Georg Krakl: Oktoberfest (2014)

Nachthell,
tagdunkel.
Zeit läuft schnell,
keine Zeit für völkisches Geschunkel.
Offen Blusen,
wogende Busen.
Maß, Maß.
Ist schon voll.
Nachthell,
alles kommt schnell.
Ernst wie das  Bier,
Tagdunkel auch hier.
Hosenlatz offen.
Hirne versoffen.


Kantenphysik - Wohin mit der Wissenschaft?

Manchmal fallen einem schöne und griffige Wörter ein: Kantenphysik ist eines.
Gibt es doch schon, mag der aufmerksame Mitmensch raunen und versucht den Denker zu desillusionieren.
Mitnichten. Letzterer meint die "Quantenphysik" und versteht darunter vielleicht die Vermessung der Fußsohlen.
Kantenphysik. Was soll das sein?
Jeder weiß, wer an eine Tischkante geschrammt ist, empfindet Schmerz.
Wer sich die Kante gegeben hat, den plagt wütender Kopfweh und Übelkeit.
Wer über die Kante gesprungen ist, liegt im Abgrund.
Hier setzt die Kantenphysik an: Wer unlustauslösende Situationen vermeiden will, bleibt einer Kante fern. Das hat Freud schon präziser formuliert und daraus seinen Mutterkomplex entwickelt.
Über die Tischkante wurden nach der Mahlzeit die Krümel gewischt und im Spültuch aufgefangen; der Rest landete auf Boden und wurde später gefegt und in den Boden massiert.
Der Krümel ist Metapher für das Kindsein; ein gestörtes Verhältnis zur Mutter entspringt diesem Tun.
Die Kantenphysik beschäftigt sich in erster Linie mit den angrenzenden Flächen einer Kante, die sie letztlich definieren, denn ohne Flächen keine Kante. Dabei geht es um den Winkel, in dem die Flächen zueinander stehen. Der 90°-Winkel ist die ideale Situation, je weiter er gegen 180° geht, desto mehr nähert er sich einer Gesamtfläche aus zwei einzelnen Flächen. Das Dagegenrammen wird mit der Näherung an 180° immer schmerzfreier.
Wäre das Ganze im Weltall zu finden und die Kante ist unendlich, also eine Gerade, dann würden zwei unendlich große Flächen zusammengefügt und die doppeltflächige Unendlichkeit wäre erfunden. Die gibt es allerdings nicht, denn 2x unendlich ist immer noch unendlich. Auch das Wort Supermarkt lässt sich bekanntlich nicht steigern.

Das unlustauslösende Moment der Kante ist aber auch abhängig vom Betrachter, will sagen, dem Betroffenen. Eine Ameise nimmt eine Kante anders wahr als ein ausgewachsener Mensch. Die Bakterie lacht über die Kante, denn sie weiß gar nicht, dass es sie gibt.
Je kleiner das Subjekt (Ameise, Mensch, Bakterium), desto tiefer wirkt die Kante als Abgrund, wenn sie einen 90°-Winkel bildet. Je mehr sie in Richtung 180° kommt, desto eher ähnelt sie dem Idiotenhügel in einem österreichischen Skigebiet.

Was auf den ersten Denkversuch einleuchtend erscheint, erweist sich aber in der Praxis als schwer nachzuvollziehen. Die Ameise ignoriert den Abgrund und läuft ihn hinunter ohne abzustürzen, die Bakterie lebt gar nicht lange genug, um den weiten Fußmarsch, in den Abgrund zu schaffen; vorher ist nämlich Mutter mit dem Wischlappen da und schmiert eine Millionengruppe anderer Bakterien über den Wanderer.
Vor allem bleibt es nicht bei den 90°-Kanten. Wenn unter der Kante gar nichts mehr da ist, dann nähert sich der Winkel immer mehr den 0°. Je näher er dem kommt, desto unangenehmer für Bergsteiger, die an Felskanten hängen, die eigentlich eine Wand sein sollten. Da heißt es gut kraxeln, sonst geht es sturzartig nach unten.
Je näher der Winkel den 0° kommt, desto eher entsteht eine Doppelfläche, weil die vormals senkrechte Wand nach unten und hinten weggeklappt auf der Unterseite der oberen Fläche zu haften kommt. Das klingt kompliziert, ist aber unerheblich, weil Flächen an sich keine Dicke aufweisen und so eine Doppelfläche bilden, die genauso dünn ist wie vorher, nämlich 0. Dicke Flächen nennt man Quader.
Alles in allem erkennt man, dass Kantenphysik das Leben nicht leichter macht, vielmehr erscheint das Alltägliche kompliziert und entspricht der Bedienungsanleitung für einen DVD-Rekorder.
Dabei sollte Wissenschaft immer dem Menschen dienen; wenn es aber leichter ohne geht, sollte das Wissenschaft auch zur Kenntnis nehmen und sich dezent zurückhalten. Wo keine Probleme sind, sollte die Kantenphysik auch keine schaffen. Ein zufriedenes Volk lässt sich leichter regieren, sodass man Außenseiter zur allgemeinen Belustigung fragen kann: Von welcher Kante kommst du denn?
Ein Lachen befreit und hat noch keinem geschadet. Und das ist mehr als weniger ausländerfeindlich.

Wiedergeburt als Regenwurm

Ok. Irgendwas ist schief gelaufen im letzten Leben.
Aber Regenwurm, das ist hart.
Vor allem, wie soll man denn da wieder aufsteigen?
Ich habe ordentlich gebuddelt, Erde gelockert, schlechtes Karma, und jetzt was Gutes tun. Buddeln, buddeln, buddeln.
Die Buddel war früher mal Mittelpunkt, hochprozentig natürlich, Würfel und Spielautomat. Meine Güte, aber ich habe doch keinem geschadet, jedenfalls weiß ich nichts davon.
Regenwurm. Mannomann. Schildkröte ist noch eine Position höher. Aber die leben so lange, da hat man ja richtig was von der Strafe.
Vor allem: Was kann ich denn jetzt machen? Außer buddeln?
Ich weiß ja noch nicht einmal, wo mir der Kopf steht.
Neulich hat mich so ein bekloppter - upps, das darf ich gar nicht sagen, das gibt Minuspunkte - so ein verschnarchter Hobbygärtner mit seinem Spaten in zwei Teile geschnitten. Angeblich sollen dann zwei Regenwürmer entstehen und weiterleben. Glaube ich aber nicht, denn was das andere Ende macht, weiß ich überhaupt nicht. Das denkt wohl nicht; dann muss das wohl mein Schwanz sein. Da, wo man denkt, ist der Kopf.
Wenn der Schwanz denkt, dann stimmt da was nicht.
Ist wohl noch menschliches Verhalten.
Vielleicht ist das bei Regenwürmern anders. Da kenn ich mich noch nicht aus. Dafür bin ich noch nicht lange genug Regenwurm.
Was bleibt mir denn außer buddeln?
Ich darf ja noch nicht mal denken. Das gibt auch Minuspunkte.
Ich kann aber nichts dagegen tun. Ich denke und denke.
Nicht denken ist doch das höchste Ziel der Meditation.
Wenn ich gut buddele und nicht denke, dann steige ich auf.
Schildkröte.
Das ist keine Alternative.
Kampfhund würde mir gefallen, aber da ist das Risiko für Minuspunkte ja noch höher. Und für das Herrchen gleich mit.
Vom Vokuhila zur Glatze, wenn er die nicht schon hat.
Vokuhila wäre auch eine Möglichkeit gewesen, statt Regenwurm zum Beispiel.
Oder Glatze. Die denkt wenigstens nicht. Da hätte man gute Chancen, wenn als Regenwurm auftaucht.
Und überhaupt: Wer entscheidet das denn?
Schildkröte. Mannomann, die sehen so doof aus, wenn sie den Kopf aus dem Panzer nehmen. Das ist doch irgendwie auch Bundeswehr. Die sehen auch nicht gut aus, wenn die den Kopf aus dem Panzer stecken. Zack! Ist ein Loch drin, wenn man an der falschen Stelle rausguckt, zum Beispiel in Afghanistan.
Vielleicht werde ich doch Katholik. In der Hölle soll ja richtig was los sein...

Wohin mit dem Jägerschnitzel?

Nicht unbedingt appetitlich: Das Jägerschnitzel
Man kann verstehen, wenn die Begriffe Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce verschwinden sollen. Sie diskriminieren.
Ob sich die Speisen aus den Köpfen und Mägen per Verbot vertreiben lassen, ist fraglich.
Wundersam ist aber, dass jetzt der "Bundesverband der Freizeitjäger und Knallköppe" das Jägerschnitzel verbieten lassen will.
Es bestehe nämlich gar nicht aus Jäger und sei eine Irreführung der Konsumenten, so deren Sprecher. In Wirklichkeit sei der Hauptbestandteil Paniermehl, unter dem sich eine dünne Schicht Schwein befinde.
Ob man nicht Freizeijtäger mit Schweinen gleichsetzen könne?, ist die provokante Frage aus dem Kritikerlager.
Neinneinnein, kontert der besagte Bundesverband, nicht immer sei drin, was drauf sei.
Drauf sei doch Paniermehl, so die Gegenseite.
Ab morgen wird zurückgeschossen, knallt der Bundesverband los, wenn diese saudumme Fragerei nicht aufhöre!
Saudumm...., murmelt das Gegenlager und jeder versteht die Anspielung, nur der Bundesverband nicht, weil der bereits die Knallkorken auf die Blechrohre pfropft, um sich erst mal Mut anzuschießen. Dazu wird eisgekühlter Jägermeister serviert und eine Bratwurst, denn von Jägerschnitzeln habe man die Nase voll.
Den Mund voll, korrigiert das Kritikerlager, und der erste Schuss geht nach hinten los, weil der Schriftführer seine Kontaktlinsen nicht im Auge hat.
Aus den Augen, aus dem Sinn, lächelt der Angeschossene still durch das Einschussloch in sich hinein, da kann ich endlich mal wieder meine guten alten Glasbausteine aufsetzen.
Das Kritikerlager kugelt sich vor Freude und beschließt, auf dem nächsten Schützenfest als Gasttrinker mitzuwirken.
Immerhin ein Anfang, wenn auch kein besonderer.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Hölle, Hölle

Hölle, Hölle, Hölle!, dringt es aus dem Lautsprecher und vor unserem geistigen  Auge schüttelt Wolle Petry seine Freundschaftsbänder, die er  selbst beim Duschen nicht ablegt. Wir Hörer hüpfen und singen mit, ohne uns Gedanken darüber zu machen, welche gefährliche Botschaft der Schlagersänger leichtferig ins Volk posaunt. Ist uns nicht immer gesagt worden, dass das Paradies das Erstrebenswerte sei, dass wir ein gutes Leben führen sollen, dass wir Gutes tun möchten und uns schon einmal das Leben nach dem Tod vorstellen dürfen: Großen, grüne Liegewiesen, auf denen wir verweilen, in weite, weiße Gewänder gehüllt und friedlich lächelnd, uns an Milch und Honig labend und auf den nächsten Tag wartend, der so sein wird wie der heutige, und das eine Ewigkeit lang? Wir haben keine Not, keine Krankheiten, keinen Hunger, wir nehmen nicht zu und nicht ab, die Haut bleibt immer jung, sodass wir uns nicht mal eincremen müssen. Was will der gute Mensch mehr?
Und dann die Botschaft: Hölle, Hölle, Hölle! Die gar keine Botschaft ist, nur die dreimalige Nennung eines Substantives! Und trotzdem hüpft alles mit und schreit den Kehrreim aus dem Körper heraus, dass die Seele fast mitfliegt. Und das ist wohl auch die Absicht des Bösen, der sich diese schnappen und seiner Großmutter schenken will, die daraus ihren allseits geschätzten Seelentröster mixt. Hinter der Botschaft lauern unausgesprochene Versprechen, die Menschen, die den breiten Weg der Verdammnis eingeschlagen haben und den steinigen verweigert haben, verlockt, sich glücklich zu schätzen, nicht ins Paradies zu kommen.
Paradies ist langweilig, hört man sagen. Hölle, da geht die Post ab, das ist Farbe drin, Schwarz und Rot, und die Hölle ist heiß, alle sind nackt und tragen Tüten über den Köpfen, damit man nicht weiß, mit wem man es zu tun hat. Da kann man richtig einen rund machen, mal auf den Putz hauen, dass die Diskokugel wackelt!
Den guten Menschen tut das Herz weh bei soviel  Oberflächlichkeit. Das weiße Gewand will ein wenig kratzen, aber bedenket: Nur schlechte Menschen kommen in die Hölle, und wer will schon auf seinen Finanzberater treffen?
Ein Trost den Verunsicherten: Es gibt auch eine Hölle auf Erden, und die muss wohl jeder durchschreiten.

Singende Unterwäsche

Andrea Berg hat es raus. Jahrelang hat man dem Deutschen Schlager nachgesagt, er sei muffig, er sei langweilig, er sei steif und uninspiriert. Etwas für Tattergreise und Menschen mit Angst vor Infektionen.
Dem setzt er nun diese nicht mehr ganz taufrische Andrea Berg entgegen, eine Schlagersängerin, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Unterwäsche gesellschaftsfähig zu machen, wenigstens auf der Bühne.
Die Greise stehen nun Schlange und die Phobischen reißen sich um die Eintrittskarten.
Auf die Frage, welche Botschaft sie denn habe, antwortete Andrea Berg: Mehr auf die Wäsche achten, nicht so auf die Musik hören.
Damit hat sie wohl zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Man achtet nicht mehr so sehr auf die Musik, was allen gut tut.
Über die zweite Fliege wird noch gestritten.
Mal hören, wie das klingt. Oder mal gucken.

Alte Hits erfreuen das Herz

Henry Valentino sitzt im Auto! Vor ihm die Uschi, wobei er nicht weiß, dass es die Uschi ist. Aber er singt sie an. Öffentlich. Er bewegt sich dabei, als habe er einen Autounfall gehabt: Die linke Hand immer ein wenig erhoben, so als wolle er ein fiktives Lenkrad anfassen und über eine vereiste Fahrbahn steuern, immer der Uschi nach, die natürlich Gummi gibt. Das konnten die Frauen schon immer: Fuß aufs Gas, bei jedem Wetter.
Da brummt die singende Oberlippenbehaarung über das Mädchen vor ihm im Wagen und weiß, dass sie ihn nicht hört: Lee Marvin röhrte, wenn er eine starke Erkältung hatte, kaum einen Schlag besser. Immer einen Viertelton neben der Notenlinie. Gut, dass Uschi den Mann hinter ihr nicht hört, denn nicht immer haben tiefe Männerstimmen die beabsichtigte Wirkung. So erfüllt Henry V. den Tatbestand der Nötigung durch übertriebenes Auffahren. Uschi, mit dem dicken Fell der 70er Jahre gesegnet, lässt sich nicht beirren, fährt ihren Weg und singt auch noch drüber. Genau, wie damals üblich: Falscher Ton? Einfach drübersingen!
Henry singt das magische Rattan Rattan radatan; was kann er meinen? Sein Motor hat Probleme, oder sind es seine Hirnzellen, die unermüdlich die Zahnräder bewegen, um einen Vorschlag zu unterbreiten, wie Uschi am geschmeidigsten in Henrys Gesellschaft überführt werden kann? Er will sich immerhin hinter Hecken verstecken, wohl weil es sich reimt, oder hinter Kühen sich mühen, hinter Tannen was spannen, auf jeden Fall auflauern (hinter Häusern von Bauern?), doch dann ruft die Armbanduhr: Du kommst zu spät nach Hause, Henry! Das darf nicht sein. Das hat er noch nie gemacht. Also: Adieu sagen!
Bye, bye, mein schönes Mädchen, trötet der alte Bock aufs Armaturenbrett, und stellt fest: Uschi hat den Blinker an. Hier fährt sie ab. Sie fährt voll ab, die Frage, auf wen? Aber sie hat den Blinker an, was heißen will, dass sie gleich abbiegt, die Biege macht, die Kurve noch soeben kriegt, den Henry links liegen lässt, links hinter den Hecken eben. Mit dem Blinker an wird sie zu Hause eintreffen und ihre Eltern verwundern. "Kind, warum hast du denn den Blinker an?" Da niemand so recht mit dieser Metapher etwas anfangen kann, bleibt man allgemein die Antwort schuldig.
Henry und Uschi kamen nicht zueinander, auch wenn Henry V. dafür ein Zahn zugelegt hätte. Aber mit dem kaputten Arm vom letzten Crash? Da müsste schon was bei der Uschi drin sein.Wahrscheinlich waren beide in einem jeweils andersfarbigen Kadett unterwegs, und Uschi in einem, der wie eine Ente aussah, und das passt gar nicht. Gut ist es aber, dass sie sich nie berührt haben, denn es gibt schon genug Kindergartenkinder, deren Väter aussehen wie deren Väter, steinalt nämlich. Daran ändert auch die schlecht rasierte Oberlippe nichts, die in den 70er ja in war und so etwas wie Jugendlichkeit ausdrücken sollte, aber lediglich Hinweise auf die Mahlzeiten vom Vortag gab.


Bleibt nur die Frage, warum alte Hits das Herz erfreuen?
Antwort: Weil sie so selten zu hören sind.
Anhören

Die gelbe Jacke: Allein hinter einem Bild von Matisse

Einige Tage hatte die gelbe Jacke im Schaufenster eines Geschäftes für Waren aus zweiter Hand gestanden. Die Schaulustigen bummelten und  betrachteten die Auslagen und ihr Blick fiel immer auf die gelbe Jacke, um dort eine Weile hängen zu bleiben, denn die gelbe Jacke war schön. Manch einer der Betrachter hätte sie gern getragen und manche schöne Frau hätte sie für ihren Mann gewünscht. Dass es sich um einen Zweite-Hand-Laden handelte, und dass dieser straffällig Gewordene finanzierte und den Bestand aus Spenden rekrutierte, schreckte viele ab. So blieb die gelbe Jacke eine ganze Weile in diesem Geschäft und aber als Blickfang im Schaufenster. Und dann eines Tages stellte man ein Bild vor sie, einen Matisse. Jeder Mensch weiß, dass ein Matisse Millionen bringt und dass man den nicht einfach in einen Zweite-Hand-Laden stellt, und vor allem nicht vor eine gelbe Jacke, denn das würde diese in den Hintergrund rücken.
Was aber das Schlimmste war, dass die Ladenbetreiber, die noch nie straffällig geworden waren, so dumm waren, dass sie nicht erkannten, dass der Matisse eine plumpe Fälschung war; was die gelbe Jacke noch weiter in den Hintergrund drängte. Seht doch, wollte die Jacke schreien, wenn sie gekonnt hätte, seht doch! Eine plumpe Fälschung! Papperlapapp!, hätten die Ladenbetreiber gesagt, das passt schon, da steht ja drauf, dass es ein Bild von Matisse ist!
Die gelbe Jacke hätte weinen mögen, wenn sie gekonnt hätte. Ja, es stand drauf auf dem Bild: Bild von Matisse. Und dann ein Strichmännchen in Rot. Man mag ja von Matisse denken, was man will und von moderner Kunst auch, aber ein Strichmännchen hätte er nicht gemalt und auch nicht daneben geschrieben, dass das Bild von ihm sei. Moderne Kunst hatte auch ihren Stolz, die wollte nicht mit jeder Kleckserei Geld machen.
Die gelbe Jacke aber war traurig und verlor allmählich ihre Farbe. Irgendwann, als sie grau war, stellten die Ladenbetreiber ein Schild vor ihr auf: Gelbe Jacke. Das Bild von Matisse war da aber schon längst verkauft. Vielleicht nicht für ein paar Millionen, aber auf jeden Fall für zu viel Geld.

Dreiste Fälscher

Unglaublich. Da kritzeln doch dreiste Fälscher ein Bild zusammen, einfach so in Schwarzweiß und wollen das als Mann mit dem Goldhelm verkaufen. Gegen richtig Bares.
Jedem Semi-Kunstfreund sagt doch der Mann mit dem Goldhelm etwas: Der ist teuer. Auch das Bild vom Goldhelm ist teuer. Hat ein alter Künstler gemalt. Wer auch immer, auf jeden Fall teuer. Will ich haben. Gute Investition.
In diese Lücke zwischen Unwissenheit und Gier des Konsumenten pfropfen die dreisten Fäscher ihre schludrig gemachten Zeichnungen. Ihre eigene Unfähigkeit, einen vernünftigen Goldhelm zu malen, kaschieren sie damit, dass sie an den gezeichneten Helm einfach immer wieder Gold schreiben. Gold, Gold, Gold.
Sodass der potentielle Käufer erkennen muss: Aha. wo Gold dran steht, das muss auch Gold sein. Es muss ja nicht mal glänzen; denn das tut es wirklich nicht.
Damit keine Irrtümer auftreten, schreibt der Fäscher unter eines der GOLD-Wörter das Wort Helm. Goldhelm.
Jetzt erkennt auch der dümmste Gierige, dass das ein Goldhelm ist. Problematisch ist lediglich, dass der Mann als Träger des Helmes nur bis zum Hals zu sehen ist, was keine genaue Geschlechtsbestimmung zulässt. Da hilft nur Glauben.
Wenn das Gold lockend ruft, ist das aber eine vollkommen ausreichende Komponente, um einen Kaufabschluss zu erhandeln. Bitter, wie dreist die Fälscher und wie dumm die Käufer!
Der eigentlich Mann mit dem Goldhelm hängt derweil in irgendeinem Musseum rum und langweilt sich. Schade.

Ekke Dützmann: Akt, knieend - von Pawel Pikass (2009)


Ja, meine Güte, da kann man doch mal sehen, oder besser nicht sehen, was so ein Künstler unter einem Akt versteht. Hallo, dann kann der doch für 5 € ein Studentenmodel buchen, das vielleicht aufgrund der Studiengebühren oder der überschrittenen Höchststudiendauer darauf angewiesen ist, sich ein Zubrot zu verdienen, damit sie ihr Make-up für den Modeljob finanzieren kann. Und sie trifft auf einen introvertierten Künstler, der sich Maler nennt, und der vielleicht zu feige ist, in ein Lokal öffentlichen Interesses zu gehen, oder eine Modelagentur, die auch weitere Leistungen anbietet, anzurufen, und schließlich sitzt er dann stundenlang vor dem 5€-Model (die Stunde) und starrt auf es, mit der Begründung, er müsse sich inspirieren lassen, starrt und starrt, das Model friert inzwischen, da es ja ein Akt-Model ist und nichts an hat, und heraus kommt schließlich, nach langem Hin und Her, nach langem Gestarre ohne Bewegung, und schließlich einigen, vielleicht nur einem einzigen Pinselstrich, der möglicherweise stellvertretend für die gesamte Hormonwelt des Bildners sein muss, ein zweifarbiges Gebilde, das der Spurensicherung eine große Aufgabe stellt: Ja, hallo, wer soll das denn sein? Ein verkrüppelter Baumstamm, der nach Sturm Kyrill abgeknickt ist, oder die Inge, die sich, nach Entledigung des Badeanzuges, hingekniet hat, weil sie ihren Ohrring sucht, und das in der Umkleide des Städtischen Freibades?
Kunst sieht anders aus.
Ekke Dützmann

Wie im Himmel

Ich konnte alles kurz von oben sehen, alles wirkte warm und hoch und ganz von oben, da wo droben war, wo man am Loben war, obwohl man nichts geschafft, die Sache mehr versaut, da, wo die Manager regieren und sich selber  abservieren gegen fettes Geld, wo keiner hält, was er versprochen, bis auf die Knochen blamiert, weil gelogen, betrogen, dass sich die Balken biegen, die Kleinen schmiegen sich an Mutter und  gucken in die Röhre, und jede Göre weiß, mach einfach Scheiß dahinten im Konzern, man hat dich trotzdem gern, und ist auch froh, dich los zu werden, wegzuloben, nach ganz oben, ganz ganz oben, da, wo sich der Haufen trifft, der Abschaum, der so gerne in die Hölle kommen will, der still drauf hofft und glaubt, dass es da richtig staubt, weil's rund geht, weil man bei Action steht und sich nicht setzt, verletzt war gestern, jetzt tanzen Schwestern, heben Hüften, schieben Beine, meinemeine, schreit der Geldclown, ich will auch mal hau'n!
Ich da unten, wo der Himmel ist, den man so gern vergisst! Wie kam mein Blick nach oben. Ich war schon immer recht verschroben. Ich war da unten. Da wo die Treuen und die Kleinen, die Scheuen, die oft weinen, weil Gerechtigkeit verschwunden ist. Verlust und Frust, durchs Auge in die Brust. Im Himmel ist es öd, die Seelen sind zu blöd für das Vergnügen, sie wollen nicht betrügen, oder lügen. Und ich war unten.
Von oben schreit es: Komm, genieß dein Paradies!

Kontext und Partnerwahl


Zugriff!, denkt der spätpubertierende Mittdreißiger und fasst der Dame, die neben ihm an der Theke steht, an den Oberkörper, dahin, wo der Zugreifer sich volumenmäßig von der Angefassten unterscheidet. Zugriff, das volle Besteck! Das hat er aus Tatortfilmen gelernt. Die Dame gibt ihre Bestellung auf und beantwortet die Frage der Bedienung, ob es auch etwas mehr sein dürfte, mit einem: Na, sicher. Was den Zugreifer motiviert, die Fingerspitzen leicht zusammenzudrücken, um etwas mehr von der fleischlichen Fülle zu begreifen. Be-greifen, endlich wird ihm das Wort klar; ewig schon waren ihm die Frauen unbegreiflich, unverständlich, nicht mit Worten zu erdenken, und jetzt hatte er die Lösung gefunden: Begreifen. Aber statt eines drallen Stückes Fleisch gibt die ergriffenene Rundung nicht nach, eher fühlt sie sich an wie ein Stahlkorsett. Merkwürdig auch, dass die Dame noch keinen Laut auf seine vorsichtigen Bemühungen hin von sich sich gegeben hat. Vielleicht mag es nicht nur an der harten Kappe liegen, die die Empfindungen behindert, sondern auch an der Umgebung, denn nach wie vor sind Erfolge in der Partnerwahl, wie ungeschickt sie auch vorbereitet wird, vom Kontext abhängig, nämlich davon, in welcher Situation die Vorbereitungen stattfinden. Hans hatte ihm damals im besoffenen Kopf geraten, doch einfach mal an der Theke einer Frau an die sekundären Geschlechtsmerkmale zu fassen, was ihn erstmal hat nachschlagen lassen, was das denn überhaupt sei: Sekundäre Geschlechtsmerkmale. Das mit der Theke muss er wohl auch falsch verstanden haben,denkt er sich, denn es eignete sich wohl nicht jede dazu. Und wenn die Partnerwahlanbahnung hier fehlschläg, dann ist ihm klar geworden, dass eine Fleischtheke der falsche Kontext ist. Was auch immer Kontext bedeuten will. Nicht jeder Tipp eines betrunkenen Kumpels, der an der Theke neben einem steht, lässt sich transferieren und in Glückseligkeit umwandeln.

Fliesengeist in Bonn


Der Fliesengeist saß nun seit geraumer Zeit an der Wand in einer U-Bahn-Station, vielleicht Hauptbahnhof Bonn, wer weiß, er wusste es selbst nicht, und wartete, dass ihn jemand ansprach, denn nur so konnte er aktiv werden, konnte er sein Wesen entfalten. "Hallo, Fliesengeist, willst du mir willig sein? Du bist schon etwas strange, ein Fliesengeist....Ich kenne eigentlich nur Flaschengeister, die immer wollen, dass man den Korken rauszieht. Aber Fliesengeister? Na, ich weiß nicht" So etwa hätte eine Ansprache sich anhören können; aber niemand sprach zu dem Fliesengeist. Niemand wollte seine Dienste in Anspruch nehmen, niemand wollte sich Wünsche erfüllen, denn die Preise für Unterhaltungsmedien waren mal wieder gesunken und jeder hatte eigentlich, was er brauchte, sogar noch viel mehr, sogar Dinge, die er überhaupt nicht brauchte.
"Tja, Fliesengeist", hätte die Ansprache weiter gehen können, " ich habe mal eine Flasche Friesengeist getrunken, damals, als ich noch mit Günter unterwegs war, den haben wir flambiert, da haben wir uns die Lippen verbrannt, später haben wir ihn dann kalt getrunken. Zum Schluss konnten wir kein r mehr aussprechen. Fliesengeist, Teuwwwelsssoiggh!, haben wir vor uns hingesummt. Vielleicht bist du mir deshalb so sympathisch...." Das hätte alles gereicht und der Geist in den Fliesen hätte sich bewegt und gesprochen:"Was kann ich für dich tun, Meister?"
Aber niemand fragte. Alle warteten nur auf ihre Bahn, versunken in ihre eigene Welt, in ihre Probleme: Was würde ich mir wünschen, wenn ich mir was wünschen könnte?

Roy Bosch: Touch (2010)

Roy Bosch: Touch (2010)
Deutsche Künstler mit englischen Untertiteln: Das ist suspekt.
Wenn man das  dann einigermaßen aussprechen kann, geht das ja noch: Tatsch.
Der hat dochen Tatsch, sagten wir früher über Menschen, die anders waren als wir. Also richtig anders.
Thomas Anders zum Beispiel.
Oder Christian Anders, der sich dann, als ihn keiner mehr wollte, nackt an ein Tor gekettet hat, um gegen oder für etwas zu demonstrieren.  Das weiß man heute nicht mehr. Er selbst wohl auch nicht. Jetzt schreibt er als Lanoo Bücher, die keiner versteht, was ihn ja auch irgendwie unangreifbar macht. Er hat einen schwarzen Gürtel, und er hat eine Menge Schlager herausgebracht. Wer schöne Bilder und auch eine Reihe hässlicher sehen will, muss hier hinklicken: Bilder
Wie kam ich jetzt doch auf Christian Anders? Genau, durch Peter Maffay, die alte Muräne.
Also, einen Tatsch hatte Leute, die anders waren, irgendwie Thomas oder Christian, aber auch ein bisschen Peter Maffay und vor allem Rickey Shane, also, der hatte doch total den Tatsch. Total den Tatsch. Alliteration, auch wieder so eine Krankheit der 70er Jahre.
Und jetzt Roy Bosch. Da fasst ein Luftballon an den Hals einer androgynen Figur, betatscht die sogar.
Ich finde, irgendwo hört es auf.

Gedichtinterpratation: Folke Smund - Hänschenklein

Hänschenklein
fehlt ein Bein
andres auch
steht jetzt auf dem Schlauch

Satzzeichen fehlen, das ist modern. Ein verschnarchter Paareim, das ist was fürs Land, da liebt man Endreime.
Hänschenklein - die Zeile kennt man doch, das ging irgendwie anders weiter. Dem Jungen in der Verkleinerungsform auch noch eine Verkleinerungssilbe hintendran zu hängen, das war damals schon schräg, als die erste Zeile eines anderen Gedichtes sich im Hirn des Dichters entfaltete.
Ein Vierzeiler - da weicht nichts von der Norm ab. Dreimal drei Silben, in der vierten Zeile fünf. Mit etwas Geschick könnte man ein Haiku draus machen. Tut man aber nicht, wir sind nicht in Japan, da heißen Jungen anders. Haruki oder Kouuki.
Die Zeile zwei bringt bereits die Brutalität der Wirklichkeit in eine lyrische Idylle: Es fehlt ein Bein! Der Junge ist versehrt und wird es wohl in seinem Leben schwer haben. In Zeile drei die Steigerung des Leids: Das andre auch. Lapidar dahingerotzt, als sei das eine der großen Belanglosigkeiten.
Und dann schreitet der Autor zu weiterer Missetat: Steht jetzt auf dem Schlauch. Hallo? Wie geht das denn? Wie soll der Bursche auf dem Schlauch stehen?
Das ist makaber, das ist zynisch, das ist unverschämt. Hier hat sich ein Autor im Ton vergriffen. Nach vier Zeilen ist man bereits gewillt, das Gedicht wegzuschmeißen. Aber es ist im Kopf und will nicht raus. Es sitzt da fest, weil es so kurz ist, so brutal und doch so eingängig.
Und dann davon zu schwafeln, es könne ein Protest gegen Landminen sein, das ist geschmacklos.
Gut dass es Kinderbücher gibt, die solche Kinder zeigen und Eingrifflöcher anbieten, in die man seine Finger stecken kann, um seinen Zöglingen die heile Welt zu bieten. Darüberhinaus: Kinderbücher, in denen sich etwas bewegt, sind dynamsich. Und das ist es, was unsere Kinder brauchen. Nicht Gedichte von pathogener Hässlichkeit.

Georg Krakl: Halsgeschmeide (2014)


An einer Weide
lehnte eine Frau mit reichlich Halsgeschmeide.
Sie trug sonst nichts auf ihrem Leib
nur eine Last, wohl eine Bürde
der Blick war traurig, doch mit Würde
schien sie alles zu ertragen
ohne zum Warum zu fragen.
Das war ein Weib!
Nichts auf dem Leib,
aber Halsgeschmeide!
Und lehnt an eine Weide.
Und so voller Bürde!
Oder war es Würde?

Egal: Man soll nicht klagen!
Das Wichtigste: Die Frau stellt keine Fragen.

Kinder verwirren


Auf einem Kinderspielplatz in einem Park der Stadt Göttingen Hinweise für Kinder: Das dürft ihr! Das ist verboten! Das Verbotene ist durchgestrichen, das Gedurfte nicht. Was darf man? Sein Kofferradio auf die Erde legen und Kreise darum malen. Ein Hühnchen, das gegessen werden soll, vorher aufspießen und über einem Feuer erwärmen. Dem Hund, der sich eine Wurst aus dem Darm drückt, einen Eimer drunter halten (Geht bei kleinen Hunden nicht!). In einen Papierkorb hineinjonglieren, aber mit maximal drei Bällen. Bei bellenden Hunden die Schlinge enger ziehen bis sie röcheln oder still sind. Was ist verboten? Indianerspielen. Mit einem anderen Kind spielen und dabei Gegenstände benutzen. Mit dem Motorroller auf fremden Autos herumfahren. Immerhin: Es gibt nur drei Verbote, dafür aber 4 Tätigkeiten, die man tun darf. Schön. (Rücksicht nehmen? Haha! Wer denkt an Leute, die einigermaßen Rechtschreibung studiert haben? Im Interesse Aller bitte diese Regeln beachten! Wer ist Aller? Ein Fluss?)

Schnee verdeckte früher Gartenzwerge

Der Klimawandel wirkt überall, selbst im Garten des Schrebergärtners oder des Reihenhausbesitzers. Ha, kein Problem, Klimawandel? Macht mir nichts, ruft Theo F. über den Gartentzaun und postuliert unumwunden, dass er nun seine Lieblinge länger sehen könne als in all den Jahren vorher. Früher seien die lustigen roten Mützen schnell unter dem Neuschnee verschwunden und ihr Zauber war für einige Monate verloren, verborgen unter der Kälte und ihren Produkten. Jetzt aber sei sein "Watzmann" ganzjährig zu sehen und weithin leuchtend bewache er die ganze Laubenkolonie, so der stolze Besitzer des Keramikkerls, den er auf der rechten Straßenseite landauswärts Richtung Deutschland zwischen den Stellplätzen zweier Liebesdamen in Polen gekauft hat. Der normale Bürger schaut schon mal angewidert weg, wenn er im Dezember nicht den Weihnachtsmann in Miniaturformat vor den Rabatten knien sieht, sondern den profanen Gnom, der lieblos in grellen Farben koloriert wurde. Manch einer wünscht etwas bescheidenere Farben beim Gartenzwerg, die ihn verschmelzen lassen mit der Umgebung und damit fast unsichtbar machen. Schöner wäre jedoch, gerade weil es auf Weihnachten zugeht, eine Portion Schnee in der Laubkolonie, die alles, was man gern mit dem Spaten platthauen würde, aber nicht darf, weil das Sachbeschädigung wäre, die einfach alles zudeckt, mit dem weichen Mantel vorweihnachtlichen Liebe. Der Himmel hat kein Einsehen.

Farbe bringt Farbe in die Welt

Wie grau wäre die Welt, wenn nicht ein paar rote Pullover ins Auge springen würden, die von Menschen getragen werden, die das Graue nicht sonderlich schätzen, weil es sie gerade zur Spätsommerszeit so unendlich traurig macht?
Kommt, lasst uns unsere rosanen T-Shirts rausholen, überziehen und ein wenig in die nähere Umwelt gehen, damit nicht alles so trist aussieht!, sagt die Mutter von fünf Kindern und gefällt sich ein klein wenig als Farbtupferengel.
Was ist trist?, brüllen die Blagen wie im Chor.
Kinder, ihr müsst nicht alles wissen, macht einfach, was ich sage!
Das machen wir doch sonst auch nicht, antworten die Kinder und fragen, warum sie das denn heute sollten?
Die Mutter schaut aus dem Fenster und sieht, dass die Mutter mit den sechs Kindern bereits draußen an den Strohballen herumturnt, um der Welt etwas Farbe zu geben. Alle tragen lilane T-Shirts, die vom vielen Waschen ganz rosa geworden sind.
Beide Mütter wissen nicht, dass es "rosafarben" und "lilafarben" und auch, vorbeugend für Ostern, "eierfarben" heißt.
Aber sie meinen es gut mit dem Grauen auf der Welt; leider stehen sie in Konkurrenz zueinander.
Kinder, dann bleibt mal drin, denn ihr macht ja sowieso was ihr wollt! Wenn ihr aber wissen wollt, was trist bedeutet, dann guckt mal nach draußen. Da turnt die Mutter mit den sechs Kindern herum in ihren verwaschenen lilanen Blusen. Boh, ist das trist! Boh, die Alte turnt mich an.
Mutter, was bedeutet das: Die turnt mich an?
Hat man früher gesagt, da seid ihr noch nicht auf der Welt gewesen.
Ok, wir wollen jetzt mal raus! Können wie die rosanen Blusen tragen?
T-Shirts, Kinder, wir tragen T-Shirts. Blusen, die tragen die anderen.

LACHFALTEN


Lachfalten
sind schlaffe Haut.

Straffe! Schaut
in den Spiegel
solange es lohnt,
und greift in die Tiegel
und schmiert wie gewohnt
alle Stellen,
die sich irgendwann dellen
und wölben und weiten
und blähen und glaubt nicht den breiten
Grinsern, die Lachfalten preisen
und Jugend beweisen
wollen. Sie müssen kaschieren
Was Pasten und Cremes nicht verschmieren,
zutünchen oder verstecken.
Lachfalten
haben nicht ums Verrecken
Zu tun mit Humor, oder Freude, nicht mal guter Laune,
ihr Alten,
schaut:

Lachfalten
sind schlaffe Haut!

Menschen im Schlauchboot


Was bewegt Menschen, in einem Schlauchboot einen Fluss hinunterzutreiben? Der Fluss fließt langsam und müffelt ein wenig, also nicht unbedingt ein sinnlicher Hochgenuss, hier und da ein toter Fisch, daneben ein Angler, oder eine junge Frau mit ihrem Pitbull, die sich im Taschenspiegel betrachtet. Wir fragen uns alle, was kann einen Menschen bewegen, im Schlauchboot zu treiben? Ist es die Betonung der Tatsache, dass der Mensch im Boot schwimmen kann? Denn ein einfaches Taschenmesser oder ein Dosenöffner genügt, um dem Boot die Luft abzulassen und ihm seine Standfestigkeit zu nehmen, ein einfacher Stich bringt den Schlauchbootfahrer in die Gefahr, ein Bad in unsauberem Gewässer zu nehmen, vielleicht gegen eine ungeahnte Strömung anzukämpfen, laut um Hilfe schreien zu müssen, obwohl er Schwimmer ist, und dabei vielleicht eine gute Portion Flusswasser zu schlucken. Ein nachfolgender Rülps hat einen derben, fast ekligen Geschmack und der unfreiwillige Schwimmer wird froh sein, das Ufer zu erreichen.
Das ist kein Vergnügen.
Und doch: Immer wieder sieht man diese Waghalse, diese Abenteurer, wie sie dahindümpeln, wie sie versonnen in die Sonne blicken und gedankenverloren ihr Butterbrot kauen. Vielleicht sind es Menschen, die Schläuche lieben, oder Menschen, die Boote lieben, sich aber kein richtiges Boot kaufen können, und so zur aufblasbaren Gummilösung des Problems greifen. Eine Antwort bekommen wir wohl nie, denn die Schlauchbootfahrer sind längst hinter Petershagen oder in Wasserstraße verschwunden und treiben Richtung Bremen. Schade.

Faule Comiczeichner

Früher waren Comics was für Leute, die nicht lesen konnten oder in dicken Büchern schlecht vorankamen, wenn keine Bilder drin waren. Comics waren etwas für die Flachschädel der Gesellschaft und wurden deshalb von den Intellektuellen heimlich gelesen. Diese Menschen trauen sich bis heute nicht, eine Bildzeitung zu kaufen, weil sie nicht als blöd dastehen wollen. Immer müssen sie eine Zeit oder einen Spiegel außen rum haben, rollen das Ganze ein und klemmen es sich unter den Arm.
Erst nach und nach wurden Comics zum Kult, weil die Blöden immer mehr wurden, und jeder weiß, dass die Masse entscheidet, was gut ist und was falsch, und was man nicht tut, oder nur heimlich tut. Comiclesen darf seit einigen Jahren jeder und kann dann immer sagen, er betreibe soziokulturelle Vergleiche in Anlehnung an amerikanische Studien über das Leseverhalten der Inuit, denen die Amis ja nach den Indianern auch an den Pelz wollen, weil sie ihnen angeblich das Walöl streitig machen oder auf Bohrlöchern sitzen, die ihnen nicht gehören. Wer möchte schon gern ein Loch besitzen? So ein Schwachsinn: Ein Loch ist doch nichts, das Außendrumherum ist das Entscheidende. So sehen das aber auch die Eskimos und bauen weiter ihre Iglus und bohren Löcher, die sie besitzen möchten.
Comiclesen macht was her. Ein Comicleser wird neuerdings für schlau gehalten, oder wenigstens für gebildet. Es ist jemand, der es nicht mehr nötig hat, ein Buch zu lesen, der hat schon alles gelesen und kann sich jetzt in aller Ruhe die Bilder angucken. Der faule Comiczeichner schlägt daraus Kapital, denn er zeichnet flugs ein paar Bilder und überlässt es dem Betrachter, sich eine Geschichte auszudenken. So weit musste es ja nach jahrzehntelanger Diskriminierung kommen!

Ausbildungsberufe: Schießbudenfigur

Das war früher mal: Schießbudenfigur. Da schwang noch dieses Verächtliche mit, das sich über die Schaustellergilde erhob, sie als Menschen zweiter Klasse einordnete, die Mitreisenden alles Angelernte und Nichtskönner, die von zu Hausen weggelaufen waren, und die einem was auf die Zähne hauten , wenn man sie schief anguckte. Insgeheim dachte jeder: Schießbudenfigur. Niemand wusste damals wirklich, wie hart dieser Job war, wenn die Besoffenen die Tonröhrchen nicht mehr trafen und dann ganz aus Versehen auf den Mann hinter dem Tresen zielten, vielleicht nur aus der Hüfte, wie John Wayne oder Old Surehand, aber in der Hoffnung, ihm eins zu verplätten, keinen tötlichen Schuss, nein, einen, der nur weh tat, nicht einmal Blut sollte fließen, Luftgewehrkugeln klatschen hören auf Schaustellerhaut, die lange nicht geduscht hatte, wie die Trinker meinten, das wollten sie und ein kurzes Aufjaulen wahrnehmen, das für die Arrognaz der Randständigen entschädigte, für die Freiheit, in einer Bude auf Rädern herumzureisen und den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen für billige Plastikblumen, die Scharfschützen stolz der Liebsten geschossen hatten. Heute gibt es keine Schießbudenfiguren mehr, heute heißt der Mann wahrscheinlich Fachangestellter für Freizeitballistik. Weg mit der Romantik!

Welttag der "Knochenreste"

Mittlerweile gibt es ja für alles Welttage, meistens erfährt man davon nur zufällig; und wenn man selber mal dran wäre, kommt die Information zu spät und man muss wieder ein Jahr warten.
Heute, am Tag der Knochenreste, darf jeder Bürger, der Knochen zu Hause beherbergt, auch wenn er dies illegal tut, weil es sich um Bernhardiner Beppo handelt, den er vor fünf Jahren nachts im Garten eingebuddelt hat, für einen Tag die gehorteten Gebeine zur Schau stellen und den staunenden Nachbarn präsentieren. Die Polizei drückt ein Auge zu, so ließ der Regierungspräsident verlauten, die habe heute ihre Weihnachtsfeier und würde auf die neuen blauen Uniformen anstoßen, das sei doch ganz passend, lachte der zuständige Dezernent irgendwie unpassend. Was lange in der Erde gelegen hat, bekommt so noch einmal eine letzte Anerkennung. Der selbstgezimmerte Glaskasten kann jedes Jahr wiederverwendet werden und im Frühjahr als kleines Gewächshaus dienen. Vorsicht jedoch mit den dargestellten Knochen! Nach erfolgreichen Einsätzen von DNA-Tests kann es auch an diesem Tag zu unliebsamen Überraschungen kommen, wenn die Hühnerknochen nicht wie Hühnerknochen aussehen, sondern mehr Richtung Primaten-Skelett denken lassen.

Die Parabel von der Grußpostkarte


Zwei Zwergelefanten standen vor einer Grußpostkarte und bewunderten die Schönheit der Landschaft. „Sieh mal“, meinte der eine, „ wie schön ist doch hier der Frühling! Wie herrlich das Grün und die Blüten, und wie schön auch der Ort, der sich in die Natur einschmiegt, als sei er schon immer hier gewesen!“
Der andere nickte bedächtig und ergänzte:“Welch Idylle, welch Schönheit sind hier versammelt, wo kann man in der Welt einen Ort finden, der diesem gleicht?“
Der erste Elefant sprach:“Wohl kaum wirst du einen ähnlichen Platz finden, vielleicht in den Rocky Mountains oder am Himalaya, eventuell auch auf Sylt.“ „Du sagst es“, nun der zweite, „ich finde auch die Toskana nicht schlecht und schön ist es auch auf Mallorca, wenn man sich ein Auto mietet und in das Inselinnere fährt.“
„Doch sag,“ nun der erste, „welcher Ort ist das hier?“
„Keine Ahnung. Wie kann ein solch anmutiger Ort voller Schönheit keinen Namen haben?“, runzelt der zweite Zwergelefant seinen Rüssel.
„Das ist Tecklenburg“, antwortete die Grußpostkarte.
„Aha, das habe ich schon mal gehört und zwar in Verbindung mit Vorbommern. Tecklenburg-Vorbommern heißt es doch vollständig“, meldete sich der erste Zwergelefant wieder zu Wort.
„Alles Quatsch!“, zischte die Grußpostkarte, die wohl erbost darüber war, dass die beiden Tiere nicht einen Ort namens Tecklenburg kannten, der auf ihr abgebildet war.
„Aber es ist schön hier!“, jubelten die beiden wie aus einem Rüssel.
„Alles Quatsch!“, korrigierte die Grußpostkarte, „ihr zwei seid viel zu klein, um die Welt zu kennen oder überhaupt zu erkennen, ihr könnt ja noch nicht einmal über einen Postkartenrand hinwegschauen!“
„Wieso?“, fragten die kleinen Elefanten.
„Weil ihr zu klein seid!“, erwiderte die Grußpostkarte. „Sonst hättet ihr längst bemerkt, dass ihr vor einer Gußpostkarte steht, auf dem ein Bild von Otto Modersohn abgedruckt ist, das die Stadt Tecklenburg im Frühling zeigt.“
„Wer ist denn Otto Modersohn?“, fragte der erste Zwergelefant.
„Ja, genau, wer ist Otto Modersohn?“, wiederholte der zweite Zwergelefant.
„Der ist schon tot“, flüsterte die Grußpostkarte, und es klang ein wenig schadenfroh.
„Und was heißt das jetzt?“, sagte einer der kleinen Elefanten.
„Das heißt, das nichts ist, wie es scheint, schreibt euch das mal hinter eure rhabarberblättrigen Ohren!“, sprach die Grußpostkarte und schwieg danach.
„Da kannst du mal sehen“, sprach der erste Elefant.
„Ja eben nicht!“, sagte der zweite.
„Genau“, schloss der erste und die beiden zogen weiter und nahmen sich vor, ab jetzt Schein und Sein deutlich zu trennen, was ihnen aber erst in der Nähe von Stuttgart gelang.Die Grußpostkarte aber wünschte sich, dass endlich jemand eine Marke auf sie klebte und sie in die Rocky Mountains, in den Himalaya oder in die Toskana schickte. Oder wenigstens nach Sylt.

"Ein altes Weiblein hatte sich auf dem Gipel breit gemacht"

Das ist vermissverstandener Naturschutz. Ältere Frauen der alpenländischen Bevölkerung findet man jetzt immer häufiger auf den Gipeln der Dreitausender, weil sie das Abschmelzen der Bergkappen verhindern wollen. Da sie nicht genau wissen, wie das geht, setzen sie sich oft auf den Hintern und überlegen erst einmal. Meistens kommt nichts dabei heraus, weil es dort oben sehr kalt ist. Um sich aufzuwärmen greift die Schützerin schließlich zum scheinbar wärmenden Getränk, etwa einer Flaschen Mariacron oder Wodka, der ja angeblich keine Fahne erzeugen soll. Dass der Natur und besonders den schmelzenden Gipfeln durch diesen Aktivismus in Verbindung mit Alkohol kein Gefallen getan wird, zeigt sich daran, dass die nicht unerhebliche Gesäßwärme der Bergdamen das Abschmelzen der Eiskappen eher beschleunigt. Bislang konnte das den betreffenden Frauen nicht klar gemacht werden, weil sie meistens breit waren wie ein Schwertransport.

Neues aus der Möhrenforschung

Untersuchungen haben festgestellt, dass schlecht geschälte Möhren häufiger und länger auf dem Teller liegen bleiben, als gut geschälte. Wer also als Gastronom nachlässig mit dem Sparschäler oder dem Kartoffelschälmesser - hier zum Schrappen der Möhren eingesetzt - umgeht, muss damit rechnen, dass der Kunde und Feinschmecker auf Tomaten aus dem toxiphilen Spanien oder auf Nektarinen aus dem maroden Griechenland ausweicht.
Jahrelang galt die Möhre als das Gemüse des Vertrauens, denn die fremdgeschälte Rohkost bot immer eine willige Ablagerungsfläche für Keime, je nach dem, ob der Schäler oder Schrapper sich vorher die Hände gewaschen hatte, oder nicht. Auch seine Tätigkeiten vor dem Bearbeitungsvorgang konnte der Mikrobiologe zwar feststellen, nicht aber der vertrauensselige Esser.
Im Zuge schlampiger Präsentation verliert das Gemüse weiter an Punkten und scheint in den Status der "Wurzel" zurückgedrängt zu werden.

Oktoberfeste knallen das Land

Oktoberfest.
Bayrisch. Launig. Fesch.
Gute Gespräche. Gute Getränke.
Gute Aussichten.
Wichtige Einsichten.
So soll es sein.
Und alle machen mit.
Hier stimmt die Frauenquote.
Man muss nicht alles per Gesetz beeinflussen.
Ziele setzen, Perspektiven liefern,
Spasss haben. Dann geht alles.

Schlecht sitzende Kleidung

Schlecht sitzende Kleidung erregt häufig den Unmut von Menschen, deren Kleidung immer korrekt sitzt, weil es der Beruf verlangt.

Auch wenn ihnen schlecht sitzende Kleidung, etwa ein in der Unterhose verklemmter Baumwollrock, nicht schadet, so sehen sie doch ein Risiko für die Öffentlichkeit, die vielleicht verschämt wegsieht, die Augen schließt und dann vor Laternenpfähle rennt, um sich dort eine Blessur zuzuziehen.
Deshalb schauen und deuten Bürger mit korrekter Kleidung sorgfältig auf kleinste Anzeichen von Nachlässigkeiten, die möglicherweise unter erhöhtem Anziehstress durch Verschlafen oder Erwischtwordensein entstanden sind.
Die öffentliche Sicherheit geht einfach vor.
Die Werbung nutzt in diesem Rahmen geschossenen  Fotos, um für verschiedene Produkte die entsprechende Trommel zu rühren:
Für gute Bein- und Gesäßcremes, die jugendliche Straffheit erhalten.
Für Brüsseler Spitzen, die sich nicht nur an dunkelblauen und weißgepunkteten Unterhosen gut machen, sondern auch an Taschentüchern, Platzdeckchen und Tischdecken.
Für mehr Rot am Körper, weil das lustig aussieht.
Ziel der Bein- und Gesäßcreme-Industrie, der Unterhosen- und der Sitzenklöppelhersteller ist jedoch immer die Gewinnmaximierung.
Nur die Menschen mit korrekt sitzender Kleidung arbeiten uneigennützig und  schauen genau hin, denn zu sehen gibt es immer was. Anfassen dürfen sie ja nicht.

Frösche übernehmen die Weltherrschaft

Immer mehr Menschen träumen davon, dass ihnen ein Frosch auf dem Helm sitzt und sie unter Wasser drücken will, um anschließend die Weltherrschaft zu übernehmen.
Da reicht es dann nicht, ein freundliches Grinsen aufzusetzen, um den feindseligen Frosch zu besänftigen, denn jener ist der felsenfesten Meinung, dass es reicht einen Menschen zu ersäufen, um an die Macht zu kommen, gemeint ist aber, alle Menschen.
Glaubt doch wohl keiner, dass die Menschheit das Ruder an die glitschigen Grünlinge mit den Basedow-Augen abgeben, nur weil mal eben einer auf dem Grund des Teiches liegt!
Drum nicht grinsen, wenn ein Frosch auf dem Helm sitzt, sondern gelassen bleiben und ganz ruhig fragen, während man einen dieser kleinen spitzen Strohhalme zückt: Na, Meister, willst du mal doppelt so groß sein? Denkst du noch an  damals, als Harald Makulakulski dich sogar auf dreifache Größe aufgepumpt hat? Du bist leider geplatzt.
Das hässliche Kinderspiel, das natürlich keiner je gespielt hat, verunsichert den Glotzäugigen und er lässt sofort ab von seinem überheblichen Wunsch, die Weltherrschaft zu erringen.
Häufig reicht es auch, einfach keinen Helm zu tragen.

Blindes Huhn - Political correct?


Es gab eine Zeit, da hatte niemand Skrupel, ein Tellergericht "Blindes Huhn" zu nennen, das hauptsächlich aus Brechbohnen, Möhren und Kartoffeln bestand. Nach einem Huhn musste man lange suchen, und vielleicht bedeutete "Blindes Huhn" nur, dass ein solches, träfe es auf ein Gericht dieses Genres, die Brechbohnen in die Tat umsetzte. Blindes Huhn war und ist nichts für Hühner, auch nicht für blinde.
Heute sind die Menschen sensibler geworden, sie wollen political correct sein, sie wollen sich nicht eines schleichenden Rassismus oder einer latenten Aggressivität gegen ihre Mitwesen überführen lassen.
Früher hat man in diesem Zusammenhang den Kartoffeln die Augen ausgestochen, heute lässt man sie drin, wohlwissend, dass die Erdfrucht den Esser beim Verschlingen anblickt, vielleicht traurig und fragend: Muss das jetzt sein? Hättest du mir nicht die Augen ausstechen können, dann hätte ich das alles nicht mitansehen müssen?
Dem Menschen der heutigen Zeit ist es aber insgesamt wichtiger, als political correct zu gelten, statt sich um die Leiden der Kreaturen, zu denen die Kartoffeln auch gerechnet werden muss, zu kümmern, und ein bisschen Empathie in Handlung umzusetzen.
Da ist der Vegetarier schon viel weiter, wenn er sagt: Ich esse nichts, was Augen hat.

Wie Zahlen wirken: 4711


4711 - Der Duft der Sechziger, wenn die Familie an die See fuhr und die Mutter dem Vater die schwitzende Stirn mit Erfrischungswasser aus Köln betupfte, damit ihm wohler sei und er konzentrierter auf das Verkehrsgeschehen blicken konnte. Der Vater aber hatte vielleicht eine unparfümierte Blondine im Auge, die auf dem Trottoir ihre Einkaufstüte herumschlenkerte, um auf sich aufmerksam zu machen.
Der Vater fuhr bei Rot und die Mutter rief: Was machst du da? Es ist Rot!
Dem Jungen war schlecht, auch wenn er vorne saß. Es saß ihm alles vor dem Hals.
Das kommt nur von dem 4711!, wetterte der Vater und behauptete, es sei ihm in die Augen gelaufen, es habe gebrannt, er habe die Augen kurz zugekniffen und dann die Ampelstellung übersehen.
Dem Jungen war sehr schlecht. Streit schlug ihm auf den Magen.
Viel später hielt der Vater bei Grün an; vielleicht sollte das ein Ausgleich sein. Die Mutter glaubte das nicht.
Der Junge aber verband mit der Zahl 4711 Übelkeit.
Später sagte er für sich, ohne dass es jemand hörte: Ein Geruch zum Kotzen.

Tonnes Tagebuch: Gartenschuhe

Helmuth Neuton: No Gartenschuh for you(2013)
Liebes Tagebuch!
Ich habe im Baumarkt in der Gartenabteilung nach Gartenschuhen gesucht, meine Schuhgröße ist 46, und da war nichts.
Eigentlich wollte ich so crogartige mit verstärkter Sohle, damit man damit auch mal einen Spaten in die Erde treten kann. Nichts.
Ein Paar Gummilatschen in 46, die aber zu klein waren, hing verwaist in einer Höhe, die von 2,20-m-Menschen bequem zu erreichen sind; was ist los mit der Welt? Arbeiten im Garten nur Frauen und Kinder?
Fair-graben ist doch mittlerweile die Devise und Kinder machen mehr Arbeit, als sie selber leisten. Das muss man erst mal schlucken.
Dass Frauen arbeiten, sollte jeder Mann dankbar hinnehmen; dass man aber den Männern ihren Garteneinsatz vorenthält, ja sogar quasi ihren Unwillen anprangert im Regal des Anbieters,  weil er Gartenschuhe angeblich nicht nachfragt und diese deshalb nicht im Regal hängen, höchstens ein symbolisches Einzelstück unerreichbar in luftiger Höhe, für Dirk Nowitzki nur zu ergattern, das ist Diskriminierung!
Angeblich soll Gartenarbeit entspannen. Das hier aber ist frustrierend und mündet in Depression oder Aggression.
Ich habe mich eine Viertelstunde vor die Sämereien gestellt und gewartet, bis der Anfall vorüber war. Ranunkel stand da. Ich habe Reimwörter gesucht, weil das beruhigt. Runkel. Dunkel. Furunkel.
Ein eigener Garten ist auch so eine Form von Eskapismus; da machen wir uns doch alle was vor, Pseudoidylle bürgerlicher Angepasstheit.
Da mache ich nicht mit und dann  brauche ich auch keine dämlichen Gartenschuhe.

Tod, wo ist dein Stengel?

Mensch: Tod, wo ist dein Stengel?
Tod: Hä?
Mensch: Tod, wo ist dein Stengel?
Tod: Was soll das?
Mensch: Ich will es ja nur wissen.
Tod: Ich habe keinen Stengel.
Mensch: Aber man sagt doch so allgemein: Tod, wo ist dein Stengel?
Tod: Sagt man nicht.
Mensch: Ich denke schon.
Tod: Ich habe keinen Stengel.
Mensch: Doch.
Tod: Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann hole ich dich.
Mensch: Warum denn das jetzt wieder? Nur weil ich gefragt habe?
Tod: Irgendwann bist du dran.
Mensch: Man wird doch mal fragen dürfen.
Tod: Ich habe einen Stachel.
Mensch: Aha.
Tod: Genau.
Mensch: Und wo ist der bitteschön?
Tod: Das geht dich gar nichts an.
Mensch: Man wird doch mal fragen dürfen.
Tod: Wenn man den Stachel sähe, müsste ja keiner fragen.
Mensch: Was denn jetzt? Stengel oder Stachel?
Tod: Kannst du nicht zuhören?
Mensch: Was bist du denn so empfindlich?
Tod: Ich bin der Tod. Der Tod ist nicht empfindlich.
Mensch: Hört sich aber genauso an.
Tod: Ok. Das war's. Jetzt kommst du mit.
Mensch: Das sehe ich gar nicht ein. Ich habe nur gefragt, weil es mich interessiert.
Tod: Dann halt endlich die Klappe.
Mensch: Ist ja gut. Dann frage ich eben nicht mehr.
Tod: Na, endlich.
Mensch: Dann denk ich mir meinen Teil.
Tod: Fang nicht schon wieder an.
Mensch: Man wird ja noch denken dürfen.
Tod: Das hast du dir gedacht.
Mensch: Genau.
Tod: Jetzt reicht's. Ich geh den Stachel holen.
Mensch: Na endlich. Und....bring auch den Stengel mit!
Tod: Ich krieg die Krise. Früher war das alles einfacher. Da wurde gestorben, wenn ich das wollte. Ich kann's nicht mehr hören, überall muss diskutiert werden. Ich hätte Bestatter werden sollen.

Über die Liebe (1)

Bis zum Alter von sechs Jahren hatte Bodo die kräftigen, aber wohlriechenden Oberarme seiner Mutter geliebt. Es war eine reine Liebe gewesen, ohne Fehl und ohne Falsch, bedingungslos. Es war eine Liebe gewesen, fast so wie die eines kleinen Hundes, der sein Frauchen liebt, egal was es gerade getan hatte, egal ob es versagt hatte, ob es die Eltern enttäuscht hatte, ob es schlechter oder guter Mensch war, einfach so. Weil der kleine Hund kleiner Hund war und das Frauchen Frauchen.
Agape.
Diese reine Liebe hatte sich Bodo bewahrt, weil er sich strikt geweigert hatte in den Kindergarten zu gehen, und weil es ihm nicht vergönnt gewesen war, gleichaltrige, aber andersgeschlechtliche Menschen, Mädchen genannt, kenne zu lernen.
Mit dem Eintritt in das Volksschulalter änderte sich alles.
Mit dem Eintritt in die Volksschule.
Da hatte er sich in Ruth-Vera aus der ersten Reihe verliebt.
Sie hatte schmächtige Oberarme und nie hatte es geklappt, dass er an diesen hatte riechen dürfen. Trotzdem hatte er sich in sie verliebt und beschloss, sein Leben mit ihr zu teilen.
Er wollte nicht Feuerwehrmann werden, nicht Astronaut oder Pilot, nicht einmal Finanzbeamter oder Lokomotivführer.
Er wollte Ruth-Vera heiraten.
(Fortsetzung folgt)


Auf die Tube drücken


Liebes Tagebuch!
Heute morgen im Bad dachte ich darüber nach, was wohl eine Handcreme denkt, wenn man sie auf die Füße reibt? Fühlt sie sich zweckentfremdet oder verschwendet?
Oder teilmissbraucht? Fühlt sie sich geehrt, weil die Füße für die Handcreme in der Rangfolge der Körperteile weiter oben angesiedelt sind? Ein Teil bleibt beim Einschmieren der Füße ja auch an den Händen kleben. Allerdings sind die Füße ja ganz unten, und die Hände sind wichtiger, weil man mit denen Verträge unterzeichnet und Menschen begrüßt.
Dann musste ich plötzlich an  fußgemalte Weihnachtskarten denken, die nicht schöner waren als handgemalte, aber die man früher aus Mitleid kaufte. Vielleicht waren sie aber auch mundgemalt, das verwechsele ich oft mit mundgeblasen, was ja im Grunde  doppelt gemoppelt ist, weil der Mund für den Menschen die einzige Möglichkeit ist, zu blasen.  Jedenfalls kontrolliert zu blasen, zum Beispiel eine Trompete.
 Niemand hat je von fußgeblasenen Weihnachtsliedern gehört.
Was die Handcreme nun wirklich dachte, konnte ich nicht herausfinden; ich entschied mich dafür, dass Handcremes nicht denken können und es ihnen deshalb egal sein muss, ob sie auf einer Hand, einem Fuß oder einer unsichtbaren Stelle am Körper landen. Dem Kopf ist es vielleicht nicht egal, wenn man an ihm Fußcreme aufträgt, denn ein Kopf kann denken.


Beim Zähneputzen musste ich an Tanja denken, die manchmal sagte, wenn ich zu spät dran war, „ du musst mal etwas auf die Tube drücken“.
Beim Betrachten der Zahnpastatube fiel mir auf, dass man nicht „etwas auf die Tube“ drücken kann. Es muss schon so stark sein, dass vorne die gewünschte Menge Paste hervorquillt. Das zärtliche „Aufdietubedrücken“ führt oft gar nicht zum Erfolg, denn die gewünschte Masse bleibt im Behälter. Wer etwas aus der Tube haben möchte, sollte kräftig drücken, oder besser angemessen, und bloß nicht mit so einem Ichwilldirnichtwehtun-Gefühl.
Die Tube bestätigt den richtigen Druck immer durch das Ausscheiden der gewünschten Menge. Da gibt es keine Missverständnisse. Manchmal wünscht man sich so ein klares Verhältnis auch zwischen Menschen, besonders in partnerschaftlichen Beziehungen.

Wie lang können wohl Nasenhaare werden?, dachte ich beim Rasieren. Aus dem Haupthaar kann man dicke Zöpfe flechten, aus einem Bart, den man wachsen lässt auch, etwas weniger dicke; aber aus Nasenhaaren? Bei der Ohrbehaarung bin ich mir auch nicht so sicher; immer wenn meine guten In-Ear-Kopfhörer nicht mehr in den Gehörgang passen, ist es Zeit, mit dem Trimmgerät, das dem Nasen- und Ohrenhaarbeschnitt  dienen sollte, Platz zu schaffen.
Wie lang die Ohrenhaare wirklich werden können, weiß ich nicht.
An anderen Stellen des Körpers passiert gar nichts. Alles bleibt, wie es ist. Nur am Kopf, wieder mal am Kopf!, ist es anders.
Früher war eine Glatze ein Makel, besonders bei jungen Menschen.
Dann kam die Phase, wo man beschämt beseite schaute und dachte: Chemotherapie! Mutig. Keine Mütze. Keine Perücke.
Dann führte Telly Savalas die Glatze und den Lolli ein. Ein gesellschaftlicher Widerspruch. Ein kahlköpfiger Greis mit der Vorliebe für Kindernahrung.
Heute sind wir umzingelt von Glatzen, oft von Ganzkörperglatzen. Wer in die Sauna geht, muss annehmen, man habe die Pubertät abgeschafft.
Beim Entfernen des letzten Rasierschaums, fragte ich mich: Warum rasieren wir uns?
Warum lassen wir nicht einfach wachsen? Alles und immer?
Dann hörte ich Tanja rufen: Du musst mal etwas auf die Tube drücken! Du bist spät dran.

Der Tag, hatte schon nachdenklich begonnen. Was sollte wohl daraus werden?
Ich hatte natürlich keine Fußcreme auf meinen Kopf gerieben, damit mal Pause war mit  dem Nachdenken. Als ich überlegte, In welchem Verhältnis mein Kopf wohl zu meinen Händen und  meinen Füßen und überhaupt zum ganzen Körper stünde, wobei er ja ein Teil des Ganzen war, hörte ich Tanja wieder rufen: Du musst jetzt mal kräftig auf die Tube drücken, wenn  du nicht zu spät kommen willst!

Kräftig auf die Tube drücken,  das klang gut.
Jepp, rief ich etwas zu jovial für diesen Morgen voller Fragen, und stürzte mich in den neuen Tag.
Später mehr,
dein Tonne

P.S: Liebes Tagebuch!
Beim Möhrenschälen für die Mittagspause dachte ich darüber nach, ob man Zeit spart, wenn man erst an allen Möhren die Enden abschneidet und sie dann alle schält und dann alle kleinschneidet, anstatt jede Möhre einzeln und nacheinander zu beschneiden, zu schälen und in Stück zu schneiden.
Und: Wie viel Zeit man bei 200 Arbeitstagen im Jahr sparen könnte, wenn man täglich effektiv vorbereitete Möhren mitnähme,und wie schön es wäre, wenn man die Zeit im Stück und auf Wunsch, zum Beispiel heute, zur Verfügung hätte.

Theodor Heuss im Theodor-Heuss-Park?


Da sitzt ein dicker, alter Mann aus Bronze auf einer Bank, den Kopf leicht gesenkt, nachdenklich-betrübt, Halbglatze, in schlichter Kleidung, die besonders in den Armbeugen Falten wirft, und stellt den interessierten Spaziergänger vor die Frage: Wer soll das denn sein?
Zu Hilfe kommt bei der Beantwortung der Frage die Tatsache, dass sich das Ungetüm, das direkt vor einem Spielplatz als Kinderschreck platziert wurde, in einem Park sitzt, der Theodor-Heuss-Park heißt.
Dann wird es wohl Theodor Heuss sein, vermutet eine Mutter, die gerade ihr laut schreiendes, verstörtes Kind einfängt, das sich partout nicht auf den Schoß des Metallkerles für ein Foto setzen will. Ja aber, wendet der scharfsinnige Tourist ein, war denn nicht Theodor Heuss so ein kleiner Mensch? Fast durchgehend weiß und vor allem unwahrscheinlich platt, also dünn, sodass er auf eine Briefmarke passte? Dieses Gußgeschöpf kriegt man doch noch nicht mal in einen Karton, in dem man ihn wegschicken könnte! Da ist ein Fall für den Schwertransporter. Da haben Sie wohl recht, ergänzt die Mutter, die ihren verheulten Rotzlöffel jetzt am Arm hält und einen zweiten Versuch startet, den Knirps auf das kalte Knie des Sitzenden zu pressen. Können Sie mal schnell ein Foto machen? Ich halte Kevin so lange fest....
Der Tourist schießt ein Bild, leider mit seiner eigenen Kamera; die gestresste Mutter merkt das nicht. Aber, denkt der Tourist, ich kann das Bild zu Hause ja wieder löschen.
Die Frage aber bleibt offen: Wer ist Theodor Heuss nun wirklich? Und wo sitzt er?