Günther Krass: Erinnerungen (3) - 1968 - Flügelhorn

Heimlich legte ich den Eltern einen Zettel in die Obstschale, auf dem ich mit nervöser Hand "Ich möchte gern Flügelhornspielen lernen". Das kam nicht in Frage, das wusste ich, nicht, dass die Eltern unmusikalisch waren, oder wirklich etwas hatten gegen den Posaunenchor, in dem dieses Unterfangen stattfinden sollte, nein, es ging, obwohl beiden nicht ganz klar war, um welches Instrument es sich wohl handeln konnte, da sie zwar einen Flügel und ein Horn zu unterschieden und zu benennen vermochten, nicht aber deutlich auf ein Flügelhorn hätten zeigen können, es ging darum, was die Leute, die sogenannten Leute, die man nicht näher bezeichnen konnte, die sich aber immer zu Wort meldeten, wenn es über andere etwas zu sagen gab, was diese Leute sagen würden, wenn das Flügelhornspielenlernen scheiterte, wenn der Auszubildende unfähige Lippen besaß oder ungelenke Finger oder eine Unmusikalität an den Tag legte, die nicht zu heilen war. Was würden die Leute sagen? Und wie stünde man anschließend da? Als Eltern eines Kindes mit schlaffen Lippen, arthritischen Fingern und einer Unmusikalität, die einen sofortigen Schulwechsel hätte nach sich ziehen müssen. Was würden die Leute dann noch mehr denken bei einem Schulwechsel? Undenkbar. Ich schluckte und verließ das Wohnzimmer in der Hoffnung, dass der Zettel gelesen würde, um das Unaussprechliche nicht von Angesicht zu Angesicht aussprechen zu müssen. Aber es war geschrieben, es war aus mir heraus, ich hatte es veröffentlicht. Jetzt hatten es die Verantwortlichen schriftlich. Jetzt mussten sie sich auseinandersetzen und mussten entscheiden. Die Antwort kam kurz darauf, sie lautete :Nein!
Ich überlegte, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Hätte ich schreiben sollen "Ich möchte gern Flügelhornspielenlernen"?, also den Vorgang des Lernens näher an das Flügelhornspielen rücken und damit meine Lernwilligkeit bekunden sollen? Wo lag der Fehler? Zwei Tage später schrieb ich einen neuen Zettel "Ich möchte gern Trompete spielen lernen". Also, Gitarre wäre auch ok, dachte ich bei mir. (Zum Foto: Es muss nicht immer eine Bodenzither sein, manchmal tut es auch eins chlichtes Flügelhorn. Hauptsache, es ist laut genug, um gegen ein Akkordeon anzudröhnen.)

Herbst: Ich bin eine Flasche

Wir werden automatisch still, wenn wir etwas Zerbrochenes sehen. Unwillkürlich denken wir an unser klägliches Sein und erinnern uns an die gute alte Deadline. Das Wort fanden wir früher cool und ziemlich englisch, doch mittlerweile jagt es Schrecken ein und überzieht den Rücken mit einer Gänsehaut. Ist das Zerbrochene eine Flasche, die vielleicht zuvor billigstes Hansa-Pils beinhaltete, dann kehrt tiefe Depression ein und schmiegt sich an das bereits vorhandene Missgefühl, das der Herbst aufkommen lässt. Du bist echt eine Flasche, sagen wir uns im Selbstgespräch, du bist völlig kaputt. Du bist total leer, ausgelutscht, zerbrochen an der pflastersteinharten Realität, an deinen Ansprüchen, an den unfähigen Versuchen, dein Leben in den Griff zu bekommen. Aber- und da keimt ein wenig Hoffnung auf- du kannst immer noch verletzen, wie zerstört du auch bist, da werden sich die Lacher und Höhner geschnitten haben! Die werden sich geschnitten haben!, flüsterst es aus dir heraus. Wie eine Gebetsmühle murmelst du diesen Satz vor dich hin und er gibt dir Kraft. Ein letztes, vielleicht sogar ein vorletztes Mal wirst du dich aufbäumen, und alle, die dich treten, werden sich wundern, wenn ihn das Blut in den Socken steht. Das Leben hat wieder einen Sinn!

Schicksal als Chance: Doofe Namen

Nehmen wir mal Domino Carina. Das ist ein in Deutschland erlaubter Name. Niemand kann sich vorstellen, wer sein Kind so nennen würde, aber es gibt immer wieder Eltern, die ihr Kind bereits in frühem Stadium strafen und ihm einen lebenslangen Schaden besorgen wollen. Anfangs nennen sie den Zögling Dommi; das Kind denkt, es heiße Dominique. Wenn das Kind ungezogen ist, droht der Vater, seine Identität preiszugeben. Domino Carina, das klingt wie eine Mischung aus Süßigkeit und Damenbinde und ist garantiert ungeschlechtlich, bzw. vereint beide Geschlechter in einem Namen! Wahnsinn für ein Kind! Wie könnte eine Strafe schlimmer sein? Adermann! Ab morgen heißt du Adermann, das ist erlaubt. Venera ist die weibliche Form. Godot. Da ist der Name Programm; der Junge kann nur zu spät kommen und erfüllt stringent die Erwartungshaltung, dass alle auf ihn warten müssen. Uragano, Herrschaften, wo sind wir denn gelandet? Oregano - ok, das ist Griechenland. Aber Uragano? Hört sich nach einem Mittel gegen Blaseninfekte an. Fanta. Das muss erlaubt sein, will man sich auf dem Amt nicht Rassismus vorwerfen lassen. Fanta ist nicht die weibliche Form von Coco Cola, sondern die Freundin von Kunta Kinte, und der war Vorzeige-Sklave in der amerikanischen Alibi-Serie Roots. Fanta, doch, das passt, Kunta hat man da weniger, vielleicht wäre Sinalco nicht schlecht, als italienische Assoziation? Sonne, Strand, Amore? Ach, Ideen sind genügend da, es scheitert häufig an der Engstirnigkeit des Behördenschimmels, der laut aufwiehert, wenn ihm eine Kreation von den schlichten Eltern präsentiert und das dazuhörige Bild gezeigt wird. Aber dass auf dem Amt gewiehert werden darf, ist verbürgtes Recht seit Otto von Bismarck. Übrigens eine guter Name: Otto. Auch für Legastheniker. Liest sich vorwärts und rückwärts und auf dem Kopf. Klasse!

Neues aus Allerwelts

Bushaltestelle. Die Bushaltestelle von Tokio Hotel steht natürlich nicht in Tokio, sondern irgendwo hinter Magdeburg, irgendwo hinter Plattenbauten und neben Datschas von Stasipensionären. Aber an dieser Bushaltestelle haben die Kaulitzbrüder gestanden und auf eine Karriere als Rockmusiker gewartet, während sich der Schulbus näherte, der diesen Träumen jeden Morgen ein Ende bereitete. Und doch: Sie sind berühmt geworden, sogar in Lateinamerika, und jetzt versuchen findige Abzocker, die Bushaltestelle zu verkaufen. Bei Ebay stand das Angebot im Netz; keiner wollte das Wartehäuschen haben. Zu groß für mein Zimmer, schreibt Mandy aus Leipzig; nicht in Barbie-Rosa, ist der Kommentar von Nancy aus Belzig. Schließlich wurde das Gestell in Einzelteile zerlegt und Stück für Stück an willige Idioten verkauft, die sogar drei Kaugummis, die am linken Stützpfeiler klebten und eindeutig gebraucht waren (eine DNA-Analyse hat ergeben, dass alle drei von Bill stammen, sein Bruder nimmt sowieso nie die Kaumasse aus dem Mund, wie man bei Auftritten beobachten kann), für harte Euros in ihren Besitz brachten. Hier haben Mädels eine Alternative, falls sie chancenlos sind, von Bill je geküsst zu werden, nicht nur weil sie Mädels sind, sondern weil sie vielleicht nicht gut genug aussehen oder Akne haben. Einfach weichkauen und an Bill denken. DNA ist ja drin. Die Eigentümer des Bushäuschen wollen nun an den noch nicht verkauften Resten der Bude nach Urinspuren suchen, um den Preis der unteren Latten in die Höhe zu treiben. Selbst hierfür werden sich junge Menschen finden, die sonst nichts zu tun haben.

Ackermann. Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank und hämischster Grinser der letzten Jahre neben Manager Esser, lehnt staatliche Hilfe in der Bankenkrise ab. "Ein Fond ist eben keine Rindersuppe, mit der man eine beige Mehlsauce kochen kann!", so sein Kommentar zum Angebot der Regierung. Aufgeschreckt hat ihn wohl Peer Steinbrücks Vorschlag, Managergehälter auf 500 000 Euro pro Jahr zu begrenzen. Das würde bei einem Ackermanngehalt von 12 Millionen fast einer Enteignung gleichen. Und - mal ehrlich, wer will denn für 500 000 Euro bei der Deutschen Bank arbeiten und das ganze Risiko tragen?
Ackermann: "Auf die eine Null am Ende mehr oder weniger kommt es doch gar nicht an. Hauptsache die Kasse stimmt..." Dass er die 1 vorne vergessen hat und es wohl um die eigene Kasse geht, sollte nicht unerwähnt bleiben.

Busweise. "Busweise wäre schon zu viel", so die Überschrift in einem Artikel des Weserstädtischen Tageblattes. Was ist gemeint? Handelt es sich um ein Adverb? Er kam busweise nach Hause, also mit dem Bus und nicht zu Fuß? Oder ist es ein Lied, das in einem Bus oder über einen gesungen wird? Sind es Fahrausweise, speziell für Busse: Busweise eben?
Wer mehr weiß, meldet sich!

Schlechte Gedichte (1): Georg Krakl - Die Wurst


Du Wurst
Du Wurst in Beton
Ich hab Durst
und nicht Hunger
also lunger
hier nicht rum.
Amphore
Amphore in Beton
Ich habe Durst und nur Durst
Ich will dich trinken, ich will keine Wurst!
(Man kann Amphoren nicht trinken, man kann nur aus Amphoren trinken. Das führte zur Abwertung des Gedichts. Sonst ist es eigentlich ok, wenn man bedenkt für welchen Schwachsinn Preise vergeben werden.)

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Rote Mülleimer-Meditation

Ich sitze auf der Parkbank. Die Füße tun mir weh, meine Schultern schmerzen, mein Tennisarm meldet sich, obwohl ich gar kein Tennis spiele. Die Sonne quält sich durch den Spätsommerwald. Eigentlich eine Zeit der Ruhe, des In-Sich-Gehens, der Nachdenklichkeit ohne Schuldgefühle, des Annehmens der Unzulänglichkeiten des Seins. Erschöpfung. Wie nach einem erfolglosen Sommerschlussverkaufstag. Glückliche Enttäuschung. Nicht schon wieder unsinniges oder hässliches Zeug gekauft, das die Regale vollstopft. Das Kreuz vor mir, aus Sandstein, Sinnbild für die Vergebung der Sünden. Der Mülleimer. Sinnbild für das Überflüssige. Für das Endliche, das vergehen muss, das verwesen muss. Roter Mülleimer. Ich atme tief ein und konzentriere mich. Ich bin im Mülleimer. Ich atme erneut tief ein und weiß: Eine Biotonne. Eine LEBENStonne. Hier gehört das Leben hinein, wenn es ausgehaucht hat, wenn es nicht zuckt und pulst und strampelt. Wenn es zur Ruhe gekommen ist. Ich betrachte meine Hände. Das Rot des Mülleimers wird dort gespiegelt. Rote Haut. Rothaut. Alle Indianer der Welt sind plötzlich um mich herum, sie sind in mir, ich bin in ihnen, wir sind eins. Rassismus, schießt es mir durch den Kopf. Was ist mit den braunen, den schwarzen, den grünen, den blauen Mülltonnen? Warum stehen die nicht hier? Warum dieser rote? Keine Antwort. Das Kreuz und der rote Mülleimer. Eine Wortfolge wie der Titel eines Krimis, eines nordischen Krimis. Die Schwalbe, der Fuchs und der Dampfdrucktopf von Hakan Nessy etwa. Das Huhn, die Möwe und die Bremer Stadtmusikanten. Ach, meine Gedanken schweifen ab, ich bin nicht mehr bei mir, wo ich doch sein sollte, die vielen Indianer sind nicht ohne, die Schlacht am Little Big Horn und dahinten Winnetou mit seiner Silberbüchse. Die Tränen steigen mir in die Augen. Ich bin unendlich traurig, dass eine stolze Rasse verschwinden musste, weil es Weiße so wollten. Der Amerikaner. Uns hat man früher gezwungen, Amerikaner süß zu finden. Sie waren süß, zu Zeiten, als wir noch keine Hamburger kannten. Kuchen eben. Als positive Verbindung mit dem Amerikaner im Allgemeinen. Wie gemein. Wie plump. Genau wie Dr.Oetker, der uns in der Volksschule seinen Pudding servierte. Wir glaubten, Dr.Oetker sei ein freundlicher Arzt, der uns zum Aufbau der Knochen etwas Stärke mit Zucker und Farbstoff servierte, dabei war das schlichte Werbung. Kaufenkaufen!, war die Devise.
Ich öffne den Deckel des roten Mülleimers und ziehe mich aus dem Roten heraus. Genug der heulenden Pfeileschießer, genug der verwundeten Knie und der kleingroßen Hörner. Custer, der Arsch! Ich weiß nicht, was soll es bedeuten? Ein roter Mülleimer hinter einem Sandstein-Kreuz.
Hände fest, tief durchatmen, Augen auf! Ich bin wieder voll und ganz im Hier und Jetzt!

Göttingen- Verfall der Sitten


Kunst will provozieren. Aber es ist doch eine Ausgeburt der Langeweile, wenn man meint, dadurch zu provozieren, dass man eine gute Handvoll Göttinger nackt in Bronze gießt und dann an irgendeine hässliche Stadtmauer klebt, um den Touristen zu veranschaulichen: Der Göttinger ist nicht prüde, der geht auch nackt vor die Tür, wenn es sein muss. Gott sei Dank, musste es bislang nicht sein. Lichtenberg hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und mindestens 1004 Aphorismen und spitzfindige Bemerkungen in sein neuestes Sudelbuch geschrieben. Heute aber geht der Tourist ein wenig konsterniert an diesem scheinbaren Kunstwerk vorbei und schaut dann hinter einem Holunderbusch in der Botanik in seiner Hose nach dem Rechten, um sich verstohlen zu fragen: Ist bei mir denn alles in Ordnung?

Wenn einem nichts einfällt


Also, mal ehrlich, fällt dir, wenn ich mal dieses persönliche Personalpronomen gebrauchen darf, fällt dir, der du dieses Bild siehst, irgendetwas ein? Da sitzt ein verkrüppeltes (nur ein Bein!) Holzmännchen in einer Ecke des Stadtrandbungalows, zitternd vor Kälte und hoffend auf eine Kaminentzündung, gleichzeitig zitternd vor Angst, dass es Teil des Brennmaterials wird, das die Kälte durch warme, wohlige Wärme verscheuchen soll. Wir wissen doch alle: Holzmännchenkrüppel verbrennt man nicht, das ist fast Blasphemie. Aber es tut doch auch leid. Da sitzt jemand, gestützt auf seine Hände, bekommt also den Arsch praktisch nicht auf den Boden, wir sagen, der ist lebensuntüchtig, vielleicht meditiert er, aber wahrscheinlich nicht, da sitzt also einer in einer total unbequemen Haltung und fürchtet sich, Feuerholz zu werden, den Frierenden Wärmeelement zu sein. Meine Güte andererseits, wie viele Gläubge sind durchs Feuer gegangen und haben es der katholischen Kiurche recht gemacht, um einen Platz im Himmel zu bekommen? Also, da hat doch keiner Verständnis. Also, mir fällt nichts dazu ein, ganz ehrlich, man muss doch auch mal an andere denken und nicht nur an sich selbst, da hat so ein Bursche vielleicht vier, fünf Jahr still in der Ecke gesessen und jetzt ist er plötzlich dran; andere freuen sich, an der Fleischtheke, beim praktischen Arzt, auf dem Arbeitsamt endlich mal dranzukommen. Aber, das ist es ja, Undankbarkeit, erst jahrelang auf Kosten anderer im Trockenen gesessen und schön gefaulenzt, die Sonne genossen, sich an den Streitereien der Nachbarn ergötzt und dann, rums, soll es zum Einsatz kommen. Ja, Leute, was glaubt ihr denn, wo ihr seid? Nix ist umsonst. Selbst der Tod kostet das Leben, wie Tante Minchen immer sagte, und Recht hatte sie. Ich wiederhole für unsere Legastheniker: Da fällt mir nichts ein! Basta.

Geheimnisvolle Botanik

Jeder meint, Botanik, hohoho!, das ist doch was mit Grün? Kommst du mit in die Botanik?, hieß es jovial bei Schmitz und auch bei Kunzes, und sie meinten eine Fahrt ins Blaue, an deren Ende hinterher etwas Grünzeug in Form von Kakteen, ein paar Köpfen Salat und einem Minzlikör stand. Botanik hat mehr zu bieten. Botanik ist die tabellisierte Form der Natur, der Pflanzenwelt, des um uns Seienden, das Luft spendet zu unserem Wohlgefallen. Und- Botanik kommt uns geheimnisvoll daher, als etwas, das hinter blinden Fenstern passiert, als etwas Schlüpfriges, etwas Rutschiges, etwas Feuchtes, etwas Unsägliches und Unaussprechliches. Ja, das ist die wahre Natur der Botanik. Nicht ein Haufen Heu mit einer Kuh davor.

Praktische Geschenke: Wackersteine


Was hat man früher für unnützes Zeug geschenkt? Eine Packung TOSCA mit Seife und Toilettenwasser, einen Zigarettenspender oder einen Tischgong aus Messing mit künstlichem Grünspan, einen röhrenden Hirschen, der 24-Karat-vergoldet war und auf dessen Sockel "Braunlage" stand; zwei Gästehandtücher. Ein Oberhemd. Ein Buch. Noch ein Buch, obwohl es das letztes Jahr schon gegeben hat. Ist aber ein anderes Buch...Aha. Geschenke konnten Krisen auslösen, weil sich die Menschen nicht mehr richtig freuen können. In der schlechten Zeit hat man sich über ein Glas Leberwurst gefreut oder eine kleine Mettwurst. Heute sind wieder nützliche Geschenke gefragt, nachdem die unnützen sämtliche Abstellkammern, Kellerräume und unbenutzte Garagenteile plus angebautem Carport blockieren. Der Schenker will etwas zum Vorzeigen haben, der Beschenkte will sagen können: Meine Gäste können schenken, ich kenne keine doofen Leute, bzw. die lade ich nicht ein.
Jetzt in der Vorweihnachtszeit geht der Trend wieder zum Päckchen, weil das so heimelig wirkt. Wer das Schöne mit dem Nützlichen verbinden und gleichzeitig einen guten Eindruck hinterlassen will, greift jetzt auf Angebote der Baumärkte zurück: Eine Palette Wackersteine, fix und fertig als Geschenk verpackt mit schlichten Plastikbindern kann den finanziell ans Ende geratenen Bauherrn aus seiner Konto-Depression retten, eine Tüte Kies ab 25kg kann jeder gebrauchen oder einen Sack Zement, den man vielleicht schon in der eigenen Werkstatt vorgehärtet hat. Da lachen die Herzen auf beiden Seiten und es schießt der Satz durchs Hirn: Gottseidank nicht schon wieder TOSCA (für die Dame) oder TABAC (für den Herrn)! Richtig schenken ist kein Zufall.

Grafitti im Sauerland


Zarte Ansätze einer regional gefärbten Grafitti-Kunst, die von etablierten Bildungsbürgern als Schmiererei verschrien wird, kann man im Sauerland beobachten. Wenn auch Form und Inhalt schwer übereinanderzubringen sind, so kann man mit geübtem Auge doch Formen und Muster erkennen. Immer versucht der waldnahe Farbspritzer dem Objekt der Besprühung gerecht zu werden. Zu einem Baumstamm passen besonders gut florale Motive, einem Tannenbaum stehen gut weihnachtliche Muster. Wenn die Hand wohl noch gezittert hat, so kann man den Respekt, der der Natur gezollt wird, erkennen. Dass dann gelegentlich ein Bild daneben geht, ist verständlich. Bei der Darstellung des Isenheimer Altars, einem Triptychon immerhin, in der Grafitt-Version, kann dann etwas schiefgehen: Die Landkarte von Isenheim ist wohl zu undifferenziert und dass der Altar mit einem A anfängt, ist hinlänglich bekannt. Wo aber ist die Kreuzigungsszene und überhaupt: Wo sind hier die Menschen, das Allerwichtigste bei einer Kreuzigung? Na schön, über wäldliche Grafitti wächst schnell etwas Moos oder ein Parasitenpilz, das ist der Vorteil gegenüber Beton oder Eisenbahnwaggons. In diesem Sinne: Weiter so! Aber noch ein bisserl üben, gell?

Facelifting auch für junge Menschen


Man muss nicht immer warten, bis man eine Greisin ist, auch junge Menschen brauchen eine Gesichtsstraffung manchmal eher, als sie es sich in faltenloser Zeit gedacht haben. Kopfschmerzen sind oft die ersten Anzeichen für eine langsam voranschreitende Krankheit, die Gesicht und Schädel deformiert, so als wolle ein Balken aus dem Haupt herauswachsen und sich vor die Stirn schieben. Manchmal kann man ihn mit langen blonden Haaren oder einem auffällig großen Rollkragenpullover kaschieren bzw. von ihm ablenken; irgendwann ist dann aber eine Operation fällig, will man nicht lebenslang mit merkwürdigen Dellen auf der Straße herumlaufen. Die Bevölkerung hatte in Bezug auf junge Leute dafür bislang kein Verständnis. Jetzt wirbt eine Plakataktion dafür. Auf großflächigem Papier werden zwei Damen im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit gezeigt, die über ihr Bedürfnis nach Schönheit sprechen. Bei den beiden haben sich schon seitlich vom Kopf an den symptomatischen Dellen Scharniere gebildet, sodass man glaubt, man könne die Kopfmakel aufklappen oder aus der Angel heben. Das ist ein Irrglauben; ebenso wie die Vorstellung, man könne mit den Türgriffen, die sich am Ende der zweiten Phase in der Nähe der Arme bilden, irgendwie etwas öffnen. Völlig falsch, selbst als Deko oder Spezialpiercing sind diese Objekte nicht umzuwidmen. Hart für die Betroffenen. Darum: Verständnis ist angesagt.

Weizenbier und Kinder

Neue Statistiken haben es belegt: An deutschen Biertischen sitzen weniger Kleinkinder als Weizenbiergläsern auf ihnen stehen. Ein zufälliger Streifzug durch die Kneipenlandschaft scheint sogar zu bestätigen, dass das Verhältnis von zwei Weizenbiergläsern zu einem Kleinkind noch geschönt ist. Die Dunkelziffer liegt da ganz anders. Wahrscheinlich kommen auf 100 Hefe nicht einmal zwei Knirpse, was denn auch die These stützt, dass in Deutschland Menschen a) immer schneller altern, weil sie zu viel Bier trinken und b) überhaupt keine Zeit mehr haben, für den Nachwuchs zu sorgen, der später die Folgen übermäßigen Bierkonsums zu finanzieren. Anstatt Ausschau nach gebärfreudigen Frauen zu halten und den eigenen Körper fit und zeugungsfähig zu halten, stiert der Normalverbraucher in sein halbvolles Glas, in dem sich der Schaum bereits verabschiedet hat und sinniert darüber, warum der Weizenpreis auf dem Weltmarkt schon wieder gestiegen ist. Selbst ein kleines Kind am Tisch, das gierig nach dem gelben Nass langt, kann den Nachdenklichen nicht aus seinem Tagtraum reißen. Drei Schlucke und das Hefe ist weg! He, Meister!, klingt es durch den Saal, nochen Hefe, aber kalt! Die Frauen, die sich im Outback zurecht gemacht haben, um den Männern zu gefallen und einen Partner zu finden, warten derweil vergeblich. Nach dem nächsten Hefe ist sowieso nichts mehr mit Zukunftsplanung...

Skulpturenpark in Körbecke am Möhnesee

Wie wenig der bescheidene Kunstliebhaber erwartet darf, wenn er an einem verregneten Feiertag, etwa dem Tag der deutschen Einheit, durch die Wiesen oder einen nahegelegenen Skulpturen-Park schlendert, zeigt das Angebot, das ihm eine kleine, möhneseenahe Ortschaft anbietet: Schlichte, in den Boden gerammte Holzpfähle genießen schon das Etikett "Skulptur", wenn sie in entsprechender Umgebung dargeboten werden. Was bei Sonne eher dem unvollständigen Kleinsspielfeld für Schnappball gleicht, wirkt auf den Betrachter, nachdem die Begrenzungsdrähte entfernt worden sind, wie die Einsamkeit des Holzfällers, der in nasskaltem Wald seinem zerstörerischen Handwerk nachgehen muss und dessen Axt unbarmherzig in die weisen Bäume schlägt, die seit Jahrtausenden über das Terrain wachen und den Menschen längst nicht mehr brauchen, ihn sogar noch nie gebraucht haben. Dem Holzfäller rinnen die Tränen über die verwitterten Wangen; die Motorsäge ist ihm nicht angesprungen, seine treue Freundin liegt kalt am Boden. Verletzungen, die so schnell nicht heilen. Die Axt frisst sich durch das Holz; kein schneller Tod. Mein Freund, der Baum, singt Alexandra aus dem Schaub-Lorenz-Radio, dessen Batterien schon schwach sind, mein Freund, der Baum, ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot.
Kunstliebhaber, der du intuitiv mit dem Baum hältst, denke daran: Die Skulptur stellt die Einsamkeit des Holzfällers dar! Bäume sind nämlich nicht einsam, die haben immer noch den Wald. Der Holzfäller aber ist eine aussterbende Art, der mit jedem gefallenen Baum auch seine Existenzberechtigung verliert. So weit kann Kunst greifen.
Zu Halloween sollen wieder Drähte gespannt werden, einmal, weil es lustig ist, wenn Menschen mit Kürbisköpfen über diese stolpern, zum anderen, weil ein Schnappballkleinfeld irgendwie besser einleuchtet.

Frühe Comics an alten Rathäusern

Dass der Mensch vor langer Zeit schon Spaß an Comics hatte, dokumentiert immer wieder die eine oder andere Front eines Rathauses oder des Wohngebäudes eines reichen Tuchhändlers.
In Soest, der Bördestadt am Rande des Sauerlandes, hängen diese zwei Protagonisten des wortarmen Geschichtenerzählens. Hoss und Maik, zwei Symbolgestalten der Hansestadt, haben sich nach einem Zechgelage mal wieder mächtig was vor den Schädel gehauen, weil keiner der beiden den Haustürschlüssel dabei hatte. Nachdem sie ihr Bargeld und die gesamte Oberbekleidung verzockt hatten, blieben ihnen lediglich die grünlichen Inkontinenzwindeln und zwei Stäbe, an denen sich spitz zulaufende Hämmer befanden. Als ihnen die Köpfe vom vielen Hauen wehtaten, beschlossen sie, Frieden zu schließen und sich nicht zum Gespött der Leute zu machen. Sie montierten schnell das Wappen des Wirthauses "Zum roten Schlüssel" ab und trugen es lässig vor ihre Dreizimmerküchbad-Wohnung in der Unterstadt. Nachdem sie ihre Laubsägen aus der Wohnung geholt hatten, begannen sie, den Schlüssel auf dem Wappen auszusägen, um ihn in die Wohnungstür zu stecken und diese dann zu öffnen. Sag mal, fragte Maik, wie bist du denn an deine Laubsäge gekommen? Hoss antwortete: Ich bin einfach rein und hab sie aus meiner Schachtel mit der Weihnachtsdeko herausgeholt, da hast du sie ja wohl letzte Woche versteckt, oder? Dann war die Tür die ganze Zeit offen?, wunderte sich Maik. Wird wohl so sein, nickte Hoss völlig entspannt. Als die beiden zur Tür gingen, um den ausgesägten Schlüssel auszuprobieren, entdeckten sie, dass ihr eigener Wohnungsschlüssel nocht steckte. Morgen lasse ich sofort einen neuen machen, den verstecke ich dann in der Schachtel mit der Weihnachtsdeko und dann haben wir im Notfall immer einen zweiten, schlägt Hoss vor. Gute Idee, meint Maik.
Zum Andenken an diese langweilige Geschichte aus dem Soester Hansealltag hat man die Brüder samt rotem Schlüssel an die Frontseite des Rathauses genagelt, als Warnung für den Bürger: Ein bisschen blöd ist ok, aber nicht mehr, klar?

Mathematik im Sauerland


Der Sauerländer ist bekannt dafür, dass er aufgrund erhöhter Niederschlagsmengen zu den Problembuddlern in Deutschland gehört; es reicht ihm nicht, einfach fröhlich durch die Welt zu gehen und sein täglich Brot mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Der Sauerländer braucht Probleme. Wer sich als Erholungssuchender durch ein Dickicht schlecht ausgeschilderter Wanderwege quält - angeblich habe Kyrill einen Teil der Markierungen "weggeputzt" - und glaubt, er könne sich an der Natur erfreuen, stößt immer wieder auf Stellen, an denen der Sauerländer sein Wesen offenlegt. Es reicht ihm nicht, dass der Gast durch den Forst schlendert, er drückt ihm immer wieder etwas für den Kopf auf! Achtausendunddreizweiundsiebzigstel! Was soll das denn hier? Selbst wenn man die Zahlen, was ja der Strich zwischen ihnen symbolisiert, teilt, kommt man auf kein glaubwürdiges Ergebnis, vor allem nicht ohne einen Taschenrechner, den der Wanderer wohl kaum in seinem Rucksack findet. Beide Zahlen hatten jahrzehntelang um den Status als Primzahlen gekämpft, verloren hat die 72 als kleinere Zahl, was ja niemanden wundert, denkt man an die immer weiter auseinanderklaffende soziale Schere im Land. Die Kleinen werden nichts, die Großen können sich alles leisten. Primzahl, als wenn das was Besonderes wäre! Der Sauerländer hat jedoch im gleichen Jahr, als es der 72 abgelehnt wurde, Primzahl zu werden, einen absolutes Teilungsverbot erlassen. Was als schlichte, wenn auch unlösbare Aufgabe am Baumstamm leuchtet, ist nur eine böse Falle. Wer dennoch teilt, weil er es nicht lassen kann, wird mit Bußgeldern bis zu 100 € belegt. Dieses Geld fließt in sauerländische Gemeindekassen und wird für den Bau von Regenschutzüberdachungen angespart. Der kluge Mensch denkt an die ehemalige DDR und weiß: Vereinigen ist das Zauberwort, das wir uns teuer zu stehen kommen lassen. So bleibt nur der Rat: 8003 geteilt durch 72 ist verboten. Das richtige Ergebnis heißt: Achttausendfünfundsiebzig!

Serielle Fotografie: Auf dem Wochenmarkt in Soest



Serielle Fotografie soll das sein?

Sellerie-Fotografie, ganz plumpe Sellerie-Fotografie. Also: Bevor man ein Fremdwort benutzt, sollte man wissen, was es bedeutet.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Eiskugelmeditation


Mit Andacht essen ist gut; wie wenig hilft es der Welt, wenn Currywürste und Döner mit gierigen Bissen zerkleinert und hektisch heruntergeschluckt werden, nur um das profane Hungergefühl zu betäuben, um schneller zu sein als der Nachbarm, der vielleicht die minderwertige Nahrung vom Teller stiehlt, um sie sich selbst einzuverleiben. Schnelles Essen ist Egomanie. Bloß nichts abgeben, alles alleine haben wollen! So denkt und funktioniert der Alltagsmensch, dem der eigene Bauch näher ist, als die Hüftrolle des Nachbarn. Und dann in der Menge der Schlingenden: Der Pilger! Andächtig hält er seine Nahrung vor die Stirn. Er dankt dem Universum, er dankt allen Wesen, Tieren und Pflanzen, die ihm Nahrung sind; er hält inne, hat Zeit sich zu besinnen, er respektiert das Große und Ganze, in dem der kleine Mensch versinkt, in dem er wie ein Tropfen im Ozean ist. Das Profane wird bedeutungslos; die Nahrung wird geheiligt.
Immer tiefer versenkt er sich mit jedem Tropfen des geschmolzenen Schokoladeneises, der auf den Boden oder die Goretex-Wanderhose tropft. Der Pilger weiß um die Bedeutung seines Opfers für die Schwingungen der Welt, er weiß darum, dass er dem Guten hilft, dass er einen Teil seiner Nahrung opfert, symbolisch, um den Unfrieden, den die Schnellesser und Schlinger, die armen Schlucker eben, mit jedem Hamburger, mit jedem Schnitzel, mit jeder Bockwurst stiften, zu begegnen und in Harmonie zu verwandeln.
Wenn der Pilger zurückkehrt in das Hier und Jetzt bleibt ihm ein braunes Muster der süßen Tropfen auf dem Boden oder vielleicht sogar auf der Hose. Er weiß, dass es gut ist, so gehandelt zu haben, sich in der Masse zurückzuziehen in sich selbst und Kontakt aufzunehmen mit den Wesen einer höheren Welt, um unerkannt zu helfen. Wanderer hinterlässt keine Spuren, mag ein wahrer Leitsatz der Wissenden sein. Manchmal muss aber auch eine Ausnahme gemacht werden, wenn es der Sache dient.

Samstag, 27.9.08: Inkognito reisen


Wer will nicht unbehelligt bleiben, wenn er reist? Inkognito nennt man das. Vor allem der Prominente, der zwar immer sein Maul aufreißt und die Zähne zeigt, um zu lachen, seine Fans aber eher zum Kotzen findet, sie aber billigend in Kauf nehmen muss, weil sie seinen üppigen Lebenswandel finanzieren, so dass er sich ein Bahnticket leisten kann, um einmal einen Ausflug machen zu können, will unentdeckt bleiben. Am häufigsten werden Prominente am Gesicht erkannt. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Charlie Chaplin, der an seinem Bambusstöckchen erkannt wurde und wie Winnetou, den man über die Silberbüchse und die Tatsache, dass er wie ein Althippie aussah, identifizieren konnte, ist der Kopf das Haupterkennungsgebiet an einem Prominenten. Den Kopf zu verhüllen ist eine einfallslose und nutzlose Methode, sich vor Übergriffen durch Fans zu schützen, die nicht davor zurückscheuen, mit ihren Fingern in der kopfverdeckenden Kleidung herumzuwühlen, bis sie einen warmen Körperteil zwischen Daumen und Zeigefinger halten und laut aufschreien können: Heino Ferch!, oder Heidi Klum! Anschließend wird mit Fanpostkarten im Gesicht des Gefundenen herumgestochert, was üble Schnittwunden nach sich ziehen kann, wohl aber dem Erheischen einer Unterschrift dienen soll.
Am schlimmsten aber ergeht es Reisenden, die ihren Kopf hinter einer Windbluse verstecken, weil sie ein Nickerchen machen wollen. Wenn der hoffende Fan, nachdem er gewühlt und gestochert hat, feststellt, dass es sich gar nicht um einen Prominenten handelt, nicht einmal um einen Schausteller aus einer täglichen Seifenoper, sondern um eine belanglose Person des Alltags, kann das Erwachen böse sein. Frustabbau heißt dann die Devise, und da weiß der Fan nicht wohin. Da bleibt nur noch, ihm die Bildzeitung hinzuhalten und zu hoffen, dass ihn das täglich wechselnde Bild einer Barbusigen ablenkt.
Tipp: Wenn schon Nickerchen, dann immer mit unbedecktem Kopf. Wenn schon nicht erkannt werden wollen, dann zu Hause bleiben!

Freitag, 26.9.08: Weltstadt Berlin - Sicherheit geht vor


Der deutsche BIG APPLE Berlin krankt doch am Detail. Klar, man will dem Ausländer, der vielleicht englisch spricht, das Leben etwas einfacher machen und teilt ihm mit: Meister, nicht mit der Tür in die Hotellobby fallen, sondern den Türgriff benutzen. Im Ausland sind Türgriffe, manchmal sogar Türen, weitgehend unbekannt. Da denkt jeder sofort an die Fliegengittertüren in der Fernsehserie Lassie, die sich sogar mit dem Butterbrotsbeutel von Timmy öffnen ließen, oder an die praktischen Wigwams, die gar keine Türen besaßen, sondern nur einen Schlitz, durch die der Häuptling seinen Federkopfschmuck pressen musste. Das Ein- und Ausgehen glich einer Geburt. In Deutschland ist das anders, besonders in Berlin, dort hat sich die Türklinke seit den wilden Zwanzigern durchgesetzt, als nämlich die Mode überhand nahm, einfach hereinzuplatzen. Egal wo herein oder hinein, man platzte in den Raum, als ob es zum guten Ton gehöre. Der Türgriff schob dem im wahrsten Sinne einen Riegel vor, einen versteckten nämlich. Der ausländische Mensch läuft immer noch auf eine Tür zu und hofft, dass sie sich, vielleicht wie in der Heimatstadt New York, von selber öffnet, oder, vielleicht in seiner Heimatstadt Rejkjavik, einfach wegtaut durch die Körperwärme des Heraneilenden. Berlin ist eine Weltstadt und da denkt man an die Verletzungsgefahr, die Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund droht. Ein praktisches Schild mit dem Hinweis auf einen DOOR HANDLE verhindert das Schlimmste; übersetzt heißt das TÜRGRIFF und warnt den auch den deutschen Mann, der gern einmal durch die Wand geht und glaubt, Türen seien für ihn kein Problem. Denkste, Meister! Hauptstadtkorrespondent Peter Henne

Donnerstag, 25.9.08: v. Eijnoor - Einsam wegen schlechter Zähne


Häufigste Ursache seit Erfindung der Parodentose.

Mittwoch, 24.9.08: v.Eijnoor - Beäugt.


Iss so, ganz ehrlich.

Dienstag, 23.9.08: v. Eijnoor - Auf andere zeigen


Zeigt man eigentlich nicht.

Montag, 22.9.08: v.Eijnoor - Karneval in Rio...

...aber total schlecht sitzende Masken.

Sonntag, 21.9.08: v.Eijnoor - Blödes Huhn findet drei Körner


Drei Körner nur, zu blöd.

Hämorrhoiden oder Hämorriden?

Vor der Reform der Rechtschreibung waren Hämorrhoiden tabu. Die Leute konnten das Wort nicht schreiben, also wurde es auch nicht geschrieben. Darüberhinaus befanden sich die Objekte in einem Bereich, der nur hinter vorgehaltener Hand besprochen wurde, in einer Tabuzone, die seit der Erfindung der Unterhose unter dem Oberbegriff "unaussprechlich" zu finden war. Wenn dann doch gesprochen wurde, so sagte man Hämoritte, vielleicht assoziierte der Hörer die freundliche Margaritte und konnte dem Sprecher den Tabubruch verzeihen. Dadurch dass niemand die Krankheit bzw. die Protagonisten dieser aufschreiben konnte, erhielt das Ganze eine Art Glorienschein, eine Form der Mystifikation lief ab, es erhielt etwas "Unbeschreibliches". Dann kamen die forschen 90er-Jahre und das noch forschere 2.Jahrtausend. Erst die Rechtschreibreform: Die Hämorrhoide wurde ganz legal zur Hämorride, immerhin noch rechtschreibtechnisch schwierig, weil mit zwei r, und entledigte sich ihrer Heiligkeit, wurde quasi profan, bürgerlich, nein, trivial, und schließlich entblödete sich eine schreibende Frau nicht, darüber ein Buch zu verfassen, in Romanform auch noch, und nötigte die Bürger, dieses zu kaufen, in einer Menge, dass es auf die ersten Plätze der Bestsellerliste schnellte, und nötigte sie weiterhin, die vorgehaltenen Hände herunter zu nehmen und zu schreien, einfach weil niemand hinter dem Trend herhinken wollte, zu schreien, wenn der Beflüsterte nach dem Wo fragte: Am Arsch! Mit dieser Ausdruckweise lag der oder die Schreiende natürlich im Trend, spätestens seit der Hobbythek zum Thema Bauch, Darm und Hintern, und bewertete gleichzeitig das Gelesene, um weiteres Interesse zu wecken und den Kaufanreiz für das Pamphlet zu steigern. Alles nur wegen der Rechtschreibreform.

Leichtfertig gesagt: Du hasten Schuss

Leute, die an der Schießbude stehen, fühlen sich wohl, wenn der von Markt zu Markt ziehende Anbieter privater Showdowns sagt: Du hast einen Schuss! Immerhin haben sie Geld bezahlt und machen auch gern ein paar Schüsse mehr, weil sie Geld sparen.
Wenn dann die Schießwütigen statt auf die Plastikblumen oder Synthetikbären in den Keramikröhrchen aus Versehen auf die Angestellten schießen, weil sie keinen Jagdschein besitzen, kommt es schon mal zu unliebsamen Äußerungen wie: Du hasten Schuss, Meister, pass bloß auf! Damit haben sie an diesem Stand praktische auch einen Jagdschein erworben, der zwar nicht zum Erwerb einer Waffe berechtigt, wohl aber eine Art Freischein ist, die das unstrukturierte Herumschießen in der Gegend verstehbar macht. Ein Makel bleibt trotzdem, denn niemand bekommt dieses Dokument wirklich ausgehändigt. Menschen mit solchen Attributen müssen jeden Tag aufs Neue beweisen, dass sie berechtigte Träger des Qualitätsmerkmals sind. Nicht einfach und manchmal nervend. Da geht auch schon mal ein Schuss nach hinten los.

Gastbeitrag: Leser und Leserinnen stellen sich vor – heute: April aus Norwegen


Ich lese gern in Bodos Welt – natürlich nur dann, wenn ich in meiner kleinen Hütte in der Nähe des Polarkreises Strom habe. Wenn nicht, muss ich selbst schreiben. Ich glaube ja immer noch, dass Bodo in Wirklichkeit eine Frau ist. Viele seiner Ansichten sind sehr weiblich, und wenn man so wie ich inmitten der Natur ganz allein ist, entwickelt man ein Gespür für so etwas. Am besten gefallen mir die Gespräche der Aliens. Bodo, ich finde, du solltest wieder mehr Science Fiction schreiben. Olli Dallilahmer kann ich nicht so gut ertragen. Er erinnert mich zu sehr an den Aussteiger in der Hütte unten am See, der leider gerade deutsch lernt, um mit mir seine Ansichten zu teilen bzw. damit ich seine Ansichten teilen kann. Und es nervt mich, dass Bodo so pingelig ist, was den Fleischverzehr betrifft. Ich würde hier im Winter gar nichts zu essen haben, wenn ich nicht meine Fallen im Wald hätte und mir ab und zu etwas braten könnte. Manchmal wünsche ich mir hier Menschen, die mir z.B. einfach nur etwas von ihrem letzten Urlaub erzählen, ob es auf dem Campingplatz laut war oder ob es zu viele Hunde gab. Tja, und weil das hier nicht geht, lese ich in Bodos Welt.

Menschen im Freiland

Ein neuer Wellnessbereich hat sich heimlich entwickelt und will Trendsetter in 2009 werden. Freiland-Sport ist den Salatköpfen nachempfunden, die nicht in der brütend-feuchten Hitze von Glashäusern in ihrer Nährtunke dümpeln, sondern die sich der Sonne und des Sauerstoffs erfreuen und dem Gaumen des Gourmets eine Freude bereiten wollen. Wenngleich der Vertilger von Freilandeiern darüber klagt, die Eigelbe würden zu sehr nach Regenwurm und nicht mehr nach Fischmehl schmecken, so glaubt der sportive Mensch, der Entspannung und körperliche Betätigung sucht, dass ein längerer und regelmäßiger Aufenthalt im Freien den Geschmack nicht trüben kann. Vielmehr könnten geschmacklose Menschen endlich etwas kerniger im Biss, etwas herzhafter im Abgang auftreten, was das Selbstbewusstsein erweitern und das Selbstwertgefühl steigern würde. Zurzeit werden verschiedene Sportarten angeboten, die den genannten Effekt erzielen sollen: Herumzeigen in der Gegend, Stabtragen auf Rasen, Händervormbauchverschränken und Beifallnicken vor dem Metallzaun. Alle Sportarten erfordern lediglich normale Freizeitkleidung, und das macht das Ganze so preiswert. Teuer kann sich die Anschaffung eines Metallgitters erweisen, vielleicht kann das Herumlungern in Buswartehäuschen da eine Alternative sein. Auf jeden Fall eine begrüßenswerte Idee, die auch bewegungsgehemmten Menschen das Gefühl vermitteln kann, etwas Sinnvolles für ihren Körper getan zu haben.

Farben im Wandel der Zeit

Die Zeiten ändern sich und mit ihnen Modefarben. Waren in der Steinzeit besonders erdige Töne beliebt, wie etwa Bärenfellbraun, Karnickelgraubraun und Umbra, so liebte man im Mittelalter besonders Polierteseisensilber und Rüstungsrostbraun. Im 21.Jahrhundert ändert sich der Geschmack fast halbjährlich, die Modebranche diktiert, was gefallen muss, weil sonst ein Kaufverbot droht. Der verstörte Kunde glaubt treuherzig die Drohung und kauft alles Mögliche in den hässlichsten Farben, weil er Angst hat, die Industrie und der Einzelhandel würden ihm demnächst den Zugang zu ihren Waren verbieten. Weit gefehlt! Natürlich muss der Kunde kaufen, damit die Industrie weiterhin hässliche Farben und noch hässlichere Mode produzieren kann. Und mal ehrlich - mit Aussperrung droht der Kapitalist doch erst, wenn der Lohnabhängige streikt. Im Einzelhandel heißt der Kaufstreik allerdings Boykott, und da das kaum jemand schreiben kann, verzichtet man auf dieses Kampfmittel und kauft weiter, mit schlechtem Gewissen zwar, aber auch mit dem Gefühl der Hilflosigkeit.
Die Lebensmittelindustrie hat sich umorientiert: Sie produziert nicht am Käufer vorbei gemäß dem Motto "Der Hunger treibt's schon rein", sondern bereitet ihre Speisen mit den natürlichsten Lebensmittelfarben zu, so dass ein kurzer Seitenblick auf die dargebotenen Köstlichkeiten das Wasser im Munde versammelt. Sahnehaltige Süßspeisen wie Torte und Biskuitrollen werden in dezentem Braun gehalten, damit der hohe Kaloriengehalt nicht auf das Gemüt schlägt, dazu weiße Tischdecken und das passende Porzellan, quasi als Sahneersatz, den man nicht verzehren kann, was wiederum das Gewissen beruhigt (Von dem Weißen habe ich überhaupt nichts gegessen!). Umrahmt wird die Tafel von einer Garnitur rot-grüner PET-Flaschen mit Limonade, die durch die Farbkombination ROT-GRÜN dem Trinker mitteilt, er handele nach sozialdemokratischer Ausrichtung in Verbindung mit einem Umweltbewusstsein, das sich die Grünen an die Brust geheftet haben. Vielleicht genügt diese Farbzusammenstellung nicht der Ästhetik eines Kunstmalers, wohl aber macht sie den Kampf mit dem Körpergewicht erträglicher und hält die Hoffnung aufrecht, diesen Kampf eines Tages zu gewinnen.

Tod eines Kritikers


Martin Walser hat eine Art Krimi geschrieben, er hat seinen Hass auf Leute kompensiert, die seine Bücher verrissen haben, die ihn einen echten Langeweiler genannt haben, und ihm ist hier ein Husarenstückchen gelungen: Genau so ein Buch, wie es die Kritiker immer wieder bekrittelt haben, ist ihm gelungen. Es ist kein Krimi, sondern eine Art Enthüllungsgeschichte. Der Literaturbetrieb wird kritisch betrachtet und beschrieben, wir erfahren endlich, was hinter den Kulissen passiert und warum die größten Langeweiler echte Bestseller schreiben können. Unter diversen Pseudonymen werden die unterschiedlichsten Charaktere vorgeführt, wir vermuten diesen und jenen, aber beweisen können wir nichts, alles ist Fiktion. Vielleicht wollte sich Walser an Elke Heidenreich rächen, die das Buch "Die Wand" so hochgelobt hat, dass es massenhaft verkauft wurde. Jeder, der es sah, las es, nur um rauszufinden, ob es wirklich so stinklangweilig ist, wie man munkelte, und jeder konnte erleben, wie der Betrieb funktioniert: Da muss nur eine Vielleserin ein paar kryptische Kommentare abliefern und schon steigt ein Stern auf am Nachthimmel der Schreiberlinge. Literaturpapst Reich-Anwitzki bekommt sein Fett ab und irgendwie hat der Leser am Ende das Gefühl, dass überhaupt keiner tot ist und dass auch gar keine Spannung in dem Buch war, wie sich das für einen Krimi eigentlich gehört. Das Buch hat eher etwas Meditatives. Nach einer halben Seite senken sich die Lider und der Kopf sackt zur Seite. Der Leser ist eingeschlafen und träumt vom langweiligsten Tatort aller Zeiten. Noch mal: Tot ist keiner, was ja auch schön ist, spannend ist auch nichts, was immerhin langweilig ist, und da freut es den Verbraucher, wenn er das Buch als Remittendenexemplar für € 2,95 gekauft hat; das sind immerhin satte 6 €, die dem Sparbuch oder einem gemeinnützigen Zweck zufließen können.

Zugvogel, wohin?

Es wird Herbst. Die Zugvögel sammeln sich, du stehst unter der Hochspannungsleitung und schreist hoch: Wohin, wohin wollt ihr? Keine Antwort. Wildes Geschnatter und Gepiepe, keiner versteht einen Ton, niemand weiß wahrscheinlich, wohin die Reise gehen soll, einige treten sie zum ersten Mal an.
Dann triffst du auf einen Zugvogel, der einsam auf dem Andreaskreuz vor dem unbeschrankten Bahnübergang sitzt, verlassen von den Kollegen, die in der Ferne schnattern. Du fragst ein weiteres Mal: Zugvogel, wohin? Du betrachtest den kleinen Kerl, wie er zittrig auf dünnen, wackligen Beinen auf dem weiß-roten Blech kauert, eingehüllt in ein schlecht sitzendes Federkleid, das vielleicht vorher seinem älteren Bruder gehört hat. Zugvogel, wohin? Flüsterst du, um den kleinen Flieger nicht zu erschrecken. Auf den nächsten Zug, fiept es zaghaft zurück. Verdammt, denkst du, Vögel haben oft Probleme mit der Sprache! Zugvogel, ZUGvogel, was für ein Quatsch, der hat das total misstverstanden, das musst du klären, bevor die Kollegen auf der Hochspannung abrauschen! Du, Zugvogel, du hast da was falsch verstanden....Bevor du den Irrtum aufklären kannst, piept es: Ich komme sowieso aus Afrika und spreche kein Deutsch. Du nickst, weil du nicht verstehst. In diesem Moment kommt auch schon die E-Lok der Weserstadt-Kreisbahnen, der Vogel stemmt sich vom Andreasblech und fliegt kurzerhand hastenichgesehen auf den vorderen Tender, und weg ist er. Du denkst, dass Vögel auch nicht mehr so sind wie früher. Wobei .... wie waren die früher eigentlich?

Kleine Menschen

Mittlerweile neigen immer mehr kleine Menschen dazu, sich über große Menschen lustig zu machen. Oft reicht ein schlecht sitzender Hut und eine Körperlänge von 1Meter neunzig gegenüber einsfünzig und schon wird gelästert: Guck mal da! Über einsfünzig groß, aber einen schlechtsitzenden Hut tragen. Wie lustig! Selbst wenn keiner der Zwerge in der Nähe lacht, so ist das für den Riesen doch demütigend. Am liebsten würde er dem Wicht eins mit dem schlecht sitzenden Hut über die Rübe ziehen, dass dem Burschen Hören und Sehen vergeht, aber das Grundgesetz verbietet dies: Niemand darf, weil er zu klein ist, um über die Tischkante zu gucken, diskriminiert werden. Das lange Menschen mit schlecht sitzenden Hüten ebenfalls nicht diskriminiert werden dürfen, steht dort allerdings nicht. Da die Kleinen immer mehr werden, stellt sich die Frage: Ist eine Minderheit, wenn sie zahlenmäßig mehr ist als die Mehrheit, überhaupt noch eine Minderheit? Und wenn nein, kann man die dann nicht endlich mal so diskriminieren, dass sie ihr loses Mundwerk halten? Ja, da schweigt das Grundgesetz im Moment lieber.

Da lacht der Bäcker: Teilchenbeschleuniger

Haha, hört man aus deutschen Backstuben. Teilchenbeschleuniger, murmelt Oma, wat soll dattan? Muss denn alles hektischer werden? Was der schlecht Informierte für eine bombastische Anlage zur Akkzeleration von Kuchstücken hält, ist in Wirklichkeit der Versuch aus schwarzen Löchern, die beim Beschleunigen entstehen könnten, die Herkunft des Menschen herauszulesen. Wer hat uns gemacht? Wo kommen wir her? Da schmunzelt der liebe Gott, denn er weiß das schon lange, sagt aber nichts. Viel interessanter wäre aber die Antwort auf die Frage: Wo werden wir enden, wenn wir so weiter machen wie bisher? Naja, die Wissenschaft hat ja immer mal ein paar Fragen von vorgestern auf Lager, deren Antworten nicht so wichtig sind; aber wenn sie dann mal da sind, sollten sie auch geglaubt werden. Auf jeden Fall könnte der liebe Gott endlich mal sagen, was er weiß. Das wäre nämlich die einfachste und billigste Lösung...

Vincent van Eijnoor: Küssen

Eijnoor hebt hier auf die alte Rassendiskriminierung ab: Dunkelhäutige küsst man nicht so gern, wie man sieht. Der weiße Mensch schaut, weil dem Bildungsbürgertum entstammend, indigniert. Welche Gefühlslage er damit wirklich verbindet, bleibt verborgen. Fatal nur: Negerküsse werden nach wie vor massenweise einverleibt. Diese paradoxe Situation in Wohlgefallen aufzulösen, bleibt mal wieder dem Ernährungsminister vorbehalten, der sich derweil mit der Süßwarenindustrie herumschlagen muss, wiel sie gegen die Wörter "Schokohubbel" und "Eineweltküsse" opponiert.
Malerei kann gesellschaftskritisch sein. Muss aber nicht.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Durcharbeiten (Meditation)

(Foto: Sonntags um drei. Mal wieder nichts passiert. Selbst die Wachhäuschen stehen leer.)
Sonntags um drei in deutschen Wohnstuben: Depression. Morgen ist Montag, das Wochenende neigt sich dem Ende(!) zu, ein flaues Gefühl macht sich im Magen breit. Shit, denkt mancher Beamte, morgen geht der Zirkus wieder los, Shit, denkt der Fließbandarbeiter, morgen wieder ins Hamsterrad. Schnell wird noch ein Bier gekippt, um den Niedergang der Stimmung zu kompensieren. Was passiert da? Schlechtes Gewissen stellt sich ein, weil am Wochenende außer Fernsehen nichts passiert ist, weil die Erholung nicht geglückt ist, weil alles so ist wie immer, nur dass die Arbeit fehlte.

Da sind wir auch schon an der Wurzel des Unheils angelangt. Fünf Tage haben wir durchgearbeitet, plötzlich, zwar erwartet, aber doch plötzlich, als ob ein japanisches Gemüsemesser eine Gurke zerteilt, ist die Trennlinie da: Hier die Arbeit, da das Wochenende ohne Perspektive. Anfangs euphorische Gemütsbewegung, ah, jetzt ist das Wochenende am längsten, jetzt haben wir noch alles vor uns, aber.....eine dunkle Stimmung kriecht vom Bodenbelag an den Baumwollstrümpfen über die Kniescheibe durch die Unterhose zum Solar Plexus, dahin, wo unsere Mitte sein sollte, unser Ruhepol. Die Uhr tickt, mit jedem Zeitzählgeräusch schrumpft die Freizeit und damit die Chance, sich zu erholen, zu regenerieren, aufzutanken, Lebensmut zu schöpfen für die nächste Arbeitswoche. Die Depression ist da: Freizeitschmelze, Leere und fehlende Ideen, etwas mit der Zeit anzufangen, außer darüber nachzudenken, dass sie abläuft, sind ihre Zutaten.
Die Lösung ist einfach: Wie eine ständig wiederkehrende Bewegung einen Menschen in Trance versetzen kann, in der er sich vom Alltag entfernen und Kontakt mit seinem höheren Selbst aufnehmen kann, so geht das auch in der täglichen Arbeit. Das Stampfen der Maschinen kann Mantra sein, der Korrekturstift wird zur Gebetsmühle, wenn er in ewigem Gleichmut und immerwiederkehrenden Bewegungen über den fehlerhaften Text gleitet, das Glockenhelle der Kinderstimmen in der 6a ist die Klangschale des Alltags, die fein in uns resonieren kann. Das Übliche, das Gewöhnliche, das Normale einmal anders sehen, hören, fühlen, spüren; aus jedem Wort, das an uns gerichtet wird, ein Mantra machen, und uns dann tief versenken, in unserem innersten Brunnen Ruhe schöpfen, sie in uns vergießen, strömen lassen und weiter machen, unaufhörlich, ohne Pause, immer und immer weiter, bis die Ruhe uns überwältigt hat, bis die Ruhe die Herrschaft übernommen hat, bis wir selbst Ruhe sind. Wir sind Ruhe. Ich bin Ruhe. Vollkommene Ruhe. Dann wird es Zeit für einen kleinen Urlaub. Aber bis dahin heißt es: Durcharbeiten.

Wenn am Montag die Motoren wieder knattern, steht uns der Frust vor der Unterlippe und will sich rauskotzen. Das Wochenende war mal wieder voll daneben, ohne Effekt, ohne Erfolg

Schulexpertin Barbara "Barbie" Turat: Chancengleichheit

"Als ob die soziale Herkunft etwas mit Chancengleichheit zu tun hätte! Jeder hat die Chance. Jeder hat die Chance Abitur zu machen. Dann sind die Leute 19! 19 Jahre, da haben andere früher schon eine Familie ernährt. Auf eigenen Füßen haben die Menschen gelebt, nicht auf Kosten der Eltern. Hotel Mama, genau, abstillen, wenn das Kind dreißig ist. Mit 19 muss man wissen, was man will, da muss man seine Chance nutzen, da sind alle Unterschiede herausgewachsen aus den Kindern, die jetzt Erwachsene heißen. Wer das nicht kapiert, sollte auch kein Abitur machen. Chance nutzen heißt auch, dass man sich einen passenden Beruf sucht. Es muss nicht jeder studieren. Wir brauchen in unserem Staat auch gute Handwerker und auch Menschen, die Arbeiten machen, die wir früher den Ausländern überlassen haben. Da muss die oft verschrieene Hauptschule wieder ihren Beitrag leisten. Was sollen Hauptschulen, wenn alle Abitur machen wollen? So geht das nicht. Es gibt Begabungstypen, da kann man jetzt herumdeuteln, mal ehrlich, es gibt Schüler, die kann man durch 100 Fördermaßnahmen drehen, die bleiben, wie sie sind. Die müssten dann im Studium auch noch Fördermaßnahmen in Anspruch nehmen, und das geht nicht. Da soll selbständig gearbeitet werden. Noch mal von vorn: Es gibt die Chancengleichheit. Man muss sie nur ergreifen. Wie gesagt: Abitur - Muss man nicht unbedingt haben. Man kann auch anders glücklich werden. Sogar im Landtag hat nicht jeder Abitur. Jedenfalls hört es sich manchmal so an."

Irreführung durch die Presse

Auf den ersten Blick denkt der Leser: Aha, die EU...na was, solche Leute haben die jetzt im Parlament? Vielleicht sogar als Kommissare? Und dann erhöhen die auch noch den Druck auf Russland. Halt! Das ist vielleicht Russland, was ich da sehe, oder ein paar Vertreter aus Novosibirsk. Ach, nein, Russen sehen irgendwie anders aus. Mit Kopftuch und Kittelschürze, oder wenigstens einem Haufen Goldschmuck, da, wo Platz ist am Körper. Der Mann, falls es einer ist, trägt gar keine Pelzmütze Modell Breschnjew, der schaut vielmehr aus dem Kopf wie ein Kaninchen angesichts seines Schlächters, so als dächte es: Ob es weh tun wird? Quintessenz: Da sind weder EU noch Russland zu sehen noch scheint jemand unter Druck zu stehen.
Der Blick schweift weiter und findet die nächste Überschrift: Der Trend geht zum kurzen Pony. Interessant. Das Foto zeigt fünf Menschen, die den Trend zum kurzen Pony darstellen sollen. Zwei Blondinen haben etwas Fummeliges vor der Stirn, das nicht wie ein Pony aussieht; der männlich wirkenden Person hat man die Haare nach oben gestylt, für eine Frisur in Form einer Pelzmütze hat es wohl nicht gereicht, für einen Pony hat man die falsche Kämmrichtung gewählt. Zwei Damen tragen einen Pony, der ihnen gerade noch erlaubt, einen Blick ins Handtäschchen zu werfen, um nach dem Lippenstift zu wühlen. Das sind dann wohl kurze Ponys. Die langen sollen früher, als die noch im Trend waren, bis zum Kinn und noch tiefer gereicht haben. Man hat sie dann in der Mitte zerteilt und die Frisurhälften hinter die Ohren geschoben, was zur Erfindung des Mittelscheitels führte. Oder gehört der Text vielleicht zu einem anderen Bild, einem Pferdesportbild, auf dem neue Zuchterfolge präsentiert werden. Kurze Ponys, halb so lang wie die alten. Der dazugehörige Text erscheint vielleicht morgen. Oder ist gestern schon erschienen. Wir wissen alle: Zeitunglesen ist eine spannende Sache, und wenn man Glück hat, erfährt man sogar etwas Neues.

Witze über Hunde und China: Erniedrigend

Diskriminierender Witz gegen China: Das Essen im olympischen Dorf war so frisch, dass es manchmal noch bellte. Hahah! gröhlt der Vegetarier, den das nicht berührt. Schluchz!, hört man von der Hundebesitzerin, die an ihren treuen Begleiter denkt, der sie nicht wie Gustav wegen einer 10 Jahre jüngeren Schlampe verlassen hat. Warum aber lachen wir über solch einen Witz? Aus Verlegenheit, um den Erzähler nicht zu brüskieren, oder um nicht den Eindruck zu erwecken, wir hätten den Witz nicht verstanden? Auch Hunde werden in diesem Witz diskriminiert. Man bescheinigt ihnen, dass sie eigentlich nutzlos sind, wohl aber in China in einem sorgfältig zusammengestellten Menu ihren Platz haben können. Hundeschaschlik steht auch auf dem Speiseplan in Kasachstan, wie der ausgesiedelte Viktor zu berichten weiß. Man müsse ja nicht den Hund des Nachbarn nehmen, wenn sich bellende Alternativen böten, aber lecker sei es allemal. Wir lachen gedankenlos über Witze und uns fällt nicht ein, welche Schicksale dahinter stecken. Der Chinese, der jetzt wieder zensiert und drangsaliert wird und die olympischen Reste beseitigen muss, um zu seinem kargen Alltag zurückzukehren; der Kasache, der in Deutschland noch vorsichtiger bei der Wahl seiner Nahrung vorgehen muss, will er nicht aufgebrachte Tierschützer am Hals haben; der Hund selber, der natürlich lieber der älteren Dame zu Diensten ist und zaghaft herumbellt, als auf dem Pappteller eines Menschen aus dem Osten zu liegen.

Durch die Wand gehen

Im Mittelalter war alles viel schwieriger. Man hatte zwar seit dreitausend Jahren die Wände erfunden, nicht aber dazugehörige Türen, mittels derer man durch eine Wand gehen konnte. Kopfverletzungen stammten von dem Versuch, über eine Mauer zu springen; den Erstickungstod erlitten Verzweifelte, die versucht hatten, sich unter einer Mauer hindurchzugraben und deren Baugrube schließlich einstürzte. Ein einfaches Durchrennen des Bauwerkes zog zahlreiche Knochebrüche nach sich, Splitterfrakturen waren keine Seltenheit. Daraufhin wurde die Eisenrüstung erfunden, die den Stürmenden schützen sollte. Leider ertranken viele, nachdem sie mit Schwung die Mauer durchwandert hatten, im Burggraben, der seit dem letzten Unwetter mal wieder randvoll war. Eisen schwimmt bekanntlich nicht oben, vor allen nicht, wenn es mit einem Ritter gefüllt ist. Da so viele im Graben ertrunken waren, erfand man schließlich das Fenster, durch das man gucken konnte, ob der Burggraben voll war und ob es empfehlenswert war, durch die Wand zu gehen. Die Chinesen, die schon lange in Besitz einer riesigen Mauer waren, erfanden schließlich erst das Schwarzpulver, dann die Ess-Stäbchen und zu guter Letzt die Tür. Ein Aufatmen ging durch ganz Europa und bis 1848 war die Rüstung fast vollständig verschwunden. Lediglich aus Erinnerungsgründen und weil sie so schön glänzen kann, wird sie noch heute von Liebhabern getragen. Zweckmäßig ist sie schon lange nicht mehr. Die Tür aber ist geblieben und erfreut die Menschheit, die gar nicht mehr weiß, wie das Leben ohne Tür mal gewesen ist.

Praktisch: Haustiere in der Dose

Das ist doch immer lästig: Wohin mit Fifi, wenn der Urlaub kommt? Einfach aussetzen klappt häufig nicht, denn das lebensortgewohnte Tier kehrt dickfellig zurück, vielleicht sogar voll mit Zecken und Flöhen. Jetzt bietet der Tierhandel die Alternative an: Das Haustier in der Dose. Bisher werden in erster Linie Fische auf den Markt gebracht, häufig in unterschiedlichen Saucen, die nicht nur das Auge verwöhnen, sondern im Notfall auch den Gaumen. Hering in Tomaten- oder Meerettichsauce sind bisher die Verkaufsschlager, wer es etwa größer möchte, kann auf Thunfisch in Erbsentunke ausweichen. Schildkröten sind in ebenfalls im Supermarkt zu erwerben; wer es exotischer will kann sich im KaDeWe in Berlin oder dem versierten Fachhandel mit Krokodilschwanzspitzen in Kapernsauce profilieren. Das Dosentier bietet immense Vorteile: Man kann es immer mit sich herumtragen; wenn Kuschelbedarf besteht, sind die Dosen elegante Wangenschmeichler. Dosentiere bellen nicht, geben keine unangenehmen Gerüche von sich und können in jedem Urlaub in der Handtasche mitreisen. Der Tierarztbesuch erübrigt sich, denn Dosen stärken scheinbar das Immunsystem. Selbst der Tierschutzverband hebt lediglich auf die Frage hin ab, ob das Tier vor der Eindosung artgerecht gehalten wurde, was dann aber zulasten des Produzenten und nicht des Tierhalters geht. Wer Tiere mag und Wert auf eine problemlose Haltung legt, dem sei die Anschaffung einiger Dosen ans Herz gelegt.