Stephan I. Meyer - Bis(s) zum Morgenkauen

Meine Mutter fuhr mich heruntergelassenen Scheiben zum Flughafen. Ich dachte, während der Wagen vor sich hin schaukelte, über diese Metapher nach: Mit heruntergelassenen Scheiben. Wenn meine Mutter bildhafte Ausdrücke benutzte, wusste ich, dass sie wieder mal schlecht drauf war, oder supergut, also mal wieder depressiv oder manisch war. Mit heruntergelassenen Scheiben ließ sich eigentlich nicht fahren, was konnte sie meinen, Bremsscheiben? Bremsscheiben fuhren ja auch nicht, sondern bremsten eher.  Hatten wir denn Scheibenbremsen in unserem neuen SUV? Scheiben jedenfalls konnten nicht von sich aus fahren, dazu brauchten sie immer eine Achse. Irgendwelche Antiken hatten ja auch das Rad schon erfunden, aber konnten damit nicht fahren, wahrscheinlich schossen sie auf die Scheiben, mit Pfeil und Bogen oder mit Tontauben. Ich dachte an meine eigene Fahrradprüfung in Klasse 5, da hatte ich doch glatt ein paar Pylonen, die ich damals noch für einäugige Riesen gehalten hatte, umgerissen. Die Nacht vorher hatte ich denkbar schlecht geschlafen, denn mit einem  24"-Fahrrad zwischen einäugigen Monstern herumzukurven, das machte mir Angst. Gottseidank waren es dann nur orange-weiße Plastikhütchen und ich atmete auf. Den Führerschein habe ich heute noch im Portemonnaie, falls ich ihn mal brauche. Während ich über das Herunterlassen von Scheiben nachdachte, kaute ich auf ein paar Frühstücksresten herum, so wie man gelangweilt ein Kaugummi dental durchknetet, das schon völlig geschmacklos geworden ist. Und ich wusste plötzlich ganz genau, wenn dies ein Roman wäre, in dem ich mitspielte und meine Mutter mit heruntergelassenen Scheiben, dann wäre hier der Höhepunkt erreicht. Falls der Roman "Bis(s) zum Morgenkauen" hieße, denn das war jetzt reines Morgenkauen, gelangweilt, genervt, leicht flugangstbeträufelt und fade. Das hatte keinen Biss. Es schmeckte wie durchgekaut, wie ausgelutscht, wie abgeleckt, oder noch schlimmer: Wie angeleckt. Das machte kleine Kinder immer, wenn sie etwas für sich haben wollten. Tommi saß damals mit angeleckten Ohren in der Spielecke. Britta hatte mit ihrer Zunge über seine Ohren geschlabbert und beanspruchte Tommi jetzt nur für sich. Angeblich habe ihn jeder haben wollen, damals. Ich wollte ihn auf keinen Fall mehr haben, denn angeleckte Ohren stinken erbärmlich nach verwesender Kinderspucke. Beim Nachempfinden dieses Geruchs und gleichzeitigem und gelangweiltem Herumkauen auf Frühstückcerialien, also Haferflocken und anderem Brösel, hatte ich mir innen in die Backe gebissen. Ich schmeckte den metallenen Geschmack von Blut. Jetzt hatte ich meinen Biss. Den Biss zum Morgenkauen. Passend zum Morgenkauen. Ich versuchte, das Seitenfenster des SUV herunterzulassen, aber es war schon unten. Warum das? Es gab doch eine Klimaanlage. Ich spuckte das Gemisch aus Blut, Spucke und Frühstücksresten durch die Fensteröffnung. Die Hälfte landete auf meinem Kragen, durch den Fahrtwind wieder hereingedrückt, die andere an der Verkleidung der Tür, weil ich nicht genug Druck hatte aufbauen können. Da hatte ich meinen Biss. Endlich wusste ich auch, was die Metapher "mit heruntergelassenen Scheiben" bedeutete. Es war gar keine Metapher. Das konnte ja noch ein interessanter Flug werden. Mutter ließ die Scheiben hochfahren und schaute mich gereizt von der Seite an. Was ist mit dir los, schien sie zu fragen. Ich guckte zurück, also ob ich auch etwas sagte. Tat ich in Wirklichkeit aber gar nicht. Das Blut hatte aufgehört zu rinnen, jetzt tat es weh. Ein Tag, um nicht zu fliegen.

Georg Krakl - Angesichts des Gipfels

Er fand sein Gemächt
gar nicht schlecht.

Es gab zwar so Frauen,
die wollten mal schauen
und sagten so Sachen
und mussten dann lachen.

Das war ihm nicht recht;
sein Gemächt,
das war prächtig und echt.

Doch angesichts jenes mächtigen Gipfels des riesigen Berges
erschien es ihm wie der Zipfel des oft so verhöhnten, verspotteten Zwerges,
den er nicht bemitleidet hatte.
Es war ihm die Latte
macchiato kein Trost.
Er fühlte sich ohnmächtig, schicksalsumtost.

Der Berg aber schwieg und mit ihm der Gipfel.
So sang er: "Gelobt sei's Gemächt,
denn was echt ist, ist echt,
auch wenn's nur ein Zipfel."

Ameisen halten die Zwerge für Riesen.
Vom Mond aus gesehen ist der Berg ziemlich klein.
Das hat Galileo unlängst bewiesen.
Und so soll es wohl weiterhin sein....








Begattungsinstitute

Partnervermittlungsbörsen sollen demnächst Begattungsinstitute genannt werden. Damit soll verhindert werden, dass die Vermittlungsportale in den Verdacht geraten, aus Profitgründen unter dem Deckmäntelchen der Prämisse "Niemand soll alleine einsam sein" ihr Geschäft zu betreiben, bzw. in Verdacht zu geraten, man habe irgendetwas mit Kuppelei zu tun. Der Beruf der Kupplerin war in der Vergangenheit ja eher wenig beliebt, es sei denn man konnte eine gute Partie machen oder seine Bedürfnisse befriedidgt sehen. Der Begriff "Begattungsinstitut" sei die Rückkehr ins seriöse Fach, so konnte man unlängst lesen. Eine Klage des "Deutschen Verbandes der Bestattungsinstitute" wird vorbereitet. Man darf gespannt sein.

Neo-Kubismus (Klötzchenkunst): Vassily Kanniksky - Nackte Männerköpfe

Vassily Kanniksky: Nackte Männerköpfe (2014)

Günter Krass: Neulich beim Herumschwimmen

Neulich, als ich so herumschwamm, steckte ich aus lauter Neugier den Kopf unter Wasser, und dort sah ich eine Frau in einem Bikini, die eine Elektrogitarre in den Händen hielt und darauf spielte.
Sie hatte den Kopf verzückt nach hinten und zur Seite gelegt; das Wasser spielte mit ihren Haaren.
Hallo, gute Frau, sagte ich, denn die Frau war nicht unattraktiv, haben Sie schon gemerkt, dass sie die Gitarre verkehrt herum halten?
Die Frau reagierte auf meine Frage nicht, sondern verharrte in der Verzückung.
Mir fiel ein, dass man sich in Musikerkreisen gern duzt. Zwar war ich kein Musiker, aber die Frau versuchte ja durch ihre Gestik und die innige Umarmung des Saiteninstrumentes zu dieser Gruppe klangerzeugender Menschen zu gehören.
Du spielst, als seist du Linkshänderin!, wurde ich etwas vertraulicher und hoffte, die Frau würde reagieren. Die aber zeigte keine Regung.
So wie Jimi Hendrix damals!
Ich hoffte, einen entscheidenden Impuls gegeben zu haben, denn wer will nicht wie Jimi Hendrix Gitarre spielen können? (Anm. der Red.: Stefan Mrotz, der spielt Trompete)
Die Frau blieb unberührt von meiner Frage.
Ist es nicht gefährlich, unter Wasser eine Stromgitarre zu spielen? Vor allem, weil dies gar kein Strom, sondern ein einfacher Fluss ist!
Meine provokante Frage sollte die Dame aus der Reserve locken. Natürlich hatte ich gesehen, dass gar kein Kabel in die Gitarre gesteckt worden war.
Nichts. Die Frau reagierte nicht.
Ich gab auf, denn mir war die Luft ausgegangen.
Enttäuscht schwamm ich nach Hause zurück und legte meine alte Jimi Hendrix-Platte auf, die gemütlich auf dem Plattenspieler knackte und knisterte..

Auf dem Campingplatz belauscht: Mutter, da geht eine Frau....


Mutter?! Hier geht eine Frau in Stöckelschuhen und Nylonstrümpfen.....Natürlich ist das was Besonderes, das ist hier auf dem Campingplatz....Ja, Mutter ich bin hier auch auf dem Campingplatz, sonst könnte ich die Frau ja nicht sehen,sie trägt ein....Ja, was will ich mit einer Frau? Wie kommst du darauf, dass....Das Kleid ist seitlich geschlitzt....Ja,schon, sie sieht schon ganz gut aus, irgendwie.....Ja, weiß ich doch, gut, das war ein Flop damals, da habe ich mich geirrt, ich hätte auf dich hören sollen.....jetzt hör doch mal zu.....wieso nicht in diesem Ton....Mutter! Gleich ist sie weg.....Ich meine doch nur, ob ich die vielleicht ansprechen sollte....Ja, was weiß ich, deswegen rufe ich doch an.....Übers Wetter sprechen ist doch langweilig......Was sie mit Stöckelschuhen auf dem Campingplatz macht?.....Ja, das interessiert doch gar nicht, ich habe auch ein Oberhemd an....Ja, das du gebügelt hast, das weiße, ja, seit gestern, nein, es hat keine Flecken!....Mutter!Jetzt hör doch mal auf,nein...,ja....,ich bin auch auf dem Campingplatz.....weil ich hier Urlaub mache....Wieso sollte ich eine Ferienwohnung....Darum geht es doch gar nicht....Ich will lediglich....Lediglich? Wieso klingt das geziert?....Gestelzt?....Jetzt hör mal auf....ich habe nur gemeint, weil...wegen dem Flop von damals mit Rita.... Ob die im Zelt wohnt?....Das weiß ich doch nicht, ja, da muss ich hinterher gehen....nein, das kann ich mir nicht vorstellen...Stöckelschuhe und Zelt, das passt irgendwie nicht....ja, sie ist geschminkt...dezent....Lippenstift.....die Augen etwas....die Haare schulterlang.....B-Körbchen schätze ich....Mutter, ich meine, was willst du denn jetzt....ob sie Deutsch spricht....keine Ahnung, das ist hier Frankreich....ach, du meinst, dann wohl Holländisch....was hast du denn jetzt wieder gegen Holländer?....Holländerinnen!....Jetzt hört mit diesen alten Kamellen auf....Jetzt ist sie weg....ich muss...Mutter...ich leg jetzt auf....jaja man kann ein Handy nicht auflegen, habe ich selber gesagt....ich beende das Gespräch....ja...nein....weg! Schwupp. Weg. Aus den Augen....mag sein, dass sie morgen schon wieder abreist. Welche Sprache unsere Kinder denn mal sprechen sollen....ich weiß doch noch nicht mal....vergiss es, Mutter....vergiss es....Tschüss! Nein, ich rufe nachher nicht noch mal an......auf jeden Fall nicht vor neun....

Günter Krass - Die Rättin

Zu Weihnachten eine Ratte, das war mein Wunsch, ich wusste nicht Recht ob ich sie als Spielgefährten oder als leckere Vorspeise haben wollte, und indem ich es dachte, drängte sich mir gleichzeitig auf, dass es sich um eine Rättin handeln sollte, nicht nur wegen ihres zarteren Fleisches, sondern weil, wenn nicht als Speise genossen, ich mir vorstellte, dass sie anschmiegsamer sei.
Kurz musste ich eingenickt sein, denn mir träumte, ich hielte ein in heller Sauce geschmortes schönes und schlankes Exemplar in Händen und drückte es mir an die Wange, so als wollte ich alles: Die Speise und Spielgefährtin.
Ich schreckte auf, öffnete die Augen und spürte mein Herz pochen. Wie absurd, ein Wort, das bereits mit weiblichem Artikel stand, noch einmal zu verweiblichen. Und wie nahe das Wort verweichlichen lauerte. Die Rättin als die verweichlichte Form der Ratte, die doch sowieso schon weiblich ist.
Der Ratte. Das ist Genitiv. Rattus. Das Lateinische war hilfreich. Ratta. Die Rättin? Gab es das?
Ich war verwirrt und beschloss, lieber über meine nördliche Pfütze zu schreiben. Das Steinhuder Meer. Vielleicht auch den Dümmer See. Dümmer. Das war so ein schöner Komparativ.
Wenn man rattig steigerte, käme ein "Rattiger" heraus. Und wenn diese Katze nicht täglich ihr Kreuzworträtsel löste, dann müsste man das Wort mit drei t schreiben. Katzen lösen keine Rätsel. Ratttiger.
Ach, die Welt war unüberschaubar. Am einen Ufer des Dümmers konnte ich das andere sehen. Der Dümmer war überschaubar, und wegen seiner Überschaubarkeit liebte ich ihn. Das war nicht dumm.

Franz Gaffka: Der Abzess


Als Gregor Samso eines Morgens nach unruhigen Träumen in seinem Bett aufwachte, fand er sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt. Er vermutete, er sei eine Schmeißfliege, saß an der Zimmerdecke und schaute auf sich herab, oder auf das, was er vorher gewesen war. Sein menschlicher Körper lag in embryonaler Verkrümmung unter der feuchten Bettdecke. Augen und Lippen zuckten, so als träumte der verlassene Körper einen schlechten Traum.
Gregor an der Zimmerdecke erinnerte sich an die letzen Worte seines Vorgesetzten: Sie sind eine Schmeißfliege am Furunkel vom Arsch der Welt.
Gregors Facettenaugen ruckten unruhig hin und her, als ob sie etwas Feindliches entdecken wollten; das Feindliche saß jedoch in seinem Kopf.
Gregor war völlig entfallen, warum der Vorgesetzte diese lange Beleidigung ausgestoßen hatte.
Im Moment des Ausbruchs seines Vorgesetzten hatte er darüber nachgedacht, ob es nicht heißen müsse, am Furunkel des Arsches der Welt, doppelter Genitiv, kompliziert und stilistisch eher fragwürdig.
Der Gebrauch des Dativs - schon wieder Genitiv, dachte Gregor - deutete eher auf einen restringierten Sprachcode hin, eher auf  untere Mittel-schicht mit rücksichtsloser Karrierementalität.
Als Gregor hatte fragen wollen, ob es nicht am Furunkel des Arsches der Welt, also, ob nicht der Furunkel im Genitiv stehen müsse, hatte er sich bereits vor der Tür wiedergefunden und überlegt, ob der Arsch der Welt mittels des Omphagus, des Nabels der Welt, zu ermitteln sei.
Der Nabel der Welt lag in Griechenland, in Delphi, im Apollotempel.
Die Frage war, ob von da aus nach Norden oder Süden, vielleicht aber auch nach Osten oder Westen, möglicherweise auch zwischen diesen zu suchen sei, denn fest stand, dass die Welt sich drehte.
Muss der Furunkel nicht Abzess heißen?, dachte Gregor und rollte mit den Facettenaugen.
Alles wirkte so langsam, so bedächtig, so traurig.
Der Körper im Bett hatte sich erhoben und zur Fliegenklatsche gegriffen.

Brühendheiß fiel Gregor an der Zimmerdecke ein, was die Metapher "Etwas an der Klatsche haben" wirklich bedeutete.  Eine Nano-Sekunde zu spät allerdings.

Der Medizinsektor setzt auf "Happy Aua"

Starker Konkurrenzdruck macht kreativ. In Krankenhäusern und auch Arztpraxen bietet man jetzt zu Zeiten, wenn der Ansturm auf teure Geräte nachzulassen droht, das sogenannte "Happy Aua".
Zum halben Preis werden Leistungen angeboten, die nicht im Abrechnungskatalog der Krankenkassen stehen. Wer IGel immer noch für Tiere hält, die im Garten hüstelnd durchs Gebüsch krabbeln, ist schlecht informiert. Individuelle Gesundheitsleistungen, abgekürzt IGel, sind Leistungen, die vielleicht nicht notwendig, wohl aber individuell, d.h. aus der eigenen Tasche, bezahlt werden. Immer weniger Menschen wollen ein Extra-Röntgenbild inklusive Alu-Rahmen, wenn es doch zwischen den Zehen juckt. "Happy Aua" schafft neue Anreize und belebt natürlich auch die - nach eigener Aussage - stagnierende Medizinbranche. Es muss nicht unbedingt etwas wehtun, wenn man "Happy Aua" nutzen will. Im Mittelpunkt sei ja auch der Kontakt zwischen Patienten und Gesundheitsdienstleister; da muss man auch mal als Patient selber losgehen und einen Schritt auf die "Men in White" machen, wobei "Men" Synonym für "Frau in Weiß" sein kann, wie jeder weiß.

Georg Krakl - Gedicht mit nicht gelungener Metapher am Ende

Gerhard Richtig - Der Dichter ist nicht ganz dicht (2018)
Die Kraft des Gedichts

Gesicht wie püriert oder frisch operiert,
das Hirn eng verschnürt, zugeschmiert
im Innen zermahlen,
es schwirren die Wörter und Zahlen,
zum Lesen und Teilen und Malen.
Die Liebe dahin,
das Herz ist so schwer,
und letzte Tropfen aus letzten Flaschen hängen am Kinn,
alles leer,
nur Stau statt Verkehr.
Zum Zahlen fehlen die Scheine,
zum Mahlen die Zähne. Ach, jedem das Seine!
Das ist dir kein Trost, 
wärst gerne gekost
gedrückt
und gestreichelt
geschmeichelt.
Da ist aber nichts,
kein winziges Lob eines wingzigsten Wichts.

In dir kein Streben
um weiterzuleben.

Und dann: Etwas Licht.
Ein Gedicht.
Wie es reimt
und keimt
und Zerbrochenes leimt!

Gedicht, ob püriert oder frisch konstruiert:
Ist dir Motor fürs Leben.

Ach, Reimhaufen du, ich schmeichle hier nicht.

Du bist ein Gedicht!

Georg Krakl - Rotraud

Neon Rauh - Rotraud Rothaut 2018
Dachtest: Find die Wonne
in der Sonne,
Kind des Lichts!
Nackt im Schatten hinterm Traktor
Eingecremt mit Lichtschutzfaktor
Trugest nichts
Und oben kein Ozon
Zum Schutz. Nur des Bauern Sohn.

Rotraud
Ist jetzt Rothaut.

(Unverbrannte Stellen gibt es, welch ein Segen!
Da, wo jener Bauernsohn gelegen.)

Nachrichten aus dem Aggroministerium: Singvögel schuld am Insektensterben


Obwohl man, wie AGRO-Ministerin Föcking Schulze mitteilt,  noch bis 2021 Ursachenforschung betreiben will, sind jetzt schon Verursacher des Insektensterbens bekannt: Singvögel.
Diese ernähren sich in der Regel ausschließlich von Insekten, weil ihnen der typische Körnerpickerschnabel fehlt. Gerade in den letzten Jahren scheint der Appetit der Insektenfresser ungezügelt.
Gemeinsam mit dem Heimatministerium will man nun Maßnahmen ergreifen, etwa die Legalisierung des Luftgewehrgebrauchs auf dem eigenen Grundstück. Es sei durchaus ein Anreiz, auf lebende Objekte zu schießen, wenn es denn der guten Sache dient. "Man muss also nicht mehr Jägersmann werden, wenn man mal was schießen will, was sich bewegt", so die Botschaft aus dem Ministerium für Aggro-Industrie und Umwälzschutz.
Weiterhin wolle man Zugvögeln, die sich von Insekten ernähren, eine Wiedereinreise verbieten, falls sie nicht auf den Verzehr Insekten verzichteten.
Zugvögeln - diesem Problem wolle man sowieso einen Riegel vorschieben, so verlautet es aus dem Verkehrtministerium. Auch die Deutsche Bahn nickt dazu.
"Wir sind auf einem guten Weg", so Stimmen aus dem AGRO-Ministerium, "wohin der auch immer führen mag."




Weisheiten der Welt: Schlangen

Neon Rauh - Frau im Schlangenhaus
Mensch, vergiss die Tröte nicht, wenn du zur Schlange gehst!

Aus dem Nahen Osten 
(DDR 1987)


Wertewechsel in der Finanzwelt

Vincent van Eijnoor - Anbetung (2006)

Alltag im Saustall


Georg Krakl - Frühling

Es ist Frühling.
Und da spritzt der Landmann
Nicht von Hand, man
Sieht er hat ein Sprühding.

Das sprotzt Gülle
In die ländliche Idülle.

Tonnes Tagebuch - Rassige Zweikämpfe

Liebes Tagebuch!
Neulich las ich in der Tageszeitung, dass sich Nachwuchsfußballer "rassige Zweikämpfe" geliefert hätten und ich konnte erst mit dem Begriff rassig nichts anfangen. Obwohl eigentlich schon. Ich dachte da erst mal an rassige Zigeunerinnen, wie sie auf auf Ölgemälden der Elterngeneration gern abgebildet wurden. Keiner weiß, warum diese Ölgemälde, die meiste weißbebluste und üppigbebuste junge Frauen mit schwarzem Haar zeigten, überhaupt aufgehängt wurden. Die jungen Frauen trugen große goldene Ohrringe und blickten den Betrachter verführerisch an. Die Ehemänner schielten zurück, wenn die Ehefrauen das nicht sahen und hätten wohl gerne etwas mehr in die Bluse geguckt und auch schon mal Hand angelegt und vielleicht sogar ein Stündchen mit der Dame und einem Schafverbracht, natürlich vollkommen unverbindlich, denn jeder wusste, dass diese rassigen Zigeunerinnen nicht für die Ewigkeit planten, sondern mehr in den Tag hineinlebten, an den Haustüren billigen Tand gegen hart erarbeitete D-Mark tauschen wollten oder heimlich in die Wohnzimmer schlüpften, um sich an den Errungenschaften der Wirtschaftswunderzeit dauerhaft zu ergötzen, was bedeutete, dass sie diese mitnahmen, ohne dafür zu bezahlen. Nicht mal ihren Tand tauschten sie ein. Rassige Zigeunerinnen waren für die deutsche Hausfrau Menschen zweiter Klasse, die es auf Hab und Gut und auf den attraktiven, wenn auch bereits zum bauchfettansatzneigenden Ehemann abgesehen hatten. Wenn die Ehefrau im Raum war, schauten die Männer allesamt gelangweilt an die hässliche Tapete, um dann, wenn sie sich allein wähnten, die Augen schnell zum Ölgemälde lenkten, um durch kleine Zotigkeiten anzudeuten, dass sie ja auch schließlich Männer waren. Als Frau kam die natürlich insgesamt nicht in Frage. Man wusste ja auch nicht, mit wem sie es schon getrieben hatte.
In Zeiten, wo es verpönt ist, von Zigeunerschnitzeln oder Zigeunersauce - die ja beide eine gewisse Schärfe aufweisen, wie sie auch bei der rassigen Ölgemäldedame vermutet wird - zu sprechen, scheint es befremdlich, dass jemand von rassigen Zweikämpfen spricht. Vielleicht war auch rassisch gemeint, denn häufig kommen gute Fußballer aus fremden Ländern, deren Bewohner dunklere Häute haben, als die Eingeborenen in der eigenen Heimat. Man sagt eigentlich nicht Eingeborene, wenn man von deutschen Bürgern spricht, wenngleich der Begriff stimmt. Aber Eingeborener klingt so, als wolle man das Wort Neger vermeiden, und bedient sich eines neutraleren Begriffes. Wenn der aber neutral wäre, könnte man ihn auch auf Deutsche anwenden, tut man aber nicht.
In Zeiten des Wiederaufkeimens des braunen Gedankengutes ist das Wort rassisch für Bildungsbürger, die als selbstreflektiert gelten wollen, nicht angemessen.
Es ist ja auch gar nicht rassisch zu lesen, sondern rassig.
Rassig- wir denken wieder an die Frau in weißer und vorne tief dekolletierter Bluse mit den goldenen Riesenkreolen im Ohr, rote, volle Lippen hat sie auch noch-rassig steht dann für schnell und kraftvoll, ohne Rücksicht auf die eigenen Knochen, mit dem Willen zum Sieg, mit der Absicht auch ins Wohnzimmer zu schleichen und Statussymbole zu entwenden, mit einer Schärfe, die einem bis ins Hirn schießt, so als habe man sich eine halbe Tube Löwensenf extra mit dem Esslöffel verabreicht- also rassig, das können die Deutschen eigentlich nicht, weil sie das alles nicht sind. Sie sind verlässlich, pünktlich, ordentlich. Vielleicht etwas langweilig, sodass sie sich kaum Chancen bei der rassigen Ölgemäldetante ausrechnen; aber Qualität zahlt sich letztendlich aus. Und eine Ehefrau, die lieber bügelt, als gebügelt zu werden, zeigt, dass sie ein aktives Mitwesen ist, und nicht passiv alles geschehen lässt.
Vielleicht wäre es Zeit, ein schönes Ölgemälde aufzuhängen, das ein Stück des schönen deutschen Waldes zeigt. Der ist nicht rassig, aber da ist alles drin, was ein Wald braucht. Und das reicht.

Georg Krakl - Suppenhuhn und Schäferhund

Ein Schäferhündchen
hatte einst ein Schäferstündchen
mit einem Suppenhuhn.
Da gab’s nicht viel zu tun
Du bist so nackt und weich
und auch so bleich,
ein wenig kalt,
vielleicht schon alt,
kannst keine Eier legen,
musst in die Suppe wohl deswegen.
So sprach der Hund,
dein Mund,
der ist ein Schnabel.
Hab dich zum Fressen gern,
mein Suppenstern.
Ich ess dich ausnahmsweise mit der Gabel.

Georg Krakl - Blutdruck (Extended Version)

Blutdruck

Das Blut,
es drückt auf die Arterien und Venen,
auf Knochen, Kopf und Sehnen.
Der Kopf ist rot,
der Druck macht tot,
wenn man die richtigen Tabletten
nicht regelmäßig nimmt.
Dann ist man nicht zu retten.
Und der Arzt sagt: Stimmt.

Er schreibt dir ein Rezept dagegen.
Das ist ein Segen.
Beide lachen sie.

Der Blutbedrückte und die Pharmaindustrie.

Liegt im Trend: Amazonfasten

Kurz vor der Fastenzeit taucht bei mündigen Bürgern immer wieder die Frage auf: Auf was soll ich denn dieses Jahr verzichten. Schon wieder Alkohol? Wir haben doch noch so viel Rotwein im Keller. Auf Fleisch? Wer soll denn die vielen Wildschweine essen? Und das ganze Mastvieh. Da hat man ja eine gesellschaftliche Verantwortung. Auf Süßigkeiten zwischendurch? Und dann die Marmelade dreifach dick schmieren? Lächerlich. Essen? Ich esse doch sowieso nur wie ein Spatz….Hier taucht eine neue Idee auf. Das Amazon-Fasten. Mal nichts bestellen bei Amazon. Muss ja nicht gleich sechs Wochen lang sein. Aber mal so eine Woche. Oder nur ein Teil pro Woche bestellen.Und dann nicht gleich mit Prime Lieferung gratis am nächsten Tag! Nein. Lieferung in 10 bis 23 Tagen. Ok, Gratisversand sollt es schon sein. Und kostenlose Rücksendung bei Nichtgefallen, oder um den Karton loszuwerden. Also, zwei Teile bestellen und ein Teil zurücksenden. Ratatazong, weg ist der Karton. Man muss auch an die Paketzusteller denken, die sollen nicht ihre Arbeit verlieren, nur weil ich Amazonfasten mache. Man kann ja auch Kleinigkeiten bestellen, so bis 5€ etwa. Man fragt sich natürlich, wenn man die Versandkosten abzieht, und die Verpackung, was ist das Produkt dann eigentlich noch wert? Man muss eben etwas suchen, und auch das ist der Sinn des Fastens: Suchen. Suchen um etwas zu finden. Und häufig erweitert sich der Horizont, oder der Kopf wird zum Denken angeregt, so als ob man ihm ein Gedicht vorläse.
Ein Beispiel: 
Brave Pioneer Bandana Kopftuch UV Schutz Biker Tuch Bandana Cap Kappe Fahrrad Mütze Piratentuch Beach Kopftuch Baumwolle Unisex Körpererziehung Erwachsene
Unisex Baumwolle Bandana Fur Haarverlust
(Hunter Grun)  
(Grun  ist ein Supermutanten-Behemoth  in der Vim!-Pop-Fabrik im Jahr 2287)
3,95 Euro. Keine Versandkosten. Lieferung zwischen dem 7. und 23.3. 2018, wenn ich sofort bestelle. Also vor drei Wochen.
Suchen und finden. Gesucht und gefunden.

Amazonfasten. Für alle, denen sonst nichts einfällt.

Hörfehler der Woche? Am dümmsten besiedelt...

Heute im ARD-Livestream-Programm liest mir die Nachrichtensprecherin vor, dass die Uckermark die am dümmsten besiedelte Gegend in ganz Deutschland sei. Auch dass Theodor Fontäne, der Erfinder der Gartensprinkelanlagen, die Gegend einfach wunderbar gefunden habe, und dass eine gewisse Angela Kasner, die später Bundeskanzlerin werden sollte, hier geboren sei.
Ich bezweifle, dass eine wohl eher konservative Vorleserin hier die Kanzlerin mit Gegend und dumm, nein sogar mit am dümmsten zu verbinden wagen würde und überlege, ob mein Gehirn mir einen Streich gespielt hat, weil es gerade diese Wörter "am dümmsten" hören will.
Gemeint hat die ARD-Informantin wohl "am dünnsten" besiedelte Gegend.
Wie ber kommt es zu einer auditiven Fehlleistung?
Kann es sein, dass gerade unintelligente Menschen Uckermark für eine Währung halten, mit der im Sozialismus der DDR gezahlt worden ist, und die nicht einmal ihren Materialwert wert war?
Kann es sein, dass Theodor Fontäne in Wirklichkeit Theodor Storm hieß und ein deutscher Dichter war, und dass es dumm ist, die beiden zu verwechseln. So als ob man Karl May mit Juli Zeh verwechselte.
Kann sein, dass besagt Angela Kasner dumm war, dann aber schlau genug wurde, ihren Namen in Merkel ändern zu lassen, der ja im Weitesten mit merken, bemerken, anmerken und vermerken zu tun hat, was bedeutet, dass hier eine riesige Festplatte alles behält, was man nicht vergessen soll.
Kann sein, dass man Angela Merkel nicht für dünn hält, sodass man die Gegend nicht mit dem Begriff "am dünnsten" verbindet.
Vielleicht und das ist wohl am wahrscheinlichsten, ist es wirklich so, dass die Uckermark die am dümmsten besiedelte Gegend ist. Sogar eine zugereiste und niedergelassene Ausländerin aus Polen ist gegen Ausländer, also quasi gegen sich selbst. Das ist dumm. Will nicht, bestätigt sie in einem Interview auf Deutsch mit entlasteter Grammatik.
Vielleicht will man aber  einfach die herausragende Stellung in Deutschland nicht aufgeben: Ob am dünnsten oder am dümmsten besiedelt, das sei völlig egal. Hauptsache Platz 1.

Tipps für die Regierungsbildung

Politik besteht häufig aus Nullen, die sich aufgebläht haben, aber keinen Inhalt bieten.
Wenn es möglich wäre, einen Kanzler oder eine Kanzlerin zu finden, der oder die eine Eins wäre, dann könnten ihr sämtlich Nullen folgen und es ergäbe eine Regierungsmannschaft, die richtig was wert ist. Bei 6 MinisterInnen schon 1 Million irgendwas. Aber woher die Eins nehmen? Nullen sind ja genug da.

Bodos Welt-Wörterbuch: Arschbombe und Co 2 - Die 60er Jahre

BMW

Ein BMW war nicht die Bezeichnung für ein relativ unbedeutendes Auto - es sei denn, jemand hatte die Karosse dem Vater entliehen und konnte damit, natürlich mit den Kameraden angefüllt, durch die Straßen brettern - sondern die Bezeichnung für ein flachbrüstiges Mädchen, das in etwa dem Zuschnitt Francoise Hardy entsprach, der französischen Chansonette, die von angeblichen Oberweitenmängeln durch lange Haare und ein Asch Aspiré, ein gehauchtes h, das die Französin nicht ausprechen kann, ablenkte und damit erotische Versprechen ausflüsterte, die sie aufgrund der regionalen Distanz gar nicht einhalten konnte. Sie war für uns alle unerreichbar, sodass wir uns, wahrscheinlich aus Enttäuschung und um diese zu kompensieren, auf die fachmännische Beurteilung ihrer Brustwarzen konzentrierten, so als seien wir nicht wirklich interessiert an einem Blick oder einer Berührung. BMW - Das bedeutete "Brett mit Warzen" .Aufgrund der Unerreichbarkeit rückte der BMW in Form eines Autos wieder in Blickpunkt.  Derjenige, der ein flachbrüstiges Mädchen seine Freundin nannte, musste sich natürlich von den Neidern das "BMW" bieten lassen.
Manche Unbeweibten betranken sich und schluckten dazu BMW, was eigentlich WMB heißen musste: Wacholder mit Boonekamp. BMW ging aber besser runter und besser rein ins Ohr.

Pinte

Das ist die Kneipe, wo der Wirt weiß, wie du bist und wieviel du brauchst, um richtig schicker (stamm, voll, dicke, abgefüllt, breit...) zu sein. Damals im "Im Stillen Winkel" war das Hermann, der Mengen an Bier ausschüttete, die wir in uns hineinschütteten, bis wir eine Art Trancezustand erreicht hatten. Wenn ihr auffallt, fliegt ihr raus!, war das prophylaktische Satzgebilde, mit dem er die Angetrunkenen bei der Stange halten wollte. Wir konterten mit einem Gruppensprechgesang: Hermann, was müssen wir tun, um aufzufallen? Obgleich das schon eine Art des Auffallens war, blieben alle im Raum; niemand flog raus. Ärger gab es nur, wenn Billiardspieler die Hand ins Loch hielten, um das Verschwinden der schwarzen Kugel zu verhindern und das Spiele in die Länge zu ziehen. Es ging um Geld; das musste man in den Schlitz werfen und wenn die schwarze Kugel versenkt worden war, dann war Schluss und Zeit für frisches Geld.
Im Deichhof spielten wir vier Könige, ein Spiel zum dem nicht viel gehörte, lediglich ein gutes Schluckvermögen, etwas Geld und die Fähigkeit, das Gesoffene nicht wieder auszugöbeln.
Karten werden aus einem 32er Blatt gezogen; der erste König bestellt, der zweite trinkt an, der dritte trinkt aus, der vierte bezahlt. Getrunken wurde ein Stiefel. Die Wandprobe war obligatorisch. Lief noch etwas Bier aus dem Glasschuh, musste der dritte König selbst zahlen.


Bodos Welt-Wörterbuch: Arschbombe und Co - Die 60er Jahre


Arschbombe

Eine Arschbombe machte man im Sommerbad, da, wo man auch auf der Liegewiese rauchte und Pommes Frites aß.
Eine Arschbombe wurde vom Beckenrand oder vom Einerbrett abgeworfen.
Vom Dreier war das nicht zu empfehlen, da man neben der Badehose auch seine Zeugungsfähigkeit verlieren konnte. Jedenfalls tat es so weh, dass sich dieser Eindruck einstellte.
Arschbomben waren etwas für Angeber, für Naßmacher und die, die keinen Köpper machen wollten, weil ihnen immer das Wasser in die Nase stieg, was sich anfühlte, als zerstörte sich gerade das Hirn.
Schlimm waren Popel, die mit den Abgetauchten an die Wasseroberfläche kamen. Folge eines Köppers, bei dem man Luft aus der Nase gestoßen hatte während des Eintauchens.
Bei der Arschbombe werden die Beine angezogen und die Arme um die Unterschenkel  gedrückt. Wer am meistens spritzte, war der Sieger. Vorbereitung aufs Leben.


 

Parka

Der Parker war das Kleidungsstück des Protests, je speckiger und bemalter er war, desto mehr Protest drückte der Besitzer aus.
Er stammte aus dem US-Warenlager und war immer grün. Alle anderen Farben waren verpönt und andere Formen ebenso. Sie galten als domestizierte C&A-Klamotten, die immer wie frisch imprägniert und das Angepasste und Etablierte darstellten.
Leider waren Firmen wie C&A auf den Zug aufgesprungen, als klar war, dass der Parka die Uniform für die Friedensbewegung war, für die Vietnamkriegsgegner und für alle, die gegen alles Mögliche waren.
 

Negerköpper


Heute verbotener Begriff. Mit dem Kopf zuerst ins Wasser springen, dabei die Hände an die Hosennaht halten, wenn sie dagewesen wäre. Ein Sprung für Mutige, weil man nichts mit den Händen wegdrücken konnte, um den Kopf zu schützen.
Woher der Begriff kam, wusste keiner. Auch hatte er mit Negern, also schwarzen Menschen, nichts zu tun.
Der Negerköpper war ein Sprung für Superangeber und daher irgendwann Pflichtprogramm für alle, die nicht als Weichei oder halber Hahn gelten wollt


Fluppe

Eine Fluppe war eine Zigarette. Man rauchte nicht, weil es schmeckte, sondern weil man es tat. Am besten fing man vor 16 an damit, damit man mit 16 das erste Mal aufhören konnte. Das attestierte Lebenserfahrung und einen harten Kern, eine Gelassenheit, die sich von den Erwachsenen abhob, obwohl die auch rauchten, oft auch nur, weil man es tat.
Die Fluppe wurde auch Zigurd genannt, vielleicht hätte man es auch mit ieh geschrieben, von Ziehen abgeleitet; wir dachten aber eher an Sigurd, den Held aus einem schmalen Heft, der mit Tarzan und Tibor und Prinz Eisenherz konkurrierte.
Sigurd rauchte höchstwahrscheinlich nicht, denn es gab in seiner Zeit noch keine Zigaretten.
Kippe und Lungenbrötchen waren auch gängige Namen. Oder Zichte und Glimmstängel.





 

Die Kraft des Bildes - Zeitungsartikel und Blickfänger

Na, da sind mal endlich drei junge Männer von der Polizei verhaftet worden! Und dem Haftrichter vorgeführt! Na also, geht doch, denkt das Volk laut und freut sich, dass mal was passiert, dass Schluss ist mit dem ständigen DuDu!, mach das nicht noch mal, sonst wirst du dem Haftrichter vorgeführt!
Dann, beim zweiten Blick auf das Foto, kommt das Volk vielleicht ins Grübeln: Fünf Raubüberfälle und drei Männer, das macht insgesamt 15 Personen, dann kommt der Haftrichter dazu, das sind 16, abgesehen mal von den Polizisten, die die Gruppe verhaftet haben, da ist man locker bei 20. Zu sehen ist aber nur eine Person.
Bist du doof?, fragt das Maul des Volkes. Ein Diebestrio besteht aus drei Leuten. Der Haftrichter kommt dazu, das sind dann vier. Auf dem aussagekräftigen Foto sieht man eine Wand, an der herumgekritzelt wurde, so wie es früher die Gefangenen getan haben sollen, um ihre Tage zu zählen und nicht das Zeitgefühl zu verlieren. Die Wand ist scharf, im Hintergrund eine unscharfe Person auf einer einfachen Liege mit dreigestreiften Turnschuhen einer bekannten deutschen Sportartikelfirma und in dunklen Jeans. Die unscharfe Person liegt auf der Seite zu einer getünchten Kalksandsteinwand gewandt.
Bildunterschrift: Die drei jungen Männer wurden dem Haftrichter vorgeführt. Was grammatikalisch fragwürdig klingt - "wurden vor den Haftrichter geführt" hätte auch gereicht - wirft im Zusammenhang mit dem Foto einige Fragen auf:
Ist das der Haftrichter auf dem Foto? Warum liegt der? Wieso trägt der Freizeitkleidung, wenn Jugendlichen Respekt vor der Justiz vermittelt werden soll? Ist das sein Arbeitszimmer, in dem man scheinbar nur liegen oder stehen kann?
Oder ist das gar einer der drei jungen Männer, der hier den Tag verschläft, anstatt dem Haftrichter vorgeführt zu werden. Wo sind die anderen zwei Männer? Die Tür steht offen, sonst hätte man den Dritten ja nicht fotografieren können; sind die entflohen, weil die Vollzugsbeamten schlampig oder bestechlich sind?
Ist das überhaupt das richtige Bild zum Artikel, oder wurde es durch einen Zufallsgenerator ausgelost und ist so auf die Seite gelangt, weil niemand den Kram betrachtet und liest?
Fragen über Fragen und niemand, der sie beantworten kann. Mittlerweile sind die drei jungen Männer über alle blauen Berge, wenn diese Metapher erlaubt ist, und der Haftrichter, der sich aus Verzweiflung betrunken hat, schläft seinen Rausch aus. Dabei hatte er schon die guten Turnschuhe angezogen, um die Verfolgung aufzunehmen. Arme Justiz! Armes Deutschland! Arme Tageszeitung.


Hahn

Der Hahn,
der gackert,
tropft nicht.

Georg Krakl - An Chauvi

Gerhard Trichter - Weltdame (2017)
Auf allen kurzen oder langen Wegen
streckt sich die Dämlichkeit, bereit
und sehnsuchtsvoll,
der stolzen Herrlichkeit,
weit offen und auch dehnungsweit,
ja förmlich liebestoll,
entgegen.

Der Mann
macht, was er kann.



G.Krakl: Glyphosat - Jetzt auch im Bier!


Glyphosat!
Nützt dem Bürger, nützt dem Staat.
Auch im Bier
ist Glyphosat zu finden.
Schützt die Pflanzen
und auch dir
den Körper, die Organe und des Hirnes Rinden.
Schützt dem Staat die Steuergelder.
Wenn denn die Konzerne zahlen,
kann der Staat mit Mehreinnahmen prahlen.
Pflanzen, Bürger sind geschützt, Steuergelder!
Glyphosat muss auf die Felder!
Und die Tiere?
Stehen Schmiere,
wenn der Bauer doppelt spritzt,
weil das Glyphosat so locker sitzt.

Und Monsanto, der Konzern,
lacht dann gern.
Die Bauern schmusen
Gift verspritzend neuerdings mit BAYER Leverkusen.

Landwirtschaftsmister Schmidt schert aus - Rinderwahn?

Lügen machen lange, dicke Nasen und kurze Beine.
Man wagt nicht zu fragen: Hat den Mann  der Rinderwahn eingeholt, die Schweingrippe oder die Hühnerpest?
An Glyphosat genippt? In einer Legebatterie oder in einem Schweinemastbetrieb  übernachtet? Stopfleber?
Oder wollte der unscheinbare Schmidt mal im Rampenlicht stehen, mal dem Papi gefallen und gegen die Mutti opponieren, so aus einer politpubertären Haltung heraus. Oder hat Monsanto kräftige Argumente überwiesen?
Man hofft, dass der Bayer kinderlos und ohne Enkel ist, damit diese nicht für die Schweinerei herhalten müssen. Verlogenes Pack da oben. Wir leider hier unten.

Georg Krakl - Gedicht mit einer Explosion drin

Ich sag' zum Spatz:
Spatz, Platz!

Und was beim Hund nie klappt,
weil der schnell eingeschnappt,

das funktioniert:
Der Spatz, der explodiert.

Ratgeber: Tropfnasen wirken unattraktiv

Pawel Pikass - Tropfnase tropft tropf tropf (2017)
Gerade in der kalten Jahreszeit kommt es immer wieder zur Tropfnase, die nicht einmal Symptom eines Infektes sein muss, sondern die lediglich die durch die Kälte verflüssigten Nasen- und Nebenhöhlensekrete absondert. Egal ob mit oder ohne Infekt, die Tropfnase wirkt, genau wie die Schniefnase, unattraktiv.
Ein potentieller Partner, der vielleicht eine Partnerin schon des längeren fixiert hat, fühlt sich im Moment des Handelns, des Avisierens und Akquirierens einer Herzensdame etwa, eher pikiert und verschreckt, so als störe ihn das fremde Feuchte, dessen Imagination ihn anfangs angezogen hat - allerdings körperlich anders verortet, und nicht auf die Riechorgane bezogen-, so als stoße sie ihn förmlich ab. Auch andersherum, wenn dem Mann die Nase tropft, wirkt sie bei den Damen nicht attraktivitätssteigernd; zwar zieht das Organ immer eine phallische Assoziation nach sich und das Tropfen erinnert ebenfalls an einen damit zusammenhängenden Vorgang, doch will die aphrodisierende Wirkung ausbleiben und es wird eher eine gewisse Frigidiät generiert, die wohl auch zur Jahreszeit passt. Wer einen Partner sucht, sollte das im Sommer tun und im Winter, falls eine Tropfnase zu erwarten ist, zu Hause bleiben. Echte Liebe allerdings achtet nicht auf den Tropfen, wenn sie den ganzen Ozean haben kann. 

Kunst und Kleckern

Kunst kann auch beschissen sein.

Gesehen: Sprengelmuseum Hannover im November 2017

Service: Postkarte zum Volkstrauertag



























Die Postkarte zum Selberausmalen.
Mach dein Hobby zum Beruf! Bundeswehr.

Georg Krakl - Gedicht mit Klatschmohn drin

Paul Klee-Blatt - Klatschmohn, tratschend (2017)
Der Matschklon
auf dem Quatschthron
tratscht so gerne mit dem Klatschmohn.

Das Land zerfällt derweil in Schutt und Asche.
Der Thronbesteiger? Eine Plaudertasche.
Will meinen: Eine Flasche.

Wirtschaftszynismus: Ruff wird Co-Chef bei Tönnies

Pawel Pikass - Quäle nie ein Schwein zum Schein (2017)
Oberschweineschlächter Tönnies hat jetzt einen neuen Co-Chef neben sich, Andres Ruff.
Ruff - früher ein Markenprodukt aus der Schweinefütterungsbranche und manchen bekannt als der zentrale Laut der Schweinesprache, wird jetzt den Todgeweihten präsentiert und zeugt vom Zynismus, der sich in Wirtschaft, Massentierhaltung und Finalbearbeitung tierischer Produkte breitmacht.
Den Schweinen müsste es, wenn sie kritisch zu denken gelernt hätten, wie eine Verhöhnung vorkommen, wie eine Verspottung ihrer qualvollen Mast und ihrer abstoßenden Tötung. Der massenhafte Verzehr setzt allem noch oben einen drauf.
Ein Andres Ruff - das ist Missachtung unserer Mitwesen.
Ein andres Ruff muss her, ein Ruff, das von glücklichen Schweinen zeugt.


Weisheit aus dem ÜberAll

Vladimir Kannixky - Hierte und Dorte (2017)
Der Hirte ist ohne das Schaf nichts.
Das Schaf schon.

Georg Krakl - Gedicht mit einem Tier drin (Stieglitz)

Der Stieglitz
Will nach Liegnitz.
Ist ein Billigflieger, weiß nicht wo das liegt.
Egal. Er fliegt.

Liegnitz
Liegt in Polen.
Und den Stieglitz
Will das rechte Regiment im Parlament vom Himmel holen.

Ich will nach Liegnitz,
flüstert seinen Häschern jener Stieglitz,
und ich bin ein armes Fistelding,
will sagen Distelfink.

Aua, so schrein die Jäger, au, das sticht!
So häschern wir dich eben nicht!
Liegnitz muss wohl irgendwo in Polen liegen.
Hier ist ja auch Schengenraum.
Merkt man kaum.
Kannst jetzt weiterfliegen.

Mag wohl sein, es war es nicht Liegnitz,
denkt der Stieglitz,
sondern Priegnitz?

Der Stieglitz
Will nach Priegnitz.
Ist ein Billigflieger, weiß nicht wo das liegt.
Egal. Er fliegt.


(Eigentlich müsste es "in die Priegnitz/Prignitz" heißen. Aber da der Stieglitz die Priegnitz gar nicht kennt, weiß er auch nichts von einem Artikel.)



Welches Instrument passt zu mir? - Der Ratgeber

Ein beliebtes Volksinstrument ist das Akkordeon, auch volkstümlich Quetschkommode oder Schifferklavier genannt.
Seine Vorteile liegen auf der Hand: Es ist laut, hat viele Tasten und Knöpfe, und einen Blasebalg, der durch Öffnen und Schließen gleichzeitig die Armmuskulatur schult.
Man kann das Akkordeon, ohne einen Anhänger zu bemühen, transportieren und damit gehört es zum Vorläufer des Casio-Keyboards, das viele Jahre später entwickelt wurde und leider Batterien benötigt. Das Akkordeon wird aus Spielerkraft mit dem nötigen Lärmpotential gespeist und ist damit das eigentliche Öko-Keyboard. Seine Lautstärke ist immens und es geht dem Hörer unter Umständen, wenn die Spielfähigkeit des Akkordeonisten eingeschränkt ist, gehörig auf Ohren und Nerven.

Gelegentlich, und das ist lächerlich, wird kritisiert, das Akkordeon stelle heimlich die Rassentrennung dar, indem nämlich weiße und schwarze Tasten strikt getrennt seien. Überhaupt seien  die schwarzen Tasten in der Minderheit. Auf der Knopfseite jedoch habe sich eine Unschar Schwarzer angesiedelt. Kein einziger weißer Knopf zu finden; da weiß man  nicht, was man dazu sagen will. Allerdings versuche der Spieler ja diese Masse der schwarzen "Knöpfe" ständig von den weißen Tasten wegzuziehen, angeblich um das Instrument mit Luft zu füllen und schließlich irgendwie quäkende Töne abzugeben, so als verhöhne er die Musik Europas.
Das ist weit hergeholt, gedanklich jedenfalls.
Den Spieler stellt es vor schier unlösbare Aufgaben: Er muss die richtigen Tasten und Knöpfe finden, ohne hinzugucken, denn das Instrument sitzt senkrecht vor seinem Bauch. Weiterhin führen die beiden Hände unterschiedliche Bewegungen aus, was zur Verwirrung im Kopf führt. Der Spieler muss den Blasebalg immer mit Luft gefüllt halten, das erfordert Kraft und Ausdauer; wenn er vergessen hat, den Balg zu ziehen, hört man keinen Ton, was gelegentlich als angenehm empfunden wird. Weiterhin muss der Akkordeonist die nicht verbrauchte Luft, die durch eine Extraöffnung ausgeschieden wird, aushalten, da sie ihm direkt in die Nase geblasen wird. Je nach Alter des Gerätes führt das zu Würgereizen. Versuche mit Hunden haben ergeben, dass diese nicht intelligenter werden, wenn sie dem Gerät lauschen, viel mehr schauten sie eher dümmlich aus dem Pelz. Es fördere bei den Haustieren weiterhin die mangelnde Bereitschaft, überhaupt neben dem Herrchen zu sitzen.
Insgesamt halten sich Vor- und Nachteile die Waage, aber aus Tierschutzgründen sollte man vielleicht doch eher zur Mundharmonika greifen, die den Blase-Effekt aufgreift und darüberhinaus eine Reihe wohlklingender Zungen anbietet. Auch vermeidet man den linksseitigen Tennisarm, der Folge des übertriebenen Übens mit dem üppigen Blasebalg des Akkordeons ist.

Günter Krass - Der Sternenhimmel

Vater, das soll der Sternenhimmel sein? Den habe ich mir aber anders vorgestellt.

Ich bin froh, dass du mal rausgegangen bist, um mal zu gucken. Ist der nicht schön?

Das ist ja ein totales Durcheinander. Vollkommen unaufgeräumt.

Gott hat seine eigene Ordnung.

Ich kann da aber keine erkennen. Das ist ja ein totales Durcheinander.

Das hast du schon mal gesagt. Schau einfach hin, dann wirst du schon eine Ordnung erkennen.

Das glaube ich nicht. Ich könnte ja was mit dem Sternenhimmel anfangen, wenn der so eine Art Rechteck wäre und die Sterne von oben links nach unten rechts angeordnet wären. Da könnte man die auch abzählen.

Nicht umsonst sagt man doch: Weißt du wieviel Sternlein stehen?

Ich fange da jetzt nicht an zu zählen. Bei so einem Chaos kommt man doch sofort wieder raus und kann von vorne anfangen.

Vielleicht reicht es, Junge, einfach zu staunen.

Staunen? Wieso sollte ich denn staunen? Ich bin überrascht.

Na, wenigstens etwas.

Also, wenn ihr in mein Zimmer kommt, dann seid ihr auch immer überrascht. Von Staunen keine Spur.

Dann räum das doch mal auf!

Ach, und der Sternenhimmel sollte nicht mal aufgeräumt werden?

Das kann nur der liebe Gott.

Der kann sich dann auch um mein Zimmer kümmern. Da kann er dann üben, wie er den Sternenhimmel aufräumen will. Und überhaupt: Ich habe auch eine Ordnung in meinem Zimmer, die bleibt euch nur verborgen.

Vielleicht solltest du ausziehen....

Ach, jetzt kommt die Nummer. Wenn du nicht weiterweißt, heißt es ausziehen. Wie ich das hasse, dieses Reinkommen, hallo, Junge bist du immer noch an deinem Rechner, willst du dich nicht mal langsam ausziehen und dich ins Bett legen? Mal schlafen, damit du morgen mal was für deine Zukunft tun kannst? Bewerbungen schreiben und so? Und dann: Wenn's dir hier nicht passt, kannst du ja ausziehen. Einfache Lösung, für euch mindestens.

Wär vielleicht mal Zeit, Junge, du bist jetzt 36.

Und wieso vergeuden wir hier die Zeit mit einem unaufgeräumten Sternenhimmel?

Mutter heult sich morgen wieder die Augen aus dem Kopf.

Dann kann die ja aufräumen. Da gibt's Bonuspunkte beim lieben Gott fürs Paradies.

Du bist ungerecht.Ich bin euer Sohn.

Du hast recht. Gott hat seinen Sohn übrigens kreuzigen lassen.

Das ist jetzt hart.

Georg Krakl - Roter Mund

Pawel Pikass - Heike L. aus Wanne-Eickel (2017)
Der rote Mund von Wanne-Eickel
Gehörte jener Heike L.
Die Menschen zugeneigt 
Und auch bedingungslos
Will sagen stark verzweigt
Und bindungsgroß
Das Ruhrgebiet
In Kurgebiet
Verwandelte
Und aus dem Bauch und in den Bauch schnell handelte
So quasi ohne Kopf
Wodurch sich Bürgerliches schnell verwandelte
Weil sie’s dadurch verschandelte
Und alten Zopf
Abschneiden
Wollte. Und das kann das Bürgerliche gar nicht leiden.
Es soll doch bleiben wie es ist.
Das was man ändern will
Ob’s laut ob’s still
Das landet auf dem Mist.

Nicht roten Mund, den roten Mond
Ist man gewohnt.
So wie wir’s immer hatten.
Das Ruhrgebiet als Kurbegiet liegt jetzt im Schatten.

Ach, wär’s dabei geblieben,
Dann könnt’ ich dich, du Heike L.
Ganz herzlich lieben.

So grüßt dich ledigleich dein Wanne-Eickel.