Vincent van Eijnoor: Schrei (2011)

Vincent van Eijnoor: Schrei
Georg Krakl: Schrei (2011)

Da, hört,  ein Schrei
aus ungelegtem Ei!

Herr Ober,
einen Kaffee mit Zinnober!
Und sagen Sie dem Ei, es möge leise sein
und nicht so schrei'n!
Ich kann bei diesem Lärm nicht trinken.
Der Ober denkt: Ein Trinker!
Ja, werden sie dem Ei mal winken,
jetzt endlich still zu sein?
Der Ober: Was für'n Stinker!
Herr Ober, ein Glas Wein!
Ich will das Schrei'n nicht hören, will vergessen.
Herr Ober, was zu essen!
Ein Omelett?
Das wäre nett.

Gummistiefel waren immer zu kurz


In Stiefeln trägt man Rosshaarsocken, denn Stiefel neigen dazu, Schweißfüße zu produzieren und weil Pferde keine Schweißfüße haben, da sie bekanntlich Hufe tragen, glaubte man in den 60er Jahren, dass Rosshaarsocken das ideale Drunter bzw. Drüber sei.
Die pferdehaarbestückten Objekte sollten Feuchtigkeit verhindern und ein unangenehmes Quietschen und Quatschen in den Gummibehältern ausschließen. Die Nässe machte darüber hinaus auch trittunsicher, fester Halt war kaum noch gegeben, sodass der Träger auf sehr unsicheren Füßen stand.
Das größte Problem aber war, dass Gummistiefel immer zu kurz waren. Da halfen euch nicht drei Schichten Rosshaarsocken, die im Übrigen gar nicht in die Schuhe gepasst hätten; immer wieder lag der Stiefel unter der Wasseroberfläche und ein süffisantes Gulpen oder Glucksen deutete an, dass der Stiefel voll war. Das gab meistens Ärger, denn auch Hose und Normalsocken konnte man vergessen, weil sie klitschnass waren und somit für den weiteren Gebrauch ausfielen. Kleidung war begrenzt, Waschtage waren selten; jedes Ergründen von Tiefstellen in Bächen und Baugruben war verboten; Zuwiderhandlungen mit dem Aufbrauchen der Reservekleidung zogen Bestrafungen nach sich, etwa durch Hiebe auf den trocken gebliebenen Hosenboden.
Wenn man es genauer bedenkt, waren eigentlich die Gummistiefel nicht zu kurz, sondern Bäche und Baugruben zu tief, bzw. der Wasserstand zu hoch. Dagegen konnte man mit seinen Gummistiefel nur im übertragenen Sinn anstinken.

Moderne Postkarten

Lieber Wolfi!
Schöne Grüße aus meinem Urlaub, der irgendwie anders ausgefallen ist, als ich es mir vorgestellt habe. Ob wohl doch hier ein bisschen Fall-Out rausgefallen ist? Es sieht ziemlich fukushima aus. Irgendwie sind sogar die Bäume traurig und am Strand ist auch keiner, nicht mal Einheimische.
Ansonsten ist alles inklusive, und man kann das Ganze wahrscheinlich nicht aushalten, wenn man es noch extra bezahlen müsste. Aber, ohne mein Alltours sag ich gar nichts, bzw. schreibe. Bis denn!
Rasti

Fußball ist nicht bekloppt

Fußball ist jetzt Therapie. Als erste Mannschaft erfährt der BVB, dass das Wort "bekloppt" kein Schimpfwort ist, sondern bedeutet, dass die Spieler einen besonders guten Trainer haben, einen Meistermacher nämlich, in ihrem Fall den Klopp.
Fußball ist bauchnabelorientiert, er gestattet den Akteuren fast alles, was kleinen Kindern vorbehalten ist. Und noch mehr. Im Taumel des Erfolgs dürfen die Ballkünstler sich in die Arme fallen, brüllen, heulen, spucken, Stinkefinger zeigen, wie angestochen über den Rasen rennen, das Trikot hochreißen und auf den Knien rutschen. Was Kinder in der Trotzphase ausleben, kann hier nachgeholt werden.
Die körpernah getragenene Meisterschale unterstreicht noch eimal, wie brustwarzenorientiert der Fußball ist; unerlöste Mutter-Kind-Verhältnisse können durch Imitation des Saugreflexes an der Theke endlich in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Da in erster Linie Alkohol einverleibt wird, streiten die Krankenkassen jetzt, ob die Therapie bezahlt wird, da Alkohol nicht als Medikament gilt, sondern nur als Trägerstoff. Die Beigabe eines Beruhigungsmittels könne aber schon ausreichen.
 Die Mitgliedschaft  in einem Fußballverein und eine Bahnreise mit dem Schöner-Tag-Ticket zu einem Auswärtsspiel pro Monat wird ab sofort von den Krankenkassen übernommen. Fußballschuhe können per Rezept verschrieben werden und gelten als orthopädische Hilfsmittel.
Die Krankenkassenbeiträge sollen angehoben werden, denn, wie der Präsident der Gemeinschaft deutscher Krankenkassen mitteilt, so viele Kranke, wie er in den Stadien gesehen habe, das glaube er nicht. Die Dunkelziffer vor den Bildschirmen und in den Fußballkneipen liege noch viel höher.
Aber: Hauptsache, den Menschen geht es gut.

Gedichte mit Modewörtern drin: Georg Krakl - Geschockt (2011)

Heut morgen schaut ich in den Spiegel
und riss geschockt die Augen auf.
Ich griff zum Schönheitspastentiegel
und legte dick die Salbe auf.
Es hat nicht viel gebracht,
denn selbst im Bus wurd ich verlacht.
Für meine Woche ist das wichtigste der Themen:
Den Spiegel von den Fliesen nehmen!

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Alles fließt überhaupt nicht

Manchmal fließt nicht mal der Bach

Wisset, dass der östliche Mensch sich gern mit kryptischen Sätzen umgibt und den Anschein erwecken will, er sei besonders weise. Einer dieser Sätze ist: Alles fließt. Was auf den ersten Blick eine klare Aussage ist und der Leser sie ablegt unter „Unwichtig“ oder „Kannst du vergessen“, entwickelt bei längerem Betrachten unangenehme Qualitäten.
Man stellt fest, dass eben nicht alles fließt, sondern vielmehr auch steht, sitzt oder liegt. Manches hüpft, anderes kriecht und der Rest schleicht sich vielleicht. Dem Menschen im Osten nimmt das aber keiner übel, dass er da Unsinn verzapft hat, sondern denkt weiter, dass das schon seine Richtigkeit haben wird.
Dann setzt man sich an einen Bach und kontempliert. Der Bach fließt. Aber der Rest? Das Gras zittert und wackelt, der Mutterboden sitzt oder steht oder liegt unter, neben und hinter dem Bach. Die Blumen lauern auf Bienen und die Bachstelze stelzt arrogant herum, weil sie sich nicht mit östlichen Weisheiten beschäftigen muss.
Schlussendlich entstehen Aggressionen über die Ungerechtigkeiten der Welt: Der Westler gilt immer als ein bisschen tumb, während der Chinese zum Beispiel listig grient, weil man ihn für einen Alleswisser hält. Und das nur, weil man die Sätze nicht sofort versteht, die aus dessen Heimatland in die zivilisierte Welt dringen.
Der Westen sollte auch seinen Stolz entwickeln und ab und zu ein paar kryptische Weisheiten deklamieren. Ein schönes Beispiel ist: Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt.

Castle Head

Gedichte mit Werbung drin: Georg Krakl - Hansaplast (2011)

Lecken an den Wunden,
den Kratzern und den Schrunden,
das heilt fast
wie Hansaplast.

Tipps für den Vatertag: Auf Farbe achten!

Obacht ist geboten, wenn auch dein Schatten langsam blau wird.

Wandern am Muttertag

Es ist Muttertag und die Mutter hatte sich gewünscht mit den Kindern zu wandern. Sie sind schon eine Viertelstunde gegangen, doch jetzt machen die Kinder eine Pause und spielen mit ihren Handys. Die Kinder sind zu alt zum Herzchenbasteln und zu faul zum Kuchenbacken oder Blumenkaufen, aber die Mutter will diese erzieherische Niederlage verleugnen. Den Freundinnen wird sie erzählen, dass sie gemeinsam mit den Kindern etwas unternommen hat, nein, Jochen war nicht mit, der hatte Thekendienst auf dem Sportplatz, da ist sie ja tolerant, es heißt doch Muttertag und nicht Mutter- und Ehefrauentag. Zum Glück musste sie ihn nicht auch noch überreden mitzukommen, das hätte vielleicht zu viel Kraft gekostet, das mit den Kindern war schon so schwierig gewesen. Ja, wir fahren nachher zu McDonalds, ja, ihr dürft die Handys mitnehmen, nein, wir wandern nicht so lange. Nein, ihr bekommt nicht 5 Euro für jeden Kilometer, 2 Euro, in Ordnung, abgemacht, aber ohne Meckern zwischendurch, ist das klar? Heute ist Muttertag, da darf ich doch mal bestimmen, oder etwa nicht? Mache ich nicht alles für euch, an den anderen 364 Tagen im Jahr? Ja, Finchen, ich weiß, dass es Schaltjahre gibt. Kinder, können wir weitergehen? Bisher bekommt jeder von euch nur 50 Cent, und was soll ich den Freundinnen erzählen, Andrea wird mir morgen vom selbstkomponierten und am Klavier vorgetragenen Liedchen ihrer kleinen Annabel berichten, da kann ich nur mit einer Treckingtour kontern, aber davon sind wir weit entfernt, kann sich nicht einer von euch den Fuß verstauchen? Dann bin ich raus aus der Nummer, dann war es eben höhere Gewalt, ich wollte ja, die Kinder wollten, natürlich, wir waren alle so heiß auf die erste Waldwanderung in diesem Frühjahr, und dann sowas! Der arme Justus! Immer lief er vor, nicht zu bremsen, unser Jüngster, und da hat er die Wurzel übersehen, ja, und dann mussten wir ihn aus dem Wald tragen und ... Ach, lieber nicht, ist schon gut so, kommt Kinder, wir gehen zurück, ja, wir fahren jetzt gleich zu McDonalds, ja, das Geld bekommt ihr auch, nein, in diesem Jahr müsst ihr nicht nochmal wandern, mal sehen, Maxi, ob du die X-Box bekommst, heute ist erstmal Muttertag, okay? Da bin ich mal dran.

Platzhalter


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Wandern ist unlustig

Wärmebildkameras haben jetzt festgestellt, dass Wandergruppen gar nicht so fröhlich sind, wie sie immer tun. Jeder, an dem eine fröhlich singende Truppe mit prallen Rucksäcken und knarzenden Stiefeln vorbeimarschiert, denkt sich doch: Wieso sind die so fröhlich? Die haben 20 kg Gepäck auf dem Rücken, die Tragriemen schneiden ins Schulterfleisch, Blasen brennen an den Füßen von schlecht eingelaufenen Wanderschuhen und Durst wie zehn Bergziegen quält, Wadenkrämpfe sind im Anmarsch und übel riechende Achselschweiße ergänzen; darüber hinaus gibt es nichts mehr zu trinken. Die Lieder sind fröhlich und wollen von unendlich vielen Endorphinen berichten; aber glaubhaft kann das nicht sein. Wandern ist Stress! Warum wurde sonst das Mofa oder das E-Bike erfunden?
Jetzt haben Wissenschaftler herausgefunden: Alles Getue. Alles Show. Alles Maske.
Hinter den Kulissen sieht die Welt ganz anders aus. Zerfurchte Gesichter schreien die Strapazen förmlich heraus. Augen, die fragen: Wann ist das hier bloß zu Ende? Ohren, die jammern: Ich kann dies Gelabere von Fred nicht mehr hören. Eine Bachstelze, eine Bachstelze! Seht doch mal, liebe Naturfreunde!
Ich bin Naturfeind, ich will nach Hause!
Darum, lieber Amwegesrandsteher, aufgepasst! Nicht immer gleich das Beste von den Wanderern denken! In Wirklichkeit würden die doch auch lieber an der Straße stehen und sich zugucken.

Ernst G.Meindt: Wir

ICHICHICHICHICH
ICHICHICHICHICH
ICHICHICHICHICH
ICHICHICHICHICH
ICHICHICHICHICH
ICHICHICHICHICH

Was ist eigentlich ein Zeitkorridor?

Ein Zeitfenster hilft nicht immer
Was ein Zeitfenster ist, weiß fast jeder, der das Wort benutzt. Er kann sich aus dem Fenster lehnen, manchmal zu weit, er kann aus dem Fenster springen, oder es einfach geschlossen lassen, dann passiert überhaupt nichts. Es eignet sich für Leute, die gern die Dinge beobachten, wie sie von anderen erledigt werden, denn sie können ihr eigenes Kontinuum nicht wirklich verlassen, ohne suizidal verdächtigt zu werden.
Der Zeitkorridor erlaubt es, betriebsam hin und her zu laufen und Dinge, die hinter verschlossenen Türen liegen, nicht erledigen zu können, oder besser, zu müssen. Der Zeitkorridor hat eine ganz andere Dimension als das Zeitfenster; das eine dient der komtemplativen Betrachtung des nicht Erledigten, das andere präsentiert die hektische Seele, die ständig in Aktion ist und den Eindruck erweckt, sie arbeite und erledige etwas. In Wirklichkeit lenkt sie von der eigenen Unfähigkeit ab, indem sie vom Zeitkorridor spricht.
Dann gibt es die minimalisierte Form des Zeitschlitzes, der den wirklich Großen dient, denen alles in eine schmale Spalte schrumpft. Nichts ist weit oder lang genug, um diese zufriedenzustellen, oder ihnen genügend Raum zu schaffen, in dem sie ihr Zeitproblem lösen können.  Alles ist zu eng, zu kurz, zu begrenzt, zu kleinbürgerlich, als dass sie beginnen könnten. Fenster und Korridor verkümmern in Gegenwart der Großen zu Zeitschlitzen und dazu kommen die eigentlichen Zeitschlitze, die sowieso schon klein sind.
Dienen wir den Großen einen Neologismus an: Zeithafen. Der ist groß und weit und weist in die Welt hinaus. Leider passiert in Häfen auch nicht viel, wenn man es nicht wirklich will.
Zeit ist einfach unfassbar, unbegreiflich, unbeherrschbar. Und mit ihr der Hang, sie zu verplempern.

Östliche Weisheit widerlegt

Alles fließt.
Ich nicht, spricht der Kanal.

ohne Titel 5


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Titelraten

Welche Bildunterschrift ist die richtige?

1.Einfach mal still sein, wie der Name schon sagt.
2.Max Frisch: Ich bin nicht Stiller.
3.Max Fisch: Ich bin stumm.
4.Mein Name ist Schmidt, Schnauze!

Stehpinkler, aufgepasst!

Man kennt das doch: Da hatten kundige Klodesigner die Fliege in die Schüssel konstruiert und hofften darauf, dass der zornigen Aufwartefrau die Spucke wegbleibt. Zielpinkeln sollte zu verstärktem Im-Urinal-Bleiben führen, die Fliege sollte das Gesprinkele in die Umgebung verhindern.
Scheinbar hat die Idee nicht recht gefruchtet; Fliesenflächen sind weiterhin eingeschmutzt und der Boden sieht oft aus, als sei ein Loch in der Deckendrainage. Zielen ist wohl nicht jedermanns Sache, treffen genauso wenig.
Jetzt sind Umgestalter im Urinalbereich auf die Idee gekommen, mit luftballonartigen Gegenständen das Zielen und Treffen zu erleichtern und gleichzeitig den Gedankenlosen, die es nicht versuchen, das Wasser hinter den Ballon abzuschlagen, eine Leere zu erteilen. Wer einfach nach der Hose-auf-und-los!-Methode arbeitet, wird jetzt zum Gespött der Kollegen und Mitmenschen: Die Ballons schmettern das Spritzwasser direkt auf die Hose zurück und sorgen für peinliche Flecken.
Ob sich ein derart restriktives Erziehungsprogramm durchsetzt, wird die Zukunft zeigen müssen.
Die Mehrheit der Männer muss sich wohl fürs Sitzpinkeln entscheiden.

Kopf

Singende Küchengeräte

Lieblingsschlager: Weiße Rosen aus Athen?
Wir wissen nicht wirklich, was im Unbelebten vor sich geht. Auch wenn wir ein vertrautes Verhältnis zu unserer Thermoskanne haben, weil sie täglich für uns Dienste leistet, ahnen wir in der Hektik des Lebens nicht, ob sie stumm ihre Arbeit tut oder vielleicht über etwas nachdenkt.
Vielleicht hat sie Lust zu singen, weil das Radio im Hintergrund dudelt, oder sie ist einfach traurig, weil sie keine Freunde hat, und möchte dieser Trauer Ausdruck verleihen. Wenn wir genau hinhören, können wir manchmal ein leises Fiepen und Säuseln hören, besonders wenn die Kanne fast geleert ist.
Damals überraschte uns Flipper, der kluge Delphin, der sich von Buds asthmatischer Oldtimertröte anlocken ließ, um dann auf der eigenen Schwanzflosse zu tanzen und dabei Delphinlieder zu schmettern. Delphine kannten wir vorher nur unbelebt aus der Thunfischdose, sodass es wie ein kleines Wunder war, unsere Nahrung als Schlagerinterpreten zu sehen und vor allem zu hören.
Auch Wale singen.
Darum sollten wir morgens nicht tumb im Morgenmantel durch die Küche stampfen, sondern immer die Ohren spitzen, ob nicht doch ein Liedchen - möglicherweise sogar an uns gerichtet- aus Toaster, Kaffeemaschine oder Thermoskanne klingt.
Die singende Kanne anhören.

kein Kommentar

Kinderrecht: Nicht niedlich sein wollen

Kinder wollen nicht niedlich sein. In den ersten Lebensjahren sind sie es - ob sie wollen oder nicht. Aber wenn sie anfangen etwas sein zu wollen, dann auf keinen Fall niedlich. Mädchen wollen nicht süß sein und Jungen nicht knuffig. Erwachsene sind nicht süß und knuffig, das Leben schon gar nicht, also wollen Kinder auch nicht so sein. In Krisenregionen zeigen sie sich gern mit den Waffen und den harten Gesichtsausdrücken der Großen, in vermeintlich friedlicheren Gegenden dieser Erde präsentieren sie sich ebenfalls gern furchteinflößend und schreckenerregend. Hier hält sich vielleicht kein weltweit gesuchter Terrorist versteckt, aber in jedem Nachbarhaus könnte ein Massenmörder oder Kinderschänder wohnen. Und viel schlimmer noch: gleich nebenan - ob geographisch oder kulturell betrachtet - die vielen zivilisierten Bürger und die rechtsstaatlich gesinnten Politiker, die öffentlich den Tod eines Menschen, auch wenn er Terrorist war, begrüßen. Kein Kind hat Grund zum Niedlichseinwollen.

Hasen minderqualifiziert

Jetzt ohne Beschäftigung
Jetzt haben sie ausgedient. Die Hasen stehen vielleicht noch im Regal, in der Hoffnung, dass Zuckerabhängige sie herausnehmen und heißhungrig auf dem Kundenparkplatz verzehren, aber die Hoffnung will nicht recht grünen. Die Zukunft heißt Weihnachtsmann. Ab in den Schmelztiegel und umgepresst! Wer will jetzt schon an Weihnachten denken? Psychomaten oder Schizophrene, deren zweite Hälften bereits in der Zukunft Geschenke kaufen oder in der Vergangenheit den Baum schmücken.
Wer macht sich schon Gedanken um nicht verkaufte Osterhasen? Wer nicht über das Förderband der Ladenkasse gegangen ist, kann nur ein Looser sein.
Ein Hase, den keiner will. Der preisreduziert wird. An dessen Folie man ungestraft kratzen kann, weil letztendlich die Schweinemast wartet.
Augen auf bei der Berufswahl, grinst der Besserwisser aus dem Konservendosenregal. Und Recht hat er schon. Eine Dose ist vielleicht unansehnlich, aber hat Eigenschaften, die überdauern. Sie hat etwas Kanzlerinnisches, etwas Konservatives eben. Eine Beule, wenn man fällt, kann nicht schaden.
Ein Hase ist ein Saisonarbeiter. Im Sommer Maurer und im Winter Hausschlachter war die klassische Kombination. Der Hase kann nichts, nicht mauern und nicht schlachten. Er kann nur herumstehen, sich kaufen und essen lassen. Das reicht eben nicht. Die heutige Zeit fordert qualifizierte Fachkräfte. Da ist die Konserve deutlich im Vorteil.

Gedichte mit "tun" drin: Georg Krakl - Herz (2011)

Er: Mein Herz schlägt für dich täglich.
Sie: O, das ist kläglich.
Sekündlich wäre gut,
weil man sonst sterben tut.

Basti und Puffi fühlen sich (nicht) beobachtet

Ich fühle mich irgendwie beobachtet.
Wie meinst du das?
Na, so von hinten.
Von hinten? Na, das klingt ja!
Wie, das klingt ja?
Komisch.
Wie komisch?
Klingt komisch.
Wieso komisch?
Na, als wenn hinten was wäre.
Ist es ja auch.
Glaub ich nicht.
Mal wieder typisch!
Was denn jetzt?
Du merkst nichts.
Natürlich merke ich was. Zum Beispiel, wenn du dich beobachtet fühlst.
Jetzt ja wohl nicht, oder?
Nein. Du wirst nicht beobachtet.
Doch.
Nein, überhaupt nicht.
Und dieser komische Teddy da hinten im Glas?
Seh ich nicht.
Wenn du ihn sehen könntest, würdest du dich auch beobachtet fühlen.
Glaub ich nicht.
Glauben und wissen sind zwei verschiedene Paar Schuhe.
Was soll das denn heißen? Ich trage gar keine Schuhe.
Eben. Das war eine Metapher.
Was ist das denn schon wieder?
Ein bildhafter Ausdruck.
Ich habe nichts ausgedruckt.
Du ist blöd.
Du auch.
Siehste!
Hab ich doch immer gesagt.

Grüner Daumen oder Druck?

Geht doch!
Jahrelang haben sie uns gepredigt: Sprich mit deinen Pflanzen, die merken das, wenn du gut zu ihnen bist, du hast den Grünen Daumen, da gedeiht alles.
Und dann gehen dir die Pflanzen ein. Da kannst du sprechen, wie und was du willst, du kannst wispern, flüstern, säuseln oder ein Lied vorsingen.
Die Pflanzen lassen die Köpfe, Blätter, Stängel hängen und sterben ab. Aus mit Sprechen!
Der florophile Mensch muss endlich seinen gerechten Zorn mobilisieren. Man kann und darf den Blumenkonzernen nicht das Geld in den Rachen werfen, weil sie dem Kunden wachsunwilliges Gut in die Hand oder den Einkaufswagen drücken. Es heißt jetzt: Wachs oder stirb!
So ist doch die heutige Blumenpflegegeneration durch die Schulzeit gegangen. Da wurde gesiebt. Da wurde die Klasse wiederholt und die Schule verlassen, wenn das nicht klappte. Da gab's auch mal was an die Ohren. Das hat keinem geschadet, sondern dazu geführt, dass aus den Leuten was geworden ist.
Der Anhänger der Konfrontationsfloristik empfiehlt: Zeig, wo der Hammer hängt, zeig, wo die Biotonne steht. Oder sagt, wo sie steht.
Wachs! Werde grün! Blühe!
Sonst geht's auf den Kompost! Dann bist du nächstes Jahr Blumenerde! Ist das klar?
Die meisten Pflanzen lassen sich so überreden, doch noch einen entsprechenden Versuch zu starten.
Dann kann der Blumenfreund es wieder säuseln lassen. Kann Lieder singen. Immer mit einem zwinkernden Auge: Pass auf, Begonie! Du passt noch in die Biotonne, und die wird morgen abgeholt!

Missverständnis bei Trauung?

Statt "I will" zu sagen, soll William "I, Will" ausgesprochen haben.
Kate hat das im Rummel allerdings nicht wahrgenommen, sonst hätte sie bestimmt anders aus der Spitzenwäsche geguckt.
William lässt sich damit immerhin ein Hintertürchen offen, um später vielleicht einmal sagen zu können: I will? Habe ich überhaupt nicht gesagt!
Wir hoffen aber, dass es dazu nicht kommt.

Alma B. Trieb: Lyrik stellt Fragen

Was ist besser? Fragt die Lyrik.
Worte mit Inhalt?
Worte ohne Inhalt?
Oder mit dem falschen?
Was ist leichter zu ertragen?
Fragt der Bauch.
Die Lüge oder die Leere?
Wie immer und wie alles
Fragen
des Geschmacks
und der Konsistenz.
Und der Existenz.
Gut
wenn einer selbst lesen kann.
Besser
wenn einer schreiben kann.
Leichter
wenn einer schweigen kann.

Gedichte mit Technik drin: Leo Path - Loch im Tank (2011)

Ein Loch im Tank,
das steigert den Benzinverbrauch.
Nur Vollgas
geben tut das auch.

Drum auch mal bremsen, langsam fahren.
Da kann man richtig Spritgeld sparen.

Der Autor liest selber.

Wie der Krieg verloren wurde

Egal, welcher Krieg verloren wurde, es gab und gibt niemals Sieger. Alle lassen Federn und manche einen Arm, ein Bein oder das Leben.
Aber so richtig verlieren kann man den Krieg, wenn man unzuverlässiges oder nicht funktionsfähiges Personal hat. Schwerhörigkeit, manchmal aufgrund des Herumstehens neben krachenden Kanonen, führt zu Missverständnissen, die leicht eine Schlacht oder sogar den ganzen Krieg, egal gegen wen, aufs Spiel setzen.
Da schreit der Kaiser im Kampfgetümmel den Sergeanten zu Pferd an, er solle gefälligst vom Pferd steigen, es ihm überlassen, weil er jetzt nach Hause reiten wolle, den Rest erledige die Truppe ja auch wohl ohne ihn und überhaupt reiche es ihm, dieses Geknalle und Geballere, das sei ja unerträglich, da werde man doch schwerhörig, wenn man es nicht sowieso schon sei, und überhaupt habe er sich den Krieg irgendwie interessanter und weniger blutig, glorreicher und auch ein bisschen geregelter vorgestellt, dass man um fünf Feierabend habe und dass nachts Ruhe herrsche, da wolle man auch mal schlafen. Sterben könne der ein oder andere auch morgen noch.
So weit der Kaiser.
Dem Sergeanten zu Pferde kommt davon nichts ans Ohr, denn er hat erst vor zwei Minuten neben einer Kanone gestanden und will jetzt ins Dorf reiten und Pröppel für die Ohren holen.
Was der Kaiser will, bleibt ihm fremd und er murmelt zwar ein Hä?,  reitet aber fort, ohne das Pferd seinem obersten Vorgesetzten zu überlassen.
Der platzt fast vor Wut und verliert aus Trotz und um zu zeigen, das er auch anders könne, den Krieg.
Da hat mal wieder einer Geschichte geschrieben, werden die schlauen Köpfe später murmeln.

Stromkunde ratlos

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Gedichte, die man kaum versteht: Georg Krakl- Offene Frage (1)

Das Bild passt auch nicht zum Text
Ich hab noch immer nicht herausgefunden
was du willst
warum du immer erst beim Landen- jetzt seit Stunden-
plötzlich schwillst
und dich dann groß pumpst und so hart
bist
gar nicht zart


wohl eine List
ist nötig, um zu wissen, was dich treibt
weil diese Frage sonst mal wieder einfach offen bleibt.

Gedichte mit "tun" drin: Georg Krakl - Tun (2011)

So ein Bild tut (nicht) gut
Ich tu mich nicht genieren,
das "tun" als Reim zu schreiben,
denn Reime tun Gedichte zieren.
Hier ließ ich's allerdings wohl bleiben.

Mode oder Unart: Loch in Leggins

In Berlin, der neuen Metropole, kann man rumlaufen, wie man will. Denkt man. Und dann kommt man doch ins Grübeln: Ist das jetzt Mode, Topmode weil Metropolemode, oder einfach Schlampigkeit?
U-Bahn-Station Samariterstraße, Friedrichshain, früher Ostberlin: Ein junge Frau sitzt auf der Wartebank, die Beine übergeschlagen und wartet auf die nächste Bahn. Sie trägt schwarze Leggins. Ist das noch modern, oder schon wieder?
Dieses üble Kleidungsstück, von Jane Fonda in der Aerobic-Hochzeit erfunden, macht aus dem Unterleib einer Frau im ungünstigsten Fall eine Wurst, im günstigsten sieht die Leggins aus wie eine vergessene Schlafanzughose. Mode?
Ein Loch. Ein Loch in der Leggins deutet auf Design hin. Da hat sich jemand Kreatives Gedanken gemacht. Weil er Geld verdienen will und muss. Es gibt immer Doofe, die kaputte Kleidung in Designerläden als letzten Schrei auf den Ladentisch schieben und dazu ein paar Geldscheine, weil sie glauben, eben diesen letzten Schrei erwischt zu haben. Laut aufschreien möchte man ob dieser Dummheit, helfen wird es aber nicht.
Designer-Leggins, gibt es das Wort überhaupt oder ist das ein Widerspruch in sich? Möglicherweise ist die junge Frau  an der Bordsteinkante hängengeblieben, als sie gestern Nacht nach Trance oder Techno oder Pogo nach Hause robbte, und das wohlüberlegte Designloch ist nur ein Zufallsding?
Wer will das letztendlich entscheiden? Die Fingernägel der Dame sind grünlackiert, aber nicht mehr vollständig. Die Haare könnten eine Frisur sein, vielleicht aber auch eine Formation, die durch erhöhte Fettauflage entstanden ist. Überhaupt sieht die Frau etwas traurig und müde aus; Frauen, die Designmode tragen, sind stolz, übermütig und wach. Und ein Mischmasch aus Arroganz und Dummheit.
So gesehen ist die Frage geklärt: Das Loch ist da, weil es entstanden ist. Nicht weil es jemand kreiert hat.
Ostzone. Ehemals Ostzone. Depressiv aber sozialistisch. Froh, aber unglücklich.

Georg Krakl: Zug (2011)

Zug

Kein schöner Zug,
der nicht fährt.

Hand und Fuß

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Der Himmel über Berlin - Das Remake

Jetzt endlich hatte ein Regisseur den Mut, die ganze Wahrheit zu zeigen: Den Himmel über Berlin. Ohne Schnörkel. Ohne Kompromisse. Die nackte Wahrheit.
Anschauen.

Was will uns das Leben sagen?

Manchmal stellt uns das Leben vor Fragen, auf die wir keine Antworten bekommen.

Sieben auf einen Streich

Bilder, die weh tun und man weiß nicht, warum. Ist es die Lücke, der fehlende Apfelschnitzel? Die brutale Zerteilungsmethode? Der isolierte Stummel, nackt und schutzlos?Die reine Vorstellung, wie zielbewusste Hände ruckzuck das Pharmaziewerbegeschenk auf langsam gewachsenes Obst ansetzen und ohne Dankbarkeit für dieses Geschenk der Schöpfung zudrücken? Um dann stolz das Ergebnis effektiven, planmäßigen, gefühllosen Handels zu präsentieren? Oder ist es der Kontrast zwischen gesunder Zwischenmahlzeit auf einem Janoschkinderteller und der schnellen Zerstörung, der das meditative, von liebevollen Gedanken begleitete Schneiden mit dem Küchenmesser fehlt? Irgendwas schmerzt, auch ohne sichtbares Blut.

Ostern 2011

Georg Krakl: Eier (2011)

Schmidt-Prasuhns wollnEier färben
und dann ihrer Oma schenken.
Vielleicht gibt es was zu erben.
Müssen an die Zukunft denken.

Sind wir das wirklich?

Ein letztes Mal schauen wir in den Spiegel, bevor wir das Haus verlassen und kontrollieren, ob alles sitzt: Brille, Frisur, Schlips und Jackett. Ist das Oberhemd sauber, oder hat Thea das mal wieder nicht in die Wäsche getan, sondern in den Kleiderschrank gehängt? Thea, ja die hatte immer ein Späßchen auf Lager, aber das können wir uns in unserem Beruf, in dem man mit Kunden umgeht, in dem es auf das Aussehen ankommt, wenn man erfolgreich sein will, nicht leisten.
Unsere Lippen sind heute besonders rot, so als habe jemand Lippenstift aufgetragen und auch die Haare wirken irgendwie länger als sonst. Wieso ist das Jackett in Wanderprediger-Weiß und nicht anthrazit? Das Oberhemd ist dekolletiert! Wo ist die Brustbehaarung geblieben und war das wirklich ein Brustansatz? Eigentlich hübsch, aber unmännlich. Kam das von den neuen Tabletten? Die Brille! Die Brille fehlte. Wir fragen uns: Sind wir das wirklich oder ist alles nur ein böser Traum? Da würden die Kunden rebellieren und ihre Konten auflösen, ihre Verträge kündigen und fluchtartig das Gebäude verlassen!
Und dann stellen wir fest, während die Hände feucht werden und der Blutdruck die Stirnadern anschwellen lässt, dass es Thea ist, die vor uns steht.
Thea, jetzt lass mal deine Späßchen, ich muss los!
Und Thea ruft uns hinterher: Willst du nicht ein frisches Oberhemd anziehen? Du hängst dauernd die verschwitzten wieder in den Schrank.
Dafür ist es jetzt zu spät. Thea. Gute alte Thea. Überhaupt keinen Bezug mehr zur Realität. Sollte mal was arbeiten gehen.

Das Wunder von Belgien

Günter Krass: Das wahre Stiefeltrinken

Warum wir in die Kneipe gingen, um uns zu betrinken, wussten wir nicht. Wir waren Schüler, beginnende Oberstufe. Es war ein manchmal lautstarker, aber für den Einzelnen stiller Protest gegen die verkrustete Mottenkugelpädagogik des Gymnasiums. Es war ein Ritual.
Der stoische Wirt schenkte ein, zuckte nicht mit der Wimper, wenn die Halben an den Tisch geordert wurden. Vier Könige. Der erste bestellt, der zweite trinkt an, der dritte trinkt aus, der vierte zahlt. Das war nicht immer einfach, besonders für die, die wenig Kontrolle über ihren Verdauungstrakt hatten, vor allen nicht über den Magen.
Ähnlich das Stiefeltrinken: Bestellen, trinken, trinken,trinken, austrinken. Der Vorletzte zahlt! Bloß nicht blubbern lassen, das hieß: Herr Wirt, neue Füllung!
Der Stiefel musste in der Endphase waagerecht gehalten und dann vorsichtig gedreht werden, um seinen kompletten Inhalt spritz- und schwappfrei herauszubekommen.
Am Ende: Wandprobe. Der Stiefel wurde an die Wand gehalten und es wurde geprüft, ob nicht ein Tropfen aus ihm herauslief. Dann zahlte der Letzte.
Die Magenmimosen fanden sich an den Schüsseln und brüllten in sie hinein. Alle schwankten nach Hause. Manche sprachen mit Parkuhren oder versuchten in Schaufenster mit Musikinstrumenten zu springen.
Verzweifelter Protest gegen die Pädagogik der Alten. Am nächsten Morgen war alles noch schlimmer.

Strukturgärten glänzen wieder

Jetzt sind sie wieder auf Hochglanz poliert, die deutschen Strukturgärten, die keinen Zweifel aufkommen lassen, dass hier der Mensch schaltend und waltend eingreift, um der wildwuchernden Natur zu zeigen, wo es langgeht! Der Strukturgarten ist bestimmt von strengen Linien, von sauber gefrästen Rasenkanten, von exakten Plattenwegen, von Zäumen, die in ihrer schlichten Eleganz ein Werk im Bauhausstil sein könnten, und, wären sie etwas höher, jedes Erziehungsheim angemessen einfriedigen könnten.
Strukturgärten zeigen, dass deutsche Gartenkultur nicht ein wüstes Durcheinander ist, wo irgendwelche Faulpelze zu bequem sind, richtig durchzugreifen, Strukturgärten schaffen Ruhe im Kopf und selbst das Grün bekommt reduzierte Formen, welche förmlich drohen: Mach hier ein paar Mätzchen, Busch, dann hole ich die Heckenschere und dann ist aus mit Laus und Blatt und Vogel! Haben wir uns verstanden?
Strukturgärten sind Ikebana in Großformat. Jeder Niet hat seinen Sinn, jeder Stein und jedes Stück Stahl. Dass da noch Büsche wachsen ist in der Regel überhaupt nicht mehr nötig. Pflegeleichter wäre es allemal.

Nie mehr die Schrottpresse

Schöne Orte für eine Kfz-Bestattung finden sich immer
Die Zeiten sollten vorüber sein: Den geliebten Blechkumpel, der nicht nicht mehr kann, oder der nicht mehr darf, weil ein neuer kommt, in die Schrottpresse geben und auf Büchsenformat komprimieren. Hinterher ist der treue Kamerad der Straße auf 1000 Sardinenbüchsen verteilt. Pietätlos, schreibt der ADAC. So kann es nicht weitergehen.
Findige Bürger mit fahrbarem Untersatz haben jetzt eine eigene Idee entwickelt, um mit dem Thema Entsorgung adäquat umzugehen: Sie suchen lauschige und idyllische Plätze, wo sie ihr Auto zur letzten Ruhe betten können. Manchmal geht  das nicht immer im Stück, dann muss man eben auseinander montieren und mehrere Stellen finden, wo sich der Rohstoff wieder mit der Mutter Erde vereinen kann. Aus ihr stammt das Vehikel ja letztlich, dahin will es zurück.
Besonders schön sind sonnenbeschienene Gräben oder Bäche, die abseits der Zivilisation vor sich hinfließen. Etwas Schöneres kann einem Gefährt, das seine zwanzig Jahre auf der Haube hat, nicht passieren.
Beispiel angucken.

Tepcos schwarze Magie

Günter Krass: Die Sache mit der FDP

Wir waren damals alle links und Blomund war noch linker. Blomund hatte die Pekingnachrichten abonniert und rauchte Gitanes. Das war härter als Gauloises und richtig existentiell. Schwarzer Rollkragenpullover, Tabakreste an der Lippe. Besonders beeindruckend: Das Herausklopfen der Zigarette auf dem gestreckten Zeigefinger der Linken. Da musste man eigentlich sofort Raucher werden oder Kommunist. Sartre hätte seine Freude gehabt.
Blomund musste um seine Zensur in Philosophie kämpfen mit Dr. Möppker, der ihm die zwei geben wollte, wahrscheinlich weil Blomund ideologisch nicht in das Konzept eines mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums mit sprachlichem Zweig passte. Blomund bekam die eins, denn wir waren Zeugen. Auch ein Dr.Möppker konnte das nicht ignorieren.
Blomund lallte dann später auf der Abschlussfahrt, weil er betrunken war. Er saß auf einem Waschbecken in einem Doppelzimmer unserer Unterkunft. Er war kreidebleich und wir ahnten, dass er sich bald übergeben würde. Erste Anzeichen des Zerfalls. Sartre runzelte die Stirn und wir zogen einen Vorhang, der als Blickschutz gedacht war, vor seinen schwankenden Oberkörper und seine kindlich-verzerrten Gesichtszüge.
Nach dem Abitur fragten wir uns, was aus Blomund wohl geworden sei. Später hörten wir, er sei in die FDP eingetreten. Von den Peking-Nachrichten direkt in die FDP. Eine Welt brach zusammen: Alles Tand. Gitanes ohne Filter und Kämpfe um die Zensur gegen das philologische Establishment im Rollkragenpullover. Aber wir verstanden: Das alles ergibt, wenn man es mit dem Pürierstab des Lebens zerkleinert und vermischt, nur die eine Konsequenz: FDP.
Sarte drehte sich im Grabe um.