Georg Krakl: Röhrengedicht mit falschem Konjunktiv II

Der Hirsch röhrt laut im Wald,
durch Brunfthormone durchgeknallt.
Die Spreise röhrt im Magen,
der kann die nicht vertragen.
Die Dommel röhrt im Unterholz,
ist auf die neue Trommel stolz.


Nicht jeder, der das hört,
weiß, was ihn stört,
wenn es in seinen Ohren röhrt.
Und denkt: Bevor ich den Verstand verlöre,
da gückt ich in die Röhre.

Der Hirsch macht weiter wie bisher,
die Speise ist jetzt sauer,liegt im Magen quer.
Die Dommel sucht ihr Dommelrohr
und röhrt so laut wie nie zuvor.








Georg Krakl - Der gute Jäger

Der gute Jäger, der mit Plastikkugeln schießt, ist still
und auch verdrossen.
Die Tiere tun nicht was er will.
Sie haben heute auf den Mann  zurückgeschossen.

(Weil sie nicht besoffen,
hab'n sie auch getroffen.)



Welttag der Ösophagen

Georg Krakl - Speise
Wenn die Speise in der Speiseröhre röhrt,
dann ist der Verdauungstrakt gestört.

Maiwies'n überall

Jedes Dorf und jeder Flecken hat nicht nur sein Oktoberfest, sondern auch seine Maiwies'n. Früher verachtete man den Bajuwaren, der behäbig, glubschäugig und fettfingrig in die Bierzelte torkelte, sich das Bier in den Wanst kippte und der Bedienung in den Hintern kniff, um zu zeigen: Hier kommt ein Hanswurst. Und der hat Durst. Der kann lachen, weil er Witze über andere macht, die nicht so sind wie er. Der macht Sachen, wenn er denn seinen Arsch von der Bierzeltgarnitur hoch kriegt, der kann die Blaskapelle dirigieren und dem tanzen die Mäuse und Möpse nach der Fuchtel, wenn er genügend intus hat. Auch wenn das die Ärsche, die Mäuse und die Möpse ganz anders sehen. Der Mops ist ein armer Hund mit flachgeschlagener Schnauze, der nicht mehr richtig riechen kann, die Maus ein Ungeziefer, das sich hinter den Brotkörben, die zur Haxe verteilt werden, versteckt, und die Ärsche stecken in Lederhosen, die doch eher unbeweglich machen, auch wenn man den Latz vorne aufklappen kann, um unter den Biertisch zu brunzen, wie es der Bayrische gerne ausdrückt. Mit Verachtung schauten wir auf diesen südlichen Ekelmann, heute sind wir selber einer. Die nordische Bedächtigkeit unter Einfluss der zunehmenden Migration mutiert in das Bedürfnis, eine eigene Gruppe zu bilden, die sich abgrenzen kann. Wir wissen doch alle, dass die Öffnung der Gesellschaft schnellstmöglich die Abgrenzung, die Begrenzung und möglichst auch die Ausgrenzung nach sich zieht. Wer eine eigene Gruppe darstellen will, muss sich äußere Merkmale aneignen, die auch im Vollsuff von jedem Grenzdebilen erkannt werden können, und dazu gehören nunmal Lederhose mit Geschirr,  Trottelhut aus Filz und Kniestrümpfe. Die Damen glauben, es reiche, wenn sie ihre Brüste teilentblößten, da könne man sofort erkennen, zu welcher Gruppe sie gehörten. Wer eine eigene Gruppe bildet, hat Kraft und solidarische Gemeinschaft, sich gegen das Fremde zu wehren, selbst wenn die Verkleidung und das südländisch-deutsche Gebahren ihm selber fremd sind.
Egal - Gut ist, was froh macht. Also: Ein Prosit und drauf gschissen!

Georg Karl - Zweizeiler mit Denkerstirne drin

In Falten legt der Freier seine Denkerstirne,
trifft er auf Äußerungen einer Stänkerdirne.

McDonald's beliefert Bundeswehr

Ursula von der Leyen, Mutter aller Kompanien, hat JA gesagt. Nach zähen Verhandlungen ist jetzt alles unter Dach und Fach: McDoof, wie der Volksmund den Fleischbrötchenhersteller aus den USA nennt, liefert ab demnächst Versorgungspakete an die hungernde Soldatenwelt. Der Schießburger wird ein Teil dieses Caterings sein, ein spezielles Bundeswehr-Arrangement, überwiegend in Carmouflage  gehalten, damit der Essende im Einsatz nicht vom neidischnm Feind erschossen wird.
Nachtisch? Sicher. Eisebombe special. Damit jeder Einsatz auch ein kulinarisches Showdown werden kann. Dessert Storm quasi.

Winnetou 4: Ostern im Western

Winnetou und Old Shatterhand treffen sich auf einem Hügel in Jugoslawien. Kurz vor Ostern.

OS:Winnetou, roter Bruder, dies Jahr wieder Eier verstecken?
W: Charlie, mein Blutsbruder, ist schon wieder Eierfest? 
OS:Ostern, Winnetou, Ostern. Wie haben Ostern, ihr habt den Western.
W: Das sagst du jedes Jahr.
OS:Weil du das nicht behältst.
W: Euer wichtigstes Fest nach dem Geburtstag.
OS:Weihnachten, Winnetou, Weihnachten.
W: Ostern. Ist das nicht wie Weihnachten, nur ohne Geschenke?
OS:Genau. Deswegen habe ich’s ja mehr mit Weihnachten. Ich mag sowie keine Eier.
Trotzdem: Roter Bruder, hast du meine Eier schon versteckt?
W: Ich dachte, das macht der Osterhase.
OS:Wie alt bist du eigentlich?
W: 31.
OS:Und du glaubst immer noch an den Osterhasen?
W: Ich wollte dir eine Freude machen. Aber du glaubst ja auch an den Weihnachtsmann.
OS:An irgendwas muss man doch glauben.
W: Irgendwen.
OS:Seit wann sprichst du so gut deutsch? Der Weihnachtsmann bringt wenigstens Geschenke.
W: Deine Eier habe ich im Silbersee versteckt.
OS:Das darfst du doch nicht verraten! Dann muss ich doch nicht mehr suchen.
W: Die vom letzten Jahr sind auch noch drin.
OS:Du weißt ganz genau, dass ich nicht schwimmen kann.
W: Deswegen ist das doch ein tolles Versteck, weil du da nicht suchst. Deswegen sage ich ja: Deine Eier sind im Silbersee.
OS:Am Arsch. 
W: Jetzt wirst du nieveaulos.
OS:Du kannst Niveau noch nicht mal schreiben.
W: Ich weiß aber, was es heißt.
OS:Du weißt ganz genau, dass ich nicht schwimmen kannst.
W: Aber tauchen geht doch. Wer nicht schwimmen kann, taucht schnell unter.
OS:Tauchen, tauchen. Ostern soll Freude machen.
W: Mir macht das Spaß, dich beim Suchen zu sehen.
OS:Spaß ist nicht Freude.
W: Dann glaub doch an den Weihnachtsmann, du Angsthase.
OS:Osterhase.
W: Eben nicht.

OS:Mir reichts, ich geh jetzt Komanchen schießen.

Georg Krakl - Das Ei

Am Anfang war die Henne,
dann das Ei.
Der Mensch hieb letzteres entzwei.
Kein groß Geflenne.

Der Mensch, er hat gespürt,
dass man es rührt
und in die Pfanne tut
solange brutzelt, bis es gut,
und ohne Not
auf Brot
serviert
und ungeniert

dann isst
und dann vergisst

dass unter der zerbrochnen Schale noch ein Wesen reifen wollte,
das gackern und auch Eier legen sollte.

Gut, dass die Henne erste war
und nicht das Ei.
Sie kann dem Menschen weiter Eier legen.
Der Mensch, der ist gerührt,
so wie das Ei, und spürt:
Dass jeder isst, so wie er isst,
und nicht mehr denken muss: Das ist ein Segen.

Georg Krakl - Oster-Lied



Der Osterhase hat für mich ein Ei versteckt.
Das Ei ist rot.
Der Treiber hat das Tier dann aufgeschreckt.
Der Jäger schoss ihn tot.

Geblieben ist das rote Ei,
ein Hasenleben geht so schnell vorbei.

Dem Treiber und dem Jäger fehlt die Pietät;
bereuen käme ohnehin zu spät.

Gedenkt am Osterfest

des Hasen, wenn ihr seine Eier esst.

Pädagogentagebuch: Urinale evaluieren

Liebes Tagebuch!
Ob ich fehle, wenn ich irgendwann weg bin? Wie schnell sind Lücken, wenn man eine hinterlässt, zugekippt, zugeschmiert, zugewachsen. Denk an Löcher im Rasen - wie schnell sind sie wieder grün; im günstigsten Fall vertritt man sich den Fuß an dem nicht mehr sichtbaren Loch, oder der Mähroboter bleibt stehen, weil die Räder in der Luft drehen, so als wollte er deiner gedenken. Ich frage mich, ob Mähroboter überhaupt zur Andacht fähig sind und wohin steuert die Menschheit, wenn sie die ihr eigenen Qualitäten Maschinen überlassen will. Jeder ist ersetzbar. Auch der Mähroboter. 

Du denkst, der Laden kommt ohne dich nicht aus, aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt. 

Der Fahrstuhl kriegt die Tür nicht mehr schnell genug auf. Der Hausmeister meint, es sei Zeit zu gehen, und der muss es ja wissen. Neulich im Zielstockwerk bin ich gleich wieder runtergefahren und stand dann im Keller vor einer Putzfrau mit ihrem Arbeitswagen, die wohl auch nach oben wollte, mich aber runtergeholt hatte. Ich wollte eigentlich oben aussteigen, sagte ich ihr, und sie entschuldigte sich. Ich ließ sie stehen, denn Platz war nur für sie in der Kabine, nicht aber für ihren Putzwagen, und erreichte endlich mein Ziel. 

Die Unterrichtsstunde hatte ohne mich begonnen. Das hatte zwar nicht geschadet, aber gelernt hatte auch keiner etwas. Das nennt man seit ein paar Jahren Qualitätssicherung. Wenn der Schüler nach der Stunde nicht dümmer geworden ist, dann ist sein Wissen gesichert. Wenn der Unterricht das schafft, dann ist er von guter Qualität. Qualitätssicherung.

Wer wird wohl auf meinem Platz sitzen, wenn ich weg bin. Ich sitze seit fast 20 Jahren immer auf dem selben Platz. Eigentlich gibt es keine festen Plätze im Lehrerzimmer, nur Lehrkräfte, die immer auf dem selben Stuhle hocken, als wollten sie etwas ausbrüten. 
Mich stört das nicht, solange niemand auf meinem Stuhl sitzt. Dann trete ich immer ganz nahe an die Sitzende - wir haben ja viel mehr Frauen im Kollegium, sodass es wahrscheinlicher ist, dass eine weibliche Lehrkraft den Stuhl okkupiert hat - und fange an, über ihre Schulter oder ihren Kopf weg mein Butterbrot oder einen Post-it-Zettel an mich zu nehmen, ein Schulbuch, das dort liegt, oder ein Heft, das ich eigentlich noch korrigieren müsste, oder ein Dodekaeder, das der Kollege Haschke dort platziert hat, um seinen eigenen Platz zu markieren. Die Fehlsitzende erklärt dann irgendwann, sie stünde gleich auf, sie müsse das Gespräch noch beenden, was aber in einer Schule in der Regel nicht passiert, vielmehr laufen mehrere Gespräch gleichzeitig, die aber nicht beendet werden.

Beim Pinkeln habe ich überlegt, dass man die Benutzung der drei Urinale auf dem Herrenklo evaluieren könnte, das wäre mal was Sinnvolles. Dazu drei Säulendiagramme vielleicht in unterschiedlichen Gelbtönen.

Nach dem Händewaschen auf Schweinegrippenart versuche ich zwei Papiertücher zu nehmen. Der Behälter ist aber so vollgestopft, dass ein Drittel des Vorrats aus der Box kommt. Verschwendung.

Pilzgedicht mit einem Rechtschreibfehler drin

Der Hallimarsch,
der ist im Arsch.
Man hat ihn einfach so zertreten.
Da hilft kein Beten.
Jetzt hofft er, dass das Pilzgeflecht,
genannt Myzel, ihn rächt.

Günter Krass - Mutti und der grüne Mann

Mutti, da ist ein grüner Mann.
Kind, es gibt keine grünen Männer.
Er fasst dir an den Hintern, Mutti!
Es gibt nur Grüne Tante.
Der Mann ist grün.
Du bist noch grün hintern den Ohren, Kind, da sieht man schon mal grüne Männer. Grüne Tante gibt es, da kann man sich die Hände mit sauber machen.
Mit Tante Trude kann ich mir die Hände nicht sauber machen, höchstens an Tante Trude, aber dann wird sie immer schnell giftig.
Grüne Tante ist ein Reinigungsmittel.
Der Mann ist grün und sieht nicht nach Reinigungsmittel aus.Der fasst dir schon wieder an den HIntern.
Das kann nicht sein. Mein Hintern gehört mir.
Aber ich sehe es ganz deutlich. Was macht er da? Warum reibt er seine Hände an deinem Hintern, Mutti?
Ich merke nichts, was soll denn sein?
Vielleicht säubert er seine Hände an dir.
Das kommt ja wohl gar nicht in Frage! Niemand wischt sich an mir ab.
Der tut's aber.
Vielleicht möchte er was anderes.
Ja, was denn? Was denn?
Vielleicht will er mich heiraten.
Wieso wischt er denn dann seine Hände an dir ab?
Was weiß ich. Ich kenne den überhaupt nicht. Andere Länder, andere Sitten. Eigentlich ist der ja gar nicht da.
Mutti, jetzt spricht er.
Ja, was denn, Kind, macht er mir einen Heiratsantrag?
Er sagt, verdammt, ich kriege die Hände nicht sauber. Ist noch was Grüne Tante da?
Das gibt's doch nicht, Kind!
Doch, doch, doch.
Schade. Ich hätte gern mal einen grünen Mann geheiratet.
Geh mal in den Keller, da ist noch Grüne Tane im Regal neben der Waschmaschine.
(Kind ab) Einmal könnte der Kleine doch recht haben.....

Rumblödeln

...heißt jetzt rumtrumpeln.

Rolf und Dieter: Tassen im Schrank

Rolf: Du hast nicht alle Tassen im Schrank.
Dieter: Das ist nicht mein Schrank.
Rolf: Und die Tasse da?
Dieter: Da ist keine Tasse.
Rolf: Eben.
Dieter: Was soll das heißen?
Rolf: Da fehlt eine Tasse im Schrank.
Dieter: Na und?
Rolf: Ist das denn deine Tasse?
Dieter: Eine Tasse, die nicht da ist, kann auch keinem gehören.
Rolf: Vielleicht war da ja mal eine Tasse.
Dieter: Woher willst du das denn wissen?
Rolf: Kann doch sein.
Dieter: Ist aber nicht bewiesen.
Rolf: Wäre es denn deine Tasse, wenn eine da gewesen wäre?
Dieter: Wäre es meine Tasse gewesen, muss es heißen. Sie ist ja nicht mehr da.
Rolf: Also war da doch deine Tasse.
Dieter:Konjunktiv ist shit. Zählt nicht, verstehst du? Möglichkeitsform. Hättehätte liegt im Bette.
Rolf: Aber du räumst die Möglichkeit ein?
Dieter: Alles ist möglich.
Rolf: Also doch.
Dieter: Mit dir kann man nicht diskutieren.
Rolf: Dito.
Dieter: Nenn mich nicht Dito!
Rolf: Habe ich doch gar nicht.
Dieter: Eben gerade.
Rolf: Ich sag jetzt nichts mehr.
Dieter: Du hast aber angefangen.
Rolf(leise): Überhaupt nicht.
Beide entfernen sich Richtung Leselampe.

Georg Krakl - Regenwurmanbetung

Vincent van Eenoor -Regenwurmanbetung (2017)
In schwerem Sturm
dem Tode nah
mein wundes Auge sah
den Regenwurm.
Ich hätte drauf gewettet:
Er hatte mich gerettet.

Jetzt will ich nicht mehr auf ihn treten,
sondern ganz bescheiden zu ihm beten.







Es ist oft wundersam, wie Religionen entstehen und welche religionsstiftenden Impulse verantwortlich sind.
Hannes, der Säufer torkelte einst aus seiner Stammkneipe, voll des Fusels, und voll des Gefasels, das er an der Theke nicht hatte unterbringen können. Voll war auch sein Herz, denn er suchte nach einem neuen Zuhause, wo er sich zuhause fühlen konnte. Seine Stammkneipe konnte das nicht sein, denn da stand immer jemand hinter dem Tresen und forderte ihn auf endlich seinen Deckel zu bezahlen.
Hannes brauchte ein Ziel, und das sollte Damaskus sein; deshalb machte er sich auf den Weg, um nach Damaskus zu schwanken.
Bereits nach 15 Meter stolperte er über einen aus dem gepflasterten Gehweig herauslugenden Stein, der wohl durch den letzten Frost nach oben getrieben worden war. Er stürzte, fiel auf die Hände und stieß mit der Nase  auf den harten, aber regennassen Boden. Ein dünner Blutsfaden rann aus der Nase bis auf die Lippen, so als zeichnete das Schicksal eine Hasenscharte in das sonst makellose, vielleicht etwas aufgedunsene Gesicht des Zechers. Hannes öffnete die Augen, die er vor Schmerz zusammengekniffen hatte und blickte auf einen Regenwurm, der in der dunklen Nacht sein Quartier verlassen hatte. Der Regenwurm verharrte plötzlich und Hannes hatte das Gefühl, als wolle er ihm etwas sagen. Können Regenwürmer überhaupt sprechen?, fragte sich Hannes, und versuchte in die Augen des Wurms zu blicken. Regenwürmer haben keine Augen, sprach es in Hannes' Kopf. Und überhaupt, Hannes, sprach es weiter, du weißt doch gar nicht wo Damaskus liegt! Geh mal wieder zurück in deine Stammkneipe und beruhige dich mit einem Herrengedeck, Pils und Korn, das kennst du ja.
Hannes fühlte ein Glücksgefühl, das seinen ganzen Körper durchströmt. Genau. Nicht Damaskus. Herrengedeck! Ach, wie lange hatte er dieses Wort nicht mehr gehört! Oder gedacht, denn zu hören war ja nichts gewesen. Das war ein guter Rat: Man soll keine Ziele wählen, von denen man nicht weiß, wo sie liegen, wo käme man da hin?
Hannes rappelte sich auf und schwankte zurück in die Kneipe und an den Tresen. Pils und Korn, Manni, geht auf meinen Deckel. Und den würde er auf jeden Fall morgen bezahlen, oder übermorgen.

Berufsgruppen im Bild: Musiker

Es ist immer dasselbe.

Berufsgruppen im Bild: Hausfrauen mit Handtaschen

Hausfrauen mit Handtaschen in Wallung

Was ist eigentlich ein Zeitfenster?

Da haben wir nur ein knappes Zeitfenster, meint Bankangestellter Fred, als er Miranda die Modalitäten ihres neusten Kredites über den Tresen schiebt. Miranda schielt unsicher zu Seite und meint dann salomonisch: Aha. Als stiller Beobachter der Szene denke ich über das, was der Geldmann gesagt hat, nach.
Ich zerlege erst mal das Wort. Zeit und Fenster. Ist doch klar. Ein Fenster ist ein Loch in der Wand, durch das man gucken kann, oder durch das der neugierige Nachbar gucken kann und durch das Licht fällt, um einen Raum aufzuhellen. Es gibt manchmal einen Fensterrahmen, darin sitzt Glas, weil es durchsichtig ist, und den Rahmen braucht man, um das Fenster auf- und zuzumachen. Es gibt zusammengesetzte Wörter mit Fenster, die vom Material beeinflusst sind: Holzfenster und Kunststofffenster, und Wörter, die auf den Sitz (oder die Lage? Den Stand?) der Fenster deuten: Kellerfenster, Dachfenster, Kirchenfenster.
Was also ist ein Zeitfenster? Sitzt es, liegt es , steht es in der Zeit? Dann wäre es ein Loch, das von einem Zeitrahmen umgeben ist. Ein Loch in der Zeit heißt aber, dass da gar keine Zeit ist. Also, wir haben im Zeitfenster keine Zeit. Das macht die Sache mit unseren Terminen noch dramatischer, wir haben wenig Zeit und in der verfügbaren Zeit ist auch noch ein Loch. Durch das könnten wir gucken, aber dafür haben wir keine Zeit. Die Frage ist auch: Wohin gucken wir denn? Nach draußen oder drinnen?
Mal angenommen, das Fenster sitzt, liegt oder steht in der Zeit, dann wäre das einfacher: Wir könnten aus der Zeit gucken wie aus einer Kirche oder hinein, wie in einen Keller. Aber das wäre auch ein Loch in der Zeit, das wir uns gar nicht leisten können.
Und sowieso: Zeit ist eine Illusion. Das Fenster gibt's doch gar nicht, denkt Miranda, und Recht hat sie. Man soll nicht jedem Bankangestellten glauben, der mit Modewörtern um sich schmeißt.
Eine knappe Zeittür....das klingt irgendwie nicht gut, obwohl man dann wenigstens hindurchgehen könnte, wohin auch immer.

Leben mit dem Müll

Das Schulministerium hat noch einmal deutlich auf die sinnstiftende Funktion von Unrat, Überflüssigem und Unentsorgbarem in Lehrerzimmern hingewiesen.
Zwar stimme es, dass die wachsenden Haufen an Geräten und  Papieren, alten Lebensmitteln, Pfandflaschen und Turnschuhen den eigentlichen Arbeitsraum schrumpfen ließen, andererseits sähe sich der Lehrerkörper getrieben, den Unterricht aufzusuchen, da die Räume für die Schüler zwar nicht gemütlicher, wohl aber weniger ungemütlich aussähen. Auch der beim Einatmen eingesogene Staub sei geringer als im Pausenaufenthaltsraum der PädagogInnen. Diese unterrichtsbezogene Flucht aus dem Lehrerzimmer erhöhe die Präsenz im Klassenraum und verbessere die Qualität des Unterrichts, da er eher beginnen könne.

Georg Krakl - Pilzgedicht

Knollenblätterpilz 2

Tollen Retter - Schmilz
Dahin mein Herz!- getroffen.
Bin vor Liebe wie besoffen.
Knollenblätterpilz
Gegessen
Und vergessen
Tollem Retter jenes anzusagen.
Liebe schwindet  durch den Magen.

Jetzt ist's zwölf, will sagen, kurz davor.
Da unten seh ich jenen Retter.
Ich steh vor dem Himmelstor.

Georg Krakl - Pilzgedicht

Knollenblätterpilz

Wenn du einen isst,
merkst du schnell, wer dich vermisst.

Heute vor neun Jahren - Richtigstellung: Feinkostgeschäft

Der Verband deutscher Feinkosthändler besteht darauf festzustellen, dass es nicht Feinkothandlung, sondern Feinkosthandlung heißt. Sollte weiterhin Feinkothandlung in Bodos Welt geschrieben werden, behalte man sich Schritte vor. Bodos Welt: Vorsicht beim Schritte machen, schnell kann man in Feinkot treten, den besonders kleine und junge Rassehunde produzieren. Dass es Geschäfte geben könnte, die solchen Unrat verkaufen, ist ein Gerücht. Es heißt wirklich Feinkosthandlung, da besteht kein Zweifel.

Schröder plant Grazprom

Gerhard "Agenda" Schröder, der es geschafft hat, dass in Deutschland nicht mehr die Soziale Marktwirtschaft die Gesellschaft in die roten Zahlen prasst, plant jetzt, nach seinem vor Jahren erfolgreichen StartUp bei Russlands Putin und Gazprom, ein Crowdfunding zu lancieren: GrazProm.
Wohlwissend und vorausschauend, dass Haschisch in seinen diversen Verabreichungsformen der Kassenschlager sein wird, macht er sich schon jetzt bereit,  hier die Führungsrolle zu übernehmen.  Wenn die Metapher "die Nase dran haben" nicht ganz greift, so ist doch klar: Da ist noch was zu holen. Einmal Kanzler, immer Kanzler, und Geld macht sexy wie Macht das macht, da muss man nicht mehr ganz taufrisch sein. Und wer will nicht sexy sein? Auch wenn die Tüte schon mal den Blickwinkel verstellt und aus einem alten Sack einen prima Hanfbeutel macht...

Georg Krakl - Gedicht mit einem Endtag drin

Silvester
Trank er dies und trank er das,vor allem Trester.
Machte Sachen mit der Dame
Brachte sie zum Lachen
Und zum Weinen
Aß mit Senf die heißgeliebte Bartagame
Machte was mit ihren Beinen
Und dazwischen, was mit ihren Armen, ihrem Kopf.
An Neujahr, da kann sie nicht mehr weinen,
Ist sie still. Er hängt am Tropf.
Vorsatz für das Neue Jahr:
Neue Dame
Ohne Bartagame
Und Silvester
Nur  begrenzte Schlückchen Trester.

Neues aus Olympia

Endlich. Das Internationale Olympische Kommitee hat einen Vorschlag unterbreitet, nachdem das Thema Doping in Rio ignoriert worden war, wie man im Hürdenlauf auch gut ohne aufputschende Mittel auskommen kann. Ein Anfang ist gemacht, und das ist gut. In jedem Anfang liegt ein Zauber inne, wie der Dichter sagt, und jetzt gilt es, den zu finden.

Georg Krakl - Gedicht mit einem Tier drin

Das Wildschwein stammt nicht aus dem Mastbetrieb,
Das habe ich zum Fressen lieb.

Andi Warvoll - Vatermutterkindkrippe

Weihnachten bei Malers.
Kann man denn nicht einmal was auf die Leinwand kriegen, das man auch erkennen kann? Wo sind Esel und Ochse? Wahrscheinlich hat der letztere den Schwanz nicht für die O-Suppe hergegeben, sondern damit in grellen Farben auf der Leinwand herumgefuhrwerkt. Na, dann Frohes Fest!

Eilige macht!


Eilig eilig
Laufen laufen
Kaufen kaufen
Für den Frieden
einen Hummer sieden
Köstlichkeiten
Essen
Glühwein trinken
Und nach Glühwein stinken
Frieden auf der Welt verbreiten
Einen Braten zubereiten
auch Konflikte mal vergessen
gegen Hunger auf der Welt anessen
lieben lieben lieben
Puderzucker auf die Torte sieben
Kekse backen
Nüsse knacken
Glühwein trinken
Und verschütten
Flecken machen
Lachen, dumme Sachen machen,
küssen müssen,
Glühwein trinken und verschütten
Ehe kurz zerrütten
Laufen laufen
Und Geschenke kaufen
Trinken
Schinken schneiden
Bettler meiden
Mein Geld
Klein Geld
Kein Geld
Frieden auf der Welt
Eilig eilig
Essen essen nur nicht  fasten
Laufen laufen
Kaufen kaufen
Nur nicht rasten
Eilig eilig

Stille macht (singt)
Eilige, lacht
jetzt nicht, stumm,
wie dumm,
Stille macht nicht uneilig
Nur Eiligkeit die stille Nacht unheilig.

Günter Krass - Dornfelder


Mutter? Ja, Frohe Weihnachten dir auch, und danke für das Geschenk. Ja, ich habe mich gefreut. Wieso klingt das nicht so? Ja, ich trinke keinen Rotwein. Es hätten ja auch nicht gleich 6 Flaschen Dornfelder sein müssen, ja, nein, und auch nicht halbtrocken. Ich trinke, wenn schon, dann trocken. Das ist der, wo du sagst, der ist sauer. Nein, der ist nicht sauer, der ist trocken. Gut, der ist eben sauer, für dich, und ich trinke gerne sauren Wein. Aber nicht Rotwein. Weißwein. Ja, der wäre dann auch sauer.
Wie, was du denn sonst schenken sollst zu Weihnachten. Wir wollten uns doch nichts schenken, Mutter. Sechs Flaschen Dornfelder halbtrocken.....ja, die kippen hier irgendwann um, weil sie keiner trinkt. Nein, die kippen nicht wirklich um, das sagt man, wenn der Wein sauer wird. Wie, dann könnte ich ihn ja endlich trinken? Nein, ich trinke nur Weißwein, und das weißt du genau, das sage ich jetzt seit Jahren, und du hörst mir nicht zu, Weißwein trocken,  nicht Dornfelder halbtrocken. Nein, ich fange jetzt Weihnachten keinen Streit an, aber du hast gefragt und ich habe geantwortet. Wir wollten doch ehrlich zu einander sein. Wie, nicht gerade an Weihnachten? Gerade an Weihnachten, Fest der Liebe undsoweiter. Nein, ich muss mich nicht abreagieren. Bis jetzt war Weihnachten schön. Nein, aber es hat nichts mit dir zu tun, wenn ich keinen halbtrockenen Rotwein mag. Nein, Dornfeld ist keine Stadt und ich bin da auch noch nicht da gewesen, das war vielleicht Onkel Hans, der trinkt ja alles, was auf den Tisch kommt. Wieso werde ich jetzt unverschämt, wenn ich die Wahrheit sage.
Ja, es ist Weihnachten, ja, ich habe Verständnis dafür, nein, ich habe noch nie Rotwein gemocht, ja, damals, Lambrusco, weil der billig war und weil es den in der Zweiliterflasche gab. Da war ich 16. Nein, die Flasche habe ich nicht allein getrunken, sondern mit Ruth, oder Bettina, ist doch egal, wieso ist das nicht egal? Wie wer Ruth und Bettina sind? Na, Mädchen eben. Nein, die habe ich dir nicht vorgestellt, die wollte ich ja auch nicht heiraten. Und ich trinke seit dreißig Jahren keinen Lambrusco mehr. Mutter ich muss jetzt auflegen. Ja, man kann ein Handy nicht auflegen, habe ich selber gesagt, nein, der Akku ist wirklich leer, wenn ich das sage, dann stimmt das, es ist nämlich Weihnachten. Nein, ich rufe nachher nicht mehr an; nicht vor neun jedenfalls.

Lyrik an Weihnachten


Georg Krakl: Ganz/s
Zum Glück
isst man die Gans
nicht ganz
sondern ein Stück
von ihr. Der Esser grient dann frömmlich,
so ist die Gans auch ganz bekömmlich.

Georg Krakl: Krippe
Von der Gans lag nach dem Essen das Gerippe
(neben Jesus) in der Krippe.

Georg Krakl: Geschenk
 
In einem der Pakete

war für den Jahreswechsel eine zünftige Rakete.

Nach dem Trinken, nach dem Schmausen

ließ der kleine Kai sie an die Zimmerdecke sausen.

Georg Krakl:  Opa
 Opa tritt in seinem Wahn
auf die neue Eisenbahn.

Der ungeliebte Greis
latscht auch auf das Abstellgleis.

Auf selbiges, beschließt der Rest um sieben,
will man den Alten morgen schieben.


Günter Krass - Weihnachten bei Fred


*Du bissen Weihnachtsmann!, sagte der Onkel, wenn der Sohn oder Neffe Fred etwas falsch gemacht hatten, so richtig falsch. Du bissen Klon!, war die abgeschwächte Variante, und der Begriff bedeutet nicht das Duplikat eines Wesens, sondern eine grell geschminkte Witzfigur, die über die eigenen Schuhe stolperte. (Nicht Daniela Katzenberger, auch nicht die Geissens.) Du bist ein Weihnachtsmann!, diese zurechtstutzende Metapher säte den ersten Zweifel an Weihnachten. Ein Weihnachtsmann, nicht der Weihnachtsmann. Was konnte das bedeuten? Man sang nicht: Morgen kommen die Weihnachtsmänner, sondern der Weihnachtsmann. Und wenn ein Weihnachtsmann nicht Vorbild, nicht Autorität, nicht Lebensziel sein konnte, sondern ein Synonym für einen ungeschickten und zu Unfug neigenden Sohn und einen ebensolchen Neffen, dann geriet die ganze Weihnachtswelt mit Christkind, Engeln, Knecht Ruprecht, Zwergen, Nikolaus und eben dem Weihnachtsmann ins Wanken.
Die immerlautende Frage blieb:Wie konnte die logistische Meisterleistung, Millionen, nein Zigmillionen Kinder gleichzeitig an Heiligabend zu bescheren, bewältigt werden? Und dabei noch unsichtbar zu bleiben? Und das mit einem Weihnachtsmann, der scheinbar zu nichts zu gebrauchen war?
-->
Das wirklich Weihnachtliche war immer unsichtbar. Das Sichtbare, die Kugeln, die Kerzen, das kleingelockte Engelshaar, war käuflich, und lag Tage vorher im Regal beim Konsum. Manchmal tauchte der Weihnachtsmann am 6.Dezember auf und grummelte etwas von Immerartiggewesen und Gedicht aufsagen. Cousin und Cousin lachten unsichtbar in sich hinein und hatten längst an den Schuhen und der Manchesterhose Onkel Willi oder Freds Vater erkannt, und die waren weiß Gott keine Weihnachtsmänner. Die Jungen murmelten Lyrisches mit Endreim, dass irgendwie mit „mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ endete. „Aber noch nicht jetzt!“, ergänzten die Befragten im Gedanken und kassierten ihre Süßigkeiten, lächelten demütig und hielten es aus, wenn auch noch ein Weihnachtslied angestimmt wurde.

Der echte Weihnachtsmann stritt wahrscheinlich zur gleichen Zeit mit dem Christkind, dem Nikolaus, Knecht Ruprecht, den Zwergen, den Engeln und den Rentieren - oder waren es Elche?- über die Arbeitsverteilung bei der Bescherung. War Jesus eigentlich das Christkind? Oder war das Christkind ein ganz anderes Wesen, denn es so nicht aus wie ein kleiner Knirps, der in Bethlehem geboren wurde. Das Christkind war blondgelockt, hatte ein weißes Nachthemd an, ein zarten weißen Teint und blaue Augen.
Das Christkind war nordisch. Jesus stammte aus dem Nahen Osten. Fred kam vom Zweifeln und Verzweifeln. Weihnachten. Was für eine große Rätselkiste. 


Die Unsichtbarkeit der zentrale Weihnachtsfiguren stiftete Verwirrung; im Moment war Fred gläubig und sollte das die nächsten 6 Jahre bleiben. Mit der Konfirmation festigte der konfirmierende Pastor ihn in seiner Haltung, die er im Konfirmationsunterricht gewonnen hatte: Kirche ist nichts für mich.
Fred ging mit der Mutter in den Nachmittagsgottesdienst an Heiligabend, der trotz Überlänge und geänderten Anfangszeiten voll war, und Fred fragt sich: Warum ist die Kirche nur heute so voll? Es mussten Stühle bis in den Vorraum gestellt werden und niemand schnarchte leise. Die Luft war zum Schneiden. Wie ein Christstollen. Schwer lag die Heilegenachtstimmung über der Gemeinde. Der Vater weigerte sich  jedes Jahr, an etwas zu glauben. Er blieb zu Hause und glaubte, dass nach dem Tod nichts komme, und übernahm die Aufgabe für das Abendessen zu sorgen. In den ersten Jahren gab es aus diesem Grund Kartoffelsalat mit Würstchen. Da musste er nur das Wasser kochen und aufpassen, dass die Würstchen nicht platzten. Später wagte er sich an schwierigere Sache wie Schnitzel mit Pilzen aus dem Glas. Wenn der Gottesdienst mit Überlänge eine weiter Überlänge hatte, waren die Schnitzel trocken, die Pilze sehr klein und sehr trocken. Nur der Humor des Vaters war nicht mehr trocken. Die Laune übel, die Kirche war schuld. Der Begriff Kirche umfasste alles, die Männer im schwarzen Frauenkleidern, die Kirchensteuer kassierende Institution, das Glaubensbekenntnis und alles andere Bromborium, und den Gottesdienst speziell an Heiligabend. Jetzt war er konfirmiert. Er wusste, warum er den ganzen Kram nicht wollte. Gern hätte er jemanden für die dehydrierten Schnitzel und Pilze konfirmiert, aber es war ja Weihnachten.

Weihnachten. Fred fragte sich, ob er dieses Jahr wieder die obligatorische und bewährte Packung mit 4711-Seife und Zerstäuber schenken sollte, oder die Tosca-Variante? Ein Alpenveilchen wäre auch möglich, aber Fred hasste Alpenveilchen noch mehr als Usambara-Veilchen. Ein Pfund Bohnenkaffee kam nicht in Frage, das schnekte die Mutter schon der Schwiegermutter.
Man sollte nicht schenken, was man selbst nicht gern geschenkt bekäme. Aber der Mutter die neue Rolling-Stones-Single zu schenken, sah zu sehr nach Strategie aus. Wenn du sie nicht brauchen kannst, Mutter, könnte ich sie ja nehmen, übte Fred seinen Satz. Die 5 Mark wären gut investiert und die Mutter hatte sowieso keinen Plattenspieler, weshalb sie wohl die Scheibe zurückgeben würde.
Ein holländischer Junge quietschte sich durch Radio und Fernsehen mit dem Lied Mama, das jedes Mutterherz öffnete oder zum Schmelzen brachte. Heintje. Der Mutterglücklichmacher aus dem Nachbarland. Dafür würde er aber seinen Plattenspieler nicht hergeben. Selbst wenn die Mutter ihm die Heintjeplatte schenkte.
Fred entschied, dieses Jahr in Musik zu investieren. Mama, du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen. Hier formulierte der holländische Hochtöner, was Fred mittlerweile schwer fiel zu artikulieren. Die Mutter stufte ihren Fred mittlerweile als schwierig ein, weil er sein Zimmer nur noch sporadisch aufräumte, heimlich Pardon las und keinen Knick mehr ins Sofakissen machte, was wohl irgendwie gemütlicher und ordentlicher aussehen sollte.
Fred strebte an, die Haare -möglichst unentdeckt- länger werden zu lassen, weil es seinem eigenen Geschmack entsprach,  der zufällig auch mit dem britischer Beatgruppen übereinstimmte.
Was sollen die Leute denken, widersprach die Mutter, wenn Fred einen Selbstgestaltungsvorschlag unterbreitete, der ihr Missfallen fand.
Heintje - das war ein herzlicher Wunsch zu Weihnachten, und gleichzeitig auch eine Waffe. Die Mutter hatte keinen Plattenspieler und Heintje musste schweigen. In dieses Schweigen würde Fred seine erste Stones-Single Get off of my cloud auflegen, die schon einigermaßen abgenudelt war. Wat ess dat denn, hatte die Großmutter gefragt, als er Weihnachten 1965 die Platte nach dem Kufsteinlied auf seinem neuen tragbaren Monarch-Plattenspieler von Neckermann aufgelegt hatte.
Vielleicht war Heintje rausgeschmissenes Geld, aber es war ein letzter Versöhnungsversuch mit der Erziehungsberechtigten, um endlich das zu machen, was Fred immer drängender machen wollte.
Du musst doch nicht um deinen Jungen weinen, Mutter, summte Fred vor sich hin, und freute sich auf langes Haar und Sofakissen ohne Knick, auf ein unaufgeräumtes Zimmer und Renate, die bald Angela heißen würde, weil es mit Alma nur kurz geklappt haben würde.

Georg Krakl - Gedicht mit griechischen Buchstaben drin

Was dem Alpha  das Beta,
ist dem Weihnachtsbaum Lametta.

Georg Krakl - Gedicht mit Stanniolstreifen drin

Reichlich Lametta
ist dem hässlichen Baum
der Retter.
Man sieht ihn dann kaum.

Georg Krakl - Gedicht mit Dativ drin

Weihnachten 2020

Vor dem Sohne
schickt Amazon die Drohne.

Georg Krakl - Schenken

Unter dem Lametta
Fand der Kleine seine neue PVC-Beretta.

Im Gedanken schoss er auf die Katze,
Nach dem Weihnachtsliedgeflöte
Auf die Heimschildkröte.
Dann auf Opas Glatze.

Und als Höhepunkt zum Fest
Gab er Papa, Mama, Tante, Onkel, Evi und dem Tom
Den Rest.

Im Gedanken war er dann allein.
Ach, wie ruhig könnte dieses Fest der Liebe sein.

Georg Krakl Pampelmuse und Miesepampel

Die Pampelmuse und der Miesepampel
liefen an der Ampel
los bei Rot.
Ihr beiden! Macht kein' Quatsch!
Rief laut ein Bürger. Miesepampel war schon tot.
Die Pampelmuse Matsch.

Georg Krakl - Gedicht mit gespritztem Obst drin

Vincent van Eijnoor - Pampelmusenlecken (2016)
Bloß kein Geschmuse
mit der Pampelmuse.
Wenn du an ihrem Runden leckst,
mag sein, dass du verreckst.

Der Gang zur Urne

Stille Zeit, dunkle Zeit.
Trübes Wetter, trübe Aussichten. Die Tage verschwinden allmählich, es weihnachtet bald.
In dieser gedrückten Stimmung baut sich das Horrorszenario vor uns auf:
Die USA geht an die Urne, Donald "Fönfrisur" Trump gewinnt.
Putin wird unsterblich.
Assad erhält den Friedensnobelpreis für die Befriedung Syriens.
Erdogan gründet das Osmanische Reich Erdognaien und kann endlich den Vorwurf des Völkermords gegen die Armenier bestätigen. Die Kurden verschwinden gleich mit.
Beatrix von Storch wird Bundespräsidentin.
Merkel tritt erneut zur Wahl an.
Die Menge schweigt.
Da ist es Zeit, zur Urne zu gehen und zu bedenken, dass alles endlich ist. Asche zu Asche.
Bis auf Putin. Siehe oben.

Georg Krakl - Erinnerungen an Weihnachten 2016

Weihnachtsgans
Von der Gans liegt nach dem Essen das Gerippe
in der Krippe.

Opa und Geschenke
Opa stürzt in seinem Wahn
in die frisch geschenkte Eisenbahn.
Die Familie ist darauf entschlossen,
diesen Greis,
der sie am Fest der Liebe hat verdrossen,
den sie eigentlich doch lieben,
im nächsten Jahr aufs Abstellgleis
zu schieben.

Geschenk
In einem der Pakete
war für den Jahreswechsel eine zünftige Rakete.
Nach dem Trinken, nach dem Schmausen
ließ der kleine Kai sie sausen.


Was meint sie?

Da sagt die Fachkraft, man sei dünn aufgestellt und versucht eine gewisse Wackeligkeit zu erklären, irgendwie seien die Daten schlechter als imVergleichszeitraum.
Dick aufgestellt, wenn es das gibt, hieße, dass die Zahlen wohl besser sind. Gut aufgestellt, sagt der Assistent und moniert, dass man nicht nur aufgestellt sei, sondern sogar gut. Der Assistent ist nur angestellt, die Fachkraft eine von denen, die sich immer anstellen. Abstellen, sagt der Zuhörer, das Aufstellen und Anstellen abstellen. Sofort. Dabei meint er das Abgestelltsein. Und das Sichanstellen oder Angestelltsein. Vielleicht ist der Zuhörer verbeamtet und versteht nicht, was es heißt, dünn aufgestellt zu sein. Heidi Klum ist dünn aufgestellt und ihre Magermodels sind dünn aufgestellt, die drohen, jederzeit umzukippen. Dick Aufgestellte sind in der Mode unerwünscht, weil es keiner merkt, wenn sie umkippen. Beziehungsweise, es interessiert keinen. Dick geht es zu gut. Da kann umkippen, wer will. Sogar die Fachkraft.

Bei Amazon nichts bestellen

Eigentlich wollte ich nur einen leeren Karton, damit mein Geschäftspartner sein Xylophon daraufstellen kann, wenn wir die Weihnachtslieder für die Betriebsfeier üben.
Ich hatte mit überlegt, dass man am günstigsten an einen leern Karton kommen kann, wenn man bei Amazon "nichts" bestellt, sodass "nichts" ausgeliefert wird, natürlich in einem Karton.
Sicherheitshalber hatte ich noch mal "nichts" in die Suchmaske gegeben, um nichts falsch zu machen, schließlich steht Weihnachten vor der Tür und die Lieder haben so ihre Tücken.
646840 Ergebnisse gab es unter diesem Begriff.
Ich war enttäuscht, denn ich hatte eine andere Vorstellung von "nichts". Das mit dem leeren und vor allem kostenfreien Karton hatte sich wohl erledigt und mein Geschäftspartner würde nach wie vor auf dem Boden sein Xylophon  spielen müssen, was natürlich den Rücken und den Magendarmtrakt schädigt, wenn er das von einem Hocker aus macht.
Immerhin: Wer Weihnachten nichts schenken will, sollte mal bei Amazon stöbern. Weit über eine halbe Million Möglichkeiten, da wird doch wohl was dabei sein.

Georg Krakl - Gespenster (2016)

Gelangweilte Gespenster
Gucken traurig aus dem Fenster.

Schluckt doch Kleister!
Das empfehlen gute Geister.
Leckt mit Zungen
Jede Wand!
Klebt Tapeten mit der Hand!
Das wär doch gelungen!
Taucht in grelle Farben eure Schwänze,
Pinselt alle Wände farbenfroh zur Gänze!

Haben doch nur lange weiße Kleider,
Sagen die Gespenster,
Keine Zungen, keine Hände, keine Schwänze, leider.
Gucken traurig aus dem Fenster.

Und die Geister?
Schlucken Kleister,
Lecken Wände,
Nutzen Hände,
Tunken Schwänze,
Pinseln farbenfroh und tanzen Tänze.

Geister können sich so schön begeistern.
Nur Gespenster scheitern schon beim Kleistern.



Herbstanfang im Nudistencamp

Vorbei die warmen Tage, vorbei die Tage, an denen man seinen nackten Körper stolz durch die Gegend zeigen konnte.
Die nasskalten Tage haben begonnen, die Tage von Sturm und erstem Bodenfrost.
Wie jedes Jar beginnt im Nudistencamp das große Rätselraten:Welche Körperteile bedecke ich, damit ich immer noch ein Nudist bin, und als solcher auch zu erkennen, nämlich durch das Bloßlegen der sonst unter Badehose und Badeanzug versteckten Gebiete? Schließlich will man nicht krank werden, denn wäre Schluss mit Beisechsgradgeschlechtsteileherumzeigen.
Ohne Mütze herumzulaufen bringt nichts, ebensowenig wie mit freiem Oberkörper, oder mit tiefem Dekolleté bei denen Damen, das machen doch alle, die Damen besonders auf den Oktoberfesten.
Letztlich bleibt nur: Hose aus und primäre Teile zeigen. Das macht sonst keiner. Da weiß jeder, dass hier ein FKKler bei der Stange bleibt. Auch wenn die Metapher nicht gelungen ist, denn die kalten Temperauren fördern eher eine gewisse Schrumpeligkeit und Bläulichkeit bei den Besitzern und entfernen diese von der vorherrschenden Geissenästhetik, dass alles glatt, tiefgebräunt und aufgespritzt sein muss, weil das von Luxus und Entspanntheit zeugt.
Das Fähnlein der sieben Aufrechten - auch das eine fehlplatzierte Metapher - trotzt dem Wetter für ihre Gesinnung: Dass Nacktherumrennen schön ist, dass es nicht um das Herzeigen geht, auch nicht um das Hinguckenkönnen, sondern um Natürlichkeit, um das Sein als Neugeborenes, um die Freiheit des Nativen. Besonders im Herbst lässt sich der auch körperlich vorpubertäre Zustand, fernab jeder Regung, simulieren. Und das ist schön. Wo, wenn nicht im Nudistencamp, hat man die Möglichkeit, in Gummistiefeln und Regenjacke und ohne Hose im Minimarkt des Camps vor der Fleischtheke zu stehen? Deshalb: Der Herbst bringt den Nudisten ans Licht. Alle anderen sind nur Nackte.

Bodos Welt-Brüderle-Tag

Angela B.Merkel steht es noch ins Gesicht geschrieben: FDPler Rainer Brüderle machte selbst vor angegrauten Damen mit herabhängenden Gesichtspartien mit seinen Anzüglichkeiten nicht halt. In die Dekolletés der Damen schielend, ließ er sich von dreisten Bemerkungen nicht abhalten.
Na, wieder das Unterhemd vergessen, Mutti?, raunte der sexistische Quasselkaspar bei einem öffentlichen Auftritte in Bayreuth der Kulturbeflissenen zu, und ergänzte: Hauptsache, die Bratschen verspielen sich nicht bei so viel Fleisch. Das sind doch alles Gemüsefresser, weil die immer so langweilige Sachen spielen müssen.
Welcher Zusammenhang zwischen einer  Wagneroper, Bratschen und Vegetariern besteht, bleibt unbekannt. Dem Politiker war wohl sein Motto wichtig: Bevor man gar nichts sagt, sagt man lieber was.
Heute, nach dem verdienten Ausscheiden aus dem Bundestag 2013, arbeitet Brüderle als selbständiger Berater. Selbständig, wohl weil ihn niemand anstellen mochte.
Merkel übt sich an der Idendifikation mit dem Aggressor, um erlittene Traumata zu überwinden. Mit Blick in die Bluse bzw. ins Dreiknopfkostüm murmelt sie, eine Brüderle-Gesichtsmaske tragend: Wir schaffen das.

Georg Krakl - Bad Oeynhausen

In einem soliden
Boliden
Auf Autobahn dreißig
Das Gaspedal tretend, da weiß ich:
Bad Oeynhausen
Lässt sich glatt schön sausen.

Gelobt sei das Automobil,
Es tut für die unschönen Städte so viel.