Kochen nach Zahlen

















Georg Krakl: Mahl N. nach Zahlen (2010)

Was ich diese Woche
koche?
Wer weiß, ich werde Zahlen suchen, Dreien, Sechsen, ein paar Vieren
und vielleicht mal Kohlrouladen ausprobieren.

(Bild: Vincent van Eijnoor: Kochen nach Zahlen [2010])

Texte, die nicht zu Fotos passen: Ostereier


Der Hammer
Kurzdeutsch
Seit Erfindung des Zahnarztes und der dazugehörigen Zahnklammer hat sich die Sprechfähigkeit des Deutschen mehr und mehr zurückgebildet. Setzte früher der Intellekt Grenzen des Verstehens, so kommen heute auch noch die Ohren dazu. Bezeichnete das allseits flächendeckend bekannte Duschgel, mit harten g intoniert, ein Schmiermittel für den reinigenden Glitt der Hände über den feuchten Körper, so ist dieser Sinn heutzutage mehr und mehr entstellt. Hatte die Zahnklammer anfangs infolge verrotteter Speisereste hinter den diversen Drähten lediglich verstärkten Mundgeruch zur Folge, so beeinflußt sie zunehmend sowohl den Sprachgebrauch, d.h. manches wird unaussprechlich und damit vermieden, als auch die Sprache selbst: Duschgel taucht plötzlich in ganz anderen Zusammenhängen auf. „Duschgelieber nach Hause!“ verabschiedet sich neuerdings die zähnlich umklammerte Discothekenbesucherin von ihrem Betänzer und deutet einmal an, daß der Abend beendet ist, zum anderen, daß er oder die Situation ihr stinkt. Also: Eine satzimmanente Kritik, die man immer leugnen kann, indem der Zeigefinger auf die Zahnklammer gerichtet wird.
Die Entwicklung des Kurzdeutschen deutet sich hier an. Zwei Wörter werden verschmolzen in einem neuen. Bald wird es nicht mehr Kurzdeutsch lauten, sondern Keusch (eigentlich: Kurtsch oder Keutsch, aber die Sprache hat ja einen eigenen Kopf)
Schlauch heißt demnach „Schlau auch“, „Bratwurst“ bedeutet logischerweise „Brand hat wiel Durst“ und wartet auf die Feuerwehr.
(Feuerwehr bedeutet: Feier heuer wer Ehre. Allmählich zeigt sich die Sinnentleerung der deutschen Sprache in ihrem ganzen Ausmaß!)
Es gibt noch viel zu tun nach der Rechtschreibreform. Was tun eigentlich die Linksschreiber? Lassen die sich das gefallen? Wo ist die Lobby, die nach der Linkrechtschreibreform kräht? Aber, das ist ein anderes Thema und ein ziemlich dummer Witz.

Heinrich Bumm: Nebel

Als der undurchdringliche und so angenehme Nebel der Gefühle sich gelichtet hatte, entdeckte er einen hässlichen Pickel an ihrem Hals. Auch störte ihn, dass sie schon im Garten arbeitete, während er noch im Bett lag. Und das mit dem kleinen dicken Ritter ging ihm gewaltig auf den Zeiger.

Heimlich gelesen: Postkarten

Hallo Heike!
Am Hundestrand war ich natürlich nicht, weil ich gar keinen Hund habe. Hundebesitzer sind ja eine besondere Sorte Mensch, die das Schnitzel in der Linken halten und mit der Rechten die Ohrmuschel von Hasso kraulen.
Andere füttern streunende Katzen auf Fuerteventura und übernehmen sogar eine Patenschaft, um ein Tier mit nach Hause zu begleiten, kostenfrei und nicht in Richtung Tierversuche; auch wenn der forsche Daimler-Testfahrer darauf hofft, auf einer kanarischen Katze die Griffigkeit seiner neuen Reifen zu erproben. M+S, Matsch und Schnee ist ja schon länger ein Markenzeichen.
Was will ich sagen? Wie isses und wie geht es? Vielleicht ist bald wieder ein Marathon, auf dem wir uns nicht sehen.
Bodo

Absendeort: Unbekannt, irgendwo am Meer
Leser: Ralli, Postbote im Zustellbezirk X (Der Redaktion bekannt), er hat das Foto auf der Vorderseite vergessen, bzw. vergessen anzusehen. Disziplinarverfahren ist anhängig.

Dumme Wortspiele: Mundhaar-Monika

Es gab eine Zeit, da haben sich Menschen über Wortspiele kaputtgelacht. Heute ist das nicht mehr zeitgemäß, oder, wie man aus dem Westen von über den Ozean hört, politisch nicht korrekt, was auch immer der Werte-Amerikaner damit meint.
Mundhaar-Monika war so ein Wortspiel und diskriminierte alle Monikas auf der Welt. Man trat ihnen zu nahe, ohne sie wirklich zu kennen; das schürt Vorurteile, das lässt alte stereotype Verhaltensweisen auch gegen andere Frauen wieder aufleben.
Es blieb ja nicht dabei, dass man sich mit der Vorstellung von einer Dame des vorgenannten Namens begnügte, die einfach nur Haare auf den Zähnen hatte. Das war ja eine Metapher, die jeder nachvollziehen konnte. Der muss mal das Gebiss rasiert werden!, brüllte der verschreckte Mann, wenn es die Kontrahentin verbal zu arg getrieben hatte.
Nein, irgendwie setzte sich die Vorstellung in den Köpfen fest, besagte Dame habe einen Mund voller Haare, also Mundhaar, mit dem man regelmäßig zum Friseur müsse und das ihr, falls es nicht kurz gehalten würde, das Atmen und Schlucken schwer machte.
Gedankenlosigkeit regiert die Welt, wie anderswo, so auch hier: Ein schlichtes und tragbares Instrumente, praktischer als die Wandergitarre und der Walking Bass zusammen, musste herhalten, um die Damenwelt zu verunsichern. Niemand wollte plötzlich sein Kind Monika nennen, dabei ist es ein Name voller Musik und Poesie. Er ist enthalten in Wörter wie Mundharmonika, Handharmonika, Schifferklavier und Bandoneon. Das weiß vielleicht niemand und das ist das Tragische an der Geschichte. Vielleicht sollten wir demnächst vorsichtiger sein, wenn wir Namen verballhornen und uns auf die eigentlichen Werte besinnen: Musik und Poesie.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Diät


Man nimmt nicht von dem ab, was man isst,
sondern von dem, was man nicht isst.

Georg Krakl: Hirsch und Geweih (2010)


Das geht nicht zusammen:
Hirsch und Ei
am Geweih
da schrammen
Welten
aufeinander
wie die Kelten
auf den großen Alexander,
oder warn's die Anamnesen?
Als sei es gestern erst gewesen,
so hab ich's doch vergessen.
Auf jeden Fall: Es war in Hessen.

Elche unter dem Röntgenschirm


Wenn man Elche röntgt, erkennt man, dass sie durchaus etwas Menschliches haben. Wir glauben es mit einem tumben Tier zu tun zu haben, das ein Paar Schaufeln vor der Stirn trägt. Richtig ist, dass nach ihm der Elchtest benannt wurde, in dem es darum geht, kleine Autos von Daimler-Benz umzuwerfen und schadenfroh zu lachen.
Manche machen lange Nasen, andere aber heben die Hände wie zwei Schaufeln vor die Stirn und grölen ihr "Ätschmann, umgefallen!". Das ist nicht lustig, aber es gefällt denen, die es tun. Daimler-Benz ist über diesen Trend besorgt. Die restliche Autoindustrie versucht das Wort Hybrid richtig zu buchstabieren und hat damit genug zu tun.
Immer mehr Elche haben aber Lunte gerochen und gehen zum Röntgen, um sich dann als Schwede oder Finne registrieren zu lassen. Im Alter hätten sie dann Anspruch auf eine Rente.

Neues vom Vulkan


Die allgemeine Vulkanaschehysterie provozierte bereits erste Halluzinationen. Im Roten Moor in der Nähe von Weserstadt materialisierte sich vor den Augen besorgter Wanderer eine riesige Wolke, die Teile des Moores in den Himmel brachte. Da kein besonders reger Flugverkehr in der näheren Umgebung stattfindet, ausgenommen ein paar Segelflugzeuge und verirrte Propellorkleinmaschinen, denkt man eher an ein Flugverbot für Vögel, die in ihrem Bestand bedroht sind. Irgendetwas muss auf jeden Fall passieren, damit die Öffentlichkeit mitbekommt, dass die Behörden, in diesem Falle die Verwaltung von Moordorf, die durchaus nicht durchgehend rot ist, den Bürger mit seinen Sorgen nicht allein lässt.
Vorsorglich ist auch fernab großer Flughäfen ein Startverbot für Düsenmaschinen erlassen worden, ebenso ein Absturzverbot für Transfermaschinen, die mit verklebten Düsen die Flächengemeinde überfliegen.
Unbeirrt dieser Maßnahmen spuckt der Eyafjölldifelljodahurfidibumm weiter seine Eis- und Lavamischung in den isländischen Himmel.

Peter Fußke: Affe (2000)

Jetzt sitzt sie auf dem Baum und wundert sich wie sie dorthin gekommen ist. Sie hat ihr Muttermal betrachtet, das groß und haarig auf ihrem Arm wächst. Immer wenn sie es betrachtet, blitzen Bilder auf, als erzählten sie von einer unbekannten Vergangenheit. Das Mal ist schon immer da gewesen. Die Eltern haben es mit Sorge betrachtet, als sie Säugling und Kind war. Jetzt ist sie 18. Mit jedem Tag erfährt sie mehr über das Verborgene, über die Lust, in Bäumen zu klettern. Sie sieht die Menschen unter sich, sie sind ihnen fremd in ihren engen Kleidern und mit ihren steifen und eckigen Bewegungen. Morgen wird sie Kleider ausziehen und einen weiteren Teil ihrer Vergangenheit zurückholen.

Georg Krakl: Hund (1998) Ein Zyklus

Der Hund allgemein

Im Grunde ist er ohne Nutzen
Er taugt nicht wie das Schwein
Als Braten, ständig putzen
Muss man, ist nicht rein,
Das Biest. Erklärt denn froh:
Dies ist ein Hundeklo!
Und setzt ganz ohne Zagen
Die Reste aus dem Hundemagen
In eine Zimmerecke.
Ach, du, verrecke!
Dummer Köter, alte Töle!
Purzel denkt: Das kommt wohl vom
Getriebeöle,
das hab ich heute Morgen weggeschleckt.
Im Grunde hat es nicht geschmeckt.


Das Haustier



Ein Haustier und nichts and’res ist es.
Was man ihm gibt, das frisst es.
Und es säuft den kühlen Trank,
zerlegt die Puppe von Denise als Dank.


Hasso: Einer kurzen Begegnung gewidmet
(nach Kristiane Alles-Wiemansnimmt)

Ich führte dich aus
Ein,zwei Abende.

Jetzt bin ich
Hunderte von Kilometern
Fort-
Im Tierheim.

Ein Stück von dir
Ist mitgekommen.

Ich glaub es ist ein Finger.


Allzweckwesen

Der Hund ist gut zum Herzerfreuen
Und auch zum Steinerweichen.
Nur schlecht geht mit ihm Straßestreuen,
beziehungsweise Wändestreichen.
Er eignet sich als Stolperfalle
Und wohl als Allesfresser,
weit weniger als Gartenkralle
und einfach nicht als Küchenmesser.

So manche schöne Sachen
Kann man mit Hunden gar nicht machen.
Und hätt ich dieses nicht gelesen,
ich sagte: Fifi ist ein Allzweckwesen.

Günter Krass: Strumpfhosen (2005)

Hilfe! schreit Rita, weil sie eine Laufmasche im Strumpf hat, in den Nylonstrümpfen, solchen denen man mit einem eingerissenen Fingernagel nicht zu nahe kommen darf, nicht weil vielleicht eine unlautere Absicht unterstellt werden oder vielleicht dieser Fingernagel, bzw. sein Riss, eine weitere Laufmasche erzeugen könnte, sondern weil es ein Gefühl ist, das Gänsehaut zur Folge hat. Es gleicht dem billigen Satin-Schlafanzug, den Karl in Kindertragen tragen musste, weil er nun einmal geschenkt worden war, der innen angeraut war, aber außen eine unerbittliche Glätte hatte, die jede Unebenheit an einem Nagel übel nahm und bestrafte. Durch eine Gänsehaut nämlich, die entstand, wenn nun dieser Nagel über den glatten, ekligen Stoff strich und irgendwie, eigentlich unmöglich, hängen blieb. Rita schreit um Hilfe, weil ihr Lebenskonzept oder ihr Tagesplan in Gefahr ist. Die Laufmasche bedroht die wesentlichen Sicherheiten in ihrem Leben: Ihre Schönheit oder ihre Unversehrtheit. Der unverletzte Strumpf ist gleichzeitig Symbol ihrer Reinheit, ihrer seelischen Jungfräulichkeit, die sich jede Frau neu erwerben kann, wie sie glaubt, wenn sie sich neu verliebt und dies aus ganzem Herzen tut. Hilfe, eine Laufmasche! Vielleicht ist der Strumpf sogar eine Strumpfhose, was den Schaden nur größer machte, den seelischen in erster Linie, denn die Strumpfhose ist nicht nur das Instrument, das die diversen Unterbekleidungen zusammenhält, die nicht nur ein weiterer, wenn auch dünner Schutz vor Kälte ist, sie stellt vielmehr die Jungfräulichkeit dar, postuliert sie, erneuert sie sogar, wenn es denn sein muss. Die Strumpfhose mit dem verstärkten Zwickel ist Zivilisation, ist Kultur, ist Sitte und Gesetz, ist die Sicherheit, der man sich sicher sein will. Sie ist Herberge dem Allerheiligsten, dem, das es zu verschenken gilt den Auserwählten, den Edlen. Immer aber ist Rita missbraucht worden, ihre Leicht- oder Gutgläubigkeit, andere nannten es Naivität, denn es waren keine Edeln, die Auserwählten waren nur von Rita und keiner höheren Macht auserwählt oder hatten sich selber auserwählt. Hilfehilfe, schreit Rita, mein Leben ist futsch!
Die Strumpfhose, die dünne Maske ihrer Sexualität, ihres Menschseins, ihres Frauseins, ist beschädigt und jeder kann es sehen.
Karl steht in der Nähe und fragt sich, was los ist. Eine Laufmasche, das kann und darf nicht wahr sein!
Strumpfhosen haben ihm nie gefallen, immer ist er mit seinen eingerissenen Fingernägeln hängen geblieben, und die wenigen Male, wo er in die Nähe von Beinen, von Frauenbeinen und deren Strumpfhosen gekommen ist, sind ihm verdorben worden. Er kann nicht verstehen, was Hilfeschreie wegen einer billigen Strumpfhose bewirken sollen.
Trübsinnig schaut er Ritas Bein entlang. Ihr Kleid ist geschlitzt. Das ist absurd.

Ein geschlitztes Kleid mit einer Strumpfhose kombinieren. Das ist Aufforderung zum Tanz, während man selbst im Rollstuhl sitzt.
Das ist die versklavte Erotik, die Kasteiung der Verlierer, die nie das schönste Mädchen abbekommen, die Kreuzigung der ewig Letzten, die verstohlen an ihren Zigaretten nuckelten und heimlich die Knutschenden beobachteten und sich keine Regung in der Hose gönnten, weil sie um ihr Scheitern wussten.
Verdammt, denkt Karl, Rita ist eine Frau, ich bin ein Mann.
Was daran ist bitteschön falsch? Ich will doch auch nur das Eine, das alle wollen. Immer und immer wieder. Geliebt werden. Und, Rita, wäre deine Strumpfhose voller Laufmaschen, ich würde dir eine weitere Laufmasche machen und dafür, dass du sie schweigend hinnimmst, würde ich dich nur noch mehr lieben.
Ritarita.
Ich bin doch nur ein Mann.

Alte selbstverliebte Männer wollen junge Frauen


Da glauben alte selbstverliebte Männer sie bräuchten junge Frauen, um jung zu bleiben, um zu beweisen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören, dass sie kein Facelifting nötig haben, um diese und jene jugendhafte Dame zu betören, und wissen doch nicht, dass sie im Umfeld des Jungen eher alt aussehen. Geraten sei ihnen, als Pfleger in einem Altenheim zu arbeiten, dort sind sie die Jungen.
Die alten selbstverliebten Männer setzen fest auf den Hofeffekt, den Haloeffekt; der Schein der Frische soll auf sie fallen und soll sie beleuchten, belichten und liften, sie ins Ewigjungbleiben liften und Unsterblichkeit vermitteln.
Falsch: Neben dem Schöne wirken sie hässlich, neben dem Erfrischenden eher verwesend, neben dem Duftenden viel mehr wie der Misthaufen unter dem Hahn, der sie sein wollen.
Oh, welcher Trug, man könne teilhaben an den folgenden Generationen, die unsere Kinder und Enkelkinder sind.
Auch wenn die alten sebstverliebten Männer nie ein Kind gezeugt haben, so wollen sie mit einem zusammen sein,und können es doch nicht, denn dann leckt der Tod an ihnen...

Ich und Hadschi Halef Omar


Kara Ben Nemsi: Wie siehst du eigentlich unter deiner Kappe aus, Hadschi?
Hadschi: Gesundheit, Siddhi!
Kara Ben Nemsi: Sag nicht Siddhi zu mir, Hadschi!
Hadschi: Gesundheit, Effendi!
Kara Ben Nemsi: Für dich immer noch Kara, meinetwegen auch Ben Nemsi!
Hadschi: Gebongt.
Kara Ben Nemsi: Also, Hadschi....
Hadschi: Gesundheit, Effendi, die Nacht war kalt, du wirst dich verkühlt haben.
Kara Ben Nemsi: Schon wieder Effendi!
Hadschi: Jetzt sagst du Effendi zu mir, das ist doch mein Part!
Kara Ben Nemsi: Hadschi! Ich...
Hadschi: Gesundheit, Gesundheit, langes Leben und Krankheit folgt, Effenberg!
Kara Ben Nemsi: Effenberg, was soll das jetzt?
Hadschi: Mein Respektbeweis, Effenberg.
Kara Ben Nemsi: Effenberg, Effenberg! Dann doch lieber Effendi!
Hadschi: Klar, Siddhi!
Kara Ben Nemsi: Effendi, wenn schon nicht Effenberg!
Hadschi: Na, also, klappt doch. Gesundheit nochmals.
Kara Ben Nemsi: Ich werf erst mal zwei ASS C ein.
Hadschi: Ich schwöre ja auf Meditonsin, Kara.
Kara Ben Nemsi (genervt): Versteh mir einer den Orient!

Hasso ist ein Krampfhund


Ich sag immer: Hasso, mein bester Freund, Hasso, mein Krampfhund. Der bringt ja schon über 40 kg auf die Waage und groß genug ist er auch, aber aggressiv? Ich weiß nicht. Der klefft, wenn der Briefträger kommt, den kennt er, da weiß er, dass der nichts tut. Aber sonst? Hasso schläft viel und und frisst. Er jault auch, wenn das Fressen nicht pünktlich kommt. Es wäre ihm lieb, wenn ich ihn Gassi tragen würde, bei Regenwetter würde er seine Geschäftsabwicklungen im Hause erledigen, da muss ich manchmal mit dem Stock drohen. Dann knurrt er. Ein Hund, der sein Herrchen anknurrt? Das ist nicht in Ordnung, vor allem dass sich dieser Hund hinter diesem Herrchen versteckt, wenn eine Situation brenzlig wird, wenn zwielichtige Typen den Weg kreuzen oder ein richtiger Kampfhund auftaucht. Hasso ist ein Krampfhund, es ist nämlich ein Krampf mit ihm. Basta. Ich frage mich, wozu dieses Tier nütze ist?
Manchmal denke ich, wir machen das Schnellstraßenspiel: Ich auf der einen Seite, der Hund auf der anderen. Ich halte die Wurst, der Hund läuft los und ein Auto rauscht heran. Nur, wie erkläre ich hinterher, warum ich mit einer Wurst am Wegesrande sitze?
Ein oder zwei Monate Tierheim, verschärftes Tierheim, das wärs vielleicht. Da hat er noch eine Chance, da kann er sich besinnen, da sieht er mal, wie es anderen Hunden geht. Echt Krampf mit dem Hund.

Welt im Wandel


Rotes Moor.
Früher Rotes Meer.
Lautverschiebung.
Das e verschwindet mhr und mhr.

Fliesentisch mit nackten Frauen drauf


Was soll das sein? Ein postmoderner Fliesentisch, der durch einen Lichteffekt in die Kunstkategorie hochgepusht wurde und von den wirklichen Problemen der Welt ablenken soll? Wir fragen uns: Was sind die wirkliche Probleme der Welt?

Immer wieder hört man dazu: Also mir sind Fliesentische ein Problem, die finde ich so schlimm, ich könnte, mir wird schlecht, also gut, dass man die problemlos (Eskapismus! Es geht doch um Probleme!) abwischen kann. In meine Wohnung kommen die nicht rein.
Dabei sind Fliesentische Erfindungen des kleinen Mannes und der Heimwerker und Bastler.

Die Probleme der Welt wegwischen und seine Ruhe haben, das will der Mensch. Einmal im Jahr einen kleineren Betrag spenden und das Gewissen beruhigen, das schafft ein sanftes Ruhekissen.
Ein großes Problem sieht die Frauenbewegung gegen sexistische Darstellung in der Werbung und auf Haushaltsmöbeln: Wenn man weit genug zurückgehe und gute Augen habe, könne man erkennen, dass eine unbekleidete Frau vor einem Palmwedel in einem Freizeit- und Spaßbad vorbeigehe. Sie trage Stöckelschuhe in Weiß und habe sonst nichts an. Das sei im höchsten Maße sexistisch. Fliesentische dieser Art gehörten verboten.
Manch einer kann nicht weit genug zurückgehen, um sein Gehirn zu einer solchen Fehlleistung anzuregen, auch wenn er es wollte.
Manch einer sieht ein paar Frösche aus der Vogelperspektive oder eine demoliertes Fahrrad, dem der Lenker fehlt. Das Gehirn setzt das zusammen, was ihm passt. Der eine hat Hunger auf Froschschenkel, dem anderen fehlt ein City-Lenker, mit dem ihm die Hände nicht mehr einschlafen.
Und die Probleme?
Da soll sich die Welt mal nicht so anstellen. Jeder hat doch so seine Probleme. Und lösen muss die jeder für sich. Die wird für die Welt auch keine Ausnahme gemacht.

Winfried Hackeböller: Kruzifix (2010)


Endlich mal Farbe in deinem Werk, Hacke, alter Rostler!
So mag der schlichte Betrachter ausrufen, aber wenn man genau hinschaut, gehört der rote Knopf gar nicht zum Kunstwerk. Hackeböller reduziert hier mal wieder extrem auf sein Lieblingsmaterial: Rostiges Eisen. Allerdings will das noch nicht so richtig in Gang kommen, auch Rost lässt manchmal auf sich warten.Vielleicht hat Hackeböller aber auch eine Variation seines bisherigen Stils erreicht: Das Nichtrostende als Sinnbild des Überdauernden, des Ewigen. Metaphysik lässt grüßen!, intoniert jovial der Bildungsbürger, und weiß nicht, dass er mit seinem Einwurf voll daneben getroffen hat. Da kommt der rote Knopf wieder ins Spiel, der von einem überdimensionierten Bauchnabel ablenken will und über dem Materiellen schwebt.
Wenn uns der Kopf rot wird, so haben wir Bluthochdruck oder eine gehörige Portion Schamgefühl, weil wir mal wieder unser Lästermaul aufgerissen haben und uns beim Volk beliebt machen wollten.
Aber das kennt man ja nicht anders, und Hackeböller hat das schön zusammengefasst.

Gefährliche Natur im Winter


Im Winter gleicht die Natur einer Zipfelmütze, oder besser einer roten Schultüte, die eine Nase hat. Die Zipfelmütze oder Schultüte ruht den Winter vor sich hin, ihr Herz schlägt unhörbar in der Tiefe und hat eine Frequenz von einem Schlag pro Woche. Das ist wenig, aber es reicht, um zu überwintern. Ein weißmilchiger Kreislauf arbeitet im Innern der Zipfelmütze oder der Schultüte, um Schadstoffe auszufiltern und ein paar Krumen aus der Umgebung aufzunehmen. Diese werden dann in Blattgold umgewandelt, anstatt in den lebenswichtigen Sauerstoff, was den Winter so gefährlich macht. Ein brisanter Goldrausch kann uns Menschen umhauen wie ein Vollrausch mit Tullamore Dew, von einem Sauerstoffrausch hat aber noch nie jemand gehört, weil dieser immer unter der Rubrik Glücksgefühle oder Endorphinewerdenausgestoßen abgelegt wird. Darum also Vorsicht, Menschen, wenn ihr euch im Winter in die Natur begebt! Sind wir nicht damals auf die dämliche Zipfelmütze des Sandmännchens reingefallen, damit wir vor Raumschiff Orion ins Bett gingen? Oder auf die blöde Schultüte, die uns mit Süßigkeiten verlocken sollte, in die Volksschule zu gehen und Dinge zu lernen, die wir selbständig nie entdeckt hätten, und die uns nie im Leben gefehlt hätten, weil wir nicht gewusst hätten, dass es sie überhaupt gibt. Deo-Spray! Shampoo! Wir haben uns zu willfährigen Konsumsklaven machen lassen, die jeden Dreck kaufen, den die Industrie auf den Markt rotzt. Warum nicht lange aufbleiben und endlich nach Mensch riechen? Das ist Natur! Auch wenn die aussieht wie eine Zipfelmütze oder eine Schultüte! Im Winter zumindest.

Pawel Pikass: Frühling (2010)


Pikass zu seinem Bild: Wie ein kleiner weißer Vogel schwebt der Frühling heran und setzt sich auf die Natur, um ihr von hinten, kaum merklich, seinen fruchtbaren Finger in den Kopf zu stoßen, damit die Natur erwache und sich entfalte, als ob sie das nicht selber könne. Aber es ist ein Ritual, ein Sacre du printemps, ein hämmernder Rhythmus, der dem Ungeschulten Kopfschmerzen bereiten mag. Sind wir nicht alle des Winters müde? Nach drei Minuten und 17 Sekungen geht ganz schön die Post ab! Da werden die Jünglinge aber lebhaft. (Reinhören)
Da passt das Bild doch ganz schön. Rot wie der Weihnachtsmann und weiß wie Schnee. Wer da nicht an den Frühling denkt, glaubt wohl an den Osterhasen.

Der Frühling ist da


Der Frühling ist da. In seinen Traditionsfarben Rot und Weiß steht er in allen Gärten und macht die Menschen nervös. Einige schauen nicht hin und täuschen Frühjahrsmüdigkeit vor, andere bekommen rote Ohren, weil sie zu genau einen Blick riskieren. Der Frühling ist gelassen, er kann es sich leisten, er hat Zeit, ein ganzes Vierteljahr, eine Zeitspanne, die ein normaler Mensch nicht zur Verfügung hat, um gelassen zu sein; um gelassen zu werden auch nicht. Niemand will seine Mitmenschen lassen, denn die sollen gefälligst in gleichen Abhängigkeiten leben wie man selber. Neid macht sich breit. Der aufgekratzte Mitbürger starrt den Frühling an und bewundert insgeheim, wie unerbittlich gelassen er sich an die Bestäubung der Umwelt macht. Da macht ihm keiner was vor, aber auch keiner was nach. Das kann nur der Frühling. Dem Rotohrigen wird jetzt auch der eine oder andere Finger rot, auf den er sich gebissen hat: Vor Wut, dass ihm verweigert wurde, dieses Jahr der Frühling zu sein. Aber der Frühling, das ist das große Missverständnis, lässt keine Statisten Hauptrollen spielen. Der Mensch möge sich in die Frühjahrsmüdigkeit zurückziehen und ein paar Schläfchen halten, bis es Sommer ist. Aber auch da gibt es genug Anlässe zu Neid und Missgunst. Es ist einfach im Menschen drin. Da hilft auch nicht, darüber hinweg zu schlafen. Verdammt.

Fritz und Oshi: Lass die Schlange los!

Kundaliniorientierte Beratung intermediärer Systemprozesse
Fritz Ruhpert Oshi Henneke GmbH


In Zeiten wirtschaftlichen Abgangs und der Zerstörung interpersoneller Systeme ist es hilfreich und vielleicht sogar lebens- wenn nicht überlebenswichtig, seinen Blick auf effiziente Programme zu richten, die destruktive Niedergangsenergien zu bündeln und zu kanalisieren verstehen.
Niemand wird von sich behaupten können, frei von diesen Lebensenergie bindenden Kräften zu sein. Vielmehr ist jeder in Teilabhängigkeit von dieser dunklen Macht, die uns allen das Leben schwer macht.
Sei es ihr marodes Wirtschaftsunternehmen, ihr zerstrittener Schützenverein oder vielleicht das Projektfeld „Eigener Herd“, alles wird durchdrungen von Blockaden, denen sie hilflos ausgeliefert sind, vor denen sie wie ein Stück Treibholz hängen. Nichts fließt mehr.

Kundaliniorientierte Beratung bietet ein Konzept, das, getreu dem Motto „Lass die Schlange los!“, neue Flussmöglichkeiten durch die bewusste Wahrnehmung des PC-Muskels und seiner Umgebung eröffnet. Die Zeiten von „Nicht an die Schnecke fassen!“ sind Vergangenheit, die Zukunft gehört der Kraftschlange, die sich an Ihrer inneren Flöte hochhangelt und unerbittlich den Siegeszug Ihres Projektes initiiert.

Schon wenige Minuten am Tag werden Sie und Ihre Mitarbeiter auf eine ganz andere Ebene des Erfolges bringen und dort halten. Einmal losgelassen, ist diese Energie unerschöpflicher Quell ihres Erfolges.
Ärger mit dem Vorgesetzten? PC-Muskel und Atem in Verbindung mit dem rechten Ton lösen ihr Problem unkonventionell.
Kassiererin zickt rum? Ein kurzes Zucken im unteren Bereich Ihres Körper reicht schon, um vielleicht sogar einen Preisnachlass zu erhalten. Mühelos. Einfach durch ihre Strahlkraft.
Menschen beeindrucken und überzeugen, das ist unser Konzept.
Wir beraten Sie gern!

Wenn Frauen sich knipsen...


Frauen haben es nicht einfach, wenn sie sich ein Bild machen wollen von der Freundin oder Cousine, mit der sie gerade einen Wochenendtrip machen, um dem öden Alltag zu Hause zu entkommen. Auch wenn der Trip anstrengend und alles andere als schön war, muss auf dem Bild zum Ausdruck kommen: Wir haben uns super verstanden, wir haben uns köstlich amüsiert. Das Ganze war einsame Spitze!
Aber dann geht es los. Da Frauen häufig große und kleine Taschen mitschleppen, in denen sie die wichtigsten Utensilien untergebracht haben, die sie benötigen, um das Aussehen so zu korrigieren, dass es auf Fotos etwas hermacht und Glück ausstrahlt, dauert es seine Zeit, bis ein Foto überhaupt gemacht werden kann. Obwohl im digitalen Zeitalter niemand mehr auf die Verschwendung wertvollen Filmmaterials achten muss, klappt es einfach nicht, ein paar Aufnahmen so aus Lust und Laune zu schießen und sie bei Nichtgelingen wieder zu löschen. Misstrauen herrscht, wenn es um die Präsentation der eigenen Gestalt geht. Wird die Freundin die missratenen Bilder vielleicht anderen in der eigenen Abwesenheit zeigen und damit in der Rankingliste der begehrten Frauen den Platz streitig machen?
Also: Erst mal die richtige Position, das richtige Make up, die korrekt sitzende Kleidung. Dann ein zwei Schuss Dreiwettertaft, damit auch die Frisur sitzt. Im Spiegel kontrolliert, noch einmal korrigiert. So kann das eine gute Weile gehen und es dämmert bereits. Jetzt ist das Licht zu schwach, um vorteilhafte Bilder zu machen. Blitzlicht? Überhaupt nicht dran zu denken! Blitzlicht macht hässlich, weil es brutal die Wirklichkeit abbildet.
Schließlich verzichtet die kritische Frau auf Bilder von ihr und beschränkt sich auf die alten Gebäude, die bereits im Kasten sind. Dass man hier gewesen ist, wird man wohl mündlich glaubhaft machen müssen.
Der Mann hat in der Zeit bereits eine Powerpoint-Präsentation hingelegt.

Günter Krass: Astronautengeburtstagsfeier (2000)


Seit zwei Jahren kreisten Willi, Rudi, Torsten und Kai jetzt um die Erde. Jeden Tag stellten sie sich die Frage: „Warum bin ich Astronaut geworden?“ Jeden Tag gab es Essen aus der Tube. Jeden Tag war die einzige körperliche Bewegung das Drehen ihrer Daumen. Däumchendrehen nannten sie das auf der Erde. Jeden Tag fragten sie sich: „Ist jetzt Tag oder Nacht?“ Nicht einmal der Funkwecker funktionierte.
Gestern hatte Kai Geburtstag. Kerzen anzünden war verboten. Um zu tanzen oder Topfschlagen zu veranstalten gab es keinen Platz in der engen Raumkapsel. Die engsitzenden Raumhelme juckten genau wie die blauen Plastikraumanzüge. Das war die schlimmste Geburtstagsfeier, die alle erlebt hatten. „Wie alt bist du eigentlich geworden?“, wollte Willi wissen. „Keine Ahnung“, flüsterte Kai. „Ist klar“, sagte Rudi, und Torsten drückte sich ein Stück Geburtstagstorte aus der Tube. Mit Schwarzwälderkirschgeschmack.

Günter Krass: Oma Rudolf räumt auf (2000)


Oma Rudolf kann nichts liegen sehen. Sie hat den unverständlichen Drang, alles aufzuräumen, wie sie es nennt. Dabei liegen Sachen nicht einfach herum, sondern sind nach einer ganz bestimmten Idee geordnet. Der Plastiktrecker im Wohnzimmer steht da, weil das Wohnzimmer der Acker ist und der muss gepflügt werden. Der Stoffhund ist eigentlich ein Pferd, das macht sich neben einem Acker immer gut. Der Brummkreisel ist eine Ballenpresse, und die braucht jeder Bauer, der sein Heu oder Stroh pressen will. Vor allem braucht er sie vor dem nächsten Regenschauer. Der Rollschuh ist ein Anhänger und die Buntstifte sind Weidezäune, alles Sachen die zu einer ordentlichen Landwirtschaft gehören. Dafür hat Oma Rudolf kein Verständnis. Sie räumt auf. Jeden Tag, jede Stunde. Nur weil sie mit im Haus wohnt und meint, alle müssten ihre Ordnung verstehen.
Und natürlich, weil sie irgendwann oder vor ein paar Tagen auf dem Anhänger ausgerutscht ist. Dabei hätte sie doch sehen müssen, dass das ein Rollschuh ist!

Günter Krass: Oberlehrer Kastenkopp unterrichtet (2000)


Oberlehrer Kastenkopp unterrichtet Jürgen und Bruno. Die beiden sind noch klein und Oberlehrer Kastenkopp gibt sich alle Mühe, sie zu ordentlichen Männern zu machen. Jungen weinen nicht, Jungen tragen keine roten Schuhe, Jungen haben die Hände an der Hosennaht, Jungen bügeln keine Taschentücher. Jungen sind schnell und widerstandsfähig, sie können gut turnen und sind wieselflink. Jungen sind stark und wissen sich immer zu helfen. Jungen sagen Mädchen, wo’s lang geht. „Helmut!“ brüllt es aus dem Fenster. „Ups“, sagt Oberlehrer Kastenkopp,“ meine Frau, was will die denn?“ „Helmut!“, brüllt es erneut. „Ja, Wilma!Was ist denn?“ Oberlehrer Kastenkopps Stimme klingt besorgt. „Helmut!“ Wilma Kastenkopp ruft nur „Helmut!“, nicht mehr. „Hm“, murmelt Oberlehrer Kastenkopp, „äh, Jungs, ich glaube, ich muss...“. Jürgen und Bruno sind verwundert. Eben hatten sie noch soviel lernen sollen. Jetzt musste Oberlehrer Kastenkopp. Was er musste, wussten die beiden aber nicht. „Jungen wissen immer, was Mädchen wollen, Jungs!“ sagte Oberlehrer Kastenkopp leise und rannte schnell ins Haus.

Günter Krass: Wir müssen leider draußen bleiben

Stachelkopf und sein Freund Kunstindianer hatten für diesen Morgen einen Besuch im Kaffeehaus geplant. Sie wollt sich einmal richtig am Frühstücksbüffet laben. Geld hatten sie keines, aber sie hatten schon mehrmals erlebt, dass sich Menschen ihrer erbarmten, weil sie so erbärmlich aussahen. Sie selbst fanden sich sehr schön. Stachelkopf fand, dass er prima Stacheln auf dem Kopf hatte, und Kunstindianer fehlte eigentlich nur einen Bogen und ein Satz Pfeile zum Glücklichsein.
Die Bedienung im Kaffeehaus guckte schief, als die beiden zur Tür hereinkamen. „Hallo“, sagte sie, „ kann ich Ihnen helfen?“ Sie breitete die Arme aus, wohl um ihnen den Eintritt zu verwehren. Stachelkopf und Kunstindianer glaubten jedoch, sie wolle sie umarmen und kamen fröhlich näher, voller Freude auf ein herzliches Drücken. Die Bedienung sprang einen Meter zurück und schrie gleich nach dem Geschäftsführer, der sofort deutlich und unfreundlich wurde: „Herrschaften, das ist ein Kaffeehaus. Da ist kein Platz für Stachelköpfe und Kunstindianer, weil die sowieso nie Geld haben.“ Er wies den beiden die Tür. „Von irgendwas muss unsereins ja auch schließlich leben.“ Die beiden senkten die Köpfe und zogen traurig ab. Wie erbärmlich konnten Menschen sein...

Die Frisur sitzt


Wie viel Weisheit steckt im gegelten Haar!
Früher nahm der feine Mann Pomade, die er beim Friseurbesuch erstanden hatte und massierte sie in sein Haar, um ihm Kraft und Stand zu geben, um jedes einzelne in die richtige Richtung zu legen. Heute heißt es Gel und ist nicht ganz so schmierig wie die Paste damals. Es kann sogar bretthart werden und das Haar fasst sich wie die Frisur von Tante Thea an, die eine Flasche Taft Dreiwetterspray verprasst hat, nur weil draußen ein leichter Wind geht.
Was sagt uns gegeltes Haar?
Ich bin nicht schmierig, es sind meine Haare!
Eine geordnete Frisur steckt immer auf einem geordneten Kopf!
Ich lege Wert auf mein Äußeres, das auch in Krisengebieten gepflegt sein muss.
Ich habe die Haare schön. Die Frisur sitzt.
Mir wird man kein Haar krümmen.
Wenn schon Krieg, dann mit Stil.

Manche nennen es wirklich Krieg: Krieg gegen den guten Geschmack.
Bedenke: Der Wähler wählt die Menschen, die er verdient. All die Wuschelköpfe der Nation haben da wohl einem Wunsch Ausdruck verliehen. Und erst die Glatzen!
(Sicherheitshinweis: Der abgebildete Mann steht in NRW nicht zur Wahl. Leider jedoch seine Partei.)

Landtagswahlkampf NRW und Schönheit


Die Grünen haben es nicht nötig. Alle Welt lässt sich am Computer begradigen, die Grünen lässt das kalt, sie wollen authentisch bleiben. Haben wir im letzten Bundestagswahlkampf Angela Merkel auf den Großflächenplakaten für Mireille Mathieu gehalten, die in die Jahre gekommen und leicht depressiv war, so teilen die Grünen uns mit: Auch wenn Koteletten scheiße aussehen und nicht mehr trendy sind, lassen wir sie uns wachsen. Entscheidend ist doch das Wahlprogramm und nicht der Mensch, der dahinter steht.
Grüne, glaubten wir früher, haben Vollbärte, tragen keine Büstenhalter und stricken Strümpfe aus rückfettender Wolle, während im Plenarsaal die Hölle los ist.
Die Zeiten sind vorüber. Aber alles machen die Grünen eben doch nicht mit.
Schönheitsoperationen am Bildschirm etwa oder Ressourcenverschwendung durch Haargel.

Winfried Hackeböller: Mandala in Rost (2009)

Günter Krass: Damals war Hoffnung (2010)


Wir waren so stolz damals auf unsere Schlipse, die dem Volk suggerierten, wir gehörten zu ihm, die uns zeigten: Wir konnten es schaffen, wir konnten uns an das Establishment heranpirschen und unsere Träume aufgeben, wir konnten gute Arbeitnehmer werden, die vielleicht sogar einmal FDP wählten. Wir würden gute Ehemänner sein und gute Väter.
Wir waren jetzt schon stolz auf das, was wir in der Zukunft schaffen würden.
Wir waren so stolz auf das, wovon wir träumten. Wir waren so revolutionär, so oppositionell, so konträr, so schrill, so destruktiv, so erfrischend, so kreativ, so emotional und so gelangweilt, wie man sein kann nach 9 Jahren Gymnasium. Wir fuhren Käfer, weil wir uns keinen Ford Capri leisten konnten.
Wir waren so stolz auf unsere Sakkos und unsere Schlipse.
Wir konnten es schaffen.
Wir konnten so werden wie unsere Lehrer.
Und damit würden wir sie eines Tages erschrecken.
Wir würden mit unserer Muffigkeit, mit unserer Langsamkeit und mit unserem reaktionären Murmeln diese Lehrer erschrecken. Ihnen einen Spiegel vorhalten.
Falls sie noch lebten, wenn es soweit wäre.
Das war unsere Hoffnung. Mit dieser Hoffnung schritten wir hinaus in die weite Welt hinter Bielefeld.

Günter Krass: Petra hat keinen Fernseher (2007)


Was für einen Sinn hat, es einen Fernsehabend ohne Fernseher zu verbringen, sich gemütlich in ein Sofa zu kuscheln, die Tüte Chips geöffnet oder Erdnussflipse, die die Hände immer schneller schmierig machen, auf dem Schoß und eine Cola oder etwas anderes Süßes, vielleicht auch ein Bier oder zwei, aber dann keinen Fernseher in der Ecke. Petra starrt gebannt in die Zimmerecke, dahin wo der Fernseher stehen müsste, der aber nicht dort steht. Petra nimmt die Hockstellung ein, drückt sich in die Sitzecke, die Fersen an den Hintern gezogen und denkt: Was mache ich hier? Das ist der Anfang vom Ende. Ein Fernsehabend ohne Fernseher. Nicht einmal Mutter ist da, die mit ihrem Strickzeug ein leises Klappern erzeugen könnte, das Petra ungemein beruhigt. Nichts. Das Nichts hat sich ausgebreitet. Wie kann sich nichts ausbreiten. Nichts ist nichts, denkt Petra, das kann sich ausbreiten wie es will, es ist doch gar nicht da. So fängt es immer an, denkt Petra und greift in die Chipstüte. Die Chips schmecken lasch und alt. Liefe der Fernseher, wäre ihr das gar nicht aufgefallen. Die Heizung knackt und der Wellensittich scharrt im Fressnapf, der kein Futter mehr hat, nur noch leere Hülsen. Je weniger Fressen, desto lebhafter werden die Tiere. Eine Frage der Motivation, die würden alles machen für ein paar Körner. Irgendwann würden sie erschlaffen, dieser Sittich, wie war sein Name, Petra hatte es vergessen, damals als die Serie, Sturm der Liebe, begann, hatte sie es noch gewusst, aber heute, dieser Sittich würde auch erschlaffen, dann erstarren, starr werden, im Restmüll landen, oder in der Biotonne, wie war die korrekte Mülltrennung, auch das hatte Petra vergessen, kein gekochtes Fleisch in die Biotonne, der Sittich wäre ungekocht, nur starr eben, wohin mit solch einem Tier, in den Garten, das war bis zu einem gewissen Körpergewicht erlaubt, einen Rottweiler durfte man nicht im Garten vergraben, einen Sittich wohl schon, einen Wurm auf jeden Fall, wer sollte denn beweisen, dass der Wurm nicht eines natürlichen Todes gestorben war und schon in der Erde gesteckt hatte, ihn niemand dort begraben hatte, Würmer waren schon begraben, wie praktisch, dachte Petra, wer in der Erde lebt, kann nicht begraben werden, vielleicht müsste der, im Gegenteil, belüftet, besser gelüftet werden, geliftet, von unten nach oben, an die Luft kommen, dann würde die Beerdigung unterirdisch stattfinden. Wie sollte das gehen, der ganze Gesang, die Predigt, das Maul voller Erde statt des Streuselkuchens, Unsinn, belüften und begraben, aber praktisch war es schon. Geboren werden unter der Erde, begraben werden, ohne überhaupt je gesehen worden zu sein, so unauffällig, so bescheiden, so unbedeutsam, so nichtig. Nein, für sie wäre das nichts, dachte Petra, zu einem Begräbnis gehörte ein Pastor in schwarzem Kittel, eine ordentliche Rede, ein paar Lieder, vorher die Orgel für die Tränendrüsen, den Posaunenchor konnte man sich sparen, Gruftmucke war das für die, die wussten meistens gar nicht, wer im Sarg lag, das war einfach unpersönlich. So nicht.
Petra suchte nach der Fernbedienung um umzuschalten. Ach, es gibt ja gar einen Fernseher, was also sollte eine Fernbedienung für einen Sinn haben? Der Sittich, wie war noch sein Name, pickte an einem kleinen, runden Spiegel, der in seinem Käfig hing, eine kleine Glocke klingelte scheppernd. Die Zimmerecke schwieg. Petra dachte: Wie gemütlich. Es muss auch mal so gehen. Wie sie doch über alles nachdenken konnte. Der Tod war immer ein Tabu gewesen, genau wie Regenwürmer. Die waren eklig, Gustl hatte mal einen für 50 Pfennige verschluckt. Ups, das Anfassen war ihr schon schwer gefallen, aber das war eine Art Mutprobe gewesen. Regenwürmer stanken, so als sei ein Schwein geschlachtet worden und hinge auf der kühlen Diele an einer Leiter. Besser die Hand vor den Mund, die Luft angehalten und nicht geatmet. Morgen wurde gewurstet, der Geruch war angenehmer, wärmer, fast köstlich. Ruhig baumelt damals die
zusammengenähte Schweineblase, die der Hausschlachter aufgeblasen hatte, am Ofen, um zu trocken. In sie sollte die beste Mettwurst gefüllt werden. Noch war nicht morgen. Jetzt war Abend, ein Fernsehabend ohne Fernseher, Zeit für sich, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Spinnen, ja, genau, zum Spinnen, dachte Petra. Wie sinnlos, einen Fernsehrabend ohne Fernseher zu verbringen, ohne Fernseher, sinnlos einfach, das konnte kein Fernsehabend sein. Das war Terror oder Ausdruck einen schweren Neurose. Wer war auf eine solche Idee gekommen. Der Sittich klapperte am Gitter, vielleicht sollte ich ihn füttern, dachte Petra. Vielleicht aber auch nicht, und steckte sich noch zwei Chips in den Mund.

Manfred de Ap: Familie (2010)


Das degenerierte Bild einer deutschen Familie im medialen Zeitalter nach der dritten industriellen Revolution. Oder das Bild einer degenerierten Familie in der Postmoderne des Klimawandels.
Die Mutter schielt, weil sie zu sehr auf das Aussehen ihrer Nase achtet; Zeichen einer strengen Ichbezogenheit, die keine familiäre Wärme zulässt; der Sohn verblasst am Bildrand, er vermisst die Mutter, die doch nur zwei Personen weiter steht. Er kennt sie vielleicht nicht seit der letzten Frisurveränderung. Er hat den Blick zu häufig gesenkt, schaut auf sein elektronisches Spiel. Ach, welche Klischees! Die Kinder kennen keinen Sonnenaufgang mehr, weil dann immer noch in der Furzmolle dösen. Der Vater ist das Weichei der Gruppe. Die Augen weit aufgerissen will er sein Erschrecken zeigen: Ich bin erschrocken über das alles, wenn mir einer sagen könnte, was das alles ist. Die ererbte Unwissenheit.Ich habe alles nicht gewusst! Man kann mir keinen Vorwurf machen. Er weiß nicht einmal, was er alles nicht gewusst hat. So wenig, so sehr. So sehr, sehr wenig.
Unsere Gesellschaft kann mit dieser Mentalität keine Kopfsprünge machen. Vielleicht eine Arschbombe, unsere Lieblingsfigur beim Schauspringen im Sommer 1968.
(Aus: Theo von Doeskopp - Bilder, die man vergessen kann, Neodadaismus und Ekel, Alzheim 2010)

Philosophischer Tisch: Hat Marx versagt?

Hat nicht Marx doch recht gehabt?, fragt es am philosophischen Tisch, der in der Stammkneipe tagt und schon einige bewusstseinserweiternde Drogen eingeworfen hat. Besonders Etti steht noch unter der euphorischen Wirkung des 2:0 Sieges von Schalke, genau wie Zven, der wenige Minuten später vom Stuhl kippt, nachdem Etti ihn gestoßen hat, weil sie Zven aus der kontemplativen Versenkung holen will. Die andere Gäste stutzen. Zwen am Boden? Was Revolutionäres passiert denn da? Tanja, noch drei Hefe, ein kleines Paulaner und 2 Becks! Tanja nickt und holt das Bestellte.Und ne Runde Ouzo auf Schalke.
Der Kapitalismus ist doch überholt, der wird doch jetzt abgelöst, das habe ich im Fernsehen gesehen, Marx hatte doch recht, Sozialismus ist die Lösung, global ist ja alles, da war ich doch nicht ohne Sinn in der DKP, ich habe es irgendwie immer geahnt. Etti ist aufgeregt. Endlich rettet sie jemand aus der angenehmen Kleinbürgerlichkeit. Marx. Auch Dr. Schiwago hat nicht nur seine Affaire mit Lara gepflegt, der musste auch mal ran, als die Revolution tobte. Sven murmelt etwas von Proletariat. Gonzo geht es um das Bewusstsein. Genau, sagt Etti. Sven nickt und Lupo wettert: Das Sein bestimmt doch das Bewusstsein, da lässt sich ja wohl nichts dran rütteln. Betti himmelt. Sie presst die Lippen zusammen. Wenn Lupo spricht, ist sie lieber still. Der regt sich manchmal auf. Wilma fasst Gonzo am Arm. Das Bewusstsein ist der maßgebliche Faktor. Wenn das nicht stimmt, dann geht gar nichts, Marx ist doch Quatsch, das haben wir früher mal geglaubt, alles gute Menschen, die sich alles teilen, aber dann tauchen plötzlich die Funktionäre auf, die Parteibonzen, die Schweine auf Orwells Farm! Die kassieren doch auch wieder ab, das ist Kapitalismus nur mit anderem Etikett. Gonzo will Etti beweisen, dass sie Dünnschiss gehört hat. In Bolivien machen die es doch anders, führt Etti an. Gonzo: Klassenkämpfe? Ja wer gegen wen denn? Kommt das Proletariat aus Bolivien oder woher nach Deutschland und kämpft gegen die Kapitalisten, weil unser Proletariat vor dem Fernseher hockt, RTL glotzt und Chips und BIer in sich reinstopft. In pastellfarbenen Baumwolltrainingsanzügen von Kik. Kik ist Kak. Das ist doch auch Bewusstsein! Hier am Tisch weiß doch jeder, dass 80 Prozent seiner Klamotten aus Sklavenarbeit besteht! Deshalb ist die so billig. Ihr aber freut euch, dass ihr ein Schnäppchen gemacht habt! Das weiß hier jeder. Aber keiner tut was. Du gehst doch nicht in den Ökoladen, wenn es denn einen gibt, und kaufst handgeknüpfte Jeans für den 20fachen Preis. Keiner! Gonzo. Ihr esst doch alle Wurst und wisst Bescheid über Massentierhaltung! Verlogen. Verlogen!
Zven kippt noch einmal vom Stuhl und stöhnt: Oh,o-o-o-oh.
Themenwechsel.
Globaler Pradigmenwechsel.
Lupo wettert lautstark herum, aber Gonzo hat nicht zugehört.
Tanja bringt die Drogen.

Wozu Männer fähig sind


Schaut, Männer, wozu wir fähig sind: Wir können kann eng zusammen stehen, wir haben keine Angst vor Nähe, keine Angst vor Mundgeruch, vor Körperschweiß oder vor Infektionen, Tröpfcheninfektionen besonders, denn wir sind Männer und trinken gern mal ein gutes Tröpfchen, deswegen infizieren wir uns noch lange nicht, wir sind keine Frauen, wir sind Männern und darauf sind wir stolz, deswegen stehen wir zusammen wie ein Mann. Genau. Drei Männer stehen zusammen wie ein Mann. Hans, gib noch einen ins Glas! Jou, Hans, lass mal die Luft aus dem Becher. Komm, bevor der schlecht wird. So jung kommen wir nicht wieder zusammen. Besonders du nicht, Hans! Hahaha!

Schöne Osterdeko auf dem Balkon und im Garten


Es ist wieder soweit. Die Mitmenschen erfreuen uns durch ihre Osterdeko, die sie im Garten oder auf dem Balkon deponieren, um dem Zeitgenossen von um die Ecke zu zeigen: Ich halte es mit den Jahreszeiten, ich halte es mit dem Brauchtum, ich halte es jetzt mit dem Osterhasen, der braucht unbedingt unsere Unterstützung, denn die Jugend hält ihn für ein Fake. Fake, diese EWort schon! Der ist gefaket, der Osterhase. Was wohl soviel bedeuten soll, als dass er eine Fälschung ist, eine Erfindung, ein Lügengespinst. Natürlich haben die so argumentierenden Jugendlichen recht, aber müssen sie das um alles in der Welt auch ihren Mitjugendlichen zuschreien? Warum kann man den Glauben an eine hübsche Geschichte nicht aufrecht erhalten? Warum alles niedertrampeln, alles kaputtmachen? Ist das das erklärte Ziel der heutigen Jugend? Wir sind auch mit Lügen aufgewachsen, noch viel schlimmeren Lügen als die vom Osterhasen! Wir haben an den Weihnachtsmann geglaubt, das Christkind, das nichts mit Jesus zu tun hatte, an den schwarzen Mann und an die Kornmume. Alpträume haben uns im Bett wachgerüttelt!
Unser Herz geht auf, wenn wir Osterdeko auf einem Südbalkon entdecken. Hier wohnen liebe Menschen, denen ein paar Lügen nicht das Gute verdecken, die im Herzen rein geblieben sind, auch wenn sie wissen, dass das falsch ist.

Stinkende Stofftiere


Die Sorgentelefone stehen nicht still. Stofftiere beklagen sich über ihre Artgenossen. Vor allem werden stinkende Kollegen genannt, die besonders am Rücken stark riechen, weil dort der Speichel der liebkosenden Besitzer eintrocknet und ein abstoßendes Aroma entfaltet, das dem natürlichen Stoffkörpergeruch extrem zuwiderläuft.
Man sollte nicht den Knuddelburschen die Schuld geben, wie so oft, oder fast immer, ist mal wieder der Mensch an diesem Missstand schuld. Früh genug sollten wir unsere Kinder dazu erziehen, ihren Speichel für sich zu behalten, besser wäre es sogar, wenn sie ganz den Mund hielten, womit zwei Fliegen geschlagen wären.
Überhaupt hat der Stofftierrummel Blüten getrieben: Landete der Spielgefährte, dem die Holzwolle aus dem Leib ragte,früher im Heizkessel und konnte noch etwas für die warme häusliche Atmosphäre tun, so schreien die Zöglinge heute in unendlicher Trauer nach einer Begräbnisstätte mit Stein und Bild.
Unsere Kinder sind das Abbild der Gesellschaft und man wird die Frage nicht los: Was ist denn da kaputt in dieser postindustriellen Zeit nach der zweiten medialen Revolution? Na, alles paletti!, schallt es wie aus einem Munde von Jugendlichen, die vor den Bildschirmen hocken und virtuelle Feinde umnieten.
Ade, ihr lieben Stofftiere. Im Heizkessel wäre es wenigstens schön warm gewesen.

Langanhaltender Ruhm trotz unansehnlicher Frisuren


Wie schön waren die Siebziger, da konnte man mit hässlichen Frisuren berühmt werden!Beispiel: Van Morrison. Was man heute für ein Achtpersonenauto hält, war früher ein ganzer normaler Vorname. Van Morrison hat auch mit ungepflegten Haaren seinen Weg gemacht. Damals schnitt man das ab, was einen störte und nannte es "moderne Frisur". Heute käme niemand damit durch; eine Tube Gel ist Muss.


Bei Van Morrison sind die Haare verschwunden, der Ruhm ist geblieben.
Hier kann man Van mit neuem Kunsthaar bewundern. Auch die Stimme ist noch einmal überpoliert worden:
Anklicken.

Danke, euch proportionalen Zuordnungen


Früher stellte man erzürnt fest, nachdem man in einen Haufen Hundeexkremente getreten war, dass es ein großer Hund gewesen sein musste und folgerte nach diversen weiteren Malen, dass die Größe der üblen Hinterlassenschaft, von Frauchen auch noch durch ein "Brav, Purzel!" oder "Gut gemacht, Rex!" abgesegnet, in direkter Verbindung stand mit der Größe des Hundes. Je größer der Hund, desto größer die Masse, in die der Fuß gerät. Niemand konnte dieses Verhältnis so recht deuten, meist war es mit hoher emotionaler Spannung geladen und rationalen Erklärungsmustern nicht mehr zugänglich. Heute wissen wir: Das war eine ganz klare proportionale Zuordnung. Je größer der Hund, desto größer der Haufen.
Nun will man nicht gleich auf den Menschen schließen, da traumatische Erlebnisse hier einen unangemessenenen Transfer erleichterten, aber das Modell schafft es, den Alltag zu erklären:
Ein jugendlicher Mensch in Markenkleidung trägt Kopfhörer unter dem Käppi, die Schnüre führen unter die weitgeschnittene, aber dennoch zu groß gewählte Jacke, der Kopf und auch der Oberkörper schaukeln rhythmisch vor und zurück, der klinisch Vorgebildete denkt an Hospitalismus, der Blick führt ins Leere. Das Schlimmste: Die Musik beschallt nicht nur den Kopf des Hörers, sondern auch mein Ohr, das sich allerdings nach Ruhe sehnt. Ich beginne bereits in Zorn zu geraten, da hilft mir die proportionale Zuordnung: Eigentlich sollte ein Kopfhörer nur für den aktuellen Zuhörer bestimmt sein, also schallisolierten Hörgenuss ermöglichen. Hier muss aber etwas anderes dazukommen, wenn auch ich hören kann. Ein Resonanzkörper. Ein Resonanzkörper nicht unerheblichen Ausmaßes. Der Kopf des Störenfriedes ist hohl. Das muss es sein. Er verstärkt den Klag, sodass die Kopfhörer letztlich ihren Zweck für die Mitmenschen verfehlen.
Ich schließe aus meinen Beobachtungen: Je lauter die Musik, desto hohler der Kopf. Proportional. Total proportional, denke ich und bin zufrieden mit mir und den Erkenntnissen der Mathematik.
Danke, dass es euch gibt, ihr proportionalen Zuordnungen!

Ernst Bärlapp: Weitergeknetet


Hat nichts gebracht.
Siehe auch: Bärlapp bei Gerdwin

Also, sprach Zarathustra


Manchmal vergessen wir das: Menschen kaufen sich neue, vielleicht sogar zu große, zu auffällige Brillen, damit sie endlich ein neuer Mensch werden oder einmal anders wahrgenommen werden, dass man nicht mehr ihre zu großen Ohren betrachtet, ihren zu kleinen Körperwuchs oder vielleicht einen unappetitlichen Damenbart.
Und dann stellt sich dem nachvollziehbaren Vorhaben eine plumpe Haltevorrichtung in den Weg, die alles zunichtemacht, eine Vorrichtung, die unsportlichen Menschen eine Hilfe sein soll, Menschen, die kaum ohne fremde Hilfe in den Zug oder in den Bus einsteigen können. Wohin soll das führen? Wir bleiben unseren Stereotypen verhaftet: Der Mensch mit psychischen Problemen ist weniger wert, als der mit physischen. Das, was man sieht, kann man einordnen, dem kann man abhelfen, aber dem, das man nicht nicht sieht, begegnet man mit Skepsis, nein, mit Ignoranz. Was ich nicht sehe, gibt es nicht, also ist Gott tot, folgerte schon Nietzsche, und kann heute noch stolz darauf sein, dass so ein Musikkaspar wie Richard Strauss (nicht zu verwechseln mit den Humtatata-Musikern Johann 1, 2 oder 3!) ein Stück über seine allgemeinplatzverbreitende Figur Zarathustra geschrieben hat, die lediglich in einem Science-Fiction-Streifen Platz findet, um ein planlos herumirrendes Raumschiff zu untermalen, damit bloß keine Langeweile aufkommt, was allerdings zwingende Folge gewesen wäre bei einem Film, dessen Handlung erstmal nicht sichtbar wird. Statik. Statik und Statistik sind die Hauptgründe für den Untergang des Abendlandes. Na, dann guten Morgen!

Die Schweiz fängt noch mal an


Die Schweiz will noch mal von ganz vorne anfangen.
Im Moment geht es darum, wo ganz vorne ist.
Ganz hinten ist klar, total klar.
Aber ganz vorne?

Landleben: Weg mit der Winterdecke!


Der gute Massey-Ferguson ist nervös. Er wartet auf seinen Einsatz. Er will endlich spüren, wie der Diesel, am besten der unversteuerte, aus dem Heizöltank, durch die Leitungen schießt, wie wieder Leben ins Gestänge kommt, wie das Profil der Reifen sich durch die Scholle gräbt, unaufhaltsam Meter für Meter, um dem Ackermann Hilfe zu sein, um das Feld zu bestellen, um den Boden fruchtbar zu machen, damit im Sommer geerntet werden kann. Im Märzen der Bauer....da läuft ein Schauer über den Rücken jeden Treckerfahrers und er streichelt zärtlich über das Blech der Motorhaube, dort wo die Pferdestärken verborgen liegen und darauf warten, losgelassen zu werden. Die Decke, die über der Fahrerkabine gelegen hat, hat sich die alte Zugmaschine wohl schon heimlich vom Leib gerissen, um zu signalisieren: Gleich geht's los! Stell mich an! Ich bin bereit, Bauer!

Wenn Rune vor die Tapete gedengelt ist....


Da hat der Rune mit seinen fettigen Augenbrauen auf der letzten Fete den Halt verloren, er hatte gut getankt, konnte sich gerade noch auf dem Sofa abstützen, ist über die Topfblume doch nicht gestürzt, dann aber mit dem Kopf vor die Raufasertapete geklatscht und hat dort hässliche Flecken hinterlassen. Ich glaube, seine Kopfhaut ist stellenweise geplatzt, sodass Blut und andere Exsudate an das Papier geraten sind. Raufaser saugt bekanntlich gut, vor allem, wenn sie nicht mit wasserfester Innenfarbe imprägniert sind. Was also tun? Da ist ein ekliger Fleck eines Gastes, der auch ekliger hätte sein können, aber so auch schon ekloig genug ist?
Filzstifte raus, den Fleck ein wenig ausmalen, möglichst mit intensiven Farben, etwa Ocker, und dann einen Rahmen gekauft oder bei der Oma "ausgeliehen". Nagel in die Wand und aufgehängt, das Gesamtkunstwerk untertitelt, etwa mit "Runes Augenbrauen", einem kryptischen Begriff, den niemand versteht und dann das Ganze bestaunen lassen. Das ist die Kunst!
Die Leute glauben, dass sie vor etwas Umwälzendem steh. Man muss nur andere Gäste einladen, als die, die miterlebt haben, dass Rune vollbesoffen vor die Tapete gedengelt ist und Blutflecken am Raufaser hinterlassen hat. Sonst käme es zu Nachfragen: Ist das nicht der Fleck, den Rune vollbesoffen auf deiner letzten Feier hinterlassen hat? Der hat doch auch noch ins Bad gekotzt, auf den Teppichboden?
Diesen Fleck gilt es dann ebenfalls noch zu beseitigen und einzurahmen. Kunst will gelernt sein.

Bei Fürstens: Die neuen Gummistiefel


Fürst Einlebeninsausundbraus: Booh, mir steht steht das Wasser in den Kniekehlen...
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Jetzt übertreib mal nicht.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Sind das die Gummistiefel, die du bei Tschibo bestellt hattes?
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Na und, die sind gut und preiswert.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Du weißt, dass ich davon immer Schweißfüße bekomme.
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Du hast doch eh schon Körpergeruch.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Aber nur, weil ich mich nicht wasche.
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Da kommt's doch nicht mehr drauf an.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Das sagst du. Die Fürstin ten Abgrund rümpft zwischendurch die Nase!
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Wo zwischendurch?
Fürst Einlebeninsausundbraus: Na, so halt. So hier und da.
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Das wüsste ich jetzt schon genauer.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Obwohl...schick sind die Stiefel schon. Und das bisschen Schweiß, Hergott, es gibt wichtigere Themen auf der Welt. Ist dein Muttermal eigentlich größer geworden?
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Bitte? Ich habe kein Muttermal!

Graf Itti: Ich geh besser jetzt. Uijuijui.....

Redensarten im Volksmund: Der Korb


Klaus konnte nicht begreifen:
Elfi hatte ihm einen Korb gegeben.
Ihm!
Etwas halbherzig wirkte er schon, wie er so an der Wand hing. Wozu sollte der gut sein? Man konnte nicht mal etwas in ihm tragen. Rausfallen, durchfallen, hinfallen, das ging vielleicht. Aber gefallen?
Gefallener Engel, Elfi, du hast mir gefallen. Der Korb und alles beziehungsweise nichts.Es war noch nichts. Jetzt bist du gefallen. Gestolpert über deinen Korb, den du mir gegeben hast, mir, Muttis Liebling, hat Tante Trude immer gesagt, der besondere Schwiegersohn, hat sie nachgesetzt. Ein Korb, was soll ich damit tun? Du hast die Knie auf und ich den Kaffee. Jahrelang habe ich nachgedacht, wie ich es dir sagen sollte. Und dann der Moment, meine Güte, Rita habe ich gesagt, Rita ist meine Cousine, mit der habe ich geübt, mit der hatte ich nichts, das kannst du dir doch wohl vorstellen, oder? Na komm schon!
Elfi, Elfi. Wer will dich denn jetzt noch?

Günter Krass: Erinnerungen - Brillenschlangen


Mobbing war damals noch gar nicht erfunden, da wussten wir schon, wie es geht. Es ging um Fertigmachen. Wir brauchten keine englischen Wörter, um effektiv zu arbeiten. Ein Prozess lief unbewusst ab, aus einer Art Selbstschutz. Schnell einen fertigmachen, bevor man selbst dran war. Dran war man trotzdem immer irgendwie, ausgenommen die Großmäuler, die waren häufig zu dumm, um das subtile Fertigmachen zu kapieren. Sie dachten, sie wären die Größten und blieben bei ihrem Irrglauben. Häufig bis heute.
Brillenschlangen waren arm dran. Heute ist es fast ein Makel, keine Zahnklammer oder eine Brille, wenigstens eine Lesebrille, zu tragen; früher war der Brillenträger, die Brillenschlange eben, gleichgesetzt mit Verlierer, mit einem Weichei, dem die Kniescheiben ständig rausflogen, mit Menschen, die Ärmelschoner trugen, die hinfielen, wenn andere stehen blieben, die so langweilig waren, dass man gähnen musste, wenn man neben ihnen stand.
Brillenschlangen hatten nichts mit dem tödlichen Tier zu tun, die kalte Kobra war nicht Synonym für die Sehhilfeträger, eher wohl die Blindschleiche.
Brillenschlangen kauten vor der Klassenarbeit Traubenzucker und gingen am Abend davor noch früher ins Bett.
Glasbausteine nannten wir ihre Hilfsmittel, den Körper hinter der Brille häufig Kassengestell und deuteten an, wie hässlich das Drahtgebilde auf ihrer pickeligen Nase war.
Mobbing war das vielleicht doch nicht: Wir waren zu klein, zu dick, zu langsam, hatten eine Hasenscharte, schossen Popel, hatten abstehende Ohren, heulten, wenn der Lehrer mal schrie oder wenn ein Gewitter in die Stunde krachte.Wir boten in der Gesamtheit die besten Projektionsflächen für unentwickelte Mobber.Aber, wir waren zuerst auf die Idee ohne Namen gekommen. Selbstschutz!, ahnten wir, ohne das Wort zu kennen. Erst mit dem Heranwachsen der Psychologen sollte uns allen der Sinn des Tuns bekannt werden.
Der Sohn des promovierten Lateinlehrers flog in jeder Pause als Düsenjet über den Schulhof, zumindest machte er die Geräusche und rannte mit ausgebreiteten Armen kreuz und quer, ziellos, ohne erkennbaren Plan. Wir erklärten ihn für verrückt und hätten ihn gern abgeschossen. Er reagierte aber nicht auf unsere Flak-Geräusche. Irgendwann landet er auf einem Internet oder in der Klapse, folgerten wir, und versuchten, nicht mit ihm zu kollidieren. Was hätte so ein GAU für Auswirkungen auf die Noten gehabt!
Wir hielten uns an die unauffällige Brillenschlange, der wir die Aufmerksamkeit zugestanden, die ihr sonst versagt geblieben wäre. Im Grunde waren wir gute Menschen, gute Menschen mit dem Hang zum Selbstschutz. Wenn wir es nur damals schon so hätten ausdrücken können, dann wäre uns 2% des schlechtenGewissen erspart geblieben.

Henri von Glucksrad-Karre: Nackt


Da liegt eine Dame mittleren Alters in der Badewanne und macht Reklame für eine bestimmte Wannensorte oder irgendein Wellnessspektakel, das man zu Hause veranstalten kann. Sie trägt einen Bikini, von dem man nur das Oberteil sehen kann, das untere ahnt man, es liegt unter Wasser. Das Wasser sprudelt. Hallo, was ist das denn?, fragt sich der normale Mensch und denkt weiter: Wieso steigt hier eine Frau im Bikini in die Wanne, um sich der Körperreinigung oder einer Wellnessanwendung hinzugeben? Das ist ja so, als würde man nackt ins Freibad springen und sich dort ordentlich einseifen. Den Bademeister hätte man stante pede an frisch gewaschenem Hals, ein Verweis wäre die Folge. Zu Hause stolzieren keine Bademeister mit ihren Trillerpfeifen, zu Hause herrscht das Nachdenken: Warum, um alles in der Welt, steigt die Frau mit, wenn auch spärlicher, Kleidung ins Wasser? Die kann ja gar nicht richtig sauber werden, dazu müsste sie sich der Kleidung doch entledigen!
Und dann schießen uns die Archtypen der 50er und frühen 6oer in den Kopf, Adrenalin wird ausgeschüttet, wir schauen uns unsicher um, so als beobachtete uns jemand: Die Angst vor dem Nacktsein hat uns wieder.
Mein Cousin Hotte badete damals auch in Badehose, dazu sei die ja da, behauptete er felsenfest, und weigerte sich standhaft, seiner Mutter, die darob in Sorge jetzt häufiger im Badezimmer herumwieselte, zu zeigen, was unter der Hose verborgen war. Die Tante zweifelte schließlich am Geschlecht ihres Kindes, weil sie sich nicht mehr erinnern konnte, was sie denn damals geboren hatte.
Alpträume plagten uns Jungen. Im Dorgemeinschaftshaus liefen wir im Unterhemd herum, ohne Unterhose, das Hemd gerade lang genug, unsere Blöße zu bedecken, aber keinen unbedachten Schritt, keine ungelenke Bewegung durften wir riskieren, damit wir bedeckt blieben. Das Unterhemd war gleichzeitig Oberhemd.
Wie wanden wir uns nach dem Sport, nackt mit anderen zu duschen. Oder vor dem Benutzen des Lehrschwimmbeckens! Angeblich verstopften Seifenreste die Abflüsse und machten das Becken unbrauchbar.
Die Lehrer kontrollierten und wir wandten ihnen unsere nackten Ärsche zu, was ihnen genauso gefallen haben mag wie die Frontansicht.
Nacktsein war Scham, war Demütigung, war Bloßstellen. Der Schutz der Persönlichkeit war dahin, so als wären vom Staatsanwalt Abhörgenehmigungen erteilt worden, Fleischbeschau inbegriffen, alles mit der Begründung, für Hygiene und Gesundheit zu sorgen und die Abflüsse frei zu halten.
Da kann man verstehen, wenn heutzutage, wo sich jeder unaufgefordert entblößen will, Menschen das Bedecken wiederfinden. Wenn die Badehose, der Bikini, der Badeanzug Aufsehen erregen, wenn sie im Geheimen getragen werden. Und es ist mittlerweile völlig egal, ob die Seifenreste, die sich bei der Körperhygiene in der Kleidung sammeln, die Abflüsse verstopfen oder nicht.
Ein Mythos ist endlich zerstört worden. Seife aus Badehosen verstopft Abflüsse! Unglaublich!
Wie dumm waren wir damals gewesen, freiwillig nackt zu duschen. Heute wäre doch jeder Schulmensch froh, wenn überhaupt geduscht würde, selbst in voller Montur. Seit Erfindung des Deospray haben sich die Parameter verschoben.
Was regen wir uns da über Frauen in Bikinis in der Badewanne auf? Man muss ja nicht hinsehen.

Flaggenvorschläge für die Schweiz


Aus dem Kanton Bern stammt ein Entwurf für die neue Flagge der Schweiz, der den maroden Staat mit dem finanzverbrecherischen Hintergrund heilen soll. Sogar rassistische Tendenzen (Parole: Keine Moschee in unserem Schnee und nicht dahinter, nicht diesen und auch keinen andren Winter!) würden geglättet, denn das Symbol, das das alte, weißes Kreuz auf rotem Grund, einfach umkehrt, ist irgendwie international verbreitet. Man habe das schon in verschiedenen amerikanischen Kriegsfilmen gesehen; der Amerikaner sei ja überall auf der Welt tätig. So könne die neue Flagge völkerverbindend und weltübergreifend sein, global nämlich.
Kritische Stimmen werfen ein, es geben diese Flagge schon. Momentan sind die Schweizer auf der Suche nach dem dazugehörigen Land. Eventuell könne man sich zusammentun und die Flagge gemeinsam nutzen. Welcher hoher Druck muss in der Schweiz bestehen!

Undankbare Natur


Das machte mich traurig. Ich hatte im aufkeimenden Frühling, der aber noch mit Schneeresten und Temperaturen von 3 Grad plus kämpfte, einen hilflosen, flügellahmen Schmetterling gefunden, der auf der Fensterbank darauf wartete, zu Kräften zu kommen. Sacht blies ich ihn an, glaubte, mein warmer Atem könne ihm diese Kraft, die er für den nächsten Flug brauchte, geben. Der Schmetterling kippte einfach zu Seite und stellte sich tot.
Selbst wenn es in meinem Mund Mundgeruch gäbe, gesetzt und nur mal angenommen, so sollte die Natur, die ganz andere Gerüche gewöhnt ist und sogar selber produziert, dankbar sein über einen Menschen, der mitfühlt mit der geschundenen Kreatur, der Hilfe leistet und Gutes tut.
Das Schlimmste auf der ganzen Welt ist undankbare Natur.

Schweiz will neue Flagge

Nachdem die Schweiz von der Weltöffentlichkeit aufgrund ihrer Machenschaften im Finanzsektor auf Platz der 4 der Schurken- und Ganovenstaaten gesetzt wurde, plant sie jetzt einen Neuanfang. Erst mal soll eine neue Flagge her, irgendwas Japanisches stelle man sich vor, so die Flaggenschneider aus dem Kanton Uri.

Wolfgang Oecker: Die Einsamkeit der Stahlnägel (2010)


Stahlkünstler Oecker hier mit einem Werk, das den Zeitgeist mal wieder zusammenfasst.
Mit dem Rücken zur Wand und einsam. Wer ist das nicht?
Material: Stahlnagel, Pressspanplatte gekälkt.

Gedichte mit geschäftlichen Transaktionen: Georg Krakl - Frau im Pelz (2010)


Ich sah die Frau im Pelz
und dachte: Welcher Schmelz
umgibt die Frau, und sahne-
gleich ihr Blick!
Die Aura etwas abgewrackt,
im Ganzen zwar zu dick,
doch elegant, als ob sie plane,
ein schönes Kleid zu kaufen,
und nach Haus zu laufen,
wo der Mann im Sessel sitzt,
und in seinem eignen Pelze schwitzt.
Doch dann, ich hatte nur kurz ausgespuckt,
da war sie plötzlich wie verschluckt,
da war sie fort mit Pelz und Blick und Aura.
Da war doch eben noch ne Frau da!,
rief eine Dame laut.
Ich sage: Stimmt, sie war im Pelz,
jetzt ist sie weg, mit ihr der Schmelz.
Ich habe kurz nur weggeschaut.

Günter Krass: Neue Zähne braucht der Mund

Lächeln. Fiete bemüht sich. Das, was er als sein strahlendstes Lächeln ansieht, wirkt auf die Verkäuferin an der Fleischtheke wie das verlogene Grinsen eines Vegetariers, der sich eine Scheibe verblichene Mortadella fordert, die ganz vorne in der Auslage liegt, damit sie sich vornüberbeugen und strecken muss um sie zu zu erreichen. Damit dieser pflanzenfressende Grinser ihr in den Ausschnitt schielen kann.
Fiete ist kein Vegetarier und der Ausschnitt der Fleischfachverkäuferin interessiert ihn wenig, weil sie ihm zu dürr ist. Hinter eine Fleischtheke gehört etwas Dralles, Pralles, Üppiges, etwas, woran man sich festhalten kann, wenn man einmal ins Wanken gerät, weil das Leben so schwankt.
Mortadella will er nur, weil Fiete Probleme mit den S-Lauten hat. Salami. Um Salami zu bitten klänge einfach lächerlich. Oder Fleischwurst. Noch schlimmer, zwei Hürden zu überwinden, die nicht zu überwinden sind. Das mag an seinen neuen Zähnen liegen, die ihm der Zahnarzt letzte Woche verpasst hat. Irgendwie passt nicht mehr alles so in den Mund, wie das vorher einmal war. Fiete hat ein Gefühl, als sei die Zunge gewachsen und plötzlich zu lang. Mortadella, sagt Fiete, 6 Scheiben, nicht zu dünn. Mortadella, denkt Fiete, nicht gerade gesund, was da alles drin sein soll, Hühnerfedern hat man, aber wer ist schon man?, jedenfalls soll man die schon drin gefunden haben, kleingeschreddert und gemahlen, verquirlt mit anderem Unrat und Fett, Bindemittel und Farbstoff und Gewürzen natürlich, Gewürze, wichtig, damit die Wurst nach etwas schmeckt, immerhin ist kein S in Mortadella.
Fiete schielt kurz in der Ausschnitt der Fleischwurstfachverkäuferin, oder hieß es Flachfleischverkäuferin, Fiete ist verwirrt, denn er kann direkt in den Kittel gucken und die fleischigen Ausbuchtungen sehen, sogar den Nippel der linken Brust, Fiete schluckt, eigentlich findet er dünne Frauen hinter Fleischtheken doch nett, Salami, lispelt er mit seinen neuen Zähnen, Salami da, nein, hier, ganz vorne, aus der ersten Reihe bitte, stammelt Fiete, die Verkäuferin reckt sich erneut und Fiete starrt in den Kittel auf den Nippel der rechten Brust. Das ist aber Sommerwurst, sagt ihm die nippelige Verkäuferin.
Fiete denkt, wie gut, dass ich nicht doch zum Vollvegetarier geworden bin, so hatte er immer noch die Entscheidungsfreiheit, sich eine Scheibe Wurst mit nach Hause zu nehmen.
Sommerwurst, achso, lispelt Fiete verwirrt, neinnein, hier vorne bleiben, die Nippel sind gerade verrutscht, weil die Fleischdame sich zurückziehen will, jaja, Sommerwurst, hier aus der ersten Reihe, zwölf Scheiben, und Salami, sechs Scheiben, ja, genau, oder doch sieben?
Fiete ist im Kaufrausch, was gibt es noch in der ersten Reihe hinter dem Glas? Die Verkäuferin hat die Wurst auf den Packtisch gelegt, ausgewogen und eingepackt. Darf es sonst noch etwas sein?, fragt sie. Schonschon, langzüngelt Fiete, äh...wie bitte, er wacht auf, hat geträumt, von heute Abend, äh, nein, nichts, danke, das wär’s...Wo war denn die Frage geblieben: Darf’s auch etwas mehr sein? Darauf wartet der Kunde doch.
Die Verkäuferin lächelt, Fiete grinst sein schönstes Grinsen, mehr ist mit den neuen Zähnen nicht drin.
Schönen Tag noch, lispelt er, gleichfalls, antwortet sie. Fiete addiert: 24 Scheiben Wurst hat er jetzt in der Hand. Wer soll die bloß essen?