Günter Krass: Petra hat keinen Fernseher (2007)


Was für einen Sinn hat, es einen Fernsehabend ohne Fernseher zu verbringen, sich gemütlich in ein Sofa zu kuscheln, die Tüte Chips geöffnet oder Erdnussflipse, die die Hände immer schneller schmierig machen, auf dem Schoß und eine Cola oder etwas anderes Süßes, vielleicht auch ein Bier oder zwei, aber dann keinen Fernseher in der Ecke. Petra starrt gebannt in die Zimmerecke, dahin wo der Fernseher stehen müsste, der aber nicht dort steht. Petra nimmt die Hockstellung ein, drückt sich in die Sitzecke, die Fersen an den Hintern gezogen und denkt: Was mache ich hier? Das ist der Anfang vom Ende. Ein Fernsehabend ohne Fernseher. Nicht einmal Mutter ist da, die mit ihrem Strickzeug ein leises Klappern erzeugen könnte, das Petra ungemein beruhigt. Nichts. Das Nichts hat sich ausgebreitet. Wie kann sich nichts ausbreiten. Nichts ist nichts, denkt Petra, das kann sich ausbreiten wie es will, es ist doch gar nicht da. So fängt es immer an, denkt Petra und greift in die Chipstüte. Die Chips schmecken lasch und alt. Liefe der Fernseher, wäre ihr das gar nicht aufgefallen. Die Heizung knackt und der Wellensittich scharrt im Fressnapf, der kein Futter mehr hat, nur noch leere Hülsen. Je weniger Fressen, desto lebhafter werden die Tiere. Eine Frage der Motivation, die würden alles machen für ein paar Körner. Irgendwann würden sie erschlaffen, dieser Sittich, wie war sein Name, Petra hatte es vergessen, damals als die Serie, Sturm der Liebe, begann, hatte sie es noch gewusst, aber heute, dieser Sittich würde auch erschlaffen, dann erstarren, starr werden, im Restmüll landen, oder in der Biotonne, wie war die korrekte Mülltrennung, auch das hatte Petra vergessen, kein gekochtes Fleisch in die Biotonne, der Sittich wäre ungekocht, nur starr eben, wohin mit solch einem Tier, in den Garten, das war bis zu einem gewissen Körpergewicht erlaubt, einen Rottweiler durfte man nicht im Garten vergraben, einen Sittich wohl schon, einen Wurm auf jeden Fall, wer sollte denn beweisen, dass der Wurm nicht eines natürlichen Todes gestorben war und schon in der Erde gesteckt hatte, ihn niemand dort begraben hatte, Würmer waren schon begraben, wie praktisch, dachte Petra, wer in der Erde lebt, kann nicht begraben werden, vielleicht müsste der, im Gegenteil, belüftet, besser gelüftet werden, geliftet, von unten nach oben, an die Luft kommen, dann würde die Beerdigung unterirdisch stattfinden. Wie sollte das gehen, der ganze Gesang, die Predigt, das Maul voller Erde statt des Streuselkuchens, Unsinn, belüften und begraben, aber praktisch war es schon. Geboren werden unter der Erde, begraben werden, ohne überhaupt je gesehen worden zu sein, so unauffällig, so bescheiden, so unbedeutsam, so nichtig. Nein, für sie wäre das nichts, dachte Petra, zu einem Begräbnis gehörte ein Pastor in schwarzem Kittel, eine ordentliche Rede, ein paar Lieder, vorher die Orgel für die Tränendrüsen, den Posaunenchor konnte man sich sparen, Gruftmucke war das für die, die wussten meistens gar nicht, wer im Sarg lag, das war einfach unpersönlich. So nicht.
Petra suchte nach der Fernbedienung um umzuschalten. Ach, es gibt ja gar einen Fernseher, was also sollte eine Fernbedienung für einen Sinn haben? Der Sittich, wie war noch sein Name, pickte an einem kleinen, runden Spiegel, der in seinem Käfig hing, eine kleine Glocke klingelte scheppernd. Die Zimmerecke schwieg. Petra dachte: Wie gemütlich. Es muss auch mal so gehen. Wie sie doch über alles nachdenken konnte. Der Tod war immer ein Tabu gewesen, genau wie Regenwürmer. Die waren eklig, Gustl hatte mal einen für 50 Pfennige verschluckt. Ups, das Anfassen war ihr schon schwer gefallen, aber das war eine Art Mutprobe gewesen. Regenwürmer stanken, so als sei ein Schwein geschlachtet worden und hinge auf der kühlen Diele an einer Leiter. Besser die Hand vor den Mund, die Luft angehalten und nicht geatmet. Morgen wurde gewurstet, der Geruch war angenehmer, wärmer, fast köstlich. Ruhig baumelt damals die
zusammengenähte Schweineblase, die der Hausschlachter aufgeblasen hatte, am Ofen, um zu trocken. In sie sollte die beste Mettwurst gefüllt werden. Noch war nicht morgen. Jetzt war Abend, ein Fernsehabend ohne Fernseher, Zeit für sich, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Spinnen, ja, genau, zum Spinnen, dachte Petra. Wie sinnlos, einen Fernsehrabend ohne Fernseher zu verbringen, ohne Fernseher, sinnlos einfach, das konnte kein Fernsehabend sein. Das war Terror oder Ausdruck einen schweren Neurose. Wer war auf eine solche Idee gekommen. Der Sittich klapperte am Gitter, vielleicht sollte ich ihn füttern, dachte Petra. Vielleicht aber auch nicht, und steckte sich noch zwei Chips in den Mund.

Manfred de Ap: Familie (2010)


Das degenerierte Bild einer deutschen Familie im medialen Zeitalter nach der dritten industriellen Revolution. Oder das Bild einer degenerierten Familie in der Postmoderne des Klimawandels.
Die Mutter schielt, weil sie zu sehr auf das Aussehen ihrer Nase achtet; Zeichen einer strengen Ichbezogenheit, die keine familiäre Wärme zulässt; der Sohn verblasst am Bildrand, er vermisst die Mutter, die doch nur zwei Personen weiter steht. Er kennt sie vielleicht nicht seit der letzten Frisurveränderung. Er hat den Blick zu häufig gesenkt, schaut auf sein elektronisches Spiel. Ach, welche Klischees! Die Kinder kennen keinen Sonnenaufgang mehr, weil dann immer noch in der Furzmolle dösen. Der Vater ist das Weichei der Gruppe. Die Augen weit aufgerissen will er sein Erschrecken zeigen: Ich bin erschrocken über das alles, wenn mir einer sagen könnte, was das alles ist. Die ererbte Unwissenheit.Ich habe alles nicht gewusst! Man kann mir keinen Vorwurf machen. Er weiß nicht einmal, was er alles nicht gewusst hat. So wenig, so sehr. So sehr, sehr wenig.
Unsere Gesellschaft kann mit dieser Mentalität keine Kopfsprünge machen. Vielleicht eine Arschbombe, unsere Lieblingsfigur beim Schauspringen im Sommer 1968.
(Aus: Theo von Doeskopp - Bilder, die man vergessen kann, Neodadaismus und Ekel, Alzheim 2010)

Philosophischer Tisch: Hat Marx versagt?

Hat nicht Marx doch recht gehabt?, fragt es am philosophischen Tisch, der in der Stammkneipe tagt und schon einige bewusstseinserweiternde Drogen eingeworfen hat. Besonders Etti steht noch unter der euphorischen Wirkung des 2:0 Sieges von Schalke, genau wie Zven, der wenige Minuten später vom Stuhl kippt, nachdem Etti ihn gestoßen hat, weil sie Zven aus der kontemplativen Versenkung holen will. Die andere Gäste stutzen. Zwen am Boden? Was Revolutionäres passiert denn da? Tanja, noch drei Hefe, ein kleines Paulaner und 2 Becks! Tanja nickt und holt das Bestellte.Und ne Runde Ouzo auf Schalke.
Der Kapitalismus ist doch überholt, der wird doch jetzt abgelöst, das habe ich im Fernsehen gesehen, Marx hatte doch recht, Sozialismus ist die Lösung, global ist ja alles, da war ich doch nicht ohne Sinn in der DKP, ich habe es irgendwie immer geahnt. Etti ist aufgeregt. Endlich rettet sie jemand aus der angenehmen Kleinbürgerlichkeit. Marx. Auch Dr. Schiwago hat nicht nur seine Affaire mit Lara gepflegt, der musste auch mal ran, als die Revolution tobte. Sven murmelt etwas von Proletariat. Gonzo geht es um das Bewusstsein. Genau, sagt Etti. Sven nickt und Lupo wettert: Das Sein bestimmt doch das Bewusstsein, da lässt sich ja wohl nichts dran rütteln. Betti himmelt. Sie presst die Lippen zusammen. Wenn Lupo spricht, ist sie lieber still. Der regt sich manchmal auf. Wilma fasst Gonzo am Arm. Das Bewusstsein ist der maßgebliche Faktor. Wenn das nicht stimmt, dann geht gar nichts, Marx ist doch Quatsch, das haben wir früher mal geglaubt, alles gute Menschen, die sich alles teilen, aber dann tauchen plötzlich die Funktionäre auf, die Parteibonzen, die Schweine auf Orwells Farm! Die kassieren doch auch wieder ab, das ist Kapitalismus nur mit anderem Etikett. Gonzo will Etti beweisen, dass sie Dünnschiss gehört hat. In Bolivien machen die es doch anders, führt Etti an. Gonzo: Klassenkämpfe? Ja wer gegen wen denn? Kommt das Proletariat aus Bolivien oder woher nach Deutschland und kämpft gegen die Kapitalisten, weil unser Proletariat vor dem Fernseher hockt, RTL glotzt und Chips und BIer in sich reinstopft. In pastellfarbenen Baumwolltrainingsanzügen von Kik. Kik ist Kak. Das ist doch auch Bewusstsein! Hier am Tisch weiß doch jeder, dass 80 Prozent seiner Klamotten aus Sklavenarbeit besteht! Deshalb ist die so billig. Ihr aber freut euch, dass ihr ein Schnäppchen gemacht habt! Das weiß hier jeder. Aber keiner tut was. Du gehst doch nicht in den Ökoladen, wenn es denn einen gibt, und kaufst handgeknüpfte Jeans für den 20fachen Preis. Keiner! Gonzo. Ihr esst doch alle Wurst und wisst Bescheid über Massentierhaltung! Verlogen. Verlogen!
Zven kippt noch einmal vom Stuhl und stöhnt: Oh,o-o-o-oh.
Themenwechsel.
Globaler Pradigmenwechsel.
Lupo wettert lautstark herum, aber Gonzo hat nicht zugehört.
Tanja bringt die Drogen.

Wozu Männer fähig sind


Schaut, Männer, wozu wir fähig sind: Wir können kann eng zusammen stehen, wir haben keine Angst vor Nähe, keine Angst vor Mundgeruch, vor Körperschweiß oder vor Infektionen, Tröpfcheninfektionen besonders, denn wir sind Männer und trinken gern mal ein gutes Tröpfchen, deswegen infizieren wir uns noch lange nicht, wir sind keine Frauen, wir sind Männern und darauf sind wir stolz, deswegen stehen wir zusammen wie ein Mann. Genau. Drei Männer stehen zusammen wie ein Mann. Hans, gib noch einen ins Glas! Jou, Hans, lass mal die Luft aus dem Becher. Komm, bevor der schlecht wird. So jung kommen wir nicht wieder zusammen. Besonders du nicht, Hans! Hahaha!

Schöne Osterdeko auf dem Balkon und im Garten


Es ist wieder soweit. Die Mitmenschen erfreuen uns durch ihre Osterdeko, die sie im Garten oder auf dem Balkon deponieren, um dem Zeitgenossen von um die Ecke zu zeigen: Ich halte es mit den Jahreszeiten, ich halte es mit dem Brauchtum, ich halte es jetzt mit dem Osterhasen, der braucht unbedingt unsere Unterstützung, denn die Jugend hält ihn für ein Fake. Fake, diese EWort schon! Der ist gefaket, der Osterhase. Was wohl soviel bedeuten soll, als dass er eine Fälschung ist, eine Erfindung, ein Lügengespinst. Natürlich haben die so argumentierenden Jugendlichen recht, aber müssen sie das um alles in der Welt auch ihren Mitjugendlichen zuschreien? Warum kann man den Glauben an eine hübsche Geschichte nicht aufrecht erhalten? Warum alles niedertrampeln, alles kaputtmachen? Ist das das erklärte Ziel der heutigen Jugend? Wir sind auch mit Lügen aufgewachsen, noch viel schlimmeren Lügen als die vom Osterhasen! Wir haben an den Weihnachtsmann geglaubt, das Christkind, das nichts mit Jesus zu tun hatte, an den schwarzen Mann und an die Kornmume. Alpträume haben uns im Bett wachgerüttelt!
Unser Herz geht auf, wenn wir Osterdeko auf einem Südbalkon entdecken. Hier wohnen liebe Menschen, denen ein paar Lügen nicht das Gute verdecken, die im Herzen rein geblieben sind, auch wenn sie wissen, dass das falsch ist.

Stinkende Stofftiere


Die Sorgentelefone stehen nicht still. Stofftiere beklagen sich über ihre Artgenossen. Vor allem werden stinkende Kollegen genannt, die besonders am Rücken stark riechen, weil dort der Speichel der liebkosenden Besitzer eintrocknet und ein abstoßendes Aroma entfaltet, das dem natürlichen Stoffkörpergeruch extrem zuwiderläuft.
Man sollte nicht den Knuddelburschen die Schuld geben, wie so oft, oder fast immer, ist mal wieder der Mensch an diesem Missstand schuld. Früh genug sollten wir unsere Kinder dazu erziehen, ihren Speichel für sich zu behalten, besser wäre es sogar, wenn sie ganz den Mund hielten, womit zwei Fliegen geschlagen wären.
Überhaupt hat der Stofftierrummel Blüten getrieben: Landete der Spielgefährte, dem die Holzwolle aus dem Leib ragte,früher im Heizkessel und konnte noch etwas für die warme häusliche Atmosphäre tun, so schreien die Zöglinge heute in unendlicher Trauer nach einer Begräbnisstätte mit Stein und Bild.
Unsere Kinder sind das Abbild der Gesellschaft und man wird die Frage nicht los: Was ist denn da kaputt in dieser postindustriellen Zeit nach der zweiten medialen Revolution? Na, alles paletti!, schallt es wie aus einem Munde von Jugendlichen, die vor den Bildschirmen hocken und virtuelle Feinde umnieten.
Ade, ihr lieben Stofftiere. Im Heizkessel wäre es wenigstens schön warm gewesen.

Langanhaltender Ruhm trotz unansehnlicher Frisuren


Wie schön waren die Siebziger, da konnte man mit hässlichen Frisuren berühmt werden!Beispiel: Van Morrison. Was man heute für ein Achtpersonenauto hält, war früher ein ganzer normaler Vorname. Van Morrison hat auch mit ungepflegten Haaren seinen Weg gemacht. Damals schnitt man das ab, was einen störte und nannte es "moderne Frisur". Heute käme niemand damit durch; eine Tube Gel ist Muss.


Bei Van Morrison sind die Haare verschwunden, der Ruhm ist geblieben.
Hier kann man Van mit neuem Kunsthaar bewundern. Auch die Stimme ist noch einmal überpoliert worden:
Anklicken.

Danke, euch proportionalen Zuordnungen


Früher stellte man erzürnt fest, nachdem man in einen Haufen Hundeexkremente getreten war, dass es ein großer Hund gewesen sein musste und folgerte nach diversen weiteren Malen, dass die Größe der üblen Hinterlassenschaft, von Frauchen auch noch durch ein "Brav, Purzel!" oder "Gut gemacht, Rex!" abgesegnet, in direkter Verbindung stand mit der Größe des Hundes. Je größer der Hund, desto größer die Masse, in die der Fuß gerät. Niemand konnte dieses Verhältnis so recht deuten, meist war es mit hoher emotionaler Spannung geladen und rationalen Erklärungsmustern nicht mehr zugänglich. Heute wissen wir: Das war eine ganz klare proportionale Zuordnung. Je größer der Hund, desto größer der Haufen.
Nun will man nicht gleich auf den Menschen schließen, da traumatische Erlebnisse hier einen unangemessenenen Transfer erleichterten, aber das Modell schafft es, den Alltag zu erklären:
Ein jugendlicher Mensch in Markenkleidung trägt Kopfhörer unter dem Käppi, die Schnüre führen unter die weitgeschnittene, aber dennoch zu groß gewählte Jacke, der Kopf und auch der Oberkörper schaukeln rhythmisch vor und zurück, der klinisch Vorgebildete denkt an Hospitalismus, der Blick führt ins Leere. Das Schlimmste: Die Musik beschallt nicht nur den Kopf des Hörers, sondern auch mein Ohr, das sich allerdings nach Ruhe sehnt. Ich beginne bereits in Zorn zu geraten, da hilft mir die proportionale Zuordnung: Eigentlich sollte ein Kopfhörer nur für den aktuellen Zuhörer bestimmt sein, also schallisolierten Hörgenuss ermöglichen. Hier muss aber etwas anderes dazukommen, wenn auch ich hören kann. Ein Resonanzkörper. Ein Resonanzkörper nicht unerheblichen Ausmaßes. Der Kopf des Störenfriedes ist hohl. Das muss es sein. Er verstärkt den Klag, sodass die Kopfhörer letztlich ihren Zweck für die Mitmenschen verfehlen.
Ich schließe aus meinen Beobachtungen: Je lauter die Musik, desto hohler der Kopf. Proportional. Total proportional, denke ich und bin zufrieden mit mir und den Erkenntnissen der Mathematik.
Danke, dass es euch gibt, ihr proportionalen Zuordnungen!

Ernst Bärlapp: Weitergeknetet


Hat nichts gebracht.
Siehe auch: Bärlapp bei Gerdwin

Also, sprach Zarathustra


Manchmal vergessen wir das: Menschen kaufen sich neue, vielleicht sogar zu große, zu auffällige Brillen, damit sie endlich ein neuer Mensch werden oder einmal anders wahrgenommen werden, dass man nicht mehr ihre zu großen Ohren betrachtet, ihren zu kleinen Körperwuchs oder vielleicht einen unappetitlichen Damenbart.
Und dann stellt sich dem nachvollziehbaren Vorhaben eine plumpe Haltevorrichtung in den Weg, die alles zunichtemacht, eine Vorrichtung, die unsportlichen Menschen eine Hilfe sein soll, Menschen, die kaum ohne fremde Hilfe in den Zug oder in den Bus einsteigen können. Wohin soll das führen? Wir bleiben unseren Stereotypen verhaftet: Der Mensch mit psychischen Problemen ist weniger wert, als der mit physischen. Das, was man sieht, kann man einordnen, dem kann man abhelfen, aber dem, das man nicht nicht sieht, begegnet man mit Skepsis, nein, mit Ignoranz. Was ich nicht sehe, gibt es nicht, also ist Gott tot, folgerte schon Nietzsche, und kann heute noch stolz darauf sein, dass so ein Musikkaspar wie Richard Strauss (nicht zu verwechseln mit den Humtatata-Musikern Johann 1, 2 oder 3!) ein Stück über seine allgemeinplatzverbreitende Figur Zarathustra geschrieben hat, die lediglich in einem Science-Fiction-Streifen Platz findet, um ein planlos herumirrendes Raumschiff zu untermalen, damit bloß keine Langeweile aufkommt, was allerdings zwingende Folge gewesen wäre bei einem Film, dessen Handlung erstmal nicht sichtbar wird. Statik. Statik und Statistik sind die Hauptgründe für den Untergang des Abendlandes. Na, dann guten Morgen!

Die Schweiz fängt noch mal an


Die Schweiz will noch mal von ganz vorne anfangen.
Im Moment geht es darum, wo ganz vorne ist.
Ganz hinten ist klar, total klar.
Aber ganz vorne?

Landleben: Weg mit der Winterdecke!


Der gute Massey-Ferguson ist nervös. Er wartet auf seinen Einsatz. Er will endlich spüren, wie der Diesel, am besten der unversteuerte, aus dem Heizöltank, durch die Leitungen schießt, wie wieder Leben ins Gestänge kommt, wie das Profil der Reifen sich durch die Scholle gräbt, unaufhaltsam Meter für Meter, um dem Ackermann Hilfe zu sein, um das Feld zu bestellen, um den Boden fruchtbar zu machen, damit im Sommer geerntet werden kann. Im Märzen der Bauer....da läuft ein Schauer über den Rücken jeden Treckerfahrers und er streichelt zärtlich über das Blech der Motorhaube, dort wo die Pferdestärken verborgen liegen und darauf warten, losgelassen zu werden. Die Decke, die über der Fahrerkabine gelegen hat, hat sich die alte Zugmaschine wohl schon heimlich vom Leib gerissen, um zu signalisieren: Gleich geht's los! Stell mich an! Ich bin bereit, Bauer!

Wenn Rune vor die Tapete gedengelt ist....


Da hat der Rune mit seinen fettigen Augenbrauen auf der letzten Fete den Halt verloren, er hatte gut getankt, konnte sich gerade noch auf dem Sofa abstützen, ist über die Topfblume doch nicht gestürzt, dann aber mit dem Kopf vor die Raufasertapete geklatscht und hat dort hässliche Flecken hinterlassen. Ich glaube, seine Kopfhaut ist stellenweise geplatzt, sodass Blut und andere Exsudate an das Papier geraten sind. Raufaser saugt bekanntlich gut, vor allem, wenn sie nicht mit wasserfester Innenfarbe imprägniert sind. Was also tun? Da ist ein ekliger Fleck eines Gastes, der auch ekliger hätte sein können, aber so auch schon ekloig genug ist?
Filzstifte raus, den Fleck ein wenig ausmalen, möglichst mit intensiven Farben, etwa Ocker, und dann einen Rahmen gekauft oder bei der Oma "ausgeliehen". Nagel in die Wand und aufgehängt, das Gesamtkunstwerk untertitelt, etwa mit "Runes Augenbrauen", einem kryptischen Begriff, den niemand versteht und dann das Ganze bestaunen lassen. Das ist die Kunst!
Die Leute glauben, dass sie vor etwas Umwälzendem steh. Man muss nur andere Gäste einladen, als die, die miterlebt haben, dass Rune vollbesoffen vor die Tapete gedengelt ist und Blutflecken am Raufaser hinterlassen hat. Sonst käme es zu Nachfragen: Ist das nicht der Fleck, den Rune vollbesoffen auf deiner letzten Feier hinterlassen hat? Der hat doch auch noch ins Bad gekotzt, auf den Teppichboden?
Diesen Fleck gilt es dann ebenfalls noch zu beseitigen und einzurahmen. Kunst will gelernt sein.

Bei Fürstens: Die neuen Gummistiefel


Fürst Einlebeninsausundbraus: Booh, mir steht steht das Wasser in den Kniekehlen...
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Jetzt übertreib mal nicht.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Sind das die Gummistiefel, die du bei Tschibo bestellt hattes?
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Na und, die sind gut und preiswert.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Du weißt, dass ich davon immer Schweißfüße bekomme.
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Du hast doch eh schon Körpergeruch.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Aber nur, weil ich mich nicht wasche.
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Da kommt's doch nicht mehr drauf an.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Das sagst du. Die Fürstin ten Abgrund rümpft zwischendurch die Nase!
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Wo zwischendurch?
Fürst Einlebeninsausundbraus: Na, so halt. So hier und da.
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Das wüsste ich jetzt schon genauer.
Fürst Einlebeninsausundbraus: Obwohl...schick sind die Stiefel schon. Und das bisschen Schweiß, Hergott, es gibt wichtigere Themen auf der Welt. Ist dein Muttermal eigentlich größer geworden?
Fürstin Einlebeninsausundbraus: Bitte? Ich habe kein Muttermal!

Graf Itti: Ich geh besser jetzt. Uijuijui.....

Redensarten im Volksmund: Der Korb


Klaus konnte nicht begreifen:
Elfi hatte ihm einen Korb gegeben.
Ihm!
Etwas halbherzig wirkte er schon, wie er so an der Wand hing. Wozu sollte der gut sein? Man konnte nicht mal etwas in ihm tragen. Rausfallen, durchfallen, hinfallen, das ging vielleicht. Aber gefallen?
Gefallener Engel, Elfi, du hast mir gefallen. Der Korb und alles beziehungsweise nichts.Es war noch nichts. Jetzt bist du gefallen. Gestolpert über deinen Korb, den du mir gegeben hast, mir, Muttis Liebling, hat Tante Trude immer gesagt, der besondere Schwiegersohn, hat sie nachgesetzt. Ein Korb, was soll ich damit tun? Du hast die Knie auf und ich den Kaffee. Jahrelang habe ich nachgedacht, wie ich es dir sagen sollte. Und dann der Moment, meine Güte, Rita habe ich gesagt, Rita ist meine Cousine, mit der habe ich geübt, mit der hatte ich nichts, das kannst du dir doch wohl vorstellen, oder? Na komm schon!
Elfi, Elfi. Wer will dich denn jetzt noch?

Günter Krass: Erinnerungen - Brillenschlangen


Mobbing war damals noch gar nicht erfunden, da wussten wir schon, wie es geht. Es ging um Fertigmachen. Wir brauchten keine englischen Wörter, um effektiv zu arbeiten. Ein Prozess lief unbewusst ab, aus einer Art Selbstschutz. Schnell einen fertigmachen, bevor man selbst dran war. Dran war man trotzdem immer irgendwie, ausgenommen die Großmäuler, die waren häufig zu dumm, um das subtile Fertigmachen zu kapieren. Sie dachten, sie wären die Größten und blieben bei ihrem Irrglauben. Häufig bis heute.
Brillenschlangen waren arm dran. Heute ist es fast ein Makel, keine Zahnklammer oder eine Brille, wenigstens eine Lesebrille, zu tragen; früher war der Brillenträger, die Brillenschlange eben, gleichgesetzt mit Verlierer, mit einem Weichei, dem die Kniescheiben ständig rausflogen, mit Menschen, die Ärmelschoner trugen, die hinfielen, wenn andere stehen blieben, die so langweilig waren, dass man gähnen musste, wenn man neben ihnen stand.
Brillenschlangen hatten nichts mit dem tödlichen Tier zu tun, die kalte Kobra war nicht Synonym für die Sehhilfeträger, eher wohl die Blindschleiche.
Brillenschlangen kauten vor der Klassenarbeit Traubenzucker und gingen am Abend davor noch früher ins Bett.
Glasbausteine nannten wir ihre Hilfsmittel, den Körper hinter der Brille häufig Kassengestell und deuteten an, wie hässlich das Drahtgebilde auf ihrer pickeligen Nase war.
Mobbing war das vielleicht doch nicht: Wir waren zu klein, zu dick, zu langsam, hatten eine Hasenscharte, schossen Popel, hatten abstehende Ohren, heulten, wenn der Lehrer mal schrie oder wenn ein Gewitter in die Stunde krachte.Wir boten in der Gesamtheit die besten Projektionsflächen für unentwickelte Mobber.Aber, wir waren zuerst auf die Idee ohne Namen gekommen. Selbstschutz!, ahnten wir, ohne das Wort zu kennen. Erst mit dem Heranwachsen der Psychologen sollte uns allen der Sinn des Tuns bekannt werden.
Der Sohn des promovierten Lateinlehrers flog in jeder Pause als Düsenjet über den Schulhof, zumindest machte er die Geräusche und rannte mit ausgebreiteten Armen kreuz und quer, ziellos, ohne erkennbaren Plan. Wir erklärten ihn für verrückt und hätten ihn gern abgeschossen. Er reagierte aber nicht auf unsere Flak-Geräusche. Irgendwann landet er auf einem Internet oder in der Klapse, folgerten wir, und versuchten, nicht mit ihm zu kollidieren. Was hätte so ein GAU für Auswirkungen auf die Noten gehabt!
Wir hielten uns an die unauffällige Brillenschlange, der wir die Aufmerksamkeit zugestanden, die ihr sonst versagt geblieben wäre. Im Grunde waren wir gute Menschen, gute Menschen mit dem Hang zum Selbstschutz. Wenn wir es nur damals schon so hätten ausdrücken können, dann wäre uns 2% des schlechtenGewissen erspart geblieben.

Henri von Glucksrad-Karre: Nackt


Da liegt eine Dame mittleren Alters in der Badewanne und macht Reklame für eine bestimmte Wannensorte oder irgendein Wellnessspektakel, das man zu Hause veranstalten kann. Sie trägt einen Bikini, von dem man nur das Oberteil sehen kann, das untere ahnt man, es liegt unter Wasser. Das Wasser sprudelt. Hallo, was ist das denn?, fragt sich der normale Mensch und denkt weiter: Wieso steigt hier eine Frau im Bikini in die Wanne, um sich der Körperreinigung oder einer Wellnessanwendung hinzugeben? Das ist ja so, als würde man nackt ins Freibad springen und sich dort ordentlich einseifen. Den Bademeister hätte man stante pede an frisch gewaschenem Hals, ein Verweis wäre die Folge. Zu Hause stolzieren keine Bademeister mit ihren Trillerpfeifen, zu Hause herrscht das Nachdenken: Warum, um alles in der Welt, steigt die Frau mit, wenn auch spärlicher, Kleidung ins Wasser? Die kann ja gar nicht richtig sauber werden, dazu müsste sie sich der Kleidung doch entledigen!
Und dann schießen uns die Archtypen der 50er und frühen 6oer in den Kopf, Adrenalin wird ausgeschüttet, wir schauen uns unsicher um, so als beobachtete uns jemand: Die Angst vor dem Nacktsein hat uns wieder.
Mein Cousin Hotte badete damals auch in Badehose, dazu sei die ja da, behauptete er felsenfest, und weigerte sich standhaft, seiner Mutter, die darob in Sorge jetzt häufiger im Badezimmer herumwieselte, zu zeigen, was unter der Hose verborgen war. Die Tante zweifelte schließlich am Geschlecht ihres Kindes, weil sie sich nicht mehr erinnern konnte, was sie denn damals geboren hatte.
Alpträume plagten uns Jungen. Im Dorgemeinschaftshaus liefen wir im Unterhemd herum, ohne Unterhose, das Hemd gerade lang genug, unsere Blöße zu bedecken, aber keinen unbedachten Schritt, keine ungelenke Bewegung durften wir riskieren, damit wir bedeckt blieben. Das Unterhemd war gleichzeitig Oberhemd.
Wie wanden wir uns nach dem Sport, nackt mit anderen zu duschen. Oder vor dem Benutzen des Lehrschwimmbeckens! Angeblich verstopften Seifenreste die Abflüsse und machten das Becken unbrauchbar.
Die Lehrer kontrollierten und wir wandten ihnen unsere nackten Ärsche zu, was ihnen genauso gefallen haben mag wie die Frontansicht.
Nacktsein war Scham, war Demütigung, war Bloßstellen. Der Schutz der Persönlichkeit war dahin, so als wären vom Staatsanwalt Abhörgenehmigungen erteilt worden, Fleischbeschau inbegriffen, alles mit der Begründung, für Hygiene und Gesundheit zu sorgen und die Abflüsse frei zu halten.
Da kann man verstehen, wenn heutzutage, wo sich jeder unaufgefordert entblößen will, Menschen das Bedecken wiederfinden. Wenn die Badehose, der Bikini, der Badeanzug Aufsehen erregen, wenn sie im Geheimen getragen werden. Und es ist mittlerweile völlig egal, ob die Seifenreste, die sich bei der Körperhygiene in der Kleidung sammeln, die Abflüsse verstopfen oder nicht.
Ein Mythos ist endlich zerstört worden. Seife aus Badehosen verstopft Abflüsse! Unglaublich!
Wie dumm waren wir damals gewesen, freiwillig nackt zu duschen. Heute wäre doch jeder Schulmensch froh, wenn überhaupt geduscht würde, selbst in voller Montur. Seit Erfindung des Deospray haben sich die Parameter verschoben.
Was regen wir uns da über Frauen in Bikinis in der Badewanne auf? Man muss ja nicht hinsehen.

Flaggenvorschläge für die Schweiz


Aus dem Kanton Bern stammt ein Entwurf für die neue Flagge der Schweiz, der den maroden Staat mit dem finanzverbrecherischen Hintergrund heilen soll. Sogar rassistische Tendenzen (Parole: Keine Moschee in unserem Schnee und nicht dahinter, nicht diesen und auch keinen andren Winter!) würden geglättet, denn das Symbol, das das alte, weißes Kreuz auf rotem Grund, einfach umkehrt, ist irgendwie international verbreitet. Man habe das schon in verschiedenen amerikanischen Kriegsfilmen gesehen; der Amerikaner sei ja überall auf der Welt tätig. So könne die neue Flagge völkerverbindend und weltübergreifend sein, global nämlich.
Kritische Stimmen werfen ein, es geben diese Flagge schon. Momentan sind die Schweizer auf der Suche nach dem dazugehörigen Land. Eventuell könne man sich zusammentun und die Flagge gemeinsam nutzen. Welcher hoher Druck muss in der Schweiz bestehen!

Undankbare Natur


Das machte mich traurig. Ich hatte im aufkeimenden Frühling, der aber noch mit Schneeresten und Temperaturen von 3 Grad plus kämpfte, einen hilflosen, flügellahmen Schmetterling gefunden, der auf der Fensterbank darauf wartete, zu Kräften zu kommen. Sacht blies ich ihn an, glaubte, mein warmer Atem könne ihm diese Kraft, die er für den nächsten Flug brauchte, geben. Der Schmetterling kippte einfach zu Seite und stellte sich tot.
Selbst wenn es in meinem Mund Mundgeruch gäbe, gesetzt und nur mal angenommen, so sollte die Natur, die ganz andere Gerüche gewöhnt ist und sogar selber produziert, dankbar sein über einen Menschen, der mitfühlt mit der geschundenen Kreatur, der Hilfe leistet und Gutes tut.
Das Schlimmste auf der ganzen Welt ist undankbare Natur.

Schweiz will neue Flagge

Nachdem die Schweiz von der Weltöffentlichkeit aufgrund ihrer Machenschaften im Finanzsektor auf Platz der 4 der Schurken- und Ganovenstaaten gesetzt wurde, plant sie jetzt einen Neuanfang. Erst mal soll eine neue Flagge her, irgendwas Japanisches stelle man sich vor, so die Flaggenschneider aus dem Kanton Uri.

Wolfgang Oecker: Die Einsamkeit der Stahlnägel (2010)


Stahlkünstler Oecker hier mit einem Werk, das den Zeitgeist mal wieder zusammenfasst.
Mit dem Rücken zur Wand und einsam. Wer ist das nicht?
Material: Stahlnagel, Pressspanplatte gekälkt.

Gedichte mit geschäftlichen Transaktionen: Georg Krakl - Frau im Pelz (2010)


Ich sah die Frau im Pelz
und dachte: Welcher Schmelz
umgibt die Frau, und sahne-
gleich ihr Blick!
Die Aura etwas abgewrackt,
im Ganzen zwar zu dick,
doch elegant, als ob sie plane,
ein schönes Kleid zu kaufen,
und nach Haus zu laufen,
wo der Mann im Sessel sitzt,
und in seinem eignen Pelze schwitzt.
Doch dann, ich hatte nur kurz ausgespuckt,
da war sie plötzlich wie verschluckt,
da war sie fort mit Pelz und Blick und Aura.
Da war doch eben noch ne Frau da!,
rief eine Dame laut.
Ich sage: Stimmt, sie war im Pelz,
jetzt ist sie weg, mit ihr der Schmelz.
Ich habe kurz nur weggeschaut.

Günter Krass: Neue Zähne braucht der Mund

Lächeln. Fiete bemüht sich. Das, was er als sein strahlendstes Lächeln ansieht, wirkt auf die Verkäuferin an der Fleischtheke wie das verlogene Grinsen eines Vegetariers, der sich eine Scheibe verblichene Mortadella fordert, die ganz vorne in der Auslage liegt, damit sie sich vornüberbeugen und strecken muss um sie zu zu erreichen. Damit dieser pflanzenfressende Grinser ihr in den Ausschnitt schielen kann.
Fiete ist kein Vegetarier und der Ausschnitt der Fleischfachverkäuferin interessiert ihn wenig, weil sie ihm zu dürr ist. Hinter eine Fleischtheke gehört etwas Dralles, Pralles, Üppiges, etwas, woran man sich festhalten kann, wenn man einmal ins Wanken gerät, weil das Leben so schwankt.
Mortadella will er nur, weil Fiete Probleme mit den S-Lauten hat. Salami. Um Salami zu bitten klänge einfach lächerlich. Oder Fleischwurst. Noch schlimmer, zwei Hürden zu überwinden, die nicht zu überwinden sind. Das mag an seinen neuen Zähnen liegen, die ihm der Zahnarzt letzte Woche verpasst hat. Irgendwie passt nicht mehr alles so in den Mund, wie das vorher einmal war. Fiete hat ein Gefühl, als sei die Zunge gewachsen und plötzlich zu lang. Mortadella, sagt Fiete, 6 Scheiben, nicht zu dünn. Mortadella, denkt Fiete, nicht gerade gesund, was da alles drin sein soll, Hühnerfedern hat man, aber wer ist schon man?, jedenfalls soll man die schon drin gefunden haben, kleingeschreddert und gemahlen, verquirlt mit anderem Unrat und Fett, Bindemittel und Farbstoff und Gewürzen natürlich, Gewürze, wichtig, damit die Wurst nach etwas schmeckt, immerhin ist kein S in Mortadella.
Fiete schielt kurz in der Ausschnitt der Fleischwurstfachverkäuferin, oder hieß es Flachfleischverkäuferin, Fiete ist verwirrt, denn er kann direkt in den Kittel gucken und die fleischigen Ausbuchtungen sehen, sogar den Nippel der linken Brust, Fiete schluckt, eigentlich findet er dünne Frauen hinter Fleischtheken doch nett, Salami, lispelt er mit seinen neuen Zähnen, Salami da, nein, hier, ganz vorne, aus der ersten Reihe bitte, stammelt Fiete, die Verkäuferin reckt sich erneut und Fiete starrt in den Kittel auf den Nippel der rechten Brust. Das ist aber Sommerwurst, sagt ihm die nippelige Verkäuferin.
Fiete denkt, wie gut, dass ich nicht doch zum Vollvegetarier geworden bin, so hatte er immer noch die Entscheidungsfreiheit, sich eine Scheibe Wurst mit nach Hause zu nehmen.
Sommerwurst, achso, lispelt Fiete verwirrt, neinnein, hier vorne bleiben, die Nippel sind gerade verrutscht, weil die Fleischdame sich zurückziehen will, jaja, Sommerwurst, hier aus der ersten Reihe, zwölf Scheiben, und Salami, sechs Scheiben, ja, genau, oder doch sieben?
Fiete ist im Kaufrausch, was gibt es noch in der ersten Reihe hinter dem Glas? Die Verkäuferin hat die Wurst auf den Packtisch gelegt, ausgewogen und eingepackt. Darf es sonst noch etwas sein?, fragt sie. Schonschon, langzüngelt Fiete, äh...wie bitte, er wacht auf, hat geträumt, von heute Abend, äh, nein, nichts, danke, das wär’s...Wo war denn die Frage geblieben: Darf’s auch etwas mehr sein? Darauf wartet der Kunde doch.
Die Verkäuferin lächelt, Fiete grinst sein schönstes Grinsen, mehr ist mit den neuen Zähnen nicht drin.
Schönen Tag noch, lispelt er, gleichfalls, antwortet sie. Fiete addiert: 24 Scheiben Wurst hat er jetzt in der Hand. Wer soll die bloß essen?

Josef Beuys: Schnatter (Bomann-Museum Celle)


Das hätte ich auch noch hingekriegt, sprach der Vater großspurig zu seinen Söhnen, die krakeelend durch die Ausstellung rannten, alles befingerten und schließlich im Sandkasten Fratzen malten, die durch eine Installation zur Kunst erhoben wurde. Kunst kann jeder, soll der Beuys mal gesagt haben und sich dann in einen Fettstuhl gesetzt, mit dem Filzhut auf dem Kopf, wohl in Badehose an einem Südseestrand, an dem er dann Bilder in den Sand malte und gleich, nachdem sie natürlich fotografiert worden waren, mit dem rechten Fuß wieder ausradierte. Beuys war Rechtsfüßer.
Der Fotoband wurde verkauft und damit machte er richtig Kasse. Kein Wunder, wenn der Vater im Museum wütend ist, weil er mit seinen selbstgebastelten Wichteln aus Kiefernholz kein Geld gemacht hat. Das ist doch keine Kunst, hatte ihm Tante Lore ins Gesicht gesagt, mal bisschen mit der Säge an einem Stamm rumkratzen, rote Farbe hinklecksen und etwas sterile Watte an das Ende kleben! Wie hasste der Vater Tante Lore. So blödes Zeug reden wie Tante Lore, war schließlich auch keine Kunst. Die Kunst war, freundlich zu grinsen, wenn sie einen ihrer Monumentalvorträge hielt und dabei nicht zuzuhören.
Nachdem Beuys seinen Fotoband verkauft hatte, dachte er sich, och, in Celle haben die noch keine BIlder von mir, da male ich mal eine Ente mit einem Plapperschnabel, die jeder Vater auch in sein Tagebuch zeichnen könnte, um seine Söhne zu beeindrucken, etwa mit dem Satz: Flori und Basti! Schaut einmal, ich kann zeichnen wie der Josef Beuys! Ist überhaupt keine Kunst! Stimmt, Pappi, hätte der Nachwuchs gekräht.
Die Kunst ist, damit Geld zu verdienen.

Das Gastgedicht: Ulla Huhn - Schützenverein (2010)

Hab viel Schwein gehabt in meinem Leben,
lief's nicht holprig, lief es eben eben.
Nur im Schützenverein hatte ich kein Glück,
schoss ich auf die Zielscheibe, dann schoss sie zurück.

Ernst Bärlapp: Selbstbildnis aus Knete (2010) Das Zweite


Bärlapp dazu: Schon besser, man kann sogar ein paar Finger erkennen und das Gesicht ist auch nicht so flächig wie vorher. Aber irgendwie sehe ich so nicht aus. Die Nase, die Nase ist gerader und die Ohren liegen an.

Günter Krass - Plattenspieler


Was war das damals schön gemütlich: Das leise Knistern des Plattenspielers vor dem ersten Track, vor dem ersten Stück, dieses leichten Rumsen, wenn die Nadel aufgesetzt hatte! Später machten sich die Menschen, die jetzt der CD verfallen waren, über diese Nebengeräusche lustig: Na, die ist wohl am Lagerfeuer aufgenommen worden! Lachen konnte in Wirklichkeit keiner darüber, denn die CD war kalt, gefühllos, steril. Der alte Witz, die besten Stellen auf der Platte angekreuzt zu haben, zog zwar manchmal auch mit der CD, aber konnte das das Fehlen von echtem Gefühl nicht kompensieren. Die Platte war schwarz, von einem riesigen Cover umgeben, einem eigenständigen Kunstwerk, innen mit einer Papierhülle versehen, die die wertvollen Rillen schützen sollte. Da gab es bereits Unterschiede: Die Billigpressungen vervorzugten aus Kostengründen Plastikhüllen, die später von der Konsistenz her in der Gemüseabteilung der Supermärkte zu finden war. Dann gab es Luxushüllen, deren papierne Hülle innen noch einmal mit Plastik gefüttert waren. Das Problem war das eigentliche Herausziehen der Platte, hier konnten kaum mit dem Auge erkennbare Schleifspuren entstehen und neben den Staubablagerungen das Nebengeräuschspektrum empfindlich und unerwünscht erweitern. Der Plattenbesitzer litt jedes Mal, wenn er oder - eigentlich unmöglich- ein anderer die Platte aus der Hülle nahm. Eines der größten Saktilege war jedoch, eine Platte mit bloßen Finger anzufassen, die schweißigen, ungewaschenen Griffel, die vorher vielleicht in der Nase oder im Ohr gepopelt hatten, auf das schwarze Gold zu legen und unbedarft solange auf dem Plattenteller damit herumzurutschen, bis der Pin das Loch gefunden hatte. Die Steigerung war der selbe Vorgang im Suff, häufig am Wochenende, häufig auf Feten, häufig von Gästen verübt, die man nicht hätte einladen sollen.
Der Plattenfreund machte in der Regel eine Tonbandaufnahme von seiner Platte und verschloss sie dann in einem einbruchsicheren Schrank ohne Glastüren.
Auch das Knacken und Knistern war auf der Bandaufnahme zu hören, leider auch das Bandrauschen. Und dann kam der Lenco-Clean-Man! Dieser Superneurotiker, der nichts anderes zu tun hatte, als Nassabspielen!(Fortsetzung folgt)

Gedichte mit schicksalshaften Fügungen: Georg Krakl -Haus kaputt (2010)


Haus kaputt,
ist alles Schutt,
die Fetzen flogen.
Ich bin dann ausgezogen.

Gedichte mit Tieren: Georg Krakl - Vogelpredigt (2010)

Vogel predigt vom Leben,
dass Briefmarken häufig nicht kleben,
obwohl man sie leckt,
dass das Bankwesen verreckt,
die Vermögen, sie schrumpfen,
und Manager nächtens versumpfen,
das Ende sei nah,
der Tod, nicht das Leben,
war das, was er sah,
der Text sei daneben
gewesen,
er hätt sich einfach verlesen.
man sollt ihm verzeihen,
er würd sich wohl später kasteien.
Dann wär’s aber gut,
er nähm zwar den Hut,
aber schließlich wär’s ja sein eigenes Leben
und nun wär es Zeit
einem Vogel gleich sanft zu entschweben.
man wisse Bescheid.

Der Vogel setzt später an anderem Ort
die Predigten fort.

Ernst Bärlapp: Selbstbildnis aus Knete (2010)

Fredo pellt ein Ei

Der lange Fredo sitzt neben mir, er, der lange hölzerne Kasper, der alles, was er erlebt hat, in lange Geschichten steckt und mit diesem traurigen Ausdruck schildert, sodass der Hörer Mitleid haben muss; wenn Fredo ein 11jähriger Junge wäre.
Fredo hat sich ein Ei gepellt, ein kaltes, das vom Vortag übergeblieben ist, er hatte eins mehr gekocht, aber nicht gegessen. Denn das sei zu viel Cholesterin, sonntags aber esse er immer ein gekochtes Ei, das sei ein Ritual, ein gekochtes Ei, das er mit Senf würze. An diesem Sonntag habe er zwei gekocht, warum könne er nicht mehr sagen, vielleicht einfach, um diese Geschichte heute hier zu erzählen.
Diese kalten Eier vom Vortag seien wie schlechte Wochenanfänge, als sei man mit dem linken Bein aufgestanden, er wisse nicht warum es Eier gebe, die, nachdem sie gekocht und erkaltet seien, sich nicht pellen ließen. Seine Mutter habe die These aufgestellt, dass es an der zu geringen Abschreckzeit liegen könne, sodass sich die Pelle nicht genügend von der ziwschen Eiweiß und Schale liegenden weißschimmernden Schutzhaut löse. Ein Ei, das sich am Morgen eines Montages, der regulärer Arbeitstag ist und nicht ein Pfingstmontag, denn das gehe gerade so, sei wie der ausbleibende Stuhlgang um sechs, dann wenn die Morgenzeitung seit 15 Minuten im Postfach liege, er diese hereingeholt habe, den Kaffee in der Tasse habe und, jetzt lacht Fredo, zu einer Geschäftsitzung aufbrechen wolle, aber in der Sitzung der Stuhlgang, wie gesagt, Fredo deutet nur ein Lachen an, eher seufzt er gequält, dieser ausbleibe.
Der Tag ist gelaufen, so wie das Eigelb ausgelaufen ist.
Erst reiße die Schale nämlich nicht nur die weißschimmernde Haut mit sich, sondern auch eine etwa 2 mm dicke Eiweißschicht, die stellenweise noch dicker sein könne, sogar drohe das ganz Ei zerrissen zu werden und, von ungeschickten Fingern zerquetscht, auf die Spüle zu fallen. Eigelb lasse sich nur schwer wieder entfernen, besonders wenn es bereits hart geworden sei, das müsse man, Fredo lacht eher ärgerlich, förmlich abmeißeln, auf jeden Fall mit einem scharfen Messer oder Spachtel abschaben. Und dieser Morgen, heute, der heutige Morgen, sei so ein Morgen gewesen, so ein Jahrhundertmorgen im negativen Sinne, der letztendlich die Woche verdürbe, nichts habe noch Sinn nach einem solchen Erlebnis. Vielleicht solle man überhaupt auf den Konsum von Eiern verzichten, was denn der Ethikrat dazu sage, immerhin sei das ja eine Art Abtreibung. Ungeborenes Leben sei doch schützenswert. Da rege man sich auf über alkoholisierte Landesbischöfinnen, als hätten die nicht auch ein Recht auf einen Vollrausch, aber die Tierwelt bleibe mal wieder außen vor. Ja, außen vor. Fredo klagt leise. Der Raum hat sich geleert, denn jeder hatte plötzlich irgendetwas entdeckt, das es noch zu erledigen gab.

Winfried Hackeböller: Rost on it (2009)

Günter Krass - Tanzkurs


Ich war unsicher, das kann ich heute sagen, Tanzen interessierte mich überhaupt nicht, es war Gruppenzwang, so wie ich damals Alkohol trinken musste und Zigaretten rauchen, bevor ich 16 war, das ist hart heute, ich hätte meinem Sohn rechts und links, man weiß, was ich meine, also an die Ohren, jedenfalls war ich da und musste mit einigen Kameraden, haha!, Kameraden, was soll das denn wieder, wir waren nicht im Krieg, obwohl, vielleicht schon, jedenfalls sollten wir Schritte nachlernen, und ich kam nicht so klar, wie ich eigentlich wollte, schnell lernen und dann zack! Eintänzer in der Fischbratküche, diesen tiefsinnigen Scherz hatte ich damals noch nicht kapiert, sondern dachte, es sei etwas Besonderes, ich glaube, ich schreibe an anderer Stelle weiter, Tanzen ist doch ein Thema, das mich berührt, auch, wenn ich es niemals wollte...
(Foto: Manche Eier werden durch Tanzkurse überheblich.)

Gedichte mit Speisen: Georg Krakl - Suppe in der Gruppe (2010)


In der Gruppe
schmeckt auch schlechte Suppe,
mag sie wohl lasch und labberig
der Kohl vielleicht noch schlabbebrig,
verwürzt, verkocht,
mit Haaren drin und einem Docht,
mit Kieseln und auch Schweinemagen,
vom Mantel einen Kragen.
Den Menschen in der Gruppe ist das schnuppe.
Da isst man jede Suppe.

Besser wohl als Currywurst allein.
Denn Currywurst ist hohler Schein.

Das Gastgedicht: Ulla Huhn - Grippe (2010)

Bei meiner letzten Grippe
da stand ich auf der Kippe.
An meiner Unterlippe
hing, wenn ich richtig tippe,
ein zäher grüner Schleim.
Ich sah den Kerl mit Schippe,
er schrie: Du kranke Hippe!
Komm mit in meine Sippe!
Doch ich sprang von der Schippe
und lief trotz Virus heim.

(Aus: Gedichte mit Krankheiten drin)

Fido ist kein Spielhund


Fido tut nichts, das ist so abgegriffen, da lacht doch jeder, der das hört, da kann ich nicht mehr mit punkten, Fido ist ein Kampfhund, der will nur spielen, also, Spielhund fragt die Oma gestern, nicht die Handtasche festhalten, sage ich zu ihr, der hat 2 t Druck auf dem Quadratzentimeter, da bleibt kein Knochen heile, leises Summen hilft, gehen sie ruhig weiter, nicht umdrehen, die Tasche bringe ich Ihnen, genau, der Ausweis ist drin, da weiß ich gleich, wo Sie wohnen, nein, mach ich, von wegen, die Alte hat dann von zu Hause, da wo sie in Sicherheit war, die Bullen angerufen, ich hätte den Fido mal frei spielen lassen sollen, der ist nicht aggressiv, der tut nur so, haha, eigentlich ganz lustig, so ein Scherz, Fido hält sich nicht immer an die Regeln, aber da muss ihm schon einer krumm gekommen sein, und die alte Frau gestern war schon zickig, ich persönlich kann das ja auch nicht ab, aber die Bullen erst, da knurrte der Fido, die haben sofort Pfefferspray eingesetzt, ich sage, der ist harmlos, nein, gleich voll drauf, das arme Tier. Wer denkt eigentlich an das arme Tier? Heute hat er entzündete Augen und die Leute halten ihn für noch gefährlicher. Unmenschlich, sage ich, da ist der Schritt nicht mehr weit, so mit Menschen zu verfahren. Verwarnung hin oder her. Ich hätte den Fido frei spielen lassen sollen.

Fischplatte im Norden


So sind die Norweger, da freut man sich auf eine lecker Fischplatte am Abend, denkt an Fisch satt ohne Grenzen, an Schlemmen und Schlotzen, an fetttriefende Mundwinkel, an gurgelnde Geräusche, wenn das Seegetier den Magen hinuntergespült wird, und was ist? Der asketische Nordling meinte Fischplatte! Getrockneten Meeresbewohner, der zum harten Brett verdunstet wurde und den man wahrscheinlich drei Tage in Flüssigkeit legen muss, damit er eine bleiche, faserige Gestalt annimmt, die eher an Wasserleichen als an Rollmöpse erinnert. Kulinarisch ist da oben, wo das Licht im Winter immer schnell ausgeht, wirklich nichts los. Das Auge isst mit! Das kann bei diesen Beleuchtungsverhältnissen nicht stimmen. Da stellt sich der Wettergegerbte einfach mal ans Gerüst und knabbert die Nahrung direkt von der Stange, so als wenn wir an der Imbissbude eine kalte Schale Pommes verdrücken.Er sieht ja nichts. Nichts mit Candlelight-Dinner. Nicht mal Ketschup gibt's dazu. Schade um die Erfahrung, die man in kalten Zonen machen muss.

Puppen drehen durch


Die Frauen wussten es immer schon: Das Maskuline hat die Welt im Griff. Jeder will Mann sein. Frauen haben das Nachsehen und putzen sich die schniefende Nase. Aber, kann der Mann an sich etwas dafür?
Was hat sich die Evolution eigentlich dabei gedacht, dass der Mann als der männliche Typ und die Frau als eher weiblich dargestellt wird?
Wo ist das eingreifende Korrektiv? Das Korrektiv! Neutrum! Da haben wir es doch wieder. Das ist kindlich, will sagen, kindisch!
Mann ist Mann, und Frau ist Frau.
Das hatten wir doch schon tausendmal. Wieso wird immer wieder dumm nachgefragt?

Bodo läuft (Reinkarnation)

Bodo läuft wieder. Der Boden ist nicht mehr vereist.
Das Gras ist noch gelb-grau-braun. Wie immer denkt Bodo über das Leben nach und dass er doch gerade einen schönen Umweg gefunden hat: Der gleicht einer Schleife.
Ein schönes Stück ist das, denkt Bodo, ohne gewaltige Steigungen.
Da können doch gut die Schlechtkonditionierten rotieren. Im Kreis laufen. Die würden sich doch sonst verirren, wenn die allein und abgeschlagen auf den verschlungenen Waldwegen zurück bleiben müssten.
Hier kann nichts passieren, es geht immer im Kreis herum. Im Kreis zu rennen ist meditativ; da kommt der Läufer in die langläuferische Trance, in eine verschwitzte Abständigkeit, in eine Entrücktheit, in ein Laufen ohne Absicht.
Der Körper läuft wie von selbst. Er läuft ein Mantra und der Geist hat Ruhe. Nichts denken. Nichts wollen. Einfach da sein.
In Spiralen müsste der Körper sich auf höhere Stufen hochwinden können.
Schade, das geht hier nicht.
Auf dem Höhepunkt der Schleife angekommen, geht es wieder runter.
Das gleicht dem Wiedergeborenwerden ohne Lernerfolg.
Immer wieder in die gleiche Schnecke zurückgestopft, immer wieder das gleiche kriecherische Verhalten, immer wieder ein Leben auf der Schleimspur.
Ein Teufelskreis, den die Schnecke niemals verlassen kann.
Erstens weiß sie nicht, dass sie schon wieder wiedergeboren ist.
Zweitens ist sie zu langsam, um ihre Fehler zu korrigieren. Vielleicht fühlt sie sich wohl und eins mit sich und ihrem Leben, weil sie ein kleines Haus besitzt und sich keine Bausparverträge aufschwatzen lassen muss.
Ist das nicht paradox? Dass die Einfältigen in ihrem Glück nichts von ihrem Unglück wissen? Vielleicht war sie in einem früheren Leben Versicherungsvertreter.

Bodo sinniert über die Frage, ob Schnecken Fehler machen können, und wenn, welche?

Ein dumpfes Brummen schreckt ihn aus seinem Tagtraum auf. Ein graues Untier, für einen Esel zu klein, für eine fehlfarbene Wildkatze zu groß, für einen Tierheimhund zu ungeschickt, stolpert aus dem Unterholz, bleibt stehen, dreht sich um, schaut und wartet. Klappenohren wie die lederne Mütze des Barons von Richthofen.

Da! Das Blechmonster mit dem Frischluftkerl, der bei heruntergedrehter Scheibe vor Wochen an einer andere Stelle im Wald ventiliert hatte, der sich selbst an die Luft gefahren hatte, eine Art Autowanderer mit waidmännischer Färbung, taucht aus dem Dunkel des Unterholzes auf. Der Weg, den er fährt, ist so schmal, dass die Äste, die der Geländewagen streift, knacken. Bodo schaut nicht hin. Er hält die Szene für unmöglich. Unvorstellbar. Irreal. Aber sie ist wirklich.

Blöder Hund, blöder lederfliegerkappenklappenohriger Hund, du Ausgeburt des roten Barons, du miese Inkarnation mit deinem noch mieseren Herrchen, das seinen bequemen Arsch nicht aus dem beheizbaren Landroverfahrersitz kriegt, und stattdessen dem Wald die Luft nimmt, die dieser sich bemüht zu produzieren.
Der Wald ist sauer, stinksauer auf solche Umweltbanditen.

Abgassau! will Bodo sagen, denkt es aber nur. Ein Hund ist unberechenbar. Ein Mensch, der mit dem Auto durch den Wald fährt, um seinem Hund Auslauf zu verschaffen, wird nicht ohne psychische Einschränkung sein. Das kann sich auf den Hund abgefärbt haben! Hundeführerschein, genau denkt Bodo.

Halt deinen Schnauzer! könnte Bodo jetzt lostrompeten, denkt aber, dass das Untier, das er nun beim Wiedersehen durch diese Anrede aus der Mischlings- und No-Name-Abteilung in die genannte Rassekategorie einordnet hat, durch die Aufforderung „Halt deinen dämlichen Schnauzer!“ sensibel reagieren und sich genötigt sehen könnte, sein Herrchen, dem dieser Ausspruch zugedacht ist, zu verteidigen, obwohl lediglich die Bitte, wenn auch energisch, vorgetragen wird, den Hund zu halten.

Deshalb heißen diese Leute doch Hundehalter!

Der fliegerlederkappenohrenklapprige Hund läuft frei herum. Gehört an die Leine! denkt Bodo und macht sich auf den Weg in die andere Richtung, vorsichtig nach hinten lauschend, fürchtend, dass das leise Flappen der Ohrenlappen oder Kappenklappen hinter ihm ertönt.

Nichts zu hören. Hund und Mann und Auto sind in eine andere Richtung. Bodo atmet durch und trabt entspannt weiter. Es gibt also Waldläufer und Waldfahrer, denkt er, ohne daraus eine besondere Erkenntnis abzuleiten.

Welcher Sünder mag in diesem Hund stecken und zum wievielten Male wohl schon? Und welcher in dem Hundehalter, der in seinem Auto durch den Wald spazieren fährt? Schlimmer noch, als wieder zur Schnecke gemacht zu werden.

Was muss eine arme Seele wohl tun, um da endlich rauszukommen?

Lückentexte für junge Männer mit Sprachschwierigkeiten (Umweltschuh)


Hey, du, kommstu kucken, hedu, Umweltschuh heißt das, total genau, Umweltschuh.
So mag es klingen und die jungen Männer mit Sprachschwierigkeiten grübeln den lieben langen Tag darüber nach, was denn wohl ein Umweltschuh sei, vor allem einer, der hier beginnt. Wieso hier?, fragt das Hirn des Intelligentesten. Dann müsste man ihn doch sehen! Da ist aber nichts.
Vielleisch....beginnt ein anderer und gerät ins Stocken, weil er bei vielleisch immer an Fleisch denken muss und jetzt gut eine fetttriefende Fleischtasche verputzen könnte. Der Bauch kommt vor der Moral und so bleibt die kritische Intervention auf der Strecke. Umweltschuld....ja genau....das ist es, genau, die Umwelt ist Schuld, dass die Umwelt so ist wie sie ist. Verantwortung übernehmen. Dafür gerade stehen.
Der Tag geht zu Ende, und wenn es dunkel wird, kann auch mal ein Schnäpschen über die Theke gehen. Vielleisch falsch geschrieben, fällt noch einem ein, Umwälzung könndasch heiße....Hedu, sach nischscheiße! Überhaupt, wo hast du das Wort her? Hastudiert?

Ein Deutschkurs, den man sich sparen kann. Lückentexte bringen Leuten, die gar keine Lücken empfinden, weil ihr Leben so voll ist, überhaupt nichts.
Die Lösung findet der Findige auf dem Umweltschutzamt der Stadt Köln, falls das nicht gerade eingestürzt ist.

Gedichte mit technischen Geräten: Georg Krakl - Toleranz (2010)


Wenn Elektroheimgeräte mal in Not geraten,
wenn zuviel Strom sie plagt, die Sicherungen zittern,
wenn Slips ersaufen, Toasts verbrennen, Hemden knittern,
Eier platzen, Blut und Milch gerinnen,
dann denk ich: Ach, Elektroheimgeräte dürfen auch mal spinnen.
Da bin ich tolerant
und werfe keines der Geräte an die Küchenwand.

Gedichte mit Tieren: Georg Krakl - Mein Schwein (2010)

Mein Schwein hat Grippe,
ob ich es noch essen kann?
Es hat auch Bläschen auf der Lippe,
gelben Hautausschlag, und dann:
Es riecht so aus dem Maul, hat Haarausfall,
es grunzt verrückt, es hat wohl einen Knall.

Ich mische Antibiotika ins Fressen,
das macht gesund und auch steril.
Das ist das Ziel!
Ansonsten müsste ich mein Schwein vergessen.

Man könnt es nur noch exportieren
und zur Mortadella feinpürieren.

Gedichte mit Städtenamen: Georg Krakl - Bremerhaven (2010)


In Bremerhaven
hab ich das Thema verschlafen.
Du, sprach es zu mir, die Stadt hat gar kein Thema.
Dann, sagt' ich, war's wohl das Schema.
Du meinst Silhouette, vielleicht Panorama?
Die Aura oder den Heiligenschein?
Die Stadt hat Substanz, ist alles nur Sein!

Mag alles so sein, wie du sagst, sprach ich traurig,
ich hab es verpennt,
aber in mir, du fühlst es, es brennt!
Bremen, das gierige Bremen,
das sollt ich zu allererst nehmen.

Und dann Bremerhaven,
wo Menschen die eigenen Themen verschlafen.

Im großen Auto hinter Fredo

Fredo ist speziell. Man sollte morgens, wenn man das selbe Ziel wie Fredo hat, viel früher losfahren, gesetzt, man hat Kenntnis von Fredos Abfahrtszeit. Fredo bei unsicheren Witterungsverhältnissen ist noch spezieller. Im Auto hinter Fredo wird man verrückt, wenn es eventuell Eis auf der Straße geben könnte. Hier wünscht sich der Hinterfredofahrende einen Konjunktiv III, der auch die Unwahrscheinlichkeit mit umfasst und eine Möglichkeit von 3% ausdrückt. 3% Eis auf der Straße, heißt im Umkehrschluss: 97 % freie Straße, freie Fahrt, normale Geschwindigkeit.
Fredo hat ESP im Auto. Sein ESP hat aufgeleuchtet. Fredo fährt nach Vorschrift: Wenn sein ESP aufleuchtet, fährt er langsam, damit sein Wagen nicht kaputt geht. ESP könnte heißen: Etwas schleimiges Profil, deshalb Rutschgefahr!
Fredo fährt sofort 25 km/h, da wo 100 erlaubt sind. Hinter Fredo hat sich bereits ein Stau von 30 Autos gebildet. Fredo ist froh, der erste Wagen zu sein. Hinter Fredo drohen die Fahrer: Wenn der aussteigt, dann hau ich ihm in die Fresse! Die Aggressionen sind gestaut. Blöder Sack, die Straße ist frei, die Sicht ist gut, nichts vor ihm, warum fährt der 24km/h? Fredo variiert die Geschwindigkeit. Er fährt 28, dann 24, in einer geschlossenen Ortschaft beschleunigt er auf 30 km/h.
Ich fahre hinter Fredo; mein Auto ist groß, Fredos ist klein und metallicblau. Ist es die Farbe, die mich aggressiv macht? Ich werde nicht überholen, auch wenn alle hinter mir denken, dass ich der Langsamfahrer ohne Grund bin, der Staugrund, der Grund fürs Zuspätkommen, der Grund für Adrenalinausschüttung, die, wenn nicht sofort abgebaut, zu Herzinfarkten führen kann. Kuhfänger hülfen, den Kerl auf die Schüppe zu nehmen, ihn an seinen großen Ohren aus dem Wagen zu zerren. Der Indiefressehauer aus Wagen 12 steigt auch aus. Für Fredo wird die Luft knapp. Fredo, hau ab!
Fredo fährt weiter 25 km/h und wir wiederentdecken die Langsamkeit. Auch schön. Mir war nie aufgefallen, wie langweilig die Landschaft auf dem Weg zur Arbeit ist.
Fredo fährt immer noch ESP. Vielleicht heißt ESP auch extrem schleimiges Profil....

Gedichte mit fehlerhaften Reimen: Georg Krakl - Mein Ei Klaus (2010)


Mein Ei hieß KLaus
und sah sehr lustig aus.
Ich habe es geköpft,
es hat nicht mal getröpft.

Theo von Doeskopp: Mono (Neo-Dadaismus)

MONOTONIE
MONOTONIE
MONO
ONO
O NO
NO
O
O TONI
TONI
TONI
O NIE
NIE
IE
I
I
NIE
O NIE
TONI
TONI
ON NIE
O TONI
NO TONI
O NO TONI
O NOT O NIE
O NO TONI
MO NO
O NO
MONOTONIE

Missverständnisse durch fehlende Kommata


Mancher sagt: Kinderwahnsinn!
Gemeint ist aber: Kinder, Wahnsinn!

Georg Krakl: Die Katze grüßte (2010)


Es grüßte mich die Katze
Mit ihrer Tatze.
Ach nein, sie drohte.
Beim Grüßen heißt es Pfote.
Doch diese Katze winkt
Und grüßt und nickt.
Sie wedelt mit dem Schweif,
vielleicht auch Schwanz.
Am Halse trägt sie einen Reif,
vielleicht auch Kranz.
Mit Katzengliedern ist’s verzwickt,
denn sie entschied:
Der Katzenschwanz, der ist kein Glied.
Auch nicht der Kranz.
Und trotzdem bleibt die Katze ganz.

Neues aus der Meeresforschung: Fische unter sich


Fisch 1: Sag doch mal was!
Fisch 2: Ich sage nichts.
Fisch 1: Seit zwei Jahren redest du nicht mit mir!
Fisch 2: Fische sind stumm.
Fisch 1: Du meinst taub!
Fisch 2: Nein, stumm. Sie können nicht reden.
Fisch 1: Hast du es denn schon mal probiert?
Fisch 2: Nein.
Fisch 1: Na, also.
Fisch 2: Was heißt hier „Na, also“?
Fisch 1: Probier’s doch mal.
Fisch 2: Ich bin taub.
Fisch 1: Was soll das denn jetzt?
Fisch 2: Ich höre nichts.
Fisch 1: Das kann doch nicht wahr sein.
Fisch 2: Das ist, als wenn du einen Brief schreibst und ihn aber nicht lesen kannst.
Fisch 1: Wo soll ich denn jetzt Papier hernehmen?
Fisch 2: War nur ein Beispiel.
Fisch 1 (schwimmt weg): Voll Panne! Fischstäbchen! Blödes Fischstäbchen!

Sie spielen unser Lied!

Why Can't We Live Together/Timmy Thomas

Timmy Thomas, dachte Paul, was für ein bescheuerter Name, da denke ich doch an Timmy von Lassie, diesen blondgesträhnten Bubi, der mit seinem fetten Freund Porky, Schweini auf Deutsch, und seinem humpelnden Hund die Gegend unsicher machte, immer irgendwie in Not kam oder jemanden traf, der in Not geraten war, und Lassie, der treue Collie, rettete dann alle. Collie, fällt mir doch Phil Collie ein, der nervige Fiestler, two sides of the story, jawoll, Trennungsgesülze, da nimmt der eine ganze CD auf, nur um seine Scheidung von wem auch immer zu rechtfertigen. Verarbeiten, nennen das dann die Promoter. Timmy Thomas, ich hasse dich, und dein Stück, unser Stück, Baby, sie spielen unser Stück!, ich ruf dich immer an, wenn’s im Radio gespielt wird, eigentlich bringt das kein Sender mehr, wegen der veralteten Hammondorgel, auch wenn die bei Retrotypen wieder hip ist, damals war das der Brüller, du hast mich immer angepestet wegen dieser Bikinifrau, die auf dem Schirm herumwackelte, tanzte, zuckte, ob ich auf die wohl stehen würde, bist bescheuert, habe ich immer gekontert, die doch nicht, das hat dich nicht beruhigt, wenn nicht die, dann wohl eine andere, danach rollte die große Scheidungswelle an, wir mittendrin, ist wohl jetzt in, ist modern, da muss man mitmachen, wir mittendrin in dieser Welle, und zack!, waren wir geschieden, unser Lied hatte klar formuliert: We can’t live together! Timmy Thomas dudelte auf seinen Tasten herum und Lassie rettete die Welt, nur wir waren nicht zu retten, oder wollten uns nicht retten lassen, ich hab gelacht, als Timmy in die Schweinkuhle gefallen war und Lassie stand bellend davor, während Porky und sein humpelnder Hund hilflos mit dem Kopf wackelten. Und wir mittendrin. Schweinegut, oder besser: Saudumm.
Paul drückt noch einmal den Wiedergabeknopf und die Hammondorgel begann ihr weinerliches Pfffftesrrrrrrrrrrt.

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Gewaltverbrechen nur schwer aufzuklären


In lang anhaltenden Kälteperioden mit Schneefall sind Gewaltdelikte nur schwer zu kaschieren. Blut auf dem weißen Untergrund löst im Menschen
archaische Empfindungen aus, nicht zuletzt werden
hier Verlust der Unschuld und Erbsünde assoziiert.
Die Aufklärungsquote von Verbrechen mit Blutfluss ist allerdings weiterhin gering, obwohl sich mit der ausgelegten DNS ein wichtiges Beweismittel anbietet. Allerdings wird allein dadurch nicht klar, ob das Blut vom Täter oder vom Opfer stammt, bzw. von einer ganz anderen Person oder gar einem Tier. Wenn sich gar kein Verbrechen ereignet hat, wird die Ermittlungsarbeit der Polizei unheimlich schwer. Um dem Ganzen doch noch einen Sinn zu geben, könnte man aus diesem Ansatz einen Tatort drehen, oder, vielleicht interessanter, eine Dokumentation über den Regelvollzug in deutschen Strafanstalten.

Pawel Pikass: Weiblicher Akt aus Klötzchen mit weißer Mütze (2010)


Für den Heimwerker stellt das Bild von Pikass eine schöne Vorlage fürs Badezimmer dar. Einfach Fliesen in elf oder zwölf verschiedenen, möglichst rötlichen Tönen, kaufen und an die Wand kleben. Wer hat schon ein Kunstwerk mit diesem Inhalt über der Badewanne?

Der ganzheitlich orientierte Mensch geht einfach ein paar Meter zurück und wird feststellen, dass das Hirn selbstständig ein Bild erzeugt, das dem weiblichen Akt mit weißer Mütze ähnelt; allerdings fehlen einige primäre Bestandteile. Wie weit wir uns täuschen lassen, zeigt die Tatsache, dass in Wirklichkeit die Farbsilhouette einer Rotbuche aufgelöst wurde. Beweis dafür, dass die Grundthemen der Menschheit, Sex und Verdauung, hier mal wieder- wahrnehmungs- und damit auch lebenslenkend waren.

Georg Krakl: Mein Ei (2010)




Mein Ei ist leergegessen,
es sieht so traurig aus.
Ich hab davor gesessen,
und wusst nicht ein noch aus.
Ich steckt ihm Käserinde durch die Schale,
da sah's gleich besser aus.
Ich schmierte Butter an den Rand
und streute feinen Vogelsand.
Doch wenn ich ehrlich bin,
ist's mit der Fröhlichkeit
und auch dem Gutaussehen
nicht weit hin.
Denn daran krankt die Zeit,
dass wir nur nach dem Äuß'ren gehen.
Das muss man erst einmal verstehen.

Verirrte Menschen - Verwirrte Menschen


Der Krieg musste zu Ende sein. Kalle drehte die Dose Bohnen hin und her. Wie viele Jahre hatte er es nicht gewagt, aus dem Bunker hinauszutreten. Einem Bunker, der nicht aussah wie ein Bunker. Spitz und lang wie eine Zigarre. Ein Phallussymbol, das den Feind abschrecken sollte, das zeigen sollte, wer hier den Hammer hatte, wer die Macht besaß, wer kämpfen würde bis zum Ende.
Überall Häuser und Hallen, dachte Kalle, und rieb sein bleiches Kinn. Frische Luft, dachte er weiter, das war etwas anderes als die stickige Bunkeratmosphäre. Der Krieg musste zu Ende sein. Der Bunker hatte abgeschreckt, denn sonst wären hier nicht Halle um Halle, Haus um Haus gewachsen. Die Dose Bohne blieb zu. Manchmal hätte er sich einen Treffer gewünscht. Vielleicht wäre die Bohnendose aufgeplatzt, er hätte endlich etwas auslöffeln können. Andererseits hätte ihm auch etwas passieren können. Höchstwahrscheinlich sogar. Bohnen schmecken nicht, wenn der Unterkiefer zerschmettert ist. Egal. Es war wohl Frieden. Welch komisches Wort. Kalle holte aus und warf die Dose mit aller Kraft vor die Betonwand. Zerbeult lag sie am Boden, aber immer noch geschlossen.

Winfried Hackeböller: Beruhigungssauger vor Rostrot (2009)

Erziehungsmethoden im Wandel


Bobbi hat mal wieder bei Tisch randaliert, und das, obwohl Tante Trude da war, oder wahrscheinlicher: weil Tante Trude da war. Einem Zappelphilipp wurde früher die Finger gestutzt, um ihm ein für allemal beizubiegen, wer das Sagen hatte. In erfolglosen liberalen Phasen versuchte man mit antiautoritären Mitteln das Kind in die richtige Richtung (Ich mache was ich will und nenne das Selbstverwirklichung) zu beten, was aber letztlich nur Loser und Depressive erzeugte, denen man bescheinigte, sie hätten keinen Herrn und keinen Hirten.
Mit der Erfindung des Nutellabrotes änderte sich einiges: Erstmals treten hyperaktive Kinder auf den Plan, einige zusätzlich mit einem Aufmerksamkeitsdefizityndrom ausgestattet. Die Wörter konnten sie nicht schreiben, aber aussprechen, immer dann nämlich, wenn ihr Verhalten abweichlerisch war, wenn sie die Mitmenschen mit ihrem unkontrollierten Getue an den Rand der Weißglut brachten. „Das habe ich auch schriftlich!“, warfen sie in das aufgeregte Gemurmel der Bevölkerung ein, die gerade einen Masterplan zur finalen Lösung des Problems aufstellte. Sie hatten es immer schriftlich, damals Legasthenie, heute Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom. Das hatte dann der Arzt geschrieben, denn auch Mutter war überfordert mit dieser Krankheit.
Die Geduld der betroffenen Eltern ist auf eine harte Probe gestellt worden; mittlerweile sind die meisten durchgefallen. Andere Maßnahmen mussten her: Individuelle Förderung. Nicht mehr dieses „Dafür müssen Sie Verständnis haben, er kann ja nichts dafür.“
Lernen in idyllischer Abgeschiedenheit, Lernen bei unterschiedlichen Außentemperaturen, Lernen an frischer Luft. Früher hieß das: „Den habe ich erst mal rausgeschmissen!“ Heute umschreibt man eher mit: „ Geh du mal nach draußen in deinen stillen Stuhl. Wenn du deinen Mund hältst und keinen Unsinn veranstaltest, darfst du dir eine Jacke, eine Mütze und ein Nutellabrot mitnehmen.“
Solange man den Zögling nicht hereinholt, funktioniert das.
Aber - es ist ein Anfang. Erziehung war immer ein Abbild der Gesellschaft. Und Bobbi kann wirklich nichts dafür.

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch - 8/ Menschen auf dem Platz

Der Hundebesitzer ist froh, ein Wesen zu haben, das ihm gelegentlich gehorcht und das sich freut, wenn er zur Tür herein- oder heraus kommt. Der Rülpser will sagen: Ich kann auch anders! Ich kann’s auch hinten rauslassen! Oder: Hallo, hier bin ich! Habt ihr mich übersehen oder vergessen? Ich bin da! Ich grüße euch. Mein stilles Nabend ist zu unbedeutend. Ich mache euch aufmerksam. Also. Der Angler will nicht angesprochen werden, denn das vertreibt die Fische, die nicht an den Haken gehen werden. Der Angler ist der, der noch hoffen kann. Er hofft, dass eines Tages ein Fisch an seiner Angel hängt, der eine kleine Familie oder wenigstens ihn selbst satt macht. Bis dahin will er kontemplieren; abspannen; seine Ruhe.
Der englische Patient liest unter Neonlampe mit glasbausteiniger Brille. Er hat seine Blumenkübel im Wohnwagen mitgebracht. Er wird bleich bleiben, weil er nicht aufschaut, um die Sonne zu betrachten. Er kann überall lesen, da, wo seine Neonlampe ist. Die Welt um ihn herum ist unwichtig geworden. Das ist Teil des Urlaubs, Teil seiner Entspannung. Er will einfach nur im Freien unter einer Neonlampe lesen, weil er das zu Hause nicht kann. Dort regnet es den ganzen Tag.

Georg Krakl: Valjum (2010)


Das Frühstück gegessen,
die Nerven nicht blank;
es gibt nichts zu stressen,
der Valjum sei Dank.

Kurts Geschichten:Schneebälle


Klausi hatte sich vorbereitet. Torsten würde ihm nicht davonkommen. Der Schneeball vorgestern hatte Klausi am Kopf getroffen. Ein nasser, feuchter, schwerer Ball war auf seiner Stirn zerplatzt. Es war gar nicht der Schmerz, sondern die Demütigung, die Niederlage gewesen, die ihn unruhig hatte schlafen lassen. Mit dieser Schneeballformmaschine von Onkel Joe aus Amerika hatte er die Zukunftstechnologie unter dem Weihnachtsbaum hergeholt und in den Kampf geführt. In den Straßenkampf gegen Torsten, der in jedem Jahr aufs Neue losbrach. Klausi mochte Onkel Joe nicht besonders, aber das Weihnachtsgeschenkt in diesem Jahr war ein echter Kracher gewesen. Auf so etwas konnten nur Amerikaner kommen, diese Erfinder von Kaugummi, Mickey Mouse und Neutronenbomben.
112 Bälle hatte er gestern Abend geformt, so als ob man in der Eisdiele Kugeln für die Waffeln formt, Schoko, Banane, Vanille. Über Nacht waren sie hart wie Stahlkugeln gefroren. Diesen Geschossen würde Torstens weiche Birne nicht standhalten. Die Zeit war gekommen, den ewig währenden Kampf zu entscheiden. Und überhaupt, was bildete sich Torsten eigentlich ein? Man warf nicht ins Gesicht, man warf keine schweren Matschkugeln, man traf nicht am Kopf. Torsten hatte alle Gesetze außer Kraft gesetzt. Genfer Konvention, das war doch gelacht. Es war Zeit, unkonventionell zu werden. Dem Gegner klar zu machen, dass er sich zu weit nach vorn gewagt hatte.
Klausi spürte ein warmes Brennen an der Stirn, das der Treffer nicht verursachen konnte. Die Schmach war in seine Seele gebrannt wie mit einem Brandeisen. Sollte er sich aus dem Haus wagen!
Möglichst vor dem nächsten Tauwetter.
Klausi blies in die kalten Hände und zählte noch einmal seinen Vorrat an knallharten Schneebällen. Einhundertundzwölf. Da sollte wohl ein schöner Kopftreffer dabei sein. Und diesmal würde der Schneeball nicht zerplatzen. Nicht der Schneeball.