Pädagogentagebuch: Urinale evaluieren

Liebes Tagebuch!
Ob ich fehle, wenn ich irgendwann weg bin? Wie schnell sind Lücken, wenn man eine hinterlässt, zugekippt, zugeschmiert, zugewachsen. Denk an Löcher im Rasen - wie schnell sind sie wieder grün; im günstigsten Fall vertritt man sich den Fuß an dem nicht mehr sichtbaren Loch, oder der Mähroboter bleibt stehen, weil die Räder in der Luft drehen, so als wollte er deiner gedenken. Ich frage mich, ob Mähroboter überhaupt zur Andacht fähig sind und wohin steuert die Menschheit, wenn sie die ihr eigenen Qualitäten Maschinen überlassen will. Jeder ist ersetzbar. Auch der Mähroboter. 

Du denkst, der Laden kommt ohne dich nicht aus, aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt. 

Der Fahrstuhl kriegt die Tür nicht mehr schnell genug auf. Der Hausmeister meint, es sei Zeit zu gehen, und der muss es ja wissen. Neulich im Zielstockwerk bin ich gleich wieder runtergefahren und stand dann im Keller vor einer Putzfrau mit ihrem Arbeitswagen, die wohl auch nach oben wollte, mich aber runtergeholt hatte. Ich wollte eigentlich oben aussteigen, sagte ich ihr, und sie entschuldigte sich. Ich ließ sie stehen, denn Platz war nur für sie in der Kabine, nicht aber für ihren Putzwagen, und erreichte endlich mein Ziel. 

Die Unterrichtsstunde hatte ohne mich begonnen. Das hatte zwar nicht geschadet, aber gelernt hatte auch keiner etwas. Das nennt man seit ein paar Jahren Qualitätssicherung. Wenn der Schüler nach der Stunde nicht dümmer geworden ist, dann ist sein Wissen gesichert. Wenn der Unterricht das schafft, dann ist er von guter Qualität. Qualitätssicherung.

Wer wird wohl auf meinem Platz sitzen, wenn ich weg bin. Ich sitze seit fast 20 Jahren immer auf dem selben Platz. Eigentlich gibt es keine festen Plätze im Lehrerzimmer, nur Lehrkräfte, die immer auf dem selben Stuhle hocken, als wollten sie etwas ausbrüten. 
Mich stört das nicht, solange niemand auf meinem Stuhl sitzt. Dann trete ich immer ganz nahe an die Sitzende - wir haben ja viel mehr Frauen im Kollegium, sodass es wahrscheinlicher ist, dass eine weibliche Lehrkraft den Stuhl okkupiert hat - und fange an, über ihre Schulter oder ihren Kopf weg mein Butterbrot oder einen Post-it-Zettel an mich zu nehmen, ein Schulbuch, das dort liegt, oder ein Heft, das ich eigentlich noch korrigieren müsste, oder ein Dodekaeder, das der Kollege Haschke dort platziert hat, um seinen eigenen Platz zu markieren. Die Fehlsitzende erklärt dann irgendwann, sie stünde gleich auf, sie müsse das Gespräch noch beenden, was aber in einer Schule in der Regel nicht passiert, vielmehr laufen mehrere Gespräch gleichzeitig, die aber nicht beendet werden.

Beim Pinkeln habe ich überlegt, dass man die Benutzung der drei Urinale auf dem Herrenklo evaluieren könnte, das wäre mal was Sinnvolles. Dazu drei Säulendiagramme vielleicht in unterschiedlichen Gelbtönen.

Nach dem Händewaschen auf Schweinegrippenart versuche ich zwei Papiertücher zu nehmen. Der Behälter ist aber so vollgestopft, dass ein Drittel des Vorrats aus der Box kommt. Verschwendung.

Pilzgedicht mit einem Rechtschreibfehler drin

Der Hallimarsch,
der ist im Arsch.
Man hat ihn einfach so zertreten.
Da hilft kein Beten.
Jetzt hofft er, dass das Pilzgeflecht,
genannt Myzel, ihn rächt.

Günter Krass - Mutti und der grüne Mann

Mutti, da ist ein grüner Mann.
Kind, es gibt keine grünen Männer.
Er fasst dir an den Hintern, Mutti!
Es gibt nur Grüne Tante.
Der Mann ist grün.
Du bist noch grün hintern den Ohren, Kind, da sieht man schon mal grüne Männer. Grüne Tante gibt es, da kann man sich die Hände mit sauber machen.
Mit Tante Trude kann ich mir die Hände nicht sauber machen, höchstens an Tante Trude, aber dann wird sie immer schnell giftig.
Grüne Tante ist ein Reinigungsmittel.
Der Mann ist grün und sieht nicht nach Reinigungsmittel aus.Der fasst dir schon wieder an den HIntern.
Das kann nicht sein. Mein Hintern gehört mir.
Aber ich sehe es ganz deutlich. Was macht er da? Warum reibt er seine Hände an deinem Hintern, Mutti?
Ich merke nichts, was soll denn sein?
Vielleicht säubert er seine Hände an dir.
Das kommt ja wohl gar nicht in Frage! Niemand wischt sich an mir ab.
Der tut's aber.
Vielleicht möchte er was anderes.
Ja, was denn? Was denn?
Vielleicht will er mich heiraten.
Wieso wischt er denn dann seine Hände an dir ab?
Was weiß ich. Ich kenne den überhaupt nicht. Andere Länder, andere Sitten. Eigentlich ist der ja gar nicht da.
Mutti, jetzt spricht er.
Ja, was denn, Kind, macht er mir einen Heiratsantrag?
Er sagt, verdammt, ich kriege die Hände nicht sauber. Ist noch was Grüne Tante da?
Das gibt's doch nicht, Kind!
Doch, doch, doch.
Schade. Ich hätte gern mal einen grünen Mann geheiratet.
Geh mal in den Keller, da ist noch Grüne Tane im Regal neben der Waschmaschine.
(Kind ab) Einmal könnte der Kleine doch recht haben.....

Rumblödeln

...heißt jetzt rumtrumpeln.

Rolf und Dieter: Tassen im Schrank

Rolf: Du hast nicht alle Tassen im Schrank.
Dieter: Das ist nicht mein Schrank.
Rolf: Und die Tasse da?
Dieter: Da ist keine Tasse.
Rolf: Eben.
Dieter: Was soll das heißen?
Rolf: Da fehlt eine Tasse im Schrank.
Dieter: Na und?
Rolf: Ist das denn deine Tasse?
Dieter: Eine Tasse, die nicht da ist, kann auch keinem gehören.
Rolf: Vielleicht war da ja mal eine Tasse.
Dieter: Woher willst du das denn wissen?
Rolf: Kann doch sein.
Dieter: Ist aber nicht bewiesen.
Rolf: Wäre es denn deine Tasse, wenn eine da gewesen wäre?
Dieter: Wäre es meine Tasse gewesen, muss es heißen. Sie ist ja nicht mehr da.
Rolf: Also war da doch deine Tasse.
Dieter:Konjunktiv ist shit. Zählt nicht, verstehst du? Möglichkeitsform. Hättehätte liegt im Bette.
Rolf: Aber du räumst die Möglichkeit ein?
Dieter: Alles ist möglich.
Rolf: Also doch.
Dieter: Mit dir kann man nicht diskutieren.
Rolf: Dito.
Dieter: Nenn mich nicht Dito!
Rolf: Habe ich doch gar nicht.
Dieter: Eben gerade.
Rolf: Ich sag jetzt nichts mehr.
Dieter: Du hast aber angefangen.
Rolf(leise): Überhaupt nicht.
Beide entfernen sich Richtung Leselampe.

Georg Krakl - Regenwurmanbetung

Vincent van Eenoor -Regenwurmanbetung (2017)
In schwerem Sturm
dem Tode nah
mein wundes Auge sah
den Regenwurm.
Ich hätte drauf gewettet:
Er hatte mich gerettet.

Jetzt will ich nicht mehr auf ihn treten,
sondern ganz bescheiden zu ihm beten.







Es ist oft wundersam, wie Religionen entstehen und welche religionsstiftenden Impulse verantwortlich sind.
Hannes, der Säufer torkelte einst aus seiner Stammkneipe, voll des Fusels, und voll des Gefasels, das er an der Theke nicht hatte unterbringen können. Voll war auch sein Herz, denn er suchte nach einem neuen Zuhause, wo er sich zuhause fühlen konnte. Seine Stammkneipe konnte das nicht sein, denn da stand immer jemand hinter dem Tresen und forderte ihn auf endlich seinen Deckel zu bezahlen.
Hannes brauchte ein Ziel, und das sollte Damaskus sein; deshalb machte er sich auf den Weg, um nach Damaskus zu schwanken.
Bereits nach 15 Meter stolperte er über einen aus dem gepflasterten Gehweig herauslugenden Stein, der wohl durch den letzten Frost nach oben getrieben worden war. Er stürzte, fiel auf die Hände und stieß mit der Nase  auf den harten, aber regennassen Boden. Ein dünner Blutsfaden rann aus der Nase bis auf die Lippen, so als zeichnete das Schicksal eine Hasenscharte in das sonst makellose, vielleicht etwas aufgedunsene Gesicht des Zechers. Hannes öffnete die Augen, die er vor Schmerz zusammengekniffen hatte und blickte auf einen Regenwurm, der in der dunklen Nacht sein Quartier verlassen hatte. Der Regenwurm verharrte plötzlich und Hannes hatte das Gefühl, als wolle er ihm etwas sagen. Können Regenwürmer überhaupt sprechen?, fragte sich Hannes, und versuchte in die Augen des Wurms zu blicken. Regenwürmer haben keine Augen, sprach es in Hannes' Kopf. Und überhaupt, Hannes, sprach es weiter, du weißt doch gar nicht wo Damaskus liegt! Geh mal wieder zurück in deine Stammkneipe und beruhige dich mit einem Herrengedeck, Pils und Korn, das kennst du ja.
Hannes fühlte ein Glücksgefühl, das seinen ganzen Körper durchströmt. Genau. Nicht Damaskus. Herrengedeck! Ach, wie lange hatte er dieses Wort nicht mehr gehört! Oder gedacht, denn zu hören war ja nichts gewesen. Das war ein guter Rat: Man soll keine Ziele wählen, von denen man nicht weiß, wo sie liegen, wo käme man da hin?
Hannes rappelte sich auf und schwankte zurück in die Kneipe und an den Tresen. Pils und Korn, Manni, geht auf meinen Deckel. Und den würde er auf jeden Fall morgen bezahlen, oder übermorgen.

Berufsgruppen im Bild: Musiker

Es ist immer dasselbe.

Berufsgruppen im Bild: Hausfrauen mit Handtaschen

Hausfrauen mit Handtaschen in Wallung

Was ist eigentlich ein Zeitfenster?

Da haben wir nur ein knappes Zeitfenster, meint Bankangestellter Fred, als er Miranda die Modalitäten ihres neusten Kredites über den Tresen schiebt. Miranda schielt unsicher zu Seite und meint dann salomonisch: Aha. Als stiller Beobachter der Szene denke ich über das, was der Geldmann gesagt hat, nach.
Ich zerlege erst mal das Wort. Zeit und Fenster. Ist doch klar. Ein Fenster ist ein Loch in der Wand, durch das man gucken kann, oder durch das der neugierige Nachbar gucken kann und durch das Licht fällt, um einen Raum aufzuhellen. Es gibt manchmal einen Fensterrahmen, darin sitzt Glas, weil es durchsichtig ist, und den Rahmen braucht man, um das Fenster auf- und zuzumachen. Es gibt zusammengesetzte Wörter mit Fenster, die vom Material beeinflusst sind: Holzfenster und Kunststofffenster, und Wörter, die auf den Sitz (oder die Lage? Den Stand?) der Fenster deuten: Kellerfenster, Dachfenster, Kirchenfenster.
Was also ist ein Zeitfenster? Sitzt es, liegt es , steht es in der Zeit? Dann wäre es ein Loch, das von einem Zeitrahmen umgeben ist. Ein Loch in der Zeit heißt aber, dass da gar keine Zeit ist. Also, wir haben im Zeitfenster keine Zeit. Das macht die Sache mit unseren Terminen noch dramatischer, wir haben wenig Zeit und in der verfügbaren Zeit ist auch noch ein Loch. Durch das könnten wir gucken, aber dafür haben wir keine Zeit. Die Frage ist auch: Wohin gucken wir denn? Nach draußen oder drinnen?
Mal angenommen, das Fenster sitzt, liegt oder steht in der Zeit, dann wäre das einfacher: Wir könnten aus der Zeit gucken wie aus einer Kirche oder hinein, wie in einen Keller. Aber das wäre auch ein Loch in der Zeit, das wir uns gar nicht leisten können.
Und sowieso: Zeit ist eine Illusion. Das Fenster gibt's doch gar nicht, denkt Miranda, und Recht hat sie. Man soll nicht jedem Bankangestellten glauben, der mit Modewörtern um sich schmeißt.
Eine knappe Zeittür....das klingt irgendwie nicht gut, obwohl man dann wenigstens hindurchgehen könnte, wohin auch immer.

Leben mit dem Müll

Das Schulministerium hat noch einmal deutlich auf die sinnstiftende Funktion von Unrat, Überflüssigem und Unentsorgbarem in Lehrerzimmern hingewiesen.
Zwar stimme es, dass die wachsenden Haufen an Geräten und  Papieren, alten Lebensmitteln, Pfandflaschen und Turnschuhen den eigentlichen Arbeitsraum schrumpfen ließen, andererseits sähe sich der Lehrerkörper getrieben, den Unterricht aufzusuchen, da die Räume für die Schüler zwar nicht gemütlicher, wohl aber weniger ungemütlich aussähen. Auch der beim Einatmen eingesogene Staub sei geringer als im Pausenaufenthaltsraum der PädagogInnen. Diese unterrichtsbezogene Flucht aus dem Lehrerzimmer erhöhe die Präsenz im Klassenraum und verbessere die Qualität des Unterrichts, da er eher beginnen könne.

Georg Krakl - Pilzgedicht

Knollenblätterpilz 2

Tollen Retter - Schmilz
Dahin mein Herz!- getroffen.
Bin vor Liebe wie besoffen.
Knollenblätterpilz
Gegessen
Und vergessen
Tollem Retter jenes anzusagen.
Liebe schwindet  durch den Magen.

Jetzt ist's zwölf, will sagen, kurz davor.
Da unten seh ich jenen Retter.
Ich steh vor dem Himmelstor.

Georg Krakl - Pilzgedicht

Knollenblätterpilz

Wenn du einen isst,
merkst du schnell, wer dich vermisst.

Heute vor neun Jahren - Richtigstellung: Feinkostgeschäft

Der Verband deutscher Feinkosthändler besteht darauf festzustellen, dass es nicht Feinkothandlung, sondern Feinkosthandlung heißt. Sollte weiterhin Feinkothandlung in Bodos Welt geschrieben werden, behalte man sich Schritte vor. Bodos Welt: Vorsicht beim Schritte machen, schnell kann man in Feinkot treten, den besonders kleine und junge Rassehunde produzieren. Dass es Geschäfte geben könnte, die solchen Unrat verkaufen, ist ein Gerücht. Es heißt wirklich Feinkosthandlung, da besteht kein Zweifel.

Schröder plant Grazprom

Gerhard "Agenda" Schröder, der es geschafft hat, dass in Deutschland nicht mehr die Soziale Marktwirtschaft die Gesellschaft in die roten Zahlen prasst, plant jetzt, nach seinem vor Jahren erfolgreichen StartUp bei Russlands Putin und Gazprom, ein Crowdfunding zu lancieren: GrazProm.
Wohlwissend und vorausschauend, dass Haschisch in seinen diversen Verabreichungsformen der Kassenschlager sein wird, macht er sich schon jetzt bereit,  hier die Führungsrolle zu übernehmen.  Wenn die Metapher "die Nase dran haben" nicht ganz greift, so ist doch klar: Da ist noch was zu holen. Einmal Kanzler, immer Kanzler, und Geld macht sexy wie Macht das macht, da muss man nicht mehr ganz taufrisch sein. Und wer will nicht sexy sein? Auch wenn die Tüte schon mal den Blickwinkel verstellt und aus einem alten Sack einen prima Hanfbeutel macht...

Georg Krakl - Gedicht mit einem Endtag drin

Silvester
Trank er dies und trank er das,vor allem Trester.
Machte Sachen mit der Dame
Brachte sie zum Lachen
Und zum Weinen
Aß mit Senf die heißgeliebte Bartagame
Machte was mit ihren Beinen
Und dazwischen, was mit ihren Armen, ihrem Kopf.
An Neujahr, da kann sie nicht mehr weinen,
Ist sie still. Er hängt am Tropf.
Vorsatz für das Neue Jahr:
Neue Dame
Ohne Bartagame
Und Silvester
Nur  begrenzte Schlückchen Trester.

Neues aus Olympia

Endlich. Das Internationale Olympische Kommitee hat einen Vorschlag unterbreitet, nachdem das Thema Doping in Rio ignoriert worden war, wie man im Hürdenlauf auch gut ohne aufputschende Mittel auskommen kann. Ein Anfang ist gemacht, und das ist gut. In jedem Anfang liegt ein Zauber inne, wie der Dichter sagt, und jetzt gilt es, den zu finden.

Georg Krakl - Gedicht mit einem Tier drin

Das Wildschwein stammt nicht aus dem Mastbetrieb,
Das habe ich zum Fressen lieb.

Andi Warvoll - Vatermutterkindkrippe

Weihnachten bei Malers.
Kann man denn nicht einmal was auf die Leinwand kriegen, das man auch erkennen kann? Wo sind Esel und Ochse? Wahrscheinlich hat der letztere den Schwanz nicht für die O-Suppe hergegeben, sondern damit in grellen Farben auf der Leinwand herumgefuhrwerkt. Na, dann Frohes Fest!

Eilige macht!


Eilig eilig
Laufen laufen
Kaufen kaufen
Für den Frieden
einen Hummer sieden
Köstlichkeiten
Essen
Glühwein trinken
Und nach Glühwein stinken
Frieden auf der Welt verbreiten
Einen Braten zubereiten
auch Konflikte mal vergessen
gegen Hunger auf der Welt anessen
lieben lieben lieben
Puderzucker auf die Torte sieben
Kekse backen
Nüsse knacken
Glühwein trinken
Und verschütten
Flecken machen
Lachen, dumme Sachen machen,
küssen müssen,
Glühwein trinken und verschütten
Ehe kurz zerrütten
Laufen laufen
Und Geschenke kaufen
Trinken
Schinken schneiden
Bettler meiden
Mein Geld
Klein Geld
Kein Geld
Frieden auf der Welt
Eilig eilig
Essen essen nur nicht  fasten
Laufen laufen
Kaufen kaufen
Nur nicht rasten
Eilig eilig

Stille macht (singt)
Eilige, lacht
jetzt nicht, stumm,
wie dumm,
Stille macht nicht uneilig
Nur Eiligkeit die stille Nacht unheilig.

Günter Krass - Dornfelder


Mutter? Ja, Frohe Weihnachten dir auch, und danke für das Geschenk. Ja, ich habe mich gefreut. Wieso klingt das nicht so? Ja, ich trinke keinen Rotwein. Es hätten ja auch nicht gleich 6 Flaschen Dornfelder sein müssen, ja, nein, und auch nicht halbtrocken. Ich trinke, wenn schon, dann trocken. Das ist der, wo du sagst, der ist sauer. Nein, der ist nicht sauer, der ist trocken. Gut, der ist eben sauer, für dich, und ich trinke gerne sauren Wein. Aber nicht Rotwein. Weißwein. Ja, der wäre dann auch sauer.
Wie, was du denn sonst schenken sollst zu Weihnachten. Wir wollten uns doch nichts schenken, Mutter. Sechs Flaschen Dornfelder halbtrocken.....ja, die kippen hier irgendwann um, weil sie keiner trinkt. Nein, die kippen nicht wirklich um, das sagt man, wenn der Wein sauer wird. Wie, dann könnte ich ihn ja endlich trinken? Nein, ich trinke nur Weißwein, und das weißt du genau, das sage ich jetzt seit Jahren, und du hörst mir nicht zu, Weißwein trocken,  nicht Dornfelder halbtrocken. Nein, ich fange jetzt Weihnachten keinen Streit an, aber du hast gefragt und ich habe geantwortet. Wir wollten doch ehrlich zu einander sein. Wie, nicht gerade an Weihnachten? Gerade an Weihnachten, Fest der Liebe undsoweiter. Nein, ich muss mich nicht abreagieren. Bis jetzt war Weihnachten schön. Nein, aber es hat nichts mit dir zu tun, wenn ich keinen halbtrockenen Rotwein mag. Nein, Dornfeld ist keine Stadt und ich bin da auch noch nicht da gewesen, das war vielleicht Onkel Hans, der trinkt ja alles, was auf den Tisch kommt. Wieso werde ich jetzt unverschämt, wenn ich die Wahrheit sage.
Ja, es ist Weihnachten, ja, ich habe Verständnis dafür, nein, ich habe noch nie Rotwein gemocht, ja, damals, Lambrusco, weil der billig war und weil es den in der Zweiliterflasche gab. Da war ich 16. Nein, die Flasche habe ich nicht allein getrunken, sondern mit Ruth, oder Bettina, ist doch egal, wieso ist das nicht egal? Wie wer Ruth und Bettina sind? Na, Mädchen eben. Nein, die habe ich dir nicht vorgestellt, die wollte ich ja auch nicht heiraten. Und ich trinke seit dreißig Jahren keinen Lambrusco mehr. Mutter ich muss jetzt auflegen. Ja, man kann ein Handy nicht auflegen, habe ich selber gesagt, nein, der Akku ist wirklich leer, wenn ich das sage, dann stimmt das, es ist nämlich Weihnachten. Nein, ich rufe nachher nicht mehr an; nicht vor neun jedenfalls.

Lyrik an Weihnachten


Georg Krakl: Ganz/s
Zum Glück
isst man die Gans
nicht ganz
sondern ein Stück
von ihr. Der Esser grient dann frömmlich,
so ist die Gans auch ganz bekömmlich.

Georg Krakl: Krippe
Von der Gans lag nach dem Essen das Gerippe
(neben Jesus) in der Krippe.

Georg Krakl: Geschenk
 
In einem der Pakete

war für den Jahreswechsel eine zünftige Rakete.

Nach dem Trinken, nach dem Schmausen

ließ der kleine Kai sie an die Zimmerdecke sausen.

Georg Krakl:  Opa
 Opa tritt in seinem Wahn
auf die neue Eisenbahn.

Der ungeliebte Greis
latscht auch auf das Abstellgleis.

Auf selbiges, beschließt der Rest um sieben,
will man den Alten morgen schieben.


Günter Krass - Weihnachten bei Fred


*Du bissen Weihnachtsmann!, sagte der Onkel, wenn der Sohn oder Neffe Fred etwas falsch gemacht hatten, so richtig falsch. Du bissen Klon!, war die abgeschwächte Variante, und der Begriff bedeutet nicht das Duplikat eines Wesens, sondern eine grell geschminkte Witzfigur, die über die eigenen Schuhe stolperte. (Nicht Daniela Katzenberger, auch nicht die Geissens.) Du bist ein Weihnachtsmann!, diese zurechtstutzende Metapher säte den ersten Zweifel an Weihnachten. Ein Weihnachtsmann, nicht der Weihnachtsmann. Was konnte das bedeuten? Man sang nicht: Morgen kommen die Weihnachtsmänner, sondern der Weihnachtsmann. Und wenn ein Weihnachtsmann nicht Vorbild, nicht Autorität, nicht Lebensziel sein konnte, sondern ein Synonym für einen ungeschickten und zu Unfug neigenden Sohn und einen ebensolchen Neffen, dann geriet die ganze Weihnachtswelt mit Christkind, Engeln, Knecht Ruprecht, Zwergen, Nikolaus und eben dem Weihnachtsmann ins Wanken.
Die immerlautende Frage blieb:Wie konnte die logistische Meisterleistung, Millionen, nein Zigmillionen Kinder gleichzeitig an Heiligabend zu bescheren, bewältigt werden? Und dabei noch unsichtbar zu bleiben? Und das mit einem Weihnachtsmann, der scheinbar zu nichts zu gebrauchen war?
-->
Das wirklich Weihnachtliche war immer unsichtbar. Das Sichtbare, die Kugeln, die Kerzen, das kleingelockte Engelshaar, war käuflich, und lag Tage vorher im Regal beim Konsum. Manchmal tauchte der Weihnachtsmann am 6.Dezember auf und grummelte etwas von Immerartiggewesen und Gedicht aufsagen. Cousin und Cousin lachten unsichtbar in sich hinein und hatten längst an den Schuhen und der Manchesterhose Onkel Willi oder Freds Vater erkannt, und die waren weiß Gott keine Weihnachtsmänner. Die Jungen murmelten Lyrisches mit Endreim, dass irgendwie mit „mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ endete. „Aber noch nicht jetzt!“, ergänzten die Befragten im Gedanken und kassierten ihre Süßigkeiten, lächelten demütig und hielten es aus, wenn auch noch ein Weihnachtslied angestimmt wurde.

Der echte Weihnachtsmann stritt wahrscheinlich zur gleichen Zeit mit dem Christkind, dem Nikolaus, Knecht Ruprecht, den Zwergen, den Engeln und den Rentieren - oder waren es Elche?- über die Arbeitsverteilung bei der Bescherung. War Jesus eigentlich das Christkind? Oder war das Christkind ein ganz anderes Wesen, denn es so nicht aus wie ein kleiner Knirps, der in Bethlehem geboren wurde. Das Christkind war blondgelockt, hatte ein weißes Nachthemd an, ein zarten weißen Teint und blaue Augen.
Das Christkind war nordisch. Jesus stammte aus dem Nahen Osten. Fred kam vom Zweifeln und Verzweifeln. Weihnachten. Was für eine große Rätselkiste. 


Die Unsichtbarkeit der zentrale Weihnachtsfiguren stiftete Verwirrung; im Moment war Fred gläubig und sollte das die nächsten 6 Jahre bleiben. Mit der Konfirmation festigte der konfirmierende Pastor ihn in seiner Haltung, die er im Konfirmationsunterricht gewonnen hatte: Kirche ist nichts für mich.
Fred ging mit der Mutter in den Nachmittagsgottesdienst an Heiligabend, der trotz Überlänge und geänderten Anfangszeiten voll war, und Fred fragt sich: Warum ist die Kirche nur heute so voll? Es mussten Stühle bis in den Vorraum gestellt werden und niemand schnarchte leise. Die Luft war zum Schneiden. Wie ein Christstollen. Schwer lag die Heilegenachtstimmung über der Gemeinde. Der Vater weigerte sich  jedes Jahr, an etwas zu glauben. Er blieb zu Hause und glaubte, dass nach dem Tod nichts komme, und übernahm die Aufgabe für das Abendessen zu sorgen. In den ersten Jahren gab es aus diesem Grund Kartoffelsalat mit Würstchen. Da musste er nur das Wasser kochen und aufpassen, dass die Würstchen nicht platzten. Später wagte er sich an schwierigere Sache wie Schnitzel mit Pilzen aus dem Glas. Wenn der Gottesdienst mit Überlänge eine weiter Überlänge hatte, waren die Schnitzel trocken, die Pilze sehr klein und sehr trocken. Nur der Humor des Vaters war nicht mehr trocken. Die Laune übel, die Kirche war schuld. Der Begriff Kirche umfasste alles, die Männer im schwarzen Frauenkleidern, die Kirchensteuer kassierende Institution, das Glaubensbekenntnis und alles andere Bromborium, und den Gottesdienst speziell an Heiligabend. Jetzt war er konfirmiert. Er wusste, warum er den ganzen Kram nicht wollte. Gern hätte er jemanden für die dehydrierten Schnitzel und Pilze konfirmiert, aber es war ja Weihnachten.

Weihnachten. Fred fragte sich, ob er dieses Jahr wieder die obligatorische und bewährte Packung mit 4711-Seife und Zerstäuber schenken sollte, oder die Tosca-Variante? Ein Alpenveilchen wäre auch möglich, aber Fred hasste Alpenveilchen noch mehr als Usambara-Veilchen. Ein Pfund Bohnenkaffee kam nicht in Frage, das schnekte die Mutter schon der Schwiegermutter.
Man sollte nicht schenken, was man selbst nicht gern geschenkt bekäme. Aber der Mutter die neue Rolling-Stones-Single zu schenken, sah zu sehr nach Strategie aus. Wenn du sie nicht brauchen kannst, Mutter, könnte ich sie ja nehmen, übte Fred seinen Satz. Die 5 Mark wären gut investiert und die Mutter hatte sowieso keinen Plattenspieler, weshalb sie wohl die Scheibe zurückgeben würde.
Ein holländischer Junge quietschte sich durch Radio und Fernsehen mit dem Lied Mama, das jedes Mutterherz öffnete oder zum Schmelzen brachte. Heintje. Der Mutterglücklichmacher aus dem Nachbarland. Dafür würde er aber seinen Plattenspieler nicht hergeben. Selbst wenn die Mutter ihm die Heintjeplatte schenkte.
Fred entschied, dieses Jahr in Musik zu investieren. Mama, du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen. Hier formulierte der holländische Hochtöner, was Fred mittlerweile schwer fiel zu artikulieren. Die Mutter stufte ihren Fred mittlerweile als schwierig ein, weil er sein Zimmer nur noch sporadisch aufräumte, heimlich Pardon las und keinen Knick mehr ins Sofakissen machte, was wohl irgendwie gemütlicher und ordentlicher aussehen sollte.
Fred strebte an, die Haare -möglichst unentdeckt- länger werden zu lassen, weil es seinem eigenen Geschmack entsprach,  der zufällig auch mit dem britischer Beatgruppen übereinstimmte.
Was sollen die Leute denken, widersprach die Mutter, wenn Fred einen Selbstgestaltungsvorschlag unterbreitete, der ihr Missfallen fand.
Heintje - das war ein herzlicher Wunsch zu Weihnachten, und gleichzeitig auch eine Waffe. Die Mutter hatte keinen Plattenspieler und Heintje musste schweigen. In dieses Schweigen würde Fred seine erste Stones-Single Get off of my cloud auflegen, die schon einigermaßen abgenudelt war. Wat ess dat denn, hatte die Großmutter gefragt, als er Weihnachten 1965 die Platte nach dem Kufsteinlied auf seinem neuen tragbaren Monarch-Plattenspieler von Neckermann aufgelegt hatte.
Vielleicht war Heintje rausgeschmissenes Geld, aber es war ein letzter Versöhnungsversuch mit der Erziehungsberechtigten, um endlich das zu machen, was Fred immer drängender machen wollte.
Du musst doch nicht um deinen Jungen weinen, Mutter, summte Fred vor sich hin, und freute sich auf langes Haar und Sofakissen ohne Knick, auf ein unaufgeräumtes Zimmer und Renate, die bald Angela heißen würde, weil es mit Alma nur kurz geklappt haben würde.

Georg Krakl - Gedicht mit griechischen Buchstaben drin

Was dem Alpha  das Beta,
ist dem Weihnachtsbaum Lametta.

Georg Krakl - Gedicht mit Stanniolstreifen drin

Reichlich Lametta
ist dem hässlichen Baum
der Retter.
Man sieht ihn dann kaum.

Georg Krakl - Gedicht mit Dativ drin

Weihnachten 2020

Vor dem Sohne
schickt Amazon die Drohne.

Georg Krakl - Schenken

Unter dem Lametta
Fand der Kleine seine neue PVC-Beretta.

Im Gedanken schoss er auf die Katze,
Nach dem Weihnachtsliedgeflöte
Auf die Heimschildkröte.
Dann auf Opas Glatze.

Und als Höhepunkt zum Fest
Gab er Papa, Mama, Tante, Onkel, Evi und dem Tom
Den Rest.

Im Gedanken war er dann allein.
Ach, wie ruhig könnte dieses Fest der Liebe sein.

Georg Krakl Pampelmuse und Miesepampel

Die Pampelmuse und der Miesepampel
liefen an der Ampel
los bei Rot.
Ihr beiden! Macht kein' Quatsch!
Rief laut ein Bürger. Miesepampel war schon tot.
Die Pampelmuse Matsch.

Georg Krakl - Gedicht mit gespritztem Obst drin

Vincent van Eijnoor - Pampelmusenlecken (2016)
Bloß kein Geschmuse
mit der Pampelmuse.
Wenn du an ihrem Runden leckst,
mag sein, dass du verreckst.

Der Gang zur Urne

Stille Zeit, dunkle Zeit.
Trübes Wetter, trübe Aussichten. Die Tage verschwinden allmählich, es weihnachtet bald.
In dieser gedrückten Stimmung baut sich das Horrorszenario vor uns auf:
Die USA geht an die Urne, Donald "Fönfrisur" Trump gewinnt.
Putin wird unsterblich.
Assad erhält den Friedensnobelpreis für die Befriedung Syriens.
Erdogan gründet das Osmanische Reich Erdognaien und kann endlich den Vorwurf des Völkermords gegen die Armenier bestätigen. Die Kurden verschwinden gleich mit.
Beatrix von Storch wird Bundespräsidentin.
Merkel tritt erneut zur Wahl an.
Die Menge schweigt.
Da ist es Zeit, zur Urne zu gehen und zu bedenken, dass alles endlich ist. Asche zu Asche.
Bis auf Putin. Siehe oben.

Georg Krakl - Erinnerungen an Weihnachten 2016

Weihnachtsgans
Von der Gans liegt nach dem Essen das Gerippe
in der Krippe.

Opa und Geschenke
Opa stürzt in seinem Wahn
in die frisch geschenkte Eisenbahn.
Die Familie ist darauf entschlossen,
diesen Greis,
der sie am Fest der Liebe hat verdrossen,
den sie eigentlich doch lieben,
im nächsten Jahr aufs Abstellgleis
zu schieben.

Geschenk
In einem der Pakete
war für den Jahreswechsel eine zünftige Rakete.
Nach dem Trinken, nach dem Schmausen
ließ der kleine Kai sie sausen.


Was meint sie?

Da sagt die Fachkraft, man sei dünn aufgestellt und versucht eine gewisse Wackeligkeit zu erklären, irgendwie seien die Daten schlechter als imVergleichszeitraum.
Dick aufgestellt, wenn es das gibt, hieße, dass die Zahlen wohl besser sind. Gut aufgestellt, sagt der Assistent und moniert, dass man nicht nur aufgestellt sei, sondern sogar gut. Der Assistent ist nur angestellt, die Fachkraft eine von denen, die sich immer anstellen. Abstellen, sagt der Zuhörer, das Aufstellen und Anstellen abstellen. Sofort. Dabei meint er das Abgestelltsein. Und das Sichanstellen oder Angestelltsein. Vielleicht ist der Zuhörer verbeamtet und versteht nicht, was es heißt, dünn aufgestellt zu sein. Heidi Klum ist dünn aufgestellt und ihre Magermodels sind dünn aufgestellt, die drohen, jederzeit umzukippen. Dick Aufgestellte sind in der Mode unerwünscht, weil es keiner merkt, wenn sie umkippen. Beziehungsweise, es interessiert keinen. Dick geht es zu gut. Da kann umkippen, wer will. Sogar die Fachkraft.

Bei Amazon nichts bestellen

Eigentlich wollte ich nur einen leeren Karton, damit mein Geschäftspartner sein Xylophon daraufstellen kann, wenn wir die Weihnachtslieder für die Betriebsfeier üben.
Ich hatte mit überlegt, dass man am günstigsten an einen leern Karton kommen kann, wenn man bei Amazon "nichts" bestellt, sodass "nichts" ausgeliefert wird, natürlich in einem Karton.
Sicherheitshalber hatte ich noch mal "nichts" in die Suchmaske gegeben, um nichts falsch zu machen, schließlich steht Weihnachten vor der Tür und die Lieder haben so ihre Tücken.
646840 Ergebnisse gab es unter diesem Begriff.
Ich war enttäuscht, denn ich hatte eine andere Vorstellung von "nichts". Das mit dem leeren und vor allem kostenfreien Karton hatte sich wohl erledigt und mein Geschäftspartner würde nach wie vor auf dem Boden sein Xylophon  spielen müssen, was natürlich den Rücken und den Magendarmtrakt schädigt, wenn er das von einem Hocker aus macht.
Immerhin: Wer Weihnachten nichts schenken will, sollte mal bei Amazon stöbern. Weit über eine halbe Million Möglichkeiten, da wird doch wohl was dabei sein.

Georg Krakl - Gespenster (2016)

Gelangweilte Gespenster
Gucken traurig aus dem Fenster.

Schluckt doch Kleister!
Das empfehlen gute Geister.
Leckt mit Zungen
Jede Wand!
Klebt Tapeten mit der Hand!
Das wär doch gelungen!
Taucht in grelle Farben eure Schwänze,
Pinselt alle Wände farbenfroh zur Gänze!

Haben doch nur lange weiße Kleider,
Sagen die Gespenster,
Keine Zungen, keine Hände, keine Schwänze, leider.
Gucken traurig aus dem Fenster.

Und die Geister?
Schlucken Kleister,
Lecken Wände,
Nutzen Hände,
Tunken Schwänze,
Pinseln farbenfroh und tanzen Tänze.

Geister können sich so schön begeistern.
Nur Gespenster scheitern schon beim Kleistern.



Herbstanfang im Nudistencamp

Vorbei die warmen Tage, vorbei die Tage, an denen man seinen nackten Körper stolz durch die Gegend zeigen konnte.
Die nasskalten Tage haben begonnen, die Tage von Sturm und erstem Bodenfrost.
Wie jedes Jar beginnt im Nudistencamp das große Rätselraten:Welche Körperteile bedecke ich, damit ich immer noch ein Nudist bin, und als solcher auch zu erkennen, nämlich durch das Bloßlegen der sonst unter Badehose und Badeanzug versteckten Gebiete? Schließlich will man nicht krank werden, denn wäre Schluss mit Beisechsgradgeschlechtsteileherumzeigen.
Ohne Mütze herumzulaufen bringt nichts, ebensowenig wie mit freiem Oberkörper, oder mit tiefem Dekolleté bei denen Damen, das machen doch alle, die Damen besonders auf den Oktoberfesten.
Letztlich bleibt nur: Hose aus und primäre Teile zeigen. Das macht sonst keiner. Da weiß jeder, dass hier ein FKKler bei der Stange bleibt. Auch wenn die Metapher nicht gelungen ist, denn die kalten Temperauren fördern eher eine gewisse Schrumpeligkeit und Bläulichkeit bei den Besitzern und entfernen diese von der vorherrschenden Geissenästhetik, dass alles glatt, tiefgebräunt und aufgespritzt sein muss, weil das von Luxus und Entspanntheit zeugt.
Das Fähnlein der sieben Aufrechten - auch das eine fehlplatzierte Metapher - trotzt dem Wetter für ihre Gesinnung: Dass Nacktherumrennen schön ist, dass es nicht um das Herzeigen geht, auch nicht um das Hinguckenkönnen, sondern um Natürlichkeit, um das Sein als Neugeborenes, um die Freiheit des Nativen. Besonders im Herbst lässt sich der auch körperlich vorpubertäre Zustand, fernab jeder Regung, simulieren. Und das ist schön. Wo, wenn nicht im Nudistencamp, hat man die Möglichkeit, in Gummistiefeln und Regenjacke und ohne Hose im Minimarkt des Camps vor der Fleischtheke zu stehen? Deshalb: Der Herbst bringt den Nudisten ans Licht. Alle anderen sind nur Nackte.

Bodos Welt-Brüderle-Tag

Angela B.Merkel steht es noch ins Gesicht geschrieben: FDPler Rainer Brüderle machte selbst vor angegrauten Damen mit herabhängenden Gesichtspartien mit seinen Anzüglichkeiten nicht halt. In die Dekolletés der Damen schielend, ließ er sich von dreisten Bemerkungen nicht abhalten.
Na, wieder das Unterhemd vergessen, Mutti?, raunte der sexistische Quasselkaspar bei einem öffentlichen Auftritte in Bayreuth der Kulturbeflissenen zu, und ergänzte: Hauptsache, die Bratschen verspielen sich nicht bei so viel Fleisch. Das sind doch alles Gemüsefresser, weil die immer so langweilige Sachen spielen müssen.
Welcher Zusammenhang zwischen einer  Wagneroper, Bratschen und Vegetariern besteht, bleibt unbekannt. Dem Politiker war wohl sein Motto wichtig: Bevor man gar nichts sagt, sagt man lieber was.
Heute, nach dem verdienten Ausscheiden aus dem Bundestag 2013, arbeitet Brüderle als selbständiger Berater. Selbständig, wohl weil ihn niemand anstellen mochte.
Merkel übt sich an der Idendifikation mit dem Aggressor, um erlittene Traumata zu überwinden. Mit Blick in die Bluse bzw. ins Dreiknopfkostüm murmelt sie, eine Brüderle-Gesichtsmaske tragend: Wir schaffen das.

Georg Krakl - Bad Oeynhausen

In einem soliden
Boliden
Auf Autobahn dreißig
Das Gaspedal tretend, da weiß ich:
Bad Oeynhausen
Lässt sich glatt schön sausen.

Gelobt sei das Automobil,
Es tut für die unschönen Städte so viel.

Metapher der Woche: Schmelztiegel

Jeder kann Politiker werden, das ist im Grundgesetz verbürgt, eine besondere sprachliche Qualifikation ist nicht gefordert. Vielleicht die, dem Volke nach dem Maul zu reden, oder Sachverhalte in einem Wortgewirr zu verstecken, damit deren Gehalt dem maulenden Volk nicht sofort klar wird.
Im politischen Tun bemüht man häufig Metaphern - bildhafte Ausdrücke - um das Verwirrende anschaulicher zu machen, was eigentlich ein Widerspruch ist.
Was aber ist ein Schmelztiegel voller Vielfältigkeit, der immer noch weiter zusammenwachsen muss? Das Weserstadt-Anzeiger zitiert in einer Oktoberausgabe die christlich-demokratische Landtagsabgeordnete.
Ein Schmelztiegel ist gemeinhin bekannt als ein Gefäß, in dem man durch Erhitzen Substanzen zum Schmelzen bringt, sie also in flüssigen Zustand bringt. Das geht nur, wenn der Tiegel von vornherein ganz ist, also nicht aus zwei oder drei Teilen besteht, da sonst das Schmelzgut herausrieseln oder -fließen würde. In dem Tiegel befindet sich die Vielfältigkeit, die als Oberbegriff ja erst mal ein Ganzes ist, das man nicht zusammenschmelzen kann, denn mehr als ein Ganzes kann man nicht erhalten. Möglich, dass eine Menge unterschiedlicher Substanzen gemeint ist, die sich in dem Tiegel befindet, die man durch Hitze zum Schmelzen und damit zum Einswerden zwingt. Das würde zwingend auch die Vielfäligkeit zerstören.
Allerdings soll wohl laut Abgeordneter als Voraussetzung für diesen nicht ganz nachvollziehbaren Vorgang der Schmelztiegel erstmal zusammenwachsen. Da der Tiegel aber  ein eher "toter" Gegenstand ist, bleibt ihm diese Fähigkeit des Zusammenwachsens verwehrt. Wem nützt es, wenn die Vielfältigkeit, da eingeschmolzen, verschwindet, der Tiegel, in dem sie sich befindet, zusammenwächst, obwohl er das gar nicht kann?
Vielleicht war aber auch etwas ganz anderes gemeint. Nur was? Und damit bleibt der Bürger mal wieder allein und schürt sein Feuerchen der Vorurteile, wenn ihm das nicht wieder eine missratene Metapher auspinkelt. Genau. Darunter kann ich mir was vorstellen! Eine Metapher pinkelt ein Feuer aus! Das dampft. Das zischt. Das stinkt.

Vincent van Eijnoor - Mein Hund, der hat drei Ecken (2015)

van Eijnoor: Mein Hund, der hat drei Ecken (2015)

Jasager

Frager: Kannst du eigentlich mal was anderes als JA sagen?
Jasager: Nein.

Georg Krakl - Der Hammer

Mit dem Hammer auf die Schnelle
haut man eine schöne Delle
in den Tisch, die Wand, den PKW.
In den Kopf. Und das tut weh.

Doch der Hammer ist nicht schuld,
der liegt im Regal, der hat Geduld,
kann warten ohne Murren,
und bleibt ruhig, muss nicht knurren
oder bellen.
Einzwei Schellen
hätten auch gereicht
für den eingedrückten Kopf, der dröhnt.
In den Tisch und auf die Wand
mit der flachen Hand
gedrückt, da wird nicht gestöhnt.
Und ein Messer in des Wagens dicke Reifen,
die dann pusten, blasen, röcheln,
mit den Knöcheln
auf der Windschutzscheibe schnell den Popel festgedrückt.
Das macht jeden Autofahrer ganz verrückt.

Der Hammer schlummert im Regal,
ihm ist solche Aggressivität egal.


Was ist mit dem Duden los?

Eigentlich wollte ich doch nur wissen, wie man drauf schreibt, wenn es im Zusammenhang mit zugreifen benutzt wird. Also im Sinne von "kann ich mal drauf zugreifen?", oder im Sinne von "kann ich mal darauf zugreifen?".
Man will sich ja verständlich ausdrücken, besonders schriftlich, oder auch die Botschaften anderer genau verstehen, damit es keine Kommunikationsprobleme gibt, die ja bekanntlich das Übel der Welt sind.
Da fragt mich der Duden, der scheinbar ratlos ob des Suchbegriffs ist, allen Ernstes: Oder meinten Sie "draht"?
Hallo, was soll das denn?
Dass mich der Duden - wir kennen uns seit Jahrzehnten - immer noch siezt, ist nicht weiter erwähnenswert. Dass er aber fragt, ob ich "draht" meine, das bestürzt.
Hätte er wenigstens nach Draht gefragt, dann wäre mir die völlige Ausgeblendetheit des Nachschlagewerkes vielleicht entgangen, aber draht kleingeschrieben, was soll das sein?
Ein Adverb wie drauf?
Heute fragte er besonders draht.  Er bekämpfte den Gegner ziemlich draht. Draht läuft ein Hase! Alles völliger Schwachsinn.
Duden, was ist los mit dir?  Ist dir die deutsche Sprache egal geworden oder hat man bei dir ein paar Nullen schwarz ausgemalt und jetzt weißt du nicht weiter?
Draht kommt mir jedenfalls komisch vor.

Georg Krakl - Schäferhund und Suppenhuhn

Ein Schäferhündchen
hatte einst ein Schäferstündchen
mit einem Suppenhuhn.
Da gab’s nicht viel zu tun

Du bist so nackt und weich
und auch so bleich,
ein wenig kalt,
vielleicht schon alt,
kannst keine Eier legen,
musst in die Suppe wohl deswegen.
So sprach der Hund,
dein Mund,
der ist ein Schnabel.
Hab dich zum Fressen gern,
mein Suppenstern.
Ich ess dich ausnahmsweise mit der Gabel.

Günter Krass: Erinnerungen - Rote Welle

Vorbei am Erotikshop mit der Plastikdirne in die Birne; ich sause untendurch, oben quälen sich die Berufstätigen durch das Gewirr der Wege, an Pylonen und Rotweißsignalschildern vorbei, lugen hinter blauen Abdeckplanen hervor und versuchen Schaden von sich fern zu halten, fahren trotzdem viel zu schnell durch diese. „Vater der Birne“ las ich neulich und mir schießt es heiß in den Kopf, mit wem der Vater der Birne dieses Monstrum gezeugt haben mag, welch grausamer Liebesakt hier stattgefunden hat, um dieses Ding hervorzubringen. Da lobe ich mir den Berg, der kreißt und eine Maus gebiert. Kreis Minden-Lübbecke. Die Birne ist kein Kreis. Stopp. Die Gedankenflut bleibt zurück wie hinter gläserner Wand. Rot. Das erste Rot nach der Birne, die ich schadensfrei unterquert habe. Rot. Rote Welle. Heute will ich geschickt sein, will ruhig sein, will nicht fluchen, will dem Verkehrscomputer nicht Prügel androhen. Heute surfe ich auf Grüner Welle. Rot. Es wird Grün. Ich fahre 50, das wird gut sein. 50 ist vorgeschrieben. Rot. Das nächste Rot. Ich knirsche mit den Zähnen ob des gegebenen Versprechens nicht zu fluchen. Versprechen oder Versprecher. Ich fahre 15 Stundenkilometer, was fast gar nicht geht. Hätte ich ein Moped, würde ich umkippen. Rot. Immer noch Rot an der nächsten Ampel. Ich war wohl zu schnell. Ein Fußgänger hätte es geschafft. Vielleicht mit einem Gehgips. Jetzt Grün: Ich sehe auch die nächste Ampel im Grün. Ich trete aufs Gas. 60, 65, 70, 75, ja, das hilft! Es bleibt grün, es ist grün, als ich durch den Ampelbereich rase. Ich hoffe, nicht geblitzt zu werden, ja, Grün, hossa, das läuft, die Stadt mag mich doch! Sie lässt mich rein! Das werde ich gleich der Tanja erzählen. Die mit ihrem „Bei mir ist immer grün!“.



Das Enkelkind steigt zu; es kennt den Weg zur KiTa, gibt Anweisungen, wie ich fahren muss, nein, zurück, hier auf die Brücke, dann die Ringstraße. Rot. Das erste Rot. Ringstraße. Oder ist das noch die Gustav-Heinemannbrücke? Meine Zähne knirschen, ohne dass ich das will. Das Kind sagt: Immer weiter geradeaus. Wenn grün ist, sage ich. Jetzt, sagt das Kind und ich fahre. Das nächste Rot. Ein leiser Fluch zischt aus meinem Inneren hervor. Man flucht nicht, sagt das Kind. Noch weiter gerade aus. Wenn grün ist, sage ich. Grün, sagt das Kind. Grün, sage ich, na, Gottseidank. Immer weiter, sagt das Kind. Das nächste Rot. Das übernächste Rot. Ich murmele mir selbst Unverständliches zu, grunze und quetsche das Lenkrad. Man grunzt nicht, sagt das Kind, wir sind gleich da. Erst noch Rot. Dann rechts. Ja, da, nein, hier. Genau. Ich weiß. Schweiß vor der Stirn.Und es ist Sommer, nicht das erste Mal im Leben. Ich war 18, damals, mein erster Führerschein, wie lang ist das her? Das Kind sagt:, Komm, wir sind da. Ja. Wir sind da. Und ich weiß: Eigentlich mag mich die Stadt; denn sie tut alles, um mich dazubehalten. Ich fahre Richtung Hülle, wo die Welt noch ohne Ampeln auskommt.

Georg Krakl: Hochsitz

Auf einem Hochsitz
saß ein angeschoss’nes Rehkitz.
Der Jäger lag am Boden,
getroffen von der Kugeln Blitz
in seinen dunkelgrünen Loden.
(-mantel)

Tonnes Tagebuch: In die Stadt

Liebes Tagebuch!
Heute bin ich in die Stadt gefahren, um einen Kippschalter zu kaufen. An jeder Ampel war rot. Obwohl ich die Farbe mag, habe ich Probleme mit der Signalwirkung: Ich muss anhalten. Seit ich auf dem Dorf, beziehungsweise im Ortsteil der Stadt wohne, ist immer Rot, wenn ich in die Stadt fahre. Ich kann das nicht verstehen. Ich habe verschiedene Geschwindigkeitsvarianten ausprobiert, ich bin Tempo 30 und dann 40 gefahren, obwohl 50 erlaubt ist, ich bin 60 und später 70 und ganz kurz auch mal dreiungsiebzig gefahren. Immer war die nächste Ampel auf Rot. Das hat System, habe ich gedacht, vielleicht will man den Ortsteilbewohner nicht in der Stadt haben, vielleicht weil man vermutet, der wäre verantwortlich für hässliche Glühweinflecken auf dem neuen und teuren, leider auch saugfähigen Pflaster auf dem Marktplatz. Erstens aber ist jetzt keine Glühweinzeit und zweitens mag ich keinen Glühwein und trinke ihn folglich drittens auch nicht.
Rote Welle. Niemand hat diesen Begriff bisher gesellschaftsfähig gemacht, aber es gibt wohl häufiger eine Rote Welle als eine Grüne. Das macht der Computer, ist die Erklärung. Vielleicht ist dem Computer nicht erklärt worden, welche Vorteile die Grüne Welle hat.
Man sollte Computern nicht zu viel Entscheidungsfreiheiten lassen. Der weiß nicht, was Bürger, und speziell Ortsteilbürger, die einen Kippschalter kaufen wollen, für Bedürfnisse haben.
Eigentlich war ich auch schon etwas erregt, weil ich mir Gedanken machte, wie ich durch die Birne kommen würde, vorbei am Erotikshop mit seinen leicht gewandeten Plastikdamen direkt hinein in die Risikozone. Also, eher unter die Zone, beziehungsweise unterdurch. Das ist der einfachste Weg, wenn man von einfach überhaupt reden darf. Ich bin froh, dass ich den wenigstens beim Hineingeraten in dieses Verkehrsobst nicht die schwierigsten Aufgaben lösen musste, wie zum Beispiel hinter eine blaue Plastikplane gucken, ob die Straße frei ist zum Weiterfahren, oder eventuell doch ein Auto kommt. Wer eine lange Kühlerhaube hat, muss aussteigen. Wenn dann die Straße frei ist und man wieder einsteigt, hat sich die Verkehrslage wahrscheinlich schon wieder verändert. Die Birne ist ein missratener Kreisverkehr, der immer irgendwie provisorisch wirkt und in der jeder versucht, seinen Weg zu finden, ohne Schaden an Leib, Gefährt und Gefährtin zu nehmen. Es drängt sich immer die platte Metapher auf: Der muss es an der Birne gehabt haben, der sich die Birne ausgedacht hat. Wenn ich dann auf die Rote Welle stoße, leide ich kurzfristig an einem Tourettesyndrom. Das Syndrom äußert sich dahingegehend, dass man alle erdenklichen Beleidigungen ausstößt und den Verkehrsverantwortlichen Prügel androht, und zwar mindestens einmal wöchentlich, obwohl wir hier nicht in Saudi-Arabien sind. Es handelt sich ja auch nicht um kritische Blogger, sondern um Menschen, die es nicht schaffen, das zu tun, wofür sie bezahlt werden. Zum Beispiel den Verkehr nicht am Fließen zu hindern, damit der Erwerb eines Kippschalters nicht einen ganzen Tag in Anspruch nimmt. Nachdem ich vor sieben oder acht Ampeln bei Rot gestanden habe und aus Versehen einmal bei Grün gehalten habe, ist mein Vorrat an frischen Beleidigungen erschöpft und ich widme mich dem Finden eines Parkplatz. Ein Schlauberger auf einer Fortbildung für Radiosendungen teilte diese spannende Botschaft zwei lernwilligen Studentinnen mit, die eine Wohung suchten. Nicht Wohnung suchen, Wohnung finden, säuselte er, und schien durchaus bereit zu sein, diese Wohnung inklusive der Studentinnen zu besuchen, wenn sie sie denn gefunden hätten. Positiv denken!, habe ich mir gesagt, einen Parkplatz finden. Da ich in der Regel keine Lust habe, überhöhte Parkplatzgebühren zu zahlen, dauerte die Suche etwas und ich parkte  abseits im Wohngebiet, sodass ich einen 10minütigen Fußweg absolvieren musste. Als ich in der Einkaufszone angekommen war, überlegte ich, wo ich denn einen Kippschalter käuflich erwerben könnte. Leider fiel mir kein Laden ein. Die Einkaufszone der Stadt ist kippschalterfrei. Das hätte man doch sagen können. Alle Geschäfte, die mir einfielen, gibt es nicht mehr. Ob es denn unbedingt ein Kippschalter sein müsste, fragte mich ein Verkäufer in der Herrenabteilung eines Kaufhauses, das  eine kostenlos zu nutzende Kundentoilette bereithält. Und wozu ich denn diesen Kippschalter benötigte, die benutze man heuzutage doch gar nicht mehr. Ich hatte keine Lust, Sinnfragen zu beantworten, und ging erst mal auf die Toilette, die recht passabel war, vor allem weil dort kein dunkler Mann saß, der einem ein schlechtes Gewissen aufdrängte, wenn man nicht 50 Cent in den Teller legte.
Der Gang zum Urinal entlastete mich kurzzeitig etwas und ich konnte mich von dem Gedanken trennen, in dieser Stadt, die jahrelang schon über Arkaden und Einkaufszentren und überdachte Konsumtempel nachdachte, einen Kippschalter erwerben zu können. Eine Stadt denkt nicht, fiel mir. Aber wer könnte diese Aufgabe übernehmen? Bevor ich auf diese Frage antworten konnte, entschied ich mich, nach Hause zu fahren und, um nicht wieder der Roten Welle ausgeliefert zu sein, die Route über die Ringstraße zu nehmen. Diese Straße hat ebenfalls viele Ampeln, damit der Verkehr nicht zum Stillstand kommt. Sie könnte besser Ringenstraße heißen, denn ich musst  hierheute mein verkehrstechnischesTourettesyndrom niederringen. Ich schleuderte meine Beleidigungen noch einmal heraus, wenn auch die gleichen, aber jetzt mit mehr Druck, denn ich dachte, dass ich zwei Rote Welle ausgehalten haben werden würde,  ohne zu Hause einen  Kippschalter vorweisen zu können. Als ich die Ringstraße verlassen hatte, dachte ich, dass ich die Frontscheibe demnächst mal wieder von innen säubern könnte, um die Reste vom Tourette zu beseitigen. Schade, dass noch niemand innenliegende Scheibenwischer erfunden hat, fiel mir ein. Als ich der Tanja von den Roten Wellen berichtete, sagte diese, dass sie das noch nie gehabt habe, und dass das wohl an mir läge, weil ich immer so verkrampft an die Sache ginge. Ich habe mich dann noch an die Zeit erinnert, als man Kippschalter benutzte und die Ampeln so lange grün leuchteten, bis man diese passiert hatte. Früher war es schon schön.

Georg Krakl: Frankfurter Schule

Buon giorno,
Herr Adorno!
Runter von dem neuen Korkeimer,
hochverhrter Herr Max Horkheimer!
Schluss mit dem Geschmuse,
vielgelobter Heribert Marcuse!

Aus mit Denken und Gegrübel,
davon wird mir übel.

Ich-ich laber was!
Lieber Jürgen Habermas!

Henry Müller - Stille Tage im Klischee

Jetzt nicht sprechen, stille lauschen dem Klischee!
Skifahr'n geht nicht ohne Schnee.
Männer denken nur ans Eine,
Fußball, und an helles Bier.
(Das sind zwei!
Auch egal, der Satz ist jetzt vorbei.)
Frauen hab'n rasierte Beine,
Arbeitsscheue fordern mehr Hartz vier.
Schwarze sind ja gar nicht schwarz.
Pattex klebt viel mehr als Harz.
Kinder kennen keine Grenzen,
Schüler schwänzen.
Jungen schlagen, Mädchen heulen.
Glatzen schleppen Baseballkeulen.
Und Politiker? - Die lügen.
Auch die meisten Scheine trügen.
Alles nur Klischee?
Ach, ojeh!
Warte eine Weile
und dann stimmen deine Vorurteile.

Georg Krakl - May

Karl May
hieß mal Kai.

(Er blieb so lange unbekannt,
und hat sich schließlich umbenannt.)

Georg Krakl - Pragmatismus

Schluss mit Denken und Gegrübel!
in die Wand den Dübel!
Und den Nagel in das Holz!
Mit der Säge in das Brett
und die Herta schnell ins Bett!
Hegel fänd das doof,
der ist Philosoph.

Neues aus Allerwärts: Keith Richards lässt sich zu Tom Waits umorperieren

Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stönes, brauchte ein neues Ohr, da sein Platz auf der Bühne immer nahe am Lautsprecher gewesen war und das rechte Ohr im Laufe von siebzig Jahren erheblich Schaden genommen hatte. Wenn ich schon mal betäubt bin, so Richards - und von Betäubung versteht der Musiker einiges - dann operiert mich doch in Tom Waits um, der sieht doch wenigstens vier Jahre jünger aus als ich. Die Operation verlief reibungslos, man arbeitete sich schnittig durchs Fleisch, der Kopf ist mittlerweile wieder genesen.
Allerdings verfälscht die gewählte Ohrgröße den Eindruck, es könne sich um den vier Jahre jünger aussehenden Tom Waits handeln. Laute Musik braucht großes Ohr, so die Devise des Operierten. Auch egal, das abschließende Urteil, eigentlich sei es ihm darum gegangen, dass seine kleineren Kindern nicht schreiend vor ihm davonlaufen sollten, weil sie ihn für etwas hielten, mit denen man Kindern Angst macht.
Und überhaupt: Mick Jagger solle sich erst mal um sein achtes Kind kümmern und es langsam an seinen Faltenbalg über den Schultern gewöhnen. Acht Kinder von 12 Frauen, ja wo kommen wir da hin? Und noch mal überhaupt: Bald gibt es ein neues Album, das so frisch klingt wie schon mal gehört. Muss aber sein, weil die Rentenkasse nichts rausrückt.