Edward Hoppser: Therapeutisches Raketengucken (2011)

3-D-Bilder auf öffentlichen Toiletten

Rolle stand seit 30 Minuten vor dem Muster und starrte es an. Er war auf die Toilette gegangen und hatte sich ein einzelnes Urinal an der schmalen Seite des Raumes ausgesucht. Er kannte dieses Muster irgendwie. Vor Jahren hatte es diese 3-D-Bücher gegeben, mit Bildern, auf die man starren sollte, völlig entspannt natürlich, und irgendwann kippte die Sache, die Bilder waren irgendwie unscharf und dann, plötzlich wurden sie scharf und man glaubte in einen Raum zu sehen, das Hirn hatte umgeschaltet. Da galoppierten Hirsche über eine hässliche Tapete oder Schmetterlinge schwebten in einem Aquarium. Man hatte das Gefühl, in den Raum hineingreifen, vielleicht sogar hineinstürzen zu können; die Realität hatte sich abgeklinkt. Je entspannter, desto schneller funktionierte es. Rolle war entspannt, wie er immer entspannt war, wenn er endlich seine Blase geleert hatte. Nach 35 Minuten tat sich auf dem Muster nichts. Keine Schmetterlinge, keine galoppierenden Hirsche. Nichts. Unten herum war ihm kalt geworden. Jemand drückte die Spülung. Vielleicht war es Zeit abzubrechen und zu gehen. Drei Männer standen hinter ihm, verlegen in die Hände hüstelnd. Rolle überlegte, ob sich direkt für einen Yoga-Kurs anmelden sollte.

Günter Krass: Johannes

Alma stand auf Männer mit langen Nasen. Das war Fred egal, solange er nicht auf Alma stand. Fred beobachtete die Männer in der Nähe Almas und entdeckte die ein oder andere längere Nase. Ihm fiel der Thekenspruch ein: An der Nase des Mannes erkennst du den Johannes. Als Kind konnte er damit nichts anfangen, weil er sich fragte, wer denn der Johannes sei. Später mit einsetzender Triebhaftigkeit wurde ihm die Doppeldeutigkeit klar.
Heute Morgen hatte Fred das erste Mal im Spiegel auf seine Nase geachtet. Normalerweise wurde sie in den Eincremeprozess nach dem Duschen integriert ohne besonders beachtet zu werden. Heute Morgen hatte er  sie zwischen die Finger genommen und hin- und hergebogen. War sie lang, hatte er sich gefragt, oder nur mittel? Sie war nicht klein, aber wo begann Länge?
Konnte es sein, dass er auf Alma stand, weil er seine Nase betrachtete? Beziehungsweise anfing zu stehen?
Hatte er denn überhaupt eine Chance bei Alma?
In der Kantine hatte er den Typen gesehen, der bei Alma am Tisch saß und lässig mit ihr bei Kartoffelsalat und Cornichons an Frikadellen mit Senf über das Leben plauderte.
Der Mann hatte eine Nase wie ein senkrechtes Schnitzel.
Fred entschied, dass er nicht auf Alma stehen wollte.

sicher

Edward Hoppser: Flugangst (2011)


Jackenatmen

Ruckzuck ist die Jacke leer
Ein neuer Trend macht sich in der Jugend breit: Das Leeratmen von aufgeblasenen Jacken.
Was früher Volkssport war, das Sich-Aufblasen-Vor-Anderen, wird jetzt umgekehrt.
Die neuen Werkstoffe für Funktionskleidung bieten beste Voraussetzungen: Sie sind luftdicht und trotzdem atmungsaktiv, und sie sondern nebenbei interessante Gase ab, deren Wirkung bisher unerforscht geblieben ist, die aber Augenzeugenberichten zufolge in einen euphorischen Zustand versetzen, welcher  das Anfertigen lästiger Arbeiten, etwa von Hausaufgaben, zu einer lustigen Nebensache macht.
Wenn ihr Zögling fröhlich nach Hause kommt und sofort anfängt Staub zu saugen, sein Zimmer aufzuräumen oder an seinen Hausaufgaben bastelt, fragen Sie lieber: Na, mal wieder zu tief in die Jacke geschaut?
In Schülerkreisen kursiert der Slogan:
Jack Wolfskin inhalieren
heißt: in Mathe keine Vieren.

Dürstender Rosmarin

Was nützt mir das Wasser, wenn es in einer Flasche ist, dachte der Rosmarin und sein Durst wurde unerträglich. Wasser war Leben, das wusste jeder und auch ein einfacher Rosmarinbusch wollte leben.
Der Rosmarinbusch war so bescheiden, dass er nichts anderes wollte, nicht einmal Menschen mit seinem Duft erfreuen, Feinschmeckern den Gaumenschmaus verschönen, schon gar nicht, dass Fußpilzbesitzer sich sein Öl auf die befallenen Stellen pinselten und beteten, dass der orgiastische Juckreiz verschwände, denn es war nicht immer schön, wenn man in einer Abendgesellschaft den Zeh am Tischbein rieb oder versuchte, mit dem Zeigenfinger unter den Strumpf zu gelangen und abgestoßene Hautteile zu entfernen. Wie juckreizend, der flache Neologismus dazu.
Ätherische Öle, Küchengewürz, Heilmittel.
Aber es dürstete den Busch.
Musste denn jeder und jedes immer und ewig zu etwas nutze sein?
Es ging um leben, um überleben. Einfach da sein, einfach mal entspannt in der Gegend herumwachsen. Ein Wasser trinken, wenn es einen danach verlangte. Nicht verdursten!
Der Rosmarin bedurfte seiner. Aber wen kümmerte der Durst des Rosmarins, wenn er Fußpilz hatte?

Ulla Huhn: Sie sangen

Ich traute meinen Ohren kaum,

doch ich vernahm tatsächlich einen leisen

Gesang,

der von den frisch gereinigten Äpfeln aufstieg,

sie sangen das Lied von der Vollkommenheit,

von der Angst vor dem Zerteiltwerden,

in Hälften, Viertel oder Achtel,

sie kleideten ihr Ausgeliefertsein

in wunderschöne Melodien, in Märchen und Mythen.

Ich wollte sie erhalten und bewahren,

sie vor dem Altern schützen,

doch mir blieb nur

Einstimmen in ihren Gesang,

eine Nachtwache lang,

dann siegte der Hunger und ich kochte Apfelmus.

Gedichte mit einem falschen Vokal: Georg Krakl - Liebesgedicht (2011)

Fette Pocke
Fette Pocke!
Alte Socke!
So klingt Liebe nicht.
Vollschlanke Hautirritatiön!
Ach, Seidenstrumpf!

Das Zweite schön,
das Erste stumpf.

Onkelsprüche begleiten durchs Leben

Das OP-Tuch war bestimmt nicht steril und die Hände der Narkoseärztin auch nicht und überhaupt, Ronni spürte noch gar keine Narkose. Wo war er gelandet? Hatte Onkel Ludwig endlich seine Drohung wahr gemacht und wollte ihm die Ohren abschneiden? Nein, Onkel Ludwig lebte nicht mehr, Ronni war doch selbst auf der Beerdigung gewesen und hatte zu Tante Hetti gesagt, dass er Onkel Ludwig so gern gehabt hätte. Vielleicht wollte sich Onkel Ludwig doch noch rächen, weil er im Himmel nun zu den Allwissenden gehörte und natürlich wusste, dass Ronni Onkel Ludwig gar nicht gemocht hat. Aber daran war Onkel Ludwig schließlich selbst schuld, denn ständig hatte er Ronni angedroht, dass er ihm die Ohren abschneiden wolle. Mit 9 hatte Ronni begriffen, dass Onkel Ludwig das nicht wirklich wollte, aber da hatte er schon 7 bewusste Lebensjahre mit dieser Drohung verbracht, hatte sonntagsabends wach im Bettchen gelegen, wenn Onkel Ludwig und Tante Hetti wieder weg waren und sich vorgestellt, wie Onkel Ludwig die Mutter um die gute Schere zum Stoff schneiden bittet und den Knorpel langsam, aber sicher durchtrennt, ohne Abrutschen und mit viel Blut. Ronni fragte sich außerdem, warum seine Eltern Onkel Ludwig solch eine Verunstaltung erlauben würden, denn sie sagten nie etwas, wenn Onkel Ludwig mit dem Abschneiden der Ohren drohte, schlimmer, sie lachten darüber und der Vater goss Tante Hetti noch Kellergeister nach. Als Ronni 15 war und sich ins linke Ohrläppchen einen Stecker schießen lassen wollte, taten sie plötzlich, als ob Ronnis Ohr sein wichtigster Körperteil sei, schützenswert und heilig und kürzten Ronnis Taschengeld, als er sich doch ein Ohrloch verpassen ließ. Und dann sollte das Ohrloch im linken Läppchen auch noch Auskunft über Ronnis sexuelle Ausrichtung geben, der Vater hatte da was gelesen, Ronni dachte wochenlang darüber nach, welchen Zusammenhang es zwischen Ohren und anderen wichtigen Organen gab, er fand keinen und fand sich schließlich damit ab, dass seine Angst, seine Ohren zu verlieren, ihn sein Leben lang begleiten würde. Und jetzt dieser Alptraum, wie hieß der Film noch, den er doch gar nicht sehen wollte, aber es lief ja nichts andere und Klaus hatte ihn doch gerade sitzen gelassen, er brauchte Ablenkung – irgendwas mit Hackfressefinger und einem Typen, der scharf auf Männerohren war. Ronni erwachte, er zog sich die Bettdecke über den Kopf, über das Ohr, er verhedderte sich am Ohrstecker, ein Geschenk von Klaus, er versuchte es mit Atemübungen, durch die Nase rein, aus dem Mund raus, das Ohr vergessen, hieß sein Mantra.

Die Mythen der Frauen: Geschirrspüler

Gesine behauptete immer, dass Messer mit der Spitze nach oben zeigend in den Besteckkasten der Spülmaschine eingeräumt werden müssten. Erst dann könne die Maschine diese zufriedenstellend reinigen.
Das Gleiche gelte auch für Löffel und Gabeln. An den Spitzen, von denen man bei Gabel und Löffel seltener spricht, hafteten schließlich die meisten Essenreste, die es zu entfernen gelte. Es war unmöglich, sich diesem Imperativ zu widersetzen, wollte  man sich als Mann, und damit die ganz Mannschaft der Welt, sich nicht der Schlampigkeit, der Bequemlichkeit, der Unreinlichkeit bezichtigen lassen.
Längst hatten Studien bewiesen, dass die Effektivität einer Spülmaschine von ihrer Qualität, dem Härtegrad des Wassers und den Reinigungszutaten abhängt.
Gesine blieb aber bei ihrer These, die zum Gesetz wurde.
Schließlich wurde die Art und Weise, wie das Messer in den Kasten gesetzt war, zum Kriterium für den Zustand ihrer Beziehung. Es war Missachtung ihrer Person und ihrer Arbeit, wenn das Messer falsch herum stak. Und schließlich war der Zustand der Demütigung erreicht; obgleich der Mann meinte, dass der Endpunkt des Messerdesasterentwicklung erreicht sei, kam es zur tief verletzenden Erniedrigung. Gesine als Frau und die ganze Frauenschaft der Welt wurden zu Sklavinnen des Mannes, der sich zu schade war, ein Messer so in den Besteckkasten einer Spülmaschine zu platzieren, dass ein höchster Reinigungsgrad erreicht werden konnte.
Gesine reichte die Scheidung ein.

Edward Hoppser: Feierabendverkehr bei der NASA

Gedichte mit "ein Stück weit": Ricarda Achduschreck - Sieben Sachen (2011)

Sie packte ihre sieben Sachen
ein Stück weit konnt ich drüber lachen
ich rief: es war'n doch acht
Nein, wenn schon, neun bis zehn!
Die Frau, die man verlacht,
muss schleunigst geh'n.

Sonntagshaiku: Weltbild

Heutzutage hängt
das Weltbild überall rum.
Und überall dran.

Erdöl Ade

Deutsche Kernkraftwerke sind sicher

Radioaktivität schmeckt nach nichts.
Verlängerte Laufzeiten zeigen: Deutsche Kraftwerke sind sicher.

Gedichte mit "ein Stück weit": Georg Krakl - Das Ohr (2011)

Das Rohr
das heißt im Plural Röhren
kann sein auch Rohre
Das Ohr
heißt in der Mehrzahl niemals Öhren
und auch nicht Ohre.
Das ist nicht gut, das ist nicht schlecht,
das ist ein Stück weit ungerecht.

Darf ich mit Fußcreme die Hände einschmieren?

Ich frage mich seit längerem, ob man sich mit einer Fußcreme die Hände einschmieren darf?
Es ist ja nicht verboten, aber kann das schädlich sein?
Sind in einer Fußcreme vielleicht Inhaltsstoffe, die weg müssen? Wie das Dioxin in den Eiern könnte man doch in der Fußcreme Chemieabfälle oder andere Produkte bequem unterbringen und so nach und nach entsorgen. Die Füße sind am weitesten vom Kopf entfernt, das merkt der Cremende überhaupt nicht. Man bohrt mit den Füßen nicht im Mundraum herum, mit den Händen schon. Eine Aufnahme der Giftstoffe über die Schleimhaut ist so ausgeschlossen. Aber - vielleicht ist ja auch nichts drin in der Fusscreme und es heißt nur Fusscreme, damit man eine Creme mehr verkauft? Was würden meine Hände dazu sagen?
Obwohl, ich ziehe die Frage zurück. Die Fußcreme ist überhaupt nicht billiger als die Handcreme.
Früher gab es nur Nivea und Penatencreme. Da war alles einfacher.

Samstagshaiku: Georg Krakl - Gitarre (2011)




Gitarre spielen
kann ich gar nicht. Blockflöte
auch nicht wirklich gut.

Jahresrückblick 2011

Schalt die Sondersendung ab, spar dir die Liveübertragung und warte auf den Jahresrückblick im November. Die genaue Opferzahl wird bekannt sein. Die Diskussion um die Sicherheit von Atomkraftwerken wird schon wieder beendet sein. Eine leicht betroffene Männerstimme wird die gewaltigen Bilder begleiten, die das Kapitel März aufschlagen. Das hat dann was von dem fremden Mann, der gegen eine heiße Suppe erzählt, was in der Welt in den vergangenen Monaten geschehen ist, was ihm andere Fremde am Feuer erzählt haben, von Kriegen, Beben und weiteren Katastrophen. Die Toten sind längst begraben, ein Friedensvertrag wurde bestimmt schon geschlossen und das Grauen da draußen wertet das enge Heimatdorf auf. Komm, Fremder, erzähl noch eine Geschichte.

Mit Steppjacke auf dem Weg: Wo ist die Spirale?

Wie oft sollte Steppjacke denn diesen Weg noch gehen? Gut, Steppjacke hatte noch ein paar Stangen Kaugummi in der Umhängetasche, aber die Gedanken kreisten wie der Körper immer um die Frage: Wo war die Spirale? Man hatte Steppjacke eindringlich erklärt, wenn sie nur genug bemüht sei, würde sie sich gen Himmel bewegen, jeder ihrer Kreisbewegungen würde sie eine Etage höher bringen, auf ein anderes Niveau heben.
Steppjacke schien es, als habe ihr stetiges Wandern, ihr stetiges Kreisen um den heiligen bunten Pümpel den Weg vertieft, als hätten ihre beschuhten Füße sich in den steinernen Boden gefräst, anstatt auch nur einen Millimeter höher zu kommen. Das war der Weg in die Hölle, den Steppjacke ging, und der war scheinbar auch steinig und nicht breit und bequem. Steppjacke weinte. Ihr rechtes Bein war schon kürzer als das linke. Immerzu rechts herum, das konnte nicht ohne Wirkung bleiben. Rechtsdrehende Steppjacken, hatte man ihr gesagt, kommen in den Himmel. Wo war der Prediger geblieben, der ihr das versprochen hatte? Sie würde ihm gern die Fresse polieren, mal alles Heilige und Rechtsdrehende beiseite. Das konnte nicht angehen, dass sie hier jahrzehntelang im Kreis spazierte und die anderen machten sich einen Jux daraus, oder, noch schlimmer, feierten in Saus und Braus, um mit Steppjacke in der Hölle zu landen.
Ich werden noch ein paar Meter gehen, ich will erst noch gucken, was hinter der Kurve kommt. Vielleicht stand dort der Prediger und sagte: Gut gemacht, Steppjacke!
Aber wahrscheinlich mal wieder nicht.

Knipsen wie wild

Oft stehen die Knipser reihenweise am Fluss
 und knipsen das Nichts
Eigentlich gibt es nichts zu sehen, aber wo wir schon mal da sind, kann man das ja auch knipsen. Damit man hinterher sagen kann, dass man da gewesen ist. Wo denn?, werden die Leute fragen, weil sie das auf dem Bild nicht erkennen können. Naja, da halt, werden die Knipser sagen, weil sie nicht mehr genau wissen, wo das gewesen ist. Sie haben ihre Bilder nicht beschriftet. Das geht ja nicht, weil die eher virtuell sind, rechtfertigen die Knipser das.
Es ist ja nicht viel drauf auf dem Bild. Ein bisschen Stadt, Land, Fluss.
Es war am Fluss, das kann man sehen, denn da ist ein Fluss, und dann war es an Land, wer nämlich in den Fluss gefallen ist, der kann schneller an Land schwimmen, als wäre er ins Meer gefallen. Der Fluss ist kleiner als das Meer. Es war auch in der Stadt, das sieht man, weil die Schornsteine qualmen, denn in der Stadt ist was los. Auch die kaputten Bäume zeugen davon, man hat sie ordentlich abgeschnitten.
Zeugen davon? Red nicht so geschwollen, sagen die Menschen und die Knipser sind beschämt: Düsseldorf oder Köln. Ist doch egal!
Nicht den Kölnern, sagen die Menschen.

Skandinavische Krimis weiter schreiben: Aschermittwoch in Köln

Die Stadtwerke von Köln hatten die Domplatte fast vollständig gereinigt. Nun standen die Reinigungskräfte missmutig hinter dem Absperrband und wussten, dass sie erst nach Hause durften, wenn die Spurensicherung ihre Arbeit beendet hatte. Dann durften sie sich die letzten Quadratmeter vornehmen, auf denen jetzt noch 7 Leichen lagen, sorgsam nebeneinander aufgereiht. Sie beobachteten die Polizisten und den großen Mann mit den blutunterlaufenen Augen, der nachdenklich und rauchend die Leichen betrachtete. Eine Schnapsleiche, dachten einige von ihnen, nicht wissend, dass der Mann gerade erst aus Oslo eingetroffen war und mit Karneval gar nichts am Hut hatte. Trotzdem wusste der große Mann nur zu gut, wie es sich anfühlte, eine Schnapsleiche zu sein und dass das Leben nach der Auferstehung nur selten einem frischen Ostermorgen glich. Einer der Toten war Norweger, ein Krimiautor, der in seinen Romanen furchtbar übertrieb und den der große Mann, Kommissar bei der norwegischen Polizei, für seine unrealistischen Darstellungen gern schon mal selbst umgebracht hätte. Aber das war nun nicht mehr notwendig. Stattdessen sollte er zur Aufklärung dieses Massenmordes beitragen. Nur die Feiern der vergangenen Tage konnten erklären, warum sich nicht schon mehr Schaulustige eingefunden hatten. Der große Norweger fuhr mit dem Zeigefinger über das Aschekreuz auf der Stirn einer getöteten ungefähr vierzigjährigen Frau, die noch ein Hühnerkostüm trug. Alle Toten trugen solch ein Aschekreuz auf der Stirn. Der Polizist leckte über den Finger. Straßendreck, Nikotin und Schnapsreste, vielleicht auch Bier, das berühmte Kölner Bier, wie hieß es doch gleich, waren hier vermischt worden, zu einem grauen Aschebrei. Eine genauere Analyse musste das Labor erbringen. Bei einer erneuten Geschmacksprobe müsste der Mann einen Rückfall befürchten. Aber da war noch etwas, ein besonderer Geschmack, er dachte nach, etwas Ungewöhnliches, doch, es gab keinen Zweifel, er schmeckte Weihwasser.

Männerprobleme: Heiner muss Fußball spielen

Heiner muss Fußball spielen. Das ist doch immer dasselbe. Ich backe einen Kuchen, und Heiner muss Fußball spielen. Und Jupp hat einen Termin, Benno kann eigentlich auch nicht, wenn er kommt, ist er aber kaputt. Zum Kaffeetrinken! Wie macht man das, zum Kaffeetrinken schon kaputt zu sein? Das ist nachmittags.
Ich hätte einen Kuchen gebacken, aber Heiner muss ja unbedingt Fußball spielen. Alte Herren. Wie kann man sich das antun? Nirgends altert man so schnell, wie im Fußball. Da gehört man schon mit achtunzwanzig oder dreißig zu den alten Herren!
Frauen setzen sich hin und trinken Kaffe und essen Kuchen und erzählen und erzählen und erzählen. Aus dem Stand. Die haben sogar Spaß dabei. Ohne Männer. Spaß ohne Männer! Da spielt keine Fußball oder ist kaputt. Die leben erst richtig auf. Die freuen sich auch vorher auf den Kaffeeklatsch, weil es endlich was Neues zu erzählen gibt.
Seit Jahren redet Tassilo davon, eine Männergruppe zu gründen. Wir hatten auch schon mal einen Termin: Freitagnachmittag! Wer kann denn da? Da fahren doch alle einkaufen, zusammen mit ihren Frauen, weil die Samstagnachmittag Kaffeeklatsch haben.
Bis Tassilo aus dem Quark kommt! Der ist entschleunigt. Hat ja Anja, die alles macht.
Wenn heute einer die Männergruppe gründen würde, ich wäre sofort dabei.
Samstag wäre ein guter Termin gewesen: Ich hätte einen Kuchen gebacken und Tassilo hätte die Gruppe gegründet. Um den Frauen zu zeigen, dass Männer das auch können: Sich grundlos zusammensetzen und Spaß haben bei Kaffee und Kuchen.
Aber Heiner muss ja Fußball spielen.
Und Benno und Jupp? Können eigentlich auch nicht. Oder sind wahrscheinlich kaputt.
Wahrscheinlich hätte mir sowieso Emmi den Kuchen gebacken.

solidarisch

Aus der Besserungsanstalt: Helmut und der Manager

Nicht über Geld reden...

Helmut hat einen Manager kennengelernt, der gern von seinem Geld erzählt. Helmuts Anstaltsfreund Horst will ihn auf den Boden zurückbringen: Hör mal, Chef, wir reden hier nicht über Geld. Horst fährt einen schönen BMW. Der Manager will sich das Rauchen abgewöhnen, hat von heute auf morgen entschieden hierher zu fahren, hat seinen Chauffeur angewiesen, ihn zu bringen. Er sei in allen Ländern gewesen und erzählt, dass in Indien die Leute auf der Straße stürben. Die würden dann einfach auf einen Karren geladen und weggebracht. Dabei hätten ihm Tränen in den Augen gestanden. Horst hat einen schönen BMW, aber keinen Chauffeur. Wenn, wär das ne Frau, schmettert er in den Saal.
Gegen später hat Helmut zwei Bierchen in der Rammelburg getrunken; Horst und der Manager sind da schon weiter. Um elf macht die Anstalt zu. Da es nach elf ist, nehmen die drei mit Horsts Parkkarte den Weg zu Fuß durch die Tiefgarage. Helmut und Horst gehen durch das Tor, das kurz danach runterfährt. Der zurückgebliebene Manager wartet zu lange und muss kriechen, um nach innen zu gelangen. Ach, wie aufregend, das ist ja ein richtiges Abenteuer! Freut er sich und nimmt danach die beiden in den Arm. Jetzt mal nicht übertreiben, sagt Helmut, denn er will angetrunkene Manager nicht an seinem Körper haben.
Helmut habe sich vor zwei Tagen im Außenbereich der Sauna den Bauch verbrannt. Er sei eingeschlafen und als er aufgewacht sei, sei die Wiese leer gewesen.
Die habe ich wohl weggeschnarcht, erklärt er.
Aha, sagt der Manager und Horst grinst.
Ja, dann gute Nacht!
Tipps für die Besserung: Manager wollen nur wenige am Körper haben. Also, Finger, bzw. Körper weg von anderen, ihr Manager!
Um Abenteuer zu erleben, reicht das Rolltor einer Tiefgarage. Bescheiden bleiben, ihr anderen, die keine Manager sind! Und nicht mit nacktem Bauch in der Sonne schnarchen. Verbrennungen, Einsamkeit und unliebsamer Körperkontakt drohen!

Campingtagebuch: Hunde

Wo Hunde fehlen, kann sich das Gürteltier ausbreiten 
Was motiviert Menschen, nicht nur einen, sondern  zwei Hunde zu halten und mit diesen auch noch in einen Campingurlaub zu fahren? Vergleicht man beide Exemplare, so kommt man leicht auf die Vermutung, dass der eine des anderen Nachkomme sei und die Wirtsfamilie es nicht übers Herz gebracht haben könne, die Lebenszeit des Nachkömmlings, für den kein Dummer gefunden werden kann, um ihn  aufzunehmen, abrupt zu verkürzen.
Es sei ein Spielgefährte für den älteren; zwei Hunde seien besser als drei; die Arbeit sei die gleiche; die Freude an Tieren habe sich verdoppelt. Tausenderlei die überzeugenden Hineise, die den eingefleischten Hundehasser in Zweifel werfen: Was mache ich falsch?
Das nächtliche, nicht enden wollende Bellen eines größeren Exemplares, auch aus 50m Entfernung gehört, lässt die Zweifel verstummen.
Letztlich reicht auch ein einziger Tritt in den frischen Haufen eines Boxers oder Berhardiners, um das letzte Argument zu widerlegen.
Aber was bleibt den Hundehaltern, denen Zutritt in Pensionen und Hotels verweigert wird, wenn nicht das Erholen in Zelt oder Wohnanhänger? 

Campingtagebuch: Wetter und Zäune

Welt ohne Zaun. Wo gibt es das?
Der Camper zeichnet sich charakterlich dadurch aus, dass er sich dem Wetter preisgibt, sich ihm ausliefert. Er nimmt geduldig hin, was der Himmel ihm bietet. An Tagen, die von Gewitterschwüle geprägt sind, dieser lastenden Ruhe vor dem Sturm, kann er seinen Geist und sein Herz beruhigen, indem er darüber nachdenkt, ob das Anbringen eines Jägerzaunes die fehlende  konsequente, eindeutige Parzellierung der Stellplätze ersetzen könne. Auf kleinstem Raum müsse dieser zu transportieren sein, leicht an Gewicht und einfach aufzubauen. So kommt er zu der Erkenntnis und schließlich zu einer Erfindung: der des Camping-Jägerzaunes. Das Tor aus robustem Kunststoff dem Original treu nachgebildet. An diesem zwei Rollen angebracht, die eine herausziehbare Jägerzaunfolie enthalten, elastisch und spannbar. In Verbindung mit einigen Begrenzungspfählen  mit Stahlfüßen, die Heringsqualität besitzen, ist  das Territorium flugs umgrenzt und dem Mieter unübersehbar zu eigen geworden. Hier bin ich. Niemand jage in meinem Revier!
Endlich kann ich sein, was ich daheim nicht darf.