Günter Krass - No milk today


No Milk today, was konnten die Jungs meinen? Keine Milch heute? Fred und die anderen saßen in der Milchbar, hatten Milch satt, sogar mit Geschmack, Bananenmilch, Erdbeer, much milk today. Sie dachten an die Mädchen, die ihre Freundinnen werden sollten, Fred dachte an Renate, die auch vierzehn war wie er, auf die Kammann scharf war. Renate war einen halben Kopf größer als Fred und hatte schon einen richtigen Busen, deren wunderbare Ansätze er im Ausschnitt ihres Sommerkleides betrachtet hatte. Kammann war sauer, aber Renate wollte Fred, war aus dem Ort zurück ins Ferienlager neben ihm gegangen, sie hatten gelacht, sie hatte seine Hand genommenen und er war rot geworden, weil er einen halben Kopf kleiner war als Renate, und das ging nicht, der Mann war mindestens einen halben Kopf größer, so musste das sein, das war gesellschaftliche Norm. Fred wusste nicht, dass er noch 27 Zentimeter wachsen würde, aber da würde schon nichts mehr mit Renate sein. Kammann und Klopper schlugen Fred Regina vor, die war einen halben Kopf kleiner als Fred, aber Regina war Fred zu schnippisch, und eigentlich war Klopper auf Regina scharf, auch wenn er so tat, als sei er hinter Gabi her. In drei Tagen würde er bei Sigrid landen. Kammann nervte. Fred mochte Renate, weil Renate ihn mochte. Kopf hin oder her. Zwei Tage später am Lagerfeuer würde Renate neben Fred sitzen und seine Hand nehmen, und Fred würde feststellen, dass das Fleisch in der Hose einen anderen Aggregatzustand einnahm. So wie Wasser es tut, wenn es ganz kalt wird. Fred würde heiß sein. Das wusste er aber noch nicht. No milk today? Was konnte das bedeuten, die Jungs, die das sangen, waren doch keine Schüler mehr, sonst hätten sie nicht diese Platte aufnehmen können. Die Schulmilch konnte es nicht sein, oder hatte es irgendwie mit Frauen zu tun? Fred musst wieder an Renate denken und an den Ausschnitt ihres Sommerkleides, bzw. was darin zu sehen war. Es war nicht einfach, verliebt zu sein, vor allem wenn Kammann sauer war, denn er konnte nerven, wenn  er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
No milk today. Das Leben war hart, das hatte er mit der Muttermilch aufgesogen. My love has gone away. Da musste es einen Zusammenhang geben. War sie gegangen und hatte die Milchflaschen stehen gelassen? Die musste ja auch leer sein, denn sonst wäre Milch dagewesen. In der Milchbar gab es genügend Milch. Ich nehm’ noch 'ne Bananenmilch!, sagte Fred zur Bedienung und rülpste leise, während er mit dem Finger das Wort Renate auf den Tresen malte.


Georg Krakl - Gedicht mit Beziehungskram drin (2016)

Sie
Sie war nur eine von ganz vielen;
ich wollte doch nur spielen.
Aber sie, sie aber meinte Ernst,
und seufzte: Ernst, wie du besternst
die Himmel meiner Nächte,
so wie ich nur an dich dächte.
Ach, sie war so schön und chic, fast bestialisch,
aber leider nicht grammatikalisch
sicher. Und der Ernst? Kein Name lag mir ferner,
ich heiße Werner.


Georg Krakl - Künstlerlohn (2016)

Er spielte auf der Bartzither
für ein Stückchen Zartbitter.

Das Ding aus tiefstem Alpenland
spielt man mit Schnauzbart und der linken Hand.

Die rechte hält die dunkle Schokolade.
Die schmilzt dann, das ist schade.

Der Künstlerlohn
für Lieder auf der Bartzither
ist nicht das Stückchen Zartbitter
sondern Spott, und auch ein bisschen Hohn.


Georg Krakl - Fortbildung (2016)

Die Verteidigungsministerin spielt Stadt, Land, Fluss
weil sie doch wissen muss,
wo all die Länder liegen
mit den vielen Kriegen.

Georg Karkl - Weg ist der Hund (2016)

Ich bin gegangen,
konnte nicht ertragen,
dass du mich geschlagen,
weil ich biss.
Das ist Beschiss,
von wegen gutes Herrchen,  Treue!
Deshalb keine Reue.
Nach Ferne tat mir dann verlangen.
Ich bin gegangen.


Ein Stück von dir
ist bäuchlings mitgekommen.

Ich glaub', es ist ein Finger.
Und einer dieser Dinger,
ich glaub, der Ring, der an ihm saß.
Was mir jetzt Freude, ist für dich kein Spaß.

Ein Ring, der schmückt manch Menschen  sehr,
sei denn, er hat den Finger für den Ring nicht mehr

Was der Schlager über den Wilden Westen singt

Das Land, in dem Männer Männer sein können, in dem Liebe nicht mit Treue verwechselt wird, da wo die dänische Frau ihren Cowboy als Mann bekommt, ist der Wilde Westen.
Old Shatterhand, dem Mann in fransigem Leder, ist die Hose im Schritt und an den Oberschenkeln vom Reiten zu speckig geworden, wünscht sich ein Mädchen in Samt und Seide, dabei war er kurzfristig mit Nscho-Tschi, der Schwester Winnetous liiert, die allerdings auch in Leder herumlief und sich mit Bärenfett eincremte. Bärenfett riecht nicht gut. Shatterhand verspricht auf der A-Seite einer warumauchimmer aufgenommenen Platte  jener feinen Dame, morgen auf dem Weg zu ihr zu sein, hodihohodihey, ohne dick sein, das tut wäh, singt er, ohne dick sein, das tut wäh, was kann er meinen?,die feine Dame wundert sich, warum Lex Barker erst morgen kommen will und nicht heute, und warum er ihre Figurprobleme anspricht, sie vergisst dabei, dass der anglophile Muttersprachler ein Problem mit dem ch hat; er hatte „ohne dich sein, tut so weh“ gemeint; sie wartet trotzdem, denn sie riecht das speckige Leder so gern, in dem ein richtiger Kerl schwitzt. Winnetou, alias Pierre Brice, bleibt echte Antworten schuldig, das wundert uns, wenn er singt „Keiner weiß den Tag, keiner kennt den Weg, keiner weiß warum, keiner weiß wohin“, und wir zweifeln an der Kompetenz als Häuptling der Apachen; die Fragen wann, wolang, warum und wohin stellen wir uns ständig, was wir wollen sind Antworten. Auf der B-Seite kontert er dumme Fragen mit einem „Wunderschön“, was uns den Wind aus den Segeln nimmt. Wer will nicht gerne wunderschön sein?

Pferde und Sättel, das tragen die richtigen Kerle, Liebe und Treue sind zweierlei und die Nächte sind blau, weiß Martin Lauer. Man muss nicht alles verstehen, aber man ahnt, dass im Wilden Westen noch andere, natürliche Gesetze herrschen, da ist der Sattel dem Mann manchmal näher als die Liebste, die austauschbar ist, denn Liebe darf nicht mit Treue verwechselt werden, und der einsame Cowboy reitet am Ende eines jeden Filmes in die Abendsonne, während die Geliebte dem Unerreichbaren eine Tränen, die nicht lügt, nachsickern lässt.
Westenschlagersänger Peter Hinnen verwirklichte seinen Kindheitstraum in Idaho:7000 Rinder - Kinder, Kinder, Kinder!
Im Sommer und im Winter immerzu lauter Ochs, lauter Kuh! Der Lehrer kurz vor dem Burnout, der sowas hört, lässt sich einen Wurm ins Ohr setzen und träumt nachts leicht variiert von 7000 Kindern, die viel zu laut sind und wacht jede Nacht schweißgebadet auf und fragt sich, warum er nicht in Idaho ist, sondern an der Karl-May-Gesamtschule Gladbeck?
Marika Kilius, die dann nicht den Bäumler sondern den Zahn heiratete, weiß wovon Cowboys nicht träumen: Nicht von Liebe, nicht von Sehnen (ausgenommen die Sehnenscheidenentzündung des Pferdes nach scharfem Ritt), nicht von Abschied, nicht von Tränen, nicht von Whiskey, nicht von anderen Mädchen, nein, sie träumen von der Prärie. Jack ist wochenlang weg, sie allein auf der Ranch, sie fragt, Jack, denkst du immer an mich, er verneint, dafür habe er aus beruflichen Gründen keine Zeit. Der Cowboy ist genügsam, der Westen wild, Marika denkt, Cowboy sein ist doch schwer, aber  der Cowboy braucht nur Pferd und Gewehr. Ein Cowgirl dazu wäre auch nicht schlecht, sagt Jack, Marika ist weit weg und passt auf die Ranch auf.
Die Frage bleibt offen: Da steht eine ganze Ranch rum, auf der sicher 7000 Kühe brüllen. Warum Bitteschön kümmert sich der Cowboy nicht darum, sonder reitet weg und denkt an die Prärie? Hallo Marika, klingelt’s?

Georg Krakl: Gedicht mit einem weinenden Tier drin

Das Schwein, das zu viel heult,
wird flugs vom Amtstierarzt gekeult.

Denn wenn es seinen Trog einnässt,
verbreitet sich die Heulenpest.

Der wilde Wilde Westen

Old Shatterhand (OS) und Winnetou (W) auf einem Hügel, die Pferde im Hintergrund grasend, der Himmel blau.

Blutsbrüderschaft
OS: Mein roter Bruder!
W: Was soll das immer? Mein roter Bruder? Ich bin nicht rot. Meine Haut ist bronzefarben, so wie im Sonnenstudio gebräunt. Rot nur wenn ich nicht eingecremt habe.
OS: Mein brauner Bruder! Wie klingt das denn?
W: Wir sind überhaupt keine Brüder.
OS: Das sagt man doch so im Wilden Westen, und wir sind hier doch im Wilden Westen. Wir könnten doch mal Brüderschaft trinken.
W:  Brüderschaft wird geschnitten.
OS:  Wie geschnitten?
W: Man schneidet sich in die Haut bis Blut fließt....
OS  Äääää.....
W: Und vermischt das dann.
OS:   Und wenn du positiv bist?
W: Denk nicht so negativ. Hast du Schiss vor dem Schnitt?
OS: Ich mein ja nur.
W: Ein Indianer kennt keinen Schmerz, wie ist es denn mit den Weißen?
OS:   Da hast du dich aber geschnitten, wir sind keine Heulsusen, das ist schon mal klar.
W: Ja, dann....hast du dein Großes Messer dabei?
OS:   Das ist gerade nicht sauber, habe damit eben das Morgentoilettenloch zugeschoben.
W: Dann nehmen wir meins.
OS:   Okokok, mannomann. Aber wo schneiden wir denn? Ich meine an welcher Stelle?
W: Direkt hier, mehr als ein Messer und zwei Männer, die Blutsbrüder werden wollen, braucht man nicht. Alles da, alles hier.
OS:   Gibt es denn eine günstige Stelle am Körper, sagen wir mal, wo es nicht so weh tut?
W: Wenn das Messer scharf ist, tut das nicht weh.
OS: Sssssss....ich stelle mir gerade vor, wie die scharfe Klinge durch das Fleisch fährt..... Kennst du das Gefühl?
W: Ja sicher, ich habe schon elf Blutsbrüder.
OS: Und ich dachte, du ritzt dich.
W: Unterarm oder Handfläche.
OS: Nicht Handfläche, da kann ich dann zwei Wochen mit der Hand nichts anfangen.
W: NschoTschi kann dir doch behilflich sein.
OS: Wer ist das denn?
W: Das ist meine Schwester. Die wirst du noch kennen lernen.
OS: Und wenn das entzündet? Dann kann ich drei oder vier Wochen nichts machen.
W: Nimm doch die andere Hand.
OS: Hast du wenigstens Oktisept oder was Ähnliches dabei? Zum Desinfizieren?
W: Das ist nicht nötig. Mein Messer ist sauber.
OS: Das könnte ich ja auch so einfach sagen.
W: Hast du aber nicht.
OS: Oder Alkohol? Wiskey etwa?
W: Will der weiße Mann sich betäuben?
OS: Sag nicht weißer Mann zu mir. Ich bin schon ganz schön braun geworden, die letzten zwei Wochen.
W: Soll ich brauner Bruder sagen? Dann bist du ja einer wie ich.
OS: Hast du jetzt Whiskey oder nicht?
W: Der rote Mann trinkt keinen Alkohol.
OS: Jetzt hast du roter Mann gesagt.
W: Na und? Das sagt man schließlich im Wilden Westen, auch wenn’s nicht stimmt. Ich wähle SPD.
OS: Brauner Bruder wählt SPD, dass ich nicht lache.
W: Lenk jetzt nicht ab.
OS: Wo waren wir denn stehen geblieben?
W: Mach du zuerst!
OS: Nach dir, der Herr Häuptling.
W. Komm mach jetzt, der Gast hat Vortritt.
OS: Streng genommen bin ich gar kein Gast.
W: Egal, fang einfach an.
OS: Können wir nicht eine Borke anknibbeln, da kommt doch auch schnell Blut.
W: Ich habe gerade keine Borke.
OS: Oder in der Nase bohren?
W: Und dann?
OS: In der Nase bohren bis Blut kommt.
W: Und dann? Nase an Nase wie die Eskimos?
OS: Inuit.
W: Inuit?
OS: Man sagt Inuit, nicht Eskimos.
W: Klugscheißer....weißer....
OS: Das ging jetzt unter die Gürtellinie. Keine gute Voraussetzung für eine Blutsbrüderschaft.
W: Hier ist mein Messer.
OS: Können wir nicht einfach gute Freunde bleiben?
W: Wenn, dann höchstens gute Bekannte.
OS: Na, klar, auf gute Bekanntschaft, Winnetou, alter Schwede!

Beide schütteln sich die Unterarme. Dann mit rechter Hand/rechtem Arm vom Herzen zum Horizont in die Weite.

Frank Xaver Kötz: So bist du

Er: Ich bin dann mal weg!
Sie: Was ist?
Er:Ich geh dann mal.
Sie: Wie, du gehst dann mal, was soll das denn heißen?
Er:Ich glaube, das ist jetzt besser so.
Sie: Das kannst du doch nicht machen.
Er:Ein Mann muss seinen Weg gehen.
Sie: Und was ist mit dem Teil hier?
Er:Welches Teil?
Sie: Das jetzt hierbleibt? Warum nimmst das nicht mit?
Er:Es heißt doch: Wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir.
Sie: Das heißt doch nicht, dass das jetzt hier liegenbleibt.
Er:Doch. Es geht nur ein Teil von mir.
Sie: Das müsste aber heißen, wenn ich geh, dann bleibt ein Teil von mir hier liegen.
Er:Das ist unromantisch.
Sie: Die Wirklichkeit ist meistens nicht romantisch.
Er:Aber heißt es nicht auch: Wenn ich schlaf, dann schläft nur ein Teil von mir?
Sie: Das habe ich ja gemerkt.
Er:Was soll das jetzt heißen?
Si:e Kannst du dir doch denken.
Er:Nein, weiß ich nicht, ich habe ja geschlafen.
Sie: Das Teil aber auch.
Er:Jetzt wirst du persönlich.
Sie: Wenn du das Teil hier liegen lässt, dann gehe ich.
Er:Du auch? Dann ist ja keiner mehr, der bleibt.
Sie: Doch. Meine Wärme. Weiß doch jeder: Wenn du gehst, bleibt deine Wärme hier. Also meine.
Er: Ok.Dann geh du, ich bleibe hier, ist vielleicht auch besser für das Teil.
Sie: Tja, Tschüss denn. Ach bevor ich gehe: Heißt es eigentlich das Teil oder der Teil?
Er:Ist doch jetzt sowieso egal.
Sie: Stimmt.

Hier mal klicken und hören: So bist du

Bodos Welt-Wörterbuch: Träne, die

Träne, die...natürlich, feminin, weiblich also, ist doch klar, denn Jungen weinen nicht. Tränen sind weiblich und sie lügen nicht. Tränen sagten die Wahrheit, wenn sie sprechen könnten. Deswegen lassen Frauen Tränen fließen, und der Mann, der nicht weint, der nicht weinen will, der nicht weinen kann, ist der Gelackmeierte, denn er hat diesen Wahrheitsbonus nicht.
Der Mann muss die Wahrheit sagen,  denn ihm fehlt die Möglichkeit, das nonverbal über diese andrenalinangereicherte Flüssigkeit, die aus den Augen läuft sagen zu können. Die Frau sagt immer die Wahrheit, wenn sie weint, das wissen wir, seit es Schlager gibt: Der Film war so schön, ach, ist die Katze niedlich, upps, tut mir leid, die Sache mit dem Günni, hat mit uns gar nichts zu tun, mach dir mal keinen Kopf.
Es ist nicht zum Heulen, denkt der Mann, nennen wir ihn Manni, denn Heulen geht gar nicht, bloß keine Schwäche zeigen, hart bleiben, das macht nichts, dass der Film rührselige Scheiße war, dass es  überall nach niedlicher Katzenpisse stinkt, und wieso springt die mit dem schwachsinnigen Günni in die Falle, das ist ja wohl das Letzte, mit so einem Spast, so einer Halbintelligenz, es ist zum Heulen, aber ich lass das nicht raus, ein Indianer kennt keinen Schmerz, der blickt ins Weite und hofft, dass Manitou beim nächsten Blitz besser zielt, zum Beispiel in den unteren Bereich von Günni, oder in Sigrid, oder am besten in beide. Manni, schreit Günni, Dortmund hat verloren. Und Manni merkt, wie das Feuchte aus seinen Augen flennt. Dortmund, das durfte nicht wahr sein. Das sind Schmerzen.

Georg Krakl - Tränen

Tränen
bringen mich zum Gähnen
und zum Schnaufen,
ausgenommen wenn sie  Dampfschiffkapitänen
aus den Augen
fielen
auf der arbeitsreichen Hände Schwielen.
Dampfschiffkapitänetränen taugen.
Und die anderen? Wie sie selbstgefällig aus den Augen
laufen,
wie sie lange weilen,
nicht von jener Wange eilen,
die ich liebe, die ich Backe nenne,
die ich kenne,
wie sie plötzlich hocken
bis sie trocken
und in allen Falten
und Gesichterspalten
sich verstecken
dass als Salz
zum Beispiel falls
man Lust auf Würze spürt,
sich wünschte, diese wegzuschlecken.
Was wohl nicht zum Troste führt.
Lediglich der Nährstoffmangel wird behoben.
Damit hat sich die Funktion verschoben.
Deshalb schätze ich die Tränen
bei den Dickschiffkapitänen,
Trockentränen, die tun gut,
helfen bei Skorbut.

Weg ist die Romantik
über den Atlantik!


Lernen mit Musik: Du kannst nicht immer siebzehn sein

Mit achtzehn verstand Günter, was Chris Roberts uns vorsingen wollte: Du kannst nicht immer siebzehn sein. Mit achtzehn war das Leben sowieso besser, Günter konnte den Führerschein machen, ohne Zustimmung der Eltern trinken, rauchen, wählen, wen er wollte und heiraten. Heiraten wollte Günter nicht und zu wählen gab es auch nicht viel: Außer SPD gab es nur CDU und FDP. Er wartete auf die Einundreißigjährige, um mit ihr als Mann die Sonne aufgehen zu sehen. Die kam aber nicht. Wohl eine, die zwei Jahre jünger war als Günter, der klassische Abstand, um zu heiraten, was Günter auch später tat. Irgendwann klang ein Lied aus dem Radio, das behauptete, das Leben fange erst mit 66 Jahren richtig an. Schließlich war Günter sechzig und dachte: Noch sechs Jahre, dann geht es aber richtig los. Was war eigentlich mit der Zeit zwischen siebzehn und sechsundsechzig? Günter konnte sich nicht erinnern. Siebzehn sein konnte Günter nicht mehr, und sechundsechzig war er noch nicht. Bald würde er mehr wissen. Sechs Jahre.  Ruckzuck waren die rum.
Irgendwann würde der Knochige kommen, das wusste Günter noch nicht, würde lächeln und vor sich hinsummen: Du kannst nicht immer neunzig sein.
Was lernen wir?
Schlager können nicht alle Lücken im Leben füllen.
Man soll nicht alles glauben, was Schlagersänger singen.
"Man kann nicht immer zweiundvierzig sein" wäre auch richtig gewesen. Oder sechzig bzw. einundsechzig.

Lernen mit Musik: Buenos Dias Argentina

Buenos Dias Argentina hatte Udo Jürgens 1978 zur Fußballweltmeisterschaft gesungen: Rotglühende Sonne, der rauschende La Plata, auf dem Kopf den Sombrero und das Lied der Pampa. Ja, so war die Pampa, ein Ort der Schönheit und Harmonie, und nicht wie der Volksmund immer dröhnt: Heinz, der wohnt da irgendwo in der Pampa.Das ist Jottwedeh! Janzweitdraußen, da wo nix los is.
Udo Jürgens hatte vollkommen übersungen, das 1978 eine Militätdiktatur herrschte, das Menschen verhaftet und gefoltert wurden. Miltitärdiktatur ist ein Wort, auf das sich schwer ein Reimwort finden lässt. Deswegen taucht es im Schlagertext nicht auf. Berti Vogts, der insgesamt und überall zu klein Geratene äußert sich adäquat: "In Argentinien herrscht Ordnung. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen." Konnte er auch nicht, denn die waren alle verschwunden, 30 000, vom Erdboden verschwunden, vom Erdboden verschluckt, also unter der Erde.
Das lernen wir:
Wenn es irgendwo nicht schön ist, macht der Schlager es uns schön. Wir müssen ja nicht hinfahren.
Wenn Berti Vogts etwas nicht sieht, dann gibt es das nicht.
Die Pampa ist nicht wie bei uns, sondern singt ein Lied.
Selbst in einer Militärdiktatur ist die Abendsonne immer noch rot.

Georg Krakl - Deutscher Schlager hilft

Der Chef sagt: Du Versager!
Da hilft Deutscher Schlager.
Und bist du ein Ja,gerne-Sager,
dem es knirscht im Kugellager?
Hör jetzt Deutschen Schlager!

Ebbe herrscht im Vorratslager?
Ärger mit dem rechten Schwager?
Fetten Speck bestellt, geliefert wird er mager?
Wohnsitz am Atommülllager?
Da hilft Deutscher Schlager.

In schönen wie in schnöden Lebenslagen:
Deutscher Schlager hilft, der ist nicht zu schlagen. 

Bodo fragt nebenbei: Ist die Steigerung von Schicksalsschlag der Schicksalsschlager?

Hier die Schicksalsmeldoie an klicken und hören.  

Georg Krakl: Lieber (2016)

Lieber 100 Jahre
Hölle, Hölle, Hölle, Wolfgang Petry mit den Freundschaftsbändern
als ein Jahr mit Frauke Petri Afd in allen Bundesländern.

Georg Krakl - Blumenampel (2016)

Das Leben ist eine Blumenampel,
häufig hässlich,
viel Gehampel,
hängt so rum, das ist verlässlich,
schwingt im Wind
wenn andre stille sind

springt nicht auf Rot
springt nicht auf Grün.

und fängst du an dich zu bemüh'n,
bist du vielleicht schon tot.
Deshalb: Die Blumenampel
ist eher für Bitumentrampel.
 Anmerkung: Bitumentrampel sind eigentlich Asphalttreter. Wenn die heiße Teermasse auf die Straße aufgebracht ist, kommen die Bitumentrampel oder Asphalttreter und trampeln bzw. treten auf ihr herum, bis sie glatt ist.



Überall deutscher Schlager - Tonnes Tagebuch

Liebes Tagebuch!
Neulich im Blumenladen wollte ich Stiefmütterchen kaufen und stand in einer Schlange, die aus drei Personen bestand. Die Frau am Schlangenkopf ließ sich einen Blumenstrauß binden und ich dachte, dass das immer seltener wird und ob die fertigen Sträuße an der Supermarktkasse zum Binden nach Marokko oder Vietnam geschickt werden, um sie dort von geschickten Kinderhänden binden zu lassen, und dass man doch das Warten gern in Kauf nehmen sollte, weil dann weniger Kinderarbeit auf der Welt nötig wäre. Weil ich lange warten musste, denn das Binden wurde sehr sorgfältig vorgenommen, dachte ich daran, dass Stiefmütterchen nicht die Blumen der Wahl sind, wenn man seine Liebste beschenken möchte, nicht mal zum Muttertag wären sie gut, und dann fiel mir erst ein Schlager mit Blumen ein: Tulpen aus Amsterdam und ich dachte, dass die Holländer, die sich in den Siebzigern in dunklen Hauseingängen in Einkaufsstraßen mit Billigblumen eingenistet hatten, die deutsche Blume doch nicht verdrängt haben, das Stiefmütterchen ist klein, aber deutsch, die Tulpe holländisch. Sie wächst aufdringlich in der Vase nach und man muss sie ständig beschneiden, weil sie sich immer über die anderen Blumen eines gemischten Straußes hinwegheben will. Rote Rosen summte ich plötzlich und wusste, dass das die Blumen sind, die die Liebe repräsentieren und die Ergebenheit des Mannes. Von Rosen aus Amsterdam hat niemand etwas gehört, Rosen gehören nicht zu den Billigblumen, und wenn, dann kommen sie aus Afrika und sind fair gehandelt, das heißt, die Landarbeiter tragen Gesichtsmasken, wenn sie ein Pflanzenschutzmittel verspritzen.
Die Frau vor mir schnaubte, weil es so lange dauert und stellte irgendwann ihre Topfblume demonstrativ auf denTresen und stürmte weg. Gut, dachte ich, dann bin ich einen Platz vorgerückt, das ist eine gute Zeitersparnis. Die Floristin - so werden Blumenverkäuferinnen, die Sträuße binden können, genannt- hatte eine rote Nase. Vielleicht ist sie erkältet, dachte ich, oder sie trinkt zu viel Rotwein. Die kleine Kneipe an unserer Ecke drängte sich auf, ein Schlager, von Peter Alexander gesungen, dem saubersten Schlagersänger überhaupt, der Ikone der deutschsprachigen Unterhaltungsmusik, der immer so ein gutmütiges Weinen im Gesicht hatte, als wäre er traurig, dass er seine Musik dem Publikum präsentieren musste. Ich überlegte noch, ob die Farbe der Nase von der Farbe des Getränks abhängt, das man im Übermaß zu sich nimmt?
Kann ich bei dem Herrn schon mal abziehen?, fragte die Rotnasige die Kundin, die sich doch sehr zeitaufwändig einen Strauß binden ließ. Vielleicht hatte  ich auch irgendwie traurig gekuckt, als ich an Peter Alexander dachte und die kleine Kneipe.
Sie hatten die Hornveilchen?, fragte die Floristin. Äh, ja, murmelte ich, zehn Stück, und erwähnte nicht das Wort Stiefmütterchen, um nicht unnötig Wissenslücken im Bereich der Flora preiszugeben.
Nachdem sie sich erst verrechnet hatte, nannte sie mir den Preis: Fünf Euro fünfundneunzig.
Wie viel hatte ich doch nachdenken können für so wenig Geld. Vielleicht musste ich aber noch den Preis für den langzeitgebundenen Blumenstrauß dazurechnen, aber den zahlte ja die Dame, die immer noch vor mir dran war. Wo gab es denn überhaupt noch kleine Kneipen? Wo gab es noch Ecken mit kleinen Kneipen? Nach soviel Denken wäre ein kleines Bier und eine Schweigeviertelstunde an einer Theke wünschenswert. Da wo das Leben noch lebenswert ist. Was das bedeutet, darüber will ich lieber morgen nachdenken.

Was will uns die Presse eigentlich immer sagen?

Weniger Alkohol- und Tabakkonsum, dafür immer mehr übergewichtige Jugendliche. Ein passendes Foto dazu soll die Aussage belegen oder veranschaulichen: Man sieht drei Jugendliche, wenn man den Alterungsgrad der Hand betrachtet, die relativ schlank aussehen und sich abmühen, ihre alkoholischen Getränke zu halten. Insegsamt sind vier Getränke zu sehen, vermutlich mit Hochprozentigem versetzt, was früher vielleicht sechs Getränke gewesen sind, also zwei weniger als üblicherweise, was einen deutlichem Rückgang dokumentiert. Zwischen zwei Fingern eine Zigarette, früh hatte alle ihre Kippen in der Hand und am Getränk, heute ist die Feinmotorik  nicht ausgeprägt genug, um alles koordiniert zu bekommen, dafür wird man aber dicker. Das sieht man auf dem Bild noch nicht, aber das kann ja noch kommen.
Eigentlich müsste die Bildunterschrift so lauten: Jugendliche trinken immer noch ordentlich, es raucht von drei Personen nur eine, und trotzdem werden die nicht dicker, das ist ungerecht."
Und die Presse? Ja, die ist die letzte, die ihre Texte liest. Und das ist gut so, sonst würde sie die ja nicht verstehen. Gemäß dem Motto: Ich kann zwar schreiben, aber nicht lesen.

Makabre Kunst: Jeff Kööntz-Wennerwöllte - BabyBoom

Jeff Kööntz-Wennerwöllte: BabyBoom (2016)

Wie heißt es richtig?

Marsregelvollzug?
Maßregelvollerzug?
Marsriegelvollzug?
Maas-Regelvollzug?

Antworten aufschreiben und gut aufgewahren. Man weiß nie, wozu man die noch mal brauchen kann.



Aliens im Wohnzimmer

Da ist die Tür!, schrie Tante Wilma den Alien an. So weit kommt das noch, wetterte sie weiter, erst meine gute Auslegware zufusseln und dann vielleicht noch die Welt erobern und im Universum rumposaunen, man haben wieder einen blauen Planeten gekapert, um sich an seinen Rohstoffen sattzusaugen.
Der Alien hatte versucht, sich auf seinen sechs Beinen, oder waren es Arme, oder vielleicht sogar ein paar Arme und ein paar Beine, also zwei bis drei jeweils, weil paar kleingeschrieben ist, auf dem Teppichboden im Wohnzimmer von Tante Wilma niederzulassen und etwas zu verschnaufen. Ein  Leben als Alien war nicht leicht. Keiner traute einem über den Weg bzw. die Flugbahn, oder man wurde von zukunftsgeilen Perry-Rhodan-Lesern gestalkt.
Dabei war er rein zufällig hier gelandet, von wegen Untertasse, die fliegt, alles Blödsinn, seine Hyperraumklapperkiste hatte mal wieder den Geist aufgegeben, und die sah eher aus wie ein hässlich gestylter BMW, also noch hässlicher, als die sowieso schon waren.
Klmmnppfghfghjkhjkljhj, tutete der Alien Tante Wilma an, die aber nichts verstand, denn es hörte sich an, als habe man Angela Merkel ein in Terpentin getauchtes Putztuch in den Rachen gestopft.
Ich fussel nicht, wollte der Alien auf Alienesisch sagen, ich fussel überhaupt nicht, und einen blauen Planeten kapern, ich glaube, Tante Wilma (woher kannte er plötzlich Namen und Titel dieses Fleischlings?), das lohnt sich nicht, das ist nämlich Sondermüll hier, mal abgesehen von den unmenschlichen Menschen, die hier immer tierisch die Sau rauslassen und dächten, das würde keiner merken.
Nimm den Lappen raus,wenn du mit mir sprichst, trompetete Tante Wilma jetzt, und versuch bloß nicht, die Bundeskanzlerin zu imitieren, das habe ich genau rausgehört, auch wenn ich nicht verstanden habe, was du gesagt hast. Verstehe ich bei Merkel aber auch nicht. Und jetzt raus, aber dalli! Auch wenn du nicht fusselst.
Der Alien zischte ab und Tante Wilma wunderte sich, warum und woher sie wusste, dass Aliens und speziell dieser Alien nicht fusselte.
Ich sollte als Bundeskanzlerin-Imitator auftreten und noch ein paar Euro nebenher verdienen, dachte der Alien beim Abzischen, aber vorher müsste er noch einen Asylantrag stellen. Immerhin kam er nicht aus einem sicheren Drittland, in das er zurückgeschickt werden könnte. Aus einem sicheren Dritttuniverum schon, aber das stand im Formular nicht drin.
Was waren diese Menschen blöde! Hauptsache es gab ein Formular für alles! Dachten, ihr Planet wäre was wert....Der Alien lachte leise in sich hinein und zischte noch ein bisschen ab.

Bilderwitz


Pushido zitiert: Cosina

Mein Cosina
trägt nur ein Tangens.

Appelle und Fliehkräfte

Gestern schlagzeilte der Weseranzeiger "Appelle und Fliehkräfte" und der Leser runzelt die Stirn. Kryptische Überschrift oder Ergebnis euphemistischer Kreativität? Man mag es dem eher tumb daherkommenden  CSU-Chef Seehofer  nicht abnehmen und der Betulichkeit der Kanzlerin im Dreiknopfkostüm nicht zutrauen, das Wort erfunden zu haben: Fliehkräfte klingt doch viel schöner als Flüchtlinge!
Flüchtlinge - das provoziert doch Hilfsbereitschaft, oder wenigstens ein schlechtes Gewissen, das der Gutmensch - wenn auch als Unmensch des Jahres gekürt - sofort in Handlung umsetzen will, oder intensiv darüber nachdenkt.
Flüchtlinge. Da war das Wort Asylanten schon besser für den Deutschen, der Angst um seinen Arbeitsplatz oder seine Sozialzuwendung oder seinen BMW hat. Asylanten  und Bummelanten, Querulanten und Intriganten. Die konnte man in einen Topf werfen und den Deckel draufhalten. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Aber Flüchltinge? Das Wort ist unerträglich vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit, wo Deutsche auch Flüchtlinge waren oder hätten sein müssen.
Da kommt das Wort Fliehkräfte schon besser an.
Das klingt wie Fachkräfte. Fachkräfte für Migration etwa, oder Fachkräfte für Lagerlogistik.
Fliehkräfte, das klingt kompetent und lebenstüchtig, da weiß man, dass die es alleine schaffen, was wir nicht schaffen, auch wenn es die Kanzlerin zur Litanei gemacht hat.
Fliehkräfte sind wie Fachkräfte sind wie Arbeitskräfte, und die kann man nach Bedarf freisetzen. Wie es die Wirtschaft nennt. Nicht ausweisen. Fachkräfte weist man nicht aus, man entlässt sie nicht mal, von ihren Verpflichtungen etwa, man setzt sie frei. Als seien sie vorher inhaftiert gewesen, und jetzt tut man ihnen etwas Gutes. Das Freisetzen der Fliehkräfte, da brummt auch der Seehofer zufrieden. Glückwunsch der christlich-sozialen Gesinnung! Und der christlich-demokratischen! Wenn man die Umstände nicht ändern will, dann wenigstens die Wörter. Damit die Welt besser wird, gib ihr einfach einen anderen Namen. Fliehkräfte. Warum ist da nicht schon eher jemand daruf gekommen, dann hätten wir uns das Debakel um Schaffenwir, Ausgleich und Obergrenzen sparen können, und niemand hätte sich einer kriegstreiberischen Türkei anbiedern müssen, die jetzt mit 6 Milliarden Euros in Saus und Braus leben kann, bzw. sich intensiver dem Kurdenproblem widmet. Fliehkräfte. Man kann nur hoffen, dass nicht eines Tages Europa und der Rest der Welt aus der Kurve fliegen.

Traumatische Träume

Es heulte der Wind und mir träumte, es wäre schon wieder Weihnachten, obwohl noch gar nicht Sommer gewesen war. Der Weihnachtsmann trat mir in Stanniol entgegen und sein Kopf wirkte irgendwie eingeknickt. Vielleicht hatte man mit ihm "Weihnachtsmannschlachten" gespielt und mir fiel ein, dass ich auch gerne diese Spiel gespielt hatte, aber immer nur zur Vorweihnachtszeit und ganz knapp nach dem Fest, wenn die rotbemantelten Sackträger ihre Schuldigkeit getan hatten und gehen konnten.
Gern brach ich dem Schokokerl das Genick durch einen kräftigen Daumendruck, oder den Kehlkopf durch denselben Druck auf der Gegenseite. Die Kollegin ließ gern die Brust und Bauchseite  krachen und schlug manchmal mit der Faust auf die Figur, was mir aber irgendwie immer leid tat. Ein Weihnachtsmann sollte nicht leiden. Auch der Jäger versetzt dem Wild den Gnadenstoß, der, schnell geführt, das Leiden beendet und gleichzeitig eine gute Mahlzeit auf den Tisch bringt. So sollte das hier auch sein. Aber die Kollegin musste wohl kompensieren oder projizieren, auf jeden Fall etwas Psychologisches verarbeiten.
Und jetzt im Traum der Weihnachtsmann! Eine Art Schnee, wie aus ultraleichten Erdnussflips bestehend, rieselt herab und gab dem Ganzen ein merkwürdig sattes Flair. Vielleicht nicht Flair, eher eine Missstimmung. Ich beschloss, mich demnächst nach dem Erwachen sofort um das Erlernen des Luziden Träumens zu kümmern, denn da könnte man jeden Traum nach seinen Vorstellungen beeinflussen und im Notfall auch beenden, weil man ja wüsste, dass man träumte und was man träumte und dass man vielleicht den größten Blödsinn erlebte. Osterhase. Dem Weihnachtsmann was auf die Nase, dann wird es doch ein Osterhase! So reimte ich lautlos, und das passte in die Jahreszeit.
Ein Anfang war gemacht.

Georg Krakl - Ernst Jünger 1998

Auch Ernst Jünger wurde älter
und nach Stahlgewittern
langsam kälter
bis zum großen Zittern
vor dem Tod
dass mensch nicht fällt im Feld
nicht auf dem Schlachtplatz dieser Welt
sondern im Bett.
Solch Sterben
macht euch keine Kerben
in das Holz der kalten Waffen.
Bett, das bleibt wohl nur den Schlaffen.
Wir, die Straffen
wollen aufrecht bleiben
und  uns notfalls selbst entleiben.
Den Helden formt der Tod.
Das ist sein täglich Brot.
Ernst Jünger wurde älter
und dann alt.
Zuletzt nur kälter
und jetzt - neunzehnachtundneunzig -  kalt.


(Gott sei's gepriesen,
der Tod holt auch die Miesen.)

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Gruppentreffs stärken den Gruppenzusammenhalt

Schon wieder Gruppentreff, er hielt es nicht mehr aus, jede Woche die langweiligen Gesichter, die abgeschmackten Kleider, die pappig-vergelten Frisuren, der traurige Blick und die feuchten Hände. Gruppentreffs stärken das Gemeinschaftsgefühl, hatte der Therapeut gesagt, ja, hallo, welche Gemeinschaft? Gemeinsam gemein sein? War es das? Hier dachte doch jeder nur an sich, alle waren doch hier, um sich dieses verschissene Gruppengefühl zu holen, damit sie nicht zu Hause in der Sofaecke versauerten, damit sie sich nicht abgetrennt von der Welt fühlen mussten, dafür nahm jeder diese üblen Gestalten in Kauf, die alle am selben Problem litten. Was aber war das Problem? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Irgendwie waren sie zusammengekommen, irgendwer hatte mal die Leitung gehabt, der war dann abgehauen, hatte sich aus dem Staub gemacht. Seitdem hatten sie sich aus Gewohnheit getroffen, ohne noch zu wissen, warum. Eine Stunde standen sie herum und starrten die Wände und den Fleck auf dem Lackschuh des Gegenüber an. Was war das Problem? Waren das hier die Anonymen Amnesietiker? Alles vergessen, oder was? Hinterher ging er immer einen trinken. Allein, natürlich. Anonymer Alkoholiker konnte er wohl nicht sein. Obwohl - in der Kneipe kannte er auch keinen, kannte ihn keiner. Anonym war er schon.
Was ist euer Problem?,brüllte es plötzlich aus ihm heraus. Halt's Maul, kam es leise zurück. Klappe. Schnauze. Halt die Fresse. Leise und zischend, so als habe er die Mittagsruhe in der Geschlossenen gestört. Dann eben nicht, dachte er und schwieg. Noch zehn Minuten, dann würde er einen trinken gehen. Vielleicht würde er den Wirt ansprechen und ihm seinen Namen sagen. Hauptsache nicht Anonymer Alkoholiker. Es war zum Heulen, aber die Blöße würde er sich nicht geben.

Im Spiegel

Bijonzi-Ravenna stand vor dem Spiegel und betrachtete sich. Wie es wohl ist, mich zu küssen?, fragte sie sich und presste ihre Lippen an das Glas. Mit der Zunge fuhr sie über die glatte Fläche und dachte: Wundersam glatt. Und kühl, fast kalt schon. Und man kommt auch gar nicht richtig weiter. Und alles so seitenverkehrt. Ja. Seitenverkehrt. Da wurde Bijonzi-Ravenna ganz traurig und begann sich zu schminken. Sei nicht traurig, Bijonzi-Ravenna, sagte sich Bijonzi-Ravenna, als sie den Kajal-Stift ansetzte, du musst dich ja nicht küssen. Das sollen andere tun.
Und damit wurde es doch noch ein schöner Tag.

Tod, wo ist dein Stengel ?(2)

Mensch: Du, Tod, man fragt doch so allgemein, Tod, wo ist dein Stängel?
Tod: Es heißt: Tod, wo ist dein Stachel.
Mensch: Was ich wissen wollte, ist, wie schreibt man eigentlich Stängel?
Tod: Es heißt Stachel.
Mensch: Schreibt man denn Stängel mit e oder mit ä?
Tod: Stachel.
Nein, Stängel.
Tod: Stachel.
Mensch: Stängel
Tod: Stachel.
Mensch: Stängel.
Tod: Stachel. Es heißt Stachel. Stachel. Stachel. Nicht Stängel.
Mensch: Ist ja auch egal.
Tod: Nein, ist es nicht.
Mensch: Meinetwegen auch das. Dafür bin ich jetzt aber der Klügere.
Tod: Ich glaube, es geht los.
Mensch: Ich habe nachgegeben.
Tod: Wann das denn?
Mensch: Eben gerade. Und es heißt: Der Klügere gibt nach.
Tod: Der Klügere sein, aber nicht wissen, wie man Stängel schreibt.
Mensch: Ich dachte es heißt Stachel.
Tod: Es reicht gleich.
Mensch: Stachel schreibt man mit a.
Tod: Das hat niemand bestritten.
Mensch: Und Stängel?
Tod: Stängel schreibt man mit ä, kommt von Stange.
Mensch: Ich dachte, man schreibt Stengel mit e.
Tod: Warum fragst du, wenn du alles besser weißt?
Mensch: Ich weiß es ja nicht, aber ich kenne  Stengel nur mit e.
Tod: Neue Rechtschreibung. Gilt seit Anfang 2000. Stängel kommt von Stange. Wird mit ä geschrieben.
Mensch: Und deinen Stengel, schreibt man den mit e?
Tod: Aus. Feierabend, es reicht, finito. Ich hol jetzt meinen Stachel.
Mensch: Bringst du den Stängel auch mit? Oder ist das sogar eine Stange?




Woran ich denke, wenn ich denke

Liebes Tagebuch!
Ich denke so viel und so oft. Nur am Morgen bin ich etwas schwerfällig, besonders beim Zeitungslesen. Heute morgen geht es gleich los: Heilfasten lässt Pfunde furzeln, lese ich, weil sich nach Fund eben ein furzeln anbietet, gemeint war aber purzeln, dass Pfunde purzeln. Ich hatte früher Schwierigkeiten einen Pruzelbaum zu machen, wohin die Pfunde purzeln, weiß ich nicht. Heute morgen scheine ich viel im unteren Bereich des menschlichen Körpers zu denken, auf einem Foto, an einem Bootsanleger geschossen, lese ich, dass die Slipeinlage für Wasserfahrzeuge gesperrt ist. Das Schild müsste bei dieser lustigen Verwechslung wahrscheinlich lachen, wenn es könnte, denn auf ihm stand das Wort Slipanlage. Ich konnte mir nur zusammenreimen, was eine Slipanlage ist. Mein Finanzberater hätte wohl nicht zu einer solchen geraten, und es schied wohl auch ein größeres Objekt, eine Anlage eben, mit tausend Slips befüllt, aus, vielmehr drehte es sich  um eine Art Gleitanlage für Boote, damit diese besser ins Nasse kommen können. Warum eine Gleitanlage - könnte man nicht Rutsche sagen? - warum also eine Gleitanlage Slipanlage heißen muss, ist mir nicht bekannt. Der Slip hieß früher Schlüpfer, und das ist ein deutsches Wort, das jeder versteht. Schlüpferanlage klingt aber  nicht gut. Vielleicht ist das europaweit normiert, damit auch der Österreicher genauso wie jeder andere Europäer sein Boot gleiten  lassen kann.
Als ich im Auto zur Arbeitsstelle fuhr, sagte die Ansagerin, dass man mit großer Mühe das Asylpaket eingetütet habe. Sonst heißt es immer, dass ein Paket geschnürt wurde, was aber keiner mehr macht, die meisten kleben ihr Paket mit Paketklebeband zu, was ja auch reicht. Das Asylpaket mit großer Mühe zugeklebt - wie klingt das denn? Auch wenn dieser bildhafte Ausdruck mal was Neues wäre und der Wirklichkeit entspräche, so klingt er eher lächerlich. Man weiß ja auch nicht, wie groß das Paket ist. Es kann allerdings auch nicht groß sein, wenn es in eine Tüte passt. Das Asylpaket wurde mit großer Mühe eingetütet. Ich wusste nicht, dass man Pakete in Tüten steckt. Trägt man die dann in diesen zur Post, um sie dort auszutüten und aufzugeben? Das Asylpaket ist mit großer Mühe aufgegeben worden, das klingt verständlich und irgendwie ehrlich. Ein Paket zukleben und aufgeben. Überhaupt die ganze Asylgeschichte aufgeben, weil die ja im Paket steckt. Arme Flüchltinge!Armes Deutschland!
Nach Feierabend habe ich noch ferngesehen und von der Trennung eines Prominentenehepaares gehört und gesehen. Die Namen habe ich vergessen, weil mich ein Zitat der beiden irritierte: Wir haben uns getrennt, weil unsere Lebensmittelpunkte wohl zu weit voneinander entfernt waren. Ich musste sofort an Rabattmarken denke und Klebehefte, und dass die beiden wohl beide Sammler waren, vielleicht um eine teflonbeschichtete Pfanne als Treueprämie 10 € günstiger zu bekommen, und irgendwie hatten sie diese Lebensmittelpunkte zu weit auseinander geklebt, sodass das Rabattheft nicht korrekt beklebt war und damit die Prämie hinfällig, auf die die beiden sich so gefreut hatten. Das ist vielleicht ein Grund, sich zu trennen. Auf jeden Fall kommt man mit einem solchen Zitat ins Fernsehen. Vielleicht ist das auch von Edeka gesponsort worden. Ich musste dann an die armen Verkäuferinnen denken, die tausendmal am Tag fragen: Haben Sie die Deutschlandkarte?
Ich will  immer antworten: Welchen Ort suchen sie denn? Vielleicht kann ich Ihnen auch so helfen. Nein, denke ich überhaupt nicht, ich denke, vielleicht kaufe ich mir eine Schirmmütze, auf der steht "Ich habe keine Deutschlandkarte und will auch keine haben, ich habe nie eine besessen und ich hasse es, Sammelpunkte zu sammeln, weil man sonst nichts mit ihnen machen kann, und ich möchte auch nicht gefragt werden, ob ich eine Deutschlandkarte habe, hatte oder haben wollen gehabt werde. Ruhe! Was muss ich zahlen?" Leider passt soviel Text nicht auf eine Mütze, und wenn, dann wäre es sehr kleingedruckt und könnte von der Frau an der Kasse nicht gelesen werden, weil die ja sitzen bleibt und nicht aufsteht, um meine Mütze zu lesen.
Ich glaube, ich höre jetzt auf zu schreiben, weil schon wieder Dinge denke, die ich vorhin noch nicht gedacht habe, und dadurch das, was ich vorhin gedacht habe, vielleicht vergesse. Bis morgen, liebes Tagebuch!

Lücken im Alltag

Vladimir Malewisch: Lücken im Alltag (2016)
Manchmal fehlt uns was im Alltag, es befinden sich Lücken an Stellen, wo wir dringend Informationen bräuchten und wir irren umher, um diese Lücken zu füllen, mit Lückenfüllern vielleicht, und wir fragen uns, was ist eigentlich ein Lückenfüller und womit ist der eigentlich befüllt, damit er unsere problematischen Löcher im Alltag reparaiert? Wird er mit einer Patrone geladen oder mittels Fass und Schraubpumpe auf Vordermann gebracht, um dann seine Aufgabe erfüllen zu können? Gibt es einen Erfüllungsgehilfen, oder heißt der richtig Befüllungsgehilfe? Wo kauft man den Inhalt von Patrone und Fass, bzw. diese beiden mit dem magischen Inhalt, der den Alltag vollständig macht. Wir stellen fest, dass dieses Wissen fehlt, und dass es selber eine Lücke ist, eventuell sind es sogar drei oder vier.
Wir irren weiter umher und suchen den Füller, ohne zu wissen, dass es ihn gar nicht gibt, nicht von Lamy, nicht von Pelikan, und schon gar nicht von Geha, die sind nämlich pleite, was aber so ziemlich egal ist. Möglicherweise sollte wir froh sein, dass unsere Lücken nicht gefüllt werden, denn dann könnte man die Wirrniss des Alltags erkennen, wäre verstört ob der schrillen Buntheit und verworrenen Linieführung, ob der unstrukturierten Pinselführung des Lebens, das sich erlaubt, mit fettem Strich durch unsere Rechnungen zu malen.
Seien wir froh, dass wir nicht alles erkennen, denn dann wären wir vielleicht Lückenbüßer, die für das nicht Vorhandene die Rechnung zu zahlen hätten.
Also: Es muss nicht immer alles komplett sein. Oft reicht es, wenn es das Kartoffelpüree aus dem Paket ist. Den Rest denkt man sich einfach dazu, denn dazu sollte das Gehirn eigentlich da sein, wenn es denn da ist.

Wo bitteschön liegt Mendocino?

Auf der Straße nach Mendocino, sang Michael Holm damals, ein schmaler Kerl mit seltsamer Frisur, die wirkte als, wären die Haare immer schnell fettig und müssten ständig gewaschen werden. Bei Fernsehauftritten waren sie natürlich gewaschen, und deshalb machte Michael Holm immer einen ordentlichen Eindruck bei Frauen, die einen anderen Partner suchen. Er sah aus wie frisch geduscht und parat für eine keimfreie Umarmung. Er hätte gut der freundliche Verkäufer aus der Drogerie sein können, der einem die Fehler auf seinen Urlaubsfotos erklärte, ohne, dass man ihn darum gebeten hatte. Er wollte einfach freundlich sein.
Wo liegt denn Mendocino?, fragten wir uns, weil wir keine Ahnung hatten, als wir den Song im Original und auf Englisch hörten, wir, die wir nur rudimentär Englisch sprachen. Das Rätsel wurde von einem Quintett von Langhaarigen dargeboten, die wie dauerbekifft aussahen, wie wir später feststellten, nachdem wir mehr über Softdrogen erfahren hatten. Mendocino war ein Rätsel für uns, aber intuitiv spürten wir, dass das Lied aus lediglich zwei Akkorden bestand und damit überschaubar war. Anfänger im Gitarrespiel hätten gute Chancen gehabt, bei dem Lied mitspielen zu können.
Trotz aller Schlichtheit der Struktur blieb das Mysterium: Wo liegt Mendocino?
Und dann kam Michael Holm, der uns erklärte, dass es eine Straße nach San Fernando gab. Da stieg ein Mädchen ins Auto, die wollte nach Mendocino. Jetzt hatten wir schon zwei Orte, deren geographische Lage wir nicht kannten und natürlich auch kein Internet, um mal nachzugooglen, was da los war.
Jener frisch geduschte Michael Holm sah jedenfalls die Augen, die Haare und zwei goldene Spangen des Mädchens, die gleichzeitig einräumte, sie sähe jenen Holm gerne wieder. Just in diesem Augenblick vergaß der Sänger jedoch ihren Namen. Irgendwie musste das Mädchen mit dem an Amnesie leidenden Holm doch nach Mendocino geraten und ausgestiegen sein.
Die Lage des Ortes blieb dem Sänger im Gedächtnis, wie er dort hingekommen war, bleibt uns verborgen. Da er den Namen der jungen Frau nicht erinnern konnte, aber wohl das eindeutige Angebot eines weiteren Treffens, das ihm 1000 Küsse versprach und wohl auch noch etwas mehr, fuhr er dann ständig nach Mendocino und fragte die Menschen an den Türen, ob sie jenes Mädchen ohne Namen kennten. Hier haben alle Namen, war die schroffe Antwort genervter Dörfler in Mendocino, die es allmählich leid waren, immer dieselbe Frage zu hören, auf die es keine Antwort gab.
Mittlerweile schließen sich die Türen und man hört die Bärte der Schlüssel in den Löchern knacken, wenn Michael Holm in seinem PKW von der Straße nach Fernando in den Ort Mendocino abbiegt.
Dem Sänger bleibt die bittere Erkenntnis, dass keiner sein Mädchen ohne Namen kennt in Mendocino.
Michael Holm hat uns aber mit seinem traurigen Lied geholfen, in die raue Welt des Beats zu gelangen und festzustellen, dass nicht alles, was wie Englisch klingt, auch einen Sinn ergib oder besser als ein deutscher Schlager ist. Manchmal macht es nur die Frisur, und da hatte Michael Holm eindeutig punkten können.


Der Verschluckplattenspieler der 60er Jahre

Onkel Horst hatte einen Verschluckplattenspieler, in dem Singleplatten verschwanden. Immer hatte sich Bodo gefragt, was in diesem geheimen Kasten hinter dem magischen Schlitz passierte. Der Onkel und manchmal der Cousin, des Onkels Sohn, der vier Jahre älter war als Bodo, steckten eine Schlagerplatte in die schmale Öffnung, und es wirkte so, als ob der Apparat auch selbst mithülfe, indem er die schwarze Scheibe in sich sog. Was dann geschah, blieb dem Betrachter verborgen. Nach einigen Sekunden dröhnte Musik aus dem Kasten, immer die, die auch auf der Plattenhülle stand. Die Musik hatte unterschiedliche Qualität, aber gefiel dem Onkel. Alternativen gab es nicht, denn der Plattenschrank des Onkels war begrenzt. Die große Platten, auf denen sich bis zu 4o Minuten Musik befanden, passten nicht in den Kasten und blieben stumm. Auf den kleinen befanden sich Stücke, die man häufig im Radio hörte und durch das Hilfsmittel des Verschluckplattenspielers jederzeit zum Hören gebracht werden konnte. Der Verschluckplattenspieler sorgte dafür, dass man sich Musikstücke schneller überhörte, dass man ein feines und unangenehmes Zittern der Nerven spürte, wenn das Stück "schon wieder" im Radio gespielt wurde.
Was aber der Verschluckplattenspieler mit den Platten machte, wenn sie durch seinen Schlitz gedrungen waren, das blieb geheim.
Am Ende des Stückes spuckte er die schwarzen Platten aber immer wieder aus, so, als hätte er sie über.

Literaturzitat:Der Morgen des Abendlandes

Malewisch: Hingeschmierter Morgen (2016)  

Wie ein Fluß goldener Lava ergoss sich das Licht in die Landschaft und ich wusste: Es war Morgen. Das Abendland hatte dicht gemacht, auch wenn alle Farben vorhanden waren: Schwarz, Rot, Gold und das verhasste Weiß, aus dem die Spaziergänger die Reichsflagge basteln wollten, indem sie das Gold einschmölzen und in die Schweiz karren würden.
Nun aber hatten sie sich die Finger verbrannt und schauten aus tumben Augen in dumpfen Schädeln auf das Ende, der ein Anfang war...( Aus: Brechmeier, Rolle - Als ich meinen Arsch vor der Pegida gerettet gehabt hatte, S.296, Leipzig und Dresden 2017)

Quasimir Malewisch: Blick aus dem Fenster bei unbedeckter Rückfront und Hang zur Weite (2016)

Malewisch, dieser Flächendecker mit Hang zu überlangen Titeln hat mal wieder - mal! wieder - zugeschlagen, was heißt, er hat mit seinem Flächenpinsel eine Fototapete übergetüncht und dabei eine prägnante Stelle als Blickfang freigelassen. Vielleicht ist ihm aber nur die Farbe ausgegangen. Die kryptischen Titel seiner sogenannten Werke stoßen eher ab als auf, Hang zur Weite, was soll das denn sein? Unbedeckte Rückfront, das ist doch ein Widerspruch in sich. Da lob ich mir doch lieber das Malen nach Zahlen, da muss man zwar nicht rechnen können, aber wenigstens zählen. (Aus: Malen und Zahlen, Heft 1, 2016, S.5)

Gedicht mit „Pils und Pelz und pulst“ drin



Wenn’s an der Theke richtig pilst,
will sagen, Pils auf Pils rinnt in die Kehle,
dann umarmt und herzt die eine schnell die andere Seele,
und die kalte Frau im Pelz, sie schmilzt.

Dem Manne, der ein Pils verschluckt,
und in den Pelz reinguckt,
dem pulst
Das Blut und sorgt
ganz gut
für eine temporäre Unterleibsgeschwulst.

Das Herzgewummer wird zum Shittpuls
angesichts des Hunds der Dame, eines braungefleckten Pittbulls.

Das Pils, das will der Mann jetzt ohne Pelz und Puls genießen,
die schmilzend’ Frau wird wohl zu Boden fließen
müssen,
dahin, wo jener Pittbull liegt auf seinem Pitbullkissen.

Hoffnung im Alter

Seit ich nicht mehr hören kann,
was ich sage,
gehe ich mir nicht mehr so auf die Nerven.

Das Leben ist friedlicher geworden.
Aber auch einsamer.

Wörterbuch: Bierrhythmus

Ich habe die Blase voll davon!
Das ist nicht mein Bierrhythmus.

Georg Krakl - Pulsgedicht


Schittpuls
im Angesicht des Pitbulls.
Das Frauchen dieses Kampfhunds sitzt im Pelz
an der Theke in der  Linken schwebt ein Pils
und ihr Lächeln! große Zähne, weißer Schmelz.
Pilz und Pelz. Und Puls!
Pilz und Pelz und Puls.
Schittpuls.
Angesichts des Pittbulls.

Der König und sein Huhn: Hühnersuppe


König: Na, Huhn, heute schon das Ei für den König gelegt?
Huhn: Ich lege die Eier in erster Linie für mich. 
König: Du wirst schon wieder unverschämt. 
Huhn: Die Eier wollen eben raus, ob für den König, ob für den Eigenbedarf. 
König: Das könntest du auch angemessener ausdrücken. 
Huhn: Wenn’s doch so ist. Und überhaupt: Was heißt denn angemessen?
König: Dass der König das Gefühl hat, dass er respektiert wird, dass seine Untertanen ihn lieben, aber auch fürchten. Erst dann kann ein König herrschen zum Wohle der Untertanen. 
Huhn: Warum willst du denn das Ei?
König: Ich esse täglich ein Ei. 
Huhn: Das soll gerecht sein? Und das Volk?
König: Das Volk hat seine eigenen Eier. 
Huhn: Und wo kommen die her?
König: Natürlich von Hühnern, dumme Frage. 
Huhn: Seit wann das denn?
König: Werd nicht frech!
Huhn: Jetzt kommt die Nummer wieder. Wenn der König nicht weiterweiß, sind andere gleich frech.
König: Wo bleibt mein Ei?
Huhn: Keine Ahnung, hattest du denn mal eins?
König: Das geht dich gar nichts an. 
Huhn: Aber meins haben wollen.
König: Jetzt wirst du unverschämt.  Zum Henker mit dir!
Huhn: Stehst wohl auf Frikassée.
König: Henker! Ich lasse Hühnersuppe aus dir machen!
Huhn: Zur Hühnersuppe gehören immer zwei.
König: Henker!
Huhn: Hühner ist nämlich Plural. Aus mir kannst du nur Huhnsuppe machen.
König: Henker! Henker!
Huhn: Das Königreich der Richter und Henker. Witzig.
König: Henker, der König wünscht Huhnsuppe!
Huhn: Korrekt. Huhnsuppe aus einem Huhn.
König: Henker!
Huhn: Nicht mal der kommt. Toller König!
König: Es ist zum Verzweifeln. Ein guter König braucht einen Henker. Ich kann doch nicht alles selber machen.
Huhn: König, ich bin dann mal weg. Das kann ja dauern, bis der Kollege da ist.
König: Du bleibst hier.
Huhn: Ich geh kurz ein Ei legen. Gib dem König was des Königs ist. Steht schon in der Bibel.

Georg Krakl - Gedicht mit Genmanipulation drin

Wir lieben  roten Klatschmohn,
und meiden doch den Matsch-Klon.



Der König und sein Huhn: Majestät, Herr König

Huhn: König?
König: Majestät, so viel Zeit muss sein.
Huhn: Was ist eigentlich ein guter König?
König: Na, ich.
Huhn: Aha.
König: Ich sorge für dich. Das macht einen guten König aus. Der sorgt für seine Untertanen und seine Hühner. Der sorgt sich um....
Huhn(unterbricht): Jetzt keine Regierungserklärung. Ich wollte nur wissen, was ein guter König ist.
König: Na, ich. Habe ich doch gesagt. Weil ich für dich sorge.
Huhn: Mir kommt vor, dass ich für dich sorge.
König: Wie kommst du denn darauf?
Huhn: Ich lege die Eier und du isst sie.
König: Andersrum wäre absurd.
Huhn: Wenn ich aber die Eier lege und für dich sorge, warum bin ich dann nicht König?
König: Weil ich der König bin.
Huhn: Das ist ja sehr überzeugend.
König: Ich gebe dir Schutz.
Huhn: Und wovor schützt du mich?
König: Dass dir keiner was zuleide tut.
Huhn:  Wer sollte das sein?
König: Der Henker zum Beispiel.
Huhn: Warum sollte mir der etwas tun?
König: Weil du keine Eier mehr legst.
Huhn: Warum sollte ich das tun?
König: Keine Ahnung. Aus Trotz vielleicht?
Huhn: Aber es sind doch meine Eier. Da kann ich doch entscheiden, ob oder wann ich sie lege.
König: Die Eier gehören dem König.
Huhn: Wieso?
König: Das war schon immer so. Ein König ohne Eier ist wie ein Fahrrad ohne Kette. Wie Steuer ohne Erklärung. Wie Buch ohne Haltung. Für die Eier gewähre ich Schutz.
Huhn: Schutz vor dem Henker, der mir was antäte, wenn ich keine Eier mehr legte, die dem König gehören?
König: Jepp!
Huhn: Aber wenn mir der Henker etwas antut, dann kann ich doch auch keine Eier mehr legen.
König: Das liegt an der Struktur der Monarchie.
Huhn: Und dann?
König: Ein Huhn, das keine Eier mehr legt, kommt in die Suppe.
Huhn: ----
König: Wo gehst du hin?
Huhn: Ich geh erst mal ein Ei legen.


Georg Krakl - Finanzmarkt

Die Gans quarkt
Finanzmarkt

Was will der alte Allyriker Krakl sagen?
Er ist sich nicht zu schade, auf Markt mit quarkt zu reimen.
Ein Versehen, oder eine stille  Kritik an den Gebahren der dem Finanzmarkt Verfallenen?
Die Gans quakt - nimmt man den Satz als Metapher, so wird das Banale unserer Gegenwart deutlich. Auch wenn die Gans dem Schäferhund als Wachtier überlegen ist, so hält man ihr Gequake doch eher für Blödsinn. Die Gans regt sich auf, die Gans schnattert, die Gans quakt. Viel Lärm um nichts.
Und jetzt kommt Krakl und lässt die Gans quarken. Was für ein Quark, soll der Leser denken, kann der nicht reimen? Das will ein Lyriker sein?
Zu früh gefreut. Krakl lässt hier feinsinnig eine Gans tun, was nur die Milch kann, was selbst dem Quark nicht möglich ist, nämlich zu quarken. Es säuert, es gärt, das Flüssige wird greifbar, auch wenn es merkwürdig schmeckt. Wir sind sauer auf die Finanzmärkte, auf denen wir abgezockt  werden, auf denen sich Glücksritter tummeln, die Profite kassieren wollen, während wir das Portemonnaie öffnen
und missbraucht werden, das Risiko zu tragen und die Verluste mit ehrlichem Geld zu begleichen.
Was für ein Quark, quarkt die Gans und wir müssen ihr Recht geben, denn wir sind in der selben Rolle, wir sind gesellschaftlich die dumme Gans, die sich diesen Quark servieren lässt und die nichts tun will und nichts tun kann. Die Profite bleiben privat, die Schulden werden vergesellschaftet.
Wir, die Gänse, sind nicht privat, wir sind die Masse, vielleicht Weihnachtsgänse, die man bei Bedarf schlachtet.
Die Gans quarkt
Finanzmarkt
Da muss kein Appell mehr kommen. Das lapidare "Finanzmarkt" brennt sich in die Hirne. Lasst  uns hoffen, dass nicht wesentliche Teile beschädigt sind und die Botschaft des Krakelschen Gedichts im Gehörgang oder den Nasennebenhöhlen hängenbleibt, sondern ankommt, Erkenntnis provoziert und Handeln nach sich zieht. Erkennen ohne zu handeln, das bringt nämlich gar nichts.

Sich mit einem Schäferhund bei Regenwetter anfreunden

Rex. Alle Hunde sollten Rex heißen.
Der Hund ist des Menschen bester Freund.
Es sei denn, er ist irgendwann mal gebissen worden. Der Mensch.
Hunde sind aber nicht nur Erleichterung, sondern könne  auch Aufgabe sein.
Wenn Fifi dreimal am Mittwoch auf den Perser gekackt hat, dann heißt es, Demut zu zeigen vor der Kreatur und mit der Plastikhundeexkrementeschaufel bzw. der Hundeexkrementeplastikschaufel vom Fressnapf oder aus dem Fachhandel für Tierhygiene und einem Napf mit Seifenwasser, einer Bürste und einem Lappen auf den Bodenbelag einzuwirken.
Der Hund kann ja nichts dafür, denn er ist ja ein Freund.
Nicht mal den Zechkumpanen vom Vorabend würde man mit der Schnauze in das Falschgemachte stecken, weil das den Hineingesteckten aggressiv machen würde und eben auch menschenverachtend ist.

Schäferhund
Da ist der Schäferhund.
Der soll mein Freund werden, denkt Klein-Uwe, und streckt vorsichtig die Hand aus.
Der Hund knurrt. Er weiß nicht, dass Klein-Uwe lieb ist.
Klein-Uwe denkt, warum muss es denn ein Schäferhund sein?  
Der Hund ist eine günstige Gelegenheit, sagt die Mutter.
Der Vater wünscht sich einen deutschen Schäferhund. Damit er einen Freund hat.
Der Hund ist doch nett, sagt die Mutter, und Klein-Uwe versucht Freundschaft zu schließen.
Der Hund kennt das Wort überhaupt nicht.
Der Hund stinkt.
Der Hund stinkt!, sagt Klein-Uwe.
Die Mutter schüttelt den Kopf: Das tut der nur bei Regen.
Aber es regnet doch überhaupt nicht, meint Klein-Uwe.
Irgendwo wird es schon regnen, sagt die Mutter, weil der Vater endlich einen Freund braucht.
Aber er stinkt, wiederholt Klein-Uwe.
Kannst du nicht hören? ,fragt die Mutter, der stinkt nicht. Und wenn er stinkt, dann regnet es irgendwo. Oder sollen wir wieder zum Ohren-Arzt?
Klein-Uwe schüttelt den Kopf.
Wie heißt denn der Hund? ,fragt Klein-Uwe.
Das ist doch erst mal egal, sagt die Mutter.
Aber der Hund knurrt, sagt Klein-Uwe.
Wenn er knurrt, will er nur spielen, sagt die Mutter.
Was kann er denn spielen?, fragt Klein-Uwe.
Die Mutter schweigt, dann sagt sie: Das musst du schon selber rausfinden.
Spitz, pass auf? , fragt Klein-Uwe.
Der Hund knurrt.
Das wohl nicht, sagt die Mutter, das ist ein Schäferhund.
Der Hund schnappt zu und Klein-Uwe schreit auf.
Mensch, ärgere dich nicht! ,sagt die Mutter, Mensch, ärgere dich nicht, sagt sie zu sich selbst.
Klein-Uwe weint. Der Hund sitzt kerzengerade und schaut irgendwie selbstgefällig drein.
Die Mutter schluckt. Gleich kommt Vater, sagt sie.
Der Hund kann ja nicht mal beim Maumau die Karten halten, flüstert Klein-Uwe.
Still jetzt!, sagt die Mutter.
Und überhaupt: Der stinkt, obwohl es nicht regnet, sagt Klein-Uwe noch leiser.
Der Hund knurrt.
Der Hund knurrt lauter.
Die Mutter sagt: Aus!
Der Hund knurrt.
Klein-Uwe weint.

Heute werden sie keine Freunde, weil es nirgendwo regnet, denkt die Mutter.
Der Vater ist nicht da.
Klein-Uwe weint.

Georg Krakl - Das Lachen der Fellachen

Wenn Fellachen
Sachen
machen
können sie bis 60 Stunden wachen
lassen es so richtig krachen
und dann hört man die Fellachen
herzhaft lachen.
Den Fellachen lachen hören
kann die schönste Frau betören.
Der Fellach
legt gerne flach.

Wenn die Pelztierjäger
Tiere in den Pelzen jagen,
wenn sie 60 Stunden lauern und dabei an Hühnerbeinen nagen,
wenn sie Tieren, ungeschoren,
ihre Felle ziehen über deren Ohren,
wenn sie richtig Kasse machen
hört man ihr FELLLachen.

Lieber als der Pelztierjäger Lachen
sind mir die Fellachen.

Schule: Appetitabregende Mitschüler

Berni hatte sich eingeschissen. Die Klasse stank. Die Klasse 1 stank. Bernie war zum zweiten Mal in dieser Klasse. Alle beäugten ihn und die Eltern munkelten, er sei nicht richtig. Wir Volksschulhirne folgerten: Nicht richtig heißt falsch. Seine große Schwester kam und holte ihn ab. Sie brachte ihn nach Hause, um Gestank und Ursache entfernen zu lassen. Bernie war wie eine Zeitbombe, auch wenn wir das Wort möglicherweise nicht kannten, aber er konnte jeden Moment losgehen, und der Gestank wäre wieder da gewesen.
Elsbeth lief eine Rotzspur aus der Nase bis auf die Lippe, die war gelblichgrün. Elsbeth war schmuddelig und roch, vielleicht weil sie in einem verfallenden Fachwerkhaus lebte und den Geruch angenommen hatte. Die Eltern waren schlichte Leute, der Vater ungelernter Arbeiter, Hilfsarbeiter hieß der früher, wie die Schüler, die nicht richtig waren, Hilfsschüler hießen, und man erzählte, die Eheleute hätten einmal sechs Richtige im Lotto gehabt, der Vater aber habe vergessen, den Schein abzugeben. Der klassische Fall und jeder rechnete, wie das Leben der drei aussähe, wenn der Schein seinen Weg in Lottoannahmestelle gefunden hätte. Manchmal, wenn der gelbgrüne Streifen zu lang war, leckte Elsbeth über die Lippe. An diesen Tagen brachte ich mein Schulbrot wieder mit nach Hause.
Steinhoff vier Jahre später auf dem Gymnasium schmierte seine Popel, nachdem er sie dem Nasenraum entnommen hatte und sich die Konsistenz als nicht rollbar erwies, gern an das Bein seiner Schulbank, oder, wenn das Objekt zu klein war, an seine dreiviertellange Lederhose. Er war der Einzige, der eine Hose aus Nappaleder trug und nicht eine aus rauem Leder, die nach und nach speckig wurde vom Händeabwischen. Niemand wollte gern in die Nähe seiner Bank, sprich in die Nähe des Tischbeins, noch seiner Lederhose kommen.
Steffensmeier ein paar Klassen später popelte auch und schob die Objekte dann, obwohl längst spätpubertierend, zwischen die Zähne, um  sich an ihrem salzigen Geschmack zu ergötzen.Gleichzeitig rieb er mit der anderen Hand an seiner Jeans herum, im Bereich zwischen den beiden Fronttaschen, legte die Haut an der Nasenwurzel in Falten und stieß dabei gelegentlich Luft durch die Nase aus, wenn nicht gerade der Finger drin war.Der penetrierende Finger und die reibende Hand schienen sich perfekt zu ergänzen.

Schule bereitet auf das Leben vor, und jeder weiß, wenn er ähnliche Erfahrungen gemacht hat, dass nicht alles schön ist, aber dass man das Appetitabregende aushalten kann, und dass der Appetit sich wieder einstellt; spätestens, wenn Hunger dazu kommt.