Phono oder Porno?


Pronograd - Dieses Wort, wenn es denn auf einem digitalen Blatt steht, wird rot unterkringelt, was bedeutet, dass es falsch ist, dass es das Wort nicht gibt, oder dass es kompletter Schwachsinn ist, dieses Wort hinzuschreiben.
Das hat meine Rechtschreibprüfung mitgeteilt, indem sie das Wort, welches keines ist, oder welches falsch ist, rot unterkringelt hat.
Jetzt bemühe ich meine Rechtschreibhilfe, die mir Schreib- oder Wortalternativen anbieten soll, und was teilt sie mit? Keine Rechtschreibhilfe - Ist der Hinweis.
Gut, denke ich, die hat einen Dünkel. Ich ändere den letzten  Buchstaben in ph, jetzt steht da Pronograph, das klingt irgendwie adelig und schon reagiert die Rechtschreibhilfe, die wohl wirklich einen Dünkel hat.
Pornograph wird mir angeboten, und - man wundere sich- Phonograph.
Ich bin erstaunt über meine Rechtschreibhilfe, die erst nach Adels-Angebot aus dem Quark kommt, und dann sofort zwei vollkommen konträre Wörter raushaut, das eine passend zu einem Kasten, der Tonrillen kritzelt und den es gar nicht mehr gibt und den kaum noch jemand kennt, und dann absurderweise ein Wort, das eine Person bezeichnet, die eben über Rillen, Fugen und andere Schlüpfrigkeiten kritzelt und das Gekleckere anderen Leuten verfügbar macht, damit sie das kaufen und lesen, damit sie quasi abhängig werden, nach immer mehr verlangen und sich das Konto des Schmierulanten füllt.
Ich frage mich, ist das der Sinn einer Rechtschreibhilfe?
Was assoziiert denn der normale Mensch mit dem Wort Pronograd?
Ja, doch wohl bestimmt nicht Phonograph oder Pornograph.
Nicht einmal Phonoakademie fällt einem ein; die allerdings gibt es wenigstens!



Fragen und keine Antworten: Was denkt die Lampe?

Ich blicke zur Lampe, oder ist es ein Strahler? Wohin blickt dieser? Nach oben ist sie gerichtet, oder ist es ein Er?
Blickt sie zum Himmel, beziehungsweise sie?
Was denkt so ein Gerät - es, das Gerät - wenn es das Licht erblickt, den Himmel, das Helle, das Strahlende, aus dem alle Lampen dieser Welt gemacht sein könnten?
Trutzig, vielleicht eher trotzig, steht das Ding, denn es hat keine Seele, ist nicht von Fleisch - äh, kann es denn dann trotzig sein?
Vielleicht doch nur trutzig? Ist das nicht ein Adjektiv für Burgen, auf denen es überhaupt keine Lampen und Strahler gibt?
Ach, ich weiß nicht...

Wo kommt der "Bubikopf" her?

Vassily Kannikski: Bubikopf (2012)

Nachdem Gustav "Bubi" Scholz seinen Gegner 1958 so richtig verhauen hatte, wurde er zum Europameister im Sport "Schlagen mit den Fäusten an Kopf und Oberkörper eines Gegners", das später in Boxen umbenannt wurde, weil es für die Sportgeschädigten zu lang war. 
Wenig später entstand auch der Bubi-Kopf, der anfangs einen Kopf meinte, der durch blutunterlaufene Augen, Zahnlücken und aufgeplatzte Lippen gekennzeichnet war. Einige Zeit danach war es der Begriff für eine Frisur, bei der man die Haare ins Gesicht kämmte, um die ärgsten Blessuren zu verstecken.
In den 60er Jahren wurde der Sport verfeinert und das Lautsprecherboxen kam auf, das aber dergestalt entartete, als man nur noch vor großen Schallwänden in schlecht beleuchteten Räumen mit vielen anderen zusammen zuckende Bewegungsabläufe, eine Art Veitstanz, zeigte. Niemand wurde verletzt, aber für Leute, die Blut sehen wollten, war das nichts.
Später kehrte man zum Haudrauf der 50er Jahre zurück. 
Die Friseurinnung aber profitiert heute noch vom Bubi-Kopf, und sogar eine Hunderasse mit hässlichen Köpfen und Stummelschwänzen erinnert an den berühmten Boxer.

Frauen fassen sich an die Lippe, ohne etwas zu sagen

Was ist mit den Frauen, die sich gerne an die LIppe fassen und nicht sprechen, aber sagen wollen: Hallo, ich fasse mir an die Lippe, aber sage nichts?
Sagen sie nicht doch etwas?
Ist das nicht Körpersprache, praktische nonverbale Kommunikation, so als ob der Postbote einen Brief in den Postkasten wirft, ohne zu sagen, dass er einen Brief einwirft, denn jeder weiß doch, dass er einen Brief einwirft?
Von der Frau, die sich gerne an die Lippe fasst, ohne etwas zu sagen, weiß man entsprechend, dass sie sich gern an die Lippe fasst und nichts spricht.
Was aber hätte sie denn zu sagen?
Vielleicht nichts.
Da ist es schon besser, wenn sie sich an die LIppe fasst und nichts sagt.
Etwa so, wie der Mann, der sich am Ohr kratzt und schweigt.
Die Frage " Was hat er gerade geschwiegen?" gibt es nicht.
Da lobt sich der Mensch eine Frau, die zwar nichts sagt, aber deswegen noch lange nicht am Ohr rumpuhlt, sondern sich lediglich nichtssagend an die Lippe fasst.

Georg Krakl - Die Borke

Der Sturz
war seinerzeit mir schnurz.
Das Blut gerann und wurde hart,
mein Knie war nicht mehr zart.

Dann dachte ich: Die Borke, die ist gut,
Ich hob sie an,
und dann floss wieder Blut.

So wisse denn: Soll deine Wunde heilen,
dann darfst du dich beim Borkenheben nicht beeilen.




Der Riese und der Zwerg: Noch sauer?

Zwerg: Bist du noch sauer wegen dem Stein?
Riese: Des Steines.
Zwerg: Ist doch egal.
Riese: Von wegen.
Zwerg: Also, bist du noch sauer?
Riese: eigentlich nicht.
Zwerg: Ich habe auf deine Kniescheibe gezielt.
Riese: Hätte ich auch.
Zwerg: Aber es war schon ein grandioser Treffer.
Riese: Voll daneben.
Zwerg: Eben nicht. Voll vor die Schläfe. Papp, ging es da!
Riese: Vielen Dank!
Zwerg: Und-zack-lagst du platt. Wie ein Stein bist du umgekippt, haha, Stein.
Riese: Das ist nicht lustig.
Zwerg: Jaja, aber die Leute haben gelacht und geklatscht.
Riese: Super! (Ironisch) Fein gemacht!
Zwerg: Die hatten irgendwie Angst vor dir, weil sie dich nicht kannten; ich war der Held!
Riese: Lass mal gut sein jetzt!
Zwerg: Booo, das war aber auch eine Granate! Ich ziel also auf die Kniescheibe und dann Kopftreffer! Zählt übrigens doppelt.
Riese: Damit fliegst du aus jedem Schützenverein, wenn du nicht mal die Scheibe treffen kannst.
Zwerg: Ein Jahrhundertschuss, ein Jahrtausendschuss! Hat die Zeitung geschrieben.
Riese: Gut jetzt, hör mal auf jetzt.
Zwerg: Unglaublich, das geht in die Geschichte ein!
Riese: Hör auf jetzt, sag ich, sonst setzt es was!
Zwerg: Du bist doch noch sauer?
Riese: Nicht direkt.
Zwerg: Warum frewust du dich dann nicht über so einen Bombengranatenjahrtausendindiegeschichteeingehschuss?
Riese: (haut ihm mit voller Wucht eine Ohrschelle) -!
Zwerg: Also doch noch sauer.


Schöne Postkarten und Postkartentexte

Ihr Lieben!
Viele Grüße aus dem Garten! Der Rasen ist so schön grün, die Natur wärmt mein Herz, während ihr vielleicht in eurem Vorzelt sitzt, auf das der kalte Regen prasselt, und  in Heizdecken gehüllt seid. Ich konnte heute noch einmal schön mähen, und es ist eine helle Freude, zu sehen, dass man etwas geschafft hat.
Euch wünsche ich eine ähnliche Erholung; spielt doch mal was, wenn die Satellitenschüssel ausgefallen ist! Mensch ärgere dich nicht!, das läuft doch immer.
Nochmals viele Grüße und ich freue mich schon auf das nächste Mal, wenn der Rasenmäher wieder brummt.
Euer Willi
P.S.: Die Karte habe ich selbst gemacht. Und das Grün ist wirklich so grün, auch ohne Photoshop. Mein Rasen ist ja nicht Elmar Brocken von der CDU, der sich die Hängebacken wegretuschieren lässt, damit er wieder ins Europaparlament passt. Bis denne!

Versteinerungen im Herbstwald


Gedankenlos gehen wir durch den Herbstwald; das Laub ist so schön bunt, die Vögel und Eichhörnchen raffen Proviant zusammen, um über den Winter zu kommen, wir atmen tief durch und trotten weiter in dem Glauben, dass dieser Spaziergang gesund sei, dass wir etwas für den Körper tun, dass wir uns entspannen, uns erholen, uns der Natur widmen, Menschen sind, die das Umsieherum bewusst wahrnehmen.
Dabei stiefeln wir an den interessantesten Dingen, an den tragischsten Momenten der Erdgeschichte vorbei. Ein Blick zur Seite - zur rechten Zeit, am rechten Ort, versteht sich- und wir erkennen hier einen Arm, da ein Bein und manchmal sogar ein Gesicht im Stein. Was kann hier passiert sein? Von welchem Schicksal will man uns erzählen? Hat vielleicht hier ein Mann am Starnd gelegen, als noch Meer war, wo jetzt Bäume stehen, hat sich gesonnt und ist irgendwie später versteinert, wie es abermillionen Muscheln und anderes Kleingetier auch sind, die wir immer wieder gern aus dem Gestein hämmern und es als Briefbeschwerer oder unützen Zierrat verschenken? Oder ist es ein König, der hier im Stein auf seine zweite Krönung wartet, die ihm damals zu Lebzeiten versprochen worden war? Oder ist es ein Kaiser? Vielleicht der Kaiser Barbarossa, der damals im Fluss ertrunken ist, weil er seine eiserne Rüstung trug und darüber hinaus nicht schwimmen konnte? Der soll ja immer noch warten, so dass sich Kyffhäuserkameradschaften gegründet haben, die gemeinschaftlich warten und sich die Zeit mit dem Schießen auf Zielscheiben vertreiben.
Wanderer, geh mit offenenm Blick durch die Welt und verpass nicht die Botschaften, versäum nicht die Geschichten, die man dir mitteilt. Auch wenn du dich fragst, wie man denn in so einen Stein hineinkommt, musst du akzeptieren, dass es auf jede dumme Frage auch eine dumme Antwort gibt, nämlich: Keine Ahnung.

Die Menschen im Armbanduhrenland

Vassily Kannikski: Armbanduhr am Horizont (2013)
Von den Menschen im Armbanduhrenland sagt man, sie tickten nicht richtig. Deshalb hätten sie sich eine riesige Armbanduhr an den Horizont genagelt, um immer kontrollieren zu können, ob sie noch richtig ticken.
Das ist aber falsch.
Vielmehr ist richtig, dass die Armbanduhrenlandmenschen gern eine Uhr an den Horizont nageln und Kontrollfreaks zu sein vorgeben.
Gern kontrollieren sie, ob andere Menschen sie überhaupt zur Kenntnis nehmen und etwa sagen: Die Armbanduhrenlandmenschen ticken nicht richtig. Oder ob es schon halb fünf ist oder Viertel nach sechs. Auch wenn es keine Bedeutung hat für den Tageslauf, so ist es doch gut, das zu wissen. Denn Wissen ist Macht, lernten die Armbanduhrenlandmenschen einst, als es nur Taschenuhren und langweilige Wanduhren gab.
Eigentlich müssten die Uhren der Armbanduhrenlandmenschen Horizontuhren heißen, aber das verraten die Armbanduhrenlandmenschen keinem, denn sie wollen den anderen, die die sie zur Kenntnis nehmen und vielleicht sogar beobachten, nicht das Denken abnehmen.
Wer nicht denkt, tickt eventuell nicht richtig. Und damit wären wir wieder beim Thema. Diesmal aber aus einer ganz anderen Perspektive.
Wie sagt schon der weise Indianer: Bevor du über ein Paar Schuhe urteilst, lass es erst mal von einem Frosch tragen. Kann aber auch ein Oberhemd gewesen sein.

Gleichstellung des Mannes: Vor Urinalen stehen

Zu Lebzeiten unserer Urahnen waren die Männer gezwungen, ihr Wasser im Stehen abzuschlagen. Während sie sich eigentlich auf den Unterleib konzentrieren sollten, mussten sie gleichzeitig den Blick schweifen lassen und nach gefährlichen Tieren Ausschau halten, die den Bestand der Sippe   möglicherweise auf den Prüfstand stellen würden.
Diese archaische Verhaltensweise legten die Männer nie ab, selbst zu Zeiten des wassergespülten Sitzklos konnten sie sich nicht herablassen, um die weibliche Form der Ausscheidung zu imitieren.
Zu Zeiten der wilden Tiere konnte die Frauen, da behütet und privilegiert, im Hocken ihr Geschäft verrichten, was ein Benetzen der Beine verhinderte und einen aufwändigen Reinigungsprozess ersparte.
Irgendwann vergaßen die Frauen diese Form des Behütetseins durch stehende Männer und wandten sich sogar gegen diese, um sie zu zwingen ihren alten Verhaltenscodex, der die Familie beschützte, aufzugeben. Ständige Ermahnungen, Genörgel und Aufkleber auf Klobrillen sollten die Männer zwingen, im Sitzen zu pinkeln.
Besonders in Zeiten forcierter Emanzipierung und damit verbundener Gleichstellung, bzw. des Auftretens von Gleichstellungbeauftragten, sahen sich die Männer in die Ecke gedrängt und erkannten ihm stehenden Vorgang die letzte Bastion des Mannseins,  die sie nicht aufgeben wollten.
Man schraubte Stehpinkelschüsseln an die Wände und gewährte hier Ausnahmen. Frauen versuchten diese ebenfalls zu benutzen, stürmten die Männerklos und scheiterten.
Gleichstellung und Sitzpinkeln, das war für die Männer ein nicht aufzulösender Widerspruch.
Sie reichten, weil diskriminiert wegen ihres Geschlechts, Klage beim Europäischen Gerichtshof ein und können jetzt, nach langen Jahren, einen ersten Teilsieg feiern:
Vor Urinalen darf im Stehen gepinkelt werden.
Den Entwöhnten, die bereits als Kleinkinder ihr Trainingsprogramm absolviert haben und gar nicht mehr in der Lage sind, stehend ihr Wasser zu entsorgen, gewährt man Haltegriffe, die jede öffentliche und gewerbliche Toilette, die Urinale anbietet, stellen muss.
Und endlich kann der Mann wieder Ausschau halten nach Gefahr, obwohl er mittlerweile nach all den Querelen, gar keine Lust mehr hat, Bescheid zu sagen: Schatzi! Da kommt ein Tiger!

Günter Krass - Was reimt sich auf Bollwerk?


Zur Polizei kam einst ein Zwerg und berichtete Folgendes:
Aus einem Bollwerk, erzählte er und wollte die Aufmerksamkeit der Gesetzeshüter erwirken, damit sie sich um den Vorfall kümmerten, aus einem Bollwerk, da quoll Werg.
Aha, sagten die Polizisten wie im Chor, denn die Männer wussten zwar, was ein Bollwerk ist, das hatten sie auf der Polizeischule gelernt, nicht aber, was es mit dem Wort Werg auf sich hatte.
Soso, sagten sie, und um nicht ihr Unwissen preiszugeben, wiederholten sie die Aussage des Zwergs, aus einem Bollwerk, da quoll Werg. Wie, bitteschön, muss man sich das denn vorstellen?
Na, eben, als wenn Werg aus einem Bollwerk quillt.
Was, bitteschön, und jetzt mussten die Gesetzeshüter doch nachhaken, um einen korrekten Bericht abfassen zu können, was bitteschön, ist denn Werg, Herr Zwerg?
Nennen Sie mich bitte nicht Zwerg, das dürfen nur mein Freunde, reagierte der Zwerg empfindlich auf die Anrede der beiden.
Wir fragen noch einmal, Herr Zwerg, wir dürfen nämlich Zwerg sagen, denn wir sind dein Freund und Helfer.
Jetzt duzen Sie mich sogar schon, empörte sich der Zwerg erneut.
Das war nur eine Floskel, jetzt aber mal zu Sache, kam es der Polizei wie aus einem Munde.
Was ist denn dieses Werg?, wollten sie wissen.
Na so Wergzeug eben, antwortete der Zwerg, der es selber nicht so genau wusste.
Denn in Wirklichkeit hatte er mit seinem Freund Kleinhans  das beliebte Spiel „Wenn ich du wäre, würde ich...“ gespielt, und seine Aufgabe war gewesen, einen Reim auf Bollwerk zu finden, damit zur Polizei zu gehen und die Beamten zu veranlassen, der Sache nachzugehen oder wenigstens einen Bericht zu tippen.
Ach, sagten die Polizisten, Werkzeug, so wie Hammer, Sichel, Rasenkantenschere und Ohrhaartrimmer?
Der Zwerg zögerte. Was könnte er nur antworten, dass die Uniformierten losgingen und das Bollwerk suchten, oder wenigstens seine Aussage zu Protokoll nahmen?
Der Zwerg dachte wohl einen Moment zu lange nach.
Kommen Sie doch wieder - und der Zwerg bemerkt das distanzierende Sie - wenn Sie mehr wissen, wir können ja nicht einfach so losgehen und nach einem Bollwerk suchen , aus dem irgendwas quillt, von dem Sie nicht wissen, was es ist, oder gar einen Bericht tippen, das wäre doch Papierverschwendung und außerdem absolut langweilig. Da trinken wir doch lieber eine Tasse Kaffee und essen einen Keks dazu.
Die Polizei, dein Freund und Helfer!, schrie der Zwerg im Inneren. Das konnte man doch vergessen.
Der Punkt ging an Kleinhans. Die Aufgabe war eindeutig nicht erfüllt.
Freund und Helfer, dass ich nicht lache, brüllte der Zwerg im Inneren weiter.
Er schürzte wütend die Lippen und verließ mit etwas zu festen Tritten das Polizeipräsidium.
Weißt du, was sich auf Bollwerk reimt?, fragte der eine Polizist den anderen.
Hahaha, ja, sagte der andere: Quoll Werg. Was auch immer das sein soll.
Nee, sagte der eine, auf Bollwerk reimt sich Schmollzwerg.
Und beide schauten hinter dem wütend davon stapfenden Zwerg her, gossen sich ein Tässchen Kaffee ein und aßen einen Keks.
Super, sagten beide wie aus vollem Munde, den die Kekse waren gerade auf ihren Zungen weich geworden, darüber würden wir gerne einen schönen Bericht tippen...


Georg Krakl: Pilzgedicht (2014)

Wo bist du,
Bovist, du?

Günter Krass: Vom Schönsein zum Philosophischen

Einst lag ich am Strand in Südfrankreich, wohl war es Royan, dieser Gegenpol zu Bordeaux, von dem ich annahm, es seien dort nur schöne Menschen im Urlaub. Meine Reisegefährten und ich, wir selber zählten uns zu diesen und hätten sonst niemals die Reise in diesen Ort angetreten, wenn man uns eines anderen belehrt hätte.

Nachdem wir rohe Eier und Taschenkrebse mit einem Seitenschneider gegessen hatten, betraten wir den Strand. Das Gelb der Eier, die ich für Pfirsiche gehalten hatte, die aber dieser Geschmackserwartung überhaupt nicht entsprachen, Dosenpfirsiche wohlgemerkt, die durchaus auf dem Speiseplan von schönen Menschen stehen konnten, spiegelte sich hier in den Sonnenschirmen, unter denen Menschen lagen, um sich nicht vollständig der Sonne preiszugeben.
Vielleicht ahnte der eine oder andere, dass sich der Himmelskörper verhüllen könnte, vor Langeweile, vor Scham oder vor Abgestoßensein, das nahmen wir einmal hypothetisch an, und dass ein langanhaltender Regenguss, in Kombination mit Hagel und Wüstensand aus der Sahara, dem Urlaubsgefühl, als Strafe für das Sich-Preisgeben, ein Ende bereiten würde, wenn diese Sonnenschirme zugeklappt würden.

Wir schönen Menschen legten uns an ein freies Plätzchen, das schwer zu finden war, wenn man den gebotenen Abstand von drei Metern zum nächsten Liegenden einhalten wollte und blieben ohne Schirm, in der Hoffnung, dass wir der Sonne gefielen.

An jenem Tag, der mit einem desaströsen Sonnenbrand endete, beschloss ich, mich vom Schönsein abzuwenden, ohne das jedoch den Gefährten mitzuteilen, und mich dem Philosophischen hinzuwenden: Warum, so war meine erste Frage, deren Antwort ich mich nähern wollte, welche sich bei der Betrachtung von unter einem Sonnenschirme Liegenden stellte, warum tragen Männer keine Büstenhalter?

Vor der Abreise war ich der Antwort immer noch fern, was mir aber nichts machte, da ich intensiv mit meiner sich schälenden Haut beschäftigt war, die beim Einkremen immer wieder schwarze Würmer bildete und zu Boden fiel.

Tiere allein zu Haus

Wilma war ihm geblieben.
Gus Hahn war erschüttert. Was war passiert?
Hatte er nicht alles getan, den Bedürfnissen der Hennen zu entsprechen?
Gus hatte getreten und getreten und getreten.
Das hatte wohl nicht gereicht.
Gespräche!, hatten die Hennen gegackert. Das konnte doch wohl nicht wahr sein!
Die neue Hennengeneration brachte die alte Ordnung ins Erschüttern. Treten und getreten werden, das war die alte Ordnung.
Worüber aber hätte er denn sprechen sollen?
Ist das Korn gut? Wie sind die Würmer? Alles ok?
Mehr fiel Gus nicht ein.
Ihm schwoll der Kamm. Wo waren die Hennen 1-22? Verdammt. Elsie. Magda. Chantal. Oder Nora-Jane?
Welche Themen gab es denn noch?
Wilma war in der Präferenzliste auf Platz 23. Ranking.
Gus war der Ran-King. Das war klar. Den Hennen scheinbar nicht.
Wilma. Platz 23. Vielleicht war sie deshalb immer etwas zu kurz gekommen. Aber ein Hahn konnte sich nicht um alles und alle kümmern. Gus musste auch repräsentieren.
Repräsentieren. Das Wort konnten die meisten Hennen nicht mal lesen, geschweige denn schreiben.
Ich schreibe deinen Namen in den Sand!, dieser alte Schlager fiel ihm jetzt ein, und eine Träne sickerte unsicher aus seinem Hühnerauge...
Wilma!, krähte Gus, und Wilma gackerte fröhlich: Komme sofort.
Verdammt, verdammt, krähte Gus leise. Beruflich gab es keine Alternative.
Besser die Henne auf dem Hof, als die Taube auf dem Dach, dachte er, lächelte mit sperrigem Schnabel und kratzte "Wilma" in den Sand.



Georg Krakl: Oktoberfest (2014)

Nachthell,
tagdunkel.
Zeit läuft schnell,
keine Zeit für völkisches Geschunkel.
Offen Blusen,
wogende Busen.
Maß, Maß.
Ist schon voll.
Nachthell,
alles kommt schnell.
Ernst wie das  Bier,
Tagdunkel auch hier.
Hosenlatz offen.
Hirne versoffen.


Kantenphysik - Wohin mit der Wissenschaft?

Manchmal fallen einem schöne und griffige Wörter ein: Kantenphysik ist eines.
Gibt es doch schon, mag der aufmerksame Mitmensch raunen und versucht den Denker zu desillusionieren.
Mitnichten. Letzterer meint die "Quantenphysik" und versteht darunter vielleicht die Vermessung der Fußsohlen.
Kantenphysik. Was soll das sein?
Jeder weiß, wer an eine Tischkante geschrammt ist, empfindet Schmerz.
Wer sich die Kante gegeben hat, den plagt wütender Kopfweh und Übelkeit.
Wer über die Kante gesprungen ist, liegt im Abgrund.
Hier setzt die Kantenphysik an: Wer unlustauslösende Situationen vermeiden will, bleibt einer Kante fern. Das hat Freud schon präziser formuliert und daraus seinen Mutterkomplex entwickelt.
Über die Tischkante wurden nach der Mahlzeit die Krümel gewischt und im Spültuch aufgefangen; der Rest landete auf Boden und wurde später gefegt und in den Boden massiert.
Der Krümel ist Metapher für das Kindsein; ein gestörtes Verhältnis zur Mutter entspringt diesem Tun.
Die Kantenphysik beschäftigt sich in erster Linie mit den angrenzenden Flächen einer Kante, die sie letztlich definieren, denn ohne Flächen keine Kante. Dabei geht es um den Winkel, in dem die Flächen zueinander stehen. Der 90°-Winkel ist die ideale Situation, je weiter er gegen 180° geht, desto mehr nähert er sich einer Gesamtfläche aus zwei einzelnen Flächen. Das Dagegenrammen wird mit der Näherung an 180° immer schmerzfreier.
Wäre das Ganze im Weltall zu finden und die Kante ist unendlich, also eine Gerade, dann würden zwei unendlich große Flächen zusammengefügt und die doppeltflächige Unendlichkeit wäre erfunden. Die gibt es allerdings nicht, denn 2x unendlich ist immer noch unendlich. Auch das Wort Supermarkt lässt sich bekanntlich nicht steigern.

Das unlustauslösende Moment der Kante ist aber auch abhängig vom Betrachter, will sagen, dem Betroffenen. Eine Ameise nimmt eine Kante anders wahr als ein ausgewachsener Mensch. Die Bakterie lacht über die Kante, denn sie weiß gar nicht, dass es sie gibt.
Je kleiner das Subjekt (Ameise, Mensch, Bakterium), desto tiefer wirkt die Kante als Abgrund, wenn sie einen 90°-Winkel bildet. Je mehr sie in Richtung 180° kommt, desto eher ähnelt sie dem Idiotenhügel in einem österreichischen Skigebiet.

Was auf den ersten Denkversuch einleuchtend erscheint, erweist sich aber in der Praxis als schwer nachzuvollziehen. Die Ameise ignoriert den Abgrund und läuft ihn hinunter ohne abzustürzen, die Bakterie lebt gar nicht lange genug, um den weiten Fußmarsch, in den Abgrund zu schaffen; vorher ist nämlich Mutter mit dem Wischlappen da und schmiert eine Millionengruppe anderer Bakterien über den Wanderer.
Vor allem bleibt es nicht bei den 90°-Kanten. Wenn unter der Kante gar nichts mehr da ist, dann nähert sich der Winkel immer mehr den 0°. Je näher er dem kommt, desto unangenehmer für Bergsteiger, die an Felskanten hängen, die eigentlich eine Wand sein sollten. Da heißt es gut kraxeln, sonst geht es sturzartig nach unten.
Je näher der Winkel den 0° kommt, desto eher entsteht eine Doppelfläche, weil die vormals senkrechte Wand nach unten und hinten weggeklappt auf der Unterseite der oberen Fläche zu haften kommt. Das klingt kompliziert, ist aber unerheblich, weil Flächen an sich keine Dicke aufweisen und so eine Doppelfläche bilden, die genauso dünn ist wie vorher, nämlich 0. Dicke Flächen nennt man Quader.
Alles in allem erkennt man, dass Kantenphysik das Leben nicht leichter macht, vielmehr erscheint das Alltägliche kompliziert und entspricht der Bedienungsanleitung für einen DVD-Rekorder.
Dabei sollte Wissenschaft immer dem Menschen dienen; wenn es aber leichter ohne geht, sollte das Wissenschaft auch zur Kenntnis nehmen und sich dezent zurückhalten. Wo keine Probleme sind, sollte die Kantenphysik auch keine schaffen. Ein zufriedenes Volk lässt sich leichter regieren, sodass man Außenseiter zur allgemeinen Belustigung fragen kann: Von welcher Kante kommst du denn?
Ein Lachen befreit und hat noch keinem geschadet. Und das ist mehr als weniger ausländerfeindlich.

Wiedergeburt als Regenwurm

Ok. Irgendwas ist schief gelaufen im letzten Leben.
Aber Regenwurm, das ist hart.
Vor allem, wie soll man denn da wieder aufsteigen?
Ich habe ordentlich gebuddelt, Erde gelockert, schlechtes Karma, und jetzt was Gutes tun. Buddeln, buddeln, buddeln.
Die Buddel war früher mal Mittelpunkt, hochprozentig natürlich, Würfel und Spielautomat. Meine Güte, aber ich habe doch keinem geschadet, jedenfalls weiß ich nichts davon.
Regenwurm. Mannomann. Schildkröte ist noch eine Position höher. Aber die leben so lange, da hat man ja richtig was von der Strafe.
Vor allem: Was kann ich denn jetzt machen? Außer buddeln?
Ich weiß ja noch nicht einmal, wo mir der Kopf steht.
Neulich hat mich so ein bekloppter - upps, das darf ich gar nicht sagen, das gibt Minuspunkte - so ein verschnarchter Hobbygärtner mit seinem Spaten in zwei Teile geschnitten. Angeblich sollen dann zwei Regenwürmer entstehen und weiterleben. Glaube ich aber nicht, denn was das andere Ende macht, weiß ich überhaupt nicht. Das denkt wohl nicht; dann muss das wohl mein Schwanz sein. Da, wo man denkt, ist der Kopf.
Wenn der Schwanz denkt, dann stimmt da was nicht.
Ist wohl noch menschliches Verhalten.
Vielleicht ist das bei Regenwürmern anders. Da kenn ich mich noch nicht aus. Dafür bin ich noch nicht lange genug Regenwurm.
Was bleibt mir denn außer buddeln?
Ich darf ja noch nicht mal denken. Das gibt auch Minuspunkte.
Ich kann aber nichts dagegen tun. Ich denke und denke.
Nicht denken ist doch das höchste Ziel der Meditation.
Wenn ich gut buddele und nicht denke, dann steige ich auf.
Schildkröte.
Das ist keine Alternative.
Kampfhund würde mir gefallen, aber da ist das Risiko für Minuspunkte ja noch höher. Und für das Herrchen gleich mit.
Vom Vokuhila zur Glatze, wenn er die nicht schon hat.
Vokuhila wäre auch eine Möglichkeit gewesen, statt Regenwurm zum Beispiel.
Oder Glatze. Die denkt wenigstens nicht. Da hätte man gute Chancen, wenn als Regenwurm auftaucht.
Und überhaupt: Wer entscheidet das denn?
Schildkröte. Mannomann, die sehen so doof aus, wenn sie den Kopf aus dem Panzer nehmen. Das ist doch irgendwie auch Bundeswehr. Die sehen auch nicht gut aus, wenn die den Kopf aus dem Panzer stecken. Zack! Ist ein Loch drin, wenn man an der falschen Stelle rausguckt, zum Beispiel in Afghanistan.
Vielleicht werde ich doch Katholik. In der Hölle soll ja richtig was los sein...

Wohin mit dem Jägerschnitzel?

Nicht unbedingt appetitlich: Das Jägerschnitzel
Man kann verstehen, wenn die Begriffe Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce verschwinden sollen. Sie diskriminieren.
Ob sich die Speisen aus den Köpfen und Mägen per Verbot vertreiben lassen, ist fraglich.
Wundersam ist aber, dass jetzt der "Bundesverband der Freizeitjäger und Knallköppe" das Jägerschnitzel verbieten lassen will.
Es bestehe nämlich gar nicht aus Jäger und sei eine Irreführung der Konsumenten, so deren Sprecher. In Wirklichkeit sei der Hauptbestandteil Paniermehl, unter dem sich eine dünne Schicht Schwein befinde.
Ob man nicht Freizeijtäger mit Schweinen gleichsetzen könne?, ist die provokante Frage aus dem Kritikerlager.
Neinneinnein, kontert der besagte Bundesverband, nicht immer sei drin, was drauf sei.
Drauf sei doch Paniermehl, so die Gegenseite.
Ab morgen wird zurückgeschossen, knallt der Bundesverband los, wenn diese saudumme Fragerei nicht aufhöre!
Saudumm...., murmelt das Gegenlager und jeder versteht die Anspielung, nur der Bundesverband nicht, weil der bereits die Knallkorken auf die Blechrohre pfropft, um sich erst mal Mut anzuschießen. Dazu wird eisgekühlter Jägermeister serviert und eine Bratwurst, denn von Jägerschnitzeln habe man die Nase voll.
Den Mund voll, korrigiert das Kritikerlager, und der erste Schuss geht nach hinten los, weil der Schriftführer seine Kontaktlinsen nicht im Auge hat.
Aus den Augen, aus dem Sinn, lächelt der Angeschossene still durch das Einschussloch in sich hinein, da kann ich endlich mal wieder meine guten alten Glasbausteine aufsetzen.
Das Kritikerlager kugelt sich vor Freude und beschließt, auf dem nächsten Schützenfest als Gasttrinker mitzuwirken.
Immerhin ein Anfang, wenn auch kein besonderer.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Hölle, Hölle

Hölle, Hölle, Hölle!, dringt es aus dem Lautsprecher und vor unserem geistigen  Auge schüttelt Wolle Petry seine Freundschaftsbänder, die er  selbst beim Duschen nicht ablegt. Wir Hörer hüpfen und singen mit, ohne uns Gedanken darüber zu machen, welche gefährliche Botschaft der Schlagersänger leichtferig ins Volk posaunt. Ist uns nicht immer gesagt worden, dass das Paradies das Erstrebenswerte sei, dass wir ein gutes Leben führen sollen, dass wir Gutes tun möchten und uns schon einmal das Leben nach dem Tod vorstellen dürfen: Großen, grüne Liegewiesen, auf denen wir verweilen, in weite, weiße Gewänder gehüllt und friedlich lächelnd, uns an Milch und Honig labend und auf den nächsten Tag wartend, der so sein wird wie der heutige, und das eine Ewigkeit lang? Wir haben keine Not, keine Krankheiten, keinen Hunger, wir nehmen nicht zu und nicht ab, die Haut bleibt immer jung, sodass wir uns nicht mal eincremen müssen. Was will der gute Mensch mehr?
Und dann die Botschaft: Hölle, Hölle, Hölle! Die gar keine Botschaft ist, nur die dreimalige Nennung eines Substantives! Und trotzdem hüpft alles mit und schreit den Kehrreim aus dem Körper heraus, dass die Seele fast mitfliegt. Und das ist wohl auch die Absicht des Bösen, der sich diese schnappen und seiner Großmutter schenken will, die daraus ihren allseits geschätzten Seelentröster mixt. Hinter der Botschaft lauern unausgesprochene Versprechen, die Menschen, die den breiten Weg der Verdammnis eingeschlagen haben und den steinigen verweigert haben, verlockt, sich glücklich zu schätzen, nicht ins Paradies zu kommen.
Paradies ist langweilig, hört man sagen. Hölle, da geht die Post ab, das ist Farbe drin, Schwarz und Rot, und die Hölle ist heiß, alle sind nackt und tragen Tüten über den Köpfen, damit man nicht weiß, mit wem man es zu tun hat. Da kann man richtig einen rund machen, mal auf den Putz hauen, dass die Diskokugel wackelt!
Den guten Menschen tut das Herz weh bei soviel  Oberflächlichkeit. Das weiße Gewand will ein wenig kratzen, aber bedenket: Nur schlechte Menschen kommen in die Hölle, und wer will schon auf seinen Finanzberater treffen?
Ein Trost den Verunsicherten: Es gibt auch eine Hölle auf Erden, und die muss wohl jeder durchschreiten.

Singende Unterwäsche

Andrea Berg hat es raus. Jahrelang hat man dem Deutschen Schlager nachgesagt, er sei muffig, er sei langweilig, er sei steif und uninspiriert. Etwas für Tattergreise und Menschen mit Angst vor Infektionen.
Dem setzt er nun diese nicht mehr ganz taufrische Andrea Berg entgegen, eine Schlagersängerin, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Unterwäsche gesellschaftsfähig zu machen, wenigstens auf der Bühne.
Die Greise stehen nun Schlange und die Phobischen reißen sich um die Eintrittskarten.
Auf die Frage, welche Botschaft sie denn habe, antwortete Andrea Berg: Mehr auf die Wäsche achten, nicht so auf die Musik hören.
Damit hat sie wohl zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Man achtet nicht mehr so sehr auf die Musik, was allen gut tut.
Über die zweite Fliege wird noch gestritten.
Mal hören, wie das klingt. Oder mal gucken.

Alte Hits erfreuen das Herz

Henry Valentino sitzt im Auto! Vor ihm die Uschi, wobei er nicht weiß, dass es die Uschi ist. Aber er singt sie an. Öffentlich. Er bewegt sich dabei, als habe er einen Autounfall gehabt: Die linke Hand immer ein wenig erhoben, so als wolle er ein fiktives Lenkrad anfassen und über eine vereiste Fahrbahn steuern, immer der Uschi nach, die natürlich Gummi gibt. Das konnten die Frauen schon immer: Fuß aufs Gas, bei jedem Wetter.
Da brummt die singende Oberlippenbehaarung über das Mädchen vor ihm im Wagen und weiß, dass sie ihn nicht hört: Lee Marvin röhrte, wenn er eine starke Erkältung hatte, kaum einen Schlag besser. Immer einen Viertelton neben der Notenlinie. Gut, dass Uschi den Mann hinter ihr nicht hört, denn nicht immer haben tiefe Männerstimmen die beabsichtigte Wirkung. So erfüllt Henry V. den Tatbestand der Nötigung durch übertriebenes Auffahren. Uschi, mit dem dicken Fell der 70er Jahre gesegnet, lässt sich nicht beirren, fährt ihren Weg und singt auch noch drüber. Genau, wie damals üblich: Falscher Ton? Einfach drübersingen!
Henry singt das magische Rattan Rattan radatan; was kann er meinen? Sein Motor hat Probleme, oder sind es seine Hirnzellen, die unermüdlich die Zahnräder bewegen, um einen Vorschlag zu unterbreiten, wie Uschi am geschmeidigsten in Henrys Gesellschaft überführt werden kann? Er will sich immerhin hinter Hecken verstecken, wohl weil es sich reimt, oder hinter Kühen sich mühen, hinter Tannen was spannen, auf jeden Fall auflauern (hinter Häusern von Bauern?), doch dann ruft die Armbanduhr: Du kommst zu spät nach Hause, Henry! Das darf nicht sein. Das hat er noch nie gemacht. Also: Adieu sagen!
Bye, bye, mein schönes Mädchen, trötet der alte Bock aufs Armaturenbrett, und stellt fest: Uschi hat den Blinker an. Hier fährt sie ab. Sie fährt voll ab, die Frage, auf wen? Aber sie hat den Blinker an, was heißen will, dass sie gleich abbiegt, die Biege macht, die Kurve noch soeben kriegt, den Henry links liegen lässt, links hinter den Hecken eben. Mit dem Blinker an wird sie zu Hause eintreffen und ihre Eltern verwundern. "Kind, warum hast du denn den Blinker an?" Da niemand so recht mit dieser Metapher etwas anfangen kann, bleibt man allgemein die Antwort schuldig.
Henry und Uschi kamen nicht zueinander, auch wenn Henry V. dafür ein Zahn zugelegt hätte. Aber mit dem kaputten Arm vom letzten Crash? Da müsste schon was bei der Uschi drin sein.Wahrscheinlich waren beide in einem jeweils andersfarbigen Kadett unterwegs, und Uschi in einem, der wie eine Ente aussah, und das passt gar nicht. Gut ist es aber, dass sie sich nie berührt haben, denn es gibt schon genug Kindergartenkinder, deren Väter aussehen wie deren Väter, steinalt nämlich. Daran ändert auch die schlecht rasierte Oberlippe nichts, die in den 70er ja in war und so etwas wie Jugendlichkeit ausdrücken sollte, aber lediglich Hinweise auf die Mahlzeiten vom Vortag gab.


Bleibt nur die Frage, warum alte Hits das Herz erfreuen?
Antwort: Weil sie so selten zu hören sind.
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Die gelbe Jacke: Allein hinter einem Bild von Matisse

Einige Tage hatte die gelbe Jacke im Schaufenster eines Geschäftes für Waren aus zweiter Hand gestanden. Die Schaulustigen bummelten und  betrachteten die Auslagen und ihr Blick fiel immer auf die gelbe Jacke, um dort eine Weile hängen zu bleiben, denn die gelbe Jacke war schön. Manch einer der Betrachter hätte sie gern getragen und manche schöne Frau hätte sie für ihren Mann gewünscht. Dass es sich um einen Zweite-Hand-Laden handelte, und dass dieser straffällig Gewordene finanzierte und den Bestand aus Spenden rekrutierte, schreckte viele ab. So blieb die gelbe Jacke eine ganze Weile in diesem Geschäft und aber als Blickfang im Schaufenster. Und dann eines Tages stellte man ein Bild vor sie, einen Matisse. Jeder Mensch weiß, dass ein Matisse Millionen bringt und dass man den nicht einfach in einen Zweite-Hand-Laden stellt, und vor allem nicht vor eine gelbe Jacke, denn das würde diese in den Hintergrund rücken.
Was aber das Schlimmste war, dass die Ladenbetreiber, die noch nie straffällig geworden waren, so dumm waren, dass sie nicht erkannten, dass der Matisse eine plumpe Fälschung war; was die gelbe Jacke noch weiter in den Hintergrund drängte. Seht doch, wollte die Jacke schreien, wenn sie gekonnt hätte, seht doch! Eine plumpe Fälschung! Papperlapapp!, hätten die Ladenbetreiber gesagt, das passt schon, da steht ja drauf, dass es ein Bild von Matisse ist!
Die gelbe Jacke hätte weinen mögen, wenn sie gekonnt hätte. Ja, es stand drauf auf dem Bild: Bild von Matisse. Und dann ein Strichmännchen in Rot. Man mag ja von Matisse denken, was man will und von moderner Kunst auch, aber ein Strichmännchen hätte er nicht gemalt und auch nicht daneben geschrieben, dass das Bild von ihm sei. Moderne Kunst hatte auch ihren Stolz, die wollte nicht mit jeder Kleckserei Geld machen.
Die gelbe Jacke aber war traurig und verlor allmählich ihre Farbe. Irgendwann, als sie grau war, stellten die Ladenbetreiber ein Schild vor ihr auf: Gelbe Jacke. Das Bild von Matisse war da aber schon längst verkauft. Vielleicht nicht für ein paar Millionen, aber auf jeden Fall für zu viel Geld.

Dreiste Fälscher

Unglaublich. Da kritzeln doch dreiste Fälscher ein Bild zusammen, einfach so in Schwarzweiß und wollen das als Mann mit dem Goldhelm verkaufen. Gegen richtig Bares.
Jedem Semi-Kunstfreund sagt doch der Mann mit dem Goldhelm etwas: Der ist teuer. Auch das Bild vom Goldhelm ist teuer. Hat ein alter Künstler gemalt. Wer auch immer, auf jeden Fall teuer. Will ich haben. Gute Investition.
In diese Lücke zwischen Unwissenheit und Gier des Konsumenten pfropfen die dreisten Fäscher ihre schludrig gemachten Zeichnungen. Ihre eigene Unfähigkeit, einen vernünftigen Goldhelm zu malen, kaschieren sie damit, dass sie an den gezeichneten Helm einfach immer wieder Gold schreiben. Gold, Gold, Gold.
Sodass der potentielle Käufer erkennen muss: Aha. wo Gold dran steht, das muss auch Gold sein. Es muss ja nicht mal glänzen; denn das tut es wirklich nicht.
Damit keine Irrtümer auftreten, schreibt der Fäscher unter eines der GOLD-Wörter das Wort Helm. Goldhelm.
Jetzt erkennt auch der dümmste Gierige, dass das ein Goldhelm ist. Problematisch ist lediglich, dass der Mann als Träger des Helmes nur bis zum Hals zu sehen ist, was keine genaue Geschlechtsbestimmung zulässt. Da hilft nur Glauben.
Wenn das Gold lockend ruft, ist das aber eine vollkommen ausreichende Komponente, um einen Kaufabschluss zu erhandeln. Bitter, wie dreist die Fälscher und wie dumm die Käufer!
Der eigentlich Mann mit dem Goldhelm hängt derweil in irgendeinem Musseum rum und langweilt sich. Schade.

Ekke Dützmann: Akt, knieend - von Pawel Pikass (2009)


Ja, meine Güte, da kann man doch mal sehen, oder besser nicht sehen, was so ein Künstler unter einem Akt versteht. Hallo, dann kann der doch für 5 € ein Studentenmodel buchen, das vielleicht aufgrund der Studiengebühren oder der überschrittenen Höchststudiendauer darauf angewiesen ist, sich ein Zubrot zu verdienen, damit sie ihr Make-up für den Modeljob finanzieren kann. Und sie trifft auf einen introvertierten Künstler, der sich Maler nennt, und der vielleicht zu feige ist, in ein Lokal öffentlichen Interesses zu gehen, oder eine Modelagentur, die auch weitere Leistungen anbietet, anzurufen, und schließlich sitzt er dann stundenlang vor dem 5€-Model (die Stunde) und starrt auf es, mit der Begründung, er müsse sich inspirieren lassen, starrt und starrt, das Model friert inzwischen, da es ja ein Akt-Model ist und nichts an hat, und heraus kommt schließlich, nach langem Hin und Her, nach langem Gestarre ohne Bewegung, und schließlich einigen, vielleicht nur einem einzigen Pinselstrich, der möglicherweise stellvertretend für die gesamte Hormonwelt des Bildners sein muss, ein zweifarbiges Gebilde, das der Spurensicherung eine große Aufgabe stellt: Ja, hallo, wer soll das denn sein? Ein verkrüppelter Baumstamm, der nach Sturm Kyrill abgeknickt ist, oder die Inge, die sich, nach Entledigung des Badeanzuges, hingekniet hat, weil sie ihren Ohrring sucht, und das in der Umkleide des Städtischen Freibades?
Kunst sieht anders aus.
Ekke Dützmann

Wie im Himmel

Ich konnte alles kurz von oben sehen, alles wirkte warm und hoch und ganz von oben, da wo droben war, wo man am Loben war, obwohl man nichts geschafft, die Sache mehr versaut, da, wo die Manager regieren und sich selber  abservieren gegen fettes Geld, wo keiner hält, was er versprochen, bis auf die Knochen blamiert, weil gelogen, betrogen, dass sich die Balken biegen, die Kleinen schmiegen sich an Mutter und  gucken in die Röhre, und jede Göre weiß, mach einfach Scheiß dahinten im Konzern, man hat dich trotzdem gern, und ist auch froh, dich los zu werden, wegzuloben, nach ganz oben, ganz ganz oben, da, wo sich der Haufen trifft, der Abschaum, der so gerne in die Hölle kommen will, der still drauf hofft und glaubt, dass es da richtig staubt, weil's rund geht, weil man bei Action steht und sich nicht setzt, verletzt war gestern, jetzt tanzen Schwestern, heben Hüften, schieben Beine, meinemeine, schreit der Geldclown, ich will auch mal hau'n!
Ich da unten, wo der Himmel ist, den man so gern vergisst! Wie kam mein Blick nach oben. Ich war schon immer recht verschroben. Ich war da unten. Da wo die Treuen und die Kleinen, die Scheuen, die oft weinen, weil Gerechtigkeit verschwunden ist. Verlust und Frust, durchs Auge in die Brust. Im Himmel ist es öd, die Seelen sind zu blöd für das Vergnügen, sie wollen nicht betrügen, oder lügen. Und ich war unten.
Von oben schreit es: Komm, genieß dein Paradies!

Kontext und Partnerwahl


Zugriff!, denkt der spätpubertierende Mittdreißiger und fasst der Dame, die neben ihm an der Theke steht, an den Oberkörper, dahin, wo der Zugreifer sich volumenmäßig von der Angefassten unterscheidet. Zugriff, das volle Besteck! Das hat er aus Tatortfilmen gelernt. Die Dame gibt ihre Bestellung auf und beantwortet die Frage der Bedienung, ob es auch etwas mehr sein dürfte, mit einem: Na, sicher. Was den Zugreifer motiviert, die Fingerspitzen leicht zusammenzudrücken, um etwas mehr von der fleischlichen Fülle zu begreifen. Be-greifen, endlich wird ihm das Wort klar; ewig schon waren ihm die Frauen unbegreiflich, unverständlich, nicht mit Worten zu erdenken, und jetzt hatte er die Lösung gefunden: Begreifen. Aber statt eines drallen Stückes Fleisch gibt die ergriffenene Rundung nicht nach, eher fühlt sie sich an wie ein Stahlkorsett. Merkwürdig auch, dass die Dame noch keinen Laut auf seine vorsichtigen Bemühungen hin von sich sich gegeben hat. Vielleicht mag es nicht nur an der harten Kappe liegen, die die Empfindungen behindert, sondern auch an der Umgebung, denn nach wie vor sind Erfolge in der Partnerwahl, wie ungeschickt sie auch vorbereitet wird, vom Kontext abhängig, nämlich davon, in welcher Situation die Vorbereitungen stattfinden. Hans hatte ihm damals im besoffenen Kopf geraten, doch einfach mal an der Theke einer Frau an die sekundären Geschlechtsmerkmale zu fassen, was ihn erstmal hat nachschlagen lassen, was das denn überhaupt sei: Sekundäre Geschlechtsmerkmale. Das mit der Theke muss er wohl auch falsch verstanden haben,denkt er sich, denn es eignete sich wohl nicht jede dazu. Und wenn die Partnerwahlanbahnung hier fehlschläg, dann ist ihm klar geworden, dass eine Fleischtheke der falsche Kontext ist. Was auch immer Kontext bedeuten will. Nicht jeder Tipp eines betrunkenen Kumpels, der an der Theke neben einem steht, lässt sich transferieren und in Glückseligkeit umwandeln.

Fliesengeist in Bonn


Der Fliesengeist saß nun seit geraumer Zeit an der Wand in einer U-Bahn-Station, vielleicht Hauptbahnhof Bonn, wer weiß, er wusste es selbst nicht, und wartete, dass ihn jemand ansprach, denn nur so konnte er aktiv werden, konnte er sein Wesen entfalten. "Hallo, Fliesengeist, willst du mir willig sein? Du bist schon etwas strange, ein Fliesengeist....Ich kenne eigentlich nur Flaschengeister, die immer wollen, dass man den Korken rauszieht. Aber Fliesengeister? Na, ich weiß nicht" So etwa hätte eine Ansprache sich anhören können; aber niemand sprach zu dem Fliesengeist. Niemand wollte seine Dienste in Anspruch nehmen, niemand wollte sich Wünsche erfüllen, denn die Preise für Unterhaltungsmedien waren mal wieder gesunken und jeder hatte eigentlich, was er brauchte, sogar noch viel mehr, sogar Dinge, die er überhaupt nicht brauchte.
"Tja, Fliesengeist", hätte die Ansprache weiter gehen können, " ich habe mal eine Flasche Friesengeist getrunken, damals, als ich noch mit Günter unterwegs war, den haben wir flambiert, da haben wir uns die Lippen verbrannt, später haben wir ihn dann kalt getrunken. Zum Schluss konnten wir kein r mehr aussprechen. Fliesengeist, Teuwwwelsssoiggh!, haben wir vor uns hingesummt. Vielleicht bist du mir deshalb so sympathisch...." Das hätte alles gereicht und der Geist in den Fliesen hätte sich bewegt und gesprochen:"Was kann ich für dich tun, Meister?"
Aber niemand fragte. Alle warteten nur auf ihre Bahn, versunken in ihre eigene Welt, in ihre Probleme: Was würde ich mir wünschen, wenn ich mir was wünschen könnte?

Roy Bosch: Touch (2010)

Roy Bosch: Touch (2010)
Deutsche Künstler mit englischen Untertiteln: Das ist suspekt.
Wenn man das  dann einigermaßen aussprechen kann, geht das ja noch: Tatsch.
Der hat dochen Tatsch, sagten wir früher über Menschen, die anders waren als wir. Also richtig anders.
Thomas Anders zum Beispiel.
Oder Christian Anders, der sich dann, als ihn keiner mehr wollte, nackt an ein Tor gekettet hat, um gegen oder für etwas zu demonstrieren.  Das weiß man heute nicht mehr. Er selbst wohl auch nicht. Jetzt schreibt er als Lanoo Bücher, die keiner versteht, was ihn ja auch irgendwie unangreifbar macht. Er hat einen schwarzen Gürtel, und er hat eine Menge Schlager herausgebracht. Wer schöne Bilder und auch eine Reihe hässlicher sehen will, muss hier hinklicken: Bilder
Wie kam ich jetzt doch auf Christian Anders? Genau, durch Peter Maffay, die alte Muräne.
Also, einen Tatsch hatte Leute, die anders waren, irgendwie Thomas oder Christian, aber auch ein bisschen Peter Maffay und vor allem Rickey Shane, also, der hatte doch total den Tatsch. Total den Tatsch. Alliteration, auch wieder so eine Krankheit der 70er Jahre.
Und jetzt Roy Bosch. Da fasst ein Luftballon an den Hals einer androgynen Figur, betatscht die sogar.
Ich finde, irgendwo hört es auf.

Gedichtinterpratation: Folke Smund - Hänschenklein

Hänschenklein
fehlt ein Bein
andres auch
steht jetzt auf dem Schlauch

Satzzeichen fehlen, das ist modern. Ein verschnarchter Paareim, das ist was fürs Land, da liebt man Endreime.
Hänschenklein - die Zeile kennt man doch, das ging irgendwie anders weiter. Dem Jungen in der Verkleinerungsform auch noch eine Verkleinerungssilbe hintendran zu hängen, das war damals schon schräg, als die erste Zeile eines anderen Gedichtes sich im Hirn des Dichters entfaltete.
Ein Vierzeiler - da weicht nichts von der Norm ab. Dreimal drei Silben, in der vierten Zeile fünf. Mit etwas Geschick könnte man ein Haiku draus machen. Tut man aber nicht, wir sind nicht in Japan, da heißen Jungen anders. Haruki oder Kouuki.
Die Zeile zwei bringt bereits die Brutalität der Wirklichkeit in eine lyrische Idylle: Es fehlt ein Bein! Der Junge ist versehrt und wird es wohl in seinem Leben schwer haben. In Zeile drei die Steigerung des Leids: Das andre auch. Lapidar dahingerotzt, als sei das eine der großen Belanglosigkeiten.
Und dann schreitet der Autor zu weiterer Missetat: Steht jetzt auf dem Schlauch. Hallo? Wie geht das denn? Wie soll der Bursche auf dem Schlauch stehen?
Das ist makaber, das ist zynisch, das ist unverschämt. Hier hat sich ein Autor im Ton vergriffen. Nach vier Zeilen ist man bereits gewillt, das Gedicht wegzuschmeißen. Aber es ist im Kopf und will nicht raus. Es sitzt da fest, weil es so kurz ist, so brutal und doch so eingängig.
Und dann davon zu schwafeln, es könne ein Protest gegen Landminen sein, das ist geschmacklos.
Gut dass es Kinderbücher gibt, die solche Kinder zeigen und Eingrifflöcher anbieten, in die man seine Finger stecken kann, um seinen Zöglingen die heile Welt zu bieten. Darüberhinaus: Kinderbücher, in denen sich etwas bewegt, sind dynamsich. Und das ist es, was unsere Kinder brauchen. Nicht Gedichte von pathogener Hässlichkeit.

Georg Krakl: Halsgeschmeide (2014)


An einer Weide
lehnte eine Frau mit reichlich Halsgeschmeide.
Sie trug sonst nichts auf ihrem Leib
nur eine Last, wohl eine Bürde
der Blick war traurig, doch mit Würde
schien sie alles zu ertragen
ohne zum Warum zu fragen.
Das war ein Weib!
Nichts auf dem Leib,
aber Halsgeschmeide!
Und lehnt an eine Weide.
Und so voller Bürde!
Oder war es Würde?

Egal: Man soll nicht klagen!
Das Wichtigste: Die Frau stellt keine Fragen.

Kinder verwirren


Auf einem Kinderspielplatz in einem Park der Stadt Göttingen Hinweise für Kinder: Das dürft ihr! Das ist verboten! Das Verbotene ist durchgestrichen, das Gedurfte nicht. Was darf man? Sein Kofferradio auf die Erde legen und Kreise darum malen. Ein Hühnchen, das gegessen werden soll, vorher aufspießen und über einem Feuer erwärmen. Dem Hund, der sich eine Wurst aus dem Darm drückt, einen Eimer drunter halten (Geht bei kleinen Hunden nicht!). In einen Papierkorb hineinjonglieren, aber mit maximal drei Bällen. Bei bellenden Hunden die Schlinge enger ziehen bis sie röcheln oder still sind. Was ist verboten? Indianerspielen. Mit einem anderen Kind spielen und dabei Gegenstände benutzen. Mit dem Motorroller auf fremden Autos herumfahren. Immerhin: Es gibt nur drei Verbote, dafür aber 4 Tätigkeiten, die man tun darf. Schön. (Rücksicht nehmen? Haha! Wer denkt an Leute, die einigermaßen Rechtschreibung studiert haben? Im Interesse Aller bitte diese Regeln beachten! Wer ist Aller? Ein Fluss?)

Schnee verdeckte früher Gartenzwerge

Der Klimawandel wirkt überall, selbst im Garten des Schrebergärtners oder des Reihenhausbesitzers. Ha, kein Problem, Klimawandel? Macht mir nichts, ruft Theo F. über den Gartentzaun und postuliert unumwunden, dass er nun seine Lieblinge länger sehen könne als in all den Jahren vorher. Früher seien die lustigen roten Mützen schnell unter dem Neuschnee verschwunden und ihr Zauber war für einige Monate verloren, verborgen unter der Kälte und ihren Produkten. Jetzt aber sei sein "Watzmann" ganzjährig zu sehen und weithin leuchtend bewache er die ganze Laubenkolonie, so der stolze Besitzer des Keramikkerls, den er auf der rechten Straßenseite landauswärts Richtung Deutschland zwischen den Stellplätzen zweier Liebesdamen in Polen gekauft hat. Der normale Bürger schaut schon mal angewidert weg, wenn er im Dezember nicht den Weihnachtsmann in Miniaturformat vor den Rabatten knien sieht, sondern den profanen Gnom, der lieblos in grellen Farben koloriert wurde. Manch einer wünscht etwas bescheidenere Farben beim Gartenzwerg, die ihn verschmelzen lassen mit der Umgebung und damit fast unsichtbar machen. Schöner wäre jedoch, gerade weil es auf Weihnachten zugeht, eine Portion Schnee in der Laubkolonie, die alles, was man gern mit dem Spaten platthauen würde, aber nicht darf, weil das Sachbeschädigung wäre, die einfach alles zudeckt, mit dem weichen Mantel vorweihnachtlichen Liebe. Der Himmel hat kein Einsehen.

Farbe bringt Farbe in die Welt

Wie grau wäre die Welt, wenn nicht ein paar rote Pullover ins Auge springen würden, die von Menschen getragen werden, die das Graue nicht sonderlich schätzen, weil es sie gerade zur Spätsommerszeit so unendlich traurig macht?
Kommt, lasst uns unsere rosanen T-Shirts rausholen, überziehen und ein wenig in die nähere Umwelt gehen, damit nicht alles so trist aussieht!, sagt die Mutter von fünf Kindern und gefällt sich ein klein wenig als Farbtupferengel.
Was ist trist?, brüllen die Blagen wie im Chor.
Kinder, ihr müsst nicht alles wissen, macht einfach, was ich sage!
Das machen wir doch sonst auch nicht, antworten die Kinder und fragen, warum sie das denn heute sollten?
Die Mutter schaut aus dem Fenster und sieht, dass die Mutter mit den sechs Kindern bereits draußen an den Strohballen herumturnt, um der Welt etwas Farbe zu geben. Alle tragen lilane T-Shirts, die vom vielen Waschen ganz rosa geworden sind.
Beide Mütter wissen nicht, dass es "rosafarben" und "lilafarben" und auch, vorbeugend für Ostern, "eierfarben" heißt.
Aber sie meinen es gut mit dem Grauen auf der Welt; leider stehen sie in Konkurrenz zueinander.
Kinder, dann bleibt mal drin, denn ihr macht ja sowieso was ihr wollt! Wenn ihr aber wissen wollt, was trist bedeutet, dann guckt mal nach draußen. Da turnt die Mutter mit den sechs Kindern herum in ihren verwaschenen lilanen Blusen. Boh, ist das trist! Boh, die Alte turnt mich an.
Mutter, was bedeutet das: Die turnt mich an?
Hat man früher gesagt, da seid ihr noch nicht auf der Welt gewesen.
Ok, wir wollen jetzt mal raus! Können wie die rosanen Blusen tragen?
T-Shirts, Kinder, wir tragen T-Shirts. Blusen, die tragen die anderen.

LACHFALTEN


Lachfalten
sind schlaffe Haut.

Straffe! Schaut
in den Spiegel
solange es lohnt,
und greift in die Tiegel
und schmiert wie gewohnt
alle Stellen,
die sich irgendwann dellen
und wölben und weiten
und blähen und glaubt nicht den breiten
Grinsern, die Lachfalten preisen
und Jugend beweisen
wollen. Sie müssen kaschieren
Was Pasten und Cremes nicht verschmieren,
zutünchen oder verstecken.
Lachfalten
haben nicht ums Verrecken
Zu tun mit Humor, oder Freude, nicht mal guter Laune,
ihr Alten,
schaut:

Lachfalten
sind schlaffe Haut!

Menschen im Schlauchboot


Was bewegt Menschen, in einem Schlauchboot einen Fluss hinunterzutreiben? Der Fluss fließt langsam und müffelt ein wenig, also nicht unbedingt ein sinnlicher Hochgenuss, hier und da ein toter Fisch, daneben ein Angler, oder eine junge Frau mit ihrem Pitbull, die sich im Taschenspiegel betrachtet. Wir fragen uns alle, was kann einen Menschen bewegen, im Schlauchboot zu treiben? Ist es die Betonung der Tatsache, dass der Mensch im Boot schwimmen kann? Denn ein einfaches Taschenmesser oder ein Dosenöffner genügt, um dem Boot die Luft abzulassen und ihm seine Standfestigkeit zu nehmen, ein einfacher Stich bringt den Schlauchbootfahrer in die Gefahr, ein Bad in unsauberem Gewässer zu nehmen, vielleicht gegen eine ungeahnte Strömung anzukämpfen, laut um Hilfe schreien zu müssen, obwohl er Schwimmer ist, und dabei vielleicht eine gute Portion Flusswasser zu schlucken. Ein nachfolgender Rülps hat einen derben, fast ekligen Geschmack und der unfreiwillige Schwimmer wird froh sein, das Ufer zu erreichen.
Das ist kein Vergnügen.
Und doch: Immer wieder sieht man diese Waghalse, diese Abenteurer, wie sie dahindümpeln, wie sie versonnen in die Sonne blicken und gedankenverloren ihr Butterbrot kauen. Vielleicht sind es Menschen, die Schläuche lieben, oder Menschen, die Boote lieben, sich aber kein richtiges Boot kaufen können, und so zur aufblasbaren Gummilösung des Problems greifen. Eine Antwort bekommen wir wohl nie, denn die Schlauchbootfahrer sind längst hinter Petershagen oder in Wasserstraße verschwunden und treiben Richtung Bremen. Schade.

Faule Comiczeichner

Früher waren Comics was für Leute, die nicht lesen konnten oder in dicken Büchern schlecht vorankamen, wenn keine Bilder drin waren. Comics waren etwas für die Flachschädel der Gesellschaft und wurden deshalb von den Intellektuellen heimlich gelesen. Diese Menschen trauen sich bis heute nicht, eine Bildzeitung zu kaufen, weil sie nicht als blöd dastehen wollen. Immer müssen sie eine Zeit oder einen Spiegel außen rum haben, rollen das Ganze ein und klemmen es sich unter den Arm.
Erst nach und nach wurden Comics zum Kult, weil die Blöden immer mehr wurden, und jeder weiß, dass die Masse entscheidet, was gut ist und was falsch, und was man nicht tut, oder nur heimlich tut. Comiclesen darf seit einigen Jahren jeder und kann dann immer sagen, er betreibe soziokulturelle Vergleiche in Anlehnung an amerikanische Studien über das Leseverhalten der Inuit, denen die Amis ja nach den Indianern auch an den Pelz wollen, weil sie ihnen angeblich das Walöl streitig machen oder auf Bohrlöchern sitzen, die ihnen nicht gehören. Wer möchte schon gern ein Loch besitzen? So ein Schwachsinn: Ein Loch ist doch nichts, das Außendrumherum ist das Entscheidende. So sehen das aber auch die Eskimos und bauen weiter ihre Iglus und bohren Löcher, die sie besitzen möchten.
Comiclesen macht was her. Ein Comicleser wird neuerdings für schlau gehalten, oder wenigstens für gebildet. Es ist jemand, der es nicht mehr nötig hat, ein Buch zu lesen, der hat schon alles gelesen und kann sich jetzt in aller Ruhe die Bilder angucken. Der faule Comiczeichner schlägt daraus Kapital, denn er zeichnet flugs ein paar Bilder und überlässt es dem Betrachter, sich eine Geschichte auszudenken. So weit musste es ja nach jahrzehntelanger Diskriminierung kommen!

Ausbildungsberufe: Schießbudenfigur

Das war früher mal: Schießbudenfigur. Da schwang noch dieses Verächtliche mit, das sich über die Schaustellergilde erhob, sie als Menschen zweiter Klasse einordnete, die Mitreisenden alles Angelernte und Nichtskönner, die von zu Hausen weggelaufen waren, und die einem was auf die Zähne hauten , wenn man sie schief anguckte. Insgeheim dachte jeder: Schießbudenfigur. Niemand wusste damals wirklich, wie hart dieser Job war, wenn die Besoffenen die Tonröhrchen nicht mehr trafen und dann ganz aus Versehen auf den Mann hinter dem Tresen zielten, vielleicht nur aus der Hüfte, wie John Wayne oder Old Surehand, aber in der Hoffnung, ihm eins zu verplätten, keinen tötlichen Schuss, nein, einen, der nur weh tat, nicht einmal Blut sollte fließen, Luftgewehrkugeln klatschen hören auf Schaustellerhaut, die lange nicht geduscht hatte, wie die Trinker meinten, das wollten sie und ein kurzes Aufjaulen wahrnehmen, das für die Arrognaz der Randständigen entschädigte, für die Freiheit, in einer Bude auf Rädern herumzureisen und den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen für billige Plastikblumen, die Scharfschützen stolz der Liebsten geschossen hatten. Heute gibt es keine Schießbudenfiguren mehr, heute heißt der Mann wahrscheinlich Fachangestellter für Freizeitballistik. Weg mit der Romantik!

Welttag der "Knochenreste"

Mittlerweile gibt es ja für alles Welttage, meistens erfährt man davon nur zufällig; und wenn man selber mal dran wäre, kommt die Information zu spät und man muss wieder ein Jahr warten.
Heute, am Tag der Knochenreste, darf jeder Bürger, der Knochen zu Hause beherbergt, auch wenn er dies illegal tut, weil es sich um Bernhardiner Beppo handelt, den er vor fünf Jahren nachts im Garten eingebuddelt hat, für einen Tag die gehorteten Gebeine zur Schau stellen und den staunenden Nachbarn präsentieren. Die Polizei drückt ein Auge zu, so ließ der Regierungspräsident verlauten, die habe heute ihre Weihnachtsfeier und würde auf die neuen blauen Uniformen anstoßen, das sei doch ganz passend, lachte der zuständige Dezernent irgendwie unpassend. Was lange in der Erde gelegen hat, bekommt so noch einmal eine letzte Anerkennung. Der selbstgezimmerte Glaskasten kann jedes Jahr wiederverwendet werden und im Frühjahr als kleines Gewächshaus dienen. Vorsicht jedoch mit den dargestellten Knochen! Nach erfolgreichen Einsätzen von DNA-Tests kann es auch an diesem Tag zu unliebsamen Überraschungen kommen, wenn die Hühnerknochen nicht wie Hühnerknochen aussehen, sondern mehr Richtung Primaten-Skelett denken lassen.

Die Parabel von der Grußpostkarte


Zwei Zwergelefanten standen vor einer Grußpostkarte und bewunderten die Schönheit der Landschaft. „Sieh mal“, meinte der eine, „ wie schön ist doch hier der Frühling! Wie herrlich das Grün und die Blüten, und wie schön auch der Ort, der sich in die Natur einschmiegt, als sei er schon immer hier gewesen!“
Der andere nickte bedächtig und ergänzte:“Welch Idylle, welch Schönheit sind hier versammelt, wo kann man in der Welt einen Ort finden, der diesem gleicht?“
Der erste Elefant sprach:“Wohl kaum wirst du einen ähnlichen Platz finden, vielleicht in den Rocky Mountains oder am Himalaya, eventuell auch auf Sylt.“ „Du sagst es“, nun der zweite, „ich finde auch die Toskana nicht schlecht und schön ist es auch auf Mallorca, wenn man sich ein Auto mietet und in das Inselinnere fährt.“
„Doch sag,“ nun der erste, „welcher Ort ist das hier?“
„Keine Ahnung. Wie kann ein solch anmutiger Ort voller Schönheit keinen Namen haben?“, runzelt der zweite Zwergelefant seinen Rüssel.
„Das ist Tecklenburg“, antwortete die Grußpostkarte.
„Aha, das habe ich schon mal gehört und zwar in Verbindung mit Vorbommern. Tecklenburg-Vorbommern heißt es doch vollständig“, meldete sich der erste Zwergelefant wieder zu Wort.
„Alles Quatsch!“, zischte die Grußpostkarte, die wohl erbost darüber war, dass die beiden Tiere nicht einen Ort namens Tecklenburg kannten, der auf ihr abgebildet war.
„Aber es ist schön hier!“, jubelten die beiden wie aus einem Rüssel.
„Alles Quatsch!“, korrigierte die Grußpostkarte, „ihr zwei seid viel zu klein, um die Welt zu kennen oder überhaupt zu erkennen, ihr könnt ja noch nicht einmal über einen Postkartenrand hinwegschauen!“
„Wieso?“, fragten die kleinen Elefanten.
„Weil ihr zu klein seid!“, erwiderte die Grußpostkarte. „Sonst hättet ihr längst bemerkt, dass ihr vor einer Gußpostkarte steht, auf dem ein Bild von Otto Modersohn abgedruckt ist, das die Stadt Tecklenburg im Frühling zeigt.“
„Wer ist denn Otto Modersohn?“, fragte der erste Zwergelefant.
„Ja, genau, wer ist Otto Modersohn?“, wiederholte der zweite Zwergelefant.
„Der ist schon tot“, flüsterte die Grußpostkarte, und es klang ein wenig schadenfroh.
„Und was heißt das jetzt?“, sagte einer der kleinen Elefanten.
„Das heißt, das nichts ist, wie es scheint, schreibt euch das mal hinter eure rhabarberblättrigen Ohren!“, sprach die Grußpostkarte und schwieg danach.
„Da kannst du mal sehen“, sprach der erste Elefant.
„Ja eben nicht!“, sagte der zweite.
„Genau“, schloss der erste und die beiden zogen weiter und nahmen sich vor, ab jetzt Schein und Sein deutlich zu trennen, was ihnen aber erst in der Nähe von Stuttgart gelang.Die Grußpostkarte aber wünschte sich, dass endlich jemand eine Marke auf sie klebte und sie in die Rocky Mountains, in den Himalaya oder in die Toskana schickte. Oder wenigstens nach Sylt.