Der Fluss ist am Ende

Der Fluss fließt, wie es sich gehört, wie es seit Anbeginn gewesen ist.
Das Kind schreit: Mutter, Mutter! Sieh da!
Die Mutter ist aus ihren Tagträumen geweckt und schreit zurück: Ja, schrei nicht so Kind! Was ist denn schon wieder los?
Das Kind ist aufgeregt und kann sich nicht bremsen: Mutter, Mutter, sieh nur, dahinten ist der Fluss zu Ende. Da hört der Fluss auf!
Die Mutter runzelt die Stirn, die seit Jahren mit Antifalten-Creme behandelt hat und fragt: Ja, wie, zu Ende? Wie meinst du das?
Das Kind wird immer aufgeregter: Da ist doch kein Wasser mehr, davorne.
Die Mutter wird unruhig. Was ist denn mit dem Kind los, will es denn keine Ruhe geben?
Kind, ich sehe, dass da ein paar Büsche des Weges stehen.
Mutter, wenn der Fluss da zu Ende ist - das Kind hüpft, weil es noch aufgeregter als vor zwei Minuten ist - dann ist das der Ozean.
Die Mutter runzelt erneut die Stirn: Und wenn nicht?
Das Kind wird plötzlich leise: Ja, dann wohl nicht.
Die Mutter nickt: Na, da hast du heute aber wieder etwas dazugelernt. Das kannst du morgen gleich in der Schule berichten.
Das Kind noch leiser: Vielleicht ist es ja die Quelle und wir sind am Ende. Wir sind im Ozean.
Die Mutter versteht nur "Ende". Jaja, Kind, da ist das Ende. Das Ende vom Anfang. Ach, was du dir auch immer zusammenreimst. Was lernt ihr eigentlich in der Schule?
Das Kind hat die Augen tränenvoll und wispert vor sich hin, sodass es niemand hört: Das hat sich doch gar nicht gereimt.
Die Mutter packt derweil die Sachen ein, denn auch ein aufregendes Picknick am Fluss hat mal ein Ende.

Akt der inneren Sicherheit

http://www.gemuesegrafik.blogspot.com/

Mülleimer überall

Untersuchungen haben ergeben: Münster hat die höchste Mülleimerdichte in Europa. Keine Stadt bietet ihren Menschen und den Besuchern aus aller Welt mehr, um lästigen Müll, Flaschen, Papier oder Tatwerkzeuge zu beseitigen. Galt es früher als spießig, dem Gast beim Mittagessen den Mülleimer direkt an den Tisch zu stellen, damit dieser seine abgenagten Hähnchenknochen nicht unauffällig auf den Teppich fallen ließ, gehört die flächendeckende Anbringung und Bereitstellung der Entsorgungskörbe nicht nur zum guten Ton einer gepflegten Stadt mittlerer Größe, sondern ist auch gleichzeitig zukunftsweisend im Umgang mit der Erde.
Dass die Körbe in Münster kaum genutzt werden, weist darauf hin, dass subaltern ein Erziehungsprogramm greift, das dem Bürger beigebracht hat, seinen Müll von verschiedenen Seiten zu betrachten und zu überlegen, ob er den wirklich wegschmeißen will, oder ob er sich vielleicht für ein kleines Präsent eignet, oder aber der Nahrungsaufnahme Bedürftiger zugeführt werden kann.
Auf jeden Fall: Vorbildlich.
Vielleicht zählt die Stadt und sein entsorgungstechnischer Vorbildcharakter in einigen Jahrzehnten zum Weltkulturerbe.

Borderline-Collie mit Bedürfnissen

Komm, mach dein Käckerchen!, ruft Herrchen, oder ist es Frauchen? Aber, der Borderline-Collie, der zu den intelligentesten Hunden  gehört, die die Welt zu bieten hat, will nicht, dass Herrchen oder Frauchen sich in der Öffentlichkeit so bloßstellen und der Umgebung kundtun, sie hätten einen Borderline-Collie, der auch Bedrüfnisse hat, etwa das nach Ausscheidung. Dass es sich nicht um einen Borderline-Collie handelt, erkennt jeder, weil dieser sich nicht in der Freizeit, von der Hunde jede Menge haben, die Läufe blutig schnitzt. Gut, ein bisschen Aufmerksamkeit wäre nicht schlecht, da steht der Collie dem Pinscher nichts nach.
Aber: Der Borderline will ein ganz normaler Hund sein, der nicht als Intelligenzbestie durchgeht und auch nicht als Waden- oder Angstbeißer, sondern als Hund, wie aus Filmen etwa wie "Hunde , wollt ihr ewig bellen?" oder "Der Andalusische Hund" oder meinetwegen auch "Lassie", der später als "Rin Tin Tin" Karriere gemacht hat, aber dann in der Tierpsychatrie gelandet ist. Vielleicht sollte sich Herrchen, oder ist es sogar ein Frauchen, dort hinbegeben. Unser stolzer, aber geknickt und irgendwie gedemütigter Borderlinie-Collie möchte doch einfach nur einen Haufen setzen.
Das kann auch Ottonormalbürger verstehen, denn da sind sich die beiden einig,wenn nicht sogar gleich.
Man muss doch nicht aus allen Verkrümmten ein Problem machen, oder?

offener Dialog

http://www.gemuesegrafik.blogspot.com/

Schau mir in die Augen, Kleines

Städter auf der Suche nach neuen Formen der Spiritualität werden immer häufiger auf dem Lande fündig, wo Landbewohner auf der Suche nach neuen Erwerbsquellen immer neue Angebote bereit halten. Neben dem Kuscheln an Kuhbäuchen und mit den Schweinen im eigenen Dreck wühlen liegt besonders die Tieraugenmeditation im Trend. Auge in Auge mit dem Tier kann der Mensch tief in die Seele des ihm so fremden Geschöpfes und dabei auch in seine eigene hinabblicken. Das Kullerauge des Zwergkaninchens bietet sich besonders an, da der Mensch in der Verzerrung seine eigene Zerrissenheit gespiegelt bekommt und mit seinen tiefsten Abgründen, aber auch mit seinen innersten spirituellen Energiequellen konfrontiert wird. Meistens leitet dabei der Meditationslehrer seinen Schüler so an, dass dieser im Tierauge zunächst nach seinen Machtgelüsten forscht. Du kleine, minderwertige Kreatur, die im Vergleich zum gelehrigen Hund nicht mal über einen Grundschulabschluss hinauskommen würde, über dein Leben bestimme ich ganz allein: wie viel du zu fressen bekommst, wann du frisst, wie viel Auslauf du bekommst und ob du Löcher buddeln darfst oder nicht. Hach, ich der Mensch, darf bestimmen über dich, ich bin groß und du bist klein und dein schreckhafter Blick zeigt mir meine Allmacht, ich bin der eigentliche Besitzer des Futternapfes, der Tränke und des Heuvorrats. Erst wenn der städtische Meditationsschüler fragt, ob man Zwergkaninchen schlachten darf, lenkt der Guru die Sitzung in eine andere Richtung und sein Schüler nimmt nun endlich im Auge des Tieres Vertrauen, Hingabe und Schutzbedürftigkeit war. Du kleines, süßes Kaninchen, wie schwach und hilflos du doch bist, wie gut, dass ich mich um dich kümmere und dir dein Leben angenehm gestalte, mein Herz fließt über vor Liebe zu dir und der Schöpfung. Der Städter weint dann irgendwann, seine Tränen fallen auf das dunkle Kaninchenfell und sein Lehrer versichert ihm, dass er mit den Tränen die höchste Stufe der Erleuchtung innerhalb einer Tieraugenmeditation erreicht habe.

Vettel ist nämlich kein Schimpfwort!

Deutschland ist Rennfahrer, ist Weltmeister im Rennfahren, Deutschland ist Vettel!
Früher war das Wort eine Beleidigung: Du alte Vettel!
Die Vettel.
Jetzt kommt der Vettel! Das ist ein ganz anderes Substantiv. Der Artikel ist Nebensache.
Rasen. Jawoll. Wir sind Rasen!
Deutschland ist Papst und Vettel, wenn man das in einem Satz sagen darf.
"Gummi" Schumacher hatte auch schon diesen engen Stand der Augen, diesen eigentümlichen, deutschen Rennfahrerblick, den wir alle so bewundern. Über den wir alle uns so wundern. Ein Blick in den Spiegel: Wer ist der Mensch da? Warum stehen die Augen so weit, warum ist der Blick so kritisch! Wer ist das denn?
Freu dich, Deutscher, du alter Vettel!
Du hast keinen Gendefekt. Der ADAC vielleicht, der immer  noch gegen das Tempolimit argumentiert.
Wettert. Vettert.
Wenn das keine Vettelwirtschaft ist.... Lustige, schlichte Wortspiele. Alliterationen wären hier gut am Platz, auf der Poleposition: Vettel vährt Vormel Vier(1).
Was wollte ich sagen? Seid doch mal fröhlich! Ist der Deutsche denn nicht in der Lage, engstehende Augen und Glück auf einem Nenner zu versammeln? Fang doch mal an mit dem Glücklichsein! Ein Punkt noch, das will des Vettels Finger zeigen, denn es ist der Zeigefinger und nicht der, den der schwermütige und schuldbeladene Deutsche meint.
Also, gib Gummi, Deutschland!
Wolang? Deutschlang!!!!

Dr. Furniture




Vorsicht ist besser als Nachsicht

Nach dem Sommer ist vor dem Sommer.
Nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung.

Nach dem Arzttermin ist vor dem Arzttermin.



Nach dem Schaf ist vor dem Fell.
Nach der Räuberleiter ist vor dem Hexenschuss.
Nach dem Regenwald ist vor der neuen McDonaldsfiliale.
Nach dem Liebeslied ist vor der Hasstirade.

Nach der Generalprobe ist vor der Manöverkritik.


Vor der Nacht ist auch vor acht.

Vor der Liebe treiben Triebe.

Vor dem Morgen plagen Sorgen.

Vor dem Tod oft Atemnot.

Geschändete Kreatur

Da hängt die Kreatur auf billigem Stahrohr und schreit uns in die Ohren: Das habe ich nicht verdient. Nicht auf diesem billigen Stahlrohr.
Ich war ein Schaf. Ich habe geblökt, gefressen, verdaut, habe meine Milch für den Schafskäse gegeben, ich habe eingeatmet und ausgeatmet. Ich war vielleicht nicht das hellste, aber ich war kein schwarzes Schaf. Ich habe mich immer angepasst, ich habe immer Ja! geblökt und habe mich willig streicheln lassen, wenn der Schäfer Zuwendung brauchte.
Und jetzt: Der Körper auf Spießen in Dönerbuden, mein Fleisch, das man für Schwein hält, auf den Tellern, von denen es in verfressene Münder geschoben und gestopft wird, meine Innereien in Katzenfutterdosen, auf denen Rinderfilet steht, oder zu Pressfutter für die Hühnermästung verklappt, und mein Fell, mein schöner Pelz als Unterlage für einen übergewichtigen Camper, der auf mir sein Bierflaschen leert und rülpst, wenn ihm danach ist.
Das habe ich nicht verdient. Meine Seele weint, obwohl alle Welt behauptet, Schafe hätten keine Seele. Vielleicht kommt doch noch ein Wolf, der sich in meinem Pelz verkriecht. Dann hätte ich vielleicht nicht meine Ruhe, aber spannender wäre es allemal.

aus dem Landkreis

Miss Geflügelschau

Fresse (nicht mehr) sehen können

Warum ein Mensch POfalla heißt, will niemand wirklich ergründen. Er kann doch nichts dafür. Da sind die Eltern verantwortlich, die haben sich gegenseitig geheiratet und diesen Namen behalten.
Warum ein POfalla Politiker wird, liegt auf der Hand; das weiß der Volksmund immer zu erklären, tut er hier aber nicht, weil das unschön klingt.
Dass aber dieser spezielle Pofalla einem Kollegen "ich kann deine Fresse nicht mehr sehen" entgegenschleudert, nur weil der eine andere Meinung hat, wirkt befremdlich, bringt aber doch Leben in die Gehirnzellen des Volkes, die jetzt denken: Och, da ist ja doch Leben drin, wenn auch kein schönes, aber immerhin, völlig tot sind die nicht. Immerhin beziehen sie Diäten. Blödes Wort, denkt Moppel, davon werden die nicht dünner, sondern dicker.
Böse Worte sprechen ist verpönt, da muss man sich entschuldigen, spätestens, wenn auf der Wand hinter einem DU DU DU erscheint; das wusste schon König Nebukadnezar, allerdings erst, als es zu spät war.
Kanzlerin "Merkelmachtmilliardenmöglich" hat dem Sünder eine Buße auferlegt: Ein Jahr lang morgens vor dem Spiegel sagen: Ich kann deine Fresse noch sehen.
So lange, bis der POfalla sie nicht mehr sehen kann, als eigentlich schon nach einem Vierteljahr. Sofort kommt nicht in Frage, so Merkel, das sei einfach zu kurz und unglaubwürdig. Undglaubwürdig müsse die CDU ja werden.
POfalla denkt an einen Kniefall: Die ersten zwei Buchstaben sollen durch ein Wort mit A ersetzt werden. Dann wäre er so richtig authentisch. Das braucht Politik heute.

Umfrageergebnis liegt vor: Können Nüsse taub sein?

Gespräche mit Nüssen können schwierig sein
Es ist entscheiden. Endlich gibt es eine Antwort auf die Frage: Können Nüsse taub sein?
Die Antwort heißt: Ja, sicher.
Beruhigend für alle, die gelegentlich mit Nüssen sprechen, die aber keine Antwort erhalten.

Georg Krakl: Allegorie des Sinnlosen (2011)

Gerüste, die niemandem nützen.
Griffe, die keinen Halt geben.
Hubschrauber, der nicht fliegt.
Laub, das nicht fällt.
Rasen, der unmähbar bleibt.
Sand, der sich weigert, Strand zu werden.
Weite, die einengt.
Nähe, die sich nicht greifen lässt.
Blutleere Bäume, die den Sommer fürchten.
Spielplatz ohne Spiel.
Sonne ohne Brand.
Blöde Öde.
Böse Öse.

Traum und Trauma.
Shampoo und Schauma.
Wie zerronnen so verloren.

Hühner und Menschen passen einfach nicht zusammen

Mensch: Ich habe nachgedacht.
Hühner: Davon verstehen wir nichts.

Mensch: Ehrlich. Ich habe über euch nachgedacht.

Ein Huhn: Und? Ist dir das Wasser im Munde zusammengelaufen?

Ein anderes Huhn: Spiegelei? Rührei? Hühnersuppe? Verschon uns.

Mensch: Nein. Nein. Über euch, eure Bedürfnisse, euer Leben.
Ein Huhn: Ich sags ja, er hat wirklich ein Hühnerhirn in seiner Birne.

Mensch: Hört mir doch zu.
Alle Hühner: Geht nicht, wir sind beschäftigt.

Mensch: Hühner können gar nicht beschäftigt sein. Dafür braucht man ein Beschäftigungsverhältnis.

Ein Huhn: Haben wir doch mit dir.
Noch ein Huhn: Und jetzt sind wir mit Fressen beschäftigt, damit wir dir zur rechten Zeit Eier und Fleisch liefern.

Mensch: Nun übertreibt man nicht. Ich biete euch doch auch Freilauf. Und wenn ihr wollt, dürft ihr jetzt auch den Sternenhimmel sehen.

Hühner: ---

Mensch: Ehrlich. Ich versteh euch ja.

Ein Huhn: Wir haben jetzt keine Zeit. Wir müssen picken.
Mensch: Pickt doch später weiter. Der Sternenhimmel ist gerade so schön.

Ein Huhn: Nein, dann haben die anderen uns ja alles weggefressen.

Mensch: Aber die gucken sich doch auch den Sternenhimmel an. Keiner pickt.

Ein anderes Huhn: Das klappt nie. Hier herrscht ein gnadenloser Wettbewerb.

Ein weiteres Huhn: Hör auf zu träumen. Hier gilt Friss oder Stirb. Wir haben keine Zeit für Sternenhimmel.

Noch ein Huhn: Was will der von uns. Ich will nicht mehr reden.

Das erste Huhn: Kannst du ja eigentlich auch gar nicht.

Alle Hühner: ---
Mensch: Hallo? Hühner? Ich weiß, dass ihr reden könnt.

Hühner: ---

Mensch: Ich hab das nicht geträumt. Gut, dann eben mit Kniefall: Liebe Hühner, ich habe was begriffen! Ich dürft euch jetzt den Sternenhimmel ansehen! Von mir aus jeden Tag!

Hühner: ---

Landflucht: Quo vadis, Wade?

Die Menschen fliehen wieder aufs Land. Das Graue der Städte schreckt sie und sie flüchten in die überschaubare Idylle der rasierten Kleingärten, der geschnittenen Rasenkanten und der unkrautfreien Rabatten, die ihnen Kraft geben, wieder auf eine geordnete Zukunft zu hoffen.
Die bleiche Wade in der Fußgängerzone der Stadt wirkt auf demLande blutdurchströmt, rosig-rot und drängt nach Bräune. Hier das Schwarzweiß, das Vergänglichkeit anmahnt, dort das pralle Leben in Form gepflegter Blumenbeete, prächtig behängter Schützenbrüder und singender Hobbyfußballer, die auch zu feiern wissen. Mit ihren althergebrachten Thekenritualen wendet das Landvolk die Endlichkeit ab und spült sich in den Rausch des Vergessens. Das Leben zählt. Der nächste Frühling kommt bestimmt. Es ist der ewige Kreislauf des Lebens, dem die Menschen an den Äckern huldigen.
Der Städter sollte allerdings bedenken: Wer aus der Stadt flüchtet, um auf dem Land Ruhe und vielleicht den Sinn des Lebens zu finden, gilt gemeinhin als "zugereist". Da kann es besser sein, das Graue der Stadt auszuhalten und sich eventuell einen neuen Farbfernseher zu kaufen.

Kopf hoch

Die Zenzi ist nun fort,
Milch gibt sie keine mehr.
Sie weilt am fernen Ort,
ihr Euter ist jetzt leer.
Vom Himmel schaut sie nieder
und gibt mir ihren Segen.
Ich freue mich dann wieder,
und wünsch mir nie mehr Regen.

Günter Krass: Erinnerungen an die Zukunft als Kind - Lederhose 2

Furzfänger.
Sieben-Tage-Klosett.
Dreiviertellederhose.
Das war die Steigerung der kleinen, hässlichen Lederhose.
Der Furzfänger war für die größeren Jungs. Damals dachten wir noch, dass furzen mit pf geschrieben werde, einfach weil es explosiver war.
Das Sieben-Tage-Klosett. Da passte viel rein, es war dicht, wenn man die Riemen unter dem Knie richtig anzog.
Die Dreiviertellederhose war widerstandsfähig, konnte Schläge aushalten, schützte bei Stürzen vor Schürfwunden und ging trotzdem nicht kaputt.
Sie wurde mit der Zeit speckig. Sie war feuerfest.
Wir fragten uns immer, warum wir diese Hosen tragen mussten. Unsere Eltern liebten Bayern. Wir verstanden nicht warum. Irgendwann wurde die Hose gekauft und getragen bis zum Auseinanderbrechen. Auch diese Lederhose war nicht waschbar und konservierte die Kindheit des reiferen Kindes als Band 2 einer Trilogie.
Es wartete eigentlich noch die ganz lange Lederhose.
Die würde es aber nie geben, denn sie kam nicht aus Bayern. Vielleicht trug die ein exotischer Sonntagsjäger oder ein Biker. Der Bayer wollte seine guten Kniestrümpfe zeigen und da passte die lange Lederhose nicht drüber.
Sie war auch zu teuer. Und nicht waschbar. In dieser Kombination war sie als Anschaffung für einen Jugendlichen nicht geeignet.

Neues aus dem Keller

Sieglinde hatte in Drachenblut gebadet. Der Drache hatte im dunklen Kartoffelkeller gehockt, wer weiß wie lange schon. Bereitwillig hatte er Sieglinde in seinem Blut baden lassen; sie war ein kleines Geschöpf, der Drache musste nicht dafür sterben, ein kleiner Aderlass hatte gereicht. Nun war Sieglinde unverwundbar. Unbesiegbar. Unschälbar. Stärke war ihr vertraut, die hatte sie in ihrem Inneren. Aber Unverwundbarkeit war nochmal was ganz anderes. Dankbar dachte sie an den großen, etwas grummeligen Drachen. Trotzig hielt sie ihr neues Lebensgefühl der Vergänglichkeit entgegen und lachte über alles, was endlich schien. Sie, Sieglinde hatte es geschafft, sie, eine einfache Kartoffel.
Im Keller hatte es kein Eichenlaub gegeben, aber es war dunkel gewesen und natürlich ahnte Sieglinde, dass auch sie irgendein Knollenteil vergessen hatte. Vielleicht ein Auge. Vielleicht etwas anderes.

Günter Krass - Erinnerungen an die Zukunft als Kind: Lederhose

Früher gab es kein Oktoberfest. Wenn es eins gab, dann hatte es uns niemand erzählt. Wir bekamen robuste Hosen gekauft und mussten die sommers tragen, weil sie unbequem und gleichzeitig stabil waren. Man konnte fettige Finger an ihnen abputzen oder sein Taschenmesser polieren. Sie kamen aus Bayern, einem Land, das fern dem unseren lag. Die Hosen waren aus Leder und hießen folglich Lederhose. Es war verpönt, eine Lederhose aus glattem Leder zu tragen; eine gute Lederhose war blank vom Tragen und Benutzen. Man konnte sie nicht waschen und so war in ihnen ein großer Teil der Kindheit abgebildet. Die Polizei hätte sich die Finger nach den DNA-Spuren geleckt, wenn sie diese denn gekannt hätte. Isar acht fuhr durch die deutschen Fernseher, eine Kriminalserie mit gemütlichen, Ledermäntel tragenden Polizisten, die bayrisch sprachen. Da wurde uns Bayern ein wenig unfremder. Hätte man eine Lederhose im Winter anziehen dürfen, hätten sie einen prima Schlitten abgegeben. Wir hatten damals aber schon Holzschlitten und durften nur auf diesen fahren. Später waren wir die Indianer, die Bayern waren die bösen Weißen. Wir trugen Lederhosen, um uns unerkannt dem Feind zu nähern und ihn schließlich durch einen gezielten Schlag mit einem Maßkrug zu vernichten. Die Weißen aßen Weißwurst und tranken schon am Morgen dünnes Bier. Sie redeten mit unverständlicher Zunge, schwerfällig und irgendwie lallend. Uns war der Maßkrug unbekannt, denn wir kannten nicht einmal das Oktoberfest, wo es das Gefäß zuhauf gab. So kam es wie es in der Geschichte immer kam: Die Weißen siegten und erklärten Ostwestfalen-Lippe zum Reservat.

Oktumberfest 2011: Selbstverwirklichung


























Lustiger Versuch zum Selbermachen: Wenn du Oktumberfest in die Suchmaschine eingibst, landest du sofort bei Oktoberfest. Da stellt sich die Frage: Gibt es kein Oktumberfest? Wo aber gehen die vielen Tumben hin und kommen später vollkommen dicht zurück?

Abendliche Diskussion

Mensch: (versucht zu pfeifen) fffüüt.
Hühner: reagieren nicht
Mensch: Ihr müsst jetzt in den Stall. Es wird dunkel.
Ein Huhn: Wir wollen nicht in den Stall. Wir wollen den Sternenhimmel sehen.
Mensch: Ihr könnt die Sterne gar nicht erkennen, eure Augen sind viel zu schlecht.
Ein anderes Huhn: Blinde Hühner finden auch mal ein Korn, also können sehenden Hühner wohl Sterne erkennen.
Mensch: Ihr habt aber nichts davon. Unsereins schaut in den Sternenhimmel und macht sich seine Gedanken.
Alle Hühner: Wir auch.
Mensch: Tut ihr nicht. Ihr denkt nicht, ihr plappert nur, ihr wollt nur den Sternenhimmel sehen, weil ihr was aufgeschnappt habt. Ihr könnt das aber gar nicht umsetzen. Das ist nichts für Hühnerhirne.
Ein Huhn: Du scheinst dich ja gut mit Hühnerhirnen auszukennen.
Ein anderes Huhn: Wahrscheinlich hat er oben in seiner Birne eins.
Noch ein anderes: Oder er isst Hühnerhirne. Solche Perversen soll es geben.
Mensch: Was ihr alles wisst. Aber alles nur aus zweiter Hand. Ihr könnt gar nichts selbst erleben, weil ihr eingesperrt seid, gefangen im Raum, also im Stall, und in der Zeit, also in der miesen, kurzen Periode zwischen Schlüpfen und Geschlachtetwerden. Da wird man nur gelebt und lebt nicht selbst. Im Gegensatz zu uns Menschen.
Alle Hühner: lachen
Mensch: Und jetzt bestimme ich, der Mensch, dass euer Tag vorbei ist und ihr in den Stall müsst.
Ein Huhn: Es ist noch gar nicht dunkel. Lass uns draußen bleiben, bis wir den Sternenhimmel sehen können.
Mensch: Quatsch. Gleich wollt ihr auch noch, dass ich mit euch bete, oder? Hühner kennen keine Transzendenz, das Hühnerleben ist schlicht und eindimensional und fertig. Ab in den Stall.
Ein Huhn: Schau mal, ich kann meine Krallen falten. (fällt um)
Noch ein Huhn: Klasse, ich auch. (fällt auch um)
Alle Hühner: falten die Krallen und lassen sich auf den Rücken fallen
Mensch: Ihr brecht euch noch die Flügel.
Ein Huhn: Scheiß Flügel, ich kann sowieso nicht fliegen.
Mensch: Sag ich doch. Ihr braucht sowas nicht.
Ein anderes Huhn (es sind insgesamt sieben): Wenn wir jetzt in den Stall gehen, erzählst du uns dann, woran du denkst, wenn du in Sternenhimmel schaust?

Merkwürdige Abdrücke auf deutschem Rasen

Wenn es im eigenen Garten und nicht beim Nachbarn passiert, wird man nachdenklich. Der Vorüberschreitende denkt: Der Rasen müsste aber mal ganz schleunigst gemäht werden, der sieht ja aus wie Hulle. Und überhaupt, was sind denn das für gelbe Flecken, hat da vielleicht ein rolliger Riesenkater sein Revier markiert und den guten Berliner Tiergarten, der allerdings schon etwas verwildert aussieht, um nicht zu sagen verloddert, weggeätzt.
Was auf den ersten Blick nach der Hinterlassenschaft einer selbstvergessenen Großkatze, die nur noch Sinne für die sich anbietende weibliche Katzenwelt hat, stellt sich aber unter Umständen als Fußabdruck von Stromhaltern oder Stromabhaltern, wie sie auch genannt werden, heraus. Immer des Nachts, wenn der Strom aus den Leitungen zu fließen droht, den Umweg über den Zählerkasten vermeidet und damit den Energiekonzernen Verluste bereitet, stehen die Stromhalter oder Stromabhalter in deutschen Gärten, lang- und breitfüßig, und halten den Strom von seinen Untaten ab. Natürlich arbeiten diese Wesen für die Stromkonzerne und nur insoweit für die Verbraucher, als dass sie dafür sorgen, dass morgens frischer Strom auf den Frühstückstisch kommt und der Toast nicht pappig bleibt. Ohne Schäden auf guter Gartenscholle will das nicht bleiben: Gelbe Stellen, die aussehen wie von Riesenkatzen weggeätzt, zeugen von der schweren Arbeit der Stromabhalter, bei der sie ihre großen Pranken fest in den Boden pressen, sodass jede Pflanze und jedes Tier dahinschwindet.
Den Stromkonzernen bleibt angesichts dieses arbeitsrechtlichen Dilemmas nur, die Strompreise anzuheben. Denn wenn der Strom schon stiften gehen will, so kann das ja wohl nicht zu Lasten derjenigen gehen, die den Strom geben. Da ist auch mal der Abnehmer dran.

Herbst ist die Zeit der Kunstmärkte

Herbst.
Zeit der Kunstmärkte.
Auch wenn wir uns dem Kunststoff gegenüber mittlerweile sehr reserviert verhalten und ihn nur noch in der Funktionswäsche tolerieren, weil sie Schweiß absorbiert und übelriechend machende Bakterien quasi im Keim erstickt, gilt das nicht für den Begriff und die Institution Kunstmarkt. Wahrscheinlich will damit zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich nicht um einen künstlichen Markt, den keiner braucht, handelt, sondern um eine Austauschbörse, auf der Kunstobjekte, im Sinne von schön oder wertvoll oder interessant, feilgeboten werden und den Besitzer wechseln sollen.
Gerade außerhalb der Großstädte ist der Kunstbegriff ein anderen als in den Metropolen. Ein Handstand auf einer Hand gilt als Kunst, ebenso wie das Geradeumdieeckebiegen. So setzt sich denn der Künstler oder die Künstlerin zu Hause hin und denkt, was kann ich denn Schwieriges machen, dass das auch Kunst ist? So kommen er und sie auf die lustigsten Ideen: Eine Makramee-Blumenampel, fußgeknüpft, ein Fensterbild, mundgemalt, dabei einen Socken strickend oder Meerestiere, ohne Meißel, nur mithilfe des Augenausstechers eines Kartoffelschälers als Relief in einen Ytongstein getrieben, der eigentlich der Zwischenwand im Hobbykeller dienen sollte.
Wer solch einen Kunstmarkt besucht, sollte kein Geld mitnehmen, denn auf Pump wird nichts herausgegeben. Hinterher muss man sich zu Hause aber auch nicht ärgern, weil man seinen Kauf bereut.
Herbst.
Die ersten Blätter fallen bereits.

Maulkörbe für Volksmusiker und Maische Kelly immer beliebter

Florian Silberpfeife und Maische Kelly tragen ihn bereits
Eine Gesetzesvorlage sieht vor, dass Volksmusikanten sich in der Ausübung ihres Organs beschränken müssen. Wenn drei Sänger/innen zusammenstehen, darf immer nur einer/eine Laute von sich geben. Dabei sei es unerheblich, ob es eine Art Gesang sei oder nur eine dumme Bemerkung.
Der Verband deutscher Maulkorbhersteller unterstützt die Vorlage.








Korrektur zum Papstbesuch: Menschen, die gegen den Papst an verschiedenen Stellen der Bundesrepublik protestierten, heißen nicht Protestanten. Vielmehr nennt man sie Demonstranten, Papstkritiker oder Papstgegener. Auf jeden Fall werden die ein paar Jährchen im Fegefeuer absitzen, bzw. abbrennen. Wahrscheinlich gemeinsam mit den Protestanten.

Wir stehen mit der Zeit

Da stehen die Menschen und betrachten die Flüsse; und sie denken: Alles fließt. Aber ich fließe nicht mit.
Dabei denken sie nicht daran, dass Ufer und Böschungen, dass Wiesen und Wälder, die dem Fluss überhaupt erst die Möglichkeit geben, ein Fluss zu sein, weil sie ihm ein Bett geben, auch nur herumstehen und vielleicht denken: Alles fließt. Aber wir fließen nicht mit.
Liebe Menschen, es wäre doch viel sinnvoller, anstatt auf einen braunen Fluss zu starren, der immer in dieselbe Richtung fließt, weil ihm vielleicht nichts anderes einfällt, sich mit den Ufern und Böschungen, den Wiesen und Wäldern zu verbinden, wenn nicht sogar zu verbünden, einen Verein zu gründen oder eine Bürgerinitiative - nein, das geht wohl nicht - aber einen Verein. Das wäre gut.
Liebe Menschen, schaut nicht immer auf das, was sich bewegt, schaut auch auf das, was nur steht. Denn ihr steht mit.

Kürbisköppe unter uns...

In der Natur können wir beobachten, was uns in der menschlichen Welt immer wieder passiert:
Aus zarten Pflanzen werden plötzlich schinkengesichtige Kalebassen, die kaum noch anzusprechen sind.
Die zatrte Kürbispflanze schlingelt sich auf hartem Holz gen Himmel und präsentierte eine Anmut, die der tumbe Mensch nicht verstehen kann, weil er nie ein Mitwesen in solch eleganter und trotzdem demütiger Haltung erlebt hat.
Aber, Vorsicht!
Was sich da scheinbar dünnfingrig präsentiert, kann in kurzer Zeit ein Monstrum mit Dickkopf sein. Ja, sagt Trude, den habe ich zu Hause vor dem Fernseher sitzen, was daran soll besonders sein? Das ist doch ein Kürbiskopp und den könnte ich zu Halloween innen mit einem Teelicht erleuchten und damit marodierende Jugendliche abschrecken, die an Haustüren klingeln und Geld sammeln, obwohl sie nicht wissen, warum sie das tun, und das kann ich auf den Tod....
Trude redet viel wenn der Tag lang ist.
Die Tage werden kürzer. Halloween naht, eine Erfindung aus den USA, die auch andere Dinge erfunden haben, das Kaugummi und Mickey Mouse.
Die Todesstrafe haben die Amerikaner nicht erfunden, aber sie halten merkwürdigerweise an ihr fest, wie an ihren Waffen, die wir hier in unserem Weserland gar nicht besitzen dürfen.
Ein Kürbis ist immer noch besser als ein bewaffneter Amerikaner, der glaubt, dass die Todesstrafe OK ist und Barack Obama der Anführer von Al Quaida. Sagt der Weise. Kain sein, auch der Waise. Dessen Eltern eben erschossen worden sind. Oder hingerichtet. Das weiß der Kleine aber nicht, weil man es ihm nicht gesagt hat.
Wer das nicht glaubt, hört jetzt: Born in the USA

Lies

Das Zauberwort war weg. Vergessen oder verlegt. Die ganze Woche über hatte sie gegrübelt und herumexperimentiert, zum Glück ohne schlimme Folgen, aber leider auch ohne Erfolg. Es war zum Verzweifeln. "Kalt!", hatte sie gerufen, eher unbewusst, Heiner saß im Sessel, las die Zeitung, schaute nicht mal hoch. "Mir ist kalt!" oder "Ich friere!" wären vollständige Sätze gewesen, aber dieser kurze Ausruf machte eigentlich auch alles klar. Heiners Reaktion war vorhersehbar und noch bevor er den Mund öffnete, war ihr klar, dass "kalt" nicht das Zauberwort war. "Dann stell die Heizung an", war alles, was von Heiner hinter der Zeitung zu hören war und er dachte nicht im Traum daran, nur einmal die Sachebene zu verlassen und die Beziehungsebene zu betreten, unbewusst oder vielleicht doch ganz bewusst, was er meistens mit einem freundlichen Lächeln kaschierte.
"Halt!", war der nächste Versuch gewesen, doch auch der scheiterte. "Halt!", rief sie, als wieder einmal alles viel zu schnell ging, die Tage nur noch 12 Stunden zu dauern schienen und sie einfach nicht mehr mitkam. Niemand hielt an, weder die Zeit noch die Menschen, die sie ab und zu gern mal fest- und aufhalten wollte. Und kein Zaubermeister in der Nähe, der ihr vorsagen konnte. Es klang so ähnlich, das blöde Zauberwort, "alt" war es nicht, das wusste sie, das sollte man auch lieber nicht laut rufen, es gab immer jemanden in der Nähe, der älter ist als man selbst und sich womöglich beleidigt fühlte. Sie war mutlos und frustiert und fror noch immer und rannte noch immer ein wenig atemlos durch den Alltag. Dann kam der Samstag und die Nacht auf den Sonntag und sie träumte wort- und sprachlos und sah Bilder von großen Bäumen und träumte Gerüche mit der gerade richtigen Mischung aus Leben und Vergänglichkeit, so dass es in den Lungen gerade richtig weh tat und als sie wach wurde, brauchte sie eine Weile, um diese Bilder mit einem einzelnen Wort zu benennen. Wald. Das Zauberwort. Die Erlösung. Laufschuhe. Schweiß. Keine aggressiven Imperative. Keine verzierenden Adjektive. Nomen, große, schöne, einfache und klangvolle Nomen, daraus bestanden Zauberwörter.

Taube Nüsse sind nicht taub

Du taube Nuss!
Ein Ausruf, der gern Menschen an den Kopf geschrien wird, die sich nicht recht bezüglich einer Frage oder Aufgabe äußern können und stumm in der Ecke sitzen bleiben.
Aber Nüsse sind nicht wirklich taub. Wir verstehen nur ihre Sprache nicht und können sie dementsprechend nicht richtig ansprechen.
Wenn wir aber wispern und dabei die taube Nuss streicheln und ihr inhaltlich gut zureden, dann kann es im günstigen Fall passieren, dass sich die Angesprochene öffnet. Öffnet den dummen Fragen, die wir als Menschen an die Nüsse stellen. Bist du zu hart hart, um dich zu knacken? Bist du eine dumme  Nuss?
Nüsse denken nicht in menschlichen Kategorien und können folglich nicht die erwarteten Antworten geben. Nüsse fragen nicht: Was willst du von mir, du Arsch? Denn Nüsse sind erst mal friedlich und ruhen in sich selbst. Wer es denn schafft, eine Nuss durch gutes Zureden und Streicheln zu öffnen, der hat gewonnen. Der hat die Erfahrung gemacht, dass in unserer unsensiblen Zeit durch Zureden und Streicheln alles geöffnet werden kann, ausgenommen vielleicht die Weißblechdose mit dicken Bohnen drin. Aber es gilt vor allem für die Verschlossenen in unserer näheren Umgebung und auch in der Ferne.
Menschen, achtet die Natur und stellt keine dummen Fragen! Seid nicht selbst die tauben oder dummen Nüsse, die ihr auf eurem Tisch vermutet!

Wenn das der König wüsste

Männer und Frauen passen gar nicht zusammen. Auch wenn von Komplementarität gesprochen wird, alles Geschwafel. Nehmt es realistisch! Schaut euch an, wie es ist. Während die Frau Herz und Mundwerk an der rechten Stelle hat und auch diese beiden in wohlgefälliger Kombination zu gebrauchen  weiß, steht der Mann  meistens Kopf, schweigt, wo er schwiegen kann und verschließt die Augen vor den wichtigen Dingen des Lebens, dass nun endlich der Müll runter muss und dass gebrauchte Socken in die Wäschetrommel gehören. Die Frau schaut immer mit offenen Augen in den Tag und in die Zukunft, strahlt ein helles Lächeln ab und erhellt damit ihre Umwelt. Bis der Mann seine Lider gehoben hat, ist es bereits wieder Abend und er kann eigentlich gleich liegen bleiben, wenn er nicht mal wieder Kopf stünde. Dabei gäbe es noch so viel zu tun. Ein klammheimliches Grinsen kann sich der Mann über sein Tun oder Nichttun nicht verkneifen und die Frau, tatkräftig und forsch, fängt sofort an, das in der Bedeutung für sich selbst zu interpretieren. Auch wenn sie zu dem Schluss kommt, es habe keine Bedeutung, muss sie zugeben, dass der Mann an sich ganz nett ist, abgesehen von desolaten Ausnahmen, Kuni zum Beispiel, auch wenn er wenig zum Alltag beiträgt. Da-sein ist alles. Nett-sein, auch wenn der Müll schon stinkt.

Kein Halt in dieser Welt

Männer erinnerten sich vor allem an zwei Dinge, nein, an zwei Attribute, die Kitty bis zu ihrem Tod auszeichneten: ihre schwarze Lockenmähne und ihr freundliches Lachen, das mancher fälschlicherweise als aufreizend interpretierte. Auch als reife Frau blickte sie noch immer mit großen runden Kinderaugen in die Welt, staunend, neu- und lebensgierig. Viele hätten Kitty gern als alte Frau erlebt, um zu erfahren, wann sie zum ersten Mal der Haarfarbe künstlich nachhhelfen müsste und ob sich ihr fröhliches Lachen irgendwann in ein müdes Grinsen verwandeln würde. Doch wie so vieles verblieben die Bilder einer alternden Kitty in der Welt der Möglichkeiten, die Wirklichkeit bereitete ihr in Form eines Laternenpfahls einen frühen Tod. Niemand war dabei, als Kitty eines Nachts vor diesen Laternenpfahl lief. Es war dunkel, denn die Laterne war aus und Kitty war wahrscheinlich auch nicht mehr ganz nüchtern, was normalerweise den aufregenden Glanz in ihren Augen noch leicht verstärkte. Doch durch die besonderen Umstände blieben auch diese Bilder ungesehen: Kitty, die vor einen Laternenpfahl läuft, sich den Schädel bricht, hinfällt und verblutet. Auch hörte niemand ihre letzten Worte, als sie schon das weiße Licht sah: Halt!, rief sie, sie war nicht ganz einverstanden mit dem, was mit ihr geschah, aber Kitty konnte nichts und niemanden mehr aufhalten. Was bleibt?, fragten sich ihre Freunde, die sich um die Bilder von der alternden Kitty und auch der sterbenden betrogen fühlten. Was ist die Wirklichkeit? Natürlich klaute niemand ihren Schädel, um ihn mit einer schwarzen Perrücke versehen vor den Hauseingang zu stellen. Sowas tut man nicht. Aber manch einer hatte dieses Bild vor Augen, wenn er an Kitty dachte und alle wussten, wie sehr sie sich über den Herbstlaubschmuck in ihren Locken gefreut hätte.

Aggressive Hühner

Dieser Traum hatte ihn jahrelang verfolgt: Auf einer sattgrünen Wiese zwei Kühe und ein riesiges Huhn zu treffen. Die Kühen schauten stumpf und und bewegten mahlend ihre Mäuler. Sie erfüllten alle Klischees, die man auf Rindviecher anwenden konnte.
Und dann das riesige Huhn, das keck, nein, eher übermütig aggressiv die Kühe beäugte, aber in Wirklichkeit ihn, den Bärtigen im leicht müffelnden Sweat-Shirt im Blick hatte.
Der Traum kam immer, wenn er sich sein Pfund Brustfleisch an der Hühnergrillbude geholt hatte, wenn er sich die fettigen Finger abgeleckt, die triefenden Reste aus den Mundwinkeln gewischt hatte und sich auf dem Kanapee zu einem Nickerchen bereitgelegt hatte. Gut, dass das Huhn sauer war, konnte er verstehen, und dass es gleich versuchen würde, ihm die Augen aus- oder etwas anderes abzuhacken, war auch klar, denn es war ja ein Alptraum und kein Zuckerschlecken. Zumal: Jetzt noch Zucker zu schlecken würde wohl seinen Würgereflex provozieren, denn das Fleisch lag schwer.
Nur, was sollten die Kühe in seinem Traum? Doof gucken konnte es doch wohl nicht sein. Aber sie hatten da immer herumgestanden, warum sollten sie es heute nicht tun?
Wenn jetzt nicht bald der Wecker zum Ende des Nickerchens klingelte, war es um die Augen oder anderes Hervorstehendes geschehen. Das Huhn kam schon auf ihn zu. Wecker!, schrie er. Zum Weglaufen war er zu müde, das brachte ja sowieso nichts, denn es war ja nur ein Traum. Und mit vollem Magen ist schlecht laufen.
Morgen würde er ein, zwei oder drei Frikadellen essen. Das könnte es ja wohl nicht, was hier wieder abging.

Gedichte mit Ausrufezeichen drin: Georg Krakl - Komischer Kerl (2011)


Komischer Kerl!
Kernspalter
Krautfresser
Kaka Du!
Keiner kann kalkulieren
Keiner kuckt.
Krasser Kahlkopf
Kameltreiber Kannix
Komischer Kerl!!
Karger Kapellmeister
Keinarmiger Karussellbremser
Kaskoversicherter
Katechisierter Kater
Kontrakavalier
Keiner kuckt.
Keiner kann kalkulieren.
Komischer Kerl!!!

Anspieltipp: Go home, Ami! - Musik der DDR

Amerikanische Wörter waren eigentlich verboten
Die Ostdeutschen hatten es schnell raus: Der Ami ist schuld, dass die Atomkraftwerke für militärische Zwecke missbraucht werden können. Und sie konterten mit sozialromantischem Vers:
Go home, Ami! Ami, go home,
spalte für den Frieden dein Atom!

Wer kann schon ein Atom sein eigen nennen? Der Amerikaner natürlich, der sich im Reichtum wälzt und nicht weiß wohin mit seinen Atomen. Trotzdem muss er sie spalten, um die Zahl zu verdoppeln, auch wenn es nur halbe Atome sind, die entstehen, aber die Masse blendet den Imperialisten.
Kürzt man das Ganze, dann hat er nichts gewonnen, lediglich hat er sich die Mühe gemacht, die Atome zu spalten. Das ist aber vergebens gewesen. Gesiegt hatte damals wieder mal der Sozialismus, weil er die Atome ganz ließ, weil er nicht genau wusste, wie der Spaltvorgang vonstatten ging.
Der große Bruder im östlichen Osten half dann, sodass auch das Land hinter bzw. vor der Mauer ein eigenes Atomkraftwerk inklusive aller Probleme bekam, nämlich in Rheinsberg.
Das Lied ist auf jeden Fall mal eine Alternative zu den Puhdys, zu City oder Karat.
Nicht schön, aber lustig, weil so komisch.
Was ist eigentlich aus Ernst Busch geworden?
Hanns Eisler wird wohl wieder auf dem Rücken liegen, so oft, wie er sich beim Abspielen des Liedes im Grabe umgedreht haben muss.
Anhören

Hansi und die rote Frau (5)

Einundvierzigste Nacht. Nächtelang hatte Hansi vergebens auf die rote Frau gewartet. Nur der Vollmond hatte hämisch vom Himmel geguckt, so als wollte er sagen: Is nix mit roter Frau, Hansi!
Er hatte von der roten Frau geträumt, sie war vom Fenstersims heruntergestiegen und war zu seinem Bett gekommen. Hansi hatte sich nicht getraut hinzusehen, sie war ja nackt, und auf Nackte zu starren, war unhöflich, vielleicht sogar unverschämt. Unverschämt. Verschämt hatte Hansi die Bettdecke über den Kopf gezogen und hatte die Worte der roten Frau gehört: Hansi, rede mit mir! Du kannst nicht immer nur schweigen und zum Mond starren. Das macht doch jede Beziehung kaputt, Hansi, rede endlich.
Beziehung, hallo?, dachte Hansi, wo haben wir denn eine Beziehung? Also, da gehört ja wohl etwas mehr dazu, als ein paar mal auf dem Fensterbrett zu sitzen und nackt zu sein. Als Hansi seinen ersten Satz sagen wollte, spontan und aus dem Bauch heraus: Ich will ja reden, ich will ja die Beziehung nicht kaputt machen!, war die rote Frau schon verschwunden, war der Traum geplatzt, nur der Mond stand noch am Himmel und der hatte sich auch schon zurückgezogen, war nur noch eine dünne Sichel.
Einundvierzigste Nacht.
Die rote Frau war wieder da. Sie saß wie so oft auf dem Fenstersims, hatte die Hand vor die Stirn gelegt und starrte mal wieder auf die Haken, mit dem man das Fenster, wenn es weit offen war, festmachen konnte, damit es bei Sturm nicht klapperte. Als wenn das jetzt wichtig gewesen wäre: Ein Fensterhaken!
Aber, wo war der Mond? Hansi stutzte. Das durfte mal wieder nicht wahr sein! Der Mond war weg. Heute hätte Hansi sein Schweigen gebrochen. Aber nicht ohne Mond.
Hansi schloss die Augen und hoffte, im Traum noch etwas üben zu können.

Teil 1 lesen

Wenn das Stimmgerät kaputt ist


Tobias stand auf der Straße in der Fußgängerzone und machte Musik auf seiner verstimmten Akustikgitarre. Das fucking Stimmgerät hatte er zu Hause gelassen und jetzt klang das schräg, was er spielte, denn er konnte nicht gut nach dem Gehör stimmen.
Er sang schief, weil er keinen guten Ton auf der Gitarre hatte, an dem er sich orientieren konnte.
Das ist neu, diese Musik ist neu, dachte Tobias, das ist Akustikpunk.
Vielleicht kommt ja ein Manager oder sonstwer vorbei und entdeckt mich und den Akustikpunk und wir beide machen das große Geld mit der neuen Musik. Akustikpunk.
Der Manager ging derweil am Buchladen und Tobias vorbei und dachte: Boooh, der Knabe sollte mal ein fucking Stimmgerät benutzen, der Mist, den er da dudelt, ist ja reiner Akustikpunk. Jajaja, das ist ziemlich neu, aber es klingt schrecklich, vielleicht was für eine Gehörlosenschule, aber nichts für den Normalo. Akustikpunk. Wenn's den nicht schon gäbe, könnte man den vermarkten und ich würde mit dem pickligen Jungen das große Geld machen, natürlich nachdem man ihm die Pickel ausgequetscht hat, denn die will keiner sehen. 
Der Manager schlich sich an Tobias vorbei, damit der nicht erkannte, dass er ein Manager war, denn was sollte ein Manager mit einer Musikart, die es schon gab, zumal sie von einem pickligen Jungen gespielt wurde?
Shit, dachte Tobias, wenn Torben hier wäre, hätte der Manager, den ich eigentlich nicht sehen soll, mich vielleicht entdeckt, weil Torben so furchtbar scheiße Cajon spielt. Spiel mit einem, der schlechter spielt, dann wirkt dein Spiel relativ besser! Ein Tipp, den ihm Matti Waters gegeben hatte, sein alter Religionslehrer und Kirchentagjodler. Vielleicht stand der ja immer in dieser Riesenmenge und hoffte, dass die alle schlechter sangen als es. Falls das überhaupt ging.
Ein Passant warf ein 50-Cent-Stück in den Gitarrenkoffer und Tobias nickt ihm seinen Dank zu.
50 Cent waren der Anfang vom großen Geld.

Blues light

Kein Blaulicht am Sonntag, bekamen neue Kollegen mit auf den Weg, wenn sie zum ersten Mal mit Hotte auf Streife mussten. Egal, was passiert, kein Blaulicht, von Montag bis Samstag kein Problem, aber sonntags nur rufen, hupen, klatschen, was auch immer euch einfällt im Notfall, aber kein Blaulicht. Es war ein Sonntag, an dem Hotte Jahre zuvor seine Kollegen Kalle bei einem Einsatz in einem stadtbekannten Etablissement verloren hatte. Ich da, du da, hatte Kalle noch gerufen, aber Hotte hätte nicht nach da, sondern Kalle hinterherlaufen sollen, dann hätte er ihn vielleicht schützen können vor den Schüssen des Zuhälters aus dem Hinterhalt, vielleicht ... Als das Entsetzliche geschehen war, stand Hotte noch lange fassungslos am Tatort, er war mit dem Leben davon gekommen, aber dieses Leben sollte nun nur noch von montags bis samstags stattfinden, auch nach Jahren war der Sonntag jedes Mal ein kleiner Tod für ihn. Damals mischten sich Blaulicht und Rotlicht nach allen Regeln der Farbenlehre und nur Violet, die junge irische Prostituierte, konnte Hotte in dieser Nacht davon abhalten, seinem Leben ebenfalls ein Ende zu setzen. Er hat den Blues, murmelten die Kollegen sonntags traurig, denkt dran, kein Blaulicht am Sonntag.

Spinner verändern nicht immer den Lauf der Dinge

Die Nacht wartet auf das Endes des Tanzes

Die Welt dreht sich nicht, denkt Beppo, ich drehe mich. Und er tanzt und tanzt, bis die Sonne untergeht, denn er weiß, wenn er nicht tanzt, dann geht die Sonne nicht unter, aber wenn sie untergegangen ist, dann kann er rasten und sich ausruhen und später weitertanzen, damit die Sonne aufgeht, denn nur wenn er sich im Tanze dreht, passiert das, und es ist lebenswichtig für alle, für die Natur, die Menschen, für Beppo, denn Sonne spendet Licht, und Licht braucht jeder,damit er erkennen kann, wann es dunkel ist, denn wenn es immer nur dunkel wäre, könnte niemand das Helle sehen. Tanzen, tanzen, immer tanzen. Beppo hing der Job zum Halse raus. Ihm würde eigentlich auch die Nacht reichen, dann könnte er mal richtig durchschlafen, mal was träumen. Aber er war oft so erschöpft vom Tanzen, dass er nie träumte, oder nur selten, und dann träumte er vom Tanzen.
Die Welt könnte sich auch mal drehen. Ich habe jetzt tausend Jahre getanzt denkt Beppo. Es kam ihm jedenfalls vor wie tausend Jahre. Jetzt ist die Welt mal tausend Jahre dran.
Ich stehe jetzt mal nicht auf, jetzt bleibt es mal dunkel.
Beppo weiß nicht, dass sich die Sonne von einem Spinner nicht vorschreiben lässt, wann sie aufgehen soll. Es ist ihr Job aufzugehen und sie erledigt ihren Job gut. Egal, wer da tanzt oder nicht, wer da träumt oder nicht träumt. Wo kämen wir da hin?
Gute Frage, denkt Beppo, wahrscheinlich bis ans Ende der Welt.

Schlangenlinienfahren vor dir

Es ist nicht immer Alkohol, der Fahrerinnen und Fahrer veranlasst, merkwürdige Bewegungen mit ihren Fahrzeugen zu unternehmen. Das Schlangenlinienfahren, beliebt ab 1,3 Promille, deutet vielleicht auf Abusus von Hochprozentigem hin, aber manchmal ist es nur eine SMS, die vielleicht klemmt und nicht ihren Weg durch den Äther in das angeschrieben Mobilteil finden will. Der Blick nach unten verhindert dann, den korrekten Verlauf der Straße zu erkennen, und erst wenn der Grünstreifen touchiert wird oder ein Begrenzungspfahl, zwingt das die die Augen weg vom Display durch die Windschutzscheibe, um die Fahrtrichtung zu korrigieren.
Neben klemmenden SMS können unangenehme Gespräche per Handy dazu führen, das keine Hand mehr zum Lenken fei ist und die Knie bemüht werden, oder dem Wagen erst mal ein gewisser Freiraum gewährt wird, der bei neueren Modellen durchaus geradeaus geht, aber bei Karossen, die die Abwrackprämie verpasst haben, auch mal auf die Gegenfahrbahn ausgeweitet werden kann.
Mit der einen Hand wird das Sprechgerät an den Kopf gedrückt, mit der andere Hand wild gestikuliert oder verlegen am Armaturenbrett genestelt.
Ein der Nase entnommenes Ausgrabungsstück will sich nicht vom Finger lösen und erfordert volle Aufmerksamkeit, weil der auf Sauberkeit bedachte Fahrer dieses nicht auf dem Tachometer oder am Handschuhfach kleben haben möchte. Da heißt es Fingerfertigkeit beweisen und eventuell die zweite Hand zu Hilfe zu nehmen, was wiederum den Eindruck erweckt, hier habe man es mit einer Art kreativem Fahren zu tun.
Alles beweist: Autofahren ist langweilig, da muss man etwas nebenher machen, vielleicht ein Buch lesen oder einen Film auf dem Mini-DVD-Player vor dem Beifahrersitz anschauen.
Der nachfolgende Verkehr sollte also vorbereitet sein, Verständnis haben, schnell reagieren können und nicht sofort die Polizei rufen, und jammern, dass jemand alkoholisiert Auto fährt, in Wirklichkeit aber nur versucht, seinen Dackel auf dem Teppich zu halten. Denn wer will beweisen, dass das Wahrgenommene wirklich passiert ist? Mit dem eigenen Handy filmen? Das wäre fatal, den Fehler des Vordermannes durch einen eigenen zu dokumentieren, um ihn anschließend ahnden zu können.
Die Zeiten haben sich geändert. Empathie ist gefordert. Das Wort ist den meisten Hinterherfahrern genauso unbekannt wie die dazugehörige Eigenschaft.

Wer braucht zum Predigen einen Stuhl?

Zum Predigtstuhl, wie ihn die Norweger nennen, wanderte das theologische Seminar während der Exkursion. Die jungen Theologen waren angeregt von der körperlichen Betätigung und der frischen Luft und diskutierten lebhaft darüber, ob man im Sitzen predigen kann. Einige standen in Kleingruppen zusammen, die weniger Durchtrainierten setzten sich auf den Predigtstuhl. Obwohl auch sie die Meinung vertraten, niemals im Sitzen predigen zu werden. Das wirkt so statisch, ich bin doch kein Nachrichtensprecher, hörte man aus vielen gläubigen Mündern. Ich bin zu klein, im Sitzen verschwinde ich hinter der Kanzel, sagten manche. Ich habe doch schon einen Kurs in liturgischer Präsenz belegt, verkündigten andere, die hat man nur im Stehen, die Arme weit ausgebreitet, wie zum Fliegen, das verheißt Weite und Visionen. Sitzen ist hocken, nicht den Aufbruch wagen, was transportiert man da alles mit so einer Haltung. Niemand bemerkte den jungen Mann mit den traurigen Augen, der nicht zum theologischen Seminar gehörte. Er stand bereits am Rand des Felsplateaus, er breitete die Arme aus, wie zum Fliegen, er schloss die Augen, als sei er bereits in einer anderen Welt, er murmelte vor sich hin, vielleicht ein Gebet, vielleicht einen Segen, ein einsamer Priester mit einem letzten Predigtauftrag, liturgische Präsenz in Perfektion, schade, dass er nicht zum theologischen Seminar gehörte, vielleicht hätte er hier seinen Platz gefunden, einen Stehplatz. Doch der junge Mann wollte fliegen.

Was ist eigentlich Kunst?

Ehrlich gesagt: Keine Kunst
Mein Kunstlehrer schrie damals immer, wenn es zu laut war: Kunst kommt von können! Wer nichts kann, kann also keine Kunst können. Keine Kunst ist es, eine Flasche Scriptol, damals noch aus Glas, auf die Fliesen fallen zu lassen und alles schwarz zu bespritzen. Dann war der Ärger groß! Wer dann den Wischlappen nicht richtig entfaltete, der hatte verspielt. Du kannst (von: können) nicht mal richtig wischen!, brüllte er. Eigentlich hasste der Kunstlehrer Kinder, besonders wenn sie noch keine Bärte hatten. Das waren keine Menschen. So prägte das Bonmot über Kunst meine Generation, jedenfalls 40 davon. Wir bemühten uns, keinen Dreck zu machen, um dann nicht falsch aufzuwischen und als Nichtskönner dazuknien.Wir wurden eine saubere Generation; so, wie man sie sich heute eigentlich wünscht. Im Grunde ist das keine Kunst, so zu werden.

Schweiz: Der Papst kommt (Neue Flagge)

Schnell die Flagge aktualisieren.
Immer korrekt. Sicht nichts zuschulden kommen lassen. Und wenn, dann nicht auffallen.
Rechter Winkel.
Christliches Symbol, oder?
Aslo: Der Papst kann kommen.

Ästhetik des Banalen

Was Schönes, Mutti, was Schönes!
Mutti müht sich. Sie hat es geschafft, den Zögling durch die Menschenmenge zu zerren, er hat schon ein Eis weg, eine Tüte Pommes und eine Cola light, aber er quengelt, denn sie weiß, dass der Zögling weiß: Das war nichts Schönes, was er gekriegt hat.
Komm, kuck mal, ein schönes Teelicht in einem Glas, das ist doch schön, da kannst du nachts mal eins anmachen, dann kannst du das Nachtlicht ausschalten, das spart ja auch Strom und du kannst trotzdem weiter wach bleiben.
Der Zögling zerrt.
Eine Schildkröte! Ja, das wär doch schön, sagt die Mutter und deutet auf eine Plastikamphibie, die Säuferaugen hat und am Hals aussieht wie ein Faltenbalg nach 40 Jahren Einsatz im Gebläse eines Dudelsacks, oder noch schlimmer.
Wäääääh, schreit es aus dem Hals des Zerrers, und die Mutter weiß: Auch nicht schön.
Kurzfristig denkt die Mutter an kriminelle Entsorgung und dann überlegt sie sich eine gesellschaftlich tolerierte Alternative: Der Nachwuchs als Schönheitstester. Es gibt so viel Hässliches auf der Welt, denkt sie, und wir merken es nicht. Das könnte man doch vermarkten. Der Junge kann doch bei Ebay so etwas werden wie Schönheitsberater. Später könnte er dann mit einer kurzen Fortbildung Finanzberater werden. Und Cash machen.
Jetzt spart die Mutter erst mal Geld, weil das Kind nichts will.

Schweiz lässt nicht locker: Neuer Entwurf

Der polnische Designer Patryk Polpowski hat sich seine Landesfahne einmal vorgenommen und die schlichte Zweigeteiltheit in Rot und Weiß auf Schweizer Verhältnisse zugeschnitten. Der Schweizer brauche mehr Weiß, mehr Unschuld, mehr Unbeflecktheit, mehr Unbekanntes, mehr Frieden. All das symbolisiere die Farbe Weiß, so Polpowski.
Es sei aber unvorteilhaft ganz auf das Rot zu verzichten, denn dann müsse man das weiße Kreuz rot streichen, was wiederum eine falsche Assoziation abrufe.
Insgesamt hat es sich Polpowski zu einfach gemacht.

Kampf gegen das Fremde

Jetzt bauen sie wieder. Die Angst vor dem Fremden beflügelt sie, gibt ihnen Kraft. Wie können sie sich retten? Sie wissen nicht, wie das Fremde aussieht, wie es sich anfühlt, welche Sprache es spricht und mit welchem Geld es bezahlt. Sie wissen nur: Es ist fremd. Das macht ihnen Angst, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt.
Aber sie werden sich wehren. Sie haben Zäune gebaut und horten Coca Cola und Hamburger, mit der sie das Fremde begießen werden, mit denen sie das Fremde bewerfen und in die Flucht treiben wollen.
Als hätte das Mittelalter nicht gelehrt: Bewerft eure Menschen nicht mit minderwertigen Lebensmitteln, gießt nicht üble Flüssigkeiten über sie, denn sonst werden sie eure Burg schleifen, eure Stadt schänden und gewaltig herumferkeln.
Um das zu verhindern, jetzt ein Holzzaun mit bunten Griffen, der das Fremde verunsichern soll, weil ihm bunte Griffe vielleicht unbekannt sind. Hoffen wir, es klappt. Einfacher wäre, dem Fremden einen Plastikbecher mit dem klebrigen, braunen Getränk in die Hand zu drücken und freundlich zu fragen: Einen Hamburger vielleicht? Oder etwas zu essen?

Gelbes Land am weißen Kreuz: Schweiz - Neuer Flaggenversuch

Goldene Schweiz, gelbes Land zwischen hohen Bergen.
Land der Autonbahnmaut. Land der Tunnel durch festes Gestein.
Geheimnisvolles Land.
Land der Banken und Tresore.
Goldene Schweiz.
Golden eure Nasen, die ihr die Geheimnisse bewahrt.

Überraschungen auf dem Geburtstagstisch

Rippe blickte auf seinen Geburtstagstisch. 12 Tuben Duschgel. Hair&Body. Auch für den Kopf verwendbar. In den Geschmacksrichtungen blau und hellblau.
Eigentlich war es doch eine nette Feier gewesen, alle hatten gelacht, hatten auf ihn angestoßen. Alle hatten Geschenke mitgebracht. Duschgel eben.
So, als hätten sie sich abgesprochen. Es konnte nicht sein, dass sie die selbe Idee gehabt hatten. Es konnte kein Zufall sein.
Aber abgesprochen? Bruno kannte Trudi doch gar nicht, und Hippo hatte mit Erwin nichts zu tun. Und doch hatten sie ihm Duschgel geschenkt. Wo war die versteckte Botschaft? Was sollte er aus dem Ganzen herauslesen?
Rutsch nicht aus auf der Schmierseife des Lebens? Das war keine Botschaft. Das war schlicht Unsinn. Seifig. Oder als Imperativ: Sei fig! Aber was war fig? Das Wort gab es doch gar nicht. Feig. OK. Aber fig. Du Schgel! Was war denn ein Schgel? Und wie war man, wenn man einer war?
Rippe war sprachlos. Ratlos.
Rippe beschloss, einfach mal eine Tube auszuprobieren. Sicher, Wasser war nass, und Wasser kam an den Körper. Aber wie sollte er das Geheimnis lüften, wenn er die Geschenke nur von allen Seiten betrachtete? Die inneren Werte zählten, darauf kam es an.
Drück mal auf die Tube! Vielleicht war das die Message.
Der blaue Glibber quoll aus dem Loch und Rippe gab ihn auf die flache Hand. Er drehte den Wasserhahn auf und beschloss ganz, ganz stark zu sein.

Hilfe für echte Männer

Wenn Männer professionelle Unterstützung bei den vielfältigen Aufgaben ihres Lebens brauchen und suchen, gehen auch sie gerne in den Wald, denn das kostet nicht viel und Körpergeruch fällt nicht negativ auf, sondern gehört einfach dazu. Versteckte therapeutische Angebote bieten Rittergruppen, die den kindlichen Spieltrieb und die männliche Kampfeslust bei gruppendynamischen Übungen, Wettkämpfen und Spanferkelgrillen vereinigen. Vor allem die Männer, die sich endlich eingestanden haben, dass sie echte Männer sein möchten, dass sie ihren weichen Kern gar nicht preisgeben möchten und dass sie ihre harte Schale brauchen und lieben, finden echte Unterstützung in diesen Gruppen. Sie bereiten sich auf den Moment vor, in dem sie zu Hause ihrer Partnerin trotzig entgegenschleudern: Ich bin nun mal ein Mann, ich will nicht reden, sondern handeln, ich wappne mich, mit allem, was mir zur Verfügung steht und ich will die Verkleidung nicht ablegen, auch du sollst meinen matschigen Kern nicht zu sehen bekommen, ich will nur hart sein, vorne und hinten, im Wald und am Küchentisch und im Büro und im Bett, nur nicht am Wickeltisch, da stelle ich mich nämlich gar nicht mehr hin, der Kleine kriegt doch einen Schreck fürs Leben von so viel harter Männlichkeit, das machst du ab heute allein, überhaupt mache ich jetzt eigentlich nichts mehr, die Rüstung ist so schwer, der Schild erst recht, ich bleib jetzt einfach mal sitzen. Für diesen Auftritt müssen die Männer lange Zeit in ihrer Horde verbracht haben, um sich dann mutig dem Einzelkampf zu stellen.

Hilfe für haltlose Menschen

Menschen, die seit Jahren keinen Halt haben und Gefahr laufen, zu straucheln, kann jetzt geholfen werden. Psychomotorische Trainingskurse in Mischwäldern sollten zurück ins Leben führen.
Anfangs noch gesichert durch Karabinerhaken und Laufgeschirr werden Stellungen wie "Spring doch, du Feigling, ich fange dich sowieso nicht auf" und "Titanic" geübt. Letztere kommt besonders gut bei Frauen an, die sich in die Rolle der Maude auf den Bug des Untergangsschiffes denken und ein kurzes Glück mit Harold  erleben, später aber auf einer feuchten Planke landen, was sie wieder ins wahre Leben zurückführt. Harold ist ertrunken und war sowieso viel zu alt für eine Upperclass-Lady, die im Grunde Besseres zu tun hat, als neben Eisbergen herum zu dümpeln. Gerade die Weite des Meeres dient dem Öffnen nach vorne, das diese Gebeutelten besonders brauchen, um aus der Hockstellung des Alltags in die Offensive einer Vision zu gehen.
Allerlei Allegorien jedenfalls in der Therapie, von der noch niemand so recht weiß, wohin es bei den Probanden gehen soll.
Auf jeden Fall sollte sich etwas ändern, aber das tut es ja auch, wenn man nichts tut.
Schön ist aber die frische Luft und der würzige Geruch vermodernden Laubes, das an die Vergänglichkeit erinnert im Sinne von: Heute wäre ein schöner Tag zum Sterben, aber leider haben wir gleich noch Stammgruppe.