Das fehlende Wort:Lesers Lyrikhilfe - Wer findet das richtige Wort?

Esserei und das Emaille
sind Seite zwei einer Medaille,
wo vorne drauf ein Kopf sich findet,
der Anmut mit                       verbindet.

Höllische Träume

Nachtgestalten. Was wollt ihr von mir? Mich erschrecken, mir Angst machen, mich hetzen und jagen?
Ist das nicht Heinz, der mit der Zipfelmütze? Das sieht doch immer noch blöd aus.Heinz, du schuldest mir noch 10 Euro, die ich dir für ein Mettbrötchen geliehen hatte. Was machst du in meinem Traum, ich müsste in deinem vorkommen? Rechts der sieht aus wie Frilli, der sich immer über mich am Kiosk lustig macht. Frilli, tut mir leid, dass ich dir die Nase gebrochen habe und das mit dem Auge auch. Aber deswegen in meinem Traum zu erscheinen, finde ich etwas übertrieben.
Kord, du alte Qualle! Was machst du denn mit Heinz und Frilli zusammen? Ihr wart doch nie so richtig dicke. Mich ekeln Quallen an, ich habe mal in eine gefasst, das war in Cuxhaven, als so viele an Land geschwemmt wurden, die haben sie dann im Sand untergegraben, weil es nicht gut aussah. Wer Urlaub macht, will sich nicht ekeln. Kord, jetzt weiß ich endlich, warum ich immer an Urlaub denken musste, wenn ich dich traf.
Und der mit der leeren Augenhöhle, das ist Fido, unser guter Kettenhund. Jetzt beiß nicht, auch wenn ich dich gequält habe. Du hast nie begriffen, dass deine Kette zu kurz war. Du warst einfach zu dumm. Wer dumm ist, muss büßen. Das Gesetz der Globalisierung. Sogar die Träume sind schon global.
Wenn ich aber weiß, dass ich träume, dann bin ich doch eigentlich wach. Vielleicht ist es auch die Hölle? Witzig! Heinz, Frilli, Cord! Ja, du auch, Fido! Wisst ihr eigentlich, dass ihr in der Hölle seid? Hab ich doch immer gesagt! Ihr kommt in die Hölle, wenn ihr so weitermacht! Und wer hat mal wieder Recht gehabt? Ich.

55 Jahre Niederlage Fußball-WM gegen England

Wahrnehmung

Sinnvolle Geschenke

Dieses Gefühl des Überdrusses, des Ich-habe-doch-schon-alles-gesehen hatte sich schon mit 12 Jahren eingestellt, die Eltern hatten ihn mit nach New York genommen,er war am Great Barrier Riff getaucht und hatte auf Feuerland Kieselsteine ins Meer flitschen lassen. Sein Blick war häufig leer, ohne Erwartung und Neugier. Doch nun war die Welt wieder weit und geheimnisvoll, dunkel und fremd. Onkel Bob kannte die Probleme globalisierter Wohlstandsteens und hatte das passende Geschenk aus Toronto mitgebracht. Zwar hatte er in seiner Jugend mit anderen Problemen zu kämpfen, sie konnten knapper zusammengefasst werden und hießen Susi, Babsi, Pils oder Shit, aber er ging mit der Zeit. Und nun konnte er gelassen, mit den Händen in der Hose, neben seinem verwöhnten und an alles gewöhnten Neffen herschlendern und aufpassen, dass dieser nicht über den Bordstein stolperte. Der Neffe quietschte vor Vergnügen und Onkel Bob dachte darüber nach, wie lange der Junge für diese neue Welt Begeisterung empfinden würde.

kristallklar

Die Tasse wartet. Sie ist nicht ausgetrunken worden. Vielleicht ist der Restkaffee aufgefüllt worden. Die Tasse wartet geduldig. Wer hat sie dorthin gestellt?
Ein nicht mehr sauberer Wischlappen und ein verkalkter Wasserhahn können nicht Trost sein.
Sie warten, dass man sie wäscht, dass man sie entkalkt.
Jetzt die Tasse. Die gehört gar nicht dahin, denkt der Wischlappen und dem Hahn tropft die Nase vor Mitleid. Selbstmitleid.
Das war einer, der immer noch glaubt, Mama kommt und räumt die Tasse in die Spülmaschine, grient der Hahn.
Aber die Maschine ist doch einen Meter weiter rechts, antwortet der Spüllappen.
Vielleicht weiß das der Kaffeetrinker nicht, weil er noch nie eine Spülmaschine bedient hat, räumt der Hahn ein. Vielleicht, weil das immer Mama macht?, wispert der Lappen. Vielleicht ein psychischer Defekt, denn in einem Großraumbüro gibt es keine Mama und schon gar nicht in der, ehrlich gesagt, zugesifften Kaffee-Ecke, näselt der Hahn und lässt einen Tropfen fallen. Der platscht in die Kaffeetasse.
Schreibt man Kaffeeecke eigentlich mit drei e?, will der Wischlappen wissen.
Wasch man weisch, wasch man wischen sollte, lacht der Hahn, mit drei natürlich, du alter Bescherwischer! Egal, was Mama sagt!

Schlechte Endreime: Georg Krakl - Fliegenpilz(2009)

Wenn du mal liegen wilz,
schluck einen Fliegenpilz.

Blut und Wasser

Bodo und Piete waren Cousins. Sie wären gerne Freunde gewesen, aber leider waren sie schon Cousins. Das eine schloss das andere aus. An Tagen, wenn sie nicht gestritten hatten, dachten sie darüber nach, wie sie ihr Zwangsverhältnis, das durch die Verwandtschaft ihrer Väter bestimmt wurde, selbstbestimmt intensivieren konnten. Auch wenn ihnen das Vokabular fremd war, ahnten sie, worum es ging. Cousin war man, da konnte man nichts machen. Sie beschlossen Blutsbrüder zu werden.
Blut ist dicker als Wasser, sagte die Oma in der Kittelschürze, wenn sie ein geschlachtetes Huhn rupfte. Das Blut des Huhnes hing draußen am Hauklotz, das Beil steckte oben im Holz.
Auch hier ahnten die Cousins, um was es im Leben wirklich ging. Blut. Der Saft, aus dem Leben gemacht ist. Der Saft, der verbindet bis in den Tod und darüber hinaus.
Winnetou und Old Shatterhand hatten es vorgemacht. Mit ihren riesigen Bowiemesser schnitten sie sich mutig in die Handflächen. Sie zuckten nicht. Gut, Indianer kannten keinen Schmerz, aber Lex Barker, das war doch ein Weißer, der musste doch etwas spüren. Und warum gerade in die Handflächen, das konnte leicht entzünden? Ein anderes Mal oder in einem anderen Film oder gar im Buch schnitten sie die Stelle am Unterarm, wo jeder sofort dachte, die treffen da eine Ader, dann spritzt es nur so heraus!
Mein weißer Bruder! Mein roter Bruder! Diese Anrede war der Lohn für den Schmerz, für die Entzündung, für drei Wochen Wundversorgung, drei Wochen Einschränkung beim Niederschmettern von Feinden, drei Wochen Einschränkungen in allem! Blutsbrüder. Das war schon was. Da wusste jeder sofort, dass hier keine Softies sich einem Ritual hingegeben hatten.
Bodo und Piete dachten noch einmal über die Blutsbrüderschaft nach. Wo sollte man den Schnitt machen, das war keine unwesentliche Frage. Welches Messer wollte man nehmen? Ein scharfes oder eher ein stumpfes, damit es nicht so schnitt? Vielleicht sollten sie warten, bis beide eine Borke hatten, etwa auf dem Knie, die konnte man dann vorsichtig anknibbeln und leicht anheben, dann sickerte das Blut meistens von selber.
Borken. Das war die Lösung. Das Warten auf Borken und dann Blutsbrüderschaft.
Das gerupfte Huhn stand am Sonntag als Frikassee auf dem Tisch. Die Oma in der Kittelschürze murmelte: Suppe macht man nicht nur aus Wasser....

Blut ist dicker als Wasser

Ohne diesen Vergleich wäre dem Blut vielleicht gar nicht aufgefallen, dass es dicker geworden war. Aber der Blick aufs Wasser, rank und schlank wie immer, und dann der Blick auf die Waage machten deutlich, dass das Blut tatsächlich im Winter ein paar Kilos zugelegt hatte. Eigentlich war Blut schon immer dicker als Wasser gewesen, aber trotzdem ärgerte sich Blut darüber und überlegte, wie es die überflüssigen Kilos wieder loswerden konnte. Das Blut hatte schon von Möglichkeiten zur Blutverdünnung gehört, Aspirin wurde da empfohlen, aber das war doch auf die Dauer ungesund. Also lief wieder mal alles auf mehr Bewegung hinaus, sich nicht einfach im Strom mittreiben lassen, die Pumpwirkung passiv erleben und seinen Job tun, sondern ein bisschen dagegen halten, wie im Wellenbad, rudern und arbeiten, um möglichst viele Kalorien zu verbrauchen. Dem Wasser werd ichs zeigen, dachte es, ich schaff das, Hauptsache, es gibt kein Gerinnsel. Und wenn nicht, ja, meine Güte, dann ist das eben so, Sprichwörter haben ewige Gültigkeit, dann kann ich auch nichts machen, ich schmeiße die Waage weg und dem Wasser sage ich, dass es krank aussieht.

Schweigen ist Reden ohne Worte

Manchmal sollte man schweigen, auch wenn man nicht stumm ist
Meine Oma hatte immer eine Weisheit auf Lager, meistens gab sie diese von sich, wenn sie, gehüllt in einen Kittelrock, eine Schale Wasser auf dem Schoß und Schweinekartoffeln, die kleinsten der kleinen Kartoffel, die eigentlich für den Schweinetopf gedacht waren, schälend auf einem Schemel im Keller saß: Schweigen ist immer noch besser, als stumm sein.
Der Stumme kann ja gar nicht reden, weil er keinen Ton herausbekommt, er würde aber vielleicht gern, weil sich so viele Geschichten in seinem Kopf angestaut haben, dass er fast platzt. Der Schweiger hingegen schweigt, weil er es will. Der große Schweiger damals, Gregory Peck, sprach nicht, er nickte, er zwinkerte, er zuckte vielleicht einmal, aber eigentlich tat er auch das nicht; er wartete. Vielleicht hat er die Frage nicht verstanden, dachte ich. Dann aber merkte dich, dass er gar nichts sagen musste, die Leute waren verunsichert und plauderten los, plätschernd wie zehn Wasserfälle quasselten sie dem Peck den Patronengurt von der Taille, und irgendwann zog einer der Plaudertaschen seinen Colt, weil er sich um Kopf und Kragen geredet hatte und wollte damit seinem Schicksal zuvorkommen und selber Schicksal spielen. Der große Schweiger aber hatte sich auf diese Situation vorbereitet, denn er hatte geschwiegen und nicht seine Zeit mit sinnlosen Worten, mit Geschwätz und Geschwafel vertan. Wummm! Das hatte gesessen. Nicht viel Worte machen, handeln, das war die Erfolgsdevise.
Meine Oma, die jetzt die zweiundzwanzigste Schweinekartoffel filigran umschälte, meinte etwas anderes: Manchmal sei es besser gewesen, das Leben hätte Menschen mit Stummheit belegt, dann würde man nicht hören, dass sie dummes Zeug erzählen oder aber einen unangenehmen Sprachfehler hätten. Das wäre hart. Denjenigen, die sich aber unter Kontrolle hätten, sei das Schweigen die bessere Variante. In der Regel würden sie den Mund halten, hätten aber immer noch die Möglichkeit, junge Frauen zu beeindrucken, die auf Sprachfehler stehen, zum Beispiel verursacht durch eine schwerfällige Zunge oder eine, die lispelt. Diese Menschen wirkten dann immer etwas tumb, könnten aber die jungen Frauen, die vor ihnen wegschmölzen, nicht an zwei Händen abzählen, denn Sprachfehler weckten den Mutter- und Beschützerinneninstinkt in jungen Frauen. Meine Oma hatte die letzte Kartoffel geschält und murmelte: Alles ist im Leben zu irgendwas gut. Und Schweinekartoffeln können auch Menschen schmecken.

Guido kann fliegen

Schnittlauch ist ein feiges Küchenkraut

Wir hatten doch alle Angst vor dem ersten Schnitt. Die Messerimpfe gegen Pocken, die hässliche Narben auf dem Oberarm hinterließ, der Schnitt bei der Blutbrüderschaft, wo die Frage sich aufdrängte: Wo soll ich schneiden? Tut das denn nicht weh?
Ja, es würde wohl wehtun. Wir schlossen doch lieber Blutsbrüderschaft durch Zahnfleischbluten, denn Zahnfleischbluten konnte man durch ein bisschen Drücken an der Stelle, wo der Zahn dann herauskommt, erzeugen. Ein Kuss und schon war Fred der Bruder und Evi seine Schwester. Blutsgeschwisterschaft. Doofes Wort.
Dann der Schnitt beim Arzt. Irgendwas musste herausgeschnitten, in irgendwas musste hineingeschnitten werden. Immer Angst, Angst, Angst.
Das Schnittlauch hat seine Bestimmung im Namen; es wächst mit diesem Ziel auf. Schnitt. Irgendwann wird geschnitten, Schnittlauch, da kannst du dich mal drauf einstellen. Du heißt ja nicht Stehherumundwachsefröhlichweiterlauch. Das wäre ja auch viel zu lang. Wenn man nur herumsteht, kann man das Rührei nicht würzen.
Immerhin haben sich endlich Wissenschaftler in Amerika um die Gefühle des Schnittlauchs gekümmert und festgestellt, dass es Gefühle hat! Das heißt, es bringt diese durch Herumschreien und -Jammern zum Ausdruck. Das kann man aber nur hören, wenn man die hochfrequenten Töne auf hörbaren Level heruntertransponiert. Was die Wissenschaftler jetzt mit dieser Erkenntnis anfangen wollen, ist noch unklar. Man will sowieso erst mal rausfinden, ob die Petersilie auch so ein Jammerlappen ist.
Wer sich die Sache mal anhören will, muss hier klicken.

Georg Krakl: Alles kostet was (2011)


Ein letztes verbeugen
ein letztes beäugen
I
ein mensch ohne arme!
die Flügel sind blass
verneig mich davor
ich tue mal was!

II
der hintern ist rot
mein blick eher tot
die Zunge hängt raus
das sieht nicht gut aus

III
dies glotzen und beugen
dies schlotzen und säugen
der hintern ist rot
die blicke sind tot

mir sind meine flügel
so feucht und so blass
und auch meine arme
die fühlen sich nass

sie sind nicht recht bei mir
und dann dieser blick
und auch die verbeugung
ach, alles so öde,
so wahnsinnig schnöde,
so quälend
so häute abschälend
so nackt fühlt sich alles und bloss und verkocht
die kerze, sie brennt ohne docht!
doch brennt sie, und ganz ohne talg
ach, vor seiner zeugung
verhindre den balg!
der papst, wie er wettert
und zetert und schmettert,
und schnüffelt und riecht,
monstranzen im rucksack,
und die welt, wie sie kriecht
vor dem fluch ihres erbes,
schwacher trost des gewerbes:

paradies
kostet kies

Worte

Grüße von ganz weit weg

Lieber Brett,

danke für deine heißen Grüße. Hat ein bisschen gedauert, bis ich dir antworten konnte.Hier im Himmel ist es ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, dunkel und ungemütlich. Und einsam. Scheinen alle in deiner Nähe gelandet zu sein. Milch und Honig werden nach dem Gießkannenprinzip ausgeschüttet, aber ich bin irgendwie immer gerade an der falschen Stelle. Ist ja auch eine wichtige Erfahrung, keinen Versprechungen und Verheißungen zu vertrauen, wenn es auch meine letzte ist, aus der ich eigentlich gar nicht mehr lernen kann. Hätt ich das eher gewusst. Nie habe ich die Versicherung betrogen und was habe ich jetzt davon? Nicht mal eine treue Seele zum Fußballspielen. Wie komme ich bloß darauf? Als ob das jetzt noch eine Rolle spielt. Ach ja, kalt ist es auch. Ist Angelina eigentlich bei dir? Wir waren doch beide gleichzeitig bei diesem Autounfall . . . Wieso ist sie nicht hier? Brett? War da doch was mit euch? Fahrt zur Hölle, wenn das stimmt! Warum komme ich hier nicht weg? Ich raste aus.

Steini

Loser in der WG

Basti weiß, dass er der Loser in der WG ist. Er steht auf, wenn andere sich gerade hinlegen. Wenn er ein sauberes Glas sucht, ist der Schrank leer, manchmal sogar voll, dann steht das gebrauchte Geschirr von den Vortagen drin. Irgendwer hat Bastis Körperlotion aufgebraucht und seine Zahnbürstenaufsätze benutzt. Das Klopapier ist alle. Bubi war mit Klopapierbesorgen dran.
Basti ist verzweifelt.
Eine Wohngemeinschaft beruht auf Gleichwertigkeit. Jeder hat die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten. Nur dann kann das funktionieren.
Und dann dieser ständig wechselnde Personenbetrieb. Mal schleppt Bubi eine Neue an, dann kommt Rosi auf den Armen eines Lackels daher, der auch Eintänzer in der Fischbratküche hätte sein können. Basti weiß, dass niemand hier die Metapher verstünde, geschweige denn, sich darum kümmerte.
Die Blumen sind hin, aber bleiben irgendwie zusammen im Topf, der Tomatenketchup ist mit dem Linoleum eine  feste Verbindung eingegangen und die Tapeten trennen sich von ihren Wänden. Alle Welt hat Beziehungen. Basti hat nichts. Und das Schlimmste: Es fällt auch niemandem auf, weil es niemanden interessiert.
Immerhin zahlt Basti keine Miete, weil ihm die Wohnung gehört. Aber die andere zahlen auch nicht richtig.

Die NASA-Rakete neben meiner Begonie

Vielleicht wird dereinst ein Astronaut, nachdem er den Mars nur knapp verfehlt hat, und dessen Sauerstoff schwindet, sagen:
Wer Agonie sagt,
muss auch Begonie sagen.

Makaber.

Neue Grußpostkarten auf dem Markt




Hallo Brett!
Schöne Grüße aus der Hölle. Ziemlich warm hier. Das Essen wird heiß serviert und ansonsten ist alles okay.
Happy Hour gibt es leider nicht, aber alles ist all inclusive.
Das Personal könnte freundlicher sein.
Auf bald. Ich hoffe, wir sehen uns!
Pepe vom "Sündikat"!
P.S:: Den Chef habe ich noch nicht gesehen. Ist wieder auf Bundestagstour.
Witz des Tages: Lass uns noch ein Brett nachlegen, das Feuer geht sonst aus.(Kleiner Scherz, hihi!)

Georg Krakl: Sprühding (2011)

Im Frühling
dieses Jahr verschwand mein Sprühding
mit dem Fliesenglanz
Ich hätt  am Schwanz 
es fast erwischt.
Dann ist es abgezischt.

Sein fuckin' Stimmgerät

Ein fuckin' Stimmgerät
Da stehen zwei Nachwuchsmusikanten um die 16 mit ihren Gitarren in der Fußgängerzone und versuchen, sich auf einen Ton zu einigen. Das klappt nicht sonderlich; erst ist hier was schief, dann da was schiefer.
Dem dickeren der beiden bleibt nichts anderes übrig, als dem dünneren, der insgesamt bühnenwirksamer wirkt und deshalb auch auf verstimmter Gitarre spielen könnte, zu sagen: Ey, Alter, jetzt nimm endlich das fuckin' Stimmgerät.
Er sagt nicht: Nimm dein fuckin' Stimmgerät, denn damit würde er eine gewisse Abhängigkeit dokumentieren, was er nicht will. Nimm dein fuckin' Stimmgerät! heißt als Botschaft auch: Du kannst sowieso nicht nach Gehör stimmen, denn du hast fuckin' Ohren, die das nicht hören. Und ich kann das schon lange nicht, was du mir ja auch immer sagst.
Das Enttäuschende an der Szene ist aber nicht der Konflikt zwischen zwei unreifen Straßenmusikanten, die auf ein Stimmgerät angewiesen sind und es deshalb, aus ihrer Unfähigkeit nach Gehör zu stimmen,  als fuckin' bezeichnen, um einmal eine gewisse kühle Überlegenheit zu zeigen und zum anderen auszudrücken, dass das der letzte Scheiß ist, mit einem Stimmgerät - batteriebetrieben - zu stimmen.
Das Enttäuschende ist nämlich, dass das Stimmgerät die Schuld bekommt, dass es eingesetzt werden muss, weil zwei Grünschnäbel, die hinter den unmusikalischen Ohren noch feucht sind, nicht in der Lage sind ohne Hilfe ihre Instrumenten in Einklang zu bringen.
Vielleicht ist es der Deutsche an sich, vielleicht nur der Jugendliche, vielleicht der deutsche Jugendliche, der immer da die Schuld sucht, wo er gerade nicht ist. Auch wenn die beiden das Gegenteil glauben: Die sind wirklich nicht bei sich! Ein Stimmgerät als fuckin' Stimmgerät zu bezeichnen! Unglaublich.

Montag nach der Zeitumstellung


Alles ist früher dran, nur die Sonne kommt später. Wir mögen die Sommerzeit nicht, weil wir uns ihr unterwerfen müssen.
Der Russe ist schlau, er will die Sommerzeit wieder ändern. Der Russe steht nicht allzugern früh auf, denn es ist kalt in seinem Land.
Wir Deutschen bleiben dabei: Sommerzeit ist Sommerzeit, Winterzeit ist Winterzeit. Als ergötzten wir uns an dem, was wir nicht mögen. Der Deutsche ist märtyrerhaft, er büßt immer noch.
Einmal angefangen, wird weitergemacht, durchgehalten, nicht dumm gefragt, auch wenn das schlau wäre. Der Deutsche hängt an seinen Gewohnheiten. Er gehorcht und zweifelt nicht. Vielleicht ganz kurz, wenn die Normalzeit auf Sommerzeit umgestellt wird, weil es im Bett so warm ist und draußen noch alles dunkel.

Alles kommt früher: Der Wecker klingelt eher, das Zähneputzen, das Kaffeetrinken, das Butterbroteschmieren, das Losfahren in den ersten Stau. Als hätte der Mensch nicht einen Biorhythmus, den es zu berücksichtigen gilt. Alles früher.
Die Müdigkeit will bleiben, der letzte Traum hängt noch nach, und  das Gefühl, dass die Woche jetzt am längsten ist. Nur die Sonne kommt später. Klar, die Sonne, die sich selbst genug sein könnte, weil sie immer für sich scheint, weil sie immer in ihrer eigenen Nähe ist, die Sonne kommt später. Die Sonne lacht, auch wenn es wolkig ist. Die Sonne lacht wahrscheinlich über uns, die wir in den Tag hetzen müssen. Das ist nicht fair. Der Russe ist schlau; er lässt es wieder, wie es ist. Denn der Tag ist lang genug. Das Bett ist warm. Und die Sonne lässt auf sich warten.

alles fließt

Meine Cordhose schaut mich an

Ich saß auf dieser himmelschreiend langweiligen Veranstaltung fest, ein Redner peitschte den anderen an das Pult. Ich schaute auf meine gute Cordhose und dachte: Meine gute Cordhose trägt eine Brille! Wie weit ist es mit meinen Hosen denn schon gekommen! Ich erinnerte mich, dass damals die Cordhosen anders hießen: Manchester-Hosen. Ausgesprochen wurde das Manndschester-Hose, betont auf Dschester. Meine war braun, etwas dunkler und brauner als die heute an meinem Leib. Sie hatten einen Aufschlag, in dem sich der Staub eines Jahres sammelte, der auch bei der nächsten Wäsche nicht verschwinden würde, sondern sich als gereinigtes, festes Flusenbündel dort weiter einnistete. Meine Manchesterhose hatte keine Brille, brauchte keine Brille, genau wie ich damals und sie war kürzer, genau wie ich damals. Sie fasste sich gut an, sogar mit eingerissenen Fingernägeln war sie noch angenehm zu greifen. Meistens wischte ich mir die Hände an ihr ab, auch wenn es gar nichts abzureiben gab.
Cordhose. Welch ein hartes Wort. So als impliziere es förmlich das Synthetische, so als blieben eingerissene Fingernägel an ihr hängen. Diese Cordhose. Ein weitsichtiges Kleidungsstück immerhin, denn die Brille, die sie trug, war eine Lesebrille.
Ach, es war meine Lesebrille, schreckte ich auf. Ein neuer Redner hat das Rednerpult erklommen und hustete ins Mikrophon, um festzustellen, ob es funktionierte.
Meine Cordhose kann nicht lesen. Ich fragte mich, warum sie eine Brille trug. Irgendwie sah meine Cordhose mit der Brille nachdenklich aus. Vielleicht war es auch mein Bein in der Cordhose, oder beide, die darüber nachachten, wann sie endlich nach Hause gehen dürfen.
Ich strich sanft über den geriffelten Stoff und flüsterte, dabei nickte ichwissend : Ein Weilchen wir es wohl noch dauern...

Fragen und keine Antworten: Brücken am Wegesrand?

Was nützt dir die Brücke, wenn du nicht auf die andere Seite willst?

Mit dem Bike unterwegs

Lohn für strapaziöses Strampeln: Der Blick ins Leere
Das erste Stück ist am schlimmsten, ich habe vorne den mittleren Kranz drauf, hinten den zweiten, und ich werde nicht aufstehen, überhaupt stellt sich die Frage, was das Ganze soll, muss man wirklich Mountainbike fahren, und vor allem, ohne ein wirkliches Ziel zu haben, eines, wo man sagen kann, ja, hallo, da war ich umweltfreundlich, da habe ich eine Autofahrt eingespart und der Oma Brötchen mit dem Fahrrad geholt. Was tun, wenn die Oma nicht mehr lebt oder in Hamburg oder München wohnt?Warum muss es der Kaiser sein? 160 Höhenmeter auf so einem kleinen Stück, das ist doch Masochismus, das ist Selbstbestrafung, das ist doch nicht normal, geschweige natürlich. Dieser ganze Monarchiescheiß geht mir auf die Nerven, dieses Guttenberg-Gesabbel, weil der abgeschrieben hat, weg damit, ich strampel mir hier die Beine aus dem Bauch, und der hat abgeschrieben, nein, ich stehe nicht auf, das ist Gesetz, das schaff ich auch so, wer einmal aufsteht, steht immer auf, das ist genauso wie stehen bleiben, dann ist der Rhythmus weg, das ist was für Herzkranke, ich will nicht herzkrank sein, das Wort bereitet mir schon Unbehagen, deswegen strampel ich doch hier, aber diese ganze Fitnessrumsülzerei, Hantel und Crosstrainer, Muskelumfang, anaerob, ja was denn, die Muskeln schmerzen, ganz klar und die Pumpe geht ganz ordentlich, nix, ich bleibe sitzen, ich lasse mir nicht von einem Kaiser vorschreiben, nur weil der auf einem Berg steht, wann ich aufstehe, autoritätsgläubig, ja, das haben sie damals versucht mit uns, immer glauben, was die da oben sagen, Maul halten und gehorchen, aber jetzt reicht es, ich schalte einen Kranz höher, ja, jetzt geht es mal voran, auch wenn das wehtut, ich mach das, weil es Spaß macht, weil es gesund ist, die dreißigfache Menge Sauerstoff pumpt man da durchs Blut, eine Kurve, komm schneller, ich versuche es mal im Stehen, bringt auch nicht viel, du kannst einfach nicht in zu kleinen Gängen fahren, dann dauert das ewig, ja, gut, am Andenkenladen vorbei, 100m noch, kleine Denkmäler mit 24-Karat-Goldauflage, gleich habe ich es, oohm macht die Frau da, ja, genau, oohm, bewunderndes Oohm, sie weiß, was es heißt, hier hoch zu strampeln, Dreckssport, jupp, da samma!
Endorphine, endlich, Endorphine, kommt zu mir, kommt in mich, kreist und tost und rauscht in mir, ihr Endorphine! Danke. Und dieser Blick. Schön. Sehr schön. Wenn die Sesselfurzer wüssten. Wenn sie wüssten! Nä, ist das schön hier. Früher war das immer so hässlich. Ach, ihr lieblichen Endorphine!

ohne Titel 2

Welches Sprichwort ist gemeint?

a) Verwechsle nie die Hülle mit der Fülle!
b) In einer weichen Schale steckt meist nichts.
c) Wecke nicht den Papiertiger auf deinem Zeichenblock!
d)Besser die Schale in der Hand, als die Banane in der Dose.
e)Sag mir, wie du einen Apfel isst, und ich sage dir, wer ich bin.

Georg Krakl: Zu Hause essen (2011)

Der Mond braucht keinen Lampenschirm
Die Lampenschirme komisch krumm,
die Servicedame duzt' mich dumm,
im Zuckerstreuer war nur Salz,
im Butterfass gemeines Schmalz.
Die Currywurst ganz ohne Wurst
und auch der Wein kam ohne Durst
nur schal und fad mir vor.
Worauf ich schwor,
nie mehr daheim zu essen.
Das konnte man total vergessen!
Zu Mäckes wollt ich geh'n.
Die Lampenschirme sind da nett.
Und die Bedienung ist adrett.
Das Schmalz, das ist aus Schmalz,
und Salz ist wirklich Salz.
Sogar die Currywurst
macht Durst.
Der Wein heißt Coca Cola.
Ich sitz am Tisch mit Lola.
Die nuckelt lautstark an der Brause.
Hab teuer Geld bezahlt.
War anders ausgemalt.
Ich wünsche mich nach Hause.

Der letzte Pokerabend

Hans und Puffi sind traurig

Jahrelang hatten Hans und Puffi als hässliches Spielzeug gedient, als Deko und später als Stütze eines wackelnden Monitors, als Monitore noch nicht flach waren und gelegentlich nach hinten kippten.
Das war nun vorbei. Das Kind, das mit ihnen gespielt, dekoriert und gestützt hatte, war erwachsen, und fand immer noch, dass Hans und Puffi hässlich waren. Jetzt lagen sie herum, quasi auf ihrem Altenteil, dabei sahen sie immer noch frisch und farbenfroh aus, denn sie waren aus unverwüstlichen Kunststoffen. Sogar eine  Runde Schlagball könnte man ihnen zumuten können.
Aber niemand wollte sie mehr, niemand wusste ein Spiel, in dem sie eingesetzt werden konnten, niemand einen Ort in der Wohnung, den sie durch ihr Herumliegen hätten verschönern können, und seit der Erfindung der Flachbildschirme gab es auch nichts mehr, das sie hätten abstützen können. Und so waren sie einfach traurig; sie fühlten sich ausgebeutet und missbraucht. Das hatten sie nicht verdient, dachten sie.
Die haben verdient, da rumzuliegen, dachte die Mutter, denn sie war damals über Hans oder Puffi gestolpert und hatte dabei den Monitor vom Tisch gerissen und auch eine Bodenvase zerstört.
Uns Menschen aber soll es Mahnung sein, auf dass wir nicht eines Tages herumliegen und keiner will uns mehr.

Fliesen schützen

Gernot wollte nur seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen – Löcher in die Luft zu starren. Er liebte diese wenigen Augenblicke im Alltag, diese Luftlöcher in einer Atmosphäre voller Hektik und Zeitnot. Meistens blieb diese Beschäftigung folgenlos. Die Zeit verstrich einfach nur klang- und, wenn kein Vogel in der Nähe war- auch sanglos. Und genau das war das Ziel und der Weg und die Antwort darauf. Es war Gernot nie bewusst gewesen, dass er dabei immer auf die Fliesen gestarrt hatte. Das wurde ihm erst bewusst, als er eines Tages offenbar nicht auf die Fliesen, sondern auf die darüber liegende raufaserig tapezierte Wand gestarrt hatte, natürlich war es ihm nie aufgefallen, denn er hatte ja in die Luft gestarrt und dabei eigentlich nichts gesehen, doch er musste eindeutig zu hoch gestarrt haben, denn der bröckelige Putz auf der alten Wand hielt seinem Blick nicht mehr stand und noch ehe Gernot den Blick abwenden konnte, fiel der Putz krachend und staubend hinunter, Gernots Frau kam natürlich sofort angerannt, schrie etwas von wegen zu doof zum Nagel in die Wand hauen und was wolltest du denn da überhaupt aufhängen und Gernot fragte sich, warum er seine Frau nie wirklich mit einem intensiven Blick bedacht hatte, das hatte sie immer gewollt, sieh mich doch mal an, immer guckst du durch mich durch, hatte sie gejammert. Gernot beschloss das zu ändern. Er starrte sie an, genau aufs Herz starrte er.