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Fremde Jacke

Es war Frau Holle gewesen, Lars erinnerte sich genau. Frau Holle als Theaterstück in der Adventszeit. Die Schneeflocken waren Federn gewesen und mit dünnen Fäden an ein Kissen genäht. Immer wenn Lars sich, andere oder sein Leben als fremd empfand, erinnerte er sich an die Frau-Holle-Aufführung, die er mit der Grundschulklasse besucht hatte. Er erkannte nach der Aufführung seine Jacke nicht wieder, die schwarze, die er schon den zweiten Winter trug. Hartnäckig weigerte er sich, diese Jacke als seine zu akzeptieren, obwohl mehr als vierhundert Kinder offenbar mit ihren eigenen Jacken und Mänteln nach Hause gegangen waren und nur Lars, die schwarze Jacke und Frau Häupel, die Grundschullehrerin, zurückgeblieben waren. Lars mochte seine Lehrerin und ihr hilfloser, aber liebevoller Blick waren offenbar stärker als das Gefühl der Fremdheit, das er plötzlich für diese Jacke empfand. 'Zieh sie an, Lars, es muss deine sein', sagte Frau Häupel matt. Lars zog sie endlich an, in den Taschen fühlte er Kaugummi, das er selbst dort hineingesteckt hatte. Die Jacke war wieder seine geworden, offenbar ein Zauber, vielleicht hatte Frau Holle ihre Hände im Spiel. Jacken konnten sich also von einem entfremden, lernte Lars. Vor allem im Theater. Aber sie können auch zurückkehren und dann sind sie ein bisschen hinterlistig und tun so, als ob sie nie fremd gewesen sind. Und Frau Holle hätte bestimmt mal Lust auf ein Kaugummi gehabt, aber sie hat sich beherrscht, damit nichts auffällt. Aber Lars hatte alles durchschaut.

Ameisenbär und Atomkraftwerk

Weißt du, Schätzchen, du musst einfach auf englisch schreiben. Das klingt immer gut. Oder meistens. Wenn der Rhythmus stimmt. Dann ist das egal, ob du über Ameisenbären oder Atomkraftwerke schreibst. Dieser blöde Songwriterlehrer, dachte Beate genervt. Und sie hatte so viel Geld für das Liedermacherwochenende bezahlt. Eigentlich wollte sie lernen, wie man auf deutsch schöne Liedtexte schreibt. Aber das war schwer, da hatte der Coach schon Recht. Atomic plant klang super, es gab ja auch atomic kitchen. Und ein meltdown war doch ein tolles sprachliches Bild für einen lovesong. Ein Liebeslied. Und was ein anteater ist, ist jedem egal, Hauptsache, man kann mitsingen. Klingt nach Tantenesser, na schön, das Lied hätte dann vielleicht was mit jugendlichem Aufbegehren gegen küssende Tanten zu tun. Und wer es richtig versteht, interpretiert ein Kosewort hinein, du bist mein Ameisenbär, weich und wild, aber irgendwie lieb, mit Rüssel, je mehr Assoziationen, desto gelungener das gewählte Bild. Der Coach hatte schlicht und ergreifend Recht. Transportation of bodies klang subtiler als Totentransport, apple erfolgreicher als Apfel und revolving door eleganter als Drehtür.

Pocketful of sunshine

O sole mio, schmetterte der Barkenführer am liebsten, denn mit den venezianischen Gondoliere konnte er sich noch am stärksten identifizieren. Sonne der Gerechtigkeit oder You are the sunshine of my life waren andere Lieder, die er im Laufe der Jahrhunderte aufgeschnappt hatte. Ein ägyptischer Sonnenbarkenführer steht allein da, Mistkäfer und anderes Getier können einfach keine Kollegen sein. Ich mach weiter, die Menschen warten drauf, der Mond kann sich dünne machen zwischendurch, aber auf die Sonne warten alle täglich, was solls, auch wenn keiner meine Leistung achtet. Doofer Job, und keiner glaubt an mich, im Canale Grande wärs vielleicht doch besser. Aber geht ja nicht. Barkeeper hört sich gut an, aber wir soll ich da rankommen. Ich mach weiter, There's no sunshine in my life, haha.

Neues aus dem Keller

Sieglinde hatte in Drachenblut gebadet. Der Drache hatte im dunklen Kartoffelkeller gehockt, wer weiß wie lange schon. Bereitwillig hatte er Sieglinde in seinem Blut baden lassen; sie war ein kleines Geschöpf, der Drache musste nicht dafür sterben, ein kleiner Aderlass hatte gereicht. Nun war Sieglinde unverwundbar. Unbesiegbar. Unschälbar. Stärke war ihr vertraut, die hatte sie in ihrem Inneren. Aber Unverwundbarkeit war nochmal was ganz anderes. Dankbar dachte sie an den großen, etwas grummeligen Drachen. Trotzig hielt sie ihr neues Lebensgefühl der Vergänglichkeit entgegen und lachte über alles, was endlich schien. Sie, Sieglinde hatte es geschafft, sie, eine einfache Kartoffel.
Im Keller hatte es kein Eichenlaub gegeben, aber es war dunkel gewesen und natürlich ahnte Sieglinde, dass auch sie irgendein Knollenteil vergessen hatte. Vielleicht ein Auge. Vielleicht etwas anderes.

Blues light

Kein Blaulicht am Sonntag, bekamen neue Kollegen mit auf den Weg, wenn sie zum ersten Mal mit Hotte auf Streife mussten. Egal, was passiert, kein Blaulicht, von Montag bis Samstag kein Problem, aber sonntags nur rufen, hupen, klatschen, was auch immer euch einfällt im Notfall, aber kein Blaulicht. Es war ein Sonntag, an dem Hotte Jahre zuvor seine Kollegen Kalle bei einem Einsatz in einem stadtbekannten Etablissement verloren hatte. Ich da, du da, hatte Kalle noch gerufen, aber Hotte hätte nicht nach da, sondern Kalle hinterherlaufen sollen, dann hätte er ihn vielleicht schützen können vor den Schüssen des Zuhälters aus dem Hinterhalt, vielleicht ... Als das Entsetzliche geschehen war, stand Hotte noch lange fassungslos am Tatort, er war mit dem Leben davon gekommen, aber dieses Leben sollte nun nur noch von montags bis samstags stattfinden, auch nach Jahren war der Sonntag jedes Mal ein kleiner Tod für ihn. Damals mischten sich Blaulicht und Rotlicht nach allen Regeln der Farbenlehre und nur Violet, die junge irische Prostituierte, konnte Hotte in dieser Nacht davon abhalten, seinem Leben ebenfalls ein Ende zu setzen. Er hat den Blues, murmelten die Kollegen sonntags traurig, denkt dran, kein Blaulicht am Sonntag.

Flüssige Träume

Conni stöhnte, ihr war schlecht, sie lag im Bett und träumte und stöhnte. Sie erinnerte sich. Aber nur schwach. Da war diese Feier. Getränke. Menschen. Musik. Gelächter. Nun war die Feier vorbei, zumindest hatte sie das Fest verlassen und ihr Körper rächte sich auf furchtbare Art für ihre Maßlosigkeit. Das Erinnern tat weh, aber irgendwie tat alles weh und vielleicht ginge es ihr besser, wenn sie zumindest Klarheit darüber hatte, was und wen sie alles konsumiert hatte. Undeutliche Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Vielleicht waren die Flüssigkeiten, die sie getrunken hatte, gar keine Getränke gewesen. Vielleicht waren die Menschen, mit denen sie getrunken hatte, gar keine Freunde gewesen. Vielleicht lag sie gar nicht in ihrem Bett, sondern in der Notaufnahme. Das Wort vielleicht und die Gedankenschleifen, die im Nichts endeten, steigerten die Übelkeit entsetzlich und Connis Magen entleerte sich, zum Glück stand da jemand und hielt ihr etwas entgegen. Kleine, bunt schimmernde und gar nicht so übel riechende Seifenblasen stiegen nun auf und platzten an Connis Nase. Eine genervte Stimme sagte etwas von 'Vielleicht doch der Selbstmordversuch einer Putzfrau' und 'Magen auspumpen' und Conni verzichtete aufs Erinnern und erlaubte sich großzügig eine vorübergehende Amnesie.

Mein Urlaub

Liebste Lilli,
der Urlaub ist fast vorbei. Das Schiff gehört natürlich nicht mir, ist nur so eine blöde Aufschrift vom Reiseunternehmen, aber ich wills auch gar nicht haben. Mein Kapitän wär mir lieber oder mein Steward oder von mir aus auch mein Bordmechaniker. Leider kann ich nur 'Mein Sonnenbrand' ins Fotoalbum schreiben, aufs Foto dazu verzichte ich lieber. Mein Magen-Darm-Infekt ginge auch. Meine Güte, eigentlich doof, dieses Besitzstreben. Ich teil mir einfach mit tausendfünfhundert Menschen ein Schiff. Dafür muss ich es dann auch nicht sauber halten. Wäre beim Bordmechaniker ganz schön aufwändig.
Viele Urlaubsgrüße
deine Natascha

Skandinavische Krimis weiter schreiben: Oslo ist teuer

Harry Hole schämte sich ein bisschen, dass so viele Touristen den Tatort sehen konnten, obwohl die Leiche schon fortgeschafft worden war. Nun war offensichtlich, dass auch die Norweger darunter litten, dass Oslo die teuerste Stadt der Welt ist. Trotz Öl und Lachse konnten viele den hohen Lebensstandard nicht halten. Harry hatte mit eigenen Augen gesehen, was den Touristen und den anderen Schaulustigen nur der Kreideumriss und die markierten Fundstücke am Tatort verrieten: Die Joggerin war mit Gummistiefeln unterwegs gewesen, Laufschuhe waren unerschwinglich geworden und Barfußlaufen aufgrund des Klimas nicht zu empfehlen. Die Frau hatte eine deformierte Hand und offenbar kein Geld um sich von einem Spezialisten behandeln zu lassen. Das Handy - von Opfer oder Täter - war mindestens zehn Jahre alt. Sogar der Mörder hatte nichts als einen billigen Plastikknüppel aus Fernost um seine Tat auszuführen. Harry mochte es nicht, dass fremde Menschen solch einen Einblick in die Abgründe seiner Heimatstadt bekamen. Wenigstens sieht sie auch im Tod noch sportlich aus, wie sie da liegt, als ob sie immer noch liefe, einmal durch die Telemark, hin und zurück, dann eben in Gummistiefeln, dachte er. Und er war fast ein bisschen stolz auf die Leiche und hätte den immer noch glotzenden Touristen gern einen kleinen Vortrag über die Willensstärle und den Stolz seiner Landsleute auch in schlechten Zeiten gehalten. Als Harry gerade einem Reporter vom Aftenposten seine Bewunderung für den Mörder mitteilen wollte, weil es fast eine unvorstellbare Leistung darstellte, mit einem leichten Plastikbaseballschläger solch einen Schaden anzurichten, merkte er, dass er immer noch nicht wieder ganz nüchtern war. Warum kann ich mir eigentlich immer noch Alkohol leisten, fragte er sich, wenn hier alles so teuer ist.

Morgenmakeup

Gummimasken schützen vor Sonnenbrand,
die Identität bleibt unerkannt.
Falten wird keiner entdecken,
am Eis kannst du nicht mehr schlecken.
Küssen geht nur ohne Zunge,
an Atemnot leidet die Lunge.

Ist doch schlimm

An manchen Tagen wusste sie nicht, was schlimmer war. Nichts Vernünftiges zum Anziehen im Kleiderschrank. Der Platz neben ihr leer. Oder dieses seltsames Gefühl im Kopf, so als ob dieser auf unbestimmte Zeit verreist war. Und auch gar keinen Grund hatte, zurückzukehren. Vielleicht war es auch nur der Verkehrslärm. Gern hätte sie eine Rangfolge festgelegt, eine Liste angelegt, schlimm, schlimmer, am schlimmsten. Schreien hätte vielleicht auch geholfen. Oder trinken. Was nicht ging. Sie entschied sich, überraschend klar. Erst einmal brauchte sie etwas Neues zum Anziehen. Alles weitere würde sich finden, wie immer.

Immer nach unten gucken

Es könnte ja alles noch viel schlimmer sein.

Zum Dahinschmelzen

Das hat nur Peter Maffay geschafft: Mit Schlagern Schokolade zum Schmelzen gebracht, hier vier Stückchen Vollmichschokolade von Rittersport. Aber auch nur, weil sie im Juni in der Hosentasche steckten. Mit wie vielen Herzen er das geschafft hat, ist ungeklärt. Die rumänischen Angaben weichen wie üblich bei solchen Angelegenheiten deutlich von Dieter Thomas Hecks Aussagen ab. In den siebziger Jahren hat Peter noch Herzen gebrochen, doch in den achtziger Jahren entdeckte er seine spirituelle Ader, als er Blutsbrüderschaft mit Katja Ebstein schloss, und seitdem hat er Herzen nur noch zum Schmelzen gebracht, sein eigenes dazugetan und daraus einen schönen neuen Klumpen geformt, ganz der Ganzheitlichkeit verpflichtet. Was dann musikalisch folgt, ist eigentlich wirklich schön: Mit Noa "Savior", LP Begegnungen. Klingt, als ob er da was einschmelzen konnte, über Sprachbarrieren hinweg.

Alles zu seiner Zeit

Chrissy war 15 und hatte sich anders als das tobende Mädchen in der IKEA-Werbung bei den Eltern durchgesetzt und war mit Lisa und Lotta zum Rockfestival gefahren, zu ihrem ersten. Sie kannte keine der Bands und war viel zu klein, um von ihrem Platz ganz weit hinten etwas zu erkennen, sie mochte keinen Alkohol und keine Drogen und hatte eigentlich gar keinen Grund, ein Rockfestival zu besuchen außer sich gegen ihre Eltern durchzusetzen und zu beweisen, dass sie stärker war als ein hübsches Mädchen mit einer coolen Familie in einer IKEA-Werbung. Das Rockfestival wurde endgültig zum Flop, als der Veranstaltungspraktikant mit Absperrband losgeschickt wurde, um die Besuchermassen vom nahegelegenen Biotop fernzuhalten. Irgendwas hatte er falsch verstanden und das Band nicht an Pfählen und Baumstämmen festgebunden, sondern jedem Festivalbesucher 70 cm Absperrband um die Füße gewickelt. Er hatte schon ein paar Drogen konsumiert, seine Augen glänzten, und wenn er den mit Absperrband behandelten eindringlich befahl, den zugewiesenen Platz nicht zu verlassen, hatte das Wirkung. Chrissy musste mal dringend, aber sie traute sich nicht, eines der Dixi-Klos aufzusuchen. Rockfestivals ohne Musikbegeisterung, Alkohol, Drogen und mit voller Blase sind zum Abgewöhnen, fand Chrissy und dachte selbstmitleidig, dass es einem im Leben oft schlecht geht, wenn Eltern sich nicht durchsetzen können.

Nähe schafft Assimilation

Schon als Grundschülerin wollte Linda nicht einsehen, dass eine Möhre eine Möhre und eine Plastiktüte eine Plastiktüte ist. Sie vertrat die These, dass manche Dinge nur lange genug zusammen sein müssten, um etwas vom anderen anzunehmen. Ihre Frühstückspausenüberlegungen verlagerte sie bald in den zwischenmenschlichen Bereich und sie engagierte sich für Integrationsprojekte aller Art. Beruflich setzte sie sich später vor allem mit der Auswirkung von Gerüchen auf das Verhältnis von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Sie entwickelte Duftcocktails, die die Gerüche aller Kontinente enthielten und - einmal als Spray großflächig auf dem Körper verteilt - ein Zusammengehörigkeitsgefühl wie nie zuvor erzielen konnten. Aufsehenerregend war ihr Erfolg bei der Beilegung einiger regionaler Konflikte im Kaukasus. Im Seniorenheim fand Linda wieder zu ihrer Grundlagenforschung aus der Grundschulzeit zurück und konnte sich über nichts mehr freuen als über ein zwei Tage altes Brot, das rot wurde und Erdbeeren, die nach Käse schmeckten.

Summertime

Die Sonne schien und wärmte und Lotte und Karl hatten extra ihre geschliffenen Taucherbrillen aufgelassen, damit sie den blauen Himmel auch scharf sehen konnten, sie lagen auf ihren Handtüchern und ruhten von ihrer täglichen Schwimmeinheit im städtischen Schwimmbad aus. Karl hielt seinen Bauch in die Sonne, den Lotte wie immer verschämt bedeckt hielt, beide hätten sich mit Sonnenmilch eincremen müssen, aber das war ihnen egal, sie waren erschöpft vom Schwimmen und auch ein bisschen ermattet vom Streiten, das mochten sie gar nicht, und trotzdem kam es manchmal vor. Beide dachten noch ein bisschen darüber nach, wie empfindlich sie doch waren und dass sie eigentlich zu alt für Empfindlichkeiten waren. Karl sprach von Empfindlichkeit, Lotte nannte es lieber Empfindsamkeit. Doch sie hatte wohl wirklich überempfindlich reagiert, als Karl der netten Bademeisterin gesagt hatte, dass sie ein sehr schönes Oberschenkelinnenseitentattoo trage. Lotte war nicht eifersüchtig geworden, nein, sie mochte die Bademeisterin sehr gerne, doch sie, Lotte war es gewesen, die Karl darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die Bademeisterin so traurige Augen habe und dass sie ihr gern mal eine Freude machen würde. Doch bevor sie ihren Plan noch in die Tat umsetzen konnte, hatte Karl sein Kompliment ausgesprochen und er war es gewesen, dem die Bademeisterin einen warmen, dankbaren Blick zugeworfen hatte. Lotte war unfair geworden, Charmeur, Wichtigtuer hatte sie ihn genannt, du Blindschleiche hättest doch von allein nicht mal bemerkt, dass die Frau immer so traurig aussieht, du hast doch nie einen Blick für die Gefühle anderer. Karl verteidigte sich natürlich, wie immer, nannte sie schnippisch und zickig, und dann fiel zum Glück noch beiden ein, dass die Sonne schien und der Himmel so blau war und dass sie gemeinsam eine traurige Bademeisterin mit deplatziertem Tattoo zum Lächeln gebracht hatten und dass sie nur ein Handtuch dabei hatten und keine Sonnenmilch und dass ein gemeinsam durchstandener Sonnenbrand schöner ist als ein einsamer.

Fatale Fragen

Vater, erkläre mir, was ist eine Fata Morgana?
Das weiß ich nicht, Sohn.
Dann Vater, sage mir, was bedeutet Fatalismus?
Das geht. Aber kann ich dir nicht lieber Vatertag erklären?
Nein, Fatalismus. Wörter mit mus am Ende finde ich spannender als Wörter mit tag. Also?

Ja, Fatalismus. Stell dir vor, du lebst dein Leben und es geschehen Dinge, die du willst, aber vor allem geschehen Dinge, die du nicht willst. Und wenn du damit zufrieden bist und nichts änderst, weil du glaubst, das ist dein Schicksal, dann nennt man das Vatertag.
Fatalismus.

Ja natürlich, Fatalismus.

Ist das was Schlimmes?

So lange man nicht übertreibt, nein.

Jetzt bist du schon wieder beim Vatertag.

Achja, Fatalismus. Ich habe keine Lust mehr zum Erklären, stell dich zwei Stunden hier vor dieses Fastfoodrestaurant und sieh hinein, sieh dir die Menschen an. Dann kommst du schon von selbst drauf.

Vater?

Ja?
Du kannst es nur nicht besser erklären, oder?
Mein Sohn, manche Dinge musst du eben selbst erkennen. Ich habe schon so manchen Vatertag erlebt, das kann ich dir nicht ersparen.

Wegräumen kann teuer werden

Ist das Kunst oder kann das weg?, hört man nun immer öfter das McDonalds-Personal fragen. Denn immer häufiger entdecken die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Hinterlassenschaften von Gästen, die nicht eindeutig zuzuordnen sind. Vielleicht war es einfach zu voll und die Kunden mussten zwangsläufig ihr Einweggeschirr stapeln um überhaupt einen Platz zu ergattern. Dann kann das Ganze jetzt weg, denn dann war es reiner Zufall und keine Kunst. Aber vielleicht war es Absicht, eine schnelle Performance, vielleicht ein Test der Zentrale, ob das Personal Kunst von Müll unterscheiden kann, wer weiß denn, was für Schikanen die sich ausdenken, vielleicht wird vom Service-Personal erwartet, dass das Gebilde fotografiert und zu Werbezwecken eingereicht wird, könnte man doch toll verwerten, zu McDonalds gehen kreative, intelligente Menschen, die sich bewusst für diese Art der Ernährung entschieden haben und gar nicht finden, dass McDonalds klima- und gesundheitsschädigend ist. Ketchupmalereien auf dem Tisch bedeuten ähnliche Herausforderungen und sind viel komplizierter zu behandeln. Mütter lassen ihre Kinder unbeaufsichtigt an Tischen sitzen und essen und denken natürlich nicht daran, dass diese vielleicht gerade in einem Kunstwerk herumpatschen. Schon häufen sich Berichte über Geldforderungen für die Reinigung. Hier wird abgewogen, Schadensersatzforderungen von Künstlern sind meist um ein Vielfaches höher als von Müttern und so beantworten die Mitarbeiter die Kunst- oder Müllfrage für sich eindeutig mit Kunst.

Pessimistenhäuser

werden gar nicht erst fertig gestellt, das ist auch nicht vorgesehen, die einzige Mauer, die errichtet wird, endet auf unterschiedlichen Höhen, soll aber nicht unvollendet wirken, sondern eher verfallen oder zerstört. Pessimisten gehen davon aus, dass das Haus sowieso nicht lange stehen bleibt, dass es durch ein Feuer zerstört wird oder durch einen Orkan, ein Flugzeug könnte abstürzen und genau dieses Haus treffen, Schimmelpilz könnte den inneren Verfall herbeiführen, Marder könnten sich mit Bibern verbünden und Isolierung, Latten und anderes verwertbares Material für den Damm- oder Nestbau holen und so das Gebäude nach und nach zersetzen. Auch plötzliche Armut, Spielsucht, Trennung und ganz allgemein die Vergänglichkeit lassen einen Hausbau als Risiko erscheinen, als lächerliches Unterfangen, das Leben, vor allem das eigene, irgendwie zu verankern, etwas Handfestes zu hinterlassen. Also lieber gleich das Geld sparen, die unvollendete Variante wählen, die wegen der bisher sehr wenigen Anbieter nicht billig, aber trotzdem weitaus weniger kostspielig ist. Grüne Hecken sichern die Grundstücksgrenze, empfehlenswert sind hier allerdings Brombeer- und Himbeerhecken, um die Vitaminversorgung in Notzeiten zu gewährleisten, geschlafen werden sollte in Zelten des UN-Flüchtlingswerkes, so spart man sich im Katastrophenfall den Kampf um ein solches und hat es auch schon mal aufgebaut. Durch die ansprechende Fassadengestaltung wirkt der Wohnort trotzdem nicht schäbig, sondern britisch elegant und romantisch, und er flüstert jedem zukunftsgläubigen Passanten mit der Bauzeichnung für ein Einfamilienhaus im Kopf zu, was für ein dummer, ignoranter, naiver Optimist er doch ist, der irgendwann nur noch mit dem Notwendigsten am Leibe vor der Scheintür stehen und um einen heißen Tee betteln wird.

Original und Fälschung

Wenn dir alles zu groß ist, wenn du das alles nicht mehr fassen und begreifen kannst, mach's dir klein, mach dir die Welt, die Sonne so, wie sie dir gefällt, schrumpf alles ein, auf Handtaschenformat, gib es auf, das Unendliche zu verstehen. Gieß das Ungefähre in klare Formen. Mach aus dem Original eine Fälschung. Nicht das Universum, sondern dein Weltbild, deine Version alleine zählt, bieg es dir zurecht, stampf es klein, versag dir Größe und Ganzheit, wähle deinen kleinen überschaubaren, bescheidenen Teil, sei bescheiden und überschaubar, renn nicht gegen Mauern, fall nicht über den Tellerrand, bleib bei deinen Leisten.