"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Eiskugelmeditation


Mit Andacht essen ist gut; wie wenig hilft es der Welt, wenn Currywürste und Döner mit gierigen Bissen zerkleinert und hektisch heruntergeschluckt werden, nur um das profane Hungergefühl zu betäuben, um schneller zu sein als der Nachbarm, der vielleicht die minderwertige Nahrung vom Teller stiehlt, um sie sich selbst einzuverleiben. Schnelles Essen ist Egomanie. Bloß nichts abgeben, alles alleine haben wollen! So denkt und funktioniert der Alltagsmensch, dem der eigene Bauch näher ist, als die Hüftrolle des Nachbarn. Und dann in der Menge der Schlingenden: Der Pilger! Andächtig hält er seine Nahrung vor die Stirn. Er dankt dem Universum, er dankt allen Wesen, Tieren und Pflanzen, die ihm Nahrung sind; er hält inne, hat Zeit sich zu besinnen, er respektiert das Große und Ganze, in dem der kleine Mensch versinkt, in dem er wie ein Tropfen im Ozean ist. Das Profane wird bedeutungslos; die Nahrung wird geheiligt.
Immer tiefer versenkt er sich mit jedem Tropfen des geschmolzenen Schokoladeneises, der auf den Boden oder die Goretex-Wanderhose tropft. Der Pilger weiß um die Bedeutung seines Opfers für die Schwingungen der Welt, er weiß darum, dass er dem Guten hilft, dass er einen Teil seiner Nahrung opfert, symbolisch, um den Unfrieden, den die Schnellesser und Schlinger, die armen Schlucker eben, mit jedem Hamburger, mit jedem Schnitzel, mit jeder Bockwurst stiften, zu begegnen und in Harmonie zu verwandeln.
Wenn der Pilger zurückkehrt in das Hier und Jetzt bleibt ihm ein braunes Muster der süßen Tropfen auf dem Boden oder vielleicht sogar auf der Hose. Er weiß, dass es gut ist, so gehandelt zu haben, sich in der Masse zurückzuziehen in sich selbst und Kontakt aufzunehmen mit den Wesen einer höheren Welt, um unerkannt zu helfen. Wanderer hinterlässt keine Spuren, mag ein wahrer Leitsatz der Wissenden sein. Manchmal muss aber auch eine Ausnahme gemacht werden, wenn es der Sache dient.

Samstag, 27.9.08: Inkognito reisen


Wer will nicht unbehelligt bleiben, wenn er reist? Inkognito nennt man das. Vor allem der Prominente, der zwar immer sein Maul aufreißt und die Zähne zeigt, um zu lachen, seine Fans aber eher zum Kotzen findet, sie aber billigend in Kauf nehmen muss, weil sie seinen üppigen Lebenswandel finanzieren, so dass er sich ein Bahnticket leisten kann, um einmal einen Ausflug machen zu können, will unentdeckt bleiben. Am häufigsten werden Prominente am Gesicht erkannt. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Charlie Chaplin, der an seinem Bambusstöckchen erkannt wurde und wie Winnetou, den man über die Silberbüchse und die Tatsache, dass er wie ein Althippie aussah, identifizieren konnte, ist der Kopf das Haupterkennungsgebiet an einem Prominenten. Den Kopf zu verhüllen ist eine einfallslose und nutzlose Methode, sich vor Übergriffen durch Fans zu schützen, die nicht davor zurückscheuen, mit ihren Fingern in der kopfverdeckenden Kleidung herumzuwühlen, bis sie einen warmen Körperteil zwischen Daumen und Zeigefinger halten und laut aufschreien können: Heino Ferch!, oder Heidi Klum! Anschließend wird mit Fanpostkarten im Gesicht des Gefundenen herumgestochert, was üble Schnittwunden nach sich ziehen kann, wohl aber dem Erheischen einer Unterschrift dienen soll.
Am schlimmsten aber ergeht es Reisenden, die ihren Kopf hinter einer Windbluse verstecken, weil sie ein Nickerchen machen wollen. Wenn der hoffende Fan, nachdem er gewühlt und gestochert hat, feststellt, dass es sich gar nicht um einen Prominenten handelt, nicht einmal um einen Schausteller aus einer täglichen Seifenoper, sondern um eine belanglose Person des Alltags, kann das Erwachen böse sein. Frustabbau heißt dann die Devise, und da weiß der Fan nicht wohin. Da bleibt nur noch, ihm die Bildzeitung hinzuhalten und zu hoffen, dass ihn das täglich wechselnde Bild einer Barbusigen ablenkt.
Tipp: Wenn schon Nickerchen, dann immer mit unbedecktem Kopf. Wenn schon nicht erkannt werden wollen, dann zu Hause bleiben!

Freitag, 26.9.08: Weltstadt Berlin - Sicherheit geht vor


Der deutsche BIG APPLE Berlin krankt doch am Detail. Klar, man will dem Ausländer, der vielleicht englisch spricht, das Leben etwas einfacher machen und teilt ihm mit: Meister, nicht mit der Tür in die Hotellobby fallen, sondern den Türgriff benutzen. Im Ausland sind Türgriffe, manchmal sogar Türen, weitgehend unbekannt. Da denkt jeder sofort an die Fliegengittertüren in der Fernsehserie Lassie, die sich sogar mit dem Butterbrotsbeutel von Timmy öffnen ließen, oder an die praktischen Wigwams, die gar keine Türen besaßen, sondern nur einen Schlitz, durch die der Häuptling seinen Federkopfschmuck pressen musste. Das Ein- und Ausgehen glich einer Geburt. In Deutschland ist das anders, besonders in Berlin, dort hat sich die Türklinke seit den wilden Zwanzigern durchgesetzt, als nämlich die Mode überhand nahm, einfach hereinzuplatzen. Egal wo herein oder hinein, man platzte in den Raum, als ob es zum guten Ton gehöre. Der Türgriff schob dem im wahrsten Sinne einen Riegel vor, einen versteckten nämlich. Der ausländische Mensch läuft immer noch auf eine Tür zu und hofft, dass sie sich, vielleicht wie in der Heimatstadt New York, von selber öffnet, oder, vielleicht in seiner Heimatstadt Rejkjavik, einfach wegtaut durch die Körperwärme des Heraneilenden. Berlin ist eine Weltstadt und da denkt man an die Verletzungsgefahr, die Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund droht. Ein praktisches Schild mit dem Hinweis auf einen DOOR HANDLE verhindert das Schlimmste; übersetzt heißt das TÜRGRIFF und warnt den auch den deutschen Mann, der gern einmal durch die Wand geht und glaubt, Türen seien für ihn kein Problem. Denkste, Meister! Hauptstadtkorrespondent Peter Henne

Donnerstag, 25.9.08: v. Eijnoor - Einsam wegen schlechter Zähne


Häufigste Ursache seit Erfindung der Parodentose.

Mittwoch, 24.9.08: v.Eijnoor - Beäugt.


Iss so, ganz ehrlich.

Dienstag, 23.9.08: v. Eijnoor - Auf andere zeigen


Zeigt man eigentlich nicht.

Montag, 22.9.08: v.Eijnoor - Karneval in Rio...

...aber total schlecht sitzende Masken.

Sonntag, 21.9.08: v.Eijnoor - Blödes Huhn findet drei Körner


Drei Körner nur, zu blöd.

Hämorrhoiden oder Hämorriden?

Vor der Reform der Rechtschreibung waren Hämorrhoiden tabu. Die Leute konnten das Wort nicht schreiben, also wurde es auch nicht geschrieben. Darüberhinaus befanden sich die Objekte in einem Bereich, der nur hinter vorgehaltener Hand besprochen wurde, in einer Tabuzone, die seit der Erfindung der Unterhose unter dem Oberbegriff "unaussprechlich" zu finden war. Wenn dann doch gesprochen wurde, so sagte man Hämoritte, vielleicht assoziierte der Hörer die freundliche Margaritte und konnte dem Sprecher den Tabubruch verzeihen. Dadurch dass niemand die Krankheit bzw. die Protagonisten dieser aufschreiben konnte, erhielt das Ganze eine Art Glorienschein, eine Form der Mystifikation lief ab, es erhielt etwas "Unbeschreibliches". Dann kamen die forschen 90er-Jahre und das noch forschere 2.Jahrtausend. Erst die Rechtschreibreform: Die Hämorrhoide wurde ganz legal zur Hämorride, immerhin noch rechtschreibtechnisch schwierig, weil mit zwei r, und entledigte sich ihrer Heiligkeit, wurde quasi profan, bürgerlich, nein, trivial, und schließlich entblödete sich eine schreibende Frau nicht, darüber ein Buch zu verfassen, in Romanform auch noch, und nötigte die Bürger, dieses zu kaufen, in einer Menge, dass es auf die ersten Plätze der Bestsellerliste schnellte, und nötigte sie weiterhin, die vorgehaltenen Hände herunter zu nehmen und zu schreien, einfach weil niemand hinter dem Trend herhinken wollte, zu schreien, wenn der Beflüsterte nach dem Wo fragte: Am Arsch! Mit dieser Ausdruckweise lag der oder die Schreiende natürlich im Trend, spätestens seit der Hobbythek zum Thema Bauch, Darm und Hintern, und bewertete gleichzeitig das Gelesene, um weiteres Interesse zu wecken und den Kaufanreiz für das Pamphlet zu steigern. Alles nur wegen der Rechtschreibreform.

Leichtfertig gesagt: Du hasten Schuss

Leute, die an der Schießbude stehen, fühlen sich wohl, wenn der von Markt zu Markt ziehende Anbieter privater Showdowns sagt: Du hast einen Schuss! Immerhin haben sie Geld bezahlt und machen auch gern ein paar Schüsse mehr, weil sie Geld sparen.
Wenn dann die Schießwütigen statt auf die Plastikblumen oder Synthetikbären in den Keramikröhrchen aus Versehen auf die Angestellten schießen, weil sie keinen Jagdschein besitzen, kommt es schon mal zu unliebsamen Äußerungen wie: Du hasten Schuss, Meister, pass bloß auf! Damit haben sie an diesem Stand praktische auch einen Jagdschein erworben, der zwar nicht zum Erwerb einer Waffe berechtigt, wohl aber eine Art Freischein ist, die das unstrukturierte Herumschießen in der Gegend verstehbar macht. Ein Makel bleibt trotzdem, denn niemand bekommt dieses Dokument wirklich ausgehändigt. Menschen mit solchen Attributen müssen jeden Tag aufs Neue beweisen, dass sie berechtigte Träger des Qualitätsmerkmals sind. Nicht einfach und manchmal nervend. Da geht auch schon mal ein Schuss nach hinten los.

Gastbeitrag: Leser und Leserinnen stellen sich vor – heute: April aus Norwegen


Ich lese gern in Bodos Welt – natürlich nur dann, wenn ich in meiner kleinen Hütte in der Nähe des Polarkreises Strom habe. Wenn nicht, muss ich selbst schreiben. Ich glaube ja immer noch, dass Bodo in Wirklichkeit eine Frau ist. Viele seiner Ansichten sind sehr weiblich, und wenn man so wie ich inmitten der Natur ganz allein ist, entwickelt man ein Gespür für so etwas. Am besten gefallen mir die Gespräche der Aliens. Bodo, ich finde, du solltest wieder mehr Science Fiction schreiben. Olli Dallilahmer kann ich nicht so gut ertragen. Er erinnert mich zu sehr an den Aussteiger in der Hütte unten am See, der leider gerade deutsch lernt, um mit mir seine Ansichten zu teilen bzw. damit ich seine Ansichten teilen kann. Und es nervt mich, dass Bodo so pingelig ist, was den Fleischverzehr betrifft. Ich würde hier im Winter gar nichts zu essen haben, wenn ich nicht meine Fallen im Wald hätte und mir ab und zu etwas braten könnte. Manchmal wünsche ich mir hier Menschen, die mir z.B. einfach nur etwas von ihrem letzten Urlaub erzählen, ob es auf dem Campingplatz laut war oder ob es zu viele Hunde gab. Tja, und weil das hier nicht geht, lese ich in Bodos Welt.

Menschen im Freiland

Ein neuer Wellnessbereich hat sich heimlich entwickelt und will Trendsetter in 2009 werden. Freiland-Sport ist den Salatköpfen nachempfunden, die nicht in der brütend-feuchten Hitze von Glashäusern in ihrer Nährtunke dümpeln, sondern die sich der Sonne und des Sauerstoffs erfreuen und dem Gaumen des Gourmets eine Freude bereiten wollen. Wenngleich der Vertilger von Freilandeiern darüber klagt, die Eigelbe würden zu sehr nach Regenwurm und nicht mehr nach Fischmehl schmecken, so glaubt der sportive Mensch, der Entspannung und körperliche Betätigung sucht, dass ein längerer und regelmäßiger Aufenthalt im Freien den Geschmack nicht trüben kann. Vielmehr könnten geschmacklose Menschen endlich etwas kerniger im Biss, etwas herzhafter im Abgang auftreten, was das Selbstbewusstsein erweitern und das Selbstwertgefühl steigern würde. Zurzeit werden verschiedene Sportarten angeboten, die den genannten Effekt erzielen sollen: Herumzeigen in der Gegend, Stabtragen auf Rasen, Händervormbauchverschränken und Beifallnicken vor dem Metallzaun. Alle Sportarten erfordern lediglich normale Freizeitkleidung, und das macht das Ganze so preiswert. Teuer kann sich die Anschaffung eines Metallgitters erweisen, vielleicht kann das Herumlungern in Buswartehäuschen da eine Alternative sein. Auf jeden Fall eine begrüßenswerte Idee, die auch bewegungsgehemmten Menschen das Gefühl vermitteln kann, etwas Sinnvolles für ihren Körper getan zu haben.

Farben im Wandel der Zeit

Die Zeiten ändern sich und mit ihnen Modefarben. Waren in der Steinzeit besonders erdige Töne beliebt, wie etwa Bärenfellbraun, Karnickelgraubraun und Umbra, so liebte man im Mittelalter besonders Polierteseisensilber und Rüstungsrostbraun. Im 21.Jahrhundert ändert sich der Geschmack fast halbjährlich, die Modebranche diktiert, was gefallen muss, weil sonst ein Kaufverbot droht. Der verstörte Kunde glaubt treuherzig die Drohung und kauft alles Mögliche in den hässlichsten Farben, weil er Angst hat, die Industrie und der Einzelhandel würden ihm demnächst den Zugang zu ihren Waren verbieten. Weit gefehlt! Natürlich muss der Kunde kaufen, damit die Industrie weiterhin hässliche Farben und noch hässlichere Mode produzieren kann. Und mal ehrlich - mit Aussperrung droht der Kapitalist doch erst, wenn der Lohnabhängige streikt. Im Einzelhandel heißt der Kaufstreik allerdings Boykott, und da das kaum jemand schreiben kann, verzichtet man auf dieses Kampfmittel und kauft weiter, mit schlechtem Gewissen zwar, aber auch mit dem Gefühl der Hilflosigkeit.
Die Lebensmittelindustrie hat sich umorientiert: Sie produziert nicht am Käufer vorbei gemäß dem Motto "Der Hunger treibt's schon rein", sondern bereitet ihre Speisen mit den natürlichsten Lebensmittelfarben zu, so dass ein kurzer Seitenblick auf die dargebotenen Köstlichkeiten das Wasser im Munde versammelt. Sahnehaltige Süßspeisen wie Torte und Biskuitrollen werden in dezentem Braun gehalten, damit der hohe Kaloriengehalt nicht auf das Gemüt schlägt, dazu weiße Tischdecken und das passende Porzellan, quasi als Sahneersatz, den man nicht verzehren kann, was wiederum das Gewissen beruhigt (Von dem Weißen habe ich überhaupt nichts gegessen!). Umrahmt wird die Tafel von einer Garnitur rot-grüner PET-Flaschen mit Limonade, die durch die Farbkombination ROT-GRÜN dem Trinker mitteilt, er handele nach sozialdemokratischer Ausrichtung in Verbindung mit einem Umweltbewusstsein, das sich die Grünen an die Brust geheftet haben. Vielleicht genügt diese Farbzusammenstellung nicht der Ästhetik eines Kunstmalers, wohl aber macht sie den Kampf mit dem Körpergewicht erträglicher und hält die Hoffnung aufrecht, diesen Kampf eines Tages zu gewinnen.

Tod eines Kritikers


Martin Walser hat eine Art Krimi geschrieben, er hat seinen Hass auf Leute kompensiert, die seine Bücher verrissen haben, die ihn einen echten Langeweiler genannt haben, und ihm ist hier ein Husarenstückchen gelungen: Genau so ein Buch, wie es die Kritiker immer wieder bekrittelt haben, ist ihm gelungen. Es ist kein Krimi, sondern eine Art Enthüllungsgeschichte. Der Literaturbetrieb wird kritisch betrachtet und beschrieben, wir erfahren endlich, was hinter den Kulissen passiert und warum die größten Langeweiler echte Bestseller schreiben können. Unter diversen Pseudonymen werden die unterschiedlichsten Charaktere vorgeführt, wir vermuten diesen und jenen, aber beweisen können wir nichts, alles ist Fiktion. Vielleicht wollte sich Walser an Elke Heidenreich rächen, die das Buch "Die Wand" so hochgelobt hat, dass es massenhaft verkauft wurde. Jeder, der es sah, las es, nur um rauszufinden, ob es wirklich so stinklangweilig ist, wie man munkelte, und jeder konnte erleben, wie der Betrieb funktioniert: Da muss nur eine Vielleserin ein paar kryptische Kommentare abliefern und schon steigt ein Stern auf am Nachthimmel der Schreiberlinge. Literaturpapst Reich-Anwitzki bekommt sein Fett ab und irgendwie hat der Leser am Ende das Gefühl, dass überhaupt keiner tot ist und dass auch gar keine Spannung in dem Buch war, wie sich das für einen Krimi eigentlich gehört. Das Buch hat eher etwas Meditatives. Nach einer halben Seite senken sich die Lider und der Kopf sackt zur Seite. Der Leser ist eingeschlafen und träumt vom langweiligsten Tatort aller Zeiten. Noch mal: Tot ist keiner, was ja auch schön ist, spannend ist auch nichts, was immerhin langweilig ist, und da freut es den Verbraucher, wenn er das Buch als Remittendenexemplar für € 2,95 gekauft hat; das sind immerhin satte 6 €, die dem Sparbuch oder einem gemeinnützigen Zweck zufließen können.

Zugvogel, wohin?

Es wird Herbst. Die Zugvögel sammeln sich, du stehst unter der Hochspannungsleitung und schreist hoch: Wohin, wohin wollt ihr? Keine Antwort. Wildes Geschnatter und Gepiepe, keiner versteht einen Ton, niemand weiß wahrscheinlich, wohin die Reise gehen soll, einige treten sie zum ersten Mal an.
Dann triffst du auf einen Zugvogel, der einsam auf dem Andreaskreuz vor dem unbeschrankten Bahnübergang sitzt, verlassen von den Kollegen, die in der Ferne schnattern. Du fragst ein weiteres Mal: Zugvogel, wohin? Du betrachtest den kleinen Kerl, wie er zittrig auf dünnen, wackligen Beinen auf dem weiß-roten Blech kauert, eingehüllt in ein schlecht sitzendes Federkleid, das vielleicht vorher seinem älteren Bruder gehört hat. Zugvogel, wohin? Flüsterst du, um den kleinen Flieger nicht zu erschrecken. Auf den nächsten Zug, fiept es zaghaft zurück. Verdammt, denkst du, Vögel haben oft Probleme mit der Sprache! Zugvogel, ZUGvogel, was für ein Quatsch, der hat das total misstverstanden, das musst du klären, bevor die Kollegen auf der Hochspannung abrauschen! Du, Zugvogel, du hast da was falsch verstanden....Bevor du den Irrtum aufklären kannst, piept es: Ich komme sowieso aus Afrika und spreche kein Deutsch. Du nickst, weil du nicht verstehst. In diesem Moment kommt auch schon die E-Lok der Weserstadt-Kreisbahnen, der Vogel stemmt sich vom Andreasblech und fliegt kurzerhand hastenichgesehen auf den vorderen Tender, und weg ist er. Du denkst, dass Vögel auch nicht mehr so sind wie früher. Wobei .... wie waren die früher eigentlich?

Kleine Menschen

Mittlerweile neigen immer mehr kleine Menschen dazu, sich über große Menschen lustig zu machen. Oft reicht ein schlecht sitzender Hut und eine Körperlänge von 1Meter neunzig gegenüber einsfünzig und schon wird gelästert: Guck mal da! Über einsfünzig groß, aber einen schlechtsitzenden Hut tragen. Wie lustig! Selbst wenn keiner der Zwerge in der Nähe lacht, so ist das für den Riesen doch demütigend. Am liebsten würde er dem Wicht eins mit dem schlecht sitzenden Hut über die Rübe ziehen, dass dem Burschen Hören und Sehen vergeht, aber das Grundgesetz verbietet dies: Niemand darf, weil er zu klein ist, um über die Tischkante zu gucken, diskriminiert werden. Das lange Menschen mit schlecht sitzenden Hüten ebenfalls nicht diskriminiert werden dürfen, steht dort allerdings nicht. Da die Kleinen immer mehr werden, stellt sich die Frage: Ist eine Minderheit, wenn sie zahlenmäßig mehr ist als die Mehrheit, überhaupt noch eine Minderheit? Und wenn nein, kann man die dann nicht endlich mal so diskriminieren, dass sie ihr loses Mundwerk halten? Ja, da schweigt das Grundgesetz im Moment lieber.

Da lacht der Bäcker: Teilchenbeschleuniger

Haha, hört man aus deutschen Backstuben. Teilchenbeschleuniger, murmelt Oma, wat soll dattan? Muss denn alles hektischer werden? Was der schlecht Informierte für eine bombastische Anlage zur Akkzeleration von Kuchstücken hält, ist in Wirklichkeit der Versuch aus schwarzen Löchern, die beim Beschleunigen entstehen könnten, die Herkunft des Menschen herauszulesen. Wer hat uns gemacht? Wo kommen wir her? Da schmunzelt der liebe Gott, denn er weiß das schon lange, sagt aber nichts. Viel interessanter wäre aber die Antwort auf die Frage: Wo werden wir enden, wenn wir so weiter machen wie bisher? Naja, die Wissenschaft hat ja immer mal ein paar Fragen von vorgestern auf Lager, deren Antworten nicht so wichtig sind; aber wenn sie dann mal da sind, sollten sie auch geglaubt werden. Auf jeden Fall könnte der liebe Gott endlich mal sagen, was er weiß. Das wäre nämlich die einfachste und billigste Lösung...

Vincent van Eijnoor: Küssen

Eijnoor hebt hier auf die alte Rassendiskriminierung ab: Dunkelhäutige küsst man nicht so gern, wie man sieht. Der weiße Mensch schaut, weil dem Bildungsbürgertum entstammend, indigniert. Welche Gefühlslage er damit wirklich verbindet, bleibt verborgen. Fatal nur: Negerküsse werden nach wie vor massenweise einverleibt. Diese paradoxe Situation in Wohlgefallen aufzulösen, bleibt mal wieder dem Ernährungsminister vorbehalten, der sich derweil mit der Süßwarenindustrie herumschlagen muss, wiel sie gegen die Wörter "Schokohubbel" und "Eineweltküsse" opponiert.
Malerei kann gesellschaftskritisch sein. Muss aber nicht.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Durcharbeiten (Meditation)

(Foto: Sonntags um drei. Mal wieder nichts passiert. Selbst die Wachhäuschen stehen leer.)
Sonntags um drei in deutschen Wohnstuben: Depression. Morgen ist Montag, das Wochenende neigt sich dem Ende(!) zu, ein flaues Gefühl macht sich im Magen breit. Shit, denkt mancher Beamte, morgen geht der Zirkus wieder los, Shit, denkt der Fließbandarbeiter, morgen wieder ins Hamsterrad. Schnell wird noch ein Bier gekippt, um den Niedergang der Stimmung zu kompensieren. Was passiert da? Schlechtes Gewissen stellt sich ein, weil am Wochenende außer Fernsehen nichts passiert ist, weil die Erholung nicht geglückt ist, weil alles so ist wie immer, nur dass die Arbeit fehlte.

Da sind wir auch schon an der Wurzel des Unheils angelangt. Fünf Tage haben wir durchgearbeitet, plötzlich, zwar erwartet, aber doch plötzlich, als ob ein japanisches Gemüsemesser eine Gurke zerteilt, ist die Trennlinie da: Hier die Arbeit, da das Wochenende ohne Perspektive. Anfangs euphorische Gemütsbewegung, ah, jetzt ist das Wochenende am längsten, jetzt haben wir noch alles vor uns, aber.....eine dunkle Stimmung kriecht vom Bodenbelag an den Baumwollstrümpfen über die Kniescheibe durch die Unterhose zum Solar Plexus, dahin, wo unsere Mitte sein sollte, unser Ruhepol. Die Uhr tickt, mit jedem Zeitzählgeräusch schrumpft die Freizeit und damit die Chance, sich zu erholen, zu regenerieren, aufzutanken, Lebensmut zu schöpfen für die nächste Arbeitswoche. Die Depression ist da: Freizeitschmelze, Leere und fehlende Ideen, etwas mit der Zeit anzufangen, außer darüber nachzudenken, dass sie abläuft, sind ihre Zutaten.
Die Lösung ist einfach: Wie eine ständig wiederkehrende Bewegung einen Menschen in Trance versetzen kann, in der er sich vom Alltag entfernen und Kontakt mit seinem höheren Selbst aufnehmen kann, so geht das auch in der täglichen Arbeit. Das Stampfen der Maschinen kann Mantra sein, der Korrekturstift wird zur Gebetsmühle, wenn er in ewigem Gleichmut und immerwiederkehrenden Bewegungen über den fehlerhaften Text gleitet, das Glockenhelle der Kinderstimmen in der 6a ist die Klangschale des Alltags, die fein in uns resonieren kann. Das Übliche, das Gewöhnliche, das Normale einmal anders sehen, hören, fühlen, spüren; aus jedem Wort, das an uns gerichtet wird, ein Mantra machen, und uns dann tief versenken, in unserem innersten Brunnen Ruhe schöpfen, sie in uns vergießen, strömen lassen und weiter machen, unaufhörlich, ohne Pause, immer und immer weiter, bis die Ruhe uns überwältigt hat, bis die Ruhe die Herrschaft übernommen hat, bis wir selbst Ruhe sind. Wir sind Ruhe. Ich bin Ruhe. Vollkommene Ruhe. Dann wird es Zeit für einen kleinen Urlaub. Aber bis dahin heißt es: Durcharbeiten.

Wenn am Montag die Motoren wieder knattern, steht uns der Frust vor der Unterlippe und will sich rauskotzen. Das Wochenende war mal wieder voll daneben, ohne Effekt, ohne Erfolg

Schulexpertin Barbara "Barbie" Turat: Chancengleichheit

"Als ob die soziale Herkunft etwas mit Chancengleichheit zu tun hätte! Jeder hat die Chance. Jeder hat die Chance Abitur zu machen. Dann sind die Leute 19! 19 Jahre, da haben andere früher schon eine Familie ernährt. Auf eigenen Füßen haben die Menschen gelebt, nicht auf Kosten der Eltern. Hotel Mama, genau, abstillen, wenn das Kind dreißig ist. Mit 19 muss man wissen, was man will, da muss man seine Chance nutzen, da sind alle Unterschiede herausgewachsen aus den Kindern, die jetzt Erwachsene heißen. Wer das nicht kapiert, sollte auch kein Abitur machen. Chance nutzen heißt auch, dass man sich einen passenden Beruf sucht. Es muss nicht jeder studieren. Wir brauchen in unserem Staat auch gute Handwerker und auch Menschen, die Arbeiten machen, die wir früher den Ausländern überlassen haben. Da muss die oft verschrieene Hauptschule wieder ihren Beitrag leisten. Was sollen Hauptschulen, wenn alle Abitur machen wollen? So geht das nicht. Es gibt Begabungstypen, da kann man jetzt herumdeuteln, mal ehrlich, es gibt Schüler, die kann man durch 100 Fördermaßnahmen drehen, die bleiben, wie sie sind. Die müssten dann im Studium auch noch Fördermaßnahmen in Anspruch nehmen, und das geht nicht. Da soll selbständig gearbeitet werden. Noch mal von vorn: Es gibt die Chancengleichheit. Man muss sie nur ergreifen. Wie gesagt: Abitur - Muss man nicht unbedingt haben. Man kann auch anders glücklich werden. Sogar im Landtag hat nicht jeder Abitur. Jedenfalls hört es sich manchmal so an."

Irreführung durch die Presse

Auf den ersten Blick denkt der Leser: Aha, die EU...na was, solche Leute haben die jetzt im Parlament? Vielleicht sogar als Kommissare? Und dann erhöhen die auch noch den Druck auf Russland. Halt! Das ist vielleicht Russland, was ich da sehe, oder ein paar Vertreter aus Novosibirsk. Ach, nein, Russen sehen irgendwie anders aus. Mit Kopftuch und Kittelschürze, oder wenigstens einem Haufen Goldschmuck, da, wo Platz ist am Körper. Der Mann, falls es einer ist, trägt gar keine Pelzmütze Modell Breschnjew, der schaut vielmehr aus dem Kopf wie ein Kaninchen angesichts seines Schlächters, so als dächte es: Ob es weh tun wird? Quintessenz: Da sind weder EU noch Russland zu sehen noch scheint jemand unter Druck zu stehen.
Der Blick schweift weiter und findet die nächste Überschrift: Der Trend geht zum kurzen Pony. Interessant. Das Foto zeigt fünf Menschen, die den Trend zum kurzen Pony darstellen sollen. Zwei Blondinen haben etwas Fummeliges vor der Stirn, das nicht wie ein Pony aussieht; der männlich wirkenden Person hat man die Haare nach oben gestylt, für eine Frisur in Form einer Pelzmütze hat es wohl nicht gereicht, für einen Pony hat man die falsche Kämmrichtung gewählt. Zwei Damen tragen einen Pony, der ihnen gerade noch erlaubt, einen Blick ins Handtäschchen zu werfen, um nach dem Lippenstift zu wühlen. Das sind dann wohl kurze Ponys. Die langen sollen früher, als die noch im Trend waren, bis zum Kinn und noch tiefer gereicht haben. Man hat sie dann in der Mitte zerteilt und die Frisurhälften hinter die Ohren geschoben, was zur Erfindung des Mittelscheitels führte. Oder gehört der Text vielleicht zu einem anderen Bild, einem Pferdesportbild, auf dem neue Zuchterfolge präsentiert werden. Kurze Ponys, halb so lang wie die alten. Der dazugehörige Text erscheint vielleicht morgen. Oder ist gestern schon erschienen. Wir wissen alle: Zeitunglesen ist eine spannende Sache, und wenn man Glück hat, erfährt man sogar etwas Neues.

Witze über Hunde und China: Erniedrigend

Diskriminierender Witz gegen China: Das Essen im olympischen Dorf war so frisch, dass es manchmal noch bellte. Hahah! gröhlt der Vegetarier, den das nicht berührt. Schluchz!, hört man von der Hundebesitzerin, die an ihren treuen Begleiter denkt, der sie nicht wie Gustav wegen einer 10 Jahre jüngeren Schlampe verlassen hat. Warum aber lachen wir über solch einen Witz? Aus Verlegenheit, um den Erzähler nicht zu brüskieren, oder um nicht den Eindruck zu erwecken, wir hätten den Witz nicht verstanden? Auch Hunde werden in diesem Witz diskriminiert. Man bescheinigt ihnen, dass sie eigentlich nutzlos sind, wohl aber in China in einem sorgfältig zusammengestellten Menu ihren Platz haben können. Hundeschaschlik steht auch auf dem Speiseplan in Kasachstan, wie der ausgesiedelte Viktor zu berichten weiß. Man müsse ja nicht den Hund des Nachbarn nehmen, wenn sich bellende Alternativen böten, aber lecker sei es allemal. Wir lachen gedankenlos über Witze und uns fällt nicht ein, welche Schicksale dahinter stecken. Der Chinese, der jetzt wieder zensiert und drangsaliert wird und die olympischen Reste beseitigen muss, um zu seinem kargen Alltag zurückzukehren; der Kasache, der in Deutschland noch vorsichtiger bei der Wahl seiner Nahrung vorgehen muss, will er nicht aufgebrachte Tierschützer am Hals haben; der Hund selber, der natürlich lieber der älteren Dame zu Diensten ist und zaghaft herumbellt, als auf dem Pappteller eines Menschen aus dem Osten zu liegen.

Durch die Wand gehen

Im Mittelalter war alles viel schwieriger. Man hatte zwar seit dreitausend Jahren die Wände erfunden, nicht aber dazugehörige Türen, mittels derer man durch eine Wand gehen konnte. Kopfverletzungen stammten von dem Versuch, über eine Mauer zu springen; den Erstickungstod erlitten Verzweifelte, die versucht hatten, sich unter einer Mauer hindurchzugraben und deren Baugrube schließlich einstürzte. Ein einfaches Durchrennen des Bauwerkes zog zahlreiche Knochebrüche nach sich, Splitterfrakturen waren keine Seltenheit. Daraufhin wurde die Eisenrüstung erfunden, die den Stürmenden schützen sollte. Leider ertranken viele, nachdem sie mit Schwung die Mauer durchwandert hatten, im Burggraben, der seit dem letzten Unwetter mal wieder randvoll war. Eisen schwimmt bekanntlich nicht oben, vor allen nicht, wenn es mit einem Ritter gefüllt ist. Da so viele im Graben ertrunken waren, erfand man schließlich das Fenster, durch das man gucken konnte, ob der Burggraben voll war und ob es empfehlenswert war, durch die Wand zu gehen. Die Chinesen, die schon lange in Besitz einer riesigen Mauer waren, erfanden schließlich erst das Schwarzpulver, dann die Ess-Stäbchen und zu guter Letzt die Tür. Ein Aufatmen ging durch ganz Europa und bis 1848 war die Rüstung fast vollständig verschwunden. Lediglich aus Erinnerungsgründen und weil sie so schön glänzen kann, wird sie noch heute von Liebhabern getragen. Zweckmäßig ist sie schon lange nicht mehr. Die Tür aber ist geblieben und erfreut die Menschheit, die gar nicht mehr weiß, wie das Leben ohne Tür mal gewesen ist.

Praktisch: Haustiere in der Dose

Das ist doch immer lästig: Wohin mit Fifi, wenn der Urlaub kommt? Einfach aussetzen klappt häufig nicht, denn das lebensortgewohnte Tier kehrt dickfellig zurück, vielleicht sogar voll mit Zecken und Flöhen. Jetzt bietet der Tierhandel die Alternative an: Das Haustier in der Dose. Bisher werden in erster Linie Fische auf den Markt gebracht, häufig in unterschiedlichen Saucen, die nicht nur das Auge verwöhnen, sondern im Notfall auch den Gaumen. Hering in Tomaten- oder Meerettichsauce sind bisher die Verkaufsschlager, wer es etwa größer möchte, kann auf Thunfisch in Erbsentunke ausweichen. Schildkröten sind in ebenfalls im Supermarkt zu erwerben; wer es exotischer will kann sich im KaDeWe in Berlin oder dem versierten Fachhandel mit Krokodilschwanzspitzen in Kapernsauce profilieren. Das Dosentier bietet immense Vorteile: Man kann es immer mit sich herumtragen; wenn Kuschelbedarf besteht, sind die Dosen elegante Wangenschmeichler. Dosentiere bellen nicht, geben keine unangenehmen Gerüche von sich und können in jedem Urlaub in der Handtasche mitreisen. Der Tierarztbesuch erübrigt sich, denn Dosen stärken scheinbar das Immunsystem. Selbst der Tierschutzverband hebt lediglich auf die Frage hin ab, ob das Tier vor der Eindosung artgerecht gehalten wurde, was dann aber zulasten des Produzenten und nicht des Tierhalters geht. Wer Tiere mag und Wert auf eine problemlose Haltung legt, dem sei die Anschaffung einiger Dosen ans Herz gelegt.

Nachrichten genau lesen

Nehmen wir an, eine Bildungsministerin predigt, dass sie alle Schulen liebe, einer Mutter gleich, wie erst kürzlich von Pädagogik-Barbie Sommer verkündet, und sie einige Kinder im Rahmen dieser umfassenden Liebe strenger behandeln müsse, womit sie die Gesamtschulen meinte, dann empfiehlt sich, etwas genauer hinzulesen. Auf den ersten Blick mag der schnelle Leser denken: Das kann doch nicht wahr sein! Dann aber wird ergänzt, dass durch individuelle Förderung alle Schüler auf dem gleichen Niveau sein müssten, die soziale Herkunft also in der 13 bzw. 12 überhaupt keine Rolle mehr spielen dürfe, dann drängt sich der zweite Gedanke auf: Das kann doch wohl überhaupt nicht wahr sein, dass ein hochdotierter Mensch, der für die Bildung, für Wissenschaft und den Rankingplatz im internationalen Vergleich zuständig ist, selbst soviel Unfug reden kann, der die Frage nachden von ihr genossenen Förderstunden stellen muss. Der dritte Gedanke ist: Was macht die eigentlich den ganzen Tag? Der vierte: Habe ich Voruteile gegen blonde Frauen? Der fünfte: Ist der Ministerpräsident eine Schlafmütze, dass er solche Kanonenschläge nicht mitbekommen hat? Der sechste und wichtigste: Wann geht sie endlich?
Und dann zurückgepfiffen! Genauer lesen! Habe ich etwas nicht verstanden? Habe ich etwas übersehen?
Fatal ist nur, wenn ich wirklich nichts überlesen habe... Was dann?

Chinesen in Deutschland


Die Chinesen haben Deutschland und speziell Weserstadt erreicht. In ihren traditionellen Drachenbooten sind sie die großen Flüsse in das europäische Land gerudert; Menschen haben sie ja genug, die einen einfachen Außenbordmotor ersetzen können. Über den Young C Young- Fluss, den Ob, die Donau und schließlich den Mittellandkanal haben sie nach erfolgreicher Schleusung am Wasserstraßenkreuz die Schiffsmühle an der Westfälischen Pforte(Porta Westfalica) angesteuert. Die Invasion scheint friedlicher Natur zu sein, denn bisher konnten keine Waffen an Bord der drei Boote Stephan, Stephan II und Stephan III entdeckt werden; allerdings soll das auch nur schwer möglich gewesen sein, da der Platz für die Ruderer gebraucht wurde. Nach erfolgreicher Landung verteilten die Asiaten bleihaltiges Kinderspielzeug und einen Teil der übriggebliebenen Goldmedaillen an die Bevölkerung; im Anschluss wurden verschiedene ortsansässige China-Restaurants auf die korrekte Rechtschreibung chinesischer Schriftzeichen in den Speisekarten überprüft. Über die Weser, die Nordsee und die jetzt eisfreie Behringestraße oder Nordwestpassage will man die Heimat erreichen; eine genaue Route muss noch erarbeitet werden, da die Boote nicht hochseetauglich sind. Interessant ist im Zusammenhang mit dem Besuch, dass der deutsche Name Stephan sich im Land der Stäbchenesser durchgesetzt hat. Dort heißt er allerdings
Step-Han, was soviel wie Chinesischesbootdasbleihaltigeskinderspielzeuganbordhat bedeutet.
Bis letzte Woche waren die Boote noch zu besichtigen. Die Weser soll jetzt aufgrund von Nachfragen besorgter Bürger auf Glutamat untersucht werden.

Tipps für Blindenhunde und Kinder: Rot oder Grün

Der korrekte Deutsche geht bei Grün über den Fußgängerüberweg (einige sagen: über die Ampel!), die Ampel erlaubt ihm das. Die Lichtzeichenanlage ist ein Platzhalter, besser Statthalter eines deutschen Beamten, der den öffentlichen Verkehr bearbeitet und vielleicht sogar regelt. Ich habe als Überschreiter der Straße also von behördlicher Seite die Erlaubnis und kann guten Gewissens meinen Weg fortsetzen. Es entsteht das Gefühl einer guten Tat, wie es in den Pfadfindern aufblüht, die abhängig sind von diesem Gefühl, quasi an der Nadel hängen, die immer wieder herumschwadronieren müssen, um alten Frauen eine Gefälligkeit zu erweisen, die diese niemals erbeten hätten. Der gehetzte Mensch geht gern bei Rot, ihm sind Recht und Ordnung egal, er rennt über die Straße, wenn sie frei ist und gibt damit Kindern und Blindenhunden ein schlechtes Beispiel, weil diese nämlich folgern könnten, es sei richtig, bei Rot zu gehen, oder es sei egal, wann man geht, Hauptsache man kommt unüberfahren auf der anderen Seite an, was dann wieder die Ampelanlage als solche in Frage stellt und damit die ganze Gesellschaftsordnung samt ihrem Beamtenstall, der sowieso mal ausgemistet gehörte. Den Blindenhunden, sofern sie für Farbenblinde arbeiten, kann schnell die Arbeitserlaubnis entzogen werden, vielleicht droht sogar ein Berufsverbot. Den Kindern, die derart fehlgeleitet sind, kann die Aufnahme auf ein Gymnasium erschwert werden, wenn aktenkundig und bekannt gemacht wird, dass sie sich durch Rot, der Farbe des Kommunismus, zu unerlaubten Handlungen hinreißen lassen. Da bleibt dann nur die Gesamtschule, die es mit den Farben nicht so genau nimmt. Ein gut gemeinter Rat: Bleib anständig und geh bei Grün, damit hast du dir den Lebensweg nicht verbaut, liebes Kind! Und du, abtrünniger Blindenhund, geh bei Grün, steh bei Rot! So lautet das Gesetz der Blindenschule. Das solltest du beherzigen, willst du dein Herrchen auch weiterhin an der Leine hinter dir hertrotten lassen.

Bodo W.: Aus meinem Stundenbuch

Es ist jetzt genau 10:59 Uhr.

Nachtrag: Schieß- und Kostümfest in Weserstadt

Den Vogel abgeschossen zu haben, ist wohl das höchste Ziel des sogenannten Freischießens in Weserstadt. Gemeint ist mit Vogel allerdings ein unbewegliches Tier aus Holz, das auf einer langen Stange sitzt und sich nicht rührt. Der schwankende Schütze muss keine weiteren Schwankungen hinnehmen, sondern kann sich in aller Ruhe auf sein unbewegliches Objekt des Treffens konzentrieren, was auch die Verletzungsgefahr für ahnungslos herumstehende Unbeteiligte verringert. Wer nach solch optimierten Verhältnissen feststellt, dass er daneben geschossen hat, ist frustriert. Manch enttäuschter Schütze versucht dann noch in später Nacht ein schönes Ziele vors trübe Auge und den kugelspuckenden Lauf zu bekommen. Tauben sind manchen ein Dorn im Auge und so kann man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Patschpeng! Und Zack! Da liegt der fedrige Feind, der letzte Nacht und die Nächte davor die Kofferraumhaube zugeschissen hat, auf dem Schnabel, wenn der denn noch dran ist, was ja je nach Kaliber unterschiedlich sein soll. Ob der normale Bürger solches Tun tolerieren kann, ist noch nicht entschieden; entsprechende Umfragen sollen gestartet werden. Eine innerstädtische Richtlinie soll nicht erlassen werden, weil die vielleicht die Freude am Schieß- und Kostümfest verdirbt. Innenstadtkorrespondent Peter Henne

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Zuspätkommermeditation

Früher habe ich mich über notorische Zuspätkommer aufgeregt, ich hatte das Gefühl, dass sie meine Lebenszeit vergeudeten, meine wertvolle Zeit, die ich nun nutzlos herumstehen musste, um auf die Unpünktlichen zu warten. Mittlerweile weiß ich, dass ich dadurch der Zeitvergeudung auch noch den Stressfaktor hinzufüge, was meine Lebenserwartung noch einmal drastisch verringert. In der Ruhe bleiben, verharren, geduldig sein, annehmen, dankbar sein. Das sind die Grundtugenden, die ein langes Leben versprechen, warten können, lieben, den Blick fürs Kleine und Unbedeutende schärfen, obwohl es schon halb fünf ist und wir uns doch um Viertel nach vier treffen wollten. Die Mitte finden. Nicht nur suchen und suchen, rastlos, gehetzt, nein, finden. Die Mitte finden und atmen, tief atmen, weiteratmen, bis die Ruhe kommt, sie kommt, warte einfach, und ausatmen, schnauben, wie ein Pferd, wenn es entspannt, ausatmen und einatmen, nicht mit den Zähnen knirschen, ein dunkles Raunen hilft manchmal, nicht den Passanten fixieren, ruhig bleiben, er wird gleich kommen, ich nehme das nicht persönlich, wenn der mich versetzt, der weiß auch, dass ich meine Zeit nicht gestohlen habe, im Grunde könnte ich auch hinterm Haus in meinem Liegestuhl liegen und ein gutes Buch lesen, ich hätte mich gar nicht auf diese blöde Geschichte einlassen sollen. Und dann wieder: ausatmen, zählen, Affirmationen wispern, ich bin ganz ruhig, alles wird gut, ich lasse und werde gelassen, ich bin gelassen, ich kippe vor Gelassenheit fast um, ruhig, ganz ruhig, dieses alte Pferdenarrenmantra, ruhig, Brauner, ganz ruhig, wer streicht mir durch die lückenhafte Mähne? Wer salbt mein Bein mit Pferdekühlungsgel? Da kommt er endlich, der traut sich wahrhaftig noch zu kommen, dieser miese alte Sack, dieser Zeitdieb, dieser..... Hey, Olli! Ich glaube ich höre nicht richtig, macht hier noch auf katzenfreundlich, als sei nichts gewesen, ist etwas später geworden, kann man wohl sagen, haha, darauf bin ich selber gekommen. Na, Tommi, dann aber mal los, höre ich mich sagen, das kann eigentlich nicht wahr sein, ich verrate mich selber, das ist Verrat, nein, das ist die Wirkung der Meditation, deren Zielen, zu lieben und zu vergeben, sich niemand entziehen kann, nicht einmal ich. Langsam strömt die Ruhe in mich und ich weiß, dass ich alles richtig gemacht habe.

Henri von Glucksrad-Karre: Aus meinem Tagebuch

Ey,Hotte, haste wieder nen Krebs gefangen, du Flasche, alter Schwede!? Ich stoße das Holz in das Wasser. Die Arme arbeiten, die Knochen krachen, die Sehnen seufzen ihr Lied, aber ich fühle mich wohl unter Menschen, die noch eine sinnvolle Tätigkeit mit der Hand verrichten. Pass auf, Henri, alter Schluckspecht, gleich wirst du zur Kanalratte! Hahah! Das fröhliche Lachen der Meute, die im Einklang mit der Trommel den Fluss rhythmisiert, ihm ein Gegenleben einhaucht, einstößt, einstampft, mit ihrem Schweiß die braune Brühe adelt, gibt mir Kraft für die Woche, wo der Presslufthammer den Beton prügelt, mir aus den Händen gleiten will, den ich bändige mit zusammengebissenen Zähnen, weil die Schreibkunst mich nicht ernähren kann. Das ist der Preis des Freiseins; hier und heute muss ich ihn nicht zahlen, hier unterwerfe ich mich gern dem Diktat des Schlagwerks und werde eins mit der Mannschaft und dem Boden, weil uns das Ziel zusammengeschweißt hat. Platz 4 hinter den Diakonie Dragons und den Schwenker Schauflern. Wann habe ich eigentlich Zeit zum Schreiben?

Kostümfest-Nachlese: Junggesellenkompanie

In frisch gestärkten, weißen Oberhemden zogen die unverheirateten Jungmänner mit einer roten Blume im Knopfloch durch die Innenstadt, den Blick manchmal nachdenklich zu Boden gesenkt oder himmelhochjauchzend und in bester Feierstimmung ins Publikum gerichtet durch die Innenstadt. Ziel war eigentlich das Zelt der "Junggesellenkompanie", wo sich bereits in den frühen Morgenstunden etliche Mütter von geeigneten Bewerberinnen für eine schnellstmögliche Heirat versammelt hatten, um die kräftigsten Kandidaten zu begutachten und für ein erstes Kennenlernen zu motivieren. Die Junggesellen hatten wohl keine besondere Lust, sich den Restriktionen einer im schwindeligen Kopf versprochenen Ehe auszusetzen und blieben bis Montag dem Zelt fern. Überwiegend waren sie, jetzt durch schwarze Sakkos getarnt, an den diversen Biertheken und an verschiedenen Bratwurstbuden zu finden und sollen nach inoffiziellen Informationen ihr Zelt auf der nahe gelegenen Kanzlers Weide aufgeschlagen haben, angeblich aus einer alten Tradition heraus, denn dort habe das Freischießen früher immer stattgefunden. Die Wartenden und schließlich Enttäuschten wurden zwischenzeitlich mit alkoholischen Getränken und Pommes frites versorgt. Eine größere Kleiderreinigungs- und Bügelfirma hat aufgrund von Beschwerden die Zusage zurückgezogen, die Oberhemden der ausgebliebenen Heiratskandidaten in zwei Jahren für den Umzug zu waschen und zu stärken.
Innenstadtkorrespondent Peter Henne

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Zeit


Die Zeit ist ein Fluss ohne Ufer; wer in ihm ertrinkt, ist nicht zu retten. Wohin sollte er auch gehen, da der Fluss keine Ufer hat. So bleibt ihm nur, mit dem Strom zu schwimmen oder zu ertrinken. Aber wohin schwimmen? Das Leben in der Zeit ist wie ein falsches Bild zu einem falschen Text. Wie das Bild von Pilzen nicht zu einem Fluss passt, so ist nicht jede Weiheit weis, aber jede Dummheit dumm. Wer weis.

Neuer Sport für Kinder: Geradeauslaufen

Vor Jahren ist schon von Sportmedizinern festgestellt worden, dass immer weniger Kinder und Jugendliche rückwärts laufen können. Die Konsequenz, die daraus gezogen wurde, war der Verbot des wettbewerbsmäßigen Rückwärtslaufens, was einen ganzen Wirtschaftszweig in der Sportbekleidungsindustrie an den Rand des Abgrunds bracht. Zwar hatte man versucht, durch Kleidung für das Seitwärtslaufen zu kompensieren; aber niemand war wirklich an Seitwärtslaufen interessiert. Nun pellt sich nach langem Hin und Her eine neue Sportart aus dem Ei und will vielleicht auch bald im Licht des olympischen Feuers erstrahlen: Das Geradeauslaufen. Häufig kann man beobachten, dass es jungen Menschen schwer fällt, 50 oder 100 Meter ohne Schlangenlinie zu laufen und da anzukommen, wo der Zeitnehmer steht. Selbst Läufe ohne Zeitnehmer führten zu unhaltbaren Zuständen: Kinder verliefen sich, liefen zu weit oder kamen überhaupt nirgends an.
Die neue Sportart soll diese Orientierungslosigkeit beheben und zu einem geordneten Geradeauslaufen führen. Auf rotem Untergrund ist gefordert, in einer Bahn zu bleiben, die durch weiße Striche oder ein Stück Rasen begrenzt ist. Wer als Erster am Endpunkt der Bahn ankommt und dort stehenbleibt, hat gewonnen. Wenn zwei Bewerber gleich schnell sind, ist der schnellere Sieger. Kann man auch hier keine Entscheidung treffen, beginnt man von vorne. Das erinnere ihn stark an den 100m-Lauf, bemerkte Wettkampfteilnehmer Peter P., allerdings sei er dann immer andersrum gelaufen. Die Sportbekleidungsindustrie freut sich, wieder einen Batzen Geld mit überflüssiger Spezialsportbekleidung verdienen zu können.



Bildbetrachtung: Vincent van Eijnoor - Schnabel



Halt lieber den Schnabel, sonst geht's auf den Hauklotz. Mit gekürzter Rübe lässt sich schlecht Kritik üben.

(Zum Verhalten der Menschen im 21.Jahrhundert: Ich möchte meine Ruhe haben. Demonstranten? Gab es die nicht im letzten Jahrhundert? Sind die nicht verfolgt und ausgerottet worden?)

Können Fische Freunde sein?

Ein Mann braucht einen Freund! Das nach vielen Jahren der Einsamkeit festzustellen, nach Jahren des "Ich komm schon allein zurecht", nach Jahren in einer Beziehung, die jetzt zerbrochen ist, das kann wehtun, aber auch einen Heilungsprozess in Gang setzen. Endlich ohne seine Lebenshilfe "Frau" (Wie heißt du noch mal?) allein auf sich gestellt und herausgerissen aus einem betäubenden Trott, wird dem Mann die Leere klar und er sehnt sich nach einem Wesen, das ihn versteht, dem er sein Herz ausschütten kann und das er vielleicht , wenn auch ganz selten, anschreien kann, weil ihm das Himmelszelt auf den Kopf gefallen ist, und das dann nicht beleidigt in die Küche abschiebt und dabei kräht, dass die verdammte Mikrowelle immer noch nicht repariert sei und er endlich einmal den Restmüll entsorgen könne, bevor die Tüte selbst zur Tonne laufe. So setzt sich mancher vom Leben enttäuschte und auf bessere Zeiten hoffende Mann mit seiner Angel an den Fluss, um sich einen Freund an den Haken zu holen. Der psychisch Ausgeglichene wird sofort mahnen: Das wird nix, Meister! Wer will denn an deinem Krummnagel hängen und deinem Geblubbere über Ehefrauen und selbstsüchtige Machos hören, um dann noch unter Schmerzen dein Freund zu werden? Ein Fisch ist kein Freund. Der gibt zwar keine Widerworte und stellt keine Fragen, aber das sind noch lange keine Indizien dafür, dass der wirklich zuhört. Und was ist denn, wenn du einen Rat brauchst? Der kriegt doch kein Wort raus! Oder, wenn du mal eine Rund kuscheln musst, deinen Kopf an die Schultern eines mitfühlenden Menschen legen würdest, dir vielleicht eine Träne abdrücken möchtest, um dein schweres Herz zu erleichtern? Der Fisch ist ungeeignet für solches Tun, denn sein Kopf stinkt nach Fisch, er hat keine Schultern, außerdem japst er ständig nach Luft und gibt nach ein paar Minuten an Land den Geist auf. Das ist nichts für die Zukunft.
Wenn es denn wirklich ein Fisch sein muss und eineFreundschaft entstehen soll, dann braucht das Zeit. Das muss sich alles entwickeln. Da hilft es nicht, den Fisch ständig aus dem Wasser zu holen, dann wieder reinzustecken, damit er nicht abnippelt, dann wieder rauszuholen, wieder reinzustecken, wieder rauszuholen.... Abhilfe kann ein Aquarium bringen. Der Fisch hat seine Ruhe und tut, als würde er zuhören. Und wenn sein Freund, der Mensch, einmal anschmiegen möchte, dann bietet das glatte Glas des Schwimmkastens eine angenehme, wenn auch kühle Fläche für den geprüften Kopf. Ein paar Spritzer Glasreiniger anschließend beseitigen lästige Fettspuren, die dem schuppigen Freund den Blick auf die 20.00 Uhr- Nachrichten versperren. Für unterwegs und den Urlaub tut es auch der Dosenfisch, etwa Hering in Tomatensauce, oder, wer das Tier etwas größer haben will, Thunfisch mit Erbsen in Öl.

Zum Heulen: Warum wir weinen

Also erst mal: Jungen und Männer weinen nicht, weil sie gar keinen Grund haben zu weinen. So schlimm kann das doch alles gar nicht sein, egal was es ist. Nicht mal aus Schmerz wird geweint, denn Schmerzen sind, wie der Indianer schon festgestellt hat, eine Illusion. Einbildung. Da gibt es also auch nichts zu heulen. Heulen ist sowieso der richtige Begriff. Heulsuse nannten wir Rollo damals in der Volksschule, wenn er bei jedem Donnerschlag des gerade aufgezogenen Gewitters in der zweiten Stunde aufschluchzte und ein Beben und Zittern durch seinen mageren Körper ging. Heulsuse war fast wie Mädchen. Du Mädchen, du Angsthase, du Schissbüchse. Dabei weiß heutzutage jeder, dass auch Mädchen und Frauen nicht weinen, denn es gibt nichts zu weinen. Vielleicht haben die auch nichts zu lachen, das ist dann wieder traurig, und darüber könnte man weinen. Tut aber keiner. Oder vielleicht gibt es doch eine einzige Ausnahme, warum ein halbnackter Junge mit einem Blechhelm auf dem Kopf weinen könnte: Die Familie sitzt vor dem Fernseher, die Eltern haben sich schön einen gekippt und ratzen jetzt friedlich auf der Couch. Das Kind ist noch wach und will Richterin Barbara Salesch gucken oder einen anderen Dreck im Privatfernsehen. Dumm ist, dass Tommi, Bubis Vater auf der Fernbedienung liegt. Bubi weiß, dass es ein paar saftige Maulschellen setzt, wenn er den erschöpften Erziehungsberechtigten aus dem Koma holt. Das ist zum Heulen. Und dann soll das auch ein Junge tun.

Rotkappen unterwegs

In Weserstadt feierte man am Wochenende fröhlich und feucht ein schönes Fest, auf dem geschossen, getroffen und gesoffen werden durfte. Unauffällig unter die manchmal grellbunt, manchmal langweilig schwarz-weiß Kostümierten mischten sich Gruppen von Rotkappen, die zu einer Spezies gehören, die ständig verkleidet herumlaufen darf, weil sie das beruflich macht. Als Belohnung dürfen Rotkappen mit scharfer Munition schießen und häufig auf dem Fluss Boot fahren. Alkohol trinken, weshalb die anderen eigentlich erschienen waren, dürfen sie allerdings nicht, weil dann schnell mal ein Schuss losgehen kann und es in der Öffentlichkeit natürlich keinen guten Eindruck macht, wenn ein Freischütze umkippt, obwohl er gar nicht getrunken hat. Alles in allem soll es aber doch ein schönes Fest geworden sein. Rudi P. auf die Frage, was denn besser sei als Biertrinken: Biertrinken in der prallen Sonne (oder drallen Sonne bzw. prahlenden Sonne; Rudi P. artikulierte zum Zeitpunkt der Fragestellung mit schwerer Zunge, sodass ein Teil seiner Botschaft nicht zu entschlüsseln war.).Innenstadtkorrespondent Peter Henne

Kostümfest und Tierschutz

Im ersten Moment dachte ich sofort an die Bedienung im Ratscafé in Würzburg, die mich, als habe sie Scheuklappen, dreimal ignoriert hatte und dann endlich die Gnade hatte, sich zu einem kurzen Gespräch herabzulassen, um meinen Wunsch nach einer Tasse Kaffee mit den Worten abzuschmettern: Draußen nur Kännchen. Sie hatte diesen pferdigen Trübsinn in den Augen, ein großes Gebiss mit wulstigen Lippen und die Bestimmtheit eines Kaltblüters, der sich seiner Kraft sicher ist und das manchmal mit einem Stampfen bekräftigt. Wenn ein Hufeisen auf Waschbeton knallt, dann können die Funken fliegen. Vielleicht war es aber nur die Spitzenhaube, die man Pferden hier heute über die Ohren und den halben Kopf gezogen hat, um sie zu schützen, die mich an die beeindruckende Bedienung erinnerte, denn sie trug eine ähnliche in ihrem schwarzen Haar, das von einigen weißen Haaren durchzogen war. Heute bin ich auf einem Kostümfest in Weserstadt, auf dem Tierschutz endlich wieder groß geschrieben wird. Man hat endlich erkannt, dass es Dinge gibt, die man Tieren nicht zumuten möchte: Wildschmetternde Musik, deren Obertöne Trommelfelle zerreißen lassen können, fette Männer, die schlecht im Sattel sitzen und Rückenschmerzen verursachen. Kostüme voller Tressen und Orden, Säbelgerassel, Holzgewehre, Luftgewehre, Kleinkaliber, Junggesellen in weißen, schlecht gestärkten Oberhemden mit einer roten Nelke in der Brusttasche, ein Sammelsurium an Geschmacklosigkeiten, das noch geschmückt wird durch die torkelnden Bewegungen Volltrunkener. Das will man den Pferden mit der eigentlich hässlichen Schutzkappe sagen: Hör nicht hin! Sieh nicht hin! Ruhig, Brauner, ganz ruuuhig. Immer noch besser einen dicken Uniformierten zu tragen, als auf dessen Wurstteller zu landen!Innenstadtkorrespondet Peter Henne

Kostümfest in Weserstadt: Platz 10

In Weserstadt ist wieder Schaltjahr! Wie der Rheinländer seine berühmte fünfte Jahreszeit als Karneval feiert, indem er sich in wahllos zusammengesuchten Altkleidern und grell geschminkt an die Straße stellt, sich dort sinnlos betrinkt und versucht, Karamellbonbons auszuweichen, die auf ihn geworfen werden, so feiert der Weserstädter alle zwei Jahre ein Fest, wo vor allem der Verstand ausgeschaltet wird.
Nachdem man mit Luftgewehren auf einen Holzadler geschossen hat, präsentiert man sich in erster Linie in einem Umzug durch die beliebtesten Straßen. Alljährlich wird auch ein Kostümwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich jeder, der in einer Verkleidungskompanie organisiert ist, beteiligen kann. 2008 gewinnt das Kostüm "Gute-Laune-Bär" den 10. Platz und hat sich aufgrund mangelnder kreativer Konkurrenz nach fünf Anläufen seit dem Jahr 2000 peu à peu vom 64. Platz hochgearbeitet. Die richtige Kombination schlichter Ideen haben hier zum Erfolg geführt: Ein Beerdigungsanzug wird mit einem Paar Sargträgerhandschuhen kombiniert, dazu wird ein schwarzer Zylinder auf den Kopf gesetzt, eine Sonnebrille, eine schwarze Fliege mit Klemmbügel dazugegeben, schwarze Schuhe und ein weißes Oberhemd angezogen. Ein Schneide- und Stechwerkzeug nebst Etui, das man sich an den Gürtel hängen kann, komplettiert das Ensemble. Das Wesentliche ist aber die gute Laune, die durch rhythmische Körperbewegung zum Hohenfriedbergermarsch des vorauseilenden Spielmannzuges stilvoll dem Publikum verdeutlicht wird. Ein gewisses Maß an Übergewicht ist wünschenswert, denn der Bär ist auch in der freien Natur nicht der Schlankste. Die Vorfreude auf ein paar kühle Bierchen tut das Übrige, damit der Wettbewerbsteilnehmer authentisch wirkt. "Der freut sich aber!", staunt Tante Wilma vor der Fischhalle. Und Recht hat sie.

Bodos Welt-Wörterbuch: Flächenbäcker

Flächenbäcker: Der Flächenbäcker verbreitet sich schnell über riesige Flächen, über Landkreise, über Städte und Gemeinden. Er hinterlässt in diesen Gebieten mässig große Brötchen, die bei dem Versuch, sie aufzuschneiden, zersplittern. Vorsicht ist bei diesem Vorgang deshalb geboten, ebenso beim Verzehr, da sich die scharfkantigen Splitter gern ins Zahnfleisch schieben oder in Zahntaschen absetzen und dort verwesen. Der Flächenbäcker erzeugt seine Ware aus großen Tüten, in denen immer schon alles enthalten ist, und mit einem Backautomaten, der direkt am Verkaufstresen eingesetzt wird. Der Flächenbäcker formt letztlich nur die eingeweichten Tüteninhalte zu gleichmäßigen Klumpen, bzw. bedient eine Maschine, die dies für ihn tut, und lässt dann eine weitere Maschine, die von der Backwarenfachverkäuferin bedient wird, die Feuchtlinge zu einem sogenannten Brötchen aufblähen und verhärten. Je nach Back- und aktuellem Verkaufszeitpunkt können die Produkte heiß, warm oder pappig an den Mann oder die Frau gebracht werden. Der Bäcker nennt sich Bäcker aus Leidenschaft oder ähnlich. Der Verbraucher benutzt Nelkenöl, um seine Verletzungen im Mundinnenraum zu heilen.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Gittermeditation

Geht es dir nicht auch manchmal wie dem Gefangenen in der Untersuchungshaft, dem Freigänger oder dem Ausgenüchterten in der Verwahrungszelle? Du fühlst dich beengt, dein Leben ist unfrei, du bist Gefangener deiner eigenen Zwänge. Warum muss der Löffel in der Löffelablage liegen, das Kartoffelschälmesser im Messerblock stecken und warum darf der Fernseher nicht auf standby stehen? Fragen, die dir niemand beantwortet.
Wenn du deinen Carport immer schon einfriedigen wolltest, dann bietet sich die gute Gelegenheit, hier einen Meditationsraum zu gestalten. Wenn das Unfreie überwinden willst, dann musst du dich mit ihm konfrontieren.
Ein Eisengitter schützt deinen Carport einmal vor unerwünschten Eindringlingen und stellt andereseits eine gute Vorlage da, in die tiefe Entspannung zu kommen, um schließlich nach ein oder zwei Jahren regelmäßiger Übung den Weg in die Freiheit zu finden. Setze dich bequem hin und beginne links oben (Rechtshänder und Menschen, die falsch herum schreiben, beginnen rechts oben) bei dem ersten Gitterrechteck. Verharre einige Minuten und richte deinen Blick auf das nächste daneben. Nach und nach arbeite dich bis zum letzten Rechteck rechts unten vor. Du spürst die tiefe Entspannung, die dich erfüllt und weißt: Es hat sich gelohnt. Der erste Schritt auf einem weiten Weg in die Freiheit ist getan!



Hässliche Kaufanreize


Du schlenderst locker die Einkaufsstraße hinunter und denkst: Lange nichts gekauft! Wird mal wieder Zeit! Ich weiß zwar nicht was, aber irgendetwas wird sich schon finden. Neue Teefilter bringen nicht den Kick, den du am Samstag brauchst, der dir das Wochenendgefühl vermittelt und dich zufrieden macht. Vielleicht ein Feuerzeug oder ein Paket Zahnseide, vielleicht eine neue Badehose oder einen Lenkdrachen. Die Auslagen der Geschäfte bringen keinen Anreiz, sie sind keine Hilfe, vielmehr bringen sie eine quälende Leere in deinen Schädel. Vielleicht könntest du deiner Frau mal was Neues mitbringen, einen klasse Dosenöffner, einen Glaskeramikschaber gegen eingebrannte Speisereste, oder ein neues Deo. Plötzlich siehst die Schaufensterpuppe: Lila Haare, grell überzeichnete Konturen, übertrieben geschminkt, ein riesiger, aufgerissener Mund, der bis in den Schlund blicken lässt, ein verächtliches Lachen, das dir das Gefühl gibt: Das kenn ich doch....
Du beschließt, ein Bierchen zu trinken; es ist Samstag und damit kann man nichts verkehrt machen.

Ausgefallene Sportarten im Sommer

Gondelfahren im Sommer bei normalen Schneeverhältnissen ist jetzt Trendsport in der Schickeria. Wen interessiert noch die Bräune von Mallorcas Grillplätzen, die ohnehin aus der Tube stammt, wenn die vornehme Bleiche der Sommergondel bei vollem Schneeumfang die Alternative ist. Das ist Luxus: Draußen sind 28° Celsius und die Schneekatzen brettern über die Piste, um den Schnee heranzuschaufeln bevor er schmilzt.
"Es ist nicht das Fahrgefühl in der Gondel, das kann ich auch im Winter haben", sagt Walter "Schneekanone" Scheetofpehl, der in Badehose und Gummischuhen in seinem Hängefahrzeug sitzt, "es ist das Bewusstsein. Denn das Bewusstsein bestimmt das Sein. Ich fühl mich gut, wenn mir bewusst wird, was hier für eine Sau-Verschwendung betrieben wird. Super. Und: Ich habe das Geld. Das ist der Kick. Die Schneekatzen rotieren hier meinetwegen und vielleicht noch wegen Willy. Aber der hat auch das Geld." Kritiker monieren, es habe immer gegolten, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, jedenfalls habe Marx das gesagt. Wer Marx denn sei, fragte Scheetofpehl, und ob der auch Geld habe. Ihm sei jedenfalls egal, wierum es im gut gehe.
Oberkrims, der beliebte Ski-Ort in Österreich, freut sich über den Sommerrummel, auch wenn den Bewohnern durch die ständige Schneeschmelze das Wasser allmählich bis zum Hals stehe.

Geheimnis gelüftet: Hydrant von innen

Die Scherzantwort, der Hydrant sei Akademiker, regte früher die Lachmuskeln beim Hörer, heute weiß der Comedy-Verblödete nicht einmal, was Akademiker bedeutet und hält den Hydranten für eine Art Ausländer, der gleich nach dem Asylanten kommt, oder kurz davor.
Dass der Hydrant in Wirklichbkeit ganz anders aussieht als man denkt, konnte jetzt durch eine notwendige Öffnung bewiesen werden. Da die Feuerwehr dringend Wasser benötigte, war es geboten, den roten Burschen zu zerlegen und man hatte damit einen Blick hinter die Signalfarbenkulisse.
Na, viel gab's da nicht zu entdecken. Nach einer knappen halben Stunde war dann auch der Feuerwehr, die vorher gemütlich bei einem Bierchen im Feuerwehrhaus gesessen hatte, klar, wie die Sache funktioniert. Vollkommen unspektakulär: Schlauch anschrauben, Hahn aufdrehen- Wasser marsch!
Trauer nur bei den Geheimniskrämern, denen wieder ein Mysterium entrissen wurde.