Bei Amazon nichts bestellen

Eigentlich wollte ich nur einen leeren Karton, damit mein Geschäftspartner sein Xylophon daraufstellen kann, wenn wir die Weihnachtslieder für die Betriebsfeier üben.
Ich hatte mit überlegt, dass man am günstigsten an einen leern Karton kommen kann, wenn man bei Amazon "nichts" bestellt, sodass "nichts" ausgeliefert wird, natürlich in einem Karton.
Sicherheitshalber hatte ich noch mal "nichts" in die Suchmaske gegeben, um nichts falsch zu machen, schließlich steht Weihnachten vor der Tür und die Lieder haben so ihre Tücken.
646840 Ergebnisse gab es unter diesem Begriff.
Ich war enttäuscht, denn ich hatte eine andere Vorstellung von "nichts". Das mit dem leeren und vor allem kostenfreien Karton hatte sich wohl erledigt und mein Geschäftspartner würde nach wie vor auf dem Boden sein Xylophon  spielen müssen, was natürlich den Rücken und den Magendarmtrakt schädigt, wenn er das von einem Hocker aus macht.
Immerhin: Wer Weihnachten nichts schenken will, sollte mal bei Amazon stöbern. Weit über eine halbe Million Möglichkeiten, da wird doch wohl was dabei sein.

Georg Krakl - Gespenster (2016)

Gelangweilte Gespenster
Gucken traurig aus dem Fenster.

Schluckt doch Kleister!
Das empfehlen gute Geister.
Leckt mit Zungen
Jede Wand!
Klebt Tapeten mit der Hand!
Das wär doch gelungen!
Taucht in grelle Farben eure Schwänze,
Pinselt alle Wände farbenfroh zur Gänze!

Haben doch nur lange weiße Kleider,
Sagen die Gespenster,
Keine Zungen, keine Hände, keine Schwänze, leider.
Gucken traurig aus dem Fenster.

Und die Geister?
Schlucken Kleister,
Lecken Wände,
Nutzen Hände,
Tunken Schwänze,
Pinseln farbenfroh und tanzen Tänze.

Geister können sich so schön begeistern.
Nur Gespenster scheitern schon beim Kleistern.



Herbstanfang im Nudistencamp

Vorbei die warmen Tage, vorbei die Tage, an denen man seinen nackten Körper stolz durch die Gegend zeigen konnte.
Die nasskalten Tage haben begonnen, die Tage von Sturm und erstem Bodenfrost.
Wie jedes Jar beginnt im Nudistencamp das große Rätselraten:Welche Körperteile bedecke ich, damit ich immer noch ein Nudist bin, und als solcher auch zu erkennen, nämlich durch das Bloßlegen der sonst unter Badehose und Badeanzug versteckten Gebiete? Schließlich will man nicht krank werden, denn wäre Schluss mit Beisechsgradgeschlechtsteileherumzeigen.
Ohne Mütze herumzulaufen bringt nichts, ebensowenig wie mit freiem Oberkörper, oder mit tiefem Dekolleté bei denen Damen, das machen doch alle, die Damen besonders auf den Oktoberfesten.
Letztlich bleibt nur: Hose aus und primäre Teile zeigen. Das macht sonst keiner. Da weiß jeder, dass hier ein FKKler bei der Stange bleibt. Auch wenn die Metapher nicht gelungen ist, denn die kalten Temperauren fördern eher eine gewisse Schrumpeligkeit und Bläulichkeit bei den Besitzern und entfernen diese von der vorherrschenden Geissenästhetik, dass alles glatt, tiefgebräunt und aufgespritzt sein muss, weil das von Luxus und Entspanntheit zeugt.
Das Fähnlein der sieben Aufrechten - auch das eine fehlplatzierte Metapher - trotzt dem Wetter für ihre Gesinnung: Dass Nacktherumrennen schön ist, dass es nicht um das Herzeigen geht, auch nicht um das Hinguckenkönnen, sondern um Natürlichkeit, um das Sein als Neugeborenes, um die Freiheit des Nativen. Besonders im Herbst lässt sich der auch körperlich vorpubertäre Zustand, fernab jeder Regung, simulieren. Und das ist schön. Wo, wenn nicht im Nudistencamp, hat man die Möglichkeit, in Gummistiefeln und Regenjacke und ohne Hose im Minimarkt des Camps vor der Fleischtheke zu stehen? Deshalb: Der Herbst bringt den Nudisten ans Licht. Alle anderen sind nur Nackte.

Bodos Welt-Brüderle-Tag

Angela B.Merkel steht es noch ins Gesicht geschrieben: FDPler Rainer Brüderle machte selbst vor angegrauten Damen mit herabhängenden Gesichtspartien mit seinen Anzüglichkeiten nicht halt. In die Dekolletés der Damen schielend, ließ er sich von dreisten Bemerkungen nicht abhalten.
Na, wieder das Unterhemd vergessen, Mutti?, raunte der sexistische Quasselkaspar bei einem öffentlichen Auftritte in Bayreuth der Kulturbeflissenen zu, und ergänzte: Hauptsache, die Bratschen verspielen sich nicht bei so viel Fleisch. Das sind doch alles Gemüsefresser, weil die immer so langweilige Sachen spielen müssen.
Welcher Zusammenhang zwischen einer  Wagneroper, Bratschen und Vegetariern besteht, bleibt unbekannt. Dem Politiker war wohl sein Motto wichtig: Bevor man gar nichts sagt, sagt man lieber was.
Heute, nach dem verdienten Ausscheiden aus dem Bundestag 2013, arbeitet Brüderle als selbständiger Berater. Selbständig, wohl weil ihn niemand anstellen mochte.
Merkel übt sich an der Idendifikation mit dem Aggressor, um erlittene Traumata zu überwinden. Mit Blick in die Bluse bzw. ins Dreiknopfkostüm murmelt sie, eine Brüderle-Gesichtsmaske tragend: Wir schaffen das.

Georg Krakl - Bad Oeynhausen

In einem soliden
Boliden
Auf Autobahn dreißig
Das Gaspedal tretend, da weiß ich:
Bad Oeynhausen
Lässt sich glatt schön sausen.

Gelobt sei das Automobil,
Es tut für die unschönen Städte so viel.

Metapher der Woche: Schmelztiegel

Jeder kann Politiker werden, das ist im Grundgesetz verbürgt, eine besondere sprachliche Qualifikation ist nicht gefordert. Vielleicht die, dem Volke nach dem Maul zu reden, oder Sachverhalte in einem Wortgewirr zu verstecken, damit deren Gehalt dem maulenden Volk nicht sofort klar wird.
Im politischen Tun bemüht man häufig Metaphern - bildhafte Ausdrücke - um das Verwirrende anschaulicher zu machen, was eigentlich ein Widerspruch ist.
Was aber ist ein Schmelztiegel voller Vielfältigkeit, der immer noch weiter zusammenwachsen muss? Das Weserstadt-Anzeiger zitiert in einer Oktoberausgabe die christlich-demokratische Landtagsabgeordnete.
Ein Schmelztiegel ist gemeinhin bekannt als ein Gefäß, in dem man durch Erhitzen Substanzen zum Schmelzen bringt, sie also in flüssigen Zustand bringt. Das geht nur, wenn der Tiegel von vornherein ganz ist, also nicht aus zwei oder drei Teilen besteht, da sonst das Schmelzgut herausrieseln oder -fließen würde. In dem Tiegel befindet sich die Vielfältigkeit, die als Oberbegriff ja erst mal ein Ganzes ist, das man nicht zusammenschmelzen kann, denn mehr als ein Ganzes kann man nicht erhalten. Möglich, dass eine Menge unterschiedlicher Substanzen gemeint ist, die sich in dem Tiegel befindet, die man durch Hitze zum Schmelzen und damit zum Einswerden zwingt. Das würde zwingend auch die Vielfäligkeit zerstören.
Allerdings soll wohl laut Abgeordneter als Voraussetzung für diesen nicht ganz nachvollziehbaren Vorgang der Schmelztiegel erstmal zusammenwachsen. Da der Tiegel aber  ein eher "toter" Gegenstand ist, bleibt ihm diese Fähigkeit des Zusammenwachsens verwehrt. Wem nützt es, wenn die Vielfältigkeit, da eingeschmolzen, verschwindet, der Tiegel, in dem sie sich befindet, zusammenwächst, obwohl er das gar nicht kann?
Vielleicht war aber auch etwas ganz anderes gemeint. Nur was? Und damit bleibt der Bürger mal wieder allein und schürt sein Feuerchen der Vorurteile, wenn ihm das nicht wieder eine missratene Metapher auspinkelt. Genau. Darunter kann ich mir was vorstellen! Eine Metapher pinkelt ein Feuer aus! Das dampft. Das zischt. Das stinkt.

Vincent van Eijnoor - Mein Hund, der hat drei Ecken (2015)

van Eijnoor: Mein Hund, der hat drei Ecken (2015)

Jasager

Frager: Kannst du eigentlich mal was anderes als JA sagen?
Jasager: Nein.

Georg Krakl - Der Hammer

Mit dem Hammer auf die Schnelle
haut man eine schöne Delle
in den Tisch, die Wand, den PKW.
In den Kopf. Und das tut weh.

Doch der Hammer ist nicht schuld,
der liegt im Regal, der hat Geduld,
kann warten ohne Murren,
und bleibt ruhig, muss nicht knurren
oder bellen.
Einzwei Schellen
hätten auch gereicht
für den eingedrückten Kopf, der dröhnt.
In den Tisch und auf die Wand
mit der flachen Hand
gedrückt, da wird nicht gestöhnt.
Und ein Messer in des Wagens dicke Reifen,
die dann pusten, blasen, röcheln,
mit den Knöcheln
auf der Windschutzscheibe schnell den Popel festgedrückt.
Das macht jeden Autofahrer ganz verrückt.

Der Hammer schlummert im Regal,
ihm ist solche Aggressivität egal.


Was ist mit dem Duden los?

Eigentlich wollte ich doch nur wissen, wie man drauf schreibt, wenn es im Zusammenhang mit zugreifen benutzt wird. Also im Sinne von "kann ich mal drauf zugreifen?", oder im Sinne von "kann ich mal darauf zugreifen?".
Man will sich ja verständlich ausdrücken, besonders schriftlich, oder auch die Botschaften anderer genau verstehen, damit es keine Kommunikationsprobleme gibt, die ja bekanntlich das Übel der Welt sind.
Da fragt mich der Duden, der scheinbar ratlos ob des Suchbegriffs ist, allen Ernstes: Oder meinten Sie "draht"?
Hallo, was soll das denn?
Dass mich der Duden - wir kennen uns seit Jahrzehnten - immer noch siezt, ist nicht weiter erwähnenswert. Dass er aber fragt, ob ich "draht" meine, das bestürzt.
Hätte er wenigstens nach Draht gefragt, dann wäre mir die völlige Ausgeblendetheit des Nachschlagewerkes vielleicht entgangen, aber draht kleingeschrieben, was soll das sein?
Ein Adverb wie drauf?
Heute fragte er besonders draht.  Er bekämpfte den Gegner ziemlich draht. Draht läuft ein Hase! Alles völliger Schwachsinn.
Duden, was ist los mit dir?  Ist dir die deutsche Sprache egal geworden oder hat man bei dir ein paar Nullen schwarz ausgemalt und jetzt weißt du nicht weiter?
Draht kommt mir jedenfalls komisch vor.

Georg Krakl - Schäferhund und Suppenhuhn

Ein Schäferhündchen
hatte einst ein Schäferstündchen
mit einem Suppenhuhn.
Da gab’s nicht viel zu tun

Du bist so nackt und weich
und auch so bleich,
ein wenig kalt,
vielleicht schon alt,
kannst keine Eier legen,
musst in die Suppe wohl deswegen.
So sprach der Hund,
dein Mund,
der ist ein Schnabel.
Hab dich zum Fressen gern,
mein Suppenstern.
Ich ess dich ausnahmsweise mit der Gabel.

Günter Krass: Erinnerungen - Rote Welle

Vorbei am Erotikshop mit der Plastikdirne in die Birne; ich sause untendurch, oben quälen sich die Berufstätigen durch das Gewirr der Wege, an Pylonen und Rotweißsignalschildern vorbei, lugen hinter blauen Abdeckplanen hervor und versuchen Schaden von sich fern zu halten, fahren trotzdem viel zu schnell durch diese. „Vater der Birne“ las ich neulich und mir schießt es heiß in den Kopf, mit wem der Vater der Birne dieses Monstrum gezeugt haben mag, welch grausamer Liebesakt hier stattgefunden hat, um dieses Ding hervorzubringen. Da lobe ich mir den Berg, der kreißt und eine Maus gebiert. Kreis Minden-Lübbecke. Die Birne ist kein Kreis. Stopp. Die Gedankenflut bleibt zurück wie hinter gläserner Wand. Rot. Das erste Rot nach der Birne, die ich schadensfrei unterquert habe. Rot. Rote Welle. Heute will ich geschickt sein, will ruhig sein, will nicht fluchen, will dem Verkehrscomputer nicht Prügel androhen. Heute surfe ich auf Grüner Welle. Rot. Es wird Grün. Ich fahre 50, das wird gut sein. 50 ist vorgeschrieben. Rot. Das nächste Rot. Ich knirsche mit den Zähnen ob des gegebenen Versprechens nicht zu fluchen. Versprechen oder Versprecher. Ich fahre 15 Stundenkilometer, was fast gar nicht geht. Hätte ich ein Moped, würde ich umkippen. Rot. Immer noch Rot an der nächsten Ampel. Ich war wohl zu schnell. Ein Fußgänger hätte es geschafft. Vielleicht mit einem Gehgips. Jetzt Grün: Ich sehe auch die nächste Ampel im Grün. Ich trete aufs Gas. 60, 65, 70, 75, ja, das hilft! Es bleibt grün, es ist grün, als ich durch den Ampelbereich rase. Ich hoffe, nicht geblitzt zu werden, ja, Grün, hossa, das läuft, die Stadt mag mich doch! Sie lässt mich rein! Das werde ich gleich der Tanja erzählen. Die mit ihrem „Bei mir ist immer grün!“.



Das Enkelkind steigt zu; es kennt den Weg zur KiTa, gibt Anweisungen, wie ich fahren muss, nein, zurück, hier auf die Brücke, dann die Ringstraße. Rot. Das erste Rot. Ringstraße. Oder ist das noch die Gustav-Heinemannbrücke? Meine Zähne knirschen, ohne dass ich das will. Das Kind sagt: Immer weiter geradeaus. Wenn grün ist, sage ich. Jetzt, sagt das Kind und ich fahre. Das nächste Rot. Ein leiser Fluch zischt aus meinem Inneren hervor. Man flucht nicht, sagt das Kind. Noch weiter gerade aus. Wenn grün ist, sage ich. Grün, sagt das Kind. Grün, sage ich, na, Gottseidank. Immer weiter, sagt das Kind. Das nächste Rot. Das übernächste Rot. Ich murmele mir selbst Unverständliches zu, grunze und quetsche das Lenkrad. Man grunzt nicht, sagt das Kind, wir sind gleich da. Erst noch Rot. Dann rechts. Ja, da, nein, hier. Genau. Ich weiß. Schweiß vor der Stirn.Und es ist Sommer, nicht das erste Mal im Leben. Ich war 18, damals, mein erster Führerschein, wie lang ist das her? Das Kind sagt:, Komm, wir sind da. Ja. Wir sind da. Und ich weiß: Eigentlich mag mich die Stadt; denn sie tut alles, um mich dazubehalten. Ich fahre Richtung Hülle, wo die Welt noch ohne Ampeln auskommt.

Georg Krakl: Hochsitz

Auf einem Hochsitz
saß ein angeschoss’nes Rehkitz.
Der Jäger lag am Boden,
getroffen von der Kugeln Blitz
in seinen dunkelgrünen Loden.
(-mantel)

Tonnes Tagebuch: In die Stadt

Liebes Tagebuch!
Heute bin ich in die Stadt gefahren, um einen Kippschalter zu kaufen. An jeder Ampel war rot. Obwohl ich die Farbe mag, habe ich Probleme mit der Signalwirkung: Ich muss anhalten. Seit ich auf dem Dorf, beziehungsweise im Ortsteil der Stadt wohne, ist immer Rot, wenn ich in die Stadt fahre. Ich kann das nicht verstehen. Ich habe verschiedene Geschwindigkeitsvarianten ausprobiert, ich bin Tempo 30 und dann 40 gefahren, obwohl 50 erlaubt ist, ich bin 60 und später 70 und ganz kurz auch mal dreiungsiebzig gefahren. Immer war die nächste Ampel auf Rot. Das hat System, habe ich gedacht, vielleicht will man den Ortsteilbewohner nicht in der Stadt haben, vielleicht weil man vermutet, der wäre verantwortlich für hässliche Glühweinflecken auf dem neuen und teuren, leider auch saugfähigen Pflaster auf dem Marktplatz. Erstens aber ist jetzt keine Glühweinzeit und zweitens mag ich keinen Glühwein und trinke ihn folglich drittens auch nicht.
Rote Welle. Niemand hat diesen Begriff bisher gesellschaftsfähig gemacht, aber es gibt wohl häufiger eine Rote Welle als eine Grüne. Das macht der Computer, ist die Erklärung. Vielleicht ist dem Computer nicht erklärt worden, welche Vorteile die Grüne Welle hat.
Man sollte Computern nicht zu viel Entscheidungsfreiheiten lassen. Der weiß nicht, was Bürger, und speziell Ortsteilbürger, die einen Kippschalter kaufen wollen, für Bedürfnisse haben.
Eigentlich war ich auch schon etwas erregt, weil ich mir Gedanken machte, wie ich durch die Birne kommen würde, vorbei am Erotikshop mit seinen leicht gewandeten Plastikdamen direkt hinein in die Risikozone. Also, eher unter die Zone, beziehungsweise unterdurch. Das ist der einfachste Weg, wenn man von einfach überhaupt reden darf. Ich bin froh, dass ich den wenigstens beim Hineingeraten in dieses Verkehrsobst nicht die schwierigsten Aufgaben lösen musste, wie zum Beispiel hinter eine blaue Plastikplane gucken, ob die Straße frei ist zum Weiterfahren, oder eventuell doch ein Auto kommt. Wer eine lange Kühlerhaube hat, muss aussteigen. Wenn dann die Straße frei ist und man wieder einsteigt, hat sich die Verkehrslage wahrscheinlich schon wieder verändert. Die Birne ist ein missratener Kreisverkehr, der immer irgendwie provisorisch wirkt und in der jeder versucht, seinen Weg zu finden, ohne Schaden an Leib, Gefährt und Gefährtin zu nehmen. Es drängt sich immer die platte Metapher auf: Der muss es an der Birne gehabt haben, der sich die Birne ausgedacht hat. Wenn ich dann auf die Rote Welle stoße, leide ich kurzfristig an einem Tourettesyndrom. Das Syndrom äußert sich dahingegehend, dass man alle erdenklichen Beleidigungen ausstößt und den Verkehrsverantwortlichen Prügel androht, und zwar mindestens einmal wöchentlich, obwohl wir hier nicht in Saudi-Arabien sind. Es handelt sich ja auch nicht um kritische Blogger, sondern um Menschen, die es nicht schaffen, das zu tun, wofür sie bezahlt werden. Zum Beispiel den Verkehr nicht am Fließen zu hindern, damit der Erwerb eines Kippschalters nicht einen ganzen Tag in Anspruch nimmt. Nachdem ich vor sieben oder acht Ampeln bei Rot gestanden habe und aus Versehen einmal bei Grün gehalten habe, ist mein Vorrat an frischen Beleidigungen erschöpft und ich widme mich dem Finden eines Parkplatz. Ein Schlauberger auf einer Fortbildung für Radiosendungen teilte diese spannende Botschaft zwei lernwilligen Studentinnen mit, die eine Wohung suchten. Nicht Wohnung suchen, Wohnung finden, säuselte er, und schien durchaus bereit zu sein, diese Wohnung inklusive der Studentinnen zu besuchen, wenn sie sie denn gefunden hätten. Positiv denken!, habe ich mir gesagt, einen Parkplatz finden. Da ich in der Regel keine Lust habe, überhöhte Parkplatzgebühren zu zahlen, dauerte die Suche etwas und ich parkte  abseits im Wohngebiet, sodass ich einen 10minütigen Fußweg absolvieren musste. Als ich in der Einkaufszone angekommen war, überlegte ich, wo ich denn einen Kippschalter käuflich erwerben könnte. Leider fiel mir kein Laden ein. Die Einkaufszone der Stadt ist kippschalterfrei. Das hätte man doch sagen können. Alle Geschäfte, die mir einfielen, gibt es nicht mehr. Ob es denn unbedingt ein Kippschalter sein müsste, fragte mich ein Verkäufer in der Herrenabteilung eines Kaufhauses, das  eine kostenlos zu nutzende Kundentoilette bereithält. Und wozu ich denn diesen Kippschalter benötigte, die benutze man heuzutage doch gar nicht mehr. Ich hatte keine Lust, Sinnfragen zu beantworten, und ging erst mal auf die Toilette, die recht passabel war, vor allem weil dort kein dunkler Mann saß, der einem ein schlechtes Gewissen aufdrängte, wenn man nicht 50 Cent in den Teller legte.
Der Gang zum Urinal entlastete mich kurzzeitig etwas und ich konnte mich von dem Gedanken trennen, in dieser Stadt, die jahrelang schon über Arkaden und Einkaufszentren und überdachte Konsumtempel nachdachte, einen Kippschalter erwerben zu können. Eine Stadt denkt nicht, fiel mir. Aber wer könnte diese Aufgabe übernehmen? Bevor ich auf diese Frage antworten konnte, entschied ich mich, nach Hause zu fahren und, um nicht wieder der Roten Welle ausgeliefert zu sein, die Route über die Ringstraße zu nehmen. Diese Straße hat ebenfalls viele Ampeln, damit der Verkehr nicht zum Stillstand kommt. Sie könnte besser Ringenstraße heißen, denn ich musst  hierheute mein verkehrstechnischesTourettesyndrom niederringen. Ich schleuderte meine Beleidigungen noch einmal heraus, wenn auch die gleichen, aber jetzt mit mehr Druck, denn ich dachte, dass ich zwei Rote Welle ausgehalten haben werden würde,  ohne zu Hause einen  Kippschalter vorweisen zu können. Als ich die Ringstraße verlassen hatte, dachte ich, dass ich die Frontscheibe demnächst mal wieder von innen säubern könnte, um die Reste vom Tourette zu beseitigen. Schade, dass noch niemand innenliegende Scheibenwischer erfunden hat, fiel mir ein. Als ich der Tanja von den Roten Wellen berichtete, sagte diese, dass sie das noch nie gehabt habe, und dass das wohl an mir läge, weil ich immer so verkrampft an die Sache ginge. Ich habe mich dann noch an die Zeit erinnert, als man Kippschalter benutzte und die Ampeln so lange grün leuchteten, bis man diese passiert hatte. Früher war es schon schön.

Georg Krakl: Frankfurter Schule

Buon giorno,
Herr Adorno!
Runter von dem neuen Korkeimer,
hochverhrter Herr Max Horkheimer!
Schluss mit dem Geschmuse,
vielgelobter Heribert Marcuse!

Aus mit Denken und Gegrübel,
davon wird mir übel.

Ich-ich laber was!
Lieber Jürgen Habermas!

Henry Müller - Stille Tage im Klischee

Jetzt nicht sprechen, stille lauschen dem Klischee!
Skifahr'n geht nicht ohne Schnee.
Männer denken nur ans Eine,
Fußball, und an helles Bier.
(Das sind zwei!
Auch egal, der Satz ist jetzt vorbei.)
Frauen hab'n rasierte Beine,
Arbeitsscheue fordern mehr Hartz vier.
Schwarze sind ja gar nicht schwarz.
Pattex klebt viel mehr als Harz.
Kinder kennen keine Grenzen,
Schüler schwänzen.
Jungen schlagen, Mädchen heulen.
Glatzen schleppen Baseballkeulen.
Und Politiker? - Die lügen.
Auch die meisten Scheine trügen.
Alles nur Klischee?
Ach, ojeh!
Warte eine Weile
und dann stimmen deine Vorurteile.

Georg Krakl - May

Karl May
hieß mal Kai.

(Er blieb so lange unbekannt,
und hat sich schließlich umbenannt.)

Georg Krakl - Pragmatismus

Schluss mit Denken und Gegrübel!
in die Wand den Dübel!
Und den Nagel in das Holz!
Mit der Säge in das Brett
und die Herta schnell ins Bett!
Hegel fänd das doof,
der ist Philosoph.

Neues aus Allerwärts: Keith Richards lässt sich zu Tom Waits umorperieren

Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stönes, brauchte ein neues Ohr, da sein Platz auf der Bühne immer nahe am Lautsprecher gewesen war und das rechte Ohr im Laufe von siebzig Jahren erheblich Schaden genommen hatte. Wenn ich schon mal betäubt bin, so Richards - und von Betäubung versteht der Musiker einiges - dann operiert mich doch in Tom Waits um, der sieht doch wenigstens vier Jahre jünger aus als ich. Die Operation verlief reibungslos, man arbeitete sich schnittig durchs Fleisch, der Kopf ist mittlerweile wieder genesen.
Allerdings verfälscht die gewählte Ohrgröße den Eindruck, es könne sich um den vier Jahre jünger aussehenden Tom Waits handeln. Laute Musik braucht großes Ohr, so die Devise des Operierten. Auch egal, das abschließende Urteil, eigentlich sei es ihm darum gegangen, dass seine kleineren Kindern nicht schreiend vor ihm davonlaufen sollten, weil sie ihn für etwas hielten, mit denen man Kindern Angst macht.
Und überhaupt: Mick Jagger solle sich erst mal um sein achtes Kind kümmern und es langsam an seinen Faltenbalg über den Schultern gewöhnen. Acht Kinder von 12 Frauen, ja wo kommen wir da hin? Und noch mal überhaupt: Bald gibt es ein neues Album, das so frisch klingt wie schon mal gehört. Muss aber sein, weil die Rentenkasse nichts rausrückt.

Georg Krakl - Blondinen

Gebroch'ne Herzen von Blondinen
Mit gesproch'nen Scherzen schienen.

Georg Krakl - Rose

Der Gürtel paart sich mit der Rose.
Durch diesen Vorgang geht die Anmut jener Blume in die Hose.

Der Gürtel paart sich mit der Rose.
Durch diesen Vorgang geht die Anmut jener Blume in die Hose.


Dadurch, dass man ein Gedicht zweimal veröffentlicht, wird es nicht besser. Auch ist fraglich, ob es der Leser besser versteht, wenn er es zweimal an verschiedenen Stellen liest. Das wiederholte Vorlesen mag helfen, aber kann der Durchschnittsbildungsbürger wirklich in die Tiefen eines Kurzen Textes mit Endreim dringen? Weiß er um die Not, die das Paaren von Gürtel und Rose hervorbringt, um die Verwandlung in einen Zustand zu bewirken, der schlechter ist als vorher? Das neue Leben sollte besser sein. Das ist ein wunderbares Axiom oder wie auch immer, das wir uns gerne zu Herzen nehmen. Warum sich bemühen, wenn es hinterher schlechter ist?
Beim Reimen bemüht man  sich auch und hofft, dass die einzelnen Wörter in einen besseren Zustand gehoben werden als vorher. Vielleicht waren sie lediglich eingereiht in ein  alphabetisch geordnetes Wörterbuch, oder - noch schlimmer- in ein Glossar. GLOSSAR! Allein das Wort schon, wie es klingt, wie es so träge und dickfellig in die Ohren und Augen kriecht, Glossar!, als ei es eine Krankheit oder ein eitriges Geschwür! Es gibt Wörter, die sollte man verbieten. Und da ist es doch schön, wenn man ein paar terffende Reime findet, die alles schöner machen. Auf Glossar reimt sich definitiv nichts!

Tipps für den Alltag: Weiche Stellen

An weichen Stellen
Weichen stellen.

Wenn Männer am Hemd reißen

Er reißt sein Hemd, der Mann, wenn er nicht weiter weiß, wenn er sich im Dickicht des Alltags verfangen hat, wenn die Kletten an seinen Strümpfen haften und zerren und zurren, in der Ferne des Uhus Murren, so hatte sich Markward den Abend nicht vorgestellt, irgendwer hatte ihn im Unkraut abgestellt, liegen gelassen, gut, er war voll gewesen, aber das hieß nicht, dass man ihn  überall liegen lassen sollte, könnte vielleicht, aber nicht sollte, das riss an der Seele, da reißt der Mann am Hemd, wie Markward auch, ein stummer Schrei, ein Akt der Verzweiflung. Freunde! Das dritthöchste Gut des menschlichen  Seins nach Geld und Sex. Freunde fürs Leben! Das war jetzt voll daneben.
Vielleicht war es auch kein Reißen. Vielleicht ein Kratzen oder Schaben. Ungeziefer, das sich im Hautbereich betätigte, gab Anlass dazu. Mal wieder duschen. Mal wieder frühstücken. Mal wieder ein Buch lesen, das Sparkassenbuch vielleicht, wenn was auf den Seiten stand. Schwarz auf weiß. Das Rote war unlesbar.
Ach, der Kopf, der Kopf, alles war im Wandel.
Der Tropf! Am Tropf hing manchmal die ganze Existenz.
Blödsinn im Maisfeld.
Ach was, wer brauchte Freunde, wer dachte an Scheiß Geld?
Was war das denn noch, was da blieb von dem allerallerwichtigsten Gut?
Freunde waren es ja wohl nicht, und Geld, neinnein.
Ach, denkt  Markward, ich bin so allein. Es juckt und Markward kratzt.


Neue Flagge

Die Schweiz wird bescheiden.

Ossenkopp, Barzelona, Liemstrieker, Kowa und Lochschwager

Was hast du denn für einen Ossenkopp, sagte die Mutter und meinte den roten Schädel, den sich Fred beim Fußballspielen angekämpft hatte, weil er natürlich wie Stan Libuda den Ball verteidigen wollte.
An Gott kommt niemand vorbei, nur Stan Libuda, dachte Fred und dachte weiter: Scheiß-Ossenkopp. Wer läuft, kommt ins Schwitzen und bekommt einen roten Kopf, den sich die Generation Weltkrieg ja verkniffen hatte und über alles aus der Vergangenheit schwieg.
Dem Vater hätte man das nicht sagen dürfen. Der Ossenkopp, oder auf hochdeutsch Ochsenkopf wurde von oben nach unten verliehen, der Vater hätte sich Gedanken gemacht über seine Einordung in das Fortpflanzungsmodell der 50er Jahre. Osse, Ochse, verdammt, das durfte keiner sagen. Der Sohn war doch da. Er war kein Ochse. Er war ein Stier. Ok, vielleicht nicht Stier und Bulle auch nicht, dann wäre er ja Polizist. Er wann ein Mann. Also. Ein Mann mit Sohn.


Vom Ochsen zum Barzelona, dem lose verbandelten und für eine Heirat nicht zu vermittelnden Draufgänger, der dem Vorurteil ausgeliefert ist, der Südländer sei heißblütig, aber eher unstet, und er, der Barzelona, gehöre dazu.
Barzelona wurde irgendwie gefühlt in Spanien verortet, was keine solide Herkunft attestierte. Der Gastarbeiter kam aus dem Ausland damals und sah auch wie einer aus. Im Prinzip unterstellte man eine negativ unverklemmte Einstellung zur Körperlichkeit und zielführende Maßnahmen, um eine Frau in die Horizontale zu bekommen und  sich an ihr an ihr lustvoll abzuarbeiten. Ohne Verpflichtung. Das Etikett konnte auch einem Dorfbewohner zugeteilt werden, wenn er denn die vorgenannten Eigenschaften besaß. Trotz einer bodenständigen Herkunft wählte man das Fremdländische als Bzeichnung, weil man das eigene Nest nicht beschmutzen wollte.

Der Kowa war der vorübergehende Gefährte, dem man nicht unbedingt lautere Absichten zumutete, etwa sein überwiegend sexuell motiviertes Tun durch eine Heirat oder wenigstens eine Verlobung  gesellschaftlich anerkennen zu lassen; der Kowa war eher Liemstrieker, der sich nicht durch unentgeltliche Arbeit in Garten und an Haus und Hof hervortat, sondern seine Tätigkeit auf das Körperliche konzentrierte, um die umworbene Dame wohlgesonnen zu machen und gemeinsame schöne Stunden zu verbringen.
Möglich, dass man beim Begriff Kowa, der immer leicht abfällig gebraucht wurde, an den Schauspieler und Frauenbeglücker Victor de Kowa dachte, dem man ja sein Tun auch neidete, weil man den eigenen Mann sicher im Hühnerstall bei der Reparatur der Hühnerleiter oder anderer zeitintensiver Tätigkeiten wusste. Jener eigene Mann war dann meistens zu müde, um sich mit romantischem Gesäusel und Geplänkel abzugeben, was später als Vorspiel in die Zeitungen und Köpfe vor allem der Frauen gelangte.

Der Lochschwager war meistens jünger als der Kowa und ein  unerfahrener Liebhaber, der seine Erfahrungen bei reiferen Damen zu sammeln genötigt war, um den Ruf der unbefleckten jungen Frauen, die später auch für ihn selbst als Ehefrau in Frage kommen sollten, nicht zu verderben.
Zwei Übende, die sich von der selben Frau in die Liebestätigkeiten hatten einweisen lassen, nannte man Lochschwager, was einer Verbundenheit wie durch eine Blutsbrüderschaft sehr nahe kam. Die Frauen, die solche Verbundenheit ermöglichten, taten dies in der Regel bereitwillig und hatten eine ihnen angenehme Freizeitgestaltung.




Georg Krakl - Rose

Der Gürtel paart sich mit der Rose.
Durch diesen Vorgang geht die Anmut jener Blume in die Hose.

Fragen an Dr. August: Meine Freundin hat oft Schmadder im Gesicht

Frauen mit Speiseresten im Gesicht wirken nicht anmutig
Lieber Dr.August, meine Freundin hat oft merkwürdig schleimige Brocken im Gesicht, deren Herkunft Ich mir nicht erklären kann. Seitdem finde ich sie nicht mehr richtig anmutig, sondern ich muss mir schon Mühe geben, sie schön zu finden. Was kann ich tun?
Dr.August: Schleimige Brocken im Gesicht junger und oft schöner Frauen können vielfache Gründe haben. Möglicherweise sind es Speisereste eines Diätmittels, das sich die junge Dame aus einem Pulver selber anrührt, um damit abzunehmen. Vielleicht will sie Ihnen besonders gut gefallen und achtet peinlichst genau auf die Figur und drohende Pölsterchen. Vielleicht hat ihre Freundin aber einfach die Ernährung umgestellt, das können Sie leicht feststellen, indem sie öfter mal eine Mahlzeit gemeinsam einnehmen.
Vielleicht handelt es sich um eine schlecht ausgeheilte Bronchitis, die immmer wieder Bröckchen in den Lungen produziert. Eigentlich müssten diese Hustenejakulate auf Ihrem Gesicht sitzen, wenn Sie denn gemeinsam am Tisch sitzen und endlich mal wieder eine Mahlzeit gemeinsam einnehmen. Oder hat ihre Freundin einen Arbeitskollegen mit einer schweren Bronchitis, der ihr im Büro gegenübersitzt? Fragen Sie einfach! Oder lauschen Sie: Hustet die Freundin? Wischt sie sich mit dem Handrücken durchs Gesicht?
Es kommen natürlich noch weitere Gründe dazu, die ich hier aus Platzgründen nicht aufzählen kann, aber mein Rat ist: Schleimige Flocken im Gesicht oder nicht, reden Sie einfach mal wieder! Fragen Sie nach! Schatz, bist du auf Brei umgestiegen? Schatz, ist das da von deinem Arbeitskollegen?
Schweigen ist in diesem Fall Silber, und Reden ist Gold!

Der weise Mann sagt: Frisur

Beurteile den Menschen nicht nach seiner Frisur,
sondern danach, was darunter sitzt.


Liebe Amis, warum also Donald Trumppp wählen?

5-Minuten-Weisheit:Eines Tages

Wenn du erkennst, dass es noch einen zweiten Menschen
auf der Welt gibt, stellst du fest: Auf einem Auge blind.
Eines Tages, wenn die Luft auf allen Kontinenten weggeatmet ist, wenn alle Ozeane ausgetrunken, wenn alle Banker erschossen und die Großindustrie Kommunismus predigt , wenn wir über das Wasser gehen können, weil keines mehr da ist, wenn die Berge zum Propheten gehen, weil die auch was zu tun haben wollen, eines Tages, wenn es keine Fernseher mehr gibt und keine Smartphones, können die Menschen endlich hochschauen und feststellen, dass die Welt gar nicht so schön ist, wie man immer getwittert hatte.

Kommunizieren oder besprechen?

Eigentlich hätte es gereicht "Wir müssen das noch besprechen" zu sagen. "Wir müssen das noch kommunizieren", wird aber gesagt, und der Normaldeutschsprechende fragt sich, was denn da gemeint sein könnte, wenn man etwas mit einem Fremdwort ausdrückt, für das es auch einen einfachen und verständlichen Ausdruck gibt.
Gerade in hierarchisch organisierten Systemen muss viel besprochen werden, weil ja irgendwer die Arbeit machen  muss, aber jeder denkt, das könnte doch mal Kollege Frettholz machen, der tut doch sowieso nie was. Der Chef ist natürlich Teil des Konflikts, denn er schafft es nicht, der Gute König, sprich: der Gute Chef zu sein, denn es fehlt ihm Charisma und Weitblick. Aber er hat ein schönes Fremdwort, das zwar eher für Objekte, die sich miteinander austauschen, angewandt wird, aber hier benutzt werden kann, weil es den eigentlichen Sachverhalt verschleiert, und Zeit gewinnt. Das müssen wir noch kommunizieren. Lächerlich.
Das Besprechen klappt ja in der Regel nicht, da schnell die Sachebene verlassen und die Beziehungsebene betreten wird. Das ist ein Kommunikationsproblem; gestörte Kommunikation. Das gestörte Besprechen wird zum Kommunizieren, weil das ja irgendwie imme gestört ist, also selbstverständlich. Und weil der Chef das sagt, fragt auch keiner nach, warum der so ein abgedroschenes Scheißwort benutzt, das nicht ein bisschen die verkackte Teamsituation wiedergibt, in der die verlausten Kollegen und versifften Kolleginnen keinen Drecksfinger krumm machen, weil sie sich lieber in ihrer eigenen Selbstgefälligkeit suhlen und nicht merken wie dumm, dreist und verschissen sie sind.
Es ist alles so beschissen, und dann kommt so ein Wort, als ob der Chef studiert hätte, dieser überhebliche Emporkömmling, Arschkrampe, verschmierte. Hauptsache der Frettholz kann bequem in seinem tuntigen Drehsessel liegen und hinter dem Kopf Däumchen drehen!
Wenn man etwas besprechen möchte und das zielführend sein soll, dann sollte man sich um Verbleiben auf der Sachebene bemühen. Denn sonst wird es wirklich gestört. Aber das zu kommunizieren, das ist ein Problem für sich.

Georg Krakl - Liebe

Lass Hiebe!
Sonst droht Hassliebe.

Günter Krass - Ballon

Da weinte der Mann bitterlich, denn der Luftballon war ihm davongeflogen. Eigentlich war es nicht der Verlustschmerz, der ihm die Tränen in die Augen trieb, sondern vielmehr wurde ein Gefühl abgerufen, das aus seiner Kindheit stammte.
Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel und Nichten und Neffen, sie alle hatte sich damals einen Spaß daraus gemacht und gerufen: Der Paul hat einen fliegen lassen. Dann hatten sie herzzerreißend gelacht.
Das erste Mal war das ein zufälliges Ereignis gewesen, er hatte den Ballon losgelassen oder er war ihm durch die etwas schmierigen Finger geglitten, und Onkel Ronkel, so nannten sie Rolf, hatte den Witz vom Fliegenlassen gemacht, der ja in seiner bildhaften Bedeutung einen übelriechenden Furz meint, bzw. das Ausstoßen desselben.
Dass Menschen über Fürze lachen oder über das Imitieren dieses Geräusches oder über eine Geschichte, in der ein Furz vorkommt, kann man immer wieder beobachten.
Bald darauf machten sich die Verwandten allesamt einen immer wiederkehrenden Scherz daraus, ihm einen Luftballon zu schenken und ihn, den Paul, dazu zu bringen, diesen loszulassen. Wenn er nicht schnell genug funktionierte, lenkte man ihn ab, oder warf ihm etwas Süßes zu, das er mit beiden Händen auffangen wollte. Dabei wurde er des Ballons verlustig. Dieser schwebte dann empor, nutzlos, ein Instrument eines monotonen Scherzes, über den sich alle amüsierten, nur Paul nicht.
Hätte es das Wort Mobbing gegeben, hätte man eine Unterkategorie bilden müssen: Verwandtenmobbing. Die Verwandten aber sagten nur, wenn er in Tränen ausbrach: Der soll sich nicht so anstellen, das war doch nur ein Scherz, das haben die früher mit uns auch ausgemacht, und - hat es was geschadet? Onkel Ronkel sagte darüber hinaus: Wer heult, kriegt noch etxtra was an den Ballon. Der aber war schon in den Wolken und schaukelte traurig hin und her, so, als verstünde er Pauls Schmerz, immer der Mittelpunkt eines üblen Scherzes zu sein.
Nun war sein Ballon wieder weg, und Paul, jetzt ein Mann, ließ die Tränen trotzdem laufen, weil seine Kindheit sich einen Weg nach draußen bahnte.
Paul würde sich einen neuen kaufen, oder besser: Er würde auf dem Jahrmarkt Luftballons verkaufen, und wenn ihm einer abging, bzw. wenn er einen hatte fliegen lassen, hatte er immer einen, nein hundert neue Ballons in Reserve. Ja, das würde er machen.
Paul winkte dem davongeflogenen Ballon zu und lächelt, weil er Hoffnung auf eine gute Zukunft geschöpft hatte. Fliegen und fliegen lassen, kam es ihm in den Sinn, und das kannte er igrendwoher.

Georg Krakl - Gedichte mit Tieren drin

Der Haubentaucher
Der Haubentaucher taucht nach Hauben.
Der Taubenhaucher haucht die Tauben
an. Und während jener auf den Meeresboden sinkt,
da denken Tauben über diesen Haucher: Bäh, der stinkt.

Die Taube
Die Taube,
denkt der Jägersmann,
die hat den Schuss wohl nicht gehört.
Die sitzt da rum
und macht den Buckel krumm,
sie gurrt und schnurrt,
will Katzen scheint's betören,
den Hund durch Flügelschlag berauschen,
und keinesfalls den Schüssen lauschen.
Dem Pudel gleich tut sie begossen.
Der Schuss, der jedes Tier normalerweise schwer verstört,
bleibt unerhört.
Der Jäger hat vorbeigeschossen.

(Ich glaub',
die Taube, die, obwohl wie jedes Tier verstört,
nicht hört,
ist taub. )

Weissagung mit falschem Umlaut
Die einst am Rochen riechen,
werden auf den Knochen kriechen.
Und jeder Zwerg, der sich erhöht,
ist bald schon töt.

Weisheit - Gehen lassen

Die Frau, die sich gehen lässt,
wird gern sitzen gelassen.

Georg Krakl - Fischrestaurant

Nach dem Rochen
hat er ihn erbrochen.

Georg Krakl: Gedicht mit Essen drin


Einem Hummer
machte Kummer
dass das Wasser kochte
denn er mochte
da nicht untertauchen.
Roher Hummer ist jedoch für den Gourmet nicht zu gebrauchen.

Günter Krass - Mobbing in den 60ern

Mobbing - Das kannte doch keiner. Jeder kannte einen Mopp, oder einen Bohnerbesen, auf den man sich als kleines Kind gestzt hatte, um sich von der Mutter durch die Küche schieben zu lassen; man musste aufpassen, dass keine Körperteile in das Gelenk zwischen Stiel und gusseisernem Polierteil gerieten, dann hatte man sich poliert, wie es damals hieß. Sich polieren, das tat weh.
Hätten wir Mobbing gekannt, hätten wir gewusst, was wir da machten.
Güpi mit der Hasenscharte und rothaarig, den hätten wir gemobbt, wenn wir es gewusst hätten. Er war andersartig, rothaarig nämlich, hasenschartig und sprachbehindert dadurch, bleich und still, weil er deswegen das Opfer war, und wir waren die Starken, weil Gutaussehend und ohne besagte Merkmale. Wir waren normal. Wer normal ist, durfte andere zurücksetzen. Auf  Null. Oder auf ihre Wesensart. Der Hasenschartige war eiene Missgeburt. Der Bleiche und Rothaarige musste schon einiges anbieten, um dazuzugehören. Aber auch die dazugehörten, liefen Gefahr, gemobbt zu werden.
Weil sie kleiner waren, weil sie keien Haare unter den Armen hatten, die andere schon hatten, weil ein Mädchen sich in sie verliebt hatte, obwohl man mit der ersten Rasur verscuht hatte, einen kräftigeren Bartwuchs zu bekommen.  Wir mobbten nicht, weil wir nicht wussten, was das war. Wir hatten keine Ahnung, weil man uns so vieles nicht gesagt hatte.

Georg Karkl - Makakken und Molukken

Die Molukken
Kucken
Ob die Zacken
In den Backen
Der Makakken
Zucken
Wenn sie Kakerlaken
Knacken
Und die Hacken
Auf den Boden spucken
Heimlich Flyer drucken
Gegen Unterdrückung mucken
Weil Molukken
Kucken
Und nicht ducken
Sondern ihnen eine nucken
Wenn sie Kakerlakenhacken
Aus Makakkenbacken
Auf den Boden spucken.
Ohne mit der Wimper nur zu zucken.

Aus aller Welt: Den Haag/Scheveningen

Den Haag. Gestern standen acht junge Männer hat auf einer Buhne in Scheverdingen am Meer und lachten lauthals, wenn eine Welle näher kam. Das ging etwa 64 Wellen  lang so. Besonders laut lachten sie, wenn einige Spritzer dieser Welle ihr Gesicht oder die Oberbekleidung trafen. Die Männer waren überwiegend nichtinländisch, sondern hatten etwas Molukkenhaftes, wie man es in den Nederlanden gewohnt ist. Die Molukken sind zwar Inländer, gelten aber nicht als solche, weil ihre Vorfahren sich  von den Holländern verschleppen oder mit Arbeit unter dem Mindestlohn hatten ködern lassen.
Auf die Frage, warum sie bei anklatschenden Wellen immer so laut lachten, baten sie um ein Foto, wohl um selbst zu sehen, wie komisch das Ganze wirkte. Und da gibt es eigentlich nichts zu lachen, das ist eher tragisch, wenn eine Gruppe ausländischer Inländer ihre Vergangenheit verdrängt und dabei Spaß hat. Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Die Frage bleibt:Womit?

Georg Krakl - Gedicht mit einer Stromschlagwarnung drin (2016)

Lach nicht über eine Beulennase,
wenn du eine Rüsselnase hast.
Lach nicht über eine Keulenvase,
wenn du an die Schüsselphase fasst.
Pack nicht an den Strom
trotz der vielen Ohm!
Schüssel, Rüssel,
Beulen, Keulen,
Nasen, Vasen
Ohm und Strom.
Das sind Reime.
Das sind Keime
für die Menschlichkeit.
Und für die wir's langsam Zeit.

Trotzdem sei geraten, nicht an Strom zu fassen,
Finger von den Dosen fern zu lassen,
Wenn schon Strom, dann schwimm mit ihm.


(So gesehen ist es ungefährlich,
über Nasen oder Vasen abzulachen.
Insgesamt: Ein Witz darüber wäre spärlich,
da kann man schon was andres machen.)





Günter Krass - Mama

Muttertag. Fred fragte sich, ob er dieses Jahr wieder die obligatorische und bewährte Packung mit 4711-Seife und Zerstäuber schenken sollte, oder die Tosca-Variante? Ein Alpenveilchen wäre auch möglich, aber Fred hasste Alpenveilchen noch mehr als Usambara-Veilchen. Man sollte nicht schenken, was man selbst nicht gern geschenkt bekäme. Aber der Mutter die neue Rolling-Stones-Single zu schenken, sah zu sehr nach Strategie aus. Wenn du sie nicht brauchen kannst, Mutter, könnte ich sie ja nehmen, übte Fred seinen Satz. Die 5 Mark wären gut investiert und die Mutter hatte sowieso keinen Plattenspieler, weshalb sie wohl die Scheibe zurückgeben würde.
Ein holländischer Junge quietschte sich durch Radio und Fernsehen mit dem Lied Mama, das jedes Mutterherz öffnete oder zum Schmelzen brachte. Heintje. Der Mutterglücklichmacher aus dem Nachbarland.
Fred entschied, dieses Jahr in Musik zu investieren. Mama, du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen. Hier formulierte der holländische Hochtöner, was Fred mittlerweile schwer fiel zu artikulieren. Die Mutter stufte Fred mittlerweile als schwierig ein, weil er sein Zimmer nur noch sporadisch aufräumte, heimlich Pardon las und keinen Knick mehr ins Sofakissen machte, was wohl irgendwie gemütlicher und ordentlicher aussehen sollte.
Fred strebte an, die Haare -möglichst unentdeckt- länger werden zu lassen, weil es seinem eigenen Geschmack entsprach,  der zufällig auch mit dem britischer Beatgruppen übereinstimmte, .
Was sollen die Leute denken, widersprach die Mutter, wenn Fred einen Selbstgestaltungsvorschlag unterbreitete, der ihr Missfallen fand.
Heintje - das war ein herzlicher Wunsch zum Muttertag, und gleichzeitig auch eine Waffe. Die Mutter hatte keinen Plattenspieler und Heintje musste schweigen. In dieses Schweigen würde Fred seine erste Stones-Single Get off of my cloud auflegen, die schon einigermaßen abgenudelt war. Wat ess dat denn, hatte die Großmutter gefragt, als er Weihnachten 65 die Platte nach dem Kufsteinlied auf seinem neuen tragbaren Monarch-Plattenspieler von Neckermann aufgelegt hatte.
Vielleicht war Heintje rausgeschmissenes Geld, aber es war ein letzter Versöhnungsversuch mit der Erziehungsberechtigten, um endlich das zu machen, was Fred immer drängender machen wollte.
Du musst doch nicht um deinen Jungen weinen, Mutter, summte Fred vor sich hin, und freute sich auf langes Haar und Sofakissen ohne Knick, auf ein unaufgeräumtes Zimmer und Renate, die bald Angela heißen würde, weil es mit Alma nur kurz geklappt haben würde.


Günter Krass - No milk today


No Milk today, was konnten die Jungs meinen? Keine Milch heute? Fred und die anderen saßen in der Milchbar, hatten Milch satt, sogar mit Geschmack, Bananenmilch, Erdbeer, much milk today. Sie dachten an die Mädchen, die ihre Freundinnen werden sollten, Fred dachte an Renate, die auch vierzehn war wie er, auf die Kammann scharf war. Renate war einen halben Kopf größer als Fred und hatte schon einen richtigen Busen, deren wunderbare Ansätze er im Ausschnitt ihres Sommerkleides betrachtet hatte. Kammann war sauer, aber Renate wollte Fred, war aus dem Ort zurück ins Ferienlager neben ihm gegangen, sie hatten gelacht, sie hatte seine Hand genommenen und er war rot geworden, weil er einen halben Kopf kleiner war als Renate, und das ging nicht, der Mann war mindestens einen halben Kopf größer, so musste das sein, das war gesellschaftliche Norm. Fred wusste nicht, dass er noch 27 Zentimeter wachsen würde, aber da würde schon nichts mehr mit Renate sein. Kammann und Klopper schlugen Fred Regina vor, die war einen halben Kopf kleiner als Fred, aber Regina war Fred zu schnippisch, und eigentlich war Klopper auf Regina scharf, auch wenn er so tat, als sei er hinter Gabi her. In drei Tagen würde er bei Sigrid landen. Kammann nervte. Fred mochte Renate, weil Renate ihn mochte. Kopf hin oder her. Zwei Tage später am Lagerfeuer würde Renate neben Fred sitzen und seine Hand nehmen, und Fred würde feststellen, dass das Fleisch in der Hose einen anderen Aggregatzustand einnahm. So wie Wasser es tut, wenn es ganz kalt wird. Fred würde heiß sein. Das wusste er aber noch nicht. No milk today? Was konnte das bedeuten, die Jungs, die das sangen, waren doch keine Schüler mehr, sonst hätten sie nicht diese Platte aufnehmen können. Die Schulmilch konnte es nicht sein, oder hatte es irgendwie mit Frauen zu tun? Fred musst wieder an Renate denken und an den Ausschnitt ihres Sommerkleides, bzw. was darin zu sehen war. Es war nicht einfach, verliebt zu sein, vor allem wenn Kammann sauer war, denn er konnte nerven, wenn  er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
No milk today. Das Leben war hart, das hatte er mit der Muttermilch aufgesogen. My love has gone away. Da musste es einen Zusammenhang geben. War sie gegangen und hatte die Milchflaschen stehen gelassen? Die musste ja auch leer sein, denn sonst wäre Milch dagewesen. In der Milchbar gab es genügend Milch. Ich nehm’ noch 'ne Bananenmilch!, sagte Fred zur Bedienung und rülpste leise, während er mit dem Finger das Wort Renate auf den Tresen malte.


Georg Krakl - Gedicht mit Beziehungskram drin (2016)

Sie
Sie war nur eine von ganz vielen;
ich wollte doch nur spielen.
Aber sie, sie aber meinte Ernst,
und seufzte: Ernst, wie du besternst
die Himmel meiner Nächte,
so wie ich nur an dich dächte.
Ach, sie war so schön und chic, fast bestialisch,
aber leider nicht grammatikalisch
sicher. Und der Ernst? Kein Name lag mir ferner,
ich heiße Werner.


Georg Krakl - Künstlerlohn (2016)

Er spielte auf der Bartzither
für ein Stückchen Zartbitter.

Das Ding aus tiefstem Alpenland
spielt man mit Schnauzbart und der linken Hand.

Die rechte hält die dunkle Schokolade.
Die schmilzt dann, das ist schade.

Der Künstlerlohn
für Lieder auf der Bartzither
ist nicht das Stückchen Zartbitter
sondern Spott, und auch ein bisschen Hohn.


Georg Krakl - Fortbildung (2016)

Die Verteidigungsministerin spielt Stadt, Land, Fluss
weil sie doch wissen muss,
wo all die Länder liegen
mit den vielen Kriegen.

Georg Karkl - Weg ist der Hund (2016)

Ich bin gegangen,
konnte nicht ertragen,
dass du mich geschlagen,
weil ich biss.
Das ist Beschiss,
von wegen gutes Herrchen,  Treue!
Deshalb keine Reue.
Nach Ferne tat mir dann verlangen.
Ich bin gegangen.


Ein Stück von dir
ist bäuchlings mitgekommen.

Ich glaub', es ist ein Finger.
Und einer dieser Dinger,
ich glaub, der Ring, der an ihm saß.
Was mir jetzt Freude, ist für dich kein Spaß.

Ein Ring, der schmückt manch Menschen  sehr,
sei denn, er hat den Finger für den Ring nicht mehr

Was der Schlager über den Wilden Westen singt

Das Land, in dem Männer Männer sein können, in dem Liebe nicht mit Treue verwechselt wird, da wo die dänische Frau ihren Cowboy als Mann bekommt, ist der Wilde Westen.
Old Shatterhand, dem Mann in fransigem Leder, ist die Hose im Schritt und an den Oberschenkeln vom Reiten zu speckig geworden, wünscht sich ein Mädchen in Samt und Seide, dabei war er kurzfristig mit Nscho-Tschi, der Schwester Winnetous liiert, die allerdings auch in Leder herumlief und sich mit Bärenfett eincremte. Bärenfett riecht nicht gut. Shatterhand verspricht auf der A-Seite einer warumauchimmer aufgenommenen Platte  jener feinen Dame, morgen auf dem Weg zu ihr zu sein, hodihohodihey, ohne dick sein, das tut wäh, singt er, ohne dick sein, das tut wäh, was kann er meinen?,die feine Dame wundert sich, warum Lex Barker erst morgen kommen will und nicht heute, und warum er ihre Figurprobleme anspricht, sie vergisst dabei, dass der anglophile Muttersprachler ein Problem mit dem ch hat; er hatte „ohne dich sein, tut so weh“ gemeint; sie wartet trotzdem, denn sie riecht das speckige Leder so gern, in dem ein richtiger Kerl schwitzt. Winnetou, alias Pierre Brice, bleibt echte Antworten schuldig, das wundert uns, wenn er singt „Keiner weiß den Tag, keiner kennt den Weg, keiner weiß warum, keiner weiß wohin“, und wir zweifeln an der Kompetenz als Häuptling der Apachen; die Fragen wann, wolang, warum und wohin stellen wir uns ständig, was wir wollen sind Antworten. Auf der B-Seite kontert er dumme Fragen mit einem „Wunderschön“, was uns den Wind aus den Segeln nimmt. Wer will nicht gerne wunderschön sein?

Pferde und Sättel, das tragen die richtigen Kerle, Liebe und Treue sind zweierlei und die Nächte sind blau, weiß Martin Lauer. Man muss nicht alles verstehen, aber man ahnt, dass im Wilden Westen noch andere, natürliche Gesetze herrschen, da ist der Sattel dem Mann manchmal näher als die Liebste, die austauschbar ist, denn Liebe darf nicht mit Treue verwechselt werden, und der einsame Cowboy reitet am Ende eines jeden Filmes in die Abendsonne, während die Geliebte dem Unerreichbaren eine Tränen, die nicht lügt, nachsickern lässt.
Westenschlagersänger Peter Hinnen verwirklichte seinen Kindheitstraum in Idaho:7000 Rinder - Kinder, Kinder, Kinder!
Im Sommer und im Winter immerzu lauter Ochs, lauter Kuh! Der Lehrer kurz vor dem Burnout, der sowas hört, lässt sich einen Wurm ins Ohr setzen und träumt nachts leicht variiert von 7000 Kindern, die viel zu laut sind und wacht jede Nacht schweißgebadet auf und fragt sich, warum er nicht in Idaho ist, sondern an der Karl-May-Gesamtschule Gladbeck?
Marika Kilius, die dann nicht den Bäumler sondern den Zahn heiratete, weiß wovon Cowboys nicht träumen: Nicht von Liebe, nicht von Sehnen (ausgenommen die Sehnenscheidenentzündung des Pferdes nach scharfem Ritt), nicht von Abschied, nicht von Tränen, nicht von Whiskey, nicht von anderen Mädchen, nein, sie träumen von der Prärie. Jack ist wochenlang weg, sie allein auf der Ranch, sie fragt, Jack, denkst du immer an mich, er verneint, dafür habe er aus beruflichen Gründen keine Zeit. Der Cowboy ist genügsam, der Westen wild, Marika denkt, Cowboy sein ist doch schwer, aber  der Cowboy braucht nur Pferd und Gewehr. Ein Cowgirl dazu wäre auch nicht schlecht, sagt Jack, Marika ist weit weg und passt auf die Ranch auf.
Die Frage bleibt offen: Da steht eine ganze Ranch rum, auf der sicher 7000 Kühe brüllen. Warum Bitteschön kümmert sich der Cowboy nicht darum, sonder reitet weg und denkt an die Prärie? Hallo Marika, klingelt’s?

Georg Krakl: Gedicht mit einem weinenden Tier drin

Das Schwein, das zu viel heult,
wird flugs vom Amtstierarzt gekeult.

Denn wenn es seinen Trog einnässt,
verbreitet sich die Heulenpest.

Der wilde Wilde Westen

Old Shatterhand (OS) und Winnetou (W) auf einem Hügel, die Pferde im Hintergrund grasend, der Himmel blau.

Blutsbrüderschaft
OS: Mein roter Bruder!
W: Was soll das immer? Mein roter Bruder? Ich bin nicht rot. Meine Haut ist bronzefarben, so wie im Sonnenstudio gebräunt. Rot nur wenn ich nicht eingecremt habe.
OS: Mein brauner Bruder! Wie klingt das denn?
W: Wir sind überhaupt keine Brüder.
OS: Das sagt man doch so im Wilden Westen, und wir sind hier doch im Wilden Westen. Wir könnten doch mal Brüderschaft trinken.
W:  Brüderschaft wird geschnitten.
OS:  Wie geschnitten?
W: Man schneidet sich in die Haut bis Blut fließt....
OS  Äääää.....
W: Und vermischt das dann.
OS:   Und wenn du positiv bist?
W: Denk nicht so negativ. Hast du Schiss vor dem Schnitt?
OS: Ich mein ja nur.
W: Ein Indianer kennt keinen Schmerz, wie ist es denn mit den Weißen?
OS:   Da hast du dich aber geschnitten, wir sind keine Heulsusen, das ist schon mal klar.
W: Ja, dann....hast du dein Großes Messer dabei?
OS:   Das ist gerade nicht sauber, habe damit eben das Morgentoilettenloch zugeschoben.
W: Dann nehmen wir meins.
OS:   Okokok, mannomann. Aber wo schneiden wir denn? Ich meine an welcher Stelle?
W: Direkt hier, mehr als ein Messer und zwei Männer, die Blutsbrüder werden wollen, braucht man nicht. Alles da, alles hier.
OS:   Gibt es denn eine günstige Stelle am Körper, sagen wir mal, wo es nicht so weh tut?
W: Wenn das Messer scharf ist, tut das nicht weh.
OS: Sssssss....ich stelle mir gerade vor, wie die scharfe Klinge durch das Fleisch fährt..... Kennst du das Gefühl?
W: Ja sicher, ich habe schon elf Blutsbrüder.
OS: Und ich dachte, du ritzt dich.
W: Unterarm oder Handfläche.
OS: Nicht Handfläche, da kann ich dann zwei Wochen mit der Hand nichts anfangen.
W: NschoTschi kann dir doch behilflich sein.
OS: Wer ist das denn?
W: Das ist meine Schwester. Die wirst du noch kennen lernen.
OS: Und wenn das entzündet? Dann kann ich drei oder vier Wochen nichts machen.
W: Nimm doch die andere Hand.
OS: Hast du wenigstens Oktisept oder was Ähnliches dabei? Zum Desinfizieren?
W: Das ist nicht nötig. Mein Messer ist sauber.
OS: Das könnte ich ja auch so einfach sagen.
W: Hast du aber nicht.
OS: Oder Alkohol? Wiskey etwa?
W: Will der weiße Mann sich betäuben?
OS: Sag nicht weißer Mann zu mir. Ich bin schon ganz schön braun geworden, die letzten zwei Wochen.
W: Soll ich brauner Bruder sagen? Dann bist du ja einer wie ich.
OS: Hast du jetzt Whiskey oder nicht?
W: Der rote Mann trinkt keinen Alkohol.
OS: Jetzt hast du roter Mann gesagt.
W: Na und? Das sagt man schließlich im Wilden Westen, auch wenn’s nicht stimmt. Ich wähle SPD.
OS: Brauner Bruder wählt SPD, dass ich nicht lache.
W: Lenk jetzt nicht ab.
OS: Wo waren wir denn stehen geblieben?
W: Mach du zuerst!
OS: Nach dir, der Herr Häuptling.
W. Komm mach jetzt, der Gast hat Vortritt.
OS: Streng genommen bin ich gar kein Gast.
W: Egal, fang einfach an.
OS: Können wir nicht eine Borke anknibbeln, da kommt doch auch schnell Blut.
W: Ich habe gerade keine Borke.
OS: Oder in der Nase bohren?
W: Und dann?
OS: In der Nase bohren bis Blut kommt.
W: Und dann? Nase an Nase wie die Eskimos?
OS: Inuit.
W: Inuit?
OS: Man sagt Inuit, nicht Eskimos.
W: Klugscheißer....weißer....
OS: Das ging jetzt unter die Gürtellinie. Keine gute Voraussetzung für eine Blutsbrüderschaft.
W: Hier ist mein Messer.
OS: Können wir nicht einfach gute Freunde bleiben?
W: Wenn, dann höchstens gute Bekannte.
OS: Na, klar, auf gute Bekanntschaft, Winnetou, alter Schwede!

Beide schütteln sich die Unterarme. Dann mit rechter Hand/rechtem Arm vom Herzen zum Horizont in die Weite.

Frank Xaver Kötz: So bist du

Er: Ich bin dann mal weg!
Sie: Was ist?
Er:Ich geh dann mal.
Sie: Wie, du gehst dann mal, was soll das denn heißen?
Er:Ich glaube, das ist jetzt besser so.
Sie: Das kannst du doch nicht machen.
Er:Ein Mann muss seinen Weg gehen.
Sie: Und was ist mit dem Teil hier?
Er:Welches Teil?
Sie: Das jetzt hierbleibt? Warum nimmst das nicht mit?
Er:Es heißt doch: Wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir.
Sie: Das heißt doch nicht, dass das jetzt hier liegenbleibt.
Er:Doch. Es geht nur ein Teil von mir.
Sie: Das müsste aber heißen, wenn ich geh, dann bleibt ein Teil von mir hier liegen.
Er:Das ist unromantisch.
Sie: Die Wirklichkeit ist meistens nicht romantisch.
Er:Aber heißt es nicht auch: Wenn ich schlaf, dann schläft nur ein Teil von mir?
Sie: Das habe ich ja gemerkt.
Er:Was soll das jetzt heißen?
Si:e Kannst du dir doch denken.
Er:Nein, weiß ich nicht, ich habe ja geschlafen.
Sie: Das Teil aber auch.
Er:Jetzt wirst du persönlich.
Sie: Wenn du das Teil hier liegen lässt, dann gehe ich.
Er:Du auch? Dann ist ja keiner mehr, der bleibt.
Sie: Doch. Meine Wärme. Weiß doch jeder: Wenn du gehst, bleibt deine Wärme hier. Also meine.
Er: Ok.Dann geh du, ich bleibe hier, ist vielleicht auch besser für das Teil.
Sie: Tja, Tschüss denn. Ach bevor ich gehe: Heißt es eigentlich das Teil oder der Teil?
Er:Ist doch jetzt sowieso egal.
Sie: Stimmt.

Hier mal klicken und hören: So bist du

Bodos Welt-Wörterbuch: Träne, die

Träne, die...natürlich, feminin, weiblich also, ist doch klar, denn Jungen weinen nicht. Tränen sind weiblich und sie lügen nicht. Tränen sagten die Wahrheit, wenn sie sprechen könnten. Deswegen lassen Frauen Tränen fließen, und der Mann, der nicht weint, der nicht weinen will, der nicht weinen kann, ist der Gelackmeierte, denn er hat diesen Wahrheitsbonus nicht.
Der Mann muss die Wahrheit sagen,  denn ihm fehlt die Möglichkeit, das nonverbal über diese andrenalinangereicherte Flüssigkeit, die aus den Augen läuft sagen zu können. Die Frau sagt immer die Wahrheit, wenn sie weint, das wissen wir, seit es Schlager gibt: Der Film war so schön, ach, ist die Katze niedlich, upps, tut mir leid, die Sache mit dem Günni, hat mit uns gar nichts zu tun, mach dir mal keinen Kopf.
Es ist nicht zum Heulen, denkt der Mann, nennen wir ihn Manni, denn Heulen geht gar nicht, bloß keine Schwäche zeigen, hart bleiben, das macht nichts, dass der Film rührselige Scheiße war, dass es  überall nach niedlicher Katzenpisse stinkt, und wieso springt die mit dem schwachsinnigen Günni in die Falle, das ist ja wohl das Letzte, mit so einem Spast, so einer Halbintelligenz, es ist zum Heulen, aber ich lass das nicht raus, ein Indianer kennt keinen Schmerz, der blickt ins Weite und hofft, dass Manitou beim nächsten Blitz besser zielt, zum Beispiel in den unteren Bereich von Günni, oder in Sigrid, oder am besten in beide. Manni, schreit Günni, Dortmund hat verloren. Und Manni merkt, wie das Feuchte aus seinen Augen flennt. Dortmund, das durfte nicht wahr sein. Das sind Schmerzen.

Georg Krakl - Tränen

Tränen
bringen mich zum Gähnen
und zum Schnaufen,
ausgenommen wenn sie  Dampfschiffkapitänen
aus den Augen
fielen
auf der arbeitsreichen Hände Schwielen.
Dampfschiffkapitänetränen taugen.
Und die anderen? Wie sie selbstgefällig aus den Augen
laufen,
wie sie lange weilen,
nicht von jener Wange eilen,
die ich liebe, die ich Backe nenne,
die ich kenne,
wie sie plötzlich hocken
bis sie trocken
und in allen Falten
und Gesichterspalten
sich verstecken
dass als Salz
zum Beispiel falls
man Lust auf Würze spürt,
sich wünschte, diese wegzuschlecken.
Was wohl nicht zum Troste führt.
Lediglich der Nährstoffmangel wird behoben.
Damit hat sich die Funktion verschoben.
Deshalb schätze ich die Tränen
bei den Dickschiffkapitänen,
Trockentränen, die tun gut,
helfen bei Skorbut.

Weg ist die Romantik
über den Atlantik!


Lernen mit Musik: Du kannst nicht immer siebzehn sein

Mit achtzehn verstand Günter, was Chris Roberts uns vorsingen wollte: Du kannst nicht immer siebzehn sein. Mit achtzehn war das Leben sowieso besser, Günter konnte den Führerschein machen, ohne Zustimmung der Eltern trinken, rauchen, wählen, wen er wollte und heiraten. Heiraten wollte Günter nicht und zu wählen gab es auch nicht viel: Außer SPD gab es nur CDU und FDP. Er wartete auf die Einundreißigjährige, um mit ihr als Mann die Sonne aufgehen zu sehen. Die kam aber nicht. Wohl eine, die zwei Jahre jünger war als Günter, der klassische Abstand, um zu heiraten, was Günter auch später tat. Irgendwann klang ein Lied aus dem Radio, das behauptete, das Leben fange erst mit 66 Jahren richtig an. Schließlich war Günter sechzig und dachte: Noch sechs Jahre, dann geht es aber richtig los. Was war eigentlich mit der Zeit zwischen siebzehn und sechsundsechzig? Günter konnte sich nicht erinnern. Siebzehn sein konnte Günter nicht mehr, und sechundsechzig war er noch nicht. Bald würde er mehr wissen. Sechs Jahre.  Ruckzuck waren die rum.
Irgendwann würde der Knochige kommen, das wusste Günter noch nicht, würde lächeln und vor sich hinsummen: Du kannst nicht immer neunzig sein.
Was lernen wir?
Schlager können nicht alle Lücken im Leben füllen.
Man soll nicht alles glauben, was Schlagersänger singen.
"Man kann nicht immer zweiundvierzig sein" wäre auch richtig gewesen. Oder sechzig bzw. einundsechzig.

Lernen mit Musik: Buenos Dias Argentina

Buenos Dias Argentina hatte Udo Jürgens 1978 zur Fußballweltmeisterschaft gesungen: Rotglühende Sonne, der rauschende La Plata, auf dem Kopf den Sombrero und das Lied der Pampa. Ja, so war die Pampa, ein Ort der Schönheit und Harmonie, und nicht wie der Volksmund immer dröhnt: Heinz, der wohnt da irgendwo in der Pampa.Das ist Jottwedeh! Janzweitdraußen, da wo nix los is.
Udo Jürgens hatte vollkommen übersungen, das 1978 eine Militätdiktatur herrschte, das Menschen verhaftet und gefoltert wurden. Miltitärdiktatur ist ein Wort, auf das sich schwer ein Reimwort finden lässt. Deswegen taucht es im Schlagertext nicht auf. Berti Vogts, der insgesamt und überall zu klein Geratene äußert sich adäquat: "In Argentinien herrscht Ordnung. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen." Konnte er auch nicht, denn die waren alle verschwunden, 30 000, vom Erdboden verschwunden, vom Erdboden verschluckt, also unter der Erde.
Das lernen wir:
Wenn es irgendwo nicht schön ist, macht der Schlager es uns schön. Wir müssen ja nicht hinfahren.
Wenn Berti Vogts etwas nicht sieht, dann gibt es das nicht.
Die Pampa ist nicht wie bei uns, sondern singt ein Lied.
Selbst in einer Militärdiktatur ist die Abendsonne immer noch rot.

Georg Krakl - Deutscher Schlager hilft

Der Chef sagt: Du Versager!
Da hilft Deutscher Schlager.
Und bist du ein Ja,gerne-Sager,
dem es knirscht im Kugellager?
Hör jetzt Deutschen Schlager!

Ebbe herrscht im Vorratslager?
Ärger mit dem rechten Schwager?
Fetten Speck bestellt, geliefert wird er mager?
Wohnsitz am Atommülllager?
Da hilft Deutscher Schlager.

In schönen wie in schnöden Lebenslagen:
Deutscher Schlager hilft, der ist nicht zu schlagen. 

Bodo fragt nebenbei: Ist die Steigerung von Schicksalsschlag der Schicksalsschlager?

Hier die Schicksalsmeldoie an klicken und hören.  

Georg Krakl: Lieber (2016)

Lieber 100 Jahre
Hölle, Hölle, Hölle, Wolfgang Petry mit den Freundschaftsbändern
als ein Jahr mit Frauke Petri Afd in allen Bundesländern.

Georg Krakl - Blumenampel (2016)

Das Leben ist eine Blumenampel,
häufig hässlich,
viel Gehampel,
hängt so rum, das ist verlässlich,
schwingt im Wind
wenn andre stille sind

springt nicht auf Rot
springt nicht auf Grün.

und fängst du an dich zu bemüh'n,
bist du vielleicht schon tot.
Deshalb: Die Blumenampel
ist eher für Bitumentrampel.
 Anmerkung: Bitumentrampel sind eigentlich Asphalttreter. Wenn die heiße Teermasse auf die Straße aufgebracht ist, kommen die Bitumentrampel oder Asphalttreter und trampeln bzw. treten auf ihr herum, bis sie glatt ist.



Überall deutscher Schlager - Tonnes Tagebuch

Liebes Tagebuch!
Neulich im Blumenladen wollte ich Stiefmütterchen kaufen und stand in einer Schlange, die aus drei Personen bestand. Die Frau am Schlangenkopf ließ sich einen Blumenstrauß binden und ich dachte, dass das immer seltener wird und ob die fertigen Sträuße an der Supermarktkasse zum Binden nach Marokko oder Vietnam geschickt werden, um sie dort von geschickten Kinderhänden binden zu lassen, und dass man doch das Warten gern in Kauf nehmen sollte, weil dann weniger Kinderarbeit auf der Welt nötig wäre. Weil ich lange warten musste, denn das Binden wurde sehr sorgfältig vorgenommen, dachte ich daran, dass Stiefmütterchen nicht die Blumen der Wahl sind, wenn man seine Liebste beschenken möchte, nicht mal zum Muttertag wären sie gut, und dann fiel mir erst ein Schlager mit Blumen ein: Tulpen aus Amsterdam und ich dachte, dass die Holländer, die sich in den Siebzigern in dunklen Hauseingängen in Einkaufsstraßen mit Billigblumen eingenistet hatten, die deutsche Blume doch nicht verdrängt haben, das Stiefmütterchen ist klein, aber deutsch, die Tulpe holländisch. Sie wächst aufdringlich in der Vase nach und man muss sie ständig beschneiden, weil sie sich immer über die anderen Blumen eines gemischten Straußes hinwegheben will. Rote Rosen summte ich plötzlich und wusste, dass das die Blumen sind, die die Liebe repräsentieren und die Ergebenheit des Mannes. Von Rosen aus Amsterdam hat niemand etwas gehört, Rosen gehören nicht zu den Billigblumen, und wenn, dann kommen sie aus Afrika und sind fair gehandelt, das heißt, die Landarbeiter tragen Gesichtsmasken, wenn sie ein Pflanzenschutzmittel verspritzen.
Die Frau vor mir schnaubte, weil es so lange dauert und stellte irgendwann ihre Topfblume demonstrativ auf denTresen und stürmte weg. Gut, dachte ich, dann bin ich einen Platz vorgerückt, das ist eine gute Zeitersparnis. Die Floristin - so werden Blumenverkäuferinnen, die Sträuße binden können, genannt- hatte eine rote Nase. Vielleicht ist sie erkältet, dachte ich, oder sie trinkt zu viel Rotwein. Die kleine Kneipe an unserer Ecke drängte sich auf, ein Schlager, von Peter Alexander gesungen, dem saubersten Schlagersänger überhaupt, der Ikone der deutschsprachigen Unterhaltungsmusik, der immer so ein gutmütiges Weinen im Gesicht hatte, als wäre er traurig, dass er seine Musik dem Publikum präsentieren musste. Ich überlegte noch, ob die Farbe der Nase von der Farbe des Getränks abhängt, das man im Übermaß zu sich nimmt?
Kann ich bei dem Herrn schon mal abziehen?, fragte die Rotnasige die Kundin, die sich doch sehr zeitaufwändig einen Strauß binden ließ. Vielleicht hatte  ich auch irgendwie traurig gekuckt, als ich an Peter Alexander dachte und die kleine Kneipe.
Sie hatten die Hornveilchen?, fragte die Floristin. Äh, ja, murmelte ich, zehn Stück, und erwähnte nicht das Wort Stiefmütterchen, um nicht unnötig Wissenslücken im Bereich der Flora preiszugeben.
Nachdem sie sich erst verrechnet hatte, nannte sie mir den Preis: Fünf Euro fünfundneunzig.
Wie viel hatte ich doch nachdenken können für so wenig Geld. Vielleicht musste ich aber noch den Preis für den langzeitgebundenen Blumenstrauß dazurechnen, aber den zahlte ja die Dame, die immer noch vor mir dran war. Wo gab es denn überhaupt noch kleine Kneipen? Wo gab es noch Ecken mit kleinen Kneipen? Nach soviel Denken wäre ein kleines Bier und eine Schweigeviertelstunde an einer Theke wünschenswert. Da wo das Leben noch lebenswert ist. Was das bedeutet, darüber will ich lieber morgen nachdenken.

Was will uns die Presse eigentlich immer sagen?

Weniger Alkohol- und Tabakkonsum, dafür immer mehr übergewichtige Jugendliche. Ein passendes Foto dazu soll die Aussage belegen oder veranschaulichen: Man sieht drei Jugendliche, wenn man den Alterungsgrad der Hand betrachtet, die relativ schlank aussehen und sich abmühen, ihre alkoholischen Getränke zu halten. Insegsamt sind vier Getränke zu sehen, vermutlich mit Hochprozentigem versetzt, was früher vielleicht sechs Getränke gewesen sind, also zwei weniger als üblicherweise, was einen deutlichem Rückgang dokumentiert. Zwischen zwei Fingern eine Zigarette, früh hatte alle ihre Kippen in der Hand und am Getränk, heute ist die Feinmotorik  nicht ausgeprägt genug, um alles koordiniert zu bekommen, dafür wird man aber dicker. Das sieht man auf dem Bild noch nicht, aber das kann ja noch kommen.
Eigentlich müsste die Bildunterschrift so lauten: Jugendliche trinken immer noch ordentlich, es raucht von drei Personen nur eine, und trotzdem werden die nicht dicker, das ist ungerecht."
Und die Presse? Ja, die ist die letzte, die ihre Texte liest. Und das ist gut so, sonst würde sie die ja nicht verstehen. Gemäß dem Motto: Ich kann zwar schreiben, aber nicht lesen.

Makabre Kunst: Jeff Kööntz-Wennerwöllte - BabyBoom

Jeff Kööntz-Wennerwöllte: BabyBoom (2016)

Wie heißt es richtig?

Marsregelvollzug?
Maßregelvollerzug?
Marsriegelvollzug?
Maas-Regelvollzug?

Antworten aufschreiben und gut aufgewahren. Man weiß nie, wozu man die noch mal brauchen kann.



Aliens im Wohnzimmer

Da ist die Tür!, schrie Tante Wilma den Alien an. So weit kommt das noch, wetterte sie weiter, erst meine gute Auslegware zufusseln und dann vielleicht noch die Welt erobern und im Universum rumposaunen, man haben wieder einen blauen Planeten gekapert, um sich an seinen Rohstoffen sattzusaugen.
Der Alien hatte versucht, sich auf seinen sechs Beinen, oder waren es Arme, oder vielleicht sogar ein paar Arme und ein paar Beine, also zwei bis drei jeweils, weil paar kleingeschrieben ist, auf dem Teppichboden im Wohnzimmer von Tante Wilma niederzulassen und etwas zu verschnaufen. Ein  Leben als Alien war nicht leicht. Keiner traute einem über den Weg bzw. die Flugbahn, oder man wurde von zukunftsgeilen Perry-Rhodan-Lesern gestalkt.
Dabei war er rein zufällig hier gelandet, von wegen Untertasse, die fliegt, alles Blödsinn, seine Hyperraumklapperkiste hatte mal wieder den Geist aufgegeben, und die sah eher aus wie ein hässlich gestylter BMW, also noch hässlicher, als die sowieso schon waren.
Klmmnppfghfghjkhjkljhj, tutete der Alien Tante Wilma an, die aber nichts verstand, denn es hörte sich an, als habe man Angela Merkel ein in Terpentin getauchtes Putztuch in den Rachen gestopft.
Ich fussel nicht, wollte der Alien auf Alienesisch sagen, ich fussel überhaupt nicht, und einen blauen Planeten kapern, ich glaube, Tante Wilma (woher kannte er plötzlich Namen und Titel dieses Fleischlings?), das lohnt sich nicht, das ist nämlich Sondermüll hier, mal abgesehen von den unmenschlichen Menschen, die hier immer tierisch die Sau rauslassen und dächten, das würde keiner merken.
Nimm den Lappen raus,wenn du mit mir sprichst, trompetete Tante Wilma jetzt, und versuch bloß nicht, die Bundeskanzlerin zu imitieren, das habe ich genau rausgehört, auch wenn ich nicht verstanden habe, was du gesagt hast. Verstehe ich bei Merkel aber auch nicht. Und jetzt raus, aber dalli! Auch wenn du nicht fusselst.
Der Alien zischte ab und Tante Wilma wunderte sich, warum und woher sie wusste, dass Aliens und speziell dieser Alien nicht fusselte.
Ich sollte als Bundeskanzlerin-Imitator auftreten und noch ein paar Euro nebenher verdienen, dachte der Alien beim Abzischen, aber vorher müsste er noch einen Asylantrag stellen. Immerhin kam er nicht aus einem sicheren Drittland, in das er zurückgeschickt werden könnte. Aus einem sicheren Dritttuniverum schon, aber das stand im Formular nicht drin.
Was waren diese Menschen blöde! Hauptsache es gab ein Formular für alles! Dachten, ihr Planet wäre was wert....Der Alien lachte leise in sich hinein und zischte noch ein bisschen ab.