Mädchen mit buschigen Augenbrauen



Da umringen die Topmädels die Heidi und sie tragen alle diese waigelschen Augenbrauen, dick, borstig und wie sie vermutlich bei Tieren zu finden sind, die Heidi aber mit gezupftem Haar, fast nackt im Gesicht, so jugendlich, so menschlich, so untierisch, so unschuldig.
Die Mädels grienen verlegen und der Bertrachter denkt, wie alt, wie alt, wie archaisch, ob sie wohl überall diese üppige Behaarung pflegen?, oder ob sie nur am Kopf, so wie es Trend ist, diesem Haarkleid frönen und der Rest in vorpubertärem Zustand schlummert, an dem sie alle zwei Tage Messer anlegen müssen. Die Heidi so dünn und jung, dabei ist sie die Älteste und ihr Körper lässt Gebrauchsspuren durchschimmern.
Die Mädels, die um ihre Gunst ringen, tun alles um ihr zu gefallen, wenn nach dem Augenbewuchs die Ohrbehaarung drall und dunkel und üppig aus den Gehörgängen wuchern soll, dann lassen sie wuchern, denn sie wollen den Pott, den Preis, den Pokal, den Sieg.
Heidi aber will nur jung aussehen, will die Schönste sein, will die mit dem klaren Blick sein,  die auch im Gesicht Nackte sein, und das alles wirkt, wenn sie unter Waigelantinnen mit buschigen Augenbrauen weilt und wenn nötig, neben herausquellenden Ohrbüscheln  lächelt. 

Georg Krakl - Busreisen

Mit dem Imbus
Im Bus
Öffnete Heinz zehn Ladeluken
Fand dahinter je zehn Luderlaken
Darin eine Gruppe Schnaken
Und ein Kampfgeschwader Kakerlaken,
Die in Luderlaken hinter Ladeluken
Gerne tags und nächtens spuken.

Machst du eine Busreise
Mal in einem Reisebus
Dann ist Leisesein in Ladelukenluderlakennähe
Unbedingt ein Muss.


Georg Krakl - Fellachen

Die Fellachen
konnten so grell lachen
über Sachen,
die nicht lustig sind,
zum Beispiel übers Bärenkind
und recht erst übers Bärenfell,
sie lachten schnell.
Das Lachen der Fellachen war so pelzig,
und die Zähne, die sie zeigten, schmelzig.

Niemand lachte mit,
niemand machte mit.

Nur die Beduinen
zeigten leicht gequältes Grienen.




Rosa ist ein schöner Name

Liebes Tagebuch!
Ich habe mir überlegt, dass Rosa ein schöner Mädchenname ist.
Wer Rosa heißt, muss nämlich nicht auch noch Rosa tragen.
Der kann Blau anziehen und bleibt trotzdem geschlechtlich zu erkennen.

Rotkäppchen: Neues vom Wolf


Ich will das heute noch mal wiederholen, das ist doch ein Mythos, dass der Wolf rotkappige Mädchen frisst und deren Oma. Also, ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht. Wie gesagt, haben wir gern mal einen gekippt und dann unseren Spaß gehabt, wir haben "Fang den Hut!" und "Aus die Maus!" gespielt, und haben gelacht, dass die Leute immer dachten, das seien Kinderspiele. Die Mutter hat nach ein paar Wochen immer seltener Rotwein rausgerückt, weil sie wohl dachte, dass die Oma Alkoholikerin sein müsse. Quatsch! Die Oma hat nicht einen Tropfen von dem Zeug gesehen, geschweige denn getrunken. Auch vom Kuchen hat sie nichts abgekriegt. Meistens bin ich gar nicht hin zu ihr, weil es sowie schon spät war, wenn der Wolf und ich Feierabend gemacht haben. Der hat mich immer brav bis zum Waldrand gebracht, damit ich nicht belästigt oder überfallen werde. Das finde ich hochanständig von ihm; aber ich glaube, es ging ihm darum, dass ich auch die nächsten Wochen kommen könnte. Wer überfallen wird, hat nämlich meistens Stubenarrest, aus Sicherheitsgründen eben. Der Jäger, der nervte dann dauernd. Irgendwann hatte er uns entdeckt; wir spielten gerade Flaschendrehen mit Richtigküssen, und er wollte natürlich mitmachen. Nur, als der den Wolf küssen sollte, wurde er noch unangenehmer, weil er einen Wolfskuss gegen zwei von mir eintauschen wolltre. Der Wolf hat geknurrt, der Jäger sofort an die Flinte gefasst, und ich hab meine Sachen zusammengesucht und bin sofort nach Hause. Das war kein schöner Nachmittag. In der nächsten Woche habe ich mich mit dem Wolf am Pilzacker getroffen und wir haben überlegt, wie wir den Jäger austricksen könnten. Aber so richtig entspannend war das dann nicht mehr. Na, den Rest später.

Die Prinzessin hatte einen Frosch im Hals


Die Prinzessin hatte einen Frosch im Hals.
Sie hatte herumgemäkelt, ich mag den nicht und jenen auch nicht, ich will einen Rockstar, und keinen in Strumpfhosen auf einem weißen Pferd mit einer Feder am Hut.
Ich will keinen Lackaffen!, schrie sie und schmiss sich auf den Boden, trommelte mit ihren kleinen Prinzessinnenfäusten auf dem Parkett herum.

Es gab aber keine Rockstars, die eine Prinzessin wollte, schon gar keine, die mit nichts zufrieden war, die wollten lieber selber Prinzessin sein, oder wenigstens Prince.

So blieb nur der Frosch, der ihr ins Ohr geraunt hatte, er sei ein verwunschener Rockstar, sie müsse ihn nur küssen.
Schweren Herzens hatte die Prinzessin zu einem Kuss angesetzt, der Frosch hatte sofort sein breites Maul auf ihre roten Lippen gepresst und seine überlange, vom Fliegenfangen geschulte Zunge eingesetzt, um die Holde von sich zu überzeugen. So küssen nur verwunschene Rockstars!, war sein Lippenbekenntnis.

Die Prinzessin erschrak und wollte zu einem gewaltigen Schrei nach den Schlosswachen ausholen, atmete hektisch und tief ein, und zack, hatte sie einen Frosch im Hals, oder besser, diesen Kuss-Frosch im Hals.
So geht es mit Prinzessinnen, die den Hals nicht voll kriegen können, sagt ja auch der Volksmund.

Die Prinzessin würgte und würgte und versuchte zu schreien, aber der Frosch blieb, wo er war. Sein verzweifeltes Quaken in den Magen der Holden hinein klang wie Darmgeräusch.
Und die Prinzessin? Wenn sie nicht erstickt ist, würgt sie nach heute. Der Frosch, der ein verwunschener Rockstar sein wollte, konnte aber nicht mal Gitarre spielen.

Neulich beim Discounter

Konzentriert schiebe ich meinen Einkaufswagen durch die Gänge des wohnungsnahen Discounters. Meine Körperhaltung ist leicht geduckt; hoffentlich erkennt mich keiner dieser Pseudosozialbildungsbürger, die lieber Tante Emma hinter der Theke hätten, gegen Aufpreis versteht sich, und die sich weigern, beim Discounter einzukaufen, weil die Leute unter viel zu schlechten Bedingungen arbeiten müssen. Damit ist ihr soziales Gewissen beruhigt; dann muss man am ersten Mai nicht zur Gewerkschaftkundgebung. Früher gab es Ablassbriefe, heute kauft man sich im mittelständischen Supermarkt mit überhöhten Preisen frei. Wie die Mitarbeiter da behandelt werden, weiß man nicht. Tante Emma ist tot. Das kommt erschwerend dazu. Während ich so vor mich hin denke und eigentlich nach Kokosraspeln suche (ich habe bereits 7 Minuten über den Unterschied zwischen Kokosraspeln und Kokosflocken nachgedacht), immer noch in geduckter Haltung, immer noch mit schlechtem Gewissen, immer noch in der Angst, entdeckt zu werden, steht mir der Wagen eines etwa 25jährigen Mannes im Weg, der nach 110 kg Nettogwicht aussieht, gekleidet in modernen Blouson, Käppi, Jeans und Turnschuhe. Der 110-Kilo-Mann zieht seinen Wagen sofort weg und murmelt etwas, das ich als Bitteschön! oder Keinproblem! oder ähnlich Entschuldigendes höre. Ich wundere mich über die prompte Reaktion und die Worte; das hätte ich nicht erwartet, dass ein junger Mensch, der mit seinem Wagen im Weg steht, nicht nur reagiert, sondern auch noch mit mir spricht. Ich bin erfreut und konzentriere mich auf Kokosraspel oder -flocken. Im Weiterschieben höre ich, dass der 110-Kilo-Mann immer noch murmelt, lacht, säuselt, brabbelt, wispert, flüstert, dass er scheinbar weiterredet. Ich habe ihm doch eben mein Dankeschön zugeworfen, wieso spricht der immer noch? Er spricht mit sich selbst, nein, jetzt mit einer Dose Erbsen, dann mit einer Hautcreme und einer Tube Zahnpasta. Der Mann hat kein Handy in der Hand! Er nickt mit dem Kopf, als hätten die Dosen und Tuben ihm geantwortet. Ich bin besorgt, ich richte mich auf, Schluss mit dem schlechten Gewissen, Schluss mit Ducken, hier ist Hilfe gefordert! Ich drehe den Wagen, der noch immer ohne Kokosflocken ist, fahre zurück, in die Nähe des Schwergewichts, beobachte ihn, um eine anschließende Diagnose zu stellen. Der junge Mann redet weiter, blickt gedankenverloren in die Regale, seine Mimik verändert sich, er lacht, schaut ernst, nickt, schüttelt den Kopf, runzelt die Stirn. Das ist der Beginn einer ernsthaften psychischen Erkrankung, das könnte Anlass für eine Zwangseinweisung sein, schießt es mir durch den Kopf, was ist da zu tun? Den Amtsarzt bemühen, um einen richterlichen Beschluss zu erwirken; der Mann kann sich vielleicht zu einer Gefahr für sich und die ganze Kundschaft im Discounter entwickeln. Amoklauf! Ich bin wie erstarrt.
Während ich keinen Finger rühren kann, dreht sich der Plapperer um; mein Blick fällt auf einen zu großgeratenen Minikopfhörer mit einem kleinen Stiel, der zum Kinn führt, hängen. In meinem Hirn rattert es; was kann das sein. Irgendwo im Kopfarchiv treffe ich auf Headset und Mobiltelefon, durch die Kreuzung beider Begriffe, könnte das Objekt entstanden sein. Der Mann telefoniert und trägt sein Handy im Ohr! Er hat beide Hände frei zum Einkaufen. Und - viel schlimmer - er hat gar nicht mit mir gesprochen, sondern mit seiner Mutter, für die er einkaufen geht, damit sie ihm einen Geburtagskuchen backen kann.
Als ich wieder zu mir komme, bin ich tief enttäuscht von der heutigen jungen Generation und beschließe, nicht mehr im Discounter zu kaufen, aus Protest gegen die Gedankenlosigkeit und gegen die Entmenschlichung der Kommunikation und des Menschseins überhaupt.

Ich muss immer das letzte Wort haben


Das Auge der Wissenschaft im Alltag
Du musst immer das letzte Wort haben!, Das waren  vorwurfsvollen Worte der Erziehungsberechtigten und im Zögling reifte ein schlechtes Gewissen, so als sei es eine Straftat, das letzte Wort zu haben.
Später sollte sich herausstellen, dass es gut war, das letzte Wort zu haben, weil es gleichzeitig eine Demonstration von Macht war, ein Vorzeigen der Entscheidungsgewalt, ein Vorführen von Eloquenz: Dem fiel immer noch was ein, den konnte man nicht zum Schweigen bringen. Im positiven Fall der weiteren Entwicklung und Reifung zum Menschen kam ein engagierter, kritischer Verstand heraus, der permanent die Missstände der Gesellschaft anprangerte, im negativen Fall ein Politiker, was immer schon gleichbedeutend mit Opportunist war. Wenn man also die Chance hatte, das letzte Wort zu haben, nicht einmal auszusprechen -man musste es haben, das war Besitz und Waffe-  dann nutzte man sie auch. Als Politiker. 
Der Zögling aber dachte nicht nur über das aufkeimende schlechte Gewissen nach, sondern darüber, dass er den Satz "Du musst immer das letzte Wort haben!" natürlich mit einem "Stimmt doch gar nicht!" beantworten könnte, womit er die demütigende Aussage der Erwachsenen bestätigen müsste. Das wollte er nicht.
Wenn er aber schwieg, konnte es passieren, dass die Vorgesetzte, denn mehr war die Erziehungsberechtigte in diesem Kontext nicht in des Zöglings Augen, die Falsifizierung ihrer These, den Widerspruch ihrer Aussage, gar nicht wahrnahm, sondern in einer oft Erwachsenen eigenen Borniertheit, vielleicht Betriebsblindheit, gar nicht kapierte, dass sie gerade widerlegt worden war.
Eine stumme Falsifikation konnte möglicherweise die Erkenntnis blockieren oder sogar vollständig lähmen. Fatal in den Folgen: Die Erwachsenen würde immer so weiter machen und stumpf behaupten, er habe das letzte Wort immer, obwohl er bereits das tausendste Mal schwieg.
Also gab es nur die Flucht nach vorn: Eine provokante Äußerung musst getan werden, die die Dame nicht im Raum stehen lassen konnte, die sie wie durch einen immanente Zwang beantworten musste: Du hast doch immer das letzt Wort!
Auch wenn sich die Angesprochenen sprachlos fühlte, war doch sie derart enttäuscht sprachlos, dass sie sofort eine giftige Entgegnung los schleuderte und damit das Ziel des Zöglings erreichte, wenn auch ungewollt und vielleicht sogar unbewusst.
Wissenschaft im Alltag war ein hartes Stück Brot.
Geht doch!, rutschte dem Zögling heraus, und alle Mühe war umsonst gewesen.

Mit der Lochkamera unterwegs (2)

Sahara 2013.

Männerprobleme: Hängebauch

Irgendwann kommt er. Eine Frage der Zeit, eine Frage des Essens, eine Frage des Trinkens, eine Frage der mangelnden Bewegung, eine Frage der Männlichkeit. Wenn du deine Männlichkeit nicht mehr sehen kannst, dann ist es zu spät, lacht Wilma und Rupert stellt sich kurz taub.
Mann bleibt Mann, antwortete Rupert dann scheinbar gelassen, aber in seinem Inneren kocht. Unverschämtheit, was Wilma da von sich gibt, die mit ihrer Allesfresser- und Allesbrennerfigur. Die futtert und futtert, nimmt aber nicht zu. Das ist ungerecht.
Die Frage ist doch nicht, Bauch oder nicht Bauch!, fährt Rupert fort. Guck dir doch mal die Buddhas an, Schmerbäuche in Reinkultur! Dagegen bin ich ein Waisenknabe. Die schöpfen ihre Kraft aus dem Bauch, da ist das Hara, der Mittelpunkt ihres Seins, in der Mitte ruhen, in der Ruhe liegt die Kraft und da wird ja wohl was dran sein, sonst würden doch nicht Tausende in die Yoga- und Tai Chi-Kurse laufen, den Kranich machen oder den Berg schieben. Der Bauch ist Ausdruck von Weisheit.
Quatsch, nervt Wilma, der Bauch, nein, dein Bauch ist Ausdruck von drei Bier vor dem Fernseher jeden Abend, Ausdruck von Nackensteaks und fehlenden Turnschuhen im Schuhregal. Das ist eben kein Sixpack aus Muskeln.
Das ist ein Onepack, ergänzt Rupert leise.
Onepack, genau, Ausdruck von Mannsein.Von Wohlstand, das war mal in den Sechzigern, da wuchs der Speck aus Protest gegen die Bevormundung der Amerikaner, als Ausdruck von Wiederaufbau und Wohlstand. Das ist Vergangenheit. Heute gibt es überhaupt keinen Grund für einen Schwimmgürtel aus Hefeweizen und Schweinefleisch. Oder demonstrierst du gegen den Hunger auf der Welt?
Rupert versucht es mit einem Seitenthema: Die Frage ist doch eigentlich, ob ich den Gürtel der Cordhose unter dem Bauch trage oder drüber. Also, ich finde, drüber sieht hart aus, irgendwie bayrisch, behäbig, ungelenk, träge, dumm.
Würd ja passen, giftet Wilma weiter.
Also doch drunter, entscheidet sich Rupert, das hat etwas Lässiges, das zeigt eine Art Laid-back-Gefühl, wie der Rastaman nach einer Tüte hat, aber auch irgendwie buddha-artig ist das, weise, gelassen, ruhig. In mir ist die Ruhe, die Unerschütterlichkeit, die Sicherheit, dass alles gut ist. Das gibt dir doch auch was....
Ja,ja, wiegelt Wilma ab und weiß, dass die Diskussion zu nichts führt. Ich geh dann mal ins Fitnesscenter!
Heute Abend nur zwei Bierchen!, ruft Rupert hinterher. Das ist doch schon ein Anfang!

Kohl oder Hitler - Abstrakte Kunst


Neulich vor einem abstrakten Gemälde wusste ich nicht recht, was ich sehen sollte. Ich starrte auf die Farben und nichts Rechtes kristallisierte sich heraus, mit dem ich hätte etwas anfangen können.
Ich verweilte trotzdem oder gerade deswegen ein weiteres Weilchen vor der bemalten Leinwand und dann plötzlich sah ich Helmut Kohl, wie er verschmitzt durch die Farben lugte. Ich dachte daran, dass man das Wort lugen kaum noch benutzt, wohl aber das Wort lügen, und dass dieser Helmut Kohl, der sich gerne Wiedervereinigungskanzler nennen ließ, gelogen hatte, und es als seine Ehre ansah, Schwarzgeldhinterzieher nicht zu nennen. Das Wort Ehre verband ich dann mit dem Adjektiv ehrlich, und dass das am längsten währt. Kohl wollte seinen Kanzlerstuhl nie verlassen, wahrscheinlich um diese These zu stützen. Schließlich ging er doch und das Volk konnte sehen, dass der immerhin ein Meter neunzig große Kohl gar nicht so kurze Beine hatte, wie er aufgrund der Lügen hätte haben müssen. Schließlich löste ihn ein selbstverliebter Sozialdemokrat ab und den dann ein trauriges Mädchen aus der DDR, die das Aussitzen vom Dicken, wie der Kohl lieblos genannt wurde, von Birne, wie ihn die Spötter nannten, gelernt hatte.
Im Bild entdeckte ich keine weiteren Botschaften und so beschloss ich einen Kopfstand zu machen. Die neue Perspektive bescherte mir ein Hitlergesicht,und ich erschreckte, dass man Kohl auf den Kopf stellen konnte und Hitler erschien. Dann atmete ich auf, denn nicht das Bild oder der Kohl standen kopf, sondern ich. Beruhigend, dachte ich. Und dann hatte ich die schlüssige Botschaft: Du kannst dich auf den Kopf stellen, dann steckt in jedem Kohl auch ein Hitler, wie abstrakt dir das auch erscheinen mag. Rechts bleibt rechts, auch im Kopfstand.
Bei längerem Betrachten des abstrakten Gemäldes erkannte ich, dass abstrakte Gemälde mir persönlich zu abstrakt sind. Vielleicht sollte man es verbieten, buntes Geschmiere, das zufällig nach Kohl oder Hitler aussieht, als Bild zu bezeichnen und öffentlich in einem Museum auszuhängen. 

Heinrich Böller: Das Leben finden (Bruno und sein Rucksack)


Der Rucksack drückt, die Füße schmerzen, Bruno will weiter, Bruno will weg, von zu Hause, von allem, weg vom alten Leben, um ein neues Leben zu finden, weg vom Zwang, vom Eingezwängtsein, weg von den Erziehungsberechtigten, von den Vorschriften, den Anweisungen, den Empfehlungen, den Regeln, den Absurditäten, die die Luft rauben, die den Hals zuschnüren, den Leib erdrücken, die wie ein Haufen Mutterboden lasten, der dir auf dein Gesicht geworfen worden ist, denkt Bruno. Der dich erstickt.
Die Füße schmerzen, der Rucksack drückt, Bruno will weg, weg von sich, von dem, der er ist und war und sein soll. Bruno fängt an zu rennen, wo ist der Horizont, denkt er, da wo es weiter gehen soll? Da wo die Zukunft beginnt?
Der Rucksack drückt, denn in ihm hat Bruno das Vergangene aufbewahrt, falls er es noch einmal brauchen könnte. Bruno weiß, er sollte diesen Sack, diese Last, dieses alte Leben wegschmeißen, weit weg, in einen Abgrund, um nie wieder daran rühren zu müssen.
Da ist der Horizont, hier ist der Abgrund! Das Eine nicht ohne das Andere.
Den Rucksack endlich wegwerfen, die Last loswerden, denkt Bruno, den Sack einfach in den Abgrund fallen lassen! Langsam lässt Bruno den Rucksack auf den Boden gleiten, er spürt, wie er leicht wird, befreit, als könne er fliegen. Bruno hebt sich empor und fliegt und fliegt. Die Luft saust an seinen Wangen vorbei. Endlich frei, denkt Bruno, endlich unendlich endlich. Kurz vor dem Aufprall, denkt Bruno, dass er doch eigentlich den Rucksack hatte fliegen lassen wollen. Egal, Hauptsache weg mit dem Rucksack, schießt es Bruno in den Kopf. Er oder ich, das ist jetzt gleich gültig.
Der Aufprall ist kurz und hart und blutig. Brunos Glieder zerschmettert, der Schädel aufgeplatzt. Bruno lächelt. Das neue Leben im Tod gefunden.

(Zu Mozart: Violinkonzert Nr.3, Adagio)

Günter Krass - Die Parabel vom Drückfrosch


Drückfrosch drückte gern und ausgiebig, besonders Frauen. Er drückte sie alle, ob sie ihm nun bekannt waren oder nicht, es war ihm ein Anliegen, sie zu herzen und zu drücken, und er wollte natürlich auch, dass sie ihn drücken wollten.
Er empfand sich selbst als  Engel, der die Liebe in die Welt brachte, denn es gab keinen, der soviel drückte und herzte, keinen, der so nahe auf andere zuging, so schnell in deren Sphäre drang wie Drückfrosch. Er wusste, dass alle, und besonders Frauen, ein Bedürfnis auf Nähe hatten, dass sie es aber nicht artikulieren oder zeigen konnten, und dass er, Drückfrosch, den Mut hatte, den ersten Schritt zu tun.
Und wirklich, viele hatten sich drücken lassen.
Manche waren enttäuscht, wenn Drückfrosch sie einfach losließ, um eine andere zu drücken, nur weil diese eine Andere den Raum betrat. Drückfrosch drückte unbeirrt weiter, so als ob er eine innere Liste ausfüllte, die ihm eines Tages zeigen würde: Viel gedrückt, gut gedrückt, gut gemacht, bester Drückfrosch des Jahrhunderts!
Ich lasse mich nicht mehr von Drückfrosch drücken, dachten eines Tages viele, der ist mir zu lose, der hüpft von einer zur anderen und wenn es ernst wird, frisst er Fliegen und verschwindet oder quakt laut herum, er sei nicht der Richtige, vielleicht zum Drücken, aber keiner für die Ewigkeit.
Die Menschen, besonders die Frauen, blieben zurück mit ihrer Enttäuschung und beobachteten Drückfrosch aus der Distanz. Wenn eine Neue gedrückt wurde, dachten sie, na, die wird auch noch ihre Erfahrungen machen.
Nachdem Drückfrosch so viel gedrückt und gedrückt hatte, und so viele in seinen Armen sich hatten wohlfühlen müssen, sich hatten herzen lassen müssen, wollte Drückfrosch auch etwas zurück haben. Ich habe so viel Liebe geschenkt, wie ein kleiner Engel, quakte er laut oder leise und immer wieder, wann bekomme ich denn etwas zurück? Er quakte und quakte und quakte und die Menschen, besonders die Frauen, besannen sich und gingen, liefen, stürmten auf Drückfrosch zu, um ihn ihrerseits zu herzen und zu drücken. Nun waren es aber sehr viele, die solches taten, und Drückfrosch kam unter dieser Menge zu liegen, und wurde förmlich erdrückt von so viel Liebe, von so viel Drücken.
Am Ende des Herzens und Drückens war Drückfrosch platt. Er lag am Boden und hauchte sein Leben aus. Das Leben, die Menschen, besonders die Frauen, hatten ihn erdrückt.
Er war voller Trauer, denn er hatte sich etwas anderes gewünscht.
Drückt euch doch selbst, drückt euch ins Knie!, quakte er leise wie ein Hauch und enttäuscht schloss er die großen Augen zum letzten Mal.
Die Menschen, besonders die Frauen, drückten sich selbst, und wenn ein neuer Drückfrosch kam, dann waren sie vorsichtig und traten einen Schritt zurück.
Nur ins Knie drücken, das wollten die Menschen, und auch hier besonders die Frauen, nicht.





Karl Japsers: Kann man ein Loch ausschneiden?

Ein blaues Loch oder die neue Flagge von Japan?
Zuerst einmal muss man ein Loch definieren, und hier wird es ja schon schwierig, denn eigentlich gibt es gar kein Loch. Das Loch definiert sich nämlich über seine Umrandung, ohne diese wäre es ein Nichts. Und das Nichts ausschneiden geht nicht, das wussten wir schon als Kinder.
Vielmehr wenn man was ausschnitte, so wäre es die Umrandung, selbst wenn man ganz nahe am Loche schneiden würde, wenn sich die Entfernung zu diesem extrem Null nähern würde, so bliebe immer noch etwas Umrandung übrig, auch wenn die kaum sichtbar und mit der nächsten Wäsche im Fusselsieb verschwunden wäre.
Mit der Umrandung verschwände auch das Loch, obwohl es jetzt unendlich groß wäre. Es ist aber dann so groß, dass es niemand mehr als Loch erkennen könnte, sondern glaubte, er stünde vor dem Universum. In Wirklichkeit sieht der Betrachter aber jetzt das Universum durch ein unendliches Loch.
Ein Loch zunähen, das ginge schon eher.
Was aber wäre gewonnen, schnitte man ein Loch aus? Nur ein noch größeres Loch, und das sollte ja zu vermeiden sein, weil mit Nichtglück assoziiert.

Eskapismus: Die Flucht aus dem Alltag

Überall ist es schöner, nur hier nicht!

Dieser misslungene Einsatz des Komparativs kann einem das Leben versauern, wenn man ihn ständig hört und wenn man sich in die depressive-resignative Stimmung des Sprechenden ziehen lässt. Früher war alles besser, inklusive Zukunft, in anderen Ländern sowieso, überhaupt ist der augenblickliche Ort die schlechteste Wahl.

Nehmen wir den Osterhasen. Der jammert ständig, dass er zuviel Arbeit hat, dass die Hühner frech sind, nicht die Eier, nämlich farbige, legen, die er bestellt hat, dass er schlecht bezahlt werde und zu wenig Freizeit habe, da er auch noch dem Weihnachtsmann die Bestellliste führen müsse. Mit den Hühner könne man weder eine richtige Beziehung noch eine Art Freundschaft aufbauen; die würden zwar immer laut gackern und herumrennen, wenn er komme, insgeheim stünde der Osterhase aber ganz unten in der Hackordnung.
Damals in Eierland! Das ist seine Parole, die er einem Mantra gleich immer wieder vor sich hin murmelt oder psalmodiert.
Damals in Eierland, da waren die Hühner freundlich, haben gut gearbeitet, farbige Eier in der richtigen Größe gelegt, sie in meine Kiepe getan und sogar noch verteilt. Ich habe dann die Ostereierliste abgehakt und konnte mich der Kontemplation widmen, um mich für den verantwortungsvollen Beruf zu regenerieren, damit der nächste Einsatz in elf Monaten wieder ein makelloser Erfolg werden konnte.

Hier ist alles anders, jammert er, auch die Anerkennung, der Respekt der Bevölkerung fehle, manche machten sich über ihn lustig, weil er mit vorstehenden Zähnen und großen Ohren nicht der Prototyp eines schönen Wesens sei.
Mit seinem Gehalt sei nicht weit zu kommen, und überhaupt seien die Engel verbeamtet und hätten ausgesorgt. Die würden ja auch nicht mehr machen als singen und ein bisschen in der Gegend herumfliegen.
Dann musst du wohl zurück nach Eierland, klopft ihm der Weihnachtsmann wohlwollend auf die Schulter.
Der Osterhase bricht in Tränen aus. Das hat er nicht erwartet. Wird er denn nicht gebraucht, ist er einfach austauschbar, kümmert es niemanden, wenn sein Platz leer bleibt?
Jeder ist ersetzbar, ergänzt der Weihnachtsmann, dann setzen wir einen Engel auf deine Stelle, der ist dann beamtet, da haben wir sowieso weniger Sozialabgaben; die Bestellliste kann dann ein 1-€-Jobber übernehmen, das ist ja Saisonarbeit; oder der Pfingstochse, der muss ja nur ein paar Haken machen.
Aber Haken machen ist doch meine Spezialfertigkeit, schluchzt der Hase.
Haken schlagen, korrigiert der Weihnachtsmann, Haken schlagen und wegrennen. Da hättest du Recht.
Und wenn es in Eierland nicht mehr so schön ist?, heult der Eierbote weiter.
Da könnte man dann nichts machen, schließt der rotbemantelte Bartträger die Fragestunde und schiebt den Osterhasen vor die Tür. Wo's nach Eierland geht, weiß du ja...

Günter Krass - Das Leben finden


Der Rucksack drückt, die Füße schmerzen, Bruno will weiter, Bruno will weg, von  zu Hause, von allem, weg vom alten Leben, um ein neues Leben zu finden, weg vom Zwang, vom Eingezwängtsein, weg von den Erziehungsberechtigten, von den Vorschriften, den Anweisungen, den Empfehlungen, den Regeln, den Absurditäten, die die Luft rauben, die den Hals zuschnüren, den Leib erdrücken, die wie ein Haufen Mutterboden lasten, der dir auf dein Gesicht geworfen worden ist, denkt Bruno. Der dich erstickt.
Die Füße schmerzen, der Rucksack drückt, Bruno will weg, weg von sich, von dem, der er ist und war und sein soll. Bruno fängt an zu rennen, wo ist der Horizont, denkt er, da wo es weiter gehen soll? Da wo die Zukunft beginnt?
Der Rucksack drückt, denn in ihm hat Bruno das Vergangene aufbewahrt, falls er es noch einmal brauchen könnte. Bruno weiß, er sollte diesen Sack, diese Last, dieses alte Leben wegschmeißen, weit weg, in einen Abgrund, um nie wieder daran rühren zu müssen.
Da ist der Horizont, hier ist der Abgrund! Das Eine nicht ohne das Andere.
Den Rucksack endlich wegwerfen, die Last loswerden, denkt Bruno, den Sack einfach in den Abgrund fallen lassen! Langsam lässt Bruno den Rucksack auf den Boden gleiten, er spürt, wie er leicht wird, befreit, als könne er fliegen. Bruno hebt sich empor und fliegt und fliegt. Die Luft saust an seinen Wangen vorbei. Endlich frei, denkt Bruno, endlich unendlich endlich.
Der Aufprall ist kurz und hart und blutig. Brunos Glieder zerschmettert, der Schädel aufgeplatzt. Bruno lächelt. Das neue Leben im Tod gefunden.

(Zu Mozart: Violinkonzert Nr.3, Adagio)

Georg Krakl - Tautologien und seltene Wörter

Der kleine Zwerg
auf hügeligem Berg,
der Nachbar eines großen Riesen,
eines guten, nicht der fiesen,
aß so gerne Werg.

Das hatten einst der fiesen Riesen Schergen
den kleinen Zwergen
zwangseinverleibt.

Drang's ein? Er bleibt,
der Nachgeschmack.

Nur einer unter vielen, dieser eine Zwerg
aß gerne Werg.

Für alle andern hieß es. Finger in den Hals, zackzack!

Spuckt aus den Werg!
Denn du bist nicht allein, du kleiner Zwerg!
Und wehrt euch gegen fiese Riesen
gegen Riesefiesen,
was auch immer das bedeutet,
welche Glocke manchmal läutet,
welcher Wecker weckt
und welcher Schrecken schreckt.
Spuck aus den Werg,
und sei ein ganzer kleiner Zwerg!

Die großen Zwerge gibt es nicht,
die mit dem Strome schwimmen, liebt man schlicht
und einfach, sagen wir,  man hasst sie
und man fasst sie
gern am Kragen.
Das können die nur schwer ertragen.

Der einzelartig-wundersame Zwerg,
der sich verliebt hat in den Werg,
der muss verschwinden,
und wenn wir keinen Ausweg finden,
dann wird der kurz erschossen.
Der schaut dann erst mal leicht verdrossen.
Doch später denkt er, ach, vorbei die Kinderzeit!
Die großen Riesen und die kleinen Zwerge mögen keine Minderheit.





Günter Krass - Orchideen nicht mögen

Als ich heute Morgen ins Wohnzimmer kam, hatte sich die Orchidee, die Müllerschulzes geschenkt hatten, merkwürdig verändert. Wieso magst du keine Orchidee?, fragte die Orchidee, die Müllerschulzes übereignet hatten, weil sie bei uns zum Abendessen eingeladen gewesen waren, was einmal im Jahr vorkam, immer wechselweise, mal hier, mal bei den Müllerschulzes.
Wieso kannst du sprechen?, fragte ich im Gegenzug.
Vielleicht beantwortest du erst mal meine Frage, entgegnete die Orchidee.
Habe ich nie gesagt, dass ich Orchideen nicht mag, versuchte ich mich aus der Bredouille zu ziehen.
Allerdings hast du das gesagt, und zwar bisher dreiundzwanzig Mal in deinem Leben, schmetterte mit die Pflanze entgegen und begann, alle Daten und Gelegenheiten, fein säuberlich und chronologisch geordnet, vorzutragen, nicht ohne auf einen bissigen Unterton zu verzichten.
Ich schluckte. Gegen Listen war nur schwer etwas anzubringen. Mit Listen konnte man Argumente totschlagen und die zum Schweigen bringen, die sie vortrugen.
Äh...,stammelte ich und schaute auf die Uhr.
Sechs Uhr zehn. Der Tag war schon gelaufen. Was sollte noch alles kommen?
Ich muss dann mal, sagte ich mit dem Blick auf die Uhr, und verschwand in Richtung Toilette.
Im Hinausgehen hörte ich ein leises Zischen, das irgendwie gefährlich klang.
Seit heute Morgen weiß ich, warum ich keine Orchideen mochte.

Heinrich Böller - keiner

keiner
kein Einziger und keine Einzige
keine einzige Person kein Mann keine Frau
keine Menschenseele
keiner,
kein Mensch;
keine Macht der Welt,
nicht eine, nicht eine Einzige, nicht ein Einziger, nicht einer
kein Aas; kein Schwanz, kein Schwein, kein Teufel;
keine Sau

keine lebendige Seele

hat den Mund aufgemacht
die Stimme erhoben
ein Wort gesagt

Vladimir Kanniksky - Frauen sind Ringe (2013)

Vladimir Kanniksky - Frauen sind Ringe (2014)
Was will uns Kanniksky mit seinem Bild sagen? Vage lässt sich ein Frauenkörper vor einem Bett vermuten, dann stilisierte Ringe aus schwerem Eisen, die im Kontrast zum eigentlichen Begehr stehen: Ringe als Geschmeide, als Besiegelung der Liebe, als Beweis der Ewiglichkeit einer Beziehung.
Unbemerkt werden sie zu schweren Ketten, die den so Beringten am Boden halten, den sie unbeweglich machen, zum Dasein und Dableiben zwingen.
Wahrscheinlich mal wieder frauenfeindlich, denn Kanniksky ist so. Da lässt er sich genauso wenig ändern, wie jeder andere auch.
Immerhin: Das Bild hat schöne Farben und passt gut zu einer gelben Couchgarnitur oder einem lila Ecktisch.
Die Frage ist ja immer auch: Soll ich die Tapete nach dem Bild kaufen oder das Bild nach der Tapete?

Georg Krakl - Nina Ruge

Aus jeder Rille jeder Fuge
strahlt die stark geschminkte Nina Ruge
ihr 'alles wird gut'
heraus.
Wenn Sie dann lächelnd aus
dem Fernsehraume stöckelt,
dann scheint es, dass die Schminke bröckelt,
und mit ihr alle Welt,
aus der sie uns berichtete,
wofür sie Make up schichtete,
um Furchen, Rillen, Falten
flach zu spachteln und gestalten,
dass die Not der Welt,
dem Zuschauer gefällt.

Kluge
Nina Ruge.
Weiß, dass hinter Schein
Das Sein
versteckt.
Wo man getötet wird, zerbombt verreckt.

Ach, Welt, ich möcht' dich überschminken,
dann säh ich deine Opfer winken
und leise rufen: Hab' nur Mut,
du Fernsehvolk, es wird schon alles gut.






Georg Krakl: Alle Tassen im Schrank


Heute morgen zählt’ ich alle Tassen, die im Schrank.
Fehlte keine,
doch die eine,
die war krank.
Sie hatte mit zwei Tellern was gehabt
Und den Henkel sich zerschabt.
Sie schien daran zu leiden,
sie tat die Teller meiden.
Ich hoffte sehr, sie würd’ genesen,
stürbe nicht daran, dass sie schwer krank.
Im Abendblatt, da stünd’ im Sterbefall zu lesen:
Er hat nicht alle Tassen mehr im Schrank.

Auf den Körper achten

Wenn die Speise röhrt,
sind Magen Darm verstört.

Georg Krakl: Im Hinternnetz

Im Hinternetz da sitzt mein Hintern
schon seit vielen Sommern, vielen Wintern.
Ganz ohne Internet
fand jenes Netz den Hintern nett.

Georg Krakl: Mittellandkanal

Fahr ich mit dem Fahrrad am Kanal,
Denk ich: Ach, wie schmal
Und doch so lang ist dies Gewässer!
Und: Ist es wohl besser
Laut zu lamentieren, laut zu schreien,
Wenn's Wasser weg wär'? Oder kurz zu fluchen
Und dann selber schnell zu suchen?

Ohne Wasser ist der Mittellandkanal
Höchstens lang und schmal,
Aber kein Gewässer.
Suchen ist im Grunde besser.
Lang und schmal
Ist auch ein Schal
Und wohl auch ein Kabel
Und die Schnur am Nabel,
Die Giraffe
Und die schlanke Glaskaraffe,
Der Lakai und auch der Laffe.
Die Banane und der Motorbootanlasser.

Der Kanal, der braucht noch Wasser.
Wie fatal, wenn's Wasser weg ist,
Und am Grunde nur noch Dreck ist.

Fahr ich mit dem Fahrrad am Kanal,
Denk ich: Lang und schmal.
Doch für ein Kunstgewässer
Ist es mit  etwas Wasser besser.




Probleme mit dem Rechtschreibprogramm

Manche Menschen lesen ihre Mails nicht mehr durch und Vertrauen blind ihrem Rechtschreibprogramm, weil sie denken, das macht das schon, das ist nicht auf den Kopf gefallen.
Getäuscht! Rechtschreibprogramme sind oft Missgeburten weltfremder Programmierer, die vielleicht Linkshänder sind und Probleme mit dem Wort 'Rechtschreibprogramm' haben, dabei hat dieses nichts mit dem Rechtsschreiben zu tun.  Der schwache Rechtschreiber erkennt noch nicht einmal, dass Rechtschreibung und Rechtsschreibung zwei völlig anders geschriebene Wörter sind. Auch ihre Bedeutung ist unterschiedlich.
Man sollte seinem Rechtschreibprogramm jedenfalls nicht blind vertrauen.
Wer etwa schreibt 'Wir haben die ganze Nacht durchgeschuftet' muss sich nicht wundern, wenn das Programm daraus 'Wir haben die ganze Nacht durchgeschüttet' macht. Der eine hat vielleicht bis zum Umkippen gearbeitet, der andere hat sich bis zum Abwinken und Stillstand der Augen die Kante gegeben. Da kann schnell ein falscher Eindruck entstehen. Also, aufgepasst!

Das kommt dabei heraus, wenn man sein Rechtschreibprogramm ganz alleine schreiben lässt:

Mein Rechtschreibprogramm schreibt einen Text:
Das hat sich in die Hand und der andere nicht so einfach nicht so schlimm wenn du es dir schmecken lassen wir es mal so schlecht und der ist doch auch mal ein wenig später auch die ganze Welt.
Die beiden anderen Ländern der Erde ist ein schöner Abend werden die ersten drei hundert Meter entfernt und die Kinder sind wir uns auf den ersten drei hundert Meter entfernt und die Kinder sind wir.
Ich habe ein neues Auto kaufen und dann noch mal ein paar Tage nach dem ersten Weltkrieg bezahlt werden muss und die Kinder sind wir in der Stadt und der Rest der Welt der kontinuierlichen Spracherkennung ist ein Test.

Vorbild sein

Früher, als sie noch drall und fesch, war sie unsere Heidi Klumpen, da wussten wir, was wir hatten. Mit zunehmenden Alter und nach einer möglicherweise anstrengenden Beziehung zu einem gewissen Seal (zu Deutsch: Babyrobbe, aus deren Fell man früher Damenschuhe für den Winter und ganzjährige Kinderportmonnaies machte), zeigt das ehemalige Wunderfräulein, wie junge Mädchen heute vor dm Catwalk auszusehen haben, damit sie in die eingelaufene Kleidung passen, die die Requisiteurin einer hirnlosen Selektionsshow zu heiß gewaschen hat. Die kleinere Heidi heißt jetzt konsequenterweise Klum. Sie selbst hat, passend zum verpatzten Waschprogramm der Modelappen, wohl zu heiß geduscht, denn auch sie wirkt irgendwie eingelaufen, so als habe ein harter Strahl aus dem Massagekopf der Dusche alles Gewebe entfernt und nur noch die Faszien und ein paar Knochen übriggelassen. Der Deutsche Verein für natürliche Essenrückgabe und Magersucht will sie auf jeden Fall für den Job einer Botschafterin buchen. Und wenn die nächste Topmodelsuche noch schlechter läuft als die letzte, wäre das auf jeden Fall ein sicherer Arbeitsplatz. Vorbild sein will gelernt sein, das lässt sich nicht so einfach aus dem dünnen Arm schütteln.

Parabel: Aktionstag beim Orakel

Die ältere Frau mit dem Hut, der ein bisschen an die Plastikkrägen erinnerte, den überzüchtete Setter nach einer Augenoperation tragen, hatte sich für den heutigen Tag vorgenommen, mal wieder mit dem Orakel zu plaudern. 50 Goldrandteller kostete eine Frage, drei Fragen war Minimum und wenn das Orakel eine Frage nicht beantworten konnte, dann bekam man das Geld zurück und dazu noch mal die selbe Summe.
Hallo Orakel, sagte die ältere Frau mit dem Hut, wie geht's?
Das Orakel, das ein riesiger rotgeschminkter Mund in der Felswand war, sagt: Gut, wie immer, selbst auch?
Die erste Frage war damit gestellt, die Antwort ok.
Ich stell hier die Fragen, entgegnete die Frau mit dem Hut, du gibst die Antworten, denn du bist das Orakel.
Ich wollte nur freundlich sein, seufzte das Orakel.
Wie viel sind 69,538 geteilt durch 4.876.953,23? Die ältere Frau mit dem Hut hatte sich die Frage zurechtgelegt, in der Hoffnung, das Orakel würde scheitern.
Auf wie viele Stellen hinterm Komma?, fragte das Orakel und wirkte gar nicht unsicher.
Wie viele gibt es denn?, jetzt die Frau mit Hut.
Das solltest du schon wissen, sonst sagst du hinterher wieder, ich hätte falsch geantwortet. Dabei weißt du mal wieder nicht das Ergebnis, oder?
Wenn ich schon alles wüsste, ginge ich ja nicht zum Orakel. Die ältere Dame wurde unruhig.
Geschenkt, ich weiß sowieso nicht, was ich mit deiner Antwort anfangen sollte.
Letzte Frage: Wie viel Geld ist auf meinem Konto?, setzte die ältere Frau mit Hut zur alles entscheidenden Frage an, die ihr 150 Goldrandteller einbringen sollte.
Nichts, antwortete das Orakel.
Falsch!, kreischte die ältere Frau mit Hut im Freudentaumel. Es müssten 50 Goldrandteller im Minusbereich sein! Verloren! Drei Fragen kosten 150 und ich hatte nur 100 auf dem Konto! Jetzt musst du 150 Goldrandteller extra rausrücken! Haha! Orakel hat verloren, Orakel hat verloren, skandierte die Frau mit Hut und hüpfte dabei auf der Stelle.
Gar nicht falsch, auf deinem Konto sind 0 Goldrandteller, entgegnete das Orakel.
Wieso das denn?, fragte die Frau mit Hut misstrauisch und hatte das Tanzen eingestellt.
Heute ist Aktionstag: Drei Fragen für den Preis von zwei.Das Geld ist auch schon abgebucht, sonst wäre die Antwort ja richtig falsch gewesen! (Richtig falsch....was ist das denn für ein Blödsinn, murmelte das Orakel vor sich hin.)
Die Frau mit Hut riss sich den Hut vom Kopf, schmiss ihn zu Boden und stampfte und trampelte darauf herum, bis er aussah wie ein zerschossener Kopfsalat.
Orakel, ich hasse dich!,zischte die Frau ohne Hut und stampfte weiter auf ihrem Hut herum, der gar keiner mehr war.
Lehre: Unterschätze niemals ein Orakel, nur weil es sich die Lippen geschminkt hat.

Muttis Buckel


Jochen war ein Schnüffler. Schon früh hatte er gelernt: Der Geruch von Mutti war Sicherheit, besonders der Geruch ihres Buckels. Immer wenn er Angst hatte, wenn die kleine Welt um ihn  herum explodieren wollte, dann schnupperte er an Muttis Buckel und alles war in Ordnung. 
Hässliche Dinge hatten die Kinder in der Schule über Mutti gesagt: Dass sie einen Rucksack unter dem Kleid trüge und dass sie vier Brüste habe, zwei vorne und zwei hinten.
Jochen tat das weh, besonders für Mutti, die ja nichts für den ausgeprägten Rücken konnte und sich nicht wehrte, weil sie ja bei den Demütigungen nicht dabei war. Wenn Mutti Jochen von der Schule abholte, dann sagten die Kinder nichts, blickten verstohlen auf Muttis Rücken, oder kicherten leise ins Fäustchen. Wenn man sie fragte, warum sie lachten, sagte sie: "Nur so!", oder "Keine Ahnung, ich lach halt."
Wenn Jochen traurig war, dass die Kinder über Mutti lachten, stöberte er mit seiner Nase in den Sofakissen, um Muttis Witterung aufzunehmen und schließlich an ihrer Bluse zu landen und schließlich an ihrem Rücken, um den beruhigen Buckelduft einzuatmen. Mutti lachte dann immer und sagte: Na, jetzt übertreib mal nicht; dass Buckel Kinder zum Lachen bringen, das weiß ich, aber dass sie Kinder glücklich machen, das ist doch ein Ding der Unmöglichkeit.
Irgendwann kam es zum Bruch. Jochen erzählte von Buckelpisten, die man mit Skiern runterfahren könnte, von Buckelhauben - er meinte Pickelhauben - von Buckelschilden, von Buckelfliegen, Buckelrindern und der österreichischen Buckelkraxe. Die Mutti zog sich immer mehr zurück von Jochen, der fast manisch nach zusammengesetzten Hauptwörtern mit Buckel suchte.
Schließlich schenkte er ihr ein Buch über Buckelwale und behauptete, dass diese richtige Lieder sängen, deren Strophen drei Stunden lang seien.
Du Missgeburt, schleuderte sie Jochen ins Gesicht, man macht keine Witze über Bucklige. Das gilt seit Aktion Sorgenkind.
Sorgenrind!, rief Jochen und dachte natürlich an Sorgenbuckelrind.
Die Mutter schleppte Jochen zum Arzt und der stellte  Pubertät im fortgeschrittenen Stadium fest. Da könne man nichts machen, das wüchse sich mit der Zeit heraus.
Herauswachsen. Das Verb blieb in Muttis Ohr.
So war es damals auch bei ihr gewesen. Alles wuchs heraus. Auch das Ding auf dem Rücken. Jochens Tage waren wohl gezählt.

Das königliche Ei

König: Na, Huhn, heute schon das Ei für den König gelegt?
Huhn: Ich lege die Eier in erster Linie für mich. 
König: Du wirst schon wieder unverschämt. 
Huhn: Die Eier wollen eben raus, ob für den König, ob für den Eigenbedarf. 
König: Das könntest du auch angemessener ausdrücken. 
Huhn: Wenns doch so ist. Und überhaupt: Was heißt denn angemessen?
König: Dass der König das Gefühl hat, dass er respektiert wird, dass seine Untertanen ihn lieben, aber auch fürchten. Erst dann kann ein König herrschen zum Wohle der Untertanen. 
Huhn: Warum willst du dann das Ei?
König: Ich esse täglich ein Ei. 
Huhn: Das soll gerecht sein? Und das Volk?
König: Das Volk hat seine eigenen Eier. 
Huhn: Und wo kommen die her?
König: Natürlich von Hühnern, dumme Frage. 
Huhn: Seit wann das denn?
König: Werd nicht frech!
Huhn: Jetzt kommt die Nummer wieder. Wenn der König nicht weiterweiß, sind andere gleich frech.
König: Wo bleibt mein Ei?
Huhn: Keine Ahnung, hattest du denn eins?
König: Das geht dich gar nichts an. 
Huhn: Aber meins haben wollen.
König: Zum Henker mit dir!
Huhn: Dann friss doch Frikassee!
König: Henker!
Huhn: Nicht mal der kommt. Toller König!




Sportgeräte und andere Gefahren

Neulich beschloss ich, angesichts der Erkältungs-und Grippewelle und auch in Anbetracht vieler rückengeschädigter Leute, einfach mal gesünder zu leben, und dazu gehört, etwas Sport zu betreiben, um den Anfechtungen der mikrobiologischen Feinde zu trotzen.
Ich stöbere gern im Tchiboshop, denn da werden viele interessant aussehende, aber eigentlich unnütze Dinge angeboten, manchmal auch handliche Sportgeräte, die man ohne Weiteres aus dem Geschäft tragen kann.
Im Regal hing eine Art grüner Gummischwengel für 4€ 95, dessen Funktion auf Anhieb nicht erkennbar war. Ich schloss auf ein Küchengerät, da die Konsistenz an Silikon erinnerte. Vielleicht war es  ein Rohrreiniger oder ein Backgerät, um Löcher für Pflaumen oder Apfelstücke in einen Teig zu drücken.
Dann drängte sich der Gedanke auf, es handele sich um ein erotisches Hilfsmittel, das man in Geschäften für Ehehygjene, wie es früher mal hieß, erwerben kann, um bestimmte körperliche Wünsche zu erfüllen. Im dritten Anlauf ordnete ich das Objekt der Protethik zu, mit dem fehlende Körperteile wenigstens optisch ersetzt werden konnten. Mir fällt der Name des berühmten russischen Balletttänzer nicht ein, der sich eine Hasenpfote in die Strumpfhose gesteckt haben soll, um seine Männlichkeit zu unterstreichen.
Da der Tchiboshop dergleichen aber höchstens in Sonderaktionen oder gar nicht anbietet, musste der grüne Gegenstand ein Sportgerät sein.
Es handelte sich um einen Expander, der entgegen der traditionellen Bauweise aus einem kurzen Gummiband mit kugelartigen Verdickungen an jedem Ende bestand. Dieses Band sollte man auseinanderzugehen und darauf vertrauen, dass es nicht riss, sondern genügend dehnbar war, um nicht empfindliche Schmerzen oder sogar Verletzungen beim Trainierenden zu verursachen.
Ich dachte an den armen Semmlau in der Untersekunda, einem Wiederholer mit riesigen Nasenlöchern und ebenso riesigen Ohren, der aber trotz oder vielleicht wegen dieser Makel ein verträglicher Kerl war. Besagter Semmlau kam eines Morgens mit einem verpflasterten Ohr in die Klasse und erzählte auf mein Nachfragen, er habe sein Ohr in einen Expander bekommen, genauer gesagt in die Spiralfeder, die die Griffe mit den textilummantelten, aus tausend überlangen Marmeladengummis bestehenden Seilen verband. Diese Feder habe eine üble Verletzung verursacht, die die entsprechende großräumige Verpflasterung des Ohrs erforderlich gemacht habe.
Seit jenem Tag hatte ich einen gehörigen Respekt vor Expandern und war froh, dass meine Ohren eher klein und enganliegende waren.
Der Expander aus dem Kaffeeshop wirkte ungefährlicher, solange man nicht daran zog. Zwar gab es keine ohrenfressende Spiralfeder, wohl aber wirkte die durch Dehnung dünner werdende Gummiwurst unheilvoll, da man immer auch ein Reißen unterstellte, sodass beide Hälften sich wie zubeißende Klapperschlangen blitzartig auf die ziehenden Hände und Arme oder sogar in das erschrockene Gesicht bewegten.
Neben der Muskulatur wurden hier auch noch Mut und Vertrauen geschult. Daher eigentlich ein wunderbares Trainingsgerät für Motorik und Psyche. Ich kaufte das Objekt, auch wenn das Grün mir etwas zu grün war, weil es einen Stich ins Kalte hatte, und beschloss, es auszuprobieren.
Mutig schob ich das Gummiding auf das Förderband an der Kasse und ignorierte das Stirnrunzeln der Kassiererin. Zu seinen Einkäufen stehen, war ein weiteres Lernziel, was man mit dem Gummiorgan erreichen konnte. Das war eine Menge. Das Stirnrunzeln verschwand nicht aus dem Gesicht der Kassiererin, obwohl ich das Geld vollständig übergeben hatte.
Ich war voller Hoffnung, dass das Gerät auch meinem Körper und meiner jetzt doch verunsicherten Psyche guttun würde. Verschenken konnte ich es immer noch, denn die Einsatzmöglichkeiten waren ja mehr als vielfältig, und irgendwer würde sich schon finden lassen. Bedürfnisse hat doch jeder.

Tonnes Tagebuch:Spassrassismus im Alltag

Der klassische Spassrassist sieht unauffälliger
aus.
Liebes Tagebuch!
Im Handballverein wird gerne Pickup oder Milchschnitte gespielt. Wer ein paar Schwarze im Verein hat, kann das machen. Wer keine hat, dem bleibt nur geschnittenes Weißbrot als Spiel, in dem zwanzig Weiße hintereinander stehen. Das Spiel ist aber nicht beliebt, weil es merkwürdig aussieht und zu falschen Schlussfolgerungen veranlasst. 
Ein Pickup ist ein Tonabnehmer für Egitarren oder ein Kastenauto in Metalliclackierung oder in Schwarz. Dann gibt es noch einen Keks, wahrscheinlich von Bahlsen: Zwei helle Kekse ummanteln eine Scheibe Schokolade im Inneren. Pickup kann man, wenn man nicht gerade Tore werfen muss, prima im Mattenwagenraum spielen. Ein Weißer unten, ein Schwarzer in der Mitte, oben drauf noch ein Weißer. Bei der Milchschnitte ist es umgekehrt. Ob das rassistisch sei, habe ich die Handballer gefragt. Nö, sagten sie, wir sind ja die Weißen.
Farbige darf man ja nicht mehr sagen, political nicht correct. Der Amerikaner hat 's ja nötig. Trotzdem.
Manchmal fällt es mir schwer, das Wort Negative zu sagen, weil ich nicht als Rassist gelten möchte. Ich war damals sehr froh, als die digitale Fotografie erfunden wurde, und man diese Plastikstreifen nicht mehr brauchte.
Sich das Farbfernsehen wegzuwünschen, bringt nichts, denn in Schwarzweiß entkommen wir dem Alltagsrassismus ja auch nicht. Immerhin waren die, ich nenn sie jetzt mal Farbige, damals in den Sechzigern richtig Schwarz. Da musste man nicht nachdenken. Und dann kam das Farbfernsehen. Nicht jede Erfindung vereinfacht den Alltag. Schwarzweiß ist so schön übersichtlich.
Vielleicht ist es einfacher, etwas gegen Jäger zu haben, die sind keine Rasse und sprechen Latein, sind also wahrscheinlich gebildet. Etwas gegen etwas zu haben, soll ungemein den persönlichen Alltag entlasten.
Dabei spazieren zu gehen oder einen Verein zu gründen, hat etwas Sportliches und ist, folgt man dem Rat der Ärzte, gesund. Ich persönlich finde das aber eigentlich krank.
Anstrengender Tag heute, ich möchte auch mal was Schönes denken.

Neodadaismus: Theo von Doeskopp - Putzputz

Putzputzputz
Spiegelander Wanda
Wanderwanderwandersack
am Ruckruckruckzuckzuckende
GliederimVierteltakt
blasen dem GehirnLaufhirnRennhirnWanderhirn die Zellen weg
Wanderniere
Wanderschmiere
putzputzputz
die Zähne werden klein
wie Hänschen sein
OsterhaseBlumenvasePhrase
immerPhrasedreschendie Drescher
maschinellundschnell
Meridol ist zu teuer
Scheuer-
seife tut es auch
AugenwischundAugenweg
Dreck
zum Zweck
der Profitmaiximilian.

Astronautenprobleme


Nils: An irgendwas erinnert mich dieser Planet.
Juri: Ja, mich auch. Ich überlege schon die ganze Zeit.
Nils: Ich glaube, an die Kleine aus dem Shop für Astronautenbedarf.
Jurij: Hmm, weiß nicht.
Nils: Na, die kennst du nicht. Der Russe hat doch keinen Astronautenshop. Der muss doch immer alles selber basteln.
Juri: Fang nicht wieder so an.
Nils: Mandy oder Mirinda.
Jurij: Und? Hatteste was mit der?
Nils: Eben nicht. Die ließ immer tief blicken, aber mehr war dann nicht. Hab sie mal auf eine Tube Schwarzwälderkirsch und einen Lattelutscher eingeladen, da hat sie mich ganz doof angeguckt.
Juri: So sind die Mandys und Mirindas der Welt.
Nils: Jetz werd nicht sentimental.
Juri: Romantisch.
Nils: Die Berge da, diese Rundungen, diese Wölbungen, und dann diese spitzen Kappen, die so etwas Nippeliges haben, ganz wie Mirinda, wenn sie sich über den Tresen beugte und ihr 'Bitteschön' fragte.
Juri: Ich dachte, sie hieß Mandy.
Nils: Oder Mandy. Weiß ich nicht so genau.
Juri: Bei den Bergen muss ich immer an Mutter denken.
Nils: Jetzt fang nicht damit an.
Juri: Der beste Freund eines Mannes ist die Mutter.
Nils: Muss es nicht Freundin heißen?
Juri: Ich will nach Hause!
Nils: Jetzt hör mal auf zu jammern.
Juri: Du könntest ein bisschen Verständnis aufbringen.
Nils: Hör mal, ich fliege doch nicht ins All, um mir deine Mutterprobleme anzuhören.
Juri: Ich habe keine Probleme mit Mutter.
Nils: Sonst noch was? Ich bin hier jedenfalls nicht dein Therapeut.
Juri: Aber mit Mandy anfangen.
Nils: Mirinda.
Juri: Jetzt fang nicht damit wieder an.
Nils: Du Vollrusse!
Juri: Selber einer.
Nils: Hättste wohl gern?
Juri: Auf keinen Fall.
Nils: Grausam. All. Überall All. Allüberall. Übel. Richtig übel. Und ich allein mit einem Russen.
Juri: Ich fliege morgen nach Hause.
Nils: Womit denn?
Juri: Scheiß Amischlitten.
Nils: Sei froh, dass das mitfahren durftest.
Juri: Hilfe! Mama!