). Das Ganze gibt es auch in den Geschmacksrichtungen Enten- und Hühnerkacke.
Aber: Die Konkurrenz ruht nicht. Im Verlag Bodosspielewelt in Weserstadt wird jetzt das bereits vor 19 Jahren entwickelte "Spatz piss drauf" wieder aufgelegt, dass überhaupt nichts mit dem ähnlich klingenden "Spitz, pass auf" zu tun hat.

Gestern vor 15 Jahren

1.1.1995: Auf der norwegischen Ölbohrplattform Draupner-E in der Nordsee meldet die automatische Wellenmessanlage in einem Sturm mit 12 m hohen Wellen eine einzelne Welle mit 26 m Höhe. Nachdem man sich auf einen schönen Begriff geeinigt hatte, neben Volldiehohewelle und Verdammthohewelle, neben Zombiewelle und Habnescheißangstvorderwelle, auf Monsterwelle, hatte man nun auch den wissenschaftlichen Beweis für die Existenz dieser Monsterwelle, da man vorher nicht genau wusste, wie besonders hohe Wellen hießen.

Halbmondimitation zu Neujar


Ich versuchte einen Halbmond zu imitieren und verhielt mich ganz still. Sind Halbmonde nicht irgendwie senkrecht, fragte Elli, und ich biss die Zähne aufeinander. Hallo?, Elli jetzt wieder. Du, sind Halbmonde nicht eher senkrecht? Ich ließ zischend Luft durch die Nase entweichen. Ruhe!, knurrte ich und merkte, dass die Konzentration schwand. Und das bereits am ersten Tag im neuen Jahr. Elli, die Plaudertasche, Elli, die Wissbegierige. Kann man, nein Elli, nicht einmal die Dinge nehmen, wie sie sind? Einmal. Was war jetzt mit den guten Vorsätzen für 2010? Ich wollte ELLI nehmen, wie sie ist. Geht doch gar nicht. Hallo?, jetzt wieder Elli, hörst du mir überhaupt zu? Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum. Hallo, ich bin noch da!, nervte Elli weiter. Ich weiß, dass du da bist, dachte ich zornig, ich weiß, und ich will dich auch ab morgen nehmen, wie du bist. Aber jetzt will ich einen Halbmond imitieren und dazu brauche ich Ruhe und keine dummen Fragen. Einen einzigen Halbmond, so perfekt, wie ich ihn mir jedes Jahr zu Beginn wünsche, das muss doch zu schaffen sein, genau wie es möglich sein muss, Elli, dass du einmal, verdammt noch mal, dein Maul hältst, ab morgen wird alles anders, aber Neujahr ist Neujahr, und wenn es um den Halbmond geht, gibt es keine Alternative. Jetzt wieder Elli: Ist ein Halbmond nicht eher türkisch? Es schreit in mir, ich berste, platze, detoniere, implodiere, was auch immer, EEEEEEELLLLLLLLLLLLLLLIIIIIIIIIIIIIIII soll's Maul halten!

Das war's dann. Neujahr kann ich vergessen, inklusive Halbmond. Elli ist blöd, und ab morgen werde ich sie genauso nehmen.

Hurra!

888 Veröffentlichungen in Bodos Welt.

dadaismus am jahresende


Theo von Doeskopp: Rolltrepp (2009)

treppauf treppab
schlepp knauf stepp schlapp
trepp roll
depp schmoll
roll trepp
doll nepp
rufen
stufen
schleppauf schleppab
zuhauf zuschnapp

Aufgeräumtheit zum Jahresende


Das ganze Jahr hatten wir Probleme, unsere Welt in Ordnung zu halten, geschweige denn, in Ordnung zu bringen.
Ständig lag etwas herum, die Zahnbürste stand im falschen Glas, die Schublade stand ständig offen, das Klofenster offen , obwohl die Heizung an war und überhaupt waren die Vorhänge mal wieder geschlossen, obwohl es draußen hellichter Tag war und so ein Zimmer auch mal ein bisschen Licht verdient, vielleicht sogar braucht.

Die Quittungen für die Steuererklärung von 2009 wehen herum, ein paar leichte flüchten unter den Schrank, ein DIN-A-4-Exemplar flattert aufgeregt in der Ablagebox, um endlich starten zu können. Schwermut schleicht sich hoch und würgt an der Lebenskraft, bis wir schier unendlich traurig resümieren, dass wir es wieder mal nicht geschafft haben. Ja, was denn?
Unser Leben in Ordnung zu bringen, das All und seine Gestirne neu zu richten? Welch überheblicher Gedanke! Welch blasphemische Frage!
Das geht gar nicht!, brüllt es aus dem modernen Menschen heraus. Die Menschen ändern sich nicht, auch du nicht, der du das hier liest.

Drum sei bescheiden und freue dich, dass dein Dachfenster noch am alten Platz sitzt, dass die Angelschnur, die du 2004 dort hingeworfen hast, weil du im besoffenen Kopf nach einem alten Turnschuh, den die dösige Dietlinde dort ebenfalls im beschwipsten Zustand weit werfend abgelegt hatte, angeln wolltest, erfolglos natürlich, wie es immer deine Art war, dass das Moos, das echte, nicht das auf der Bank, immer noch wächst und irgendwelche Metallzäune da sind, wo sie immer waren, dass deine Welt, die du sie aus dem Fenster deines Zimmer erkennen kannst, in Ordnung ist, und zwar seit 5 Jahren, das ist doch wohl was, oder?
Also, Kopf hoch, so kurz vor Jahresende!

Georg Krakl: Krokette (2009)

Des Biologen Glaspipette
drang tief in die Krokette,
um dieser Speise zuzuführen,
was Esser wenig spüren:
Guten Geschmack.
Mit - zack!-
E sechshundertunddrei.

Wie lecker schmeckte jetzt der feinpürierte, ölfritierte Brei!

Falsch gebrauchte Redewendungen: Du hast Käsefüße!


Du hast Käsefüße! Woher kommt eigentlich dieser Spruch, der uns suggerieren will, wir hätten die Körperreinigung im unteren Bereich vernachlässigt, vielleicht weil wir aufgrund eines Rückenschadens uns nicht mehr entsprechend bücken können? Du hast Käsefüße!, das heißt doch, dass unsere Füße stinken,oder?
Weit gefehlt. Liest man in den Schöpfungsmythen der Völker nach, so stößt man bald auf die Holländer, die glauben, die Große Mutter Frau Antje habe die ganze Welt aus einem Goudakäse erschaffen, unter anderem auch die Holländer. Und das war lange, bevor die Holländer die halbe Nordsee trocken gelegt hatten, damit den Touristen der Weg zum Strand länger wurde. Dort konnten sie dann mehr Buden aufstellen, um Frikandel und Pommes an die Urlauber zu verkaufen.
Frau Antje soll vor Anbeginn der Zeit – und wir fragen jetzt nicht, woher denn Frau Antje gekommen ist und wer sie denn geformt hat- mit ihren flinken Finger den Holländer gebastelt haben, einen robusten Kerl mit Holzschuhen, denn Goudakäse lässt sich nicht so leicht formen wie etwa FIMO. Der Holländer langweilte sich schnell und fing deshalb an, Fußball zu spielen. Frau Antje, die mit Fußball nichts an der Spitzenhaube hatte, formte schnell eine Holländerin, die gewisse anatomische Besonderheiten hatte, die sie vom männlichen Holländer unterschieden und als echte Konkurrenz zum Fußball werden ließen.
Mittlerweile haben die Holländer weite Flächen ihres flachen Landes bevölkert und der Fußball ist unterdessen vergessen.
Wenn man heute einem Menschen begegnet, dem man sagen möchte: Du hast Käsefüße!, so wird hier erinnert an die Herkunft des Holländers, als die ganze Welt gerade frisch aus Käse geformt worden war und an seine Verbindung mit Frau Antje, der Großen Mutter, die dem Volk auch das Fahrrad geschenkt hat.