Vor der Wahl ist nach der Wahl

Das haben die großen Parteien gemeinsam: Sie sind ehrlich und stehen dazu, wenn sie mal wieder Mist gebaut haben, um es volksnah zu formulieren.
Dass Drohungen zur Drohnenaffäre am Kanzleramtschef abgeglitten sind, dass sich die Wahrheit nur schwer, wenn nicht schwerlich ermitteln ließ, lässt seine Partei nicht im Raum stehen, sondern geht in die Offensive, unbemannt natürlich.
Ein Auszug aus einer Wahlkampfrede beweist, worum es dem Politiker und der Partei geht:
"Lügen haben wenigstens kurze Beine, die Wahrheit aber hat aber gar keine.
Wie soll sie denn da stehenbleiben? Mag sein, dass die Wahrheit liegt, dann wäre sie den Lügen gegenüber gehandicappt. Die Wahrheit kann sich nicht einmal fortbewegen, auch wenn sich manche das manchmal wünschen. Die Wahrheit bleibt; der Kurzbeinige aber kann weggehen und anderswo sein Wesen treiben.
Wer christlich-demokratisch wählt, weiß sein Herz für Kurzbeinige und ähnlich Geartete gut untergebracht. Wer es aber der Wahrheit gleichtut und einfach liegenbleibt, so tut, als habe er keine Beine und könne sich nicht bewegen und arbeiten, der ist träge und faul und schmarotzt und nutzt aus und liegt dem Bürger mit den kurzen Beinen auf der Tasche. Und den Politikern natürlich auch.
Jeder sollte wissen, was er tut. Das ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, mit der man in der Regel nicht viel anfangen kann. Hauptsache das Kreuz auf dem rechten Fleck machen!
Danke für ihre Aufmerkel!"

Aus der Reihe "Reden und einfach weiterreden lassen" nächste Woche "Wo Phil Lipp, da viel  R wie Rösler".

Weisheit des Alltags

Liegen haben kurze Beine.

Vor der Wahl kommt die Qual

Jetzt mal Schluss mit den Doktorspielen, Silvana, jetzt komme ich!
Nachdem nun auch Politikerin Silvana K.-S. ihren Titel wegen Abschreibens abgeben musste, wirft sich ihr Schwesterles Erzfeind Brüderle an die Backe und raunt: Frauen ohne Doktortitel wirken irgendwie netter, nicht so abgehoben, nicht so unnahbar, offener und zugänglicher. Und überhaupt: Wozu brauchen die den überhaupt? Küsschen links, Küsschen rechts! Und jetzt zur Sache, Schätzchen!
Kindererziehung geht doch aus dem Bauch heraus! Hahahaha, lacht der Freidemokrat über seinen schlechten Scherz, denn einer muss es ja tun. Dass er nicht nur Frauen im Kopf hat, widerlegt er mit der Information, er übe abends Hindernislauf, damit er die 5-Prozent-Hürde  in den Bundestag schaffe. Sein Sportabzeichen wolle er demnächst auch ablegen, denn das wirke irgendwie lächerlich, es immer hinter dem Revers seines Sakkos zu tragen.


Weisheit des Alltags

Die Wahrheit hat keine Beine.

Günter Krass: Frau beim Vorbeischwimmen auf Schemel (3)


Neulich schwamm ich unter Wasser und traf auf eine Frau. die auf einem Schemel hockte und irgendwie ein rosa Ei gelegt hatte, oder man hatte es unter sie gelegt.
Sie saß eher verkrampft und schien auf einer Tastatur zu tippen, war an Schläuche verschlaucht und hatte eine Art Atemmaske im Mund und eine Taucherbrille, die ihr ein surrealistisches Aussehen gaben.
Sie war vollkommen unbekleidet und sich dessen wohl nicht bewusst, denn sie saß konzentriert und in sich versunken auf dem Schenkel, unter dem ein rosa Ei saß oder schwebte oder schwamm, das konnte ich nicht erkennen.
Ich dachte im ersten Moment, ich müsse ihr helfen, doch dann sah ich einige dünne Wesen in ihrer Nähe, so wie man sich Geister vorstellt, die man vor dem Eintüten die Luft abgesaugt hatte.
Ich beschloss, nicht weiter zu fragen, denn mir selbst ging gerade die Luft aus, und man soll ja anderen nicht helfen, wenn man selbst in Gefahr kommt dadurch eben.
Schade.
Die Frau mit den Kabeln sah eigentlich ganz gut aus und ich hätte sie gern auf einen Kaffee oder eine Latte eingeladen. Unter Wasser ist das aber schwierig, denn man bekommt kaum Luft und wenn man den Mund aufmacht ohne auszuatmen, dann strömt Wasser in den eigenen Körper und man wird vielleicht überflutet.
Trotzdem fand ich sie nett, obwohl sie mich gar nicht bemerkt hatte.
Die dünnen Wesen aber versuchten Kontakt mit ihr aufzunehmen durch Handzeichen, obwohl sie keine Hände hatten, aber irgendwie schafften sie es, mich aufmerksam zu machen. Sie formten Hände und zeigten mir den Mittelfinger, als wollten sie sagen: Des Rätsels Lösung liegt in der Mitte. Oder: Eine Hand wäscht den Mittelfinger der anderen Hand, was ja bekanntlich ein altes Sprichwort ist.
Ich schwamm dann doch weiter.

Deutschland vor der Wahl: Ich ess' einen Apfel für Sie

Da sitzt unser Steffen gekonnt lässig wie nie auf dem Wahlplakat, er, den wir nur in steifem Anzug kennen, der bis vor einiger Zeit noch Bartträger war und von der bedrohlichen Kugeligkeit des Kopfes ablenken wollte; er hat locker einen grünen Pullover um die Schultern drapiert, als wolle er sagen: Mich friert es nicht, aber wenn, dann wäre da was, was mich wärmte!, und hält in der Hand einen Apfel über einem Tablett, das seine Frau nicht schöner hätte dort hinstellen können. Ich ess auch Äpfel, scheint die Botschaft zu lauten, und das tue ich auch im Bundestag für Sie und Sie und ganz besonders Sie.
Die Brille wie immer korrekt vor den Augen und ein smartes Lächeln wollen uns mitteilen, dass es im Bundestag doch viel schöner ist, als mancher sich denkt, immerhin gibt es kostenloses Mittagessen, wenn man seine Marken sorgfältig einteilt. Neulich hatte eine Servicekraft den Teller noch mit einem Extraschlag versehen, denn sie hatte den Steffen wiedererkannt.
Alles zusammengefasst will uns unser Steffen mitteilen, dass er gewählt werden will, denn ein Job im Bundestag wird ganz gut bezahlt.
Der Pullover deutet an, dass er als Christlicher sich auch die Grünen aufbürden würde, wenn es mit den Pappkameraden der Freien nicht klappen sollte. Der Apfel dupliziert den runden Schädel und kündet von der frohen Botschaft für alle Kugelköpfigen: Macht es euch schön! Macht macht schön! Macht macht mächtig! Keine Macht für Oma!
Die Listen der Machtnix-Sätze ist unendlich und verstehen muss sie keiner.
Wählen, das ist wichtig.
Das Kreuz an die richtige Stelle machen, auch wenn man's in ihm hat.
Die Crux mit dem Kreuz .... aber damit hatte die Christen es ja immer.
Wer seinen Apfel für einen anderen Menschen isst, kann sich des Paradieses gewiss sein.
Blödsinn!, wird mancher denken und damit recht haben. Aber so ist es nunmal im Wahlkampf. Die Wahrheit kommt immer erst hinterher, weil Lügen zwar kurze Beine haben, die Wahrheit aber keine.


Fotos schöner machen

Es kann so einfach sein. Ein Foto muss nicht langweilig sein. Mit ein wenig Know-how, einer ruhigen Hand und einem Griff in die Asservatenkammer könnten uninteressante Lichtbilder einen neuen Glanz erhalten.
Ein Tipp: Lächeln zieht immer. Auch wenn es nicht das eigene ist.

Plattentektonik und Erkenntnis

WIlfried Hackeböller: Kachel 3/126
 "Hund, Katze, Großohrhamster und liegendes Huhn neben Belgischem Rammler"
(2013)
Wir sehen, was wir sehen wollen.
Aber manchmal ist das, was wir sehen, auch zwingend; wir entscheiden nicht über das, was sich uns entgegenstellt.
Wer die Hackeböllersche Plattentektonik auf dessen Minibalkon besichtigt hat, wer diese Ausstellung des Minimalismus bei größtmöglicher Gewinnerwartung und kleinstmöglichem Arbeitseinsatz gesehen hat, wer weiß, dass hier dem Künstler "Zufall" die Kreativität überlassen worden ist,  der kann nur noch losschauen und einen Sinn hinter dem Gesprenkel suchen.
Eine Anordnung von Flecken und Linien drängt förmlich dahin, Kritik an Haustierhaltung und vor allem dem Haustier "an sich" zu üben.
Die Katze als Obertier, weil angeblich mit dem schärfsten Verstand beschenkt, will herrschen, schaut auf den tumben Hund herab, der sich duckt, weil er Angst vor Schmerzen hat, weil er in der Hundeschule in der selben Ecke stehen musste, in die er seine stinkende Hinterlassenschaft abgelegt hatte und weil er einfach ein Herrchen braucht, das ihm sagt, wann es losgeht und wohin.

Oben und unten sind klar geregelt; der Mensch merkt nichts und hält sich raus; am Elend der Tierhierarchie kann er nichts ändern. Der Großohrhamster unterlässt Hilfeleistung und macht sich zum verachteten Tier, das nur dem Eigennutz huldigt.Er bleibt unauffällig und karikiert damit den Massenmenschen, der sein Geld in Depots und Fonds hortet und den die Raffgier auffressen möchte, wenn er nicht einen  Nachgeschmack hinterlassen würde.

Ein erstauntes Kaninchen sitzt zwischen allen Stühlen und kann sich nicht entscheiden. Die Katze fräße es, wäre es nicht ein Belgischer Rammler, der ihr problemlos ein Schleudertrauma verpassen könnte. Kaninchen sind in der Regel recht schlicht gestrickt, das Belgische Rassetier ist da keine Ausnahme.

Ein blindes Huhn hat sich auf die Seite gelegt und den Schnabel gegen ein Maul getauscht, um noch erstaunter auszusehen. Dass es wirkt, als wolle es mit dem Hund kuscheln, scheint niemanden zu befremden, denn Hühner sind devot und haben nach dem Eierlegen nur das Bequeme im Sinn.
Das alles, das allesallesalles und noch viel mehr kann man auf einer einzigen Fliese entdecken. Wer die Augen öffnet, kann mit dem Sehen beginnen.
Man mag von Hackeböller als Künstler halten was man will, oder auch nicht.

Die Tierwelt dankt es mit einem "mmmmmmrrrrrrrrruuuaaaaaaaaahhuööööörwuff!" und hofft, dass sie nicht unentdeckt bleibt.

Aus der Tierwelt: Die Bremer Stadtsimulanten

Chrrrr: Wenn wir berühmt werden wollen, brauchen wir einen Namen, das ist wie ein Markenzeichen.
Mau: Ich hab es doch gesagt: Die Bremer Stadtsimulanten.
Wau: Gibt es die nicht schon?
Mau: Du meinst die "Bremer Stadtmusikanten".
Wau: Aber wir können doch gar kein Instrument spielen.
Chrrrr: Doch.
Mau: Was denn?
Chrrrr: Nasenflöten. Zwei auf einmal, in jedes Loch stecke ich eine.
Wau: Und wie holst du Luft?
Chrrr: Durch die Haut.
Wau: Donnerwetter.
Chrrrr: Scherz.
Mau: Leute, zur Sache!
Wau: Jawohl.
Chrrrr: Also, was jetzt.
Mau: Bremer Stadtsimulanten. Wer ist dafür?
Wau: Ich.
Chrrrr: Ich.
Mau: Ich auch. Einstimmig.
Wau: Was sind eigentlich Stadtsimulanten?
Mau. Die Frage kommt jetzt zu spät.
Chrrrr: Aber hundertpro.
Wau: Man kann ja mal fragen.
Mau: Eben.

Anmerkung der Redaktion: Der Name "Chrrr" wird durch Einsaugen der Luft durch die Nase erzeugt, indem man die Nasenflügel flattern lässt.
Der Autor wünscht von Herzen, dass der Name auch in der Menschenwelt sowohl als männlicher als auch als weiblicher Vorname Einzug hält. Wie schön wäre es, wenn Menschen nachts im Schlaf den Namen ihres Kindes unablässig an die Zimmerdecke intonierten.

Hackeböller: Mein Ostbalkon Kachel 2/126 "Spiegelei"

Wilfried Hackeböller: "Spiegelei" aus "Mein Ostbalkon"
(2013)
Material: Geplatzte Fliese, Fugenzement, Wasser, Dreck
Hackeböller schneidet immer wieder Lebensthemen an. Das Spiegelei spielt besonders im Leben einsamer Menschen eine Rolle, insoweit, dass es suggeriert, man könne sich in ihm sehen.
Hach, sehe ich heute wieder gelb aus, es wird doch wohl nicht die Leber sein; vielleicht ist es aber auch nur der schlecht ausgeheilte Sonnenbrand von letzter Woche.
So oder ähnlich können Gespräche sein, die beim Anblick des Objektes initiiert werden.
Nebenbei stellt sich heraus, dass das Weiße eher selten Ansprechpartner ist, das Gelbe dominiert in dieser Rolle unbedingt.
Kulturkritisch gesehen, scheint für die weiße Rasse  der Spätherbst eingeläutet zu sein, das Gelbe und damit der gelbe Mensch deutet auf die dynamische Progression aus Asien hin, die die Weißen ins Abseits drängt, wenn er dem nicht Einhalt gebieten kann.
Noch am Rande, aber in die Mitte drängend, kann sich der Billiglandgroßproduzent von Plastikspielzeug und anderem Unnützen unaufhaltsam in das Terrain der Weißen schieben und Zentimeter um Zentimeter Land gewinnen.
Wer in den Spiegel sieht, sollte sich nicht wundern, wenn er etwas sieht.
Ein Spiegelei allerdings ist nur ein Trugbild, dem man nicht verfallen sollte.
China ist weit.
Das Weiße ist groß.
Der rote Mann ist der tote Mann; dafür haben die hellhäutigen Usurpatoren gesorgt.
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Das ist doch ein Kinderspiel.
Auch wenn viele Fragen offen bleiben, so fehlen uns doch die Antworten.
Hackeböller verwirrt wie immer.

Neue Ausstellung mit Exponaten von Wilfried Hackeböller : Mein Ostbalkon (2013)

Wilfried Hackeböller: Kachel 1/126 "Arm zum Gruße"
(2013)
Heute Ausstellungseröffnung. 126 Exponate des Rostkünstlers Wilfried Hackeböller werden auf einer Fläche von 1 Meter 30 mal 4 Metern gezeigt und sind sogar begehbar. Wer barfüßig kommt, muss vorher nicht die Schuhe ausziehen. Haptisch-taktile Erfahrungen sind garantiert.
Hackeböller hat sich diesmal dem Thema "Frostschäden/Wenn die Balkonverfliesung wegplatzt " gewidmet und hofft, mit dem Reinerlös den Neubau eines dreimal so großen Objektes zu finanzieren.
"Eine so kleine Ausstellung mit so vielen Exponaten, das hat es ja wohl noch nicht gegeben!", so Hackeböller. "Da wundert sich ja sogar der Flohzirkus."
Auch wenn man den gedanklichen Sprung in die Schaustellerwelt nicht nachvollziehen kann, die Exponate überzeugen mit radikaler Zerstörungskraft, ohne aber gewalttätig zu wirken. Neo-Destruktivismus will Hackeböller die Kunstrichtung benannt wissen und hofft, dass nicht schon wieder ein Kunstbanause zugeschlagen hat, um sich den Namen schützen zu lassen.
Was, wenn es noch gar keinen Destruktivismus gibt? Was soll dann die Vorsilbe Neo? Ach, wahrscheinlich gibt es den.
Hackeböller beschreibt das Neue an seiner Kunst: Nicht er selbst haut drauf, sondern er lässt draufhauen, diesmal durch den Frost.
Und der kann nichts dafür. Also auch ein bisschen Neo-Paziifismus.

Parabel: Das Gras und die Ameisen

Das Gras beugte sich tief unter der Mittagsglast. Die Hitze drückte es nieder und es ächzte, dass es wohl sterben würde. Jeden Tag der Hitzeperiode stöhnte und jammerte es, es gehe ein, verende, es sei verdammt.
"Halt endlich die Fresse!", schrien die Ameisen, die die Bestandteile einer toten Libelle in die Katakomben ihre Hügels schleppen mussten.
"Halt endlich die Fresse, beklopptes Gras! Wir schleppen uns bei dieser Hitze die Ärsche wund und du liegst nur rum!"
Dann kam ein Mensch des Weges und trampelte das Jammergras weiter nieder, sodass es sich am Boden zerstört glaubte.
"Oh, wie anmutig diese Ameisen trotz dieser Hitzeperiode doch arbeiten. Nichts geht verloren, nicht einmal diese tote Libelle", flüsterte der Mensch sich selber ins Ohr.
"Noch so ein Idiot!", schrien die Ameisen. "Anmut, Anmut, was soll das denn sein?"
"Almut! Almut!", rief der Mann seine Frau herbei. "Schau dir das auch an!"
Seine Frau trampelte über das Jammergras herbei und staunte über die Anmut der Ameisen.
Dein beiden Menschen fielen zwei Schweißtropfen von der Stirn und trafen zwei Ameisen, die gerade den Libellenunterschenkel rechts wegschleppten.
"Scheiße, auch das noch!", schrien die beiden, doch niemand konnte sie hören, weil so doch so klein waren, ausgenommen die anderen Ameisen, die in der Nähe waren.
Das Gras stöhnte und ächzte; die Menschen setzten ihren Weg fort und dachten: "Schön ist es auf der Welt zu sein."
"Du Helmut", sagte Almut, "ist das nicht ein Schlager von Roy Black und Annika? Oder Annemarie?
Oder Anita? Ja, genau, Anita! Wie alt die jetzt wohl sein mag?"
"Das ist von Roberto Blanco. Der ist doch auch schwarz", sagte Helmut.
Das Gras wollte immer noch sterben, die Ameisen kreischten fast ihr "Fresse halten!" raus und die Menschen waren betrübt, dass ein schöner Schlager nicht von Roy Black und Anita war.
Nur die Hitzeperiode störte das alles nicht. Sie dauerte an.
"Roy Black heißt übrigens König der Neger", klugscheißerte Helmut.
"So was sagt man nicht", korrigierte Almut.
"Hört doch keiner", murmelte Helmut.


Mit der Lochkamera unterwegs (1)

Zermatt.
Skiurlaub 2013.

Nietzsche: Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein

Abgrund: Kuck nicht so.
Bruno: Wieso? Ist doch nicht verboten.
Abgrund: Wenn du meinst.
Bruno: Ja, meine ich.
Abgrund: Wenn du weiter in mich reinkuckst, dann kucke ich auch in dich.
Bruno: Denkst du.
Abgrund: Nee, weiß ich. Das ist verbürgt.
Bruno: Von wem? Wer's glaubt...
Abgrund: Nietzsche.
Bruno: Na und? Kenn ich nicht.
Abgrund: Das war ein ganz Schlauer.
Bruno: Blödsinn.
Abgrund: Gar nicht.
Bruno: Und was siehst du?
Abgrund: Hab noch gar nicht angefangen.
Bruno: Dann fang doch mal an.
Abgrund: Ganz ruhig, ja? Das Tempo bestimmt immer noch ich. Du hast mit dem Kucken angefangen.
Bruno: Und, was siehst du?
Abgrund: Nichts.
Bruno: Wie, nichts?
Abgrund: Da ist nichts.
Bruno: Aber da muss doch was sein.
Abgrund: Nee, ist nichts.
Bruno: Dann wär ich ja hohl.
Abgrund: Höchstwahrscheinlich.
Bruno: Aber da müssen doch Innenwände sein, wenn ich hohl wäre.
Abgrund: Da ist nichts.
Bruno: Aber so hohl kann ich doch gar nicht sein, dass nicht mal Innenwände da sind.
Abgrund: Scheinbar doch.
Bruno: Du Arsch!
Abgrund: Völlig hohl.
Bruno:Ich komm da gleich hin!
Abgrund: Nicht mein Problem.
Bruno: Du denkst, ich trau mich nicht.
Abgrund: Wahrscheinlich bist du so hohl.
Bruno: Sag das nach mal und ich komme.
Abgrund: Wahrscheinlich bist du so hohl.
Bruno: Ich habe dich gewarnt.
Abgrund: Komm doch.
Bruno: Ok. Einmal lass ich dir das durchgehen.
Abgrund: Völlig hohl...

Weiser Mann und noch weiserer Mann nach dem Erkenntnisbrabbeln



Der weise Mann schwafelte mal wieder rum, denn er hatte von seinem Meister gelernt: Schwafel rum, wenn du ein weiser Mann werden willst, irgendwas Gutes ist schon dabei. 
Das kannst du dann dem Volk erzählen und alle werden an deinen Lippen hängen und dich für einen weisen Mann halten.
Der weise Mann legte los, er hatte sein Frühstück, das aus einem hartgekochten Ei, Schinken und einer guten Portion Cornflakes mit Schoko bestanden hatte, beendet, rülpste laut und murmelte: Hätte auch ein Furz werden können.
Das ist nicht neu, dachte er, das hat mein Oppa auch schon gesagt, wenn ihm einer rausgeknallt war. 
Zieh mal, hatte sein Onkel immer gesagt, und seinen kleinen Finger hingehalten. Wenn er dran gezogen hatte, entfuhr dem Onkel ein gewaltiges Darmgeräusch, was ihn, den kleinen Jungen, entsprechend erschreckte. Der Onkel lachte dann immer.
Nicht abschweifen, weiser Mann, sagte der werise Mann zu sich, und fing mit einer Brabbelübung an, einer Art Zungensprechen, was ja auch die sogenannten Erleuchteten als Hauptbeschäftigung vorführen und die Leute mit sinnlosen Silben in religiöse Verzückung bringen.
Aus einem Gewühl von hmmmmkrrrrbrrrabrrrabbbel schälte sich plötzlich das Wort Heimkehr heraus.
Wer nicht weggeht, kann nicht heimkehren.
Wer nicht reingeht, kann nicht rauskommen, es sei denn, er war schon draußen.
Heimweh hat nur der, der ein Heim hat, wie das Bauchweh nur dem Bauchbesitzer zusteht.
Alleim im Heim im Keim ersticken.
Das war grammatikalisch falsch und ergab keinen Sinn.
Es muss keinen Sinn ergeben, beruhigte sich der weise Mann, es muss gut klingen und über eine kryptische Weisheit können sich die Leute den Kopf zerbrechen und zu vielleicht eigenen Erkenntnissen kommen. Wahrscheinlich aber nicht, denn wozu sollte ein weiser Mann sonst gut sein, wenn die Leute immer auf alles selber kämen?
So brabbelte der weise Mann bis in den Nachmittag. Dann bekam er Besuch vom noch weiseren Mann, der ihn überraschen wollte:
Weiser Mann! Der noch weisere Mann hatte eine Erleuchtung! Wisse: Wer nicht weggeht, kann nicht heimkehren.
Verdammt!, dachte der weise Mann, blieb aber äußerlich vollkommen unberührt und ruhig.
Wahrlich, ergänzte der weise Mann, ein guter Satz.
Den werde ich sofort den Menschen vorstellen und dann veröffentlichen, sagte der noch weisere Mann.
Gut, gut!, bestätigte der weise Mann und zischte bei sich weiter: Ohne Krempe ist dein Hut! Und deine Tröte ohne Tut!
Das sagte er aber leise, weil er es sich mit dem noch weiseren Mann nicht verderben wollte.
Schreibt man „heimkehren“ eigentlich zusammen?, fragte der noch weisere Mann.
Getrennt!, antwortete der weise Mann und grinste innerlich, getrennt und heim schreibt man groß!
Das wär ja noch schöner, dachte er weiter, den größten und banalsten Blödsinn als Erleuchtung und Erkenntnis verkaufen, damit Kasse machen wollen und nicht mal ein paar Grundlagen der Orthographie beherrschen!
Hoffentlich war sein Lektor genauso bescheuert.
Der noch weisere Mann verabschiedete sich fröhlich. 
Der weise Mann fragte: War's das?
Jupp, sagte der noch weisere Mann, ich bin denn mal weg, will den Satz gleich mal testen....
Das kannst du, verabschiedete der weise Mann seinen Gast, und dachte: Du kannst mich mal.
Dann beschloss er sofort, noch zweidrei Stunden zu brabbeln. Vielleicht würde ja noch etwas richtig Gutes dabei rauskommen. 

Urlaub genießen

Urlaub!
Bert wünschte sich in die Steinzeit.
Dort kannte man so etwas nicht.
Nur wer hart arbeitete, konnte Urlaub genießen.
Sein Nachbar konnte das, der fuhr in seinem Wohnmobil durch die Gegend.
Bert war traurig.
Das ganze Jahr hatte er rumgesessen und auf diesen Tag gewartet.
Jetzt war alles verdorben.
Wie sollte man sich erholen können, wenn man nicht erschöpft war?
Bert machte ein paar Kniebeugen. Vielleicht half das...

Musik auf dem Prüfstand: G.G.Anderson - Küss mich in den Himmel

Den Riemen auf die Heimorgel, die braune Paste ins Gesicht, die Lippen schnell rosa übermalt und die Alterspickel mit dem Damenrasierer nivelliert, eine dünnhirnige Blondine gemietet, die für Geld so tut, als würde sie vor dem Schlagersänger davonlaufen - dabei versucht die Kamera, dessen entsprechender Mann bereits im Sangria-Nebel verdunstet ist, nur, sich ihr zu nähern, ein Text, der sich hinten reimt, und ein Harmoniegefüge, mit dem man in der Hölle die Qualen verzehnfachen könnte - das scheint dem Sängern zu reichen und ballermann-radio.com schreibt: "...der eingängige Rhythmus, der so romantische wie heitere Text, der unverwechselbare Gesang...". Der kritische Musikhörer glaubt, dass sich die Mannschaft auf Mallorka mal wieder den Alkohol direkt in die Vene gespritzt hat, gemäß der Losung: Voll breit, aber keine Fahne.
Bewertet wird das Liedchen mit fünf orangenen Punkt, das ist Maximum. Allerdings hat die Redaktion dann ein /2 dahinter gesetzt, was heißen will, dass es eben nur zweineinhalb Punkte sind, was wiederum vier minus bedeutet.
Und damit haben sie wieder mal recht, die guten Geister von der Insel.
Musik kann gar nicht so schlecht sein, dass sie nicht wenigstens ein Vierminus bekommt; dafür hat schon die straighte Rhythmusmaschine gesorgt, die sich nicht aus dem Takt bringen lässt, egal wie der Interpret aussieht und egal wie seine Mietblondine rumhüpft.

Mal anhören

Hauptsache Haltung

Wo eine Unterhaltung existiert, muss es auch eine Oberhaltung geben.

Günter Krass: Vorbeischwimmende Frau (2)

Neulich schwamm eine Frau im Kleid an mir vorbei und in der Hand hielt sie eine Perlenkette.
Sie hatte die Augen geschlossen und wirkte irgendwie verträumt.
Guten Tag, Frau im Kleid mit einer Perlenkette in der Hand, was schwimmen sie denn so vorbei?, fragte ich die Frau.
Die aber verharrte in ihrer Haltung und tat, als habe sie nichts gehört.
Tschuldigung, wenn ich Sie belästigt haben sollte, ergänzte ich, aber die Frau reagierte immer noch nicht.
Sture Person, dachte ich, wenn auch nicht unattraktiv.
Ich überlegte, ob man einer vorbeischwimmenden Frau, die ein Kleid trug und eine Perlenkette in der Hand hielt, überhaupt hätte anbieten können, gemeinsam zum Italiener zu gehen.
Ich war ein gutes Stück weiter geschwommen und die Frau außer Hörweite.
War es nicht auch diskriminierend "zum Italiener" zu sagen, also wenigstens für den Italiener, also den, der ein Restaurant betreibt? Denn der repräsentiert ja nicht die ganze Nation, nicht "den Italiener"; er ist ja ausgewandert und in Deutschland geblieben, um hier gutes Geld mit dünnbelegten Gemüsekuchen zu verdienen.
Als ich am Abend meinen Zielhafen erreicht hatte, war die vorbeischwimmende Frau, die ein Kleid trug und eine Perlenkette in der Hand hielt, bereits aus meinem Gedächtnis verschwunden. Komisch, dass ich mich heute trotzdem an sie erinnere.

Weisheit des Alltags: Zurückbleibend oder zurückgeblieben

Liebe Leser!
Neulich eine Einladung:
Liebe Zurückbleibende!
Frühstück um halb elf.
Wir freuen uns auf euch.

So angesprochen, folgerte ich sofort, dass es sich um Weggehende handeln musste, die mich und andere hinterlassen wollten, nicht ohne sich mit einem Frühstück zu verabschieden. Zu einer Zeit, wenn andere bereits das Mittagessen riechen.
Also Senioren.
Weggehen und sich auf die freuen, die man zurücklässt - ist das nicht ein Widerspruch, den man nur im Bleiben auflösen kann? So lange, bis die Zurückbleibenden zu Zurückgebliebenen geworden sind, denn die Zeit arbeitet immer gegen die, die dableiben.
Vielleicht war die Anrede "Liebe Zurückbleibende" auch ein Euphemismus, der natürlich den Gedankensprung zu "Zurückgebliebenen" initiieren sollte, an die beschränkte Restmenschheit, die sich nicht wegbewegt, sondern bleibt, wo sie ist.
Davon musste ich Abschied nehmen, denn mit einem Frühstück um halb elf verband ich sofort eine Seniorengruppe, die nicht der Bettflucht anheim gefallen ist, sondern eher zur Kategorie "Betthocker" gehören musste, die es genießt, so spät am Morgen noch die Brötchenkrümel aus Bluse und Weste zu klopfen, damit sie aufs Bettlaken bröseln.
Meine dunkle Seite flüsterte mir zu, dass dies ein Affront ersten Grades sei, nämlich der Hinweis darauf, dass die Dableibenden zur Arbeit gezwungen wären und sich nicht den Luxus der späten Morgenspeise leisten könnten, wohingegen die Gehenden gerade durch das Nichtarbeiten und das Gedenken an die jetzt in diesem Moment Arbeitenden den Hochgenuss dieser speziellen Nahrungsaufnahme erführen.
Damit würde auch der Satz "Wir freuen uns auf euch" zu Ironie, vielleicht sogar zum Sarkasmus.
Demütigt es denn nicht die Eingeladenen, die sich als Instrumente der Genusssteigerung zu empfinden, die hundertfach den Satz "Wir können jetzt immer um diese Uhrzeit frühstücken!"
verstärken?
Dann aber dachte ich positiv:
Meine Leidensgenossen und ich dürfen bleiben, wir dürfen arbeiten, wir dürfen - was dem Tag auch Struktur gibt - früh aufstehen, und wir können die Freizeit, den Urlaub, die verlängerten Wochenenden auskosten, weil es für uns den Kontrast gibt: Das harte Arbeiten, das Erschöpftsein, die Sehnsucht nach einer Pause.
Sieh das Positive im Negativen, sagt der weise Mann. Und was immer er damt meint, er hat Recht.

Rosa Hund verdirbt die Sonntagskaffeelaune

Sie: Jetzt kuck nicht so muffelig.
Er: Ein rosaner Hund!
Sie: Ein rosafarbener Hund.
Er: Ist doch egal. Auf jeden Fall ist der hässlich wie die Nacht.
Sie: Diese Metapher ist ja wohl ganz unpassend.
Er: Das ist ein Vergleich. Hässlich wie die Nacht.
Sie: Ist doch egal. Ich find ihn schön.
Er: Typisch Frau.
Sie: Der Hund?
Er: Der Geschmack.
Sie: Frau Meier-Schnurz hat eine Dogge.
Er: Einen Dalmatiner.
Sie: Noch schlimmer.
Er: Du hast ja keine Ahnung.
Sie: Du bist wohl scharf auf Frau Meier-Schnurz.
Er: Nicht die Bohne!
Sie: Metapher oder Vergleich?
Er: Siehst du hier irgendwo ein "wie"?
Sie: Klugscheißer.
Er: Der Hund bellt ja noch nicht mal.
Sie: Er kann aber beißen.
Er: Wen denn?
Sie: Das wirst du schon sehen.
Er: Wer nicht sehen will, muss fühlen.
Sie: Das merkst du dann schon.
Er: Ein Hund beißt sein Herrchen nicht.
Sie: Woher soll der Hund denn wissen, wer sein Herrchen ist?
Er: Gibt es da noch einen?
Sie: Wie kommst du jetzt darauf?
Er: Ober! Zahlen!
Ober: (denkt) Wird aber auch mal Zeit. Nur Genörgel und eine rosane Töle.  Wenn nichts mehr geht, geht Rosa. Da lobe ich mir Rosa von Praunheim, der hat wenigstens Grün gewählt. Oder Rosa Luxemburg, die war doch richtig rot. Oder Rosa im Landkreis Schmalkalden. Da gab es doch auch mal Kriege, Schmalkaldische, da ist bestimmt Blut geflossen, aber rosa wird das nicht gewesen sein. Auf den Halden der Schmalkalden liegen die Toten in roten Blut......Nee, da stimmt was nicht, muss das nicht Dativ seim? "Liegen die" ist auch irgendwie ein Dreier, also eine Art Triole, rhythmisch fragwürdig.
Er: Zahlen!!! Ober!!
Ober:(denkt) Neureiche. Typisch Neureiche. Arschgeigen. (spricht) Der Herr möchten zahlen?
Er: Wonach hört es sich denn an?
Ober: Der Kollege kommt gleich.
Er: Mal wieder Kopfrechnen schwach, oder was!?
Sie: Herbert!
Er: (wehrt ihre besänftigende Hand ab) Ist doch wahr!
Der Hund schnappt nach Herberts Arm.
Sie: Ich habe dich gewarnt.
Er: Geh doch ins Hundehotel!
Sie: Dann sind wir geschiedene Leute.
Er: Metapher? Wir sind doch gar nicht verheiratet.
Sie: Gottseidank!

Pizza Pettirossa


Die Deutsche lieben Italien -einst war es nach Cuxhaven das beliebteste Reiseziel -, die Deutschen lieben italienisches Eis und italienische Pizza.
Bei Pizza Pettirossa müssen sie schlucken und es bleibt der Bissen im Halse stecken.
Der Italiener ist nämlich nicht nur der gute Mensch, der seine eigenen Kinder über alles liebt, und wie alle Südländer übertrieben jammert, wenn er zum Zahnarzt muss, der Italiener ist auch ein übler Vogelfänger, der es gerade auf die kleinen, den Deutschen so liebgewonnenen Singvögel, wie etwa das Rotkehlchen, abgesehen hat.
Nicht dass es beim Schießen nur ums Treffen geht, nein, das zierliche Wildbret soll auch verzehrt werden; um eine Pizza in normaler Größe auszustatten, braucht man schon zwei Abschüsse oder entsprechend Material aus der  Bogenfalle. Nur in Deutschland serviert man die schlanke Version; ein Rotkehlchen reicht für das Familienpizzablech.
Bei vier Millionen verzehrter Pizzen in Italien benötigte man 8 Millionen Rotkehlchen; da gerät der Bestand ins Wanken und die Welt wird still.
Der Deutsche soll sich am Gezetere des Haussperlings ergötzen und am Rotschwänzchen sattsehen; wenn er auch die dickfellige bzw. dickgefiedrige Amsel zum Erdrosseln findet, fehlte sie ihm doch, täte man sie in den Kochtopf oder auf den Grill.
Der Deutsche muss sich aber fragen, ob er den Italiener immer noch so mögen wollen möchte.
Unser Herz sitzt links und schlägt für das schwache Geschöpf: für Frauen bis 1,60 m und das Rotkehlchen.

Weisheit des Alltags: Nicht wollen

Wer nichts will, muss sich nicht wundern, wenn er auch nichts bekommt.

Falsche Kleidung wirkt aufs Aussehen

Frauen, die rüstungsorientierte Kleidung wählen, die Jacken in Harnischform bevorzugen und Handschuhe tragen, mit denen man einen Ritter umhauen könnte, wirken oft mürrisch, unzufrieden und früh gealtert.
Anstatt die Kleidung zu wechseln, versuchen sie mit Kajal- und Lippenstift gegenzuhalten, was aber oft zu einer Überzeichnung führt.
Nehmen diese Frauen Kontakt zu Männern auf, um mit diesen mal unverbindlich einen Kaffee zu trinken oder ein Brötchen zu essen, werden sie abgewimmelt mit dem Hinweis: Das kannst du dir abschminken. Was unter der Hand bedeutet, dass der Angesprochene keinen Kaffee trinken  oder ein Brötchen essen möchte, sondern vielleicht einen Wunsch nach Nähe hat, dessen Erfüllung aber Harnisch und Schminke in weite Ferne stellen.
Nicht umsonst schwafelt der Rheinländern: Harnisch im Leben nit dran jedaht. Und meint, dass man die Finger von einer Frau mit Brustpanzer und zu viele Schminke lassen sollte.
Maximal wären eine Tasse Kaffee drin und ein Brötchen.

Meine Markise ist (nicht) traurig

Meine Markise macht ein dummes Gesicht.
Ist der Sommer vorbei?
Immer habe ich gedacht: Was für eine freundliche Markise, was für ein schöner Schattenspender; der bringt richtig Lebensqualität in den Alltag.
Jetzt macht meine Markise ein dummes Gesicht.
Vielleicht nicht einmal ein dummes, aber ein trauriges Gesicht. Wenn jemand traurig ist, muss er nicht auch noch dumm sein.
Traurigkeit ist nicht abhängig von Intelligenz.
Oft sagt man allerdings: Der Dumme ist selten traurig. Und wenn, dann lacht er drüber.
Das gelingt dem Gebildeten weniger, denn der denkt nach und grübelt: Warum, verdammt, bin ich so traurig? Ich bin doch gebildet, ich muss doch nicht traurig sein. Dann wird der Gebildete ganz melancholisch und fängt an, an der ganzen Welt zu zweifeln, nur nicht an sich selbst.
Der Dumme lässt es sich unterdes gut gehen, isst Hähnchenschenkel und trinkt Red Bull oder Altbierbowle. Er lässt den lieben Gott einen guten Mann sein und schert sich einen Dreck darum, ob er ins Fegefeuer kommt. Da kann man nämlich gut grillen, weil's da so heiß ist. Der Dumme grillt gern, der Gebildete isst lieber Boeuf Stroganoff, weil das kaum einer schreiben kann.
Die Markise jedoch flattert lustig im Wind; ihr ist gar nicht traurig, obwohl sie sich ein wenig zerrissen fühlt, abgewetzt und zerschlissen. Doch das macht ihr nichts, denn das wäre ja zu dumm.

Georg Krakl: Synchronizität (2013)


Um zehn verunglücken zwei Laster
Der Gangster zählt den Zaster
Ihr Körper: Alabaster
Der Amtsrat blättert im Kataster


Krakl weiß genau, wo er den Leser packen kann.
Snychronizität - Das erinnert an Synchronschwimmen und löst im Rezipienten sofort eine Langeweile-Reaktion aus. Amerikanische Schwimmerinnen, die aussehen wie Flipper mit Sonnenbrille, bleiben meisten unter Wasser und tauchen auf, wenn sie eine Rosette bilden wollen, oder ein flachgelegtes Warndreieck.
Da ist schon mal der Grund gelegt für ein Gedicht, das uns die multiple Gleichzeitigkeit von Geschehnissen näher bringen will, ohne dass diese vielleicht zusammenhängen, das uns mitteilt: Während ich als Amtsrat im Kataster blättere, zählt ein Gangster den Zaster. Krakl bleibt hier seinem Rhythmus treu und dichtet nicht: seinen Zaster. Was auch falsch wäre, denn ein Gangster besitzt bekanntlich keinen eigenen Zaster, sondern zählt nur den, den er anderen abgepresst hat.
Der Haufenreim stützt die These: In jeder Sekunde häuft sich eine Menge an, alles Mögliche passiert; Krakl nennt drei:
Einen Lastwagenunfall, einen dreckiges Geld zählenden Gangster und einen Amtsrat, hier stellvertretend für den Behördenschimmel (was rhythmisch auch gegangen und darüber hinaus eine feine Metapher gewesen wäre). Inmitten dieser Personen und Ereignisse ein weiblicher Körper, wie aus Alabaster.
Zwischen Halbwelt, schlecht ausgebildeten LKW-Fahrern und einem angestaubten Amtsrat bricht die Erotik hervor und scheint hinauszuschreien: Es gibt auch Schönes! Nicht nur Verkehr, Raffgier und Nachschlagewerke für Grundstücke!
Die Frau bleibt unbenannt. Krakl reduziert sie auf ihren Körper, was im Kontext nachvollziehbar ist, denn  auch die anderen Objekte sind banal und eher belanglos.
Erst das Wort Alabaster, als Ausdruck höchster Vollendung, auch höchster geistiger und seelischer Vollkommenheit, setzt dem Profanen etwas entgegen, und das adelt die Frau im Allgemeinen.
Und: In allem blüht eine Aster, die Blume des Herbstes, wo die Reife sich noch einmal entfaltet. Hier wird noch einmal verbotschaftet: Nicht nur Alabaster hat Schönes, auch Laster, Zaster und Kataster lassen in sich die Aster schlummern, sodass erst auf den zweiten Blick klar wird: Was für ein schönes Gedicht!

Weisheit des Alltags: Kuchen

Achte den Krümel, er könnte Teil eines großen Kuchens sein.

Aus dem Punkkochbuch zitiert


So will man den Punker sehen: Gierig schlägt er seine Reißzähne in ein Stück rohes Fleisch und schlingt es runter, während er sich gleichzeitig eine Sicherheitsnadel durch die Backe zieht, um Faserreste , die sich in den Zähnen festsetzen werden, anschließend herauszupulen.
Und dann wird ein Vegetarisches Kochbuch auf den
Markt geworfen, der alle Vorurteile konterkariert. Der Punker ist scheinbar gar nicht so doof, und kochen will er plötzlich auch, sogar vegetarisch!
Um diese Vielzahl der Widersprüche aufzulösen, kommentiert er in den Rezepten entsprechend:
„Sieht wie Kotze aus, schmeckt aber.“
Um sein Hardlinerimage besorgt, wählt der Rezeptschreiber das Wort Kotze, statt des eleganteren Begriffes „Erbrochenes“ . Das sitzt und zeigt: Wir Outlaws leben weiter auf der Straße und futtern Halbverdautes von Fremden oder uns selbst.
Krass.
Das Unterbewusstsein scheint hier aber einen Streich zu spielen und löst diese selbstverletzende Wut auf:
Kotze erinnert stark an die eingespeichelte Nahrung, die das Muttertier den Jungen eintrichtert, die die urzeitliche Mutter dem Säugling als Nahrungsergänzung in den Mund drückt.
Die Erinnerung an diese frühkindliche Lusterfahrung wird durch den Anblick des Selbstgekochten, auch wenn es dem Selbstgekotzten ähnelt, ausgelöst.
Der Punker sehnt sich heimlich nach seiner Mutter und ihrem Speichelbrei, der lebenslange Versorgung versprechen möchte, und wehrt sich dagegen durch abfällige Bemerkungen über eine Speise, die er anderen empfiehlt. Denn er darf nicht sein, was er möchte.

Schmeckt aber.So schließt er sein Rezept ab.
Die Frage ist: Wonach?

Soll man eine Wohnung besitzen?

Was von oben, aus 4 m Höhe, aussieht wie ein abgestürzter Vogel, der sich verzweifelt und verletzt im Sand gewälzt hat und nun nicht mehr aus eigener Kraft den Rückflug zur Familie antreten kann, ist oft nur eine Ladung Katzenkot.
Das junge Rotschwänzchen neigt dazu, vor Fensterscheiben zu fliegen, weil es diese nicht kennt und glaubt, es sei der Himmel, weil sich dieser in der Scheibe spiegelt.
Es kennt weder Spiegel noch Himmel wirklich, und wird gelegentlich Opfer des eigenen Irrglaubens, des eigenen Unwissens und ist schließlich nach dem Kontakt mit dem Glas wie betäubt und benebelt.
Der Wohnungsbesitzer, der das Klocken gehört hat, betritt den Balkon, um nach dem Rechten zu sehen und ob er vielleicht Erste Hilfe leisten kann.
Er schaut in den Sandhaufen unten und folgert: Ein Vogel ist vor meine Scheibe geflogen, ich habe es klocken gehört, der liegt jetzt im Sand und versucht heil zu werden, um wegzufliegen. Ich werde hinuntergehen, bevor ihn die Katze holt.

Unten angekommen stellt er fest, dass die alte Sehschärfe wohl nicht mehr ist. Der junge Vogel im Sand entpuppt sich als Katzenkot, so als habe die Katze den Vogel bereits gefressen. Und nicht nur gefressen, sogar verdaut. Und nicht nur gefressen und verdaut, sondern auch noch ausgeschieden!
Wie hat das passieren können? Zwischen Klocken und  Hinuntergehen sind nur zwei Minuten vergangen.
Der Wohnungsbesitzer muss an die Zeitblase denken:
Über einer Sekunde in der Wirklichkeit bläht sich eine Blase auf, in der Jahre verstreichen können. Wer sich in der Zeitblase befindet, hat Zeit, alles Mögliche in Ruhe zu regeln, etwa einen Vogel zu fressen, zu verdauen und auszuscheiden, obwohl in der Realität nur eine Sekunde vergangen ist.
Wahnsinn!
Aber wie kommt man in die Zeitblase hinein? Die Katze weiß es.
Das Leben als Wohnungsbesitzer wirft immer wieder neue Fragen auf, darum sollte sich jeder gut überlegen, ob er eine Wohnung besitzen will.

In der Warteschleife kritzelnd

Was sagt es aus, wenn wir beim Telefonieren kritzeln?
Wenn wir in Rot kritzeln und krakeln?
Wenn wir stricheln?
Wer mag am Telefon sein, dass wir zu solchem Tun veranlasst werden?
Vielleicht ist es die Warteschleife bei Unitymedia, die uns an Tod und Mord und Blut und Blutgerinnsel denken lässt, weil wir schon 10 Minuten warten und eine computeranimierte Stimme immer wieder denselben Sermon abstottert, wohl um uns in eine Konsumstarre zu leiten, die uns unfähig macht, kritische Worte zu äußern.
Der Stift frisst sich über das Papier, hinterlässt Spuren in ihm und krickelt und krakelt und kratzt und konterkariert, bis die Stimme im Hörer endlich verstummt und ausgetauscht wird. Eine Stimme (weiblich) murmelt und bramarbasiert etwas, ein Teil klingt wie ein Name und wir sind noch berauscht von der Frage, ob wir bereit seien, dass einige Gespräche aufgezeichnet werden, wegen der Qualitätsverbesserung.
Ja, was wollte ich denn noch, ah die Bauherrenabteilung, die seit Wochen nicht reagiert.
Ja, das könne sie nicht verstehen und das täte ihr leid und um was es ginge?
Wir, die in der Warteschleife, oder heißt es Schlaufe?, wollen nicht zum achten Mal einer wiederum fremden Person, die den Vorgang nicht kennt und sich alles erklären lassen möchte, alles erklären.
Die Bauherrenabteilung ist doof!
Diese schlichten Worte fassen das bisher Geschehene bzw. nicht Geschehene gut zusammen. Richten Sie das aus!
Die Stimme antwortet: Werde ich weiterleiten! Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?
Buckelmäßig, sagen wir, das geht aber nicht am Telefon, es sei denn, Sie haben einen eigenen Buckel und könnten den runterrutschen, was aber meisten anatomisch unmöglich ist.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen, jetzt die Stimme.
Wir sagen: Nein, aber das macht nichts.
Wir kritzeln weiter und der Druck auf den roten Stift wird stärker, denn irgendwo muss er ja bleiben.

Mülltaucher und Müllschlucker

Wenn Menschen, die Lebensmittel retten, um sie selbst zu verzehren, in der Presse als Mülltaucher bezeichnet werden, dann sollten Menschen, die Medikamente nehmen, deren Mindesthaltbarkeit abgelaufen ist und die trotzdem in die armen Ländern "gespendet" werden, Müllschlucker genannt werden.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/erste-verhandlung-gegen-muell-aktivisten-gescheitert-a-904025.html

Gedichte mit zweimal "taugen" drin: Georg Krakl - Meine Katze (2013)

Vassily Kannikski: Katze auf Entzug (2013)
Meine Katze hat grüne Augen,
warum sind sie nicht braun?

Sie scheint nicht viel zu taugen,
bei Grün kommt mir das Grau'n.

Wär sie ein Hund, wär's mir egal,
des wolfverwandten Tieres Blick, den soll man meiden.

Ich mag die Katze trotz der grünen Augen leiden.
Sie taugt vielleicht zu einem Schal.



Zu einem Muff, zu einer Mütze, einem Hut.
Die Augen wären weg, und das wär gut.




Redensarten beim Wort genommen: Frosch im Hals


Nie hatte er sich in die Person einfühlen können, die einen Frosch im Halse hatte.
Ein Räuspern, ein Röcheln, ein Hüsteln, aber kein Ton will hinaus, keiner kommt heraus, das Gespräch erstickt; der Sprecher kämpft um Fassung und versucht ein Ersticken zu verhindern. Das Gespräch ist beendet.
Jetzt hatte er einen Frosch im Hals, oder viel mehr einen Froschschenkel.
Er wusste nicht, ob dieser Muskel noch an seinem Oberschenkelknochen hing, oder ob er ihn unbewusst abgenagt hatte.
Er steckte im Hals und machte Probleme. Er versuchte zu schlucken, schaffte das aber nicht, das Objekt wollte nicht nach unten.
Herausholen konnte er es auch nicht, das hätte ncah Würgen ausgesehen und die Gastgeberin beleidigt.
Eigentlich ekelte er sich vor Fröschen, vor allem wenn sie auf den Teller kamen.
Der Ekel steigerte sich ins Unermessliche, wenn sie in den Mund und in den Hals kamen.
Angeblich sollte das Fleisch wie gegrilltes Hähnchen schmecken, zart sein, weiß. Er dachte an die glitschigen Gesellen, die laut quakend am Teich saßen und ihn aus Glupschaugen unbeweglich anstarrten, so als wollte sie ihn fressen und nicht umgekehrt.
Jetzt saß er am Tisch und  hatte den Hals voll.
Die Nase voll sowieso von langweiligem Geplaudere und dem Zwang, hässliches Essen schmackhaft zu finden und die Gastgeberin ob dieser Spezialitäten zu loben.
Er war nicht frankophil.
Er hasste Frösche, er hasste Froschschenkel.
Er hasste diese ganze Oberschichtblase, die sich mit ausgefallensten Geschmacksverirrungen chic fand, sich gefiel im Abnagen von Skeletten erbärmlichster Kreaturen. Dem musste er ein Ende setzen. Endlich mal eine Entscheidung treffen. Klären, auf welcher Seite er stand.
Ein kurzer aber heftiger Hustenanfall brachte den Fleischbrocken wieder auf den Tisch.
Entschuldigung, aber jetzt ist es endlich raus.
Ich hatte einen Frosch im Hals!
Hahaha, lachte die Gastgeberin, was für eine Redensart! Hahaha, lachte sie weiter, endlich können wir hautnah miterleben, was dieser Satz bedeutet!

Ich finde das zum Kotzen, dachte er und entschuldigte sich noch einmal. Das Thema wäre damit vom Tisch, dachte er und erschreckte: Es lag ja gerade erst auf diesem. Das Thema im Übertragenen ergänzte er für sich.

Ich hatte einen Frosch im Hals, hüstelte er und versuchte in das Lachen der Gastgeberin einzustimmen, einen Froschschenkel!, muss es wohl lauten.
Das ist allerdings keine Redensart.
Die Gastgeberin blickte konsterniert, dass ein Gast, der eben erst ein Stück Frosch auf die Damasttischdecke gehustet hatte, es wagte, sie zu korrigieren.
Es ist wohl Zeit zu gehen, sagt er und verschwand.
Die Gastgeberin widersprach nicht.

Klone im Wahlkampf

Angela Merkel als Klon - Noch nicht ganz geglückt....
Die CDU macht es vor, die großen Parteien werden es nachmachen: Bevor man die Spitzenkandidaten  im Wahlkampf verschleißt, lässt man ihre Klone ans Pult, denn genau wie die Originale, können sie dort nichts falsch machen.
Inhaltlich kommt sowieso nicht viel rüber und Rhetorik geht meistens im Ausschlürfen der Wahlkampfbegleitgetränke unter.
Nach dem Angela-Merkel-Look-Alike-Test, der leider wenig Erfolg gebracht hatte - die meisten Bewerberinnen und Bewerber konnten zwar mit dem Gesicht schlechte Laune verbreiten, besaßen aber nicht genügend Zwei- bzw. Dreiknopfkostüme - bemühte man die Gentechnologie, die in ihren Laboren herumexperimentierte und aus einer Locke, etwas Pep, wahlweise Crystal Meth und ein bisschen Hamster-Gen ein recht passables Ergebnis zusammenfrickelte, was den Ansprüchen der Kanzlerin aber nicht gerecht wurde.
Immerhin sind jetzt alle gespannt, wie man denn die richtige Angela Merkel verändern wird, damit sie ihren Klonen ähnelt. Denn das ist ja wohl eine Spur leichter.
In der FDP plant man, den Entwicklungsminister Dirk "Evil" Niebel komplett in Genmaterial zu verwandeln, um daraus das Duo "Brüderle und Schwesterle" zu klonen, das in einer Art "Volkstümlicher Hitparade" die Wähler bekloppt machen  und zum Kreuz am falschen Fleck verführen soll. Hinterher wäre es doch sowieso egal. Hauptsache, die FDP können mitmachen, heißt es aus inkompetenten Quellen.


Günter Krass: Schwimmend im roten Kleid

Neulich schwamm eine Frau neben mir in einem roten Kleid, ganz entspannt, ihr Blick entrückt, ihr Mund leicht geöffnet, als wolle sie einem Schluck Wasser Einlass in ihren Körper gewähren.
Ich grüßte freundlich, denn es ist doch recht selten, dass mir eine Frau schwimmend in einem roten Kleid begegnet.
Sie schwieg und reagierte nicht auf meinen Gruß.
Ich war anfangs konsterniert, doch dann besann ich mich.
Vielleicht war es Treibgut, das mir begegnet war und ich rief fröhlich: Treib gut!
Ich war begeistert von diesem Wortspiel und dachte weiter, dass das Treibgut vielleicht zu Strandgut werden könne, wenn es irgendwo an ein Ufer triebe.
Da ein fröhliches "Strand gut!" kein glückliches Wortspiel war, murmelte ich nur, fast unhörbar und dachte: Wenn ich dieses Treibgut als Strandgut fände, ob die Situation vielleicht ausuferte?
Ist denn nicht das Treibgut dem Triebe so nah, lassen sich doch beide Nomen vom selben Verb ableiten?
Wenn ich das Wasser ableitete in Kanäle und Senken, bliebe dann die Frau im roten Kleid, so nass wie sie war, bei mir?
Als ich aus dem Sinnieren in die Wirklichkeit zurückkehrte, war die Rotbekleidete bereits abgetrieben, sodass ich nicht mehr in der Lage sein würde, sie zu packen und an Land zu ziehen, sondern sie ein weiteres Opfer des Großen Wasserfalls werden würde.
Da sah ich sie auch schon im Schwall nach unten sausen; ein letztes Rot blitzte noch kurz auf, vielleicht um meinen Gruß doch noch zu erwidern.

Endlich atmen die Frauen auf: "Schneiderin" gilt auch für Männer

Die Titel "Professorin","Schneiderin" und "Adrenalin" gilt jetzt auch für Männer. Die Uni Leipzig zieht davon nach 600 Jahren Männerdominanz und die Männin guckt doof aus der Wäsche.
Als Ausgleich sollen Wörter mit weiblichen Endungen maskulinisiert werden:
Aus Kokain soll etwa Koka Kola werden, auch wenn das immer noch weiblich klingt, vielleicht einigt man sich auch auf Kokus, was aber eine andere Bedeutung hat.
Strichnin ist im Gespräch, obgleich man Strichn schlecht aussprechen kann.
Die Liste soll demnächst angelegt und den VerantWORTlichinnen der Dudenredaktion vorgelegt werden.

Früher hieß es:
Wie der Herr, so das Gescherr...

Jetzt heißt es:
Wie die Frau, so das Geschau...

Ob das besser ist, kann erst 2016 durch eine breitangelegte Umfrage festgestellt werden.

Tonnes Tagebuch: Packpapier

Liebes Tagebuch!
Heute habe ich ein Geschenk eingepackt.  In Packpapier. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Ordnung ist.
Es gibt zigtausend Geschenkpapiere mit wildesten Mustern und ich schlage das Objekt in Packpapier ein!
Einschlagen klingt ja auch schon so belanglos und irgendwie brutal.
Dabei geht es mir doch darum, dass der Inhalt herausgestellt werden soll. Natürlich geht das schlecht, etwas herauszustellen, wenn man es einpackt, oder einschlägt. Genau, denke ich gerade, eine Fensterscheibe einschlagen wäre schon etwas in Richtung "herausgestellt". Jeder würde sofort hinsehen.
Der Beschenkte kann das vielleicht nicht würdigen, wenn ich Packpapier benutze, um den Inhalt zu betonen. Dann muss ich wieder etwas bei der Übergabe sagen: Interessantes Geschenkpapier, nicht? Ich  mag Beige, das ist so hautfarben und hat etwas Menschliches. Eigentlich wollte ich es gar nicht einpacken, aber vielleicht reißt du ja gern etwas auf.
Der letzte Satz ist natürlich schon wieder zweideutig und lenkt noch mal vom Geschenk ab. Das Geschenk ist ein gutes Buch.
Etwas aufreißen klingt nach Schundroman, und den verschenkt man nicht. Den kauft sich, wer ihn lesen will.
Eigentlich mag ich Beige nicht; die Alternative aber wäre Zeitungspapier gewesen. Habe ich auch schon gemacht und mit Edding "Geschenkpapier" draufgeschrieben. Das war eigentlich lustig. Für mich in erster Linie; aber nicht jeder hat meinen Humor. Eigentlich geht es darum, kein Geld auszugeben für etwas, was sowieso weggeschmissen wird.
Vielleicht wird das Buch ja auch weggeschmissen. Ich kann das nicht, da verschenke ich sie lieber. Bücher wegschmeißen und Bücher verbrennen, das liegt so nahe beisammen.
Packpapier ist biologisch abbaubar, vermute ich, weil es ja so ähnlich aussieht wie Kaffeefilter, und die kommen auf jeden Fall in die Biotonne.
Ob man aus Packpapier Kaffeefilter basteln kann, müsste ich kugeln , aber dann wäre es recyclebar. Vom Packpapier zum Kaffeefilter zum Kompost! Die drei Schritte zum guten Geschenk. Das wäre doch ein Titel für ein Sachbuch.
Nächstes Jahr schenke ich mal nichts. Oder einen Gutschein. Da ist die Verpackung das Geschenk.
Egal. Das Buch bleibt drin. Es ist eingeschlagen und soll auch einschlagen. Wie eine Bombe. Das wäre schön.



Aus Versehen gerülpst?


Manchmal passiert es, dass man rülpst, sei es, dass man sich allein zu Hause gewähnt hat oder sich im Kreise guter Freunde glaubt, die einen mittlerweile als grunzendes Untier kennen und auch schätzen gelernt haben, und vielleicht sogar selber wagen, ein entsprechendes Geräusch mit Geruch aus dem Magen auszustoßen.

Was kann man tun, wenn man diesem Irrglauben in einem Restaurant erlegen ist, das von feinen Leuten besetzt ist und denen es schwerfiele, mit Appetit weiterzuessen, weil am Nebentisch ein Rülps, der leicht mit dem explosiven Brüllen eines Löwen verwechselt werden könnte, ertönt und entsprechend Geruch nach Anverdautem erwarten lässt.

Mit einem „Ruhig, Clarence!“ könnte man Menschen mit Erfahrungen zur TV-Serie „Der Daktari“ beschwichtigen, mit einem „Welch Leu schreit sein Inneres heraus?“ einen Altphilologen, der wahrscheinlich nicht anwesend sein wird, weil das Lokal zu teuer ist.

„Herr Ober, haben sie meine Bestellung gehört?“, klingt unhöflich und peinlich, und ein „Etwas leiser, bitte, Robert!“ an den mitgebrachten Freund zu richten, wird niemandem abgenommen, denn der Gourmet ist feinhörig und liebt die Details.

Das klassische „Hätte auch ein Furz werden können“ ist eher etwas für die Thekenmannschaft, die sowieso nie zuhört.

Was in der gehobenen Schicht als Entschuldigung immer gut ankommt , ist der Verweis auf eine nervöse Störung, etwa einen Tic, vielleicht im Rahmen des Tourette-Syndroms, denn mittlerweile ist diese Gesellschaftsklasse  entsprechend konditioniert: Sie setzt sich wohltätig für gehandycappte Menschen ein und muss natürlich die Eigenarten dieser in ihrer Gegenwart tolerieren.

Wer also versehentlich gerülpst hat, sollte ein paar Obszönitäten nachschieben, Wörter; die mit f beginnen eignen sich besonders gut. Nach ein paar Sekunden kann Ruhe am Tisch einkehren und das Essen weitergehen; einen weiteren Rülps auszustoßen empfiehlt sich aber erst, wenn die Nebentische neu besetzt sind.






Doofe Frage der Woche: Taube

Kann mich eine Taube hören, wenn ich sie anpreche?

Franz Gaffka: Der Abzess

Als Gregor Samsagabend eines Morgens nach unruhigen Träumen in seinem Bett aufwachte, fand er sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt. Er vermutete, er sei eine Schmeißfliege, saß an der Zimmerdecke und schaute auf sich herab, bzw. auf das, was er vorher gewesen war. Sein menschlicher Körper lag in embryonaler Verkrümmung unter der feuchten Bettdecke. Augen und Lippen zuckten, so als träumte der verlassene Körper einen schlechten Traum.
Gregor an der Zimmerdecke erinnerte sich an die letzen Worte seines Vorgesetzten: Sie sind eine Schmeißfliege am Furunkel vom Arsch der Welt.
Gregors Facettenaugen ruckten unruhig hin und her, als ob sie etwas Feindliches entdecken wollten; das Feindliche saß jedoch in seinem Kopf.
Gregor war völlig entfallen, warum der Vorgesetzte diese lange Beleidigung ausgestoßen hatte.
Im Moment des Ausbruchs hatte er darüber nachgedacht, ob es nicht heißen müsse, am Furunkel des Arsches der Welt, doppelter Genitiv, kompliziert und stilistisch eher fragwürdig.
Der Gebrauch des Dativs - schon wieder Genitiv, dachte Gregor - deutete eher auf einen restringierten Sprachcode hin, eher auf  untere Mittelschicht mit rücksichtsloser Karrierementalität.
Als Gregor hatte fragen wollen, ob es nicht am Furunkel des Arsches der Welt, also, ob nicht der Furunkel im Genitiv stehen müsse, hatte er sich bereits vor der Tür wiedergefunden und überlegt, ob der Arsch der Welt mittels des Omphagus, des Nabels der Welt, zu ermitteln sei.
Der Nabel der Welt lag in Griechenland, in Delphi, im Apollotempel.
Die Frage war, ob von da aus nach Norden oder Süden, vielleicht aber auch nach Osten oder Westen, möglicherweise auch zwischen diesen zu suchen sei, denn fest stand, dass die Welt sich drehte.
Muss der Furunkel nicht Abzess heißen?, dachte Gregor und rollte mit den Facettenaugen.
Alles wirkte so langsam, so bedächtig, so traurig.
Der Körper im Bett hatte sich erhoben und zur Fliegenklatsche gegriffen.
Brühendheiß fiel Gregor an der Zimmerdecke ein, was die Metapher "Etwas an der Klatsche haben" wirklich bedeutete.  Eine Nano-Sekunde zu spät allerdings.