dem Sommer winken

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Peter Fußke: Mein neuer Hut

Auszug aus: Peter Fußke - Mein Hut liegt in drei Ecken, Eckernförde 2011
Ein neuer Hut ist wie ein neues Leben.
Hatte ich gedacht.
Dann sah ich mich auf einem Foto.
Die Nase war lang. Spitz. Unförmig. Ok. das war nicht schlecht. Die Geschichte mit dem Johannes gefiel mir ganz gut. Aber warum war die Nase lang und spitz? Optische Täuschung? Der Hut war kurz und gedrungen. Relativitätstheorie?
Und dann die Hände!
Besser: Die Hand. Noch besser: Die rechte Hand. Nein, es war die linke. Man musst es von hinten gucken.
Warum war die Hand so breit, so dick, so wuchtig? Die Finger so lang, so besitzergreifend? So mächtig, so zuschlagenkönnendwennesseinmuss?
Das war nicht meine Art. Ich wollte nicht bedrohen, ich wollte nicht schlagen. Ich wollte ein friedlicher Mensch sein.
Ich war verwirrt.
Ein einfacher Plastikhut durfte meine Persönlichkeit, oder das, was von ihr an die Öffentlichkeit drang, mein Image eben, nicht derart verändern.
Wer war ich denn wirklich?
Gut, dem Stallmeier aus der Pferdewirtschaft hätte ich schon gern mal eine geschallert. Der war einfach proll. Früher hätte das Wort proll gar nicht zu meinem Sprachgebrauch gehört. Also veränderte der Hut auch meine Psyche und meinen Sprachgebrauch.
Ja, hallo, was war denn das?
Hut war konservativ. Er bewahrte die Hirnzellen im Kopf, das war manchmal gut. Aber Hutträger waren doch abgefeimte und verfemte Kreaturen.
Das wollte ich nicht sein.
Badekappe.
Eigentlich war mein Hut eine Badekappe.
Kappenzwang.
Die meisten Badeanstalten hatten  Kappenzwang.
Kanppenzwang. Das war Ruhrgebiet.
Zwängler und Drängler. Das war Busfahren.
Die Assoziationen schlugen mir ins Hirn. Ich schlief ein.
Träumen. Träumen von einer besseren Welt.
Morgen würde die Welt sich anders darstellen.
Ich hatte noch den Bon. Umtauschen.
Umtauschen war eine deutsche Tugend. Die würde ich pflegen.
Ein Hut würde mich nie wieder zum Knecht machen, zum Sklaven, zum Hörigen.
Basta.

Andi Werwohl: Das Lächeln der MM

Andi Werwohl:Eight smiles high
Ehrlich gesagt, macht es sich der Werwohl etwas einfach. Erst sich einen Namen zulegen, den man gern mit dem Tomatendosenplakatierenunddamitrichtigkassegemachthaber Warhol verwechselt, und dann knipst er irgendwelche Aststümpfe in Rasenflächen am Rhone  oder was das darstellen soll, zieht das Foto ein paar Mal durch ein Bearbeitungsprogramm, schmiert etwas Blau über das Ganze und nennt das Machwerk dann "Das Lächeln der MM".
MM kennt der Bürger nur als Sekt und Lächeln heißt eigentlich Grinsen, wenn man Mona Lisa so betrachtet.
Ein Bild wie Mona Lisa kriegt der Werwohl nicht hin, dazu fehlt ihm das Talent. Selbst Knipsen ist eher Zufall, den Rest macht das Programm. Hauptsache grell, Hauptsache was zum Nachdenken. Kann doch keiner behaupten, dass irgendwer so lächelt!
Das ist doch was anderes!

Wo das Eis herkommt

Sich aufblähen, dachte Glockenturm.
Groß machen. Großmachen, schreibt man wohl eher.
Langnese, dieser Zwerg. Langnese machen! Hände an die Nase und den anderen auslachen.
Das hatte Glockenturm lange genug gehabt. Schluss damit.
Mobbing war noch unbekannt, aber Glockenturm hatte dieses diffuse Gefühl im Magen. Du Wischmopp!, hatte der Lehrer gesagt, als er Glockenturm eine gewischt hatte. In diesem Wort war alles vereint, genau wie in Langnese, alle Demütigungen, alle Erniedrigungen.
Jetzt sagte niemand mehr Glockenturm zu ihm, denn er war endlich das geworden, was man ihm immer angedroht hatte. Glockenturm. Und auch noch am Olympiastadion in Berlin!
Großmachen. Großsein. Selbsterfüllende Prophezeiung. Was für ein Wort!
Glockentrum grinste und ließ eine seiner Glocken dröhnen. Langnese zitterte. Der Wicht. Dieses Eis am Stiel! Stillos hatte er ihn damals immer vorgeführt. Aber bedenke, wen du wie beschimpfst. Sag nicht Glockenturm, wenn du nicht willst, dass Glockenturm dich irgendwann ganz klein macht.
Da lief Langnese jetzt die klebrige Masse an den Armen herunter. Schisshase!
Wie er sich die Finger leckte, die Arme, und sah doch verschmiert aus! Wie ein eingesabbertes Kleinkind.
Ich bin Glockenturm!, brüllte Glockenturm und pfiff eine Müllmöwenhorde heran.
Langnese zuscheißen!, befahl Glockenturm und die Möwen grinsten. Warum nicht Glockenturm? Ist doch egal, wo wir ablassen!
Langenese schafte nicht mehr, sich zu ducken oder abzutauchen.
Und doch hatte die Aktion etwas Gutes: Da mach ich eine Geschäftsidee draus, dachte Langese, ich gründe eine Eisfirma, deren Eis nicht nur aussieht wie Möwenexkrement, sondern auch noch so heißt! Obwohl, vielleicht ist Möwenpick doch besser, gefälliger, runder, leckerer als Möwenexkrement...
Eine neue Ära gefrorener Zukersahne ist eingeläutet! Hahaha, Glockenturm!  Eingeläutet!
Glockenturm knirschte in den Fugen. Irgendwann wirst du bezahlen, zischte er.


Burggeschichten

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Jahreszeiten im Umbruch

Vorweihnachtszeit.
Die Regale sind gefüllt.

Gefahr für RAF-Mitglieder

Kind, sieh dort! Ein Mitglied der RAF!
Mutter, was ist denn das?
Gefährlicher Mensch, mein Kind!
Ich meine RAF, Mutter! Was ist denn das?
Rote Augen Fraktion, soweit ich weiß, mein Kind...
Mutter, sind rote Augen denn gefährlich?
Kind, nur für den Träger dieser Augen.
Besteht denn auch für uns Gefahr, Mutter?
Kind, nicht direkt. Im Grunde nicht. Nur für das Mitglied jener RAF.
Mutter, woher kommen denn die roten Augen?
Vom Weinen, Kind, vom Weinen und zu vielem Reiben.
Ach, armes Mitglied. Muss viel weinen und reiben und es besteht auch noch Gefahr.
Ja, Kind, gut, dass du mitfühlst.
Mutter, schau immer, dass ich nicht weinen muss.
Schau'n wir mal, Kind.
Gebongt, Mutter.

Wunder des Lebens: Mann und Frau

Wie wunderbar ergänzen sich die Körper von Mann und Frau.
Einfach nur komplementär!

lächeln: Es ist Montag!

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Weisheit des Alltags: Hosenträger

Hosenträger und Träger der Hose sind nicht immer identisch.

Christlich-sozial oder was?

Ist christlich-sozial nicht ein Widerspruch in sich?, räuspert sich Knorkheimer über seinem dritten Hefe.
Das ist doppelt gemoppelt!, wiehert Immanuel Kante und prustet ein paar Pittjes auf die Tischplatte. Tautologie! Das eine könnte das andere aufheben, so wie minus mal minus plaus ergibt.
Das ist doch nicht aufgehoben, da ist doch was da, wenn man aus nichts was macht, bemerkt Habermus aus dem Off.
Die Christlich-Sozialen, die machen aus nichts was?, kontert Knorkheimer, Das glaubt doch wohl keiner! Es geht doch darum, warum diese Bayern christlich und sozial sein wollen; reichen würde doch christlich oder sozial, da ist doch gar kein richtiger Unterschied. Die haben eine Neurose, weil die doppelt sagen müssen, wie gutmenschig sie sind. Auf den ersten Blick nimmt ihnen das nämlich keiner ab, deshalb müssen sie so dick auftragen. Das ist meine These. Also, eigentlich ein Widerspruch.
Doppelt gemoppelt ist weißer Schimmel und schwarzer Rappe, kontert Kante. Nix mit Widerspruch, das ist Kinderkacke. Die wissen nicht, was sie wollen, nennen sich christlich-sozial, weil sie davon ablenken wollen.
Die Urchristen waren doch eigentlich Kommunisten, meldet sich Habermus aus dem Off.
Kommunisten gab's doch früher noch gar nicht, die mussten erst noch erfunden werden, fährt endlich Sören Kirchenrat dazwischen.
Was es nicht gibt, kann man nicht sein.
Philosophisch richtig, politpragmatisch aber falsch. Da kann eben doch sein, was es nicht gibt, wispert Habermus.
Dass die CSU christlich-sozial ist?, fragt Heidschnugger vom Nebentisch.
Das gibt's doch nicht!, prustet Kante eine zweite Portion Pittjes auf den Tresen.
Doch! Gibt es doch! Polit-pragmatisch jedenfalls, wird Habermus lauter.
Ich wähle die Grünen, meldet sich Knorkheimer.
Die Bayern sind ja auch nicht von hier, das macht sie so fremd, bemerkt Kirchenrat und ordert bei Hansi ein weiteres Hefe.
Hansi! Lass noch mal eine Schale Erdnüsse rüberwachsen!, ruft Kante und Hansi schickt die Tanja los, denn die ist heute Abend die Bedienung.




Eine Pfanne für Ali vom Aldi?

Ja, kaufe ich die Aldi-Pfanne? Eigentlich kauft man doch als aufgeklärter Bürger nicht bei Aldi, weil man die schlechten Arbeitsbedingungen der Angestellten unterstützt. Arbeitsplätze!
Aber wenn ich nichts kaufe, dann haben diese Menschen nicht einmal den Arbeitsplatz, auch wenn nicht alles in Ordnung ist, so aus gewerkschaftlicher Sicht.
Aber die Pfanne ist günstig.
Und dann die Schweizer!
Die Schweizer haben die Pfanne  beschichtet.
Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Zum Kuckuck mit den Schweizern, sagen die Schwarzwalduhrenhersteller, die nehmen uns die Arbeit weg. Die ticken doch nicht richtig, wenn die das tun.
Der Schweizer schichtet und beschichtet.
Der Schweizer schichtet Schwarzgeld, und eben nicht Schwarzwalduhrengeld!, und beschichtet Pfannen, gut, für Aldi.
Aber der Schweizer wusste schon immer, was er wollte. Geld verdienen und nicht in Kriegen mitmischen, weil das unnötig Geld kostet.
Schwarzwaldkonten einrichten!, wie es früher so poussierlich hieß, später schenkte man sich den Wald, was ja auch in die ganze Klimakatastrophe passt.
Immer wenn ich bei Aldi nicht kaufen will, fange ich an zu phantasieren. Oder besser, zu rationalisieren und abzuschweifen. Was hat der Schweizer denn mit Aldi zu tun? Ali wäre da wohl wichiger: Der Schweizer will keinen Ali im Land. Aber er will für Aldi-Pfannen beschichten. Auch wenn Ali die in Deutschland dann kauft.
Ich schweife ab, ich nehme die Pfanne ein einziges Mal, ein letztes Mal, damit die Menschen hier ihre Arbeitsplätze behalten können und der Schweizer nicht nur vom Schwarzgeldverstecken leben muss. Das ist soziale Kompetenz, das ist Fürsorge, das ist Mitmenschlichkeit. So bin ich, und so ist auch der Schweizer im Grunde seines Herzens. Wir haben doch alle unsere Leichen im Keller. Auch der Ali.


Wo bleibt Jacobs?

Koffein-Abusus. Klar. Kaffetrinken bis zum Umfallen, am besten morgens nach dem Aufstehen. Umfallen, haha! Da könnte man sich glatt wieder hinlegen. Nichts da! Der Motor rappelt und dann die Morgenzigarette, das bringt auf Betriebstemperatur, auch wenn die Hände feucht sind und sich nicht für Vorstellungsgespräche oder einen vertrauenswürdigen Geschäftsabschluss eignen.
Ein feuchter Film liegt auf der Stirn, die Zunge ist pelzig. Das könnte trotzdem ein guter Tag werden, denn die Pumpe pumpt stetig und schnell frisches Blut in die Hirnzellen. Der Körper steht unter Strom. Alles strömt.

Dann der Schritt nach draußen. Der Himmel kaffeebraun. Dunkle Schatten vor dunklem Hintergrund. Die Bäume so weiß, als hätten sie einer atomaren Katastrophe gerade mal widerstanden. Unwirkliche Welt. So menschenleer, so karg, so kalt,  die Geräusche hallen meilenweit und klingen, als habe man sie durch einen Ringmodulator gedreht.
Mal wieder zuviel des Guten.
Das ist die Krönung.
Wo bleibt nur Jacobs mi seinem Shuttle?

Georg Krakl: Stotterers Bittgesang (2012)

T-t-t-tus!
Na los, tus!
Am rechten Fuß
mach mir Tattoos.
Mit bleichen Schädeln, Orchideen,
offnen Gräbern, dunklen Seen,
mit Nachtgespenstern, Tagedieben.
So könnt ich meinen Fuß wohl lieben.

Das gute alte Butterbrot

Wenn du morgens vor die Tür trittst, dich wunderst über die vielen Kondensstreifen von Flugzeugen, die bereits um acht Uhr den Himmel gekreuzt haben, bemerkst, dass kaum ein Lüftchen geht, und dir die gute alte Kondensmilch einfällt, mit der deine Mutter früher immer die Salatsauce für den Kopfsalat am Sonntag gemacht hat, scheint der Tag, vor allem weil es ein Sonntag ist und du extrem früh aufgestanden bist, damit du mehr vom freien Tag hast, du sogar schon dein Müsli gegessen hast, dann scheint der Tag dein Freund zu sein; dann fällt dir plötzlich auf, wie seltsam farbig der Himmel aussieht. Du denkst spontan an den Maya-Kalender, aber es ist nicht Dezember, du denkst an die Gäste gestern Abend und was sie dir in den Orangensaft getan haben könnten, und schließlich bleibt nach eingehender Prüfung nur dein Müsli, ohne Zusätze von Zucker steht drauf, aber nicht, was sonst noch an Zusätzen drin sein könnte, auch hast du nicht das Haltbarkeitsdatum geprüft und ob vielleicht, weil du lange die Schublade nicht gereinigt hast, kleine Tierchen deine Ceralienmischung in eine Art zerbröselten "magic mushroom" verwandelt haben.
Du beschließt spontan, was an Sonntagen eigentlich nie vorkommt, wieder auf Stullen umzusteigen. Da weißt du, was drauf ist, und du kannst dir immer eine schmieren. Alter Scherz, trotzdem hahaha!

EU erhöht Druck auf Russland...

Früher übte der Russe gerne Druck aus, sei es in Form des menscheverachtenden Zarenreiches ode eines zentralistischen Sozialismus. Ohne Druck kein Plansoll, auch wenn keiner wusste, was gemeint war, weil der Zar gar keinen Plan hatte, es ging mehr um Luxus.
Jetzt bin ich mal dran, dachte die EU, und erhöhte kurzum den Druck auf Russland, vielleicht nur so zum Spaß. Dunkelhaarig und mit Pagenschnitt dekoriert legt sie locker die Linke auf die Schulterklappen des ihr zur Rechten stehenden Russland, dem darob die Haare zu Berge stehen.
Aber die Eu ist nicht allein, das blonde Bullerbü und die blasshaarige Bergwelt hinter den sieben Zwergen machen lächelnd mit. So wird der Druck weitergegeben, als hätten wir seit der letzten Hackordnung nichts dazugelernt.
Die Printmedien schlecken das gefundene Fressen auf und kombinieren Fotos mit Unterschriften, als hätten sie ein paar Tranquilizer zu viel eingeworfen. Ist denn Bettina Wuff schon wieder so uninteressant geworden?

Vorsicht bei der Tapetenwahl

Jeder Hobbytapezierer sollte sich genau überlegen, was er sich an die Wände seiner Behausung klatscht. Kleister ist billig, aber wenn die Folie erst mal passgenau an der Mauer hängt, muss man sich vielleicht jahrelang damit quälen.
Es gibt Tapeten, die in der Dämmerung oder kurz vor dem Einschlafen bzw. Aufwachen ein Eigenleben entwickeln.
Da schaut mich ein Hirsch an, sagt Betty, und vergisst, dass sie am Abend vorher ein paar Jägermeister gekippt hat.
Eine Peitsche, die mich schlägt, nörgelt Willo, der am nächsten Morgen rote Striemen an seinem Oberkörper entdeckt und sich nicht erklären kann, woher die stammen.
Das ist mein Kontoauszug! Endlich schwarze Zahlen!, brüllt Beppo vor Freude, und denkt nicht daran, dass Rot auf Schwarzweiß-Tapeten auch nur schwarz oder weiß abgebildet werden.
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten?, brummelt Sigmund und benimmt sich, als sei er beim Rorschach-Test durchgefallen.
Die Menschen projizieren gern ihre Probleme und geben die Schuld dann leblosen Objekten. Das geht zu weit.
Wer Massentierhaltung duldet, solte nicht bei den Dingen weitermachen, irgendwann schlagen alle gemeinsam zurück, und das wird dann weh tun.
Meine Tapete sieht aus wie eine Tapete!
Das ist Peter. Und Peter ist klug.Was genauso aussieht, wie das, was es ist, kommt nicht in eine Identitätskrise und wird folglich nicht aggressiv.
Tapeten haben die Aufgabe, an den Wänden herumzuhängen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Das ist beruhigend. Letztendlich kommt es dann aber auf den Betrachter an. Wohlgemerkt.



Schweinemast? Nicht in meiner Nähe!

Pawel Pikass: Mastbetrieb (2012)
Die Grillgemeinde grunzt unmutig. Lauschige Abende auf der Terrasse vor dem Rost, auf dem Nackensteak und Wurst brutzeln, sind in Gefahr. Ein Mastbetrieb ist in der direkten Nachbarschaft geplant und ein jeder weiß: Massentierhaltung sondert Geruch ab. Unangenehmen Geruch. Penetrante Geruch, der in Nase und Mund eindringt und den Genuss verdirbt.
Den Genuss am Gegrillten und am obligatorischen Pils.
Dabei ist der Mastbetrieb doch durchaus wohlwollend. Neben Konkurrenzfähigkeit und Profitorientierung charakterisiert er sich als preiswerter Versorger der Fleischesser, die im Sommer die Küche in der Garten verlegt haben.
Die Bürger werden unruhig, gründen Bürgerinitiativen gegen Mastbetriebe, Motto: Egal wo, nur nicht hier.
Das Begehren schläft ein, wenn verlagert wird. Gegessen wird immer; die Wurst schmeckt, sie darf nur nicht stinken, solange sie noch in engen Pferchen lebt.
Das Wort unmenschlich gibt es schon, mit dem Neologismus "untierisch" quält man sich.
Der Nachbar ist eigennützig, ihn interessiert das Wesen Tier nicht.
Nachbarn sind wir alle. Jeder ist sich daher selbst der Nächste, den es zu lieben gilt. Wenn das gequälte Tier weit genug entfernt zu Schlachtreife gebracht wird, ist es kein Nachbar mehr und die Frage nach der Liebe stellt sich nicht mehr. Aufatmen.
Eigentlich müsste uns der Appetit vergehen, denn Hunger haben wir schon lange nicht mehr.

TV-DENTAL

Gute Zähne, Schlechte Zähne!
Der Kassenschlager
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Tag des offenen Friedhofs....

Das klingt erst mal befremdlich. Da wird ein Tabuthema berührt. Tag des offenen Denkmals, das kann man sich vorstellen; aber Tag des offenen Friedhofs?
Tag der Zahnbürste, Tag der Linkshänder, Tag der hochgeklappten Zehennägel. Es gibt für alles einen Tag, die Liste ist lang und die Steigerung sind die Welttage.
Offener Friedhof?
Da spielt der Posaunenchor die Hits und Evergreens von "Gruftmucken", da stellen Bestatter aus, da werden Bestattungsalternativen gezeigt, Seebestattung als Simulation auf dem Baggersee, Streußel- und Zuckerkuchen treten in Konkurrenz, die Bäcker liefern, was der Ofen hergibt.
Allles passgenau und zum richtigen Zeitpunkt. Jetzt hingehen, noch ist Zeit.
Ab November wird traditionell wieder mehr gestorben; da ist man dann informiert, oder wenn man betroffen ist, die Verwandtschaft.
Pietätlos!, flüstert der still Trauernde, Trara und Verkaufshows, wo Andacht und Gedenken in Stille gefordert werden.
Pietätlos ist nur wenig in unserer Zeit; vielleicht wäre es das, wenn im nächsten Jahr ein "Tag des offenen Grabes" auf dem Programm stünde.

Hier mehr erfahren über den Tag des offenen Friedhofs.

Musik aktuell: Felix, Shit da!


Al Bino und Rowenta Bauer: Felix, Shit da!


Original hören

Wenn der Berg ruft...

Der Berg ruft.
Sepp: Ich geh dann mal gleich los...
Berg: Was is?
Sepp: Du hast doch gerufen.
Berg: Wer?
Sepp: Na, du, und wenn der Berg ruft, dann geht der Bergsteiger los. So heißt es doch immer.
Berg: Ich habe gerufen?
Sepp: Ja, sicher.
Berg: So'n Quatsch, bleib bloß unten.
Sepp: Nix da, gerufen ist gerufen, und da geh ich los. Ich bring auch die Maria mit.
Berg: Die alte Sabbeltasche.
Sepp: Nichts gegen die Maria.
Berg: Sagst du.
Sepp: Eben.
Berg: Ich habe jedenfalls nicht gerufen.
Sepp: Doch hast du. Ich hab's doch gehört.
Berg: Du spinnst.
Sepp: Nein, ich spinne nicht. Ich bin ja nicht taub.
Berg: Berge können überhaupt nicht sprechen. Und rufen schon gar nicht.
Sepp: Ich geh dann mal die Maria holen, bis gleich dann.
Berg: Verdammt.Herrschaftszeiten!
Sepp: Jupp! (geht die Maria holen)

Theodor Strom: Gedicht aus dem Offf (2012)

Doppelt der Bruch/
Schmalz im Falz/
zehn gierige Lurche
in der Furche/
aber eine elegante Kante/
ein Kniff
mit Pfiff/
grinsend der Serbe
mit der Kerbe
und einer Falte/
war eine alte/
war zu Bruch gegangen/
dass die Lurche sprangen/
dass die Furche barst/
Karst-
gebirge weggesprengt/
und meiner Tante eine Kante hinterlassend/
bleich erblassend der Kniff in der Hose/
lose
die Kerbe/
das Erbe verprasst/
die Falte geschasst/
verhasst.

Man merkt: Strom stand unter Strom, vielleicht ein Gläschen des alten Künstlersprits zu viel, Absinth in der Hölle, wie der Dichter so sagt und meint, dass jemand nicht recht wusste, was er schreiben sollte, wohl aber einige Zeilen zusammenhauen musste, um ein paar Euro zu erhalten und das nächste Fläschchen Inspiration  erwerben zu können.
Strom hat es mit den Lurchen, diesen kleinen, glitschigen und wabbeligen Wechselwärmlern, die nicht zum Kuscheln geeignet sind, aber wohl die dunkle Seite der Sinnlichkeit symbolisieren, die, wo es eben glitschig und wechselwarm wird. Das passt dann auch zu den Furchen und Kerben und Falten, da gibt es immer was zu glätten, zu schnitzen und zu gucken. Strom hat seine libidinöse Phase unverarbeitet verlassen und steuert nun in seiner eher opstipaten Phase, in der die Greise das Geld horten und den Geiz potenzieren,  ziellos umher.
Reime sind da, aber haben keine Funktion. Warum Karts auf barst reimen? Im Karstgebirge Jugoslawiens wurden damals die Winnetou-Filme gedreht. Dieser Zusammenhang ist aus ihm selbst gerissen und vermag nur zu verwirren. Hose und lose sind auch keine glückliche Reime, Dose wäre sicher aussagekräftiger gewesen, Rose vielleicht einen Hauch zu kitschig und klischeehaft.
Der Hang zum Reichtum steht in direkter Verbindung zum opstipaten Charakter: Das Erbe verprasst. Verprassen fängt, so weiß schon Josef Ackermann, erst ab einem Jahreseinkommen von 12 Millionen an, wenn man denn zu Neujahr nichts mehr hat. Gelobt der, der sein Schäflein auf ein trockenes Konto in der Schweiz verbracht hat.
Strom bleibt verwirrend. Vielleicht lag es doch am Absinth; da lobt sich der Leser einfache Sätze wie: Absinth alle meine Knöpfe von meinem Hemd. Da darf wenigstens gelacht oder geschmunzelt werden. Hellmut Karasack

Neo-Dadaismus: Theo von Doeskopp - Vielfraß



der Vielfraß
fraß
viel
der

Beweis: Kein Rotlichtmilieuverdacht

Ex-First-Lady:
Wärmekamera beweist: Keinen Kontakt zum Rotlicht.
Nachdem sich Expundespräsidentengattin Wulff mit Klagen gegen eine Farblichtkampagne aus den Reihen der eigenen Parteien gewehrt hat, ist jetzt der Beweis gelungen. Verbindungen zum Rotlichmilieu sind widerlegt. Neutrale Wärmekameras, die der Dame und ihrem Mann die Ehrenrente auf Lebenszeit nicht missgönnen, haben das ganz deutlich bestätigt. Das Milieu ist wohl eher orange oder golden.
Letztlich bleibt die Verbindung zum Eskort-Betrieb noch ungeklärt, aber auch hier kann die Technik vielleicht helfen, wenn man sich geeinigt hat, welche.
 

Theodor Strom: Steckdose, Demenz, Widerstand und Hass (2012)



Steckdose
sitzt lose.

Strom tritt übers Bett.
Die Rechnung steigt ins Unermessliche.
Und rundherum Vergessliche,
die verstummen
angesichts der Riesenstromunkostensummen.

Der Unvergessliche schreit auf: Bringt Degen und Florett!
Und spießt den Stromversorger auf!

In die Dose jetzt ein Stich.
Der Kämpfer dreht und windet sich.
Versinkt im Strom.
Kaum Widerstand: Vielleicht um 15 Ohm.

Der Stromanbieter bleibt gelassen.
Er weiß, dass ihn die Leute hassen.

Weisheit im Alltag: Nachmittag

Wenn es Zeit ist, gib die Gabel ab.
Den Löffel solltest du besser behalten.

Georg Krakl: Lappen gehen, Lumpen nicht (2012)

Ölfleckige Lumpen
in einen Humpen
gepresst.
Der Trinker gestresst.
Wie soll ich das trinken?
Wo Lumpen so stinken?
Wärn's Lappen,
die sanft über Humpens Rand schwappen,
das wäre kein Akt.
Doch Lumpen? Vertrackt!

Vieleckige Stumpen
in einen Humpen
gestopft
und Öl drauf getropft,
das könnt' ich mir denken.
Doch Lumpen in Humpen?
Ich will mir den Bauch nicht verrenken.

Verschenken,
verschenken!

Heiner Maria Rille: Der Panzer (2012)

Der Panzer
mit seinen Ketten
und Rohren
in deutscher Fabrik einst geboren
er ruckt und er zuckt
und schießt und faucht und muckt
und quetscht
die Landser

sie ballen zu spät - ja, du schaust!-
dem Panzer die Faust





Bestürzung in der Massentierhaltung

Schweine jetzt auf Halbmast.

Do it yourself - Orakel im Kommen

Immer mehr junge Menschen mit diffusen Zukunftsperspektiven greifen auf die Kraft des Orakels zurück. Da es zu teuer ist, jedes Mal nach Delphi zu reisen, versuchen es erfindungsreiche Jungmenschen einfach selbst.
Man verabredet sich einfach an einem unbelasteten Wochenende zu einem Gruppenorakel im Haus oder Garten eines Bekannten, vielleicht verabredet man sich sogar zu einem Orakelflashmob oder einer Open House-Veranstaltung, um dort mehr über die Zukunft zu erfahren.
Berauschende Substanzen, die in die Anderwelt führen, sind in jedem Supermarkt zu erhalten. Vor dem Ritualtanz steht dann das Vorglühen, das heißt, die Gruppe trinkt sich kollektiv in einen Rauschzustand, der erst mal völlig dicht macht, also eine Einschränkung der Wahrnehmung bedeutet. Nach einiger Zeit betonen Doppelbilder dann beutende Elemente der Realwelt.
Wahlweise kann dann ein Gestampfe zu monotoner Musik den Orakeleffekt erzeugen, oder aber für Sportive das Trampolinspringen zu 15 bis 20 Personen.
Wer nicht mehr kann, darf sitzen. Der Rest lässt sich immer wieder in die Höhe katapultieren, bis es aus ihm herausbricht. Der Fleck aus vor zwei Stunden Gegessenem wird dann interpretiert.
Da sich die Interpreten alle noch in einem Zustand fernab rationaler Erkenntnis befinden, ist die Botschaft zwar schlicht, aber wenigstens eindeutig:
Du hast gesoffen, du hast gekotzt. Morgen hast  du einen Riesenschädel. Übermorgen geht's dann wieder.
Das System ist insgesamt nicht ausgereift. Wer mehr wissen will, kann das Tageshoroskop in BILD lesen oder doch nach Delphi reisen.

Klein-Erna-Witze noch aktuell?

Klein-Erna: Na, Fritzchen, weißt du noch, damals, der Witz mit der Blinddarmnarbe?
Fritzchen: Wie jetzt?
Klein-Erna: Na, ich habe gefragt, ob du mal sehen willst, wo ich am Blinddarm operiert worden bin?
Fritzchen:Ach, das war da auf der Bank am Waldrand, von wo man auf die Stadt gucken kann. Es war schon dämmrig.
Klein-Erna: Genau.
Fritzchen: Und was habe ich gesagt?
Klein-Erna: Natürlich, ja sicher, unbedingt will ich das sehen. So was in der Art.
Fritzchen: Ja, super, ich denke, du zeigst da sonstwas, und was war?
Klein-Erna: Haha! Ich habe dir das Krankenhaus in der Stadt gezeigt. Konnte man gut erkennen. Hatte schon Licht an.
Fritzchen: Ein bisschen enttäuscht war ich schon.
Klein-Erna: Willst du jetzt mal die Narbe sehen?
Fritzchen: Besser nicht.
Klein-Erna: Wieso? Ich fänd's irgendwie auch gut.
Fritzchen: Das ist jetzt fast fünzig Jahre her.
Klein-Erna: Dann wird's doch mal Zeit.
Fritzchen: Ich interessiere mich seit 40 Jahren nicht mehr für Blinddarmnarben.
Klein-Erna: Wie das denn?
Fitzchen: Also, nicht bei älteren Frauen.
Klein-Erna: Danke. Sehr charmant.
Fritzchen: Is so.

Neo-Dadaismus: Theo von Doeskopp - Botox (2012)


Boxeraufstand von 2012
Der Chor der Boxer 

box box
botox
geschwollene rippe
zerspritzende lippe
boxen
toxen
toxen
trotzen
botzen
sprotzen
schlotzen
kaputt
auf den Schutt
klappe
schlappe
verloren
gewonnen
kaputte ohren
zerronnen 
das glück
gück
mal da!

Wolle Wolle Wolle

Da war dieses Rauschen im Ohr, oder Zupfen, Zerren, Gezausel.
Mein Hirn war irgendwie diffus.
Und dann: Hölle, Hölle, Hölle.
Ich als Katholik. Verdammnis. Verblendung. Vertaubung. Das war Stig Holgersson. Oder wer?
Ein Mann am Ohr. Es gibt ihn im Mond. Im Ohr. Auf der Straße. Aber am Ohr? Verwirrung.
Wolle, Wolle, Wolle.
Wolle Petri. Rückfettend.
Fette Bässe.
Freundschaftsbänder, die man nicht waschen kann, die abfaulen, weil die Freundschaft so lang lebt.
Die Synthetikbänder sind ein Fluch. Die faulen nicht.
Rauschen im Ohr. Das Meer. Oder das Mehr. Das konnte ich nicht unterscheiden.
Steinhuder Mehr wahrscheinlich. Da wo sich Räucheraal und Kaulquappe. Oder was?
Hilfe!!!!!!!!!!!!!!

Wenn die Zeit nicht still stehen will...

Das Altern hat mit Zeit zu tun. Je mehr Zeit vergeht, desto älter wird der Mensch, desto mehr Gerümpel häuft sich in seinen Zimmern an, desto mehr ist er bestrebt, alles los zu werden und wieder zu erjungen. Früher badeten die Menschen in Jungbrunnen und stellten fest, nachdem die alte Kruste aufgeweicht und abgefallen war, dass sie noch ganz adrett unter dem Schorf aussahen. Sogleich fühlten sie sich verjüngt und schoben das freundlicherweise auf den Brunnen.
Heutzutage in Zeiten übertriebener Hygiene altert der Mensch früher. Waschfrauenhände und Gummifüße erstarren und bleiben für immer, weil die Uhr gerade "voll" geschlagen hat. Womit Oma immer gedroht hatte, ist endlich bewiesen. Traurig für die Betroffenen.
Bei frühzeitiger, sprich punktgenau rechtzeitiger Alterung versucht der Mensch mit Accessoires gegen zu halten. Eine flotte Kappe und eine hippe Brille sollen von verrunzelten Händen ablenken. Ein Holzfällerhemd soll kraftstrotzen, und eine schicke Armbanduhr sagt: Zeit interessiert mich nicht, für mich ist eine Uhr nur Deko, nur schöner Armschmuck, den ich ab und zu betrachte, wenn ich pünktlich meinen Bus zum Internisten kriegen will.
Die Zeit aber steht nicht still, sie läuft und läuft und läuft, nein, sie rinnt förmlich, und wenn man ganz leise ist, hört man sie ticken. Und das kann schon in den Wahnsinn treiben, auch wenn die gichtigen Hände sich den faltigen Mund halten, um einen gequälten Aufschrei zu unterdrücken.
Carpe diem!, oder Kappe diem!, wieder der junge Mensch sagt: Kappe hilft da auch nicht.

Georg Krakl: Meterolog'scher Herbst


Meteorolog'scher Herbst, September der Erste!
Wie die Farben verwischen
in Braun und Rot und irgendwie auch in Tot.
Wie sich die Rohrkrepierer unters Laub jetzt 
mischen.

Das zu verstehen ist das Schwerste.
Das macht uns Not.


Bald aber sind wir in den tiefsten Wintern,
dann geht der Herbst ganz fein am Hintern
uns vorbei.

Joseph Beuyls: Feuerwerkskörper (Silvester 2011)

Joseph Beuyls: Feuerwerkskörper 
Georg Krakl: Feuerwerkskörper (2012)
Geschrieben mit einer Hand.

Du bist in meiner Hand zerkracht,
die Menge hat gelacht.

Das war nicht nett.

12 Wochen blieb ich dann im Bett.

Ich bin genesen.
Du bist gewesen.

Angewandte Mathematik: Über Brücken gehen

Die Mathematik hat herausgefunden, dass es nicht nur kürzer ist, auf einer Brücke geradeaus zu gehen, statt über einen darübergelagerten Brückenbogen, sondern auch ungefährlicher. Die Absturzhöhe steigt bis zur Mitte des Bogens und entfernt sich damit von der Absturzhöhe der Brücke selber. Erst ab der Hälfte wird die Gefahr weniger und nähert sich der auf der Brückenoberfläche.
Außerdem haben die Brücken oft ein Geländer, was den Bögen meistens fehlt.
Des weiteren ist es auch beschwerlicher, einen Brückenbogen zu besteigen, als einfach geradeaus zu schlendern. Wenn es berab geht, muss man aufpassen, dass man keine rutschigen Schuhe anhat, denn es geht ja ganz schön abwärts, das darf man dann nicht unterschätzen.
Ein Dank an die Mathematik, die endlich bewiesen hat, dass sie zu irgendetwas taugt, was man im Alltag verwerten kann.

Was bleibt, das bleibt

Permafrust: Wetter
Permafrustzone….ja, wir alle wissen von der dahinschmelzenden Permafrostzone, die dem Kulaken schlammige Gummistiefel beschert und die Zeichen für eine sich verändernde Welt ist. Angst und Schrecken, oder Hoffnung und Freude, was soll man empfinden, wenn man sich dessen bewusst wird? Ist Wärme besser als Kälte, oder umgekehrt? Alles ändert sich, alles fließt, jetzt auch in der Permafrostzone, so weiß der weise Asiate zu verbellen, und hilft damit nicht wirklich.
Was bleibt, hat Bestand: Die Permafrustzonen sind geblieben, die Bauchansätze und echten Bäuche, die Fetthüften und Schwarten, die Apfelsinenhäute und Hühneraugen, die offen stehenden Schubladen, die Waschbecken mit einem Haar drin und die leere Klopapierrolle, die zu lange unbemerkt geblieben ist und überrschend für  geschäftlichen Frust sorgt.
Was bleibt, schafft auch Sicherheit. Es ändert sich nicht alles in der Welt. Manches, wenn auch Nervendes, bleibt, und ich weiß: Morgen ist das auch noch so, da brauche ich mir gar keine Sorgen zu machen.
Deshalb, nicht nur gejammert: Das Schlechte hat auch etwas Gutes. Was paradox klingt, kann auch so sein, muss aber nicht.
Schöner hätte es der Asiate auch nicht ausdrücken können.

Günter Krass: Schreibblockade (2)

Schreibblockade: Da bleibt die Seite leer.
Das Gute an einer Schreibblockade ist, dass man ja eigentlich gar nichts schreiben muss, denn es besteht ja diese Schreibblockade. Der Kopf blockiert, die Finger gelähmt, der Körper windet sich und schwankt in peristaltischen Bewegungen vor und zurück, so als wollte er etwas auswürgen, was seit Jahren nicht verdaut worden ist.
Im Grunde ist es aber nur das Zwanghafte des Schreibens, das Geldverdienen mit dem Wort und die bange Frage: Kann ich auch morgen noch meine Schale Pommes im Biergarten an der Hufschmiede bezahlen, oder muss ich in der Bäckerstraße Musik machen und mich in Konkurrenz setzen zu osteuropäischen Profimusikern, die als Cymbel-Spieler im Westen kein Engagement bekommen haben, weil es nämlich keine umfangreichen klassische Literatur für Cymbeln gibt.
Wer hat schon von Beethovens Konzert in Es-Dur für Cymbel (eine!) und großes Orchester gehört? Niemand. Die Antwort lag wohl jedem auf der Hand.
Der Schreibzwängler mit einer Schreibblockade kann doch auch über Gummiproppen in Abwaschbecken schreiben, und dass man in die siffige Suppe packen muss, wenn der Proppen nicht raus will und die Kette abgerissen ist, weil sie dem brachialen Zug nicht gewachsen war. Das ist nicht appetitlich. Aber wenn jemand seine 120 Wörter am Tag schreiben muss, um zu überleben, dann ist das opportun.
Schöne Alliteration: Siffige Suppe. Schreibt man siffig eigentlich siffig?

Wo Bayern auch ist


Da werben sie wieder für Dirndl und Lederhosen, und das in Norddeutschland, wo der Bayer verrufen ist als tumber Gesell, der kaum die Backen auseinanderkriegt und niemand ein Wort seiner merkwürdig-ungehobelten Sprache versteht.
Wies'n! In Rüffeln, in Minden und in Frille ist bald wieder Wies'n. Und da braucht man ein Dirndl, eine Lederhose und ein kariertes Hemd.
Der Bayer ist sinnlich. Er denkt nicht viel, sondern poltert, säuft Bier und tanzt auf den Tischen in einem Riesenzelt zu hausgemachter Blasmusik. Unter den Tischen stapeln sich die Gebeine der toten Hähnchen, die zwischen den Bieren sorgfältig abgenagt und entsorgt worden sind.
So will der grüblerische Norddeutsche auch sein: Sinnlich. Wenig denken, viel saufen, tanzen und die hähnchenfetttriefenden Finger an der Lederhose abstreifen.
Die Norddeutsche will auch einmal ausladend Dekolleté zeigen und der Lederhosenträger soll hineinschielen.
In der Arbeit und im Privaten wäre das schon sexuelle Belästigung, mittlerweile in zwei Richtungen. Wer zeigt, rechnet immer mit einem Gucker.
Tanzen. Grölen und lustig sein, und endlich die norddeutsche Schwermut ablegen!Sein wie die geistigen Nachkommen eines irren Königs, der das Volk geplündert, aber die Ästhetik für Mickey Mouse vorbereitet hat.
Nicht immer nur denkendenkendenken, wie dämlich das Ganze ist.
Sau rauslassen.
Finger abwischen.
Herzeigen.
Hinfassen.
Burschikos und bajuwarisch.
O'zapft ist demnächst.
Der Franz Josef Strauß wächst im Kopf. 

Jetzt deutsche Marssonde


Motiviert durch die Marslandung der Amerikaner und durch schöne, aber nichtssagende Fotos in Rot und Braun haben jetzt deutsche Wissenschaftler das Modell einer eigenen Marsfähre konstruiert, vielleicht sogar einer Venusfähre, denn man wolle ja etwas anderes bringen und auch mal sehen, ob auf der Venus das berühmte Delta zu finden sei.
Modelltischler haben bereits eine verkleinerte Version angefertigt.
Ein wenig erinnert das Gefährt an einen Katamaran. Das sei aber zufällig.
Revolutionär sei, so die Wissenschaftler und Modelltischler Krause, der Flügelschraubenantrieb. Vier unabhängige Flügelschrauben hielten das Ding in der Luft, einige Plastikschlappohren stabilisierten das Ganze, auch wenn es eher einer abgehalfterten Käseglocke auf einem angestrichenen Frühstücksbrettchen gliche.
Seit dem kleinen Einmaleins haben die Deutschen nicht mehr viel erfunden. Aber ohne das kleine Einmaleins hätte eine Marslandung niemals stattfinden können.

Männer denken immer an das Eine

Kartenspielen.

Richard Gier und die Börsen-Onkels: Du, gib mir dein Geld


Richard Gier und die Börsen-Onkels: Du, gib mir dein Geld
Jetzt endlich der komplette Text zum Mitsingen und Selberergänzen des Dark-Doome-Deathmetal-Hits. Melodie und Akkorde ebenfalls zum Selberbasteln, auch ohne Vorkenntnisse. Verzerrer empfohlen.

Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
Du, gib mir dein Geld
… (ab hier selber ergänzen)

Sportlerprobleme

Der Sportler mit Schuhgröße 52 sollte irgendwas mit Skifahren machen.

Was tun mit einem Loch?

Kann man ein Loch ausschneiden?
Auf diese Frage haben weder Philosophen noch Soziopathologen eine Antwort geliefert.
Wer kann helfen?

Jetzt entdeckt: Das Tor zur Welt

Ab dem späten MIttelalter, nachdem man entdeckt hatte dass es eine Weite Welt gibt, glaubte man, das Tor zur Weiten Welt sei ein mächtiges steinernes Monstrum, in der Nähe von Hamburg oder Ruffeln oder sonstwo, durch das man unbedingt stapfen musste, um in die sagenumwobene Weite Welt zu gelangen.
Nachdem die Physik festgestellt hat, dass die meisten Naturgesetze nicht so funktionieren wie sie sollten, wenn man es mit Nullen zu tun hat, hat der Mensch sich wieder auf Makrokosmos und das Selbst konzentriert.
Das Tor zur Weiten Welt kann überall sein. Es kann dein Ohr sein oder ein handgetöpfertes lackiertes Tondings aus dem VHS-Kurs "Erst Makramee, dann mal sehen II/ Töpfern ohne Ton für Taube", alles geht. Und das beruhigt. Nicht mehr weit ausschreiten, sondern bei sich bleiben. Still hinsetzen und denken: Wo habe ich denn mein Tor zur Weiten Welt hingetan? Und siehe da, es tut sich auf. Ob es dann aber wirklich lohnt, hinauszugehen, muss jeder für sich entscheiden. Da bleibt wenigstens alles beim Alten.


Freizeittipp: Höhenwandern üben


Und plötzlich ist es soweit. Es wird höhengewandert. Steile Berge warten, Eisenleitern, Abgründe, die in Alpträumen der Kindheit nicht hätten schlimmer sein können.
Aber: Gesagt, getan. Die Mitreisenden erwarten die Teilnahme, es gibt kein Zurück. Versprochen ist versprochen; wer sich versprochen hat mit seiner eiligen Zusage vor 3 Monaten ist selber schuld.
Bange Fragen tauchen auf: Bin ich schwindelfrei? Habe ich eine Eisenleiterallergie? Was ist eigentlich ein Karabinerhaken, kann man damit schießen? Sollte ich Müsliriegel mitnehmen, falls ich eine Woche in einer Gletscherspalte verbringen muss?
Fragen ohne Antworten, die erst am Berg ihre Berechtigung erfahren.

Um ein bisschen Sicherheit in das Unternehmen zu bringen, heißt es üben.
Neben dem Aufessen von Müsliriegeln kann man etwa seine mangelhafte Schwindelfreiheit verbessern.
Besonders zukünftigen Bergtouristen, die im zweiten Stock eines Altbaues mit Hochparterre wohnen, kann man raten, einfach das Balkongeländer abzumontieren und ein paar Stunden pro Tag auf dem ungesicherten Terrain zu verbringen. Öfter mal an den Rand gehen und nach unten schauen, um ein Gefühl von Tiefe und von drohender Verunfallung zu bekommen. Vielleicht sind 10m nicht zu vergleichen mit Bergwänden, die einige hundert Meter abfallen. Ein Sturz vom Balkon wird aber auch nicht ohne tiefschürfende Blessuren ausgehen. Es gilt, die Angst zu besiegen. Darum auch einmal nachts auf die Planken treten und dabei visualisieren, wie es wäre, wenn man ungeschickt über einen Gummisschuh stolpert und versucht, sich an einer weiteren Person, die dieselbe Übung macht, festzuhalten.
Desensibilisierung ist garantiert.
Ansonsten: Bergheil!

Autoren unter Druck: Peter Hanswurstke - Sonne, Mond und Kuchen

Da oben war der Mond, hier unten der Kuchen.
Ich begann zu suchen, die Sonne war da, aber was zur Tonne hatte ich vergessen? Einfach nur den Kuchen essen? Wenn etwas fehlt, kann man es nicht verdauen.
Ich wollte meinem Bauch vertrauen, der aß ja alles, aber bei Galles zu Hause wäre der Teufel los, bloß weil ich Kuchen äße, aber ein Element zum Sack Zement noch mal ganz einfach fehlen ließe. Stehlen hieße andern etwas nehmen. Aber was? Müsst mich schämen, grämen, wäre wütend, früher, ja, wohl immer überbehütend, aber jetzt wütend, zornig, wie Rosen dornig anderen gegenüber und ich kam nicht drauf: Was fehlte hier? Butterbrotpapier oder Butter, Mutter oder vielleicht Cousine Dita, welch ein Name, welch ein Wort, vielleicht fehlte der rechte Ort: Bielefeld oder Wagendorf, ein kleines Stück Schorf, eine Nadel, eine Frau von Adel oder ein Pastor, ein Kunststoffohr, ein Bein vom Huhn, vom Stuhl, vom Tisch, vom Fisch, ach, nein, Fische haben keine Beine, das sind die Lügen.
Ich schweife ab.
Ich weiß nicht, was fehlt.
Irgendetwas muss doch fehlen. Sonne, Mond und Kuchen.
Das ergab doch keinen Sinn.
Das war ein doofer Kinderabzählreim gewesen. Damals.
Sonne, Mond und Kuchen.
Na, klingt aber nicht schlecht. Muss man erst was Besseres suchen!
Und finden!

Alltagsvergesslichkeit: Kaffee

Wo Kaffee draufsteht, ist auch Kaffee drin.
Georg kam zurück in die Küche: Ah, die Tasse Kaffee, die werde ich mir jetzt genehmigen, hach, da freue ich mich ja so drauf.
Georg nahm einen Schluck.
Hm, summte er, Kaffee, komisch, allerdings.Aber steht ja drauf: KAFFEE. Gut, dass es das gibt, wenn man etwas vergesslich wird, denkt Georg weiter nach, dann weiß man, was man hat.
Schmeckt irgendwie nach Cola.
Vielleicht fairhandelter Kaffee? Oder was biologisch Angebautes?
Georg nimmt noch einen Schluck, es fehlt ihm dieses Strömen durch die Energiekanäle des Körpers am frühen Morgen.
Irgendwie auch kalt, der Kaffee, kalter Kaffee. Kalter Kaffee! War das nicht ein Schimpfwort für unbequeme Gedanken eines Kollegen?
Das ist doch kalter Kaffee, was du da vorschlägst!
Süß war der Kaffee auch. Süß und kalt. Eine fatale Kombination.
Ramona damals wann auch immer war süß und kalt gewesen. Kalter Kaffee eben, nur gesüßt.
Der Kaffe hatte auch irgendwie Kohlensäure drin, spürte Georg. Seit wann war denn Kohlensäure im Kaffee erlaubt? Würde er gleich bei Wikipedia nachschauen.
Aber es steht ja Kaffee drauf, dachte Georg, und wo Kaffee draufsteht, ist auch Kaffee drin. Das war immer so gewesen. Daran sollte niemand rütteln. Auch Georg nicht, dachte Georg.

Haiku des Tages: Kirschblüten-Harakiri

Die Mutter macht im
Winter ein Glas Kirschen auf.
Die sind so köstlich.

Du hingst an Baumes
Blatt und ließest dich fallen.
Danke, Kirschblüte!

Den gelben Pudding
esse ich gern mit Kirschen.
Das schmeckt so lecker.

(Was ist ein Haiku, Mutter?
Kind, das ist ein Gedicht aus Japan mit 5 Silben in der ersten, 7 in der zweiten und 5 in der dritten Zeile.
Was sind Silben Mutter?
Kind, das erzähle ich das nächste Mal.)

Kinder von heute


van Doeskopp: Schräger Akt (2012)

Erst fängt Mondrian an, mit seinen drei Lieblingsfarben Blau, Rot und Pepita rumzustreichen, immer im rechten Winkel, denn das ist seine vierte Farbe, der rechte Winkel, und damit man ihn sieht, streicht er ihn schwarz an, und dann kommt Theo van Doesburg und kippt das Ganze ein bisschen, haut einen Rahmen drum und glaubt etwas Neues geschaffen zu haben, etwa ein Emblem für Ikea oder eine neue Nationalflagge, möglicherweise für die Schweiz, weil die dringend eine neue sucht, schließlich macht Piet Schlendrian eine schlichte Kopie nach eigenen Motiven
(Akt im Gegenlicht) und Theo van Doeskopp ergänzt mit "Schäger Akt im Gegenlicht, an dem ein Fussel anhängig ist". Die Frage bleibt: Wo ist denn der Akt? Was ist der Fussel? Ein Relikt einer Unterarmrasur oder woher? Und: Wo sind denn die rechten Winkel? Hier gibt es doch nur Ecken. Wenn es noch Nussecken wären, dann ginge es ja! Wenn das Gelb nicht wäre, könnte man es Großbritannien anbieten für eine neue Flagge. Die alte ist ja doch sehr steril.

Auf ein Zeichen warten


Lange hatte er gegrübelt. Hatte auf ein Zeichen bewartet.
Hatte Bein über Bein geschlagen und in den Garten gestarrt.
Wo war das Zeichen, das ihm den Weg wies?
Da, ein Vogel hatte gerade sein Geschäft gemacht, vielleicht konnte man darin lesen, wie es die weisen Frauen im Kaffeesatz machen?
Dort, eine Blume hatte sich bewegt, obwohl kein Wind zu spüren war, vielleicht ein Tier, das sich durch die Pflanzen bewegte. Aber was wollte diese Blume sagen?
Es war schwer.
Es war schwer, überhaupt ein Zeichen zu finden, und dann auch noch zu deuten.
Alles war so verwaschen und verschwommen.
Vielleicht sollte er sich auch erst einmal klar werden, worüber er etwas wissen wollte. Nur auf ein Zeichen zu warten, war nicht klug.
Ein Zeichen gehörte immer zu einem Problem.
Gestern dieses Schild mit dem Werbeaufdruck für ein Dentallabor. Ja, die Zähne, die hatten ja immer etwas, diese scharfe Kante unten links, diese Kälteempfindlichkeit hinten rechts oben und dann gelegentlich dieser Schmerz, den er zu ignorieren versuchte. Das war aber auch zu deutlich. Das Schild sagt mir, dass ich mal wieder zum Zahnarzt gehen soll! Tolle Botschaft. Da wäre er sogar selbst drauf gekommen.
Er schaute auf sein linkes Knie, auf dem seine Hand ruhte. Der kleine Finger zeigte aufwärts.
Genau. Ein Zeichen. Auch wenn man das eher vom Zeigefinger erwarten könnte, schien hier das Regelwerk außer Kraft gesetzt zu sein. Der kleine Finger hatte etwas zu zeigen: Da lang! Nach oben! Es geht aufwärts.
Er lächelte. 
Warum so weit schweifen, wenn die Zeichen sogar am Körper waren?
Der kleine Finger, wer hätte das gedacht?
Schön, auf der Welt zu sein. Sie war doch voller Zeichen und Wunder.
Und: Wunder gibt es immer wieder, wie schon seinerseits Katja Epstein so weise sang.
Einfach mal hinsehen, nicht rumplärren, dann geht es auch aufwärts .
Er erhob sich, streckte sich und atmete tief durch.
Endlich konnte es losgehen. Konnte er losgehen.
Er wusste nur noch nicht genau, wohin.

Rechner mit Gefühlen

Die unendlichen Weiten des Weltalls, Sterne über Sterne, Milchstraßen, Galaxien, schwarze Löcher.
Der Bordcomputer war verstört.
"Was mag das bedeuten", fragte er sich, " dass ich angesichts dieser Grenzenlosigkeit, dieser Größe, dieser einzigartigen Schöpfung das Gefühl habe, ein Ceranfeld zu sein?"
"Na", bemerkte der Commander, " hast du mal wieder deinen Melancholischen?"
Der Rechner summte, zog die 134.Wurzel aus Pi und suchte dann weiter nach unentdeckten Primzahlen.

Hotel in Köln: Loch in der Decke


Die Nacht war grausam gewesen in dem Hotel in Köln. Der Glaseinsatz der Zimmertür war zerbrochen gewesen, scharfes Glas lud zum Verbluten ein, alles war notdürftig mit einem Prospekt vom Baumarkt zugeklebt.
Am Spiegel hing ein Zettel: Spiegel.
Wer musste hier nächtigen, dass er nicht wusste, dass ein Spiegel nur ein Spiegel ist, und dass das Gesicht im Spiegel sein Spiegelbild war und nicht ein wirklicher Mensch, der dem Betrachter ziemlich ähnelte?
Von der Straße her Lärm; Steckdosen hingen auf dem Flur aus der Wand.
Es gab eine Küche und einige Kaffeemaschinen; allerdings fehlten die Steckdosen für die Maschinen.
An den Fliesen klebte ein weiterer Zettel: Zwiebel/Zwiebeln.
Das war definitiv falsch. Fliesen waren keine Zwiebeln.

Um halb neun ein Asiate an der Tür, der in sein Zimmer wollte, was aber erst so wirkte, als wolle er Prospekte verteilen. Sein beharrliches Herumstehen und ein zielgerichtetes Nicken unterstützten seinen Satz "I want to go to my Rom!".
90 € und ein Untermieter. Interessant. Das ist Großstadt. Das ist global, wenn der Untermieter asiatisch ist.
Der Asiate war nach 20 Minuten wieder gegangen und hatte "I go now. Good Bye!!" gesagt.
Dann der Frühstücksraum. Italienisches Flair, hatte das Internet versprochen.
Orientalische Schriftzeichen an der Tür, indische Puppen mit überschmücktem Outfit, und dann dieser Spalt in der Decke.
Was daran sollte italienisch sein?
Dieses rötliche Innere, dieses indirekte Leuchten, dieses Hervorquellen aus bläulicher Substanz.
Immer wieder zwang das Objekt, den Blick zur Decke zu wenden.
Eva?
Das Lachen von Eva, die auch so einen breiten Mund hatte, und deren Zähne man erst sah, wenn sie den Mund noch weiter öffnete.
Vielleicht ein Vulkan?
Der hing nicht an der Decke.
Ein Blick aus dem Himmel. Ein vorwitziger Engel hatte ein Loch in das Himmelszelt geschnitten, um einen Blick auf den Frühstückstisch in einem Kölner Hotel unterster Kategorie zu werfen.
Schnitt.
Das Flair zwang zu einem Schnitt.
Aufessen, aufstehen und abreisen. Genau.