Be what you want



Hey, sagte Tante Trude, be what you want.
Tante Trude war immer schon schräg gewesen.
Be what you want, das war Englisch, dabei sprach Tante Trude wenig Englisch, aber sie liebte es, in fremden Sprachen ein paar Brocken auf den Tisch zu werfen und dann zu schauen, was die Leute damit anfingen.
Be what you want, grunzte Tante Trude erneut und klang fast wie ein Gangsterrapper.
Ich wär’ gern ein Meerschweinchen, antwortete Piet.
Tante Trude guckte erstaunt, so als habe sie nicht erwartet, dass jemand auf ihre Auslandsfloskeln antwortete.
Das ist schräg, sagte Tante Trude, ein Meerschweinchen. Wie kommst du denn darauf, Piet?

Hast du doch gesagt, Tante Trude, be what you want!, antwortete Piet.
Jaja, erwiderte Tante Trude, da magst du recht haben. Aber, was heißt das denn?
Dass ich gern ein Meerschweinchen wär, wiederholte Piet.
Na, dann, vamos! Muchacho!
Tante Trude flüchtete vor dem Meerschweinchen Piet, das seine Verwandlung noch nicht vollzogen hatte, nach Mexiko.
Be what you want, wiederholte Piet.


Naselang

Wer alle naselang krank ist, häufig knapp bei Kasse ist und wem alle naselang die Frau wegläuft, und wem das nicht gefällt, der sollte sich eine lange Nase, eine überlange Nase wünschen.
Wer alle naselang im  Lotto gewinnt, wer häufig eine gut gefüllte Börse hat und wem es gefällt, wenn ihm alle naselang eine Frau zuläuft, der sollte sich eine kurzekurze Nase wünschen, auch wenn es der zugelaufenen Frau komisch erscheinen wird, denn anhand der Nase des Mannes will der Volksmund auf dessen Johannes schließen. Wer auch immer das sein mag, die Frau, die sich wundert oder das komisch findet und deshalb lacht, wird es ja wohl wissen. Zu viel sollte man aber von zugelaufenen Frauen nicht verlangen, denn irgendwo werden diese ja wohl weggelaufen sein. Und da kommen die Langnasen wieder ins Spiel.

Missverständnis im Baumarkt

Es habe irgendwas mit dem Arsch zu tun, rätselt der Kunde vor dem schon leicht genervten Verkäufer, und hinten, also das Wort hinten habe ein „nal“ dran hängen. Was es denn genau sei, will der Verkäufer wissen. Irgendwas für zum Holz Verarbeiten, sagt der Kunde, er habe das nur besorgen sollen, aber vergessen, wie das heiße. Ihm falle nur hinternational ein, schlägt der Baumarktangestellte vor, da seien Hintern und „nal“ beide drin. Na gut, nun der Kunde, dann nehme ich das. Das haben wir nicht und das gibt es auch überhaupt nicht, erwidert der Verkäufer und trommelt leise mit den Fingern auf der Theke des Informationsstandes herum. Anal vielleicht, kommt dem Kunden eine Fast-Erleuchtung. Aber wo denn da der Hintern sei, wundert sich der Baumarktmensch. Keine Ahnung, der Kunde, vielleicht hinten. Wofür man denn das Produkt brauche, hakt der Fachmann nach. Zum Kleben, glaube ich, der Kunde. Ach – der Verkäufer erlebt eine Spontan-Dämmerung – Ponal, ja sicher, Po-nal, Ponal Holzleim. Jetzt ist es raus. Erleichterung bei beiden. Genau, nun der Kunde, Ponal, habe ich mir doch extra aufgeschrieben, weil, wegen blödem Wort und so. Ach, hier ist ja auch der Zettel. Na also, sagen Sie das doch gleich! Der Verkäufer: 4 Euro 79 für 120 g. Der Kunde: Nicht billig.
Genau, Kasse drei dann, antwortet der Verkäufer und zischt leise „Du Arsch!“ hinterher.

Einen Scherz machen will gelernt sein

Hast du was ausgefressen?, fragt Pedro. Nee, wie kommst du darauf? Weil du so dastehst, als hättest du was ausgefressen. Was ist denn ausfressen? Oder ausgefressen haben? Na, du hast wem einen Streich gespielt, zum Beispiel hast du an der Tür geklingelt und bist abgehauen. Dann ist der Klingelbesitzer zu Tür gelaufen, hat aufgemacht, aber keiner war da.
Naja, das ist doch gar nichts, das ist doch nur ein Scherz.
Robert steht immer noch da, als habe er etwas ausgefressen. Auf keinen Fall steht er so da, als habe er einen Scherz, über den alle lachen konnten, gemacht.
Der Klingelbesitzer, fährt Pedro fort, ist dann die Treppe wieder hochgelaufen, also, er wollte hochlaufen, ist auf der dritten Stufe ausgerutscht, hatte die Hände in den Hosentaschen und ist deshalb aufs Gesicht gefallen. Marmorstufen hat der im Haus. Mit den Zähnen wollte er sich wohl in der Stufe festbeißen. Zwei Zähne fehlen jetzt vorn, das bedeutet Zahnarzt. Das Gesicht ist blau und der Oberkörper geprellt. Und alles nur, weil einer aus Langeweile die Klingel gedrückt hat und abgehauen ist. Wär' vielleicht auch so passiert, sagt Robert. Pedro schüttelt den Kopf.
Wenn’s nicht klingelt, geht doch keiner runter. Ich mein ja auch, wenn ich nicht abgehauen wäre. Was hätte ich denn sagen sollen, etwa: Ich wollte nur mal klingeln und kucken, ob einer kommt? Das wär' für den kein Scherz gewesen. Du kennst den doch, der schreit doch gern mal los. Naja, das mit den Zähnen, das wollte ich nicht, und mit dem blauen Gesicht.
Bleib ruhig so stehen, sagt Pedro, hast ja doch keinen Scherz gemacht. Ich habe jedenfalls keinen lachen gehört.
Ich auch nicht, sagt Robert.
Offene Fragen:
Wieso hatte das Unfallopfer die Hände in den Hosentaschen? Zum Öffnen der Tür hätte er eine herausnehmen müssen. Warum steckt er sie dann gleich wieder hinein?
Warum läuft er die Treppe hoch? Er hätte ruhig gehen können. Hat er vielleicht einen Kessel Buntes auf dem Herd, der überzukochen drohte? Buntwäsche wird aber nur bei 60° gewaschen? Hat er vielleicht nicht mal eine Frau, die seine Wäsche wäscht? Ist er durch den Klingler sogar noch diskriminiert worden als alleinstehender, lebensunpraktischer Mann, der keine Frau hat, die ihm sagt, dass man Buntwäsche nicht kocht?

Camping und Hunde

Warum halten Menschen einen Hund? Spätestens, wenn dieser auf einem Campingplatz die letzten freien Flächen zukackt, wird klar, dass aus diesen Tieren wenig Nutzen gezogen werden kann.
Hunde auf Campingplätzen sind häufig dumm: Sie sehen aus wie eine Mischung aus Osterlamm und Schildkröte oder wie langhaarige Bonsairehe. Da gibt es den Typ Fledermausohrenhund, der nicht fliegen kann, aber ständig den Rücken krumm macht, als wolle er jeden Moment eine Wurst aus dem Kreuz drücken. Diese Hunde laufen in ihrer animalischen Beschränktheit vor ein im Schritttempo fahrendes Auto, worauf der Hundebesitzer den Tollpatsch leibevoll streichelt und sein Fehlverhalten auch noch verstärkt, den Autofahrer aber beschimpft er, als sei Schritttempofahren eine Art Erbschuld oder Ur-Sünde. Dafür scheißen diese Hunde aber mit unglaublichem Spürsinn an die Stelle , die der unbedarfte Erholungssuchende mit seinem Liegestuhl besetzen will und gelegentlich, zu seinem größten Schrecken, auch besetzt. Nachdem sich der Geruch der hündlichen Hinterlassenschaft voll entwickelt hat, kann der Liegestuhlinhaber ermessen, wie groß die Liebe des Hundebesitzers sein muss, mit einem Geschöpf, dass solchen Dreck hinterlässt, in Urlaub zu fahren.

Ganzheitliches Wahrnehmen: Verkehrssicheres Fahrrad

Auf den ersten Blick sagte jeder angesichts eines Verbotsschildes, das mit spärlichen Strichen, Punkten undKurven auf gepflastertem Boden etwas mitteilen möchte: Ganz klar, ein Fahrrad, das vor weißem Grund in einem roten Kreis steht.
Bei näherem Betrachten wird der eine oder andere schon unruhig und sagt: Ok, es ist eine Art Verkehrsschild mit einem Fahrrad drauf, das sagen will: Fahrradfahren verboten! Nicht über dieses Schild fahren! Dann zweifeln die Menschen weiter und ergänzen: Es ist gar kein Schild, sondern nur auf den Boden gemalt und ein Fahrrad ist es schon lange nicht, sondern nur ein Bild davon. Schwaz-rot-weiß....vielleicht eine geheime Botschaft von Neo-Nazis? Die Pedalen ander Tretachse sind stilisierte Hakenkreuze, die beiden Räder sind eine liegende Acht, was bedeutet: 8.Buchstabe im Alphabet, H, steht für Hitler, liegende acht also: Hitler schläft oder leigt herum.
Möglicherweise ist es aber wirklich ein Verbotshinweis für wild umherfahrende Radfahrer, die vor nichts halt machen.
Im Grunde sind es schwarze Striche und Punkte, die nicht einmal eine Verbindung miteinander haben. Erst die Tasache, dass wir ganzheitlich wahrnehmen wollen, lässt uns aus ein paar lässig dahingeworfenen Einzelteilen ein Fahrrad im Hirn basteln. Was die Farben des Deutschen Reiches dort dann anstellen, ist noch nicht erforscht. Klar ist allerdings, dass das Fahrrad, das wir zusammengesetzt haben, überhaupt nicht den Sicherheitsanforderungen für den Starßenverkehr entspricht. Es hat nicht einmal eine Beleuchtungsanlage, die vor allem, allen Akku-Freaks zum Trotz, aus einem guten deutschen Dynamo besteht, sozusagen als Kernstück des Ganzen, damit man nicht nur sieht, sondern vor allem gesehen wird. Eine Lampe mit Birne ohne Dynamo bringt nichts!
Da Fahrradfahren, wie das Schild sagen will, hier verboten ist, ist das allerdings sowieso egal, denn man darf ein Fahrrad, auch ein verkehrssicheres, nicht mit sich führen. Auch Neonazis dürfen das nicht, und so hat die Behörde mal wieder zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, allein durch kreative Farb- und Symbolgestaltung auf einem gepflasterten Untergrund. Saubere Arbeit der Großen Koalition!

Schopftintlinge wollen in die Stadt

Drei Schopftintlinge wollten in die Stadt, doch ängstigten sie sich, ob sie nicht fälscherlicherweise für Stinkmorchel gehalten würden.
Aber wir stinken doch gar nicht, meinte der eine. Schon wand der zweite ein, dass sie wohl doch röchen, wenn sie sich zwei Wochen nicht gewaschen hätten. Und die Form ist auch ähnlich, meinte der dritte.
Was soll uns denn passieren, als dass man uns fälschlicherweise für Stinkmorchel hielte?, fragte nun der eine Tintling.
Die Frauen werden schreiend vor uns davonlaufen, wusste der dritte Tintling, und der erst fragte: Wegen des Gestanks?
Nein, wohl eher wegen der Form, antwortete der Gefragte.
Ja, was ist denn an der Form, als dass sie schlimmer sein könnte, als der Gestank nach zwei Wochen nicht gewaschenem Tintling?, wollte jener genauer wissen.
Das könne er auch nicht sagen, aber es habe wohl etwas mit den Menschenmännern zu tun, wusste der dritte Tintling zu berichten.
Ja, was denn?, schoss es wie aus einem Mund aus den anderen beiden heraus.
Die Männer zertreten die Tintlinge gern und brüllen dabei immer: Das ist doch demütigend! Das ist doch demütigend!
Und, ergänzte der kluge Tintling, es liege nicht am Geruch, denn man habe auch schon wohlriechende Tintlinge am Straßenrand zertreten liegen gesehen.
Die drei Tintlinge wussten allerdings nicht, was das Wort demütigend bedeutete.
Schreiende Frauen, die wegliefen, sei das eine, aber um sich tretende und brüllende Männer seien keine Einladung, einen Gang in die Stadt zu machen.
Lasst uns hierbleiben, schlug der erste Tintling vor, und die anderen nickten. Was war denn in der Stadt außer Shoppengehen schon los? Geld hatten sie ja auch keins.
Stadtluft macht eben nicht immer frei; auch wenn man gut reicht.

Georg Krakl: Meine Maggiflasche

Meine Maggiflasche ist zerbrochen.
Hat die ganze Küche nach gerochen.

Das nackt Knie in der Kunst: Roy Leichtenstin - Das nackte Knie (2013)

Roy Leichtenstin: Nacktes Knie (2013)
Leichtenstin zu seinem Bild:
Eines Tages saß ich im Bad und betrachtete mein Knie. O, dachte ich, welch schönes Knie, aber welch verletzliches Knie auch!
Wenn jetzt jemand käme und haute mit einem Hammer davor, dann wäre das sehr schmerzhaft. Das Knie wäre vielleicht kaputt und ich läge am Boden und krümmte mich vor Schmerzen.
Ich dachte weiter, dass mein ein so schönes Knie doch bewahren müsste für die Nachwelt und beschloss, daraus ein Kunstwerk zu machen.
Ich knipste mein Knie mit meiner Taschenkamera und haute es dann auf meinem Laptop in die Vorschau, unter der man auch Bilder verbessern kann. Sechsmal schob ich Schärfe bis zum Anschlag rein, dann wurde das Bild so krusselig. Dann die Sättigung volles Rohr, auch ein paar mal, bis die Farben so richtig schön grell sind, das wollen die Leute, das passt zum Wohnzimmer der Neureichen.
Schließlich unter PAINTBRUSH mit dem Farbeimer noch ein bisschen was zugespachelt, möglichst unechte Füllstoffe natürlich, künstliche Stoffe natürlich, hahaha, was für ein Widerspruch, klasse!, und fertig! Unten noch ein bisschen was abgeschnitten, da wo es dunkel wird und das wars's auch schon.
Bloß nicht nachmachen! Das ist schließlich Kunst, und dann kann das eben auch nicht jeder. Und es muss auch immer ein paar geben, die das Ding kaufen.
(Aus: Roy Leichtenstin - Ich und meine BIlder. Wie ich's mache, aber bloß nicht nachmachen!, Berlin 2013)

Tonnes Tagebuch: Hummels denkt an Haartransplantation

Liebes Tagebuch!
Da hat doch eine Kollegin gewagt, eine zweite Kaffeemaschine aufzubauen. Ein Aufschrei ging durch den Raum; seit Jahren unterstützen wir die Dritte Welt durch das Abtrinken von fair gehandeltem Kaffee. Fair, aber hart! So ist das Gütesiegel, und mancher kämpft gegen das Aufbrechen seines Magengeschwürs, nimmt das aber in Kauf, weil es um eine gute Sache geht! Ist das nicht purer Eigennutz, eine zweite Maschine zu betreiben und dann Tschibo Milde Sorte einzufüllen? Ist Tschibo nicht eine dieser Ausbeuter-Konsortien, die kleine dunkle Kinder unter 10 schon Kaffeebohnen sortieren lassen?
Sind die Teetrinker besser?
Gut, es gibt auch fair gehandelten Tee, aber der schmeckt irgendwie komisch, vor allem der grüne, da muss man schon seine Geschmacksknospen vorher betäuben, damit der runtergeht. Vielleicht ist es aber auch nur die falsche Sorte.
Ich werde heute mal ein Schlückchen Tschibo probieren. Vielleicht schmeckt der ja gar nicht.
Hummels will sich Haare transplantieren lassen, stand heute in der Zeitung.
Der soll lieber Fußball spielen, da ist mir doch egal, wie der auf dem Kopf aussieht. Es wird zu viel Platz in Tageszeitungen verschwendet für überflüssige Nachrichten; hochgerechnet ist das wieder ein Quadratkilometer Regenwald, der da abgeholzt wird, damit dieser Blödsinn verbreitet werden kann. Hochgerechnet, wie gesagt, also über einen gewissen Zeitraum, wenn man allen Blödsinn zusammenfasst.
Im Mauerhohlraum nach Osten nisten Hummeln. Die sehen nicht mehr so aus wie früher, sie sind dunkler und haben kaum Farbe am Leib. Wahrscheinlich sind es amerikanische, die irgendwer eingeschleppt hat, wie damals den Kartoffelkäfer.
Sie werden nervös, wenn man sich vor den Einfluglöchern aufhält.
Wie bin ich jetzt auf Hummeln gekommen?

Aufgeräumtheit zur Jahresmitte

Es ist immer ein gutes Gefühl, aufgeräumt zu haben, und natürlich auch zu sein.
Das Äußere kehrt sich ins Innere. Wer seinen Schreibtisch aufräumt, wird innen auch übersichtlicher, er gewinnt Struktur, auch wenn diese schlicht ist.
Besser schlicht strukturiert, als chaotisch unorganisiert.
Der Kuddelmuddelmensch läuft in das offene Messer der durchorganisierten Bürokratie, die sich immer mehr unseres Alltags bemächtigt und verselbständigt. Sie gewinnt Obrigkeit, Herrschaft und Diktatur.
Wer ein Formular ausfüllen soll, will oder muss, kann sich nur dieser Struktur unterordnen, sonst hat er verloren; sonst verliert er sich im Dschungel der Paragraphen und Vorschriften. Und dann kommt der Sachbearbeiter oder Strukturbeamte mit seinem sauber gefeilten Zeigefinger und winkt sein Dududu! Mach das mal ordentlich! in unser Leben.
Deshalb der gutgemeinte Ratschlag: Aufräumen!
Das räumt nicht nur mit Vorurteilen auf, sondern auch sonstwie irgendwie oder so.



Hochnäsige in Gefahr

Der erleuchtete Himmel, besonders am Abend, zeigt uns seine Botschaften, wenn wir sie denn verstehen wollen.
Wolkenformationen fügen sich zu Ratschlägen und Warnungen zusammen, die erkannt werden wollen.
Die Sonne beleuchtet das Ganze von hinten und schafft eine düster-mystische Stimmung, die dem Ängstlichen die Haut auf den Unterarmen zusammenzieht.
Spitzgereckte Finger zeigen in die Zukunft, deuten in die Vergangenheit oder warnen vor Fehlverhalten in der Gegenwart.
Immer dort, wo sich ein länglicher Wolkenteil schräg in die Höhe streckt, wird Hochnäsigen gezeigt:
Vorsicht vor Hochnäsigkeit!
Der, der den Blick demütig nach unten richtet, kann das Zeichen weder sehen, noch deuten.
Der Demütige ist in der Regel nicht hochnäsig und kann beruhigt weiter den Boden nach Zeichen und Wundern absuchen, ohne in Gefahr zu sein.
Der Hochnäsige aber, welcher zwar die Botschaft lesen kann, rennt vielleicht just in dem Moment in einen Absperrpümpel aus Gusseisen und beschädigt seinen Unterleib. Das hätte er vermeiden können, wenn er nicht dem Irrglauben erlegen gewesen wäre, man könne am Himmel eindeutige Botschaften erkennen, denn diese, so erkennt er jetzt, sind zwei- bis mehrdeutig, je nach dem, was im Anschluss an das Lesen folgt.
Es ist einfach so, dass sich auch der Himmel manchmal einen Scherz erlaubt, dessen Opfer gern der Hochnäsige ist, denn der hat den Blick dafür.

Schneeelefanten essen Eis


Dieter: Nee, was habe ich schon lange kein Eis mehr gegessen.
Rolf: Das ist Schnee.
Dieter: Schmeckt aber wie Eis.
Rolf: Jetzt sag nicht, dass das Eis mit Schneegeschmack ist.
Dieter: Genau.
Rolf: Das ist gefrorenes Wasser.
Dieter: Na also, eine Art Wassereis eben, wie beim Italiener oder....
Rolf: So'n Quatsch.
Dieter: ....früher Capri, das war auch ein Wassereis.
Rolf: Du solltest dich auf deine Wurzeln besinnen.
Dieter: Man kann nicht immer Wurzeln essen, man muss sich auch mal was gönnen, ein Wassereis mit Schneegeschmack.
Rolf: Wohl eher Schnee mit Wassereisgeschmack.
Dieter: Du kannst nichts genießen.
Rolf: Ich mag kein Eis.
Dieter: Ich schon.
Rolf: Jetzt weiß ich's ja.

Dazugehören

Sie habens genommen. Ich gehör dazu. Mein Blut ist gewollt, akzeptiert, koscher, nicht infiziert, wertvoll, lebensrettend, menschlich, ein bisschen zu orange, aber ansonsten völlig in Ordnung. Jetzt kann ich weitermachen mit meinem beschissenen Job, ich habe wieder Antrieb, Passanten in den Arm zu nehmen, um Fotos zu betteln und abends in den feuchten Biberbau zu kriechen. Und morgens wieder rauszukriechen. Ist alles nicht mehr schlimm. Ich gehör dazu. Gut, dass ich kein indischer Biber bin, die kommen aus ihrer Kaste nicht raus. Hier geht das. Danke, lieber Blutspendedienst. Ich bin ein wertvolles Mitglied einer wertvollen Gemeinschaft. So lange das Blut in Ordnung ist.

Galionsfigur mit Denkfalten und zu tiefem Ausschnitt

Siehst du?Wir habens dir doch gleich gesagt.
Das hast du jetzt davon.

In Ritas Kopf wirbelten typische, verhasste, fünfzig mal zu oft gehörte Elternsätze durcheinander. Die immer dann besonders trafen, wenn die Eltern auch noch Recht hatten.

Aus Schaden wird man klug.
Wer nicht hören will, muss fühlen.
Rita war nun ein bisschen klüger. Und sie fühlte. Was sie alles fühlte, wollte sie gar nicht in Worte kleiden. Aber sie wusste, dass sie nächstes Mal eine andere Mitfahrgelegenheit suchen würde. Einen anderen Typen fragen würde. Auch wenn die Tätowierungen noch so cool waren.
Klar, ich mach auch nen Umweg durch den Ärmelkanal, ich muss da sowieso meine Mutter besuchen, ich nehm dich mit, hatte er gesagt. Umsonst, na sicher. Kannst dich ja an Bord ein bisschen nützlich machen. Und dann das.
Rita hatte frei sein und nicht mehr auf ihre Eltern hören wollen.
Hätte sie doch.
Was ist Freiheit?, dachte Rita.

Komplementärkontraste

Hei Fan!
Danke für dein liebes Brief. Ich bekomm noch viel liebes Brief in Jahr, aber ich will dir selbst entgegnen oder heißt es begegnen? Ja, ich war ein echte dröm man früher, aber du sollst glauben, das ich das heute noch bin. Echt! Ich bin erst 55 und das ist kein Alter für eine dröm man. So wie du träumen noch viel svensk und tysk Mädchen von mich und ich tu was ich kann für sie. Ich schick ein schöne Styck aus meine neue Collection, vielleicht passt die Farbe zu dein Augen? Leider wusste ich nicht deine Konfektion. Ich tippe Größe A, das ist mini. Es gibt auch midi und maxi. Mini ist Tischtennisball, midi Tennisball und maxi Medicineball. Haha, das war Witz von einem Blonden. Haha, stimmt natürlich nicht. Also, ein mini Kleidungsstück, hab ich aber nicht selbst getragen. Und nicht selbst unterschrieben, dafür klebt eine schöne Etikett mit meine schöne Namen drin, hinten, an dem Haken. Schön, oder? Soll ich dein syster auch ein schicken? Tischtennis oder Tennis? Privat wart ich ja immer noch auf Medicineball, war aber noch nicht da. Kommt vielleicht noch. Wer ist Michael Holm? Hat sie Davis-Cup gespielt? Dein syster ist ein bisschen flatterhaft, nicht wahr? Flexibel sagen wir auf svensk. Und hat viel fernsehen. Aber gute Geschmack! Du natürlich auch. Ich errate dir noch eine Geheimnis: Ich will nun eine Krimi schreiben. Ja. Svensk Krimis sind beliebt in Deutschland. Ich hab Ideen für drei Krimis. Ich hoffe, du kaufst bald alle. Vielleicht komm ich auch mit Buch nach Deutschland und lese vor, in echt. Dann sehen wir uns, bring deine syster auch mit, ich trink dann noch was mit euch.

Der svensk dröm man

Ted Willjems: Im Land der Plastikfrauen (6)

Frepp, du alte Spannschachtel, wo gehobelt wird, da fallen Spanner! Hahaha!
Ich habe dir ja geschrieben, dass das Land der Plastikfrauen antiantiantiseptisch ist, nichts liegt hier rum, was eklig aussieht oder an dem Bakterien anhaften und dir die nächste Seuche an den Hals hetzen.
Ich war jetzt in der Hauptstadt und du glaubst es nicht, die Bürgersteige!
Klar, dass hier jeder mit vollautomatisch gereinigtem Schuhwerk rumläuft, damit sich nichts, aber auch gar nicht festsetzen kann. Die Hunde sind hinten zugenäht und werden alle 5 Stunden oral abgepumpt, damit hier nichts auf den Boden kommt. Nichts, in das man treten kann! Frepp! Erinnerst du dich noch, wie oft haben wir geflucht: Verdammte Kacke! Verdammte Hunde, wollt ihr ewig leben?
Kein Gestank an der Hacke und auch nichts, das sich darauf reimt.
Dienstag, der heißt hier PVZeh, bin ich gestolpert. Als ich mich aufgerichtet hatte, sah ich die Ursache. Ein Plastiknippel auf dem Bürgersteig, der hier übrigens Bürgerinnensteig heißt, so in etwa übersetzt eben.
Erst dachte ich, es sei  ein Gulli-Deckel mit Griff, aber dann wurden in mir Erinnerungen wach an die Kindheit und überhaupt an damals, als alles noch weich und rund und schön war und der Bedürfnisbefriedigung diente, also, dass ich oder man satt wurde.
Es war zum Niederknien, was ich auch tat.
Frepp, ich hatte ja geschrieben, dass man Plastikfrauen nicht zwingend küssen muss, weil ihre Lippen hart sind, Plastik eben.
Ich kniete also nieder und wollte das Weiche und Warme und Schöne fühlen, und, Frepp, es war wirklich ein Gullideckel mit Plastikgriff.
Ich habe vor Enttäuschung geheult, was ich ja normalerweise nie tue. Aber das hier war nicht normalerweise; das war Psycho-Folter, wenn das irgendeine Plastikfrau bewusst arrangiert hatte.
Frepp, sonst geht es mir gut, alles etwas steril hier; die Bratwurst ist steif, weil eben auch aus den Kunstmaterialien und das Pils schmeckt, als hätte man es durch einen dieser vorzeitlichen Airbags(du erinnerst dich?) laufen lassen.
Ich war am Anfang dieser Post gut drauf; jetzt bin ich traurig. Scheiß-Gullideckel! Ein Klumpen Hundescheiße ist eigentlich ehrlicher, da spürt man etwas, auch wenn es nur Wut und Ekel sind.

Faszinierende Bergwelt (2): Dem Himmel nah sein


Er ging auf den Berg, um dem Himmel nah zu sein. 

Beim Abstieg stürzte er in eine Schlucht. Dort war er dem Himmel noch näher.

Welttag der Jogginghose

Für was es nicht alles Welttage gibt! Sogar für die verpönte Jogginghose, die irgendwann, als die lange Turnhose, innen angeraut, ausgedient hatte und etwas Neues kommen musste, auf den Wühltischen lag.
Turnhose war ein deutsches Wort, Jogginghose klang ausländisch und konnte von Menschen, die des Englischen nicht mächtig waren, nicht näher zugeordnet werden.
Der ältere Mensch in den Achtzigern sprach auch gern mal von einer Goggi-Hose, weil das J, was eigentlich als schlabberiges Dsch ausgesprochen werden sollte, als unvornehm galt.
Jürgen wurde manchmal zu Gürgen, und aus Komm jetzt her! ein Komm getz her!
Das J als solches, wenn auch am richtigen Platz, galt als unsauber ausgesprochener Konsonant. Unsauberes wollte nicht geduldet werden.
Die Jogginghose brachte sprachlich eine Menge durcheinander, setzte sich aber dann doch in die Köpfe und auf die Körper der Bevölkerung, weil sie so bequem war.
Die Steigerung der Jogginghose waren zwei Jogginghosen im Partnerlook.
Deren Steigerung die Partnerlookjogginghosen, zu denen helle Tennissocken und Straßenschuhe, gern auch in Braun, getragen wurden. Wer noch eins draufsetzen wollte, führte als Beiwerk einen Dackel an der mittellangen Leine.
Dass man heute einen Welttag begeht, liegt wohl daran, dass die Jogginghose von der strammen Funktionsbike- oder Runninghose abgelöst wurde, die aber nicht angenehm zu tragen ist, sondern auch noch die ungewünschten Dellen im Körper betont, sodass  sich diese Kleidung lediglich für Leute eignet, die entweder gut aussehen, oder aber schnell wegfahren oder -laufen.
Vielleicht könnte man auch einen Welttag des Minipli, der jeden Mann wie seine eigene Großtante aussehen ließ, einführen, wenn es den nicht schon gibt.

Mode und Käse

Wer sich den Modetrends entziehen und auf Trendsetting setzen will, sollte  diese neue und schöne Schmuck- und Bastelidee genauer betrachten: Selbstgemachte Käseanhänger zieren den Oberkörper des Trägers und bieten gleichzeitig eine Zwischenmahlzeit für Notsituationen.
Gern verwendet man gelöcherten Käse, etwa Emmentaler oder Leerdamer. Um das Loch herumschneiden, an die Kette hängen und ferig ist der Schmuck!
Das Schöne darüber hinaus: Der Anhänger verändert jeden Tag seine Form und Konsistenz und erweckt den Eindruck, man wechsele täglich das Geschmeide.
Ach wenn manche das Ganze mit einem platten "Alles Käse!" abtun wollen, so wird sich der Modebeflissenen der Magie des Selbstgebastelten nicht entziehen können.
Olfaktorisch bieten Esrom und Havarti die größten Chancen, wahrgenommen zu werden.
Und darum geht es doch überhaupt in der Mode: Nicht gut aussehen, sondern auffallen.

Wenn es mal zu bunt wird

Unsere Wahrnehmung ist immer themenorientiert:
Wenn wir Hunger haben, suchen wir ein Bild nach einem Butterbrot ab oder fahnden nach einer anderen Nahrungsquelle, so, wie wir es als Säuglinge gelernt haben.
Ist uns so trüb und sieht die Welt schwarzweiß aus, lechzen wir nach Farbe.
Wenn wir wieder Lust auf geometrische Figuren haben, dann fällt uns an einer Dame ohne Oberkörperbekleidung vielleicht ein rechter Winkel auf, der aus der Frau wächst und sich zum Himmel emporreckt.
Ist die eine Gesichtshälfte der Person rot, dann vermuten wir, wenn wir unseren selbstgerechten Tag haben, einen schlagenden Ehemann und absolvieren schnell ein paar Klimmzüge, um uns zu stählen. Der Ehemann könnte uns begegnen und wir wollen natürlich der Stärkere sein und dem Ungeheuer ein paar verpassen.
Wenn uns nach Leerstellen ist, weil sowieso alles viel zu voll ist, dann achten wir auf die Lücken in unserem Gegenüber. Wo ist ein Loch, eine Kerbe, ein Fenster, das blass und unbedeutend herumsitzt, -steht oder -liegt?
Dass aber letztlich die Gesamtperson das Wichtige und Entscheidende ist, erkennen wir, wenn der Mensch vor uns verschwunden ist, wahrscheinlich mit einer schnippischen Geste.
Der Rat bleibt: Männer, nicht auf Ziegen starren! Wir sind hier ja nicht im NSA-Trainingscamp!

Gedichte mit Gebäudeteilen drin: Garagendach

Georg Krakl - Mein Garagendach (2014)
Mein Garagendach
ist flach
und wenn es regnet,
steht das Wasser drauf,
als sei es durch den  Himmel selbst gesegnet.
Darum nehm' ich diesen Mangel gern in Kauf.

Denn gesegnete Garagendächer
werden niemals flächer, niemals schwächer.

Ja, man sagt ja gern: Der Regen,
der bringt Segen
auch den Teilen an Gebäuden.
Einen Segen soll man nicht vergeuden.

Darum bleibt das Dach
weiter flach,
dass der Segen, wenn es gießt,
nicht am Rande runterfließt.








Günter Krass: Paul


Paul auf dem weißen Gaul übers Stoppelfeld. Nichts wie weg von hier!
Dahinter die Mutter auf zähem Esel. Das muss Vater sein, denkt Paul.
Wenn ich Sporen hätte, gäbe ich die jetzt, weißer Gaul!, denkt Paul das Pferd an.
Das Pferd rennt, was das Zeug hält. Zaumzeug fehlt, man galoppiert einfach so; Paul klemmt die Beine zusammen, die Aduktoren brennen bereits.
Die Mutter ruft das Übliche hinterher:
Kämm dir die Haare, Paul!
In der Hose gehst du nicht ins Dorf!
Hast du saubere Fingernägel?
Was ist mit der Unterwäsche? Falls du ins Krankenhaus kommst.
Es ist zum Krankwerden, denkt Paul.
Dem Gaul hängt die Zunge raus. Aber er hält durch, weiß, dass es um alles geht.
Oder um nichts, denkt der Esel, der zäh bleibt, die Mutter erträgt, die zetert und keift.
Der Hals, hast du dir den Hals gewaschen?
Was sollen die Leute denken?
Was sollen die Leute denken?
Welche Leute?, denkt Paul, das hier ist ein Stoppelfeld, da sind keine Leute.
Falls Leute vorbeikommen, ruft die Mutter.
Da stürzt der Gaul und ist tot.
Blödes Pferd, denkt Paul.
Blöder Reiter, denkt der Gaul im Pferdehimmel.
Der zähe Esel trottet mit seiner Bürde heran.
Geschwindigkeit ist nicht alles, schnaubt er.
Ich hab’s dir doch gesagt, sagt die Mutter.
Was?, fragt Paul.
Vorhin, antwortet die Mutter.
Das Pferd im Himmel denkt: Gut, dass alles ein Ende hat. Sogar die Wurst.
Das Pferd kommt in die Wurst, sagt die Mutter und Paul wischt sich den Staub von der Hose.
Wo ist das nächste Krankenhaus, wo er seine Socken vorzeigen kann, oder die Unterhose? Alles frisch. Fingernägel blitzsauber.
Der Esel kaut lässig auf ein paar Grashalmen herum.

Günter Krass: Knie auf dem Sofa


Sie hat das Knie auf dem Sofa und schaut das gestreckte Bein hinab bis an die Ferse. Elegant, denkt sie, und tippt mit dem Mittelfinger der rechten Hand leicht auf den rechten Oberschenkel. Ihr Haar hängt herab und scheint nach Frühling zu duften.

Nur das Sofa ist unpässlich. Es zetert los:

1.Mit dem Knie sich aufzustützen ist für ein Sofa nicht bequem.
2.Es gibt Falten im Überwurf, denn das Knie verteilt die einwirkende Kraft nicht gleichmäßig sondern punktuell. Das ist auch schlecht für den Federkern.
3.Man sollte sich nicht selbst bewundern, das gibt Ärger, weiß ja jedes Kind, nur dieses zu groß gewordene wohl nicht. Wenn bewundern, dann das Sofa, das hier seit Jahrzehnten rumsteht und seine Dienste anbietet. Ohne zu murren.
Da wäre ein "Oh, was für ein schönes Sofa!" vielleicht nicht unangebracht.
4.Wer lange Haare hat, verliert schon mal ein paar, die dann auf dem Sofa landen und das Arrangement ungepflegt wirken lassen. 

Also, weg mit dem Knie! Ab in die Ecke, das steht ein Sessel. Der sieht nicht mehr gut aus, da kommt es auf ein paar Haare und die ein oder andere Druckstelle nicht an.
Und überhaupt. Das Sofa ist eine Ottomane. Das klingt vornehm. 
Jedenfalls sind Sofas auch nur Wohnmöbel, und denen gebührt ein gewisser Respekt.

Sie steht jetzt auf, als habe sie die feine Botschaft geahnt.
Hässliches Sofa, denkt sie. Und erst der Überwurf. So knittrig. So voller langer Haare, und dort, ein kurzes krauses! Da setz ich mich nicht hin.
Holla, dahinten steht ja ein schicker Sessel; na, der sieht aus, als wenn er hart im Nehmen ist, und doch bequem. Da will ich mich hinsetzen.

Das Sofa fällt in eine tiefe Depression nach dem Motto: 
Niemand mag mich. Ich wäre so gern besessen.
Und es stellt sich die Frage: Stehe ich, weil ich Beine habe, oder liege ich, weil meine Längsachse parallel zum Boden verläuft?

Es gibt nichts Schlimmeres als denkende Sofas. Furzende Sessel vielleicht.

Moppel, Pit und Peti schreiben Geschichte

Wie schreibt man Geschichte?
Moppel: Wie schreibt man eigentlich Geschichte?
Pit: Ich glaube groß....
Peti: Mit t auf jeden Fall.
Pit: Und mit Doppel-Ch.
Moppel: Wie spricht man das denn aus?
Peti: Geschichte. So, wie man's schreibt.
Moppel: Aha.
Pit: Noch Fragen?
Moppel: Erst mal nicht.

Georg Krakl: Weltmeisterschaft 2014

Wenn die Dribbler antizipieren
und doch die Bälle oft im Nichts krepieren:
Baller!Baller!,
sag ich: zielt genau und schießet wohl,
denn das Ziel da ist das Goal
der gegnerischen Schusspartei!
Das eigene zu treffen: Da ist nichts dabei!
Der Ball gehört ans Ziel!
So gewinnt man jedes Spiel.

Georg Krakl: Aus dem Zyklus "Kaputte Fische" (2014)

Theo von Doeskopp: Kaputter Fsch (2014)
Der Barsch
ist am Marsch
durch die Institutionen
-die in der Regel in großen Verwaltungsgebäuden wohnen-
zerbrochen.
Genau wie der Rochen.


Der Schellfisch
ist zerschellt.
In die Tiefe gesackt
und verschollen.
Abgekackt.

Der Hai
ist entzwei.

Der Barsch
ist im Arsch.

Butt.
Kaputt.



Alltagsironie: Selten blöd

Du bist wirklich selten blöd!, schrie Myrthe ihm hinterher.
Besser als immer doof, raunte er zurück.

Peter-Pan-Syndrom: Lebenshilfe im Gartenhäuschen


Für Erfahrungen im Grenzbereich, deren Bearbeitung den vorübergehenden oder längeren Aufenthalt in Schrebergartenhäuschen, Baumhütten, Schuppen, Atombunkern, Hundehütten oder Einmannzelten erfordert.

1.Situation 1: Die Luft ist dick. Es hat gekracht, nein, ein Schwelbrand hat die Atmosphäre verdorben. Alle schauen stumpf in eine Ecke. Niemand sagt  ein Wort. Alles befindet sich praktisch auf Messers Schneide. Dicke Luft.

Den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben ist die eine Sache; die andere wäre, die Sache auf die Spitze zu treiben, um eine explosive Entladung zu provozieren, welche die Luft reinigt.Gefahr.
Achtung: Besser Rückzug ins Wochenend- oder Gartengeräteaufbewahrungshäuschen und eine angesteckt! Inhalieren und ausatmen. Die dicke Luft förmlich nachbilden, um sie anschließend zu überwinden. Ruhe. Nicht ein Spaten wackelt. Die Schubkarre wagt nicht zu quietschen. Der Vertikutierer schweigt.

2.Situation 2: Die Luft ist immer noch dick. Es ist zum Schwindligwerden. Die dämlichsten Antworten seit Bestehen der Wohngemeinschaft, und wo sind die hundert dummen Fragen dazu? Schwindel und Schwindeleien. Wie von der Schindel getroffen. Wanken. Alles dreht sich. Achtung: Rückzug ins Spatenhäuschen, ein freundliches Wort zur Schubkarre und dann den Korkenzieher angesetzt!
Ein, zwei Gläschen guten Roten inkubiert (oder so)und alles Schwindlige hat Ursache und Sinn. Lecker. Gläschen Nummer drei beschleunigt die Katharsis. Die Inkubation schreitet fort. Die Wohngemeinschft fragt: Was der wieder ausbrütet?

3.Situation: Es ist viel gesagt worden. Jeder denkt: Es ist alles gesagt worden.  Wörter und Worte schwirren im Kopf herum. Innerer Monolog. Es ist zum Heulen. Es ist zum Hinschmeißen: Alles oder sich selbst! Quatschköpfe und Quasselstrippen, Labertaschen und Tratschtanten. Stille, Stille, wo bist du? Geschnatter, Gequake, Gegacker. Widerlich. Achtung: Verstärken, potenzieren und schließlich mehrfach ableiten.
Hinsetzen! Heulen! Ganz ruhig! Ein gutes Buch lesen. Da sind viele Wörter drin. Der Kopf wird frei. Das Buch denkt für mich. Bevorzugt Bücher lesen, deren Titel die Wörter „sitzen“ und „weinen“ beinhalten. Alles ist im Fluss. Gut sind Titel, die auch das Wort „Fluss“ anbieten. Um wen geht’s denn hier überhaupt? Um mich!!!! Um mich! Also, Tipp: Der Titel sollte auch das Wort „ich“ enthalten. Leider gibt es nicht sehr viele Bücher, die das erfüllen.

4.Situation: Alles kommt zusammen. Das sind die Tage, wo jeder gern nach Australien oder Irland auswanderte. Aber: Da ist auch nichts besser. Wer kann schon vor sich selber wegrennen? Und Irland ist viel zu nah. Grönland. Grönland ist an der Grenze, das ginge gerade so. Besser ist( und billiger bzw. risikofreier): Gartenhäuschen mit Zigarren, Rotwein und einem guten Buch!

Wohl dem, der ein Gartenhäuschen besitzt, in dem sich Spaten, Schubkarre und Vertikutierer "Gute Nacht" sagen!

Unheimliche Begegnung mit der Waldfee


Hallo Waldfee mit deinem roten Schleier, der deinen Leib umspielt!
Hallo Mensch!
Hallo, Waldfee mit deinem roten Schleier, der deinen Leib umspielt, warum trägst du sonst nichts auf dem Körper?
Hallo Mensch, es muss wohl so sein.
Hallo Waldfee mit dem roten Schleier und sonst nichts auf dem Leib, warum rauchst du denn neuerdings, das hast du doch früher nicht getan?
Hallo Mensch, es hat alles seine Zeit.
Hallo rauchende Waldfee, die hier fast nackt im Wald rumsteht, was willst du von mir?
Hallo Mensch, das musst du dich fragen.
Hallo Waldfee, die da raucht und einen roten Schleier trägt, der ihren Körper nicht verdeckt, das frage ich doch. Warst du vielleicht beim Friseur? Die Frisur ist mir neu und umschmeichelt deine bloßen Schultern?Hast du das für mich getan?
Hallo Mensch, stelle nie zwei Fragen zum Scherz, denn das gibt nur Schmerz.
Hallo Waldfee, die du hier so bloß und nackig, nur mit einem Schleier bedeckt, welcher rot und transparent ist, auf einem Felsen stehst, wie ist dein Name?
Hallo Mensch, ein Name ist immer Schall und Rauch und manchmal Legion.
Hallo Waldfee, sag einfach mal wie du heißt!
Hallo Mensch, das ist eine Frage, die ich verstehe.
Hallo Waldfee, das war keine Frage. Aber egal. Wie heißt du?
Hallo Mensch, mein Name ist Iris.
Ach, Iris, die aus dem Auge?
Hallo Mensch, die aus dem Auge.
Ach, Iris,Iris. Jetzt weiß ich Bescheid.
Hallo Mensch, dann kann ich ja gehen.
Ja, klar, Iris aus dem Auge! Man sagt doch, aus dem Auge, aus dem Sinn.
Hallo Mensch, dann mach's gut.
Ja,Iris, dann Tschüss! 

Tonnes Tagebuch: Männer auf dem Platz

Liebes Tagebuch!
Gestern schaute ich aus dem Fenster, gegen Viertel vor elf, und blickte, da ich aushäusig war, auf eine Anlage mit 8 Plätzen, von denen einer durch drei weißhaarige, eher übergewichtige Männer und einen Glatzköpfigen mit weißem Schnauzbart belegt war. Eigentlich bestanden war.
Ein kleiner gelber Ball kullerte hin und her und die vier Männer wischten mit einer Art Tennisschläger durch die Luft, möglicherweise war das die Ursache für die Bewegung der kleinen gelben Bälle.
Liebes Tagebuch, ich will dir eigentlich nicht schreiben, dass es sich wirklich um Tennisschläger und Tennisplätze handelte, denn Tennis ist doch ein Bewegungssport.
Was machen vier Männer mit zu viel Speck zu bester Arbeitszeit in Deutschland, dann, wenn sogar die Arbeitslosen Schlange vor dem ARGE-Büro stehen, wenn die Hausfrauen durchsaugen und die Kinder sich in Kindergarten und Schule soziale Kompetenzen erwerben lassen müssen?
Es wirkte lustlos, wie die Männer ihre Körper über den roten Kunststoff schleppten, wie sie an ihren weißen Höschen zupften, weil die am Gürtel spannten, wie sie ihre Frisur mit gespreizten Finger richteten oder mit der flachen Hand den Schweiß von der Glatze wischten.
Ich empfand es als Affront gegen die Arbeitenden, denn ich selbst musste arbeiten.
Wie kann man sich öffentlich einem scheinbar für diese Männer unerquicklichen Vergnügen hingeben, wenn andere arbeiten?
Irgendwer arbeitet doch immer, sogar nachts, hätte ich früher gesagt.
Tennis ist längst ein Volkssport und kann niemanden mehr beeindrucken.
Was aber sollte die Aktion, wenn sie 1. nichts Besonders war und 2.nicht mal Spaß machte?
Ich konnte mich nicht der Erkenntnis erwehren, dass ihr Ziel die Demütigung derer war, die diesen Luxus finanzierten.

Im Gedanken empfahl ich Golf zu spielen, weil der nächste Platz 30 km entfernt lag und noch weniger Bewegung verlangte, als das hier Gebotene.
Oder Polo. Dann wäre mit den Herren der dazugehörige Anblick verschwunden.

Nichtdenken

Tipp des Meditationstrainers:
Denk dran, nichts zu denken!

Rätsel der Woche: Fische oder nicht?

Was kann das sein?, fragt sich der Rätselfreund und rätselt vor sich hin.
Auch in der Rätsel-Community ist Schweigen und Stirnrunzeln angesagt.
Manch einer will erkennen, dass es sich um eine von Oberkörperbekleidung befreite Dame handeln könnte, die sich zurücklehnt.
Das muss aber falsch sein.
Im unteren Bereich erkennt man einen Fisch, der gerade versucht, das Weite zu suchen. Gleich vor dem Tier ein Kampfrochen, der ihm die Luft abdrücken und zur Unterwasser-Pythom mutieren will. Wahrscheinlich das Ergebnis eines Castings von RTL oder so.
Ein Saugnapf aus dem Küchenbereich, an dem man Küchentücher aufhängen kann, nähert sich, weil es gerade im Unterwasserbereich immer wichtiger wird, auch mal was abzutrocknen. Denn der Fisch ist nass, es sei denn der Schwede oder Norweger trocknet ihn.

Georg Krakl: Paradox (2014)

Der Heilbutt
ist kaputt.

Krakl spart mit Worten, das weiß man mittlerweile. Das hat natürlich System, das hat auch Grund:
Lakonisch beschreibt der Dichter, dass ein Fisch, der Heilbutt, eben kaputt sei. Nicht irgendein Fisch, sondern der Heilbutt, als Symbol der bedrohten Fischwelt, als Heiler unter den Fischen, als der, der anzeigt, wenn die Wasserwelt baden geht. Der Heilbutt, im Sinne des Ganzbuttes, dem nichts fehlt, der ganz und gar vollständig ist, der in Einheit mit der Natur lebt, der sich unbeschadet im heilen Ozean mit kräftigen Schwanzschlägen bewegt, der ist kaputt.
Vielleicht hat Krakl zum Wort kaputt aus Reimgründen gegriffen; ein anderes wäre auch nicht möglich, denn es drückt lapidar und und unpathetisch aus, was wir alle längst wissen.
Die Lebenswelt unseres Fischfutters ist bedroht, sie ist beschädigt. Der Butt kann nur noch Butt sein, nicht aber Heilbutt, denn das lässt sich nicht so einfach reparieren, was da entzwei gegangen ist.
Krakl hätte auch schreiben können:

Der Hai
ist entzwei.

oder

Der Barsch
ist im Arsch.

Alles nichts gegen die obigen Zeilen. Das eine zu nett, zu geziert, zu prätentiös.
Das andere platt und herb, was jeden Lyrikfreund vor den Kopf stößt.
Der kaputte Heilbutt, das ist paradox und zeigt in seiner Widersprüchlichkeit, wo wir gelandet sind.
Der Hering ist vom Massennahrungsmittel zur Delikatesse verkommen, den Matjes gibt es nur noch im VIP-Zelt und man schlotzt ihn in den Verdauungstrakt wie ehemals den teuren Beluga-Kaviar.
Krakl zeigt in seinem Zweizeiler, dass man mehr nicht braucht, um die Menschen aufzuwühlen und sie misstrauisch gegenüber jeder Fischfrikadelle und ihrer Produzenten werden zu lassen.
Die Welt kracht aus den Fugen.
Der Heilbutt
ist kaputt.
Und der Heilbutt steht für alles, was heil war.
Der Butt ist Schutt.
Das ist die nächste Stufe; und vor der sollten wir uns hüten.

Drinnen oder draußen

Drinnen oder draußen?, dachte Ben, als er die Sonne betrachtete.
Ich sitz hier in meiner Küche, die vielleicht die Welt bedeutet, die vielleicht die Welt ist, denn es ist eine Alno-Küche, eine teure Küche, die sich nicht jeder leisten kann, und deren technische Hilfsmittel, wie etwa der Kühlschrank, vor der Sonne schützen, vor ihrer unerbittlichen Wärme, die Eis schmilzen lässt, die den Schimmel auf den Käse und die Brotscheiben bringt, wenn sie sich mit Wasser verbindet.
Ausgesperrt oder eingesperrt? Ben blickte durch das Gitter und wartete auf die Antwort.
Das Größere ist immer draußen, hatte einmal ein weiser Mann gesagt, an den sich Ben nicht erinnern konnte.
Die Küche war größer als die Schublade, dann war die Küche draußen und die Schublade drinnen.
Wenn man nicht raus kann, ist man drin.Auch so ein weiser Spruch.
Die Sonne konnte definitiv nicht raus, nicht raus aus ihrer Umlaufbahn. Oder war es die Erde? Jedenfalls konnte sie nicht in die Küche, also kam sie nicht raus, weil sie nicht rein konnte, und damit war sie drinnen. Und Ben in seiner Küche draußen.
Schade, dachte Ben, dass ich niemanden habe, dem ich das erzählen kann.
Komm doch mal raus aus deiner Butze, hatte irgendwer, an den sich Ben nicht mehr erinnern konnte, gesagt. Wenn der Recht hatte, dann war er drin.
Drin sein, dabei sein, in sein, abei sein. Jaja, dachte Ben, alles so ein Durcheinander. Wer sollte sich da noch auskennen?
Die Sonne definitiv nicht, das stand schon mal fest.
Ben drehte den Kühlschrank 2 Einheiten höher. Kühlen muss der Kühlschrank, murmelte er und ließ die Rollläden runter, damit die Sonne nicht rausgucken konnte. Denn die war drin.
Und immerhin war es ja Bens Küche.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Der Clown

Es gibt ihn in jedem Bekanntenkreis, in jedem Verein und unter den Arbeitskollegen: Den Clown. Wo es ihn nicht gibt, fehlt er einfach. Er macht die Witze, wir lachen darüber. Wir lachen auch, wenn wir die Witze platt finden, weil wir dazugehören wollen. Wir wollen Teil einer Gemeinde sein, die ihre Gemeinsamkeit im gemeinsamen Lachen über den Clown findet, weil sie sonst nichts hat, und die die lauten Töne bevorzugt, weil sie so deutlich sind, so erkennbar, so durchhörbar, deshalb so verständlich. Der Clown ist ein Einzelkind oder das Kind, das ein Junge werden sollte, obwohl es ein Mädchen ist. Er hat schon auf Geburtstagen der Erwachsenen seine Aufführungen gehabt, alle haben geklatscht, weil der kleine Mensch schon so lustige Sachen machen konnte. Das ist so geblieben. Obwohl der Clown schon groß ist, profitiert er immer noch vom Kindsein, greift zurück auf die alten Mechanismen. Das schräge Lachen der Gemeinde entlohnt ihn. Er ist glücklich in diesem Moment. Er glaubt sich selber als Teil dieser Menschengruppe, als dazugehörig, obwohl sie nicht mit, sondern nurüber ihn lachen, weil sei selbstgefällig denken: Gut, dass ich nicht so bin. Dabei steckt hinter der Maske die graue Einsamkeit, die Leere, der Misserfolg, Fuß zu fassen, seine Mitte zu finden, mit dem zufrieden zu sein, was ihm gegeben ist. Er rennt von Mensch zu Mensch, sucht seine Anerkennung, seine Aufgehobenheit, sein Angenommensein, und findet nichts. Der Clown ändert nicht sich, er tauscht die Menschen aus, mit denen er zusammen ist, denn sie erfüllen nicht seine Sehnsüchte; sie sind schuld an der Misere, sind Ursache für die Verdorbenheit der Welt, für die Mauern, die uns umgeben, die ihn nicht heranlassen an ihr Innerstes, weil sie ihn schon kennen. Sie haben schon erfahren, was es heißt, benutzt zu werden, ein Instrument gewesen zu sein, ein Mittel, aber auf keinen Fall ein Mensch. So macht der Clown weiter seine Scherze, immer auf der Suche nach neuen Menschen, die die Tragik seiner Komik noch nicht erkannt haben, die er noch nicht vertrieben hat. Und das ist kein Scherz, das ist nicht lustig, nicht zum Lachen. Das ist zum Heulen.

Weisheit süddeutscher Zeltfeste: Schunkeln

Mit Furunkeln
am Hintern ist schlecht Schunkeln.

"stream-of-consciousness-technique": Formulare ausfüllen

Karl sitzt am Küchentisch, ein Formular vor sich. Ja, gut, den Name angeben, das kann wohl jeder, sonst wüssten die gar, nicht , wer ich wäre, da hört der Spaß aber auf, von wegen Spaß mit langen a, das ist Spass mit Doppel-s, dann die Straße, Geburtsort, wer will das wissen, wenn da so ein weinseliger Vorstadtbeamter, Häuschen im Grünen versteht sich, zwei Kinder und eine Frau die Yogakurse besucht, weil sie den alten Wackelkopf nicht mehr aushält, wenn der abends nach Hause kommt, seinen Schlips zurechtrückt, die Hausschuhe paratgestellt und die Flasche Bier geleert, im Sessel sein Nickerchen macht, weil es im Büro heute so unruhig war, Publikumsverkehr, eine Person war da und die hatte sich noch verlaufen, was soll aus Deutschland werden, wenn sich degenerierte Sesselfurzer um die Belange der Bürger kümmern, über deren Anträgen Butterbrote verzehren und Kaffee trinken, den möchte ich sehen , der mir einen Kaffeefleck auf mein Formular trinkt, dem müsste man mit der bloßen Hand, Geburtsdatum, warum ist das wichtig, wenn es um eine belanglose, ich seh es vor mir, wie diese hirnlosen Staatsdiener sich vor Lachen die feisten Bäuche halten, weil sie sich köstlich amüsieren, dass ein rechtschaffener Bürger wirklich glaubt, sein Anliegen, in Form eines Formulars der Behörde vorgetragen, in den nächsten zehn Jahren bearbeitet werden würde. Ich glaube, ich sauge erst mal Staub oder räume die Spülmaschine aus.Karl steht auf und saugt Staub.

Günter Krass: Erinnerungen - Über den Wolken

Damals dachte ich noch, dass über den Wolken die Freiheit reisengroß sei. Ich war gestürzt und hatte mir die Haut unter der Nase aufgeschürft. Ich lag auf dem Rasen und starrte selbstbemitleidet in den Himmel. Wind Nord-Ost kam es mir in den Sinn, als ich die Luftbewegung am linken Ohr bemerkte. Jetzt auf einer Startbahn stehen, vielleicht Startbahn o4, was auch immer das bedeuten mochte, ein leises Motorengeräusch war zu hören, wohl Onkel Rudi, de ferne seinen Rasen mähte, oder mit der Motorsense seinen Graben ausmäht, nein, halt, das war ein schärferes Geräusch, bis hier hörte ich die Motoren, denn irgendwo da draußen musste ein Zweiter seinen Rasen mähen, so war das immer, wenn einer angefangen hatte, war schnell ein Weiterer dabei, jetzt dröhnte es in meinen Ohren, sie hatten ihre Gashebel bis zum Anschlag aufgezogen, dann der Regen, ich hatte ihn gar nicht bemerkt, der Asphalt nass, dachte ich beim Aufstehen, und - wie ein Schleier staubte der Regen. Der Asphalt bebte, als Günni in seinem Ford Capri an mir vorbeizog, wie ein Pfeil eben. Ich beschloss an diesem Nachmittag, Gitarre zu lernen und irgendwann als Liedermacher Karriere zu machen, wenigstens als Schlagersänger. Die Wunde unter der Nase war auch schon fast zugeheilt.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Sei wie der Wassertropfen

Ich habe Rücken, heißt es immer wieder, wenn Menschen auf ihre Unbeweglichkeit angesprochen werden. Der Sichfürweisehaltende, der hinter den Worten sucht, und das Okkulte, das Unentdeckte finden will, bietet gleich Erklärungen an: Der hat kein Rückgrad, die ist halsstarrig, starrsinnig, unbeweglich, unflexibel, verstopft und ein Geizkragen. Alles versteckt im Satz: Ich habe Rücken.
Wir sollten ablassen von Negativem, sollten uns dem Positiven hinwenden, sollten alte Gewohnheiten ablegen und Neues zulassen, damit das Alte ersetzt wird. Das biege ich schon hin, spricht der Rückengeplagte in seinem Alltagsstarrsinn, und glaubt, durch Biegen und Brechen die Probleme zu lösen, die ihm das Leben entgegenstellt. Gefehlt! Biegen und Brechen sind nur Ausdruck und Verlängerung seines Leidens, das die Unentwickeltheit seines Bewusstsein, seines Seins allgemein, widerspiegelt. Sei wie der Tropfen auf dem grünen Blatte, kann der Rat sein, der sein Leben in andere Bahnen lenkt. Sich den Gegebenheiten des Lebens anpassen, nicht starr herumsitzen, nicht durch die Gegend hinken, sondern sich anschmiegen, in die Ritzen und geheimsten Orte des Lebens kriechen, den Makrokosmos entdecken, das Hohle ausfüllen, die Leere in Fülle verwandeln. Der Wassertropfen macht es uns vor. Klein und unbedeutend erscheint er uns, und doch ist er Teil des großen Ozeans, aus dem wir alle stammen, und in dem wir zurückkehren werden. Mit meinem Rücken geht das nicht, ist die Ausrede, die schnell zu Hand ist. Vertane Zeit, wenn du auch nur einen Moment zögerst, den Rat zu befolgen. Aus dem Stand heraus wie der Wassertrofen sein, ohne Anlauf, ohne Vorlauf, ohne ein Morgenfangichan. Sieger sein über unsere Schwächen, denn wer sich selbst bezwingt, ist der Held! Wer wollte denn nicht immer der Held sein? Niemand. In diesem Sinne: Tropfen sein.