Tonnes Tagebuch: Was ist los im Gastro-Gewerbe? (Haarwasser)

Liebes Tagebuch!
Ich hatte um einen Espresso mit einem Glas Wasser gebeten.
Es hatte gedauert, bis die Bestellung in Handlung umgesetzt wurde. Paderborn. Quell der Pader. Quell des Lebens. Katholisch eben.
Irgendwann kam die Bedienung, oder nennen wir sie Service-Kraft, und lancierte ihr Tablette an unseren Tisch. Wir saßen dort mit sieben Personen herum. Um einen Tisch.
Der Zopf der Servicekraft war in mein Wasser getunkt.
Ich hatte das nicht bemerkt.
Ich hörte ein Plätschern neben mir. Ein Fleck auf dem Pflaster. Wir saßen draußen.
Die Servicekraft habe ihren Zopf ausgedrückt, teilten mir die Mitsitzenden mit.
Gelächter.
Gelächter. Ich hatte schon einen Schluck vom kontaminierten Wasser genommen.
Hast du das  nicht gesehen?, fragte der Rest der Gruppe.
Nein, hatte ich nicht.
Der Zopf war in deinen Beistellwasser zum Espresso getunkt.
Die Servicekraft hatte den Zopf ausgedrückt, vielleicht auch ausgewrungen.
Neben mir war dieses Plätschern gewesen. Ein ausgedrückter Zopf. Espresso eben.
Die Servicekraft war schon verschwunden.
Haarwasser.
Kann man das trinken?
Ich war irritiert.
Soll man sich wegen servicekraftbedingter Mängel beschweren?
Was würde der Chef sagen?
Vielleicht würde die Servicekraft entlassen werden, nur weil ich ihr Haarwasser nicht trinken mochte.
Ein Mitglied der Gruppe opferte sich.
Es hatte ein Glas Wasser aus der Leitung extra bestellt, das nicht gekommen war.
Es schluckte die Tabletten, die es  schlucken musste.
Ich war erleichtert. Sein Wasser war nicht gekommen, das Haarwasser war weggespült.
Legionellen drohten doch wohl nicht, dachte ich.
Paderborn. Was war los im Katholikenland? Einem Protestanten wäre das nicht passiert, der hätte protestiert.
Aber: Ich  bin doch Protestant!

Neues Angebot der Post

Die POST hat ein neues Angebot im Programm, um den Konkurrenten in der Zustellung von Briefen davonzueilen und sinkenden Umsatzzahlen entgegenzuwirken:
Briefbomben können jetzt mit gesonderter Post zugestellt werden und kosten trotzdem nicht mehr als der herkömmliche Brief zu 58 Cent.
Der Brief kann - optional und gegen einen Zuschlag von 15 Cent - mit einem Aufkleber "TNT" versehen werden, damit der Zusteller  den Brief mit Vorsicht behandelt und so eine vorzeitige, unbeabsichtigte Detonation vermeidet.
Wer sicher sein will, dass der oder die Richtige den Brief "erhält", schickt den explosiven Text als Einschreiben, das persönlich gegengezeichnet werden muss.
Wer an Briefbomben nicht interessiert ist, sollte sich auch nicht in der Nähe der roten Fahrräder aufhalten; alle Fahrzeuge sind mit dem Aufkleber "TNT" versehen und werden von Mitarbeitern mit einer Zusatzausbildung gelenkt.
Der Verfassungschutz und der Bundesnachrichtendienst haben sich allerdings an die auffallenden Drahtesel gehängt, um Terroristen und Verfassungsgegner aufzuspüren. Wer sich dieser Schnüffelei entziehen will, sollte weiter konventionell verschicken.
Auf jeden Fall: Liebe Post, das Angebot ist der Kracher!

Schlagertexte ohne Melodie: Georg Krakl - Sex (ist das nicht)

Männer denken an das Eine
denken immer an das Eine
Sex
Sex
Sex
ist es nicht

nur ein Fußball
und die klitzekleine Märklineisenbahn
nach der sich einst ihr Hals verrenkt
und die die Eltern nie geschenkt
und an den Ball, der billig war,
der willig war,
und auch zu haben war


die Frauen denken an das Eine
denken immer an das Eine
Sex
Sex
Sex
ist das nicht

sind die schön enthaarten Beine
die sie zeigen allen Männerblicken

alle Männer wollen nur das Eine:
Kicken, kicken, kicken, kicken.

Schön ist das nicht.


Günter Krass: Kuss

So hatte er sich den Kuss nicht vorgestellt.
Als würden sich zwei Regenwürmer übereinander stülpen und nicht mehr von einander loslassen.
Und überhaupt: So feucht.
War das jetzt Wilma, die an seinen Lippen hing und ständig versuchte mit ihrer mausartigen Zungen, oder was es auch immer war, seine Frontzähne zu kontrollieren? Ja, das musste Wilma sein. Wer sonst war denn in seiner Nähe gewesen, als er eigentlich lieber allein sein wollte?
Aber: Was gingen Wilma seine Frontzähne an?
Natürlich, sie kannten  sich schon mehrere Jahre. Aber geküsst hatten sie sich noch nie. Und überhaupt zweitens, was fiel Wilma eigentlich ein, einfach ihre Lippen über seine zu stülpen und mit diesem sinnlosen Zungengefummel an seiner Frontzahnkrone zu beginnen?
Aus Verlegenheit und um nichts falsch zu machen, fasste er an Wilmas rechte Brustwarze. Und überhaupt drittens: Warum war Wilma unbekleidet?
Immerhin war das hier keine Sauna.
Tommo war ratlos.
Immer und immer wieder hatten ihm die Kumpels an der Theke erzählt, dass Küssen schön und  der Anfang einer noch größeren Sache sei.
Tommo würde jetzt gern eine Salzstange essen, aber Wilma verstopfte mit ihren Lippen den Weg in seinen Mund.
Es war einfach schrecklich.
Und überhaupt viertens: Wer hatte denn die Frauen erfunden?
Warum konnte ein Mann nicht einfach mal in Ruhe eine Salzstange essen?

Kunst oder Könst?

Andi Goldwerti: Schlitz im Freien (2013)
Kunst kommt von Können, lamentierte der Kunstlehrer damals und fühlte sich selber natürlich als Könnenlehrer.
Wenn man es könnte, aber nicht kann, dann ist das wohl eher Könst.
Das Wort Könst drückt aus, was es ist.
Keine Kunst nicht, aber auch keine Kunst. Verwirrend.
Könst ist die Möglichkeitsform des Objektes. Es hätte sein können, tut es aber nicht.
So bleibt es im Trivialen, verharrt dort unter anderen Sachen, die weg können.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Zufällig liegt ein dünner Ast neben einem Blatt an ein paar Mooswucherung auf einem schieferfarbenen Stein. Zufall, sagt der Normalbürger und geht weiter seines langweiligen Weges.
Kunst!, schreit der Künstler im Inneren und denkt natürlich auch an den leeren Geldbeutel, der sich schnell und ohne großen Aufwand füllen ließe, wenn man willige Idioten fände (Möglichkeitsform!), die das Objekt für einen künstlerischen Erguss hielten.
Kunst muss nicht schön sein; dafür hat man ja den Begriff geprägt, dass auch Hässliches wahrgenommen wird. Entscheidend ist, dass ein Teil der Bevölkerung - der, der das Sagen hat - sagt, es sei Kunst und man könne das kaufen und in ein paar Jahren sei das richtig was wert. Könnte man meinen.
Das Blatt des beschriebenen Kunstwerkes ist bis dahin zerbröckelt, das Moos hat alles überwuchert und der Stein war schlicht eine PVC-Platte, die sich jetzt merkwürdig verbiegt.
Wahre Könst ist ehrlich. Die eigentliche Kunst degeneriert mehr und mehr zum Trugbild und zur Geschäftemacherei.

Lachen hilft (auch nicht immer)

Wir wissen genau, dass es nur Gekritzel ist, dass das, was wir sehen, kein Kopf, kein Gesicht, nicht einmal eine Fratze ist, sondern lediglich ein  paar dahingekleckerte Striche, die entfernt an ein fröhlich greinenden Rundschädel erinnern, und doch lassen wir uns von dieser Strichelei verleiten, zurückzugrinsen.
Der Erfinder der Smilies, der heute als Milliadär auf seiner Yacht in der Karibiksonne schaukelt und einen Martini als Sunriser in der Hand schwenkt, hat gute Vorarbeit geleistet:
Wir sind konditioniert.
Wenn der Chef lacht, lachen wir. Wenn der Chef mal wieder explodiert,lachen wir trotzdem, weil wir dem Chef nicht zeigen wollen, dass wir ihn für niveaulos und unprofessionell halten.
Eigentlich könnten wir ein Dauergrinsen auf dem Gesicht etablieren, womit man gleichzeitig Altersrunzeln unter der Kategorie Lachfalten verstecken könnte. Wir wären mit einem Permagreinen in einer sicheren Gefühlslage gebettet und den Alltagsschwankungen nicht mehr unterworfen, bzw. müssten diese nicht auf der Gesichtsoberfläche anzeigen.
Wenn man ohne Grund lacht, stellt sich ein frohes Gefühl ein! Diesen Blödsinn zu beweisen ist jeder aufgerufen, der Sprüche von selbsternannten  Gurus gern in die Tonne treten würde.
Was letztendlich die Quintessenz dieses Textes ist, muss jeder selbst herausfinden. So kann ein Autor einfach drauflosschreiben und muss sich einen Dreck um den Inhalt kümmern. Das BILD-Niveau ist ja wohl immer drin, und wer als Leser suchet, wird auch was finden. Die Autoren sollten den Lesern endlich auch etwas zutrauen.
Es gibt viel zu tun, lachen wir es aus!

Günter Krass: Igel, Igel! Wo ist dein Riegel?

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Ich hatte nicht gewusst, dass ein Igel in meinen zerplatzten Fliesen - Frost, du Drecksau! - saß, aber er war da und sah demütig nach unten, niemals hätte er gewagt, mir in die Augen zu blicken, er hüstelte und und dann, eine Art Schnarchen drang aus seinem Maul, ein Röcheln fast, so, als wolle er sich entschuldigen, dass es ihm doch schlecht gehe, obwohl er von mir entdeckt worden war.
Der Igel könnte ein schönes Wappentier abgeben; allerdings weiß ich nicht genau für wen. Wer ist denn heute noch friedfertig, bescheiden und demütig?
Der Postbote klingelt an jeder Tür, der Finanzbeamte hasst Lehrer, der Lehrer hasst Finanzbeamte und die Politiker hassen das Volk, weil es sie nicht ausreichend gewählt hat.
Merkel hasst 3-4-Knopf-Kostüme und Seehofer hasst Merkel.Im Grunde hasst jeder etwas oder Edward oder jemanden, was ihn ausschließt aus einer Bruderschaft der Igel.

Georg Krakl hat dazu ein Gedicht erfunden, das in seiner Schlichtheit einzigartig und doch treffend ist:


Igel,
setz dem einen Riegel
vor.
Sei kein Tor!
Tu und mache!
Hilfsverben, die  geh'n zur Sache!

Treffender kann man  die zwischenmenschliche Sache doch nicht ausdrücken. Höchstens eine Tube Senf.

Gedichte mit Tieren drin: Georg Krakl - Auerhahn

Der Auahahn,
der hat sich wehgetan.
Drum heißt er Auahahn.

Die nur so tun,
die nennt man Auahuhn.

Schlager ohne Melodien: Zaubersack (G.Krakl)


Zaubersack,

was da wohl drin sein mag?

Oh, Zaubersack,



Kaninchen mit Chromnickelbrille?

Zwerg mit einer Zwille?



Nein, ich glaube,

Eine Taube,

der man ihre Flügel hat gestutzt.

Sie schaut arg verdutzt,

dass sie nicht fliegen kann.



Das war wohl der Zaubersackmann!

Er hat ihr die Federn abrasiert.

Und ihr Flugvermögen einfach wegradiert.



Zaubersack!

Ja, die Frauen,

Ja, sie schauen

Und sie  staunen

Und sie raunen.

Und sie tuscheln.

Und sie nuscheln.

Wollen kuscheln

Mit dem Zaubersack.





Hört ihr Flehen,

ist um sie geschehen.



Der Zaubersackmann lacht,

er hat den Sack dereinst gemacht.




Endlich: Besenkammer reloaded

Wie alt muss man werden, dass man eine zweite Biographie schreiben lässt?
Die Frage bleibt offen, denn das genaue Alter von Boris "Bobbele" Becker lässt sich nur schätzen; alt genug sieht er schon aus.
Was kann denn eine zweite Biographie mehr bringen als die erste? Eine Korrektur, oder gibt es vielleicht ein paar pikante Details, die die erste verschwiegen hat?
Untertitel des literarischen Ergusses/Aufgusses ist: Wie ich ein Arschloch wurde, aber Babs auch ein bisschen.
Fragen wie: Welche Putzmittel waren in der Besenkammer? Wo ist der Industriestaubsauger in der Beiwohnzeit geblieben? Warum regt sich Babs über hartgekochte Eier auf?, werden im Buch möglicherweise beantwortet.
Das alles jetzt für die, die das interessiert, und das dürften nicht viele sein.

Gedichte können Menschen helfen, müssen aber nicht

Eines Tages traf ich eine Frau an einem windigen Ort, die hatte eine Plastiktüte vor dem Gesicht und sonst nichts, womit sie sich bedecken konnte.
Ich glaubte nicht, dass es sich um eine spezielle Art religiöser Verhüllung handelte, vielmehr war es ja eine Enthüllung.
Warum die Dame da so allein im Winde stand, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, und doch tat sie mir leid und ich dachte so für mich: Vielleicht hat sie Angst vor Ohrenkneifern und versucht, empfindliche Körperteile, wie das Gesicht, zu schützen.
Um sie zu trösten und ihr die Angst zu nehmen oder ein wenig zu lindern, beschloss ich, ihr mein Lieblings-Ohrenkneifer-Gedicht, das von Georg Krakl stammt, vorzulesen:

Ein Ohrenkneifer - trotz der vielen Flausen, Flusen, Faxen,
die dieser macht, war mir ans Herz gewachsen.
Er hatte mich ins Ohr gekniffen
und ich sofort begriffen:
Die Freundschaft zwischen Mensch und Tier,
die dauert ewig und halb vier.

Ich ziehe Ohrenkneifer Füchsen vor,
den Rehen, Hirschen und den Dachsen.

Auch wenn ich das mit dem "ewig und halb vier" nicht verstanden hatte, so hoffte ich doch inständig, der Frau geholfen zu haben.
Die aber stand und starrte weiter in den Wind, mit einer Plastiktüte vor dem Gesicht und sonst nichts.

Pawel Pikass: Wähle das Richtige (2013) (Jungle Ficiton)

Pawel Pikass: Wähle das Richtige (2013)
Rechts oder links?, fragte Tarzan seine Lieblingsliane Jane.
Seine Lieblingsjane Liane, hahaha, dachte Tarzan, Liane ist auch ein Name, was aber ist eine Jane?
Sheeta quiekte: Das sind doch diese Tanten, die immer Platten auflegen, zu denen sich Menschen mit halbverdauten Extasy-Pillen bewegen.
Sag nicht immer Tanten zu Frauen!, mahnte Tarzan. Und Platten gibt es gar nicht mehr, schob er hinterher.
Du weißt immer alles besser, quiekte Sheeta, die gibt es wohl. Kalte Platten. Betonplatten und wenn man keine Luft mehr im Reifen hat.
Wie soll man die denn auflegen?, fragte Tarzan und versuchte, sich an Jane festzuklammern, die war aber knapp außer Reichweite.
Man munkelt, Jane könne sprechen, sagte Sheeta, und Tarzan runzelte die Stirn, weil er noch immer nicht an Jane herangekommen war.
Ich glaube nicht, sie gibt zwar Laute von sich, aber ich kann die nicht verstehen, antwortete Tarzan.
Jaja, wenn du mal wieder zu fest zugedrückt hast, aber du hast ja diesen debilen Wolfskind-Bonus, ungebildet - aber gutmütig, da kann man schon mal verstehen, wenn dem die Hand ausrutscht, der kennt ja nicht mal das Wort für Hand, geschweige denn für ausgerutscht undsoweiterundsofortblabla.
Links!, sagte Sheeta abschließend.
Tarzan hatte die Ausgangsfrage längst vergessen und ignorierte Sheetas Tipp.
Wie wär's mit ner Scheibe Affenbrot? Ich habe echt Hunger, beendete Tarzan das Thema.
Schon wieder Fastfood, quiekte Sheeta, ich kann's nicht mehr sehen.
Den Rest des Tages blieben beide in der Mitte.
Fazit: Stell keine Fragen, wenn du überhaupt keine Antworten willst!

Dazu hören: John Scofield - Jungle Fiction

Deutschland hat eine Wahl

Deutschland hat keine Wahl.

Neues aus der Modewelt: Kopfbetonende Mütze

Jetzt frisch aus der Modepresse, die kopfbetonte bzw. kopfbetonende Mütze, die auch Menschen mit potthässlichen Ohren immer gut dastehen lässt.
Wo nach dem Herbst der Winter auf uns zu kommt, werden nicht mehr lästige Fragen gestellt: Wieso trägst du denn so unhippe Ohrenschützer?, oder: Warum hasst du denn Watte in den Ohren, das sieht ja echt retro aus, wie ein Kind mit Mittelohrentzündung in den 60er Jahren?
Nein, hier werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, Ohrenklappe praktisch,auch wenn es zwei sind, also vier Fliegen mit zwei Klappen, wobei man dann kürzen kann und wieder auf zwei Fliegen kommt.
Genug des Geschreibes um den heißen Brei.
Die kopfbetonte Mütze schützt die Ohren, falls die vorhanden sind, und die kopfbetonende Mütze ist hipp.
Wer ein dummes Gesicht hat, sieht noch dümmer aus, und wer nicht bis drei zählen kann, hört das nicht einmal, denn die kopfbetonte Mütze schützt nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Lärm und Ohrenkneifern, die gern in die Muschel kriechen, falls man mal auf dem Boden schläft und vergessen hat, den Kopf mit angewinkeltem Arm abzustützen.
Eine schicke Krempe lässt den Regen nach hinten in den Kragen fließen, sodass vorn immer gute Sicht ist, denn wenn man keine Ohren mehr hat, dann schärfen sich die verbleibenden Sinne. Endlich wieder lesen ohne Sehhilfe oder Stirnlampe; endlich den Vordermann in der Schlange bei MacDonalds am Geruch erkennen, bzw. seine Bestellung antizipieren, denn der Hungrige hinterlässt olfaktorisch gerochen eine Spur seines Verlangens in der Nase des Riechers.
Vielleicht aber, und das wäre der allergrößte Gewinn, wird der Mensch mit der kopfbetonten Mütze einfach vorgelassen, weil man glaubt, es handele sich um eine Person, der geholfen werden muss. Und Helfen ist ja das große Syndrom der heutigen Zeit: Wer mir nicht hilft, dem helfe ich auch, nicht mal, um die Mütze über den Schädel zu ziehen, was schwierig ist, wenn die Nase zu groß ist.
Das war's für heute aus der spannenden Modewelt. Demnächst nicht mehr.


Bodos Fotoschule: Reduktion

Der Fotograf, der oft mit den Objekten vor seinen Linsen irgendwie bekannt, verwandt oder verbandelt ist, sieht diese Objekte natürlich mit anderen Augen, als derjenige, dem das Bild präsentiert wird. Ja, schon wieder Elvira!, ruft der Außenstehende innerlich, nach außen sagt er: Schönes Bild, ja, sehr fein.
Der Alltag ist geprägt von Notlügen.
Wenn man eine Möhren essende Frau fotografiert, sollte man sich auf des Wesentliche konzentrieren, nämlich auf das Möhrenessen, weil die Bildaussage sonst zugrunde geht.
Was für schöne Augen, so tiefgründig mit Ausblick auf das Wiehengebirge, welch schöne Nase, was die wohl alles erschnuppern mag?, welch schöne Wangen, wie viele Tränen sind hier schon heruntergeronnen und wie viele Lachfalten sie doch besitzen? Diese Frage stehen nicht zu Diskussion.
Das sollte der Betrachter denken: Aha, eine Frau isst eine Möhre. Sehr interessant. Und damit er die Möhre nicht mit einer Schlangengurke, einer Banane, einer Wurst oder anderen länglichen Gegenständen verwechselt, weil er nicht genau hinschaut, sondern eher die schönen Ohren mit dem Goldgehänge betrachtet, muss ein Foto reduziert werden. Da müssen erheblich Inhalte weggenommen werden, um den reizüberfluteten Alltagsmenschen auf das Wichtige hinzuführen, auf die Möhre und den Mund einer Frau, die die Möhre isst.
Mit einfachen Fotobearbeitungsprogrammen kann man das im Nachhinein bewerkstelligen, falls die Dame es verweigert, einige Teile des Kopfes abzudecken. Einfach die Wangen, die Nase, die Augen, die Wimpern und Brauen, die Stirn und ein paar Haarsträhnen weg!
Der Betrachter wird es dem Fotografen aber danken, denn er weiß endlich, worum es auf dem Foto geht.

Mit dem missbrauchten Tier solidarisieren

Wie unrecht tut man dem Esel, wenn man ihn missbraucht, um Menschen zu schelten.
Eine große Schnauze und die passenden Riesenohren in Kombination mit einer gewissen Bewegungslosigkeit können nicht Grund sein, eine Person - nehmen wir mal einen Abgeordneten im Deutschen Bundestag, der demnächst gewählt wird - so zu nennen.
Wenn die Attribute auch zutreffen, so tut man vor allem dem Esel unrecht, denn er ist ein richtiges Arbeitstier mit eigenem Kopf.
Den haben die Politiker aber oft dem Fraktionszwang oder der Karriere geopfert, sodass lediglich eine Art Halsblase über dem Kragen wabert.
Die Bewegungslosigkeit mag in der Woche gelten, am Freitag aber macht die Meschpoke mobil und knattert eilig ins Wochenende.
Die Ohren sind immer angelegt, damit sie beim Nachhausebrettern nicht bremsen.
Dass es auch Politiker gibt, die arbeiten, ist kein Vorurteil.
Manchmal aber muss sich der Mensch mit dem Tier solidarisieren und mal richtig die Sau rauslassen, auch wenn es um einen Esel geht.
Für die Bundestagswahl gilt: Nimm dein Kreuz an und mach es! Nur nicht an der falschen Stelle! (CDU, FDP oder Partei der Nichtwähler!)

Mittelfinger entlasten

Auch wenn Pfilipp Nösler sich abfällig über den Steinbrückschen Mittelfinger geäußert hat, so scheint seinem Brüderle die Medienwirksamkeit unheimlich zu sein.
Was die Großen machen, wollen wir auch, auf jeden Fall wollen wir mitmachen, wenn auch irgendwie anders - so in etwa hat die Strategie der Freidemokraten immer gelautet, und schwupps! zückt der Spitzenkandidat die Objekte des Medienrummels und mischt kräftig mit.
Gut, dass ein Slogan der Partei "Die Mitte entlasten" heißt, da ist es bis zum Mittelfinger nicht weit. Will man der schlecht gemacht Fotomanipulation glauben, dann sind die brüderleschen Stinkefinger schon arg ausgeleiert und auf jeden Fall entlastungsbedürftig.
Zum Nasebohren nimmt man ja auch den Zeigefinger, und wenn im Parlament gerade mal nichts ist, auf das man zeigen kann, dann ab in die Nase! Da kann er auf jedenfalls nichts verkehrt machen.

Vor der Wahl ist vor der Wahl: Gelbe Kuh im Tigerpelz

Irgendwann intonierte ein Randal-Blatt: Eine Kuh denkt nicht, sie wählt CDU.
2013 steht eine Kuh an einem Kreisel in einer Flächengemeinde, in dem die Autofahrer von morgens bis abends rotieren und sich wohl fragen: Wieso steht da eine Kuh? Die hat doch früher nicht da gestanden.
Die Kuh hat eine Art Tigerfell mit relativ dünnen Tigerstreifen, damit man sie nicht für eine fehlfarbenes Zebra hält.
Hat man drei Runden im Kreisel mit der Betrachtung der merkwürdigen Kuh verbracht, fällt dem aufmerksamen Betrachter auf, dass die Buchstaben F-D-P auf die Kuh gemalt worden sind, was darauf hindeutet, dass es sich um eine von den Freidemokraten aufgestellte Tigerattrappe handeln muss.
Es ist Wahlkampf, und da fällt den Parteien plötzlich etwas ein, nachdem sie vier Jahre lang stumpf in die Gegend gestarrt haben. Was will die FDP sagen?
1.Wir mögen Tiere, auch Kühe, denn wir sind auch auf dem Land präsent, weil es da auch Rechtsanwälte und Zahnärzte gibt, die man schlichtweg zur Mitte des Volkes zählt, wenn auch zur oberen Mitte, die sich von der unteren deutlich in finanzieller Hinsicht abhebt.
Die Kuh symbolisiert auch die Frau in der FDP, die toleriert man, auch wenn sich eine dumme ihrer Art beim Abschreiben für die Doktorarbeit hatte erwischen lassen. Ein Herz für Rinder!, mag dem Betrachter einfallen.
2.Die Kuh symbolisiert das Land, die Ernährung, die Ruhe und die Kraft, die sie aus dieser bezieht.
Auch wenn das Tier nicht mehr in jedem Haushalt zu finden ist, so weiß doch jedes Kind, dass die Milch nicht aus dem Karton, sondern aus dem Euter kommt. Das will die FDP bewahren, denn manches Kind trinkt lieber aus dem Karton und ekelt sich vor warmer Milch aus einem sekundären Geschlechtsmerkmal eines Viechs.
3.Die Kuh im Tigerfell symbolisiert die FDP und stellt ein Äquivalent zum Schaf im Wolfspelz dar, das jeder aus dem Märchen kennt, von denen die FDP so herzlich gerne zu erzählen mag.
4.Hüte dich vor dem Tiger, es könnte eine Kuh sein!, mag die vierte Botschaft sein, und wir denken sofort an Cave Canem, Cannabis, Carpe diem und Canneloni. Was die Partei damit sagen will, bleibt unentdeckt, aber das ist nicht weiter schlimm, denn es geht im Wahlkampf nicht um Inhalte, sondern um die Form. Und die Form ist schön, wenn auch leicht verfälscht. Im Innern ist die Kuh hohl, und das kann Programm sein, mahnt zur Bescheidenheit; der Wähler sollte nicht zuviel erwarten, denn geboten wird nichts.
5.Wenn sich die Politiker auch wie Tiger geben, dann sind sie doch nur Rindviecher, die wiederkäuen, was man ihnen bereits vor Jahren einverleibt hat. Die Wähler müssen dann das Vorverdaute letztlich schlucken, wenn sie nicht wollen, dass hinten nur Mist herauskommt.
Hut ab vor so viel Kreativität!
Gut gebrüllt, Rindviech!

Günter Krass: Ein Mann tut, was er sagt

Ein Mann tut, was er sagt, dachte Onkel und sprach es dann doch lieber aus, denn er wollte diesen Leitsatz, den er irgendwo in einer fantastischen Ritterfilmserie gehört hatte, die in einem fiktiven Land spielte, auch beherzigen, denn sonst entwertete er dieses "Ein Mann tut, was er sagt" auf der Stelle.
Ein Mann tut, was er sagt, sprach der Onkel nach jahrelanger mit Tante verbrachter gemeinsamer Schweigsamkeit aus und schickte sich an, einen Klodeckel zu reparieren, der ein Stück verrutscht war und den Sitzenden die Schüssel in die Kniekehle drückte, was kein entspannendes Gefühl verursachte.
Ein Mann klappt einen Klodeckel hoch, sagte der Onkel und klappte den Klodeckel hoch.
Ein Mann betrachtet das Scharnier, an dem der Klodeckel befestigt ist, fuhr der Onkel fort, und besah sich die Befestigung des Deckels, um eine Schraube zu finden, an der er Korrekturarbeiten vornehmen könnte.
Ein Mann sieht keine Schraube, an der man die Lage des Klodeckels korrigieren oder justieren könnte, sprach der Onkel, und erkannte wirklich nichts.
Alles war glatt und ästhetisch, sogar unter einem Klodeckel.
Ein Mann  denkt, dass da nichts zu machen ist, sagte der Onkel und reckte sich, denn er hatte gehockt, was ihm eine recht unbequeme Haltung war.
Ein Mann reckt sich, damit das Blut fließen kann, ergänzte der Onkel, indes die Tante zur Tür hereinkam.
Onkel, was sprichst du dauernd vor dich hin, ist dir nicht gut? Du sagst doch sonst nie was?, fragte die Tante besorgt.
Ein Mann spricht zu einer Frau, sagte der Onkel. Ein Mann tut, was er sagt, erklärte er.
Aber Onkel, erwiderte die Tante, das was du tust, müsste heißen "Ein Mann sagt, was er tut".
Ein Mann verlässt jetzt diesen Raum, sagte der Onkel, und wollte zur Tür hinaus.
Dann bring doch gleich den Müll runter, gestern hast du gesagt, dass du das heute tun willst,  sprach die Tante.
Später, später, wenn überhaupt, wird ein Mann Müll hinunterbringen, antwortete der Onkel, im Moment ist ein Mann verwirrt.
Onkel, sagte die Tante, gestern hast du gesagt, dass du den Müll runterbringen willst. Ein gutes Beispiel für "Gesagt, getan". Das ist doch dasselbe.
Ein Mann muss nachdenken, ein Mann findet keine Lösung für ein Klodeckelproblem, ein Mann muss ruhen, sprach der Onkel  und ging in den Ruheraum, um sich einen Moment hinzulegen.
Es war nicht leicht, ein ehrenwertes Leben zu führen.
Ein Mann schläft gleich eine Weile, sagte der Onkel und diesmal stimmte der Satz.


Tonnes Tagebuch: Honig aufs Brot

Liebes Tagebuch!
Heute beim Honigaufsbrotschmieren - ich finde, das Wort sieht komisch aus nach der neuen Rechtschreibung - fiel mir auf, dass immer etwas Honig am Messer kleben bleibt und ich hatte ein Gefühl von Verschwendung, von gedankenlosem Umgehen mit der Welt und von Ignoranz den Hungernden gegenüber. Ich rechnete aus, wie viel Honig es ergeben würde, wenn ich tausendmal ein Brot schmierte, was ja lebenszeitlich gesehen nicht ungewöhnlich ist. Vielleicht sollte ich auf Honig verzichten, denn wir essen ja etwas, was wir gar nicht erwirtschaftet haben und nehmen es den "fleißigen" Bienen weg. Ich schreibe fleißig in Anführungszeichen, denn man sollte Tiere nicht romantisieren. Bienen sehen vielleicht fleißig aus, kennen das Wort wahrscheinlich nicht einmal. Mir fiel dann ein, dass ich neulich von einer Biene gestochen worden war, einen dicken Fuß hatte und irgendwie sauer war, dass die ständig auf meinem Rasen im Klee rumwühlen, um Honig zu sammeln, den ich mir nicht erlaube zu essen. Vielleicht habe ich die Biene auch zertreten, denn der Stachel war unter meinem Fuß und sie hat sich nur gewehrt. Wahrscheinlich war es ein Reflex, denn Bienen kennen das Wort wehren genausowenig wie fleißig.
Ich werde wohl, wenn ich denn was Süßes essen will, auf Marmelade umsteigen.
Irgendwie hängt an Honig zu viel dran. Und der Honig hängt auch zu viel an Dingen dran, zum Beispiel am Messer und manchmal am Mundwinkel, was nicht gut aussieht. Schlimmer finde ich allerdings Eigelb, wenn das an der Lippe oder am Kinn hängt.


Kunst fragt: Piet Schlendrian - Wo genau ist die Mitte? (2013)

Piet Schlendrian - Obere Mitte (2013)

Östliche Weichheiten: Hart

Nichts ist so hart, wie es gekocht wird.

Die Mitte entlasten

Wo genau ist die Mitte?
FDP: Die Mitte entlasten.
Phipp Rör wählen.
Rar Brüle auch.


Die Mitte meisten Kohle entlasten.
Ist das die Mitte?

Anglizismen und Germanismen im Alltag: All hands on deck



Käpt'n Wilhelm(Auf Deck): All hands on deck!
Mannschaft(Unter Deck): Watt is?
Käpt'n Wilhelm: All hands on deck! Aber dalli!
Mannschaft: Was heißt das denn?
Käpt'n Wilhelm: All hands on deck! Ich sag das nicht noch mal!
Smutje: Ich glaube das heißt "Hände hoch!"
Steuermann: Ich glaub's nicht!
Smutje: Ich hab mal Englisch bei der VHS gemacht.
Steuermann: Ich dachte du hättest Abitur!
Smutje: Dann wär ich jetzt Käpt'n.
Käpt'n Wilhelm: All Hands on deck! Zum letzten Mal!
Mannschaft: War doch eben schon das letzte Mal!
Smutje: Das ist ein bildhafter Ausdruck und heißt übersezt: Alle Hände an die Decke! Und wenn das keiner tut, dann knallt's.
Käpt'n Wilhelm: All hands on deck! Sonst knallt's!
Smutje: Sag ich doch.
Mannschaft (Nimmt die Hände hoch): Ok,ok. (Lauter) Gebongt, Käpt'n!
Käpt'n Wilhelm: Das darf nicht wahr sein! (verzweifelt) Der Kapitän steht und fällt mit der Qualität der Mannschaft. (Kippt um und bleibt an Deck liegen)
Mannschaft: Alles ok, Käpt'n? Können wir die Hände wieder runternehmen?

Dazu "A salty dog" hören

Lyrikschule: "Haufenreime" - Georg Krakl: Dauerlaufen

Nach dem Dauerlaufen
mit dem Running-Schuh in Hundehaufen.
Schnaufen.
Hände fischen
Weidenblätter um die Sohle freizuwischen.
Ging daneben.
Schnaufen.
Haare raufen.
Falsche Hand gewählt.

Leben
hat mich angezählt.

Mutter, Kind und Seeschlange

W.Hackeböller: Kachel 4/126 - Mutter, Kind
und Seehuhn (2013)
Mutter und Kind schwammen im Ozean, als das Kind eine Seeschlange entdeckte.

Mutter, Mutter!, schrie es. Eine Seeschlange.

Kind, beruhigte die Mutter, es gibt keine Seeschlangen.

Aber dahinten sehe ich doch eine, dann muss es ja wohl welche geben, ließ das Kind nicht locker.

Pappalapapp!, erwiderte die Mutter und schwamm mit kräftigen Stößen gen Amerika. Seeschlangen sind eine Erfindung der Märchenbücher.

Mutter, Mutter, jetzt das Kind, Märchenbücher können doch gar nichts erfinden. Da kann man doch höchstens etwas reinschreiben, was man erfunden hat.

Hast du wieder in deinem Märchenbuch rumgekritzelt, Kind? Ich habe dir tausendmal gesagt: Kritzel nicht in deinem Märchenbuch herum!

Die Mutter wurde allmählich ungeduldig, denn der Weg nach Amerika war noch weit und unterwegs lauerten immer allerlei Ungeheuer. Ausgenommen Seeschlangen, denn die waren eine Erfindunge der Märchenonkels.
Das ist eben eine Erfindung der Märchenonkels, wetterte die Mutter zurück, und jetzt sei ruhig und spar deine Kräfte für den Rest des Weges.

Mutter, Mutter, ist der Plural von Onkel nicht Onkeln?, fragte das Kind, nachdem es 14 Minuten geschwiegen hatte.
Mutter, Mutter?

Die Mutter befand sich bereits im ersten Körperdrittel der Seeschlange, die es eigentlich nicht gibt.

Mutter, wenn du nicht antwortest, schwimme ich wieder zurück! Ich wollte sowieso nicht nach Amerika.

Die Seeschlange würgte ein wenig, denn die Mutter trug einen Neoprenanzug. Deshalb rutschte sie schlecht.

Ein Königreich für eine kühles Helles, dachte die Seeschlange, nur zum Runterspülen.

Die Mutter dachte: Die neuen Neoprenanzüge sind sehr eng und rutschen nicht. Und überhaupt, dass es schon dunkel ist. Ich werde ja wohl nicht in einer Seechlange stecken?

Die Seeschlange dachte: Ich hätte das Kind nehmen sollen, auch wenn es kleiner ist.

Das Kind dachte: Gut, dass es keine Seeschlangen gibt. Es heißt Märchenonkel. Die Märchenonkel. Klingt komisch, irgendwie weiblich.
Die Märchenonkel, des Märchenonkels aber. Dem Märchenonkel, den Märchenonkel.
Die Märchenonkel, der Märchenonkel. Plural Genitiv wie Singular Nomintiv? Komisch, komisch. Einfacher wäre es, wenn es Seeschlangen gäbe, dann wäre die Frage nach dem Plural von Märchenonkel gar nicht erst aufgetreten. Mutter? Können wir uns nicht darauf einigen, Mutter, dass es doch Seeschlangen gibt? Mutter?

Der Ozean wogte und machte sich um unbeantwortete Fragen keine Sorgen. Morgen.
Morgen war ja auch noch ein Tag.
Und übermorgen. Und überübermorgen.




Nicht eingebaute Kirchenfenster (1): Neo Schmauch - Tulle rettet die Welt

Neo Schmauch: Tulle rettet die Welt (2013)
Da hatte sich Schmauch wieder verkalkuliert. Mal gerade ein  Kirchenfenster konstruieren und sich eine Geschichte ausdenken, die passen könnte. "Der 'Eilige Tulle' rettet die Welt", das könnte hinkommen, hatte Schmauch gedacht. Alles war bedrohlich, die Wolken standen tief und dunkel und dann wäre Tulle gekommen und hätte durch ein paar weise Sprüche dem Ganzen eine fröhliche Wendung gegeben. Die fröhliche Wendung wollte er dann zeigen, weil er noch so viele bunte Farben überhatte.
Domkapitulent Rolf aber hatte angemerkt, dass es in keiner der anerkannten Schriften der großen Religionen überhaupt einen Tulle gegeben habe, und so musste Schmauch von seinem Projekt Abstand nehmen. Viel Arbeit war es nicht gewesen, die Scherben zusammenzustellen, aber schade war es doch, denn das Fenster wäre ganz schön bunt geworden. Gerade in Kirchen neigt man ja immer wieder dazu,  dezente Töne zu wählen, damit der Kirchgänger nicht in seiner Andacht gestört wird, der dann aber häufig einnickt, weil der Prediger immer so beruhigend ins Halbdunkle spricht.
So ist das nunmal: Grelle Töne und ein bizarres Arrangement reichen nicht, um in einem Sakralgebäude aufgehängt zu werden. "Der Eilige Tulle" klingt zwar ganz nett, aber wirklich adrett ist das nicht. Etwas mehr Leiden hätte es schon sein dürfen und auch mal ein trauriges Gesicht, denn immerhin hatte es gegolten, die Welt zu retten.
Wer will schon gerettet werden, wenn es ihm gut geht?

Vor der Wahl ist nach der Wahl

Das haben die großen Parteien gemeinsam: Sie sind ehrlich und stehen dazu, wenn sie mal wieder Mist gebaut haben, um es volksnah zu formulieren.
Dass Drohungen zur Drohnenaffäre am Kanzleramtschef abgeglitten sind, dass sich die Wahrheit nur schwer, wenn nicht schwerlich ermitteln ließ, lässt seine Partei nicht im Raum stehen, sondern geht in die Offensive, unbemannt natürlich.
Ein Auszug aus einer Wahlkampfrede beweist, worum es dem Politiker und der Partei geht:
"Lügen haben wenigstens kurze Beine, die Wahrheit aber hat aber gar keine.
Wie soll sie denn da stehenbleiben? Mag sein, dass die Wahrheit liegt, dann wäre sie den Lügen gegenüber gehandicappt. Die Wahrheit kann sich nicht einmal fortbewegen, auch wenn sich manche das manchmal wünschen. Die Wahrheit bleibt; der Kurzbeinige aber kann weggehen und anderswo sein Wesen treiben.
Wer christlich-demokratisch wählt, weiß sein Herz für Kurzbeinige und ähnlich Geartete gut untergebracht. Wer es aber der Wahrheit gleichtut und einfach liegenbleibt, so tut, als habe er keine Beine und könne sich nicht bewegen und arbeiten, der ist träge und faul und schmarotzt und nutzt aus und liegt dem Bürger mit den kurzen Beinen auf der Tasche. Und den Politikern natürlich auch.
Jeder sollte wissen, was er tut. Das ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, mit der man in der Regel nicht viel anfangen kann. Hauptsache das Kreuz auf dem rechten Fleck machen!
Danke für ihre Aufmerkel!"

Aus der Reihe "Reden und einfach weiterreden lassen" nächste Woche "Wo Phil Lipp, da viel  R wie Rösler".

Weisheit des Alltags

Liegen haben kurze Beine.

Vor der Wahl kommt die Qual

Jetzt mal Schluss mit den Doktorspielen, Silvana, jetzt komme ich!
Nachdem nun auch Politikerin Silvana K.-S. ihren Titel wegen Abschreibens abgeben musste, wirft sich ihr Schwesterles Erzfeind Brüderle an die Backe und raunt: Frauen ohne Doktortitel wirken irgendwie netter, nicht so abgehoben, nicht so unnahbar, offener und zugänglicher. Und überhaupt: Wozu brauchen die den überhaupt? Küsschen links, Küsschen rechts! Und jetzt zur Sache, Schätzchen!
Kindererziehung geht doch aus dem Bauch heraus! Hahahaha, lacht der Freidemokrat über seinen schlechten Scherz, denn einer muss es ja tun. Dass er nicht nur Frauen im Kopf hat, widerlegt er mit der Information, er übe abends Hindernislauf, damit er die 5-Prozent-Hürde  in den Bundestag schaffe. Sein Sportabzeichen wolle er demnächst auch ablegen, denn das wirke irgendwie lächerlich, es immer hinter dem Revers seines Sakkos zu tragen.


Weisheit des Alltags

Die Wahrheit hat keine Beine.

Günter Krass: Frau beim Vorbeischwimmen auf Schemel (3)


Neulich schwamm ich unter Wasser und traf auf eine Frau. die auf einem Schemel hockte und irgendwie ein rosa Ei gelegt hatte, oder man hatte es unter sie gelegt.
Sie saß eher verkrampft und schien auf einer Tastatur zu tippen, war an Schläuche verschlaucht und hatte eine Art Atemmaske im Mund und eine Taucherbrille, die ihr ein surrealistisches Aussehen gaben.
Sie war vollkommen unbekleidet und sich dessen wohl nicht bewusst, denn sie saß konzentriert und in sich versunken auf dem Schenkel, unter dem ein rosa Ei saß oder schwebte oder schwamm, das konnte ich nicht erkennen.
Ich dachte im ersten Moment, ich müsse ihr helfen, doch dann sah ich einige dünne Wesen in ihrer Nähe, so wie man sich Geister vorstellt, die man vor dem Eintüten die Luft abgesaugt hatte.
Ich beschloss, nicht weiter zu fragen, denn mir selbst ging gerade die Luft aus, und man soll ja anderen nicht helfen, wenn man selbst in Gefahr kommt dadurch eben.
Schade.
Die Frau mit den Kabeln sah eigentlich ganz gut aus und ich hätte sie gern auf einen Kaffee oder eine Latte eingeladen. Unter Wasser ist das aber schwierig, denn man bekommt kaum Luft und wenn man den Mund aufmacht ohne auszuatmen, dann strömt Wasser in den eigenen Körper und man wird vielleicht überflutet.
Trotzdem fand ich sie nett, obwohl sie mich gar nicht bemerkt hatte.
Die dünnen Wesen aber versuchten Kontakt mit ihr aufzunehmen durch Handzeichen, obwohl sie keine Hände hatten, aber irgendwie schafften sie es, mich aufmerksam zu machen. Sie formten Hände und zeigten mir den Mittelfinger, als wollten sie sagen: Des Rätsels Lösung liegt in der Mitte. Oder: Eine Hand wäscht den Mittelfinger der anderen Hand, was ja bekanntlich ein altes Sprichwort ist.
Ich schwamm dann doch weiter.

Deutschland vor der Wahl: Ich ess' einen Apfel für Sie

Da sitzt unser Steffen gekonnt lässig wie nie auf dem Wahlplakat, er, den wir nur in steifem Anzug kennen, der bis vor einiger Zeit noch Bartträger war und von der bedrohlichen Kugeligkeit des Kopfes ablenken wollte; er hat locker einen grünen Pullover um die Schultern drapiert, als wolle er sagen: Mich friert es nicht, aber wenn, dann wäre da was, was mich wärmte!, und hält in der Hand einen Apfel über einem Tablett, das seine Frau nicht schöner hätte dort hinstellen können. Ich ess auch Äpfel, scheint die Botschaft zu lauten, und das tue ich auch im Bundestag für Sie und Sie und ganz besonders Sie.
Die Brille wie immer korrekt vor den Augen und ein smartes Lächeln wollen uns mitteilen, dass es im Bundestag doch viel schöner ist, als mancher sich denkt, immerhin gibt es kostenloses Mittagessen, wenn man seine Marken sorgfältig einteilt. Neulich hatte eine Servicekraft den Teller noch mit einem Extraschlag versehen, denn sie hatte den Steffen wiedererkannt.
Alles zusammengefasst will uns unser Steffen mitteilen, dass er gewählt werden will, denn ein Job im Bundestag wird ganz gut bezahlt.
Der Pullover deutet an, dass er als Christlicher sich auch die Grünen aufbürden würde, wenn es mit den Pappkameraden der Freien nicht klappen sollte. Der Apfel dupliziert den runden Schädel und kündet von der frohen Botschaft für alle Kugelköpfigen: Macht es euch schön! Macht macht schön! Macht macht mächtig! Keine Macht für Oma!
Die Listen der Machtnix-Sätze ist unendlich und verstehen muss sie keiner.
Wählen, das ist wichtig.
Das Kreuz an die richtige Stelle machen, auch wenn man's in ihm hat.
Die Crux mit dem Kreuz .... aber damit hatte die Christen es ja immer.
Wer seinen Apfel für einen anderen Menschen isst, kann sich des Paradieses gewiss sein.
Blödsinn!, wird mancher denken und damit recht haben. Aber so ist es nunmal im Wahlkampf. Die Wahrheit kommt immer erst hinterher, weil Lügen zwar kurze Beine haben, die Wahrheit aber keine.


Fotos schöner machen

Es kann so einfach sein. Ein Foto muss nicht langweilig sein. Mit ein wenig Know-how, einer ruhigen Hand und einem Griff in die Asservatenkammer könnten uninteressante Lichtbilder einen neuen Glanz erhalten.
Ein Tipp: Lächeln zieht immer. Auch wenn es nicht das eigene ist.

Plattentektonik und Erkenntnis

WIlfried Hackeböller: Kachel 3/126
 "Hund, Katze, Großohrhamster und liegendes Huhn neben Belgischem Rammler"
(2013)
Wir sehen, was wir sehen wollen.
Aber manchmal ist das, was wir sehen, auch zwingend; wir entscheiden nicht über das, was sich uns entgegenstellt.
Wer die Hackeböllersche Plattentektonik auf dessen Minibalkon besichtigt hat, wer diese Ausstellung des Minimalismus bei größtmöglicher Gewinnerwartung und kleinstmöglichem Arbeitseinsatz gesehen hat, wer weiß, dass hier dem Künstler "Zufall" die Kreativität überlassen worden ist,  der kann nur noch losschauen und einen Sinn hinter dem Gesprenkel suchen.
Eine Anordnung von Flecken und Linien drängt förmlich dahin, Kritik an Haustierhaltung und vor allem dem Haustier "an sich" zu üben.
Die Katze als Obertier, weil angeblich mit dem schärfsten Verstand beschenkt, will herrschen, schaut auf den tumben Hund herab, der sich duckt, weil er Angst vor Schmerzen hat, weil er in der Hundeschule in der selben Ecke stehen musste, in die er seine stinkende Hinterlassenschaft abgelegt hatte und weil er einfach ein Herrchen braucht, das ihm sagt, wann es losgeht und wohin.

Oben und unten sind klar geregelt; der Mensch merkt nichts und hält sich raus; am Elend der Tierhierarchie kann er nichts ändern. Der Großohrhamster unterlässt Hilfeleistung und macht sich zum verachteten Tier, das nur dem Eigennutz huldigt.Er bleibt unauffällig und karikiert damit den Massenmenschen, der sein Geld in Depots und Fonds hortet und den die Raffgier auffressen möchte, wenn er nicht einen  Nachgeschmack hinterlassen würde.

Ein erstauntes Kaninchen sitzt zwischen allen Stühlen und kann sich nicht entscheiden. Die Katze fräße es, wäre es nicht ein Belgischer Rammler, der ihr problemlos ein Schleudertrauma verpassen könnte. Kaninchen sind in der Regel recht schlicht gestrickt, das Belgische Rassetier ist da keine Ausnahme.

Ein blindes Huhn hat sich auf die Seite gelegt und den Schnabel gegen ein Maul getauscht, um noch erstaunter auszusehen. Dass es wirkt, als wolle es mit dem Hund kuscheln, scheint niemanden zu befremden, denn Hühner sind devot und haben nach dem Eierlegen nur das Bequeme im Sinn.
Das alles, das allesallesalles und noch viel mehr kann man auf einer einzigen Fliese entdecken. Wer die Augen öffnet, kann mit dem Sehen beginnen.
Man mag von Hackeböller als Künstler halten was man will, oder auch nicht.

Die Tierwelt dankt es mit einem "mmmmmmrrrrrrrrruuuaaaaaaaaahhuööööörwuff!" und hofft, dass sie nicht unentdeckt bleibt.

Aus der Tierwelt: Die Bremer Stadtsimulanten

Chrrrr: Wenn wir berühmt werden wollen, brauchen wir einen Namen, das ist wie ein Markenzeichen.
Mau: Ich hab es doch gesagt: Die Bremer Stadtsimulanten.
Wau: Gibt es die nicht schon?
Mau: Du meinst die "Bremer Stadtmusikanten".
Wau: Aber wir können doch gar kein Instrument spielen.
Chrrrr: Doch.
Mau: Was denn?
Chrrrr: Nasenflöten. Zwei auf einmal, in jedes Loch stecke ich eine.
Wau: Und wie holst du Luft?
Chrrr: Durch die Haut.
Wau: Donnerwetter.
Chrrrr: Scherz.
Mau: Leute, zur Sache!
Wau: Jawohl.
Chrrrr: Also, was jetzt.
Mau: Bremer Stadtsimulanten. Wer ist dafür?
Wau: Ich.
Chrrrr: Ich.
Mau: Ich auch. Einstimmig.
Wau: Was sind eigentlich Stadtsimulanten?
Mau. Die Frage kommt jetzt zu spät.
Chrrrr: Aber hundertpro.
Wau: Man kann ja mal fragen.
Mau: Eben.

Anmerkung der Redaktion: Der Name "Chrrr" wird durch Einsaugen der Luft durch die Nase erzeugt, indem man die Nasenflügel flattern lässt.
Der Autor wünscht von Herzen, dass der Name auch in der Menschenwelt sowohl als männlicher als auch als weiblicher Vorname Einzug hält. Wie schön wäre es, wenn Menschen nachts im Schlaf den Namen ihres Kindes unablässig an die Zimmerdecke intonierten.

Hackeböller: Mein Ostbalkon Kachel 2/126 "Spiegelei"

Wilfried Hackeböller: "Spiegelei" aus "Mein Ostbalkon"
(2013)
Material: Geplatzte Fliese, Fugenzement, Wasser, Dreck
Hackeböller schneidet immer wieder Lebensthemen an. Das Spiegelei spielt besonders im Leben einsamer Menschen eine Rolle, insoweit, dass es suggeriert, man könne sich in ihm sehen.
Hach, sehe ich heute wieder gelb aus, es wird doch wohl nicht die Leber sein; vielleicht ist es aber auch nur der schlecht ausgeheilte Sonnenbrand von letzter Woche.
So oder ähnlich können Gespräche sein, die beim Anblick des Objektes initiiert werden.
Nebenbei stellt sich heraus, dass das Weiße eher selten Ansprechpartner ist, das Gelbe dominiert in dieser Rolle unbedingt.
Kulturkritisch gesehen, scheint für die weiße Rasse  der Spätherbst eingeläutet zu sein, das Gelbe und damit der gelbe Mensch deutet auf die dynamische Progression aus Asien hin, die die Weißen ins Abseits drängt, wenn er dem nicht Einhalt gebieten kann.
Noch am Rande, aber in die Mitte drängend, kann sich der Billiglandgroßproduzent von Plastikspielzeug und anderem Unnützen unaufhaltsam in das Terrain der Weißen schieben und Zentimeter um Zentimeter Land gewinnen.
Wer in den Spiegel sieht, sollte sich nicht wundern, wenn er etwas sieht.
Ein Spiegelei allerdings ist nur ein Trugbild, dem man nicht verfallen sollte.
China ist weit.
Das Weiße ist groß.
Der rote Mann ist der tote Mann; dafür haben die hellhäutigen Usurpatoren gesorgt.
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Das ist doch ein Kinderspiel.
Auch wenn viele Fragen offen bleiben, so fehlen uns doch die Antworten.
Hackeböller verwirrt wie immer.

Neue Ausstellung mit Exponaten von Wilfried Hackeböller : Mein Ostbalkon (2013)

Wilfried Hackeböller: Kachel 1/126 "Arm zum Gruße"
(2013)
Heute Ausstellungseröffnung. 126 Exponate des Rostkünstlers Wilfried Hackeböller werden auf einer Fläche von 1 Meter 30 mal 4 Metern gezeigt und sind sogar begehbar. Wer barfüßig kommt, muss vorher nicht die Schuhe ausziehen. Haptisch-taktile Erfahrungen sind garantiert.
Hackeböller hat sich diesmal dem Thema "Frostschäden/Wenn die Balkonverfliesung wegplatzt " gewidmet und hofft, mit dem Reinerlös den Neubau eines dreimal so großen Objektes zu finanzieren.
"Eine so kleine Ausstellung mit so vielen Exponaten, das hat es ja wohl noch nicht gegeben!", so Hackeböller. "Da wundert sich ja sogar der Flohzirkus."
Auch wenn man den gedanklichen Sprung in die Schaustellerwelt nicht nachvollziehen kann, die Exponate überzeugen mit radikaler Zerstörungskraft, ohne aber gewalttätig zu wirken. Neo-Destruktivismus will Hackeböller die Kunstrichtung benannt wissen und hofft, dass nicht schon wieder ein Kunstbanause zugeschlagen hat, um sich den Namen schützen zu lassen.
Was, wenn es noch gar keinen Destruktivismus gibt? Was soll dann die Vorsilbe Neo? Ach, wahrscheinlich gibt es den.
Hackeböller beschreibt das Neue an seiner Kunst: Nicht er selbst haut drauf, sondern er lässt draufhauen, diesmal durch den Frost.
Und der kann nichts dafür. Also auch ein bisschen Neo-Paziifismus.

Parabel: Das Gras und die Ameisen

Das Gras beugte sich tief unter der Mittagsglast. Die Hitze drückte es nieder und es ächzte, dass es wohl sterben würde. Jeden Tag der Hitzeperiode stöhnte und jammerte es, es gehe ein, verende, es sei verdammt.
"Halt endlich die Fresse!", schrien die Ameisen, die die Bestandteile einer toten Libelle in die Katakomben ihre Hügels schleppen mussten.
"Halt endlich die Fresse, beklopptes Gras! Wir schleppen uns bei dieser Hitze die Ärsche wund und du liegst nur rum!"
Dann kam ein Mensch des Weges und trampelte das Jammergras weiter nieder, sodass es sich am Boden zerstört glaubte.
"Oh, wie anmutig diese Ameisen trotz dieser Hitzeperiode doch arbeiten. Nichts geht verloren, nicht einmal diese tote Libelle", flüsterte der Mensch sich selber ins Ohr.
"Noch so ein Idiot!", schrien die Ameisen. "Anmut, Anmut, was soll das denn sein?"
"Almut! Almut!", rief der Mann seine Frau herbei. "Schau dir das auch an!"
Seine Frau trampelte über das Jammergras herbei und staunte über die Anmut der Ameisen.
Dein beiden Menschen fielen zwei Schweißtropfen von der Stirn und trafen zwei Ameisen, die gerade den Libellenunterschenkel rechts wegschleppten.
"Scheiße, auch das noch!", schrien die beiden, doch niemand konnte sie hören, weil so doch so klein waren, ausgenommen die anderen Ameisen, die in der Nähe waren.
Das Gras stöhnte und ächzte; die Menschen setzten ihren Weg fort und dachten: "Schön ist es auf der Welt zu sein."
"Du Helmut", sagte Almut, "ist das nicht ein Schlager von Roy Black und Annika? Oder Annemarie?
Oder Anita? Ja, genau, Anita! Wie alt die jetzt wohl sein mag?"
"Das ist von Roberto Blanco. Der ist doch auch schwarz", sagte Helmut.
Das Gras wollte immer noch sterben, die Ameisen kreischten fast ihr "Fresse halten!" raus und die Menschen waren betrübt, dass ein schöner Schlager nicht von Roy Black und Anita war.
Nur die Hitzeperiode störte das alles nicht. Sie dauerte an.
"Roy Black heißt übrigens König der Neger", klugscheißerte Helmut.
"So was sagt man nicht", korrigierte Almut.
"Hört doch keiner", murmelte Helmut.


Mit der Lochkamera unterwegs (1)

Zermatt.
Skiurlaub 2013.

Nietzsche: Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein

Abgrund: Kuck nicht so.
Bruno: Wieso? Ist doch nicht verboten.
Abgrund: Wenn du meinst.
Bruno: Ja, meine ich.
Abgrund: Wenn du weiter in mich reinkuckst, dann kucke ich auch in dich.
Bruno: Denkst du.
Abgrund: Nee, weiß ich. Das ist verbürgt.
Bruno: Von wem? Wer's glaubt...
Abgrund: Nietzsche.
Bruno: Na und? Kenn ich nicht.
Abgrund: Das war ein ganz Schlauer.
Bruno: Blödsinn.
Abgrund: Gar nicht.
Bruno: Und was siehst du?
Abgrund: Hab noch gar nicht angefangen.
Bruno: Dann fang doch mal an.
Abgrund: Ganz ruhig, ja? Das Tempo bestimmt immer noch ich. Du hast mit dem Kucken angefangen.
Bruno: Und, was siehst du?
Abgrund: Nichts.
Bruno: Wie, nichts?
Abgrund: Da ist nichts.
Bruno: Aber da muss doch was sein.
Abgrund: Nee, ist nichts.
Bruno: Dann wär ich ja hohl.
Abgrund: Höchstwahrscheinlich.
Bruno: Aber da müssen doch Innenwände sein, wenn ich hohl wäre.
Abgrund: Da ist nichts.
Bruno: Aber so hohl kann ich doch gar nicht sein, dass nicht mal Innenwände da sind.
Abgrund: Scheinbar doch.
Bruno: Du Arsch!
Abgrund: Völlig hohl.
Bruno:Ich komm da gleich hin!
Abgrund: Nicht mein Problem.
Bruno: Du denkst, ich trau mich nicht.
Abgrund: Wahrscheinlich bist du so hohl.
Bruno: Sag das nach mal und ich komme.
Abgrund: Wahrscheinlich bist du so hohl.
Bruno: Ich habe dich gewarnt.
Abgrund: Komm doch.
Bruno: Ok. Einmal lass ich dir das durchgehen.
Abgrund: Völlig hohl...

Weiser Mann und noch weiserer Mann nach dem Erkenntnisbrabbeln



Der weise Mann schwafelte mal wieder rum, denn er hatte von seinem Meister gelernt: Schwafel rum, wenn du ein weiser Mann werden willst, irgendwas Gutes ist schon dabei. 
Das kannst du dann dem Volk erzählen und alle werden an deinen Lippen hängen und dich für einen weisen Mann halten.
Der weise Mann legte los, er hatte sein Frühstück, das aus einem hartgekochten Ei, Schinken und einer guten Portion Cornflakes mit Schoko bestanden hatte, beendet, rülpste laut und murmelte: Hätte auch ein Furz werden können.
Das ist nicht neu, dachte er, das hat mein Oppa auch schon gesagt, wenn ihm einer rausgeknallt war. 
Zieh mal, hatte sein Onkel immer gesagt, und seinen kleinen Finger hingehalten. Wenn er dran gezogen hatte, entfuhr dem Onkel ein gewaltiges Darmgeräusch, was ihn, den kleinen Jungen, entsprechend erschreckte. Der Onkel lachte dann immer.
Nicht abschweifen, weiser Mann, sagte der werise Mann zu sich, und fing mit einer Brabbelübung an, einer Art Zungensprechen, was ja auch die sogenannten Erleuchteten als Hauptbeschäftigung vorführen und die Leute mit sinnlosen Silben in religiöse Verzückung bringen.
Aus einem Gewühl von hmmmmkrrrrbrrrabrrrabbbel schälte sich plötzlich das Wort Heimkehr heraus.
Wer nicht weggeht, kann nicht heimkehren.
Wer nicht reingeht, kann nicht rauskommen, es sei denn, er war schon draußen.
Heimweh hat nur der, der ein Heim hat, wie das Bauchweh nur dem Bauchbesitzer zusteht.
Alleim im Heim im Keim ersticken.
Das war grammatikalisch falsch und ergab keinen Sinn.
Es muss keinen Sinn ergeben, beruhigte sich der weise Mann, es muss gut klingen und über eine kryptische Weisheit können sich die Leute den Kopf zerbrechen und zu vielleicht eigenen Erkenntnissen kommen. Wahrscheinlich aber nicht, denn wozu sollte ein weiser Mann sonst gut sein, wenn die Leute immer auf alles selber kämen?
So brabbelte der weise Mann bis in den Nachmittag. Dann bekam er Besuch vom noch weiseren Mann, der ihn überraschen wollte:
Weiser Mann! Der noch weisere Mann hatte eine Erleuchtung! Wisse: Wer nicht weggeht, kann nicht heimkehren.
Verdammt!, dachte der weise Mann, blieb aber äußerlich vollkommen unberührt und ruhig.
Wahrlich, ergänzte der weise Mann, ein guter Satz.
Den werde ich sofort den Menschen vorstellen und dann veröffentlichen, sagte der noch weisere Mann.
Gut, gut!, bestätigte der weise Mann und zischte bei sich weiter: Ohne Krempe ist dein Hut! Und deine Tröte ohne Tut!
Das sagte er aber leise, weil er es sich mit dem noch weiseren Mann nicht verderben wollte.
Schreibt man „heimkehren“ eigentlich zusammen?, fragte der noch weisere Mann.
Getrennt!, antwortete der weise Mann und grinste innerlich, getrennt und heim schreibt man groß!
Das wär ja noch schöner, dachte er weiter, den größten und banalsten Blödsinn als Erleuchtung und Erkenntnis verkaufen, damit Kasse machen wollen und nicht mal ein paar Grundlagen der Orthographie beherrschen!
Hoffentlich war sein Lektor genauso bescheuert.
Der noch weisere Mann verabschiedete sich fröhlich. 
Der weise Mann fragte: War's das?
Jupp, sagte der noch weisere Mann, ich bin denn mal weg, will den Satz gleich mal testen....
Das kannst du, verabschiedete der weise Mann seinen Gast, und dachte: Du kannst mich mal.
Dann beschloss er sofort, noch zweidrei Stunden zu brabbeln. Vielleicht würde ja noch etwas richtig Gutes dabei rauskommen.