Steinbruch im Winter

Lieber Dr. Bob,
es ist Frühling, es ist Sonntag, die Vögel zwitschern, aber ich habe einen Steinbruch im Winter in meinem Kopf, vor meinem inneren Auge ist er viel deutlicher zu sehen als zartes Grün und erwachende Natur. Ich schreibe Ihnen, weil ich dieses Phänomen nicht zum ersten Mal erlebe, erst vor kurzem, an einem Freitag, kurz vor Feierabend, alle freuten sich aufs Wochenende, Michi machte schon ein paar Bierflaschen auf, da überfiel es mich plötzlich und vor meinem inneren Auge erblickte ich meinen Wecker, den alten Radiowecker, bei dem das Radio nicht mehr geht, aber die Digitalanzeige, ich erkannte deutlich 5.55 Uhr, und ein Piepton schrillte in meinem Ohr, und mir war klar, ich sah innerlich den Montag und nicht den Freitag. Und dann, neulich, war Kathi hier, und ich war richtig gut drauf, und sie auch, und ich hatte eigentlich den weiteren Verlauf des Abends schon ganz deutlich vor Augen, aber dann war das Bild weg, wie umgeschaltet, und auf dem anderen Sender gab es nur ein Standbild von einem kalten Waschlappen, und das Bild ging nicht weg, sondern blieb, ja und da war der Abend schnell vorbei, und ich habe Kathi was von Migräne erzählt, und sie war dann auch schnell weg, nur der Waschlappen, der hing immer noch vor meinem inneren Auge rum. Lieber Dr. Bob, kann es sein, dass das in der Familie liegt? Mein Opa hat mal an einem warmen Tag im April gesagt, dass der Sommer nun auch schon bald wieder vorbei ist, gut, da war er über 80, da kommt es einem vielleicht wirklich allmählich so vor, als ob ein Sommer nur noch drei Tage dauert, aber vielleicht bin ich ja erblich vorbelastet. Helfen Sie mir, ich mag mich schon nicht mehr an den gedeckten Tisch setzen, egal, was es gibt, ich sehe Abwaschberge und abgenagte Knochen, Fettflecken auf Tischdecken und mir vergeht schon vorher der Appetit. Was kann ich tun?

Ihr Franz

Die Ruhe vor dem Schnitt

Wie still der Schnittlauch steht. Kaum dass er sich bewegt. Vielleicht weiß er nicht, dass er gleich im Rührei landen wird, als Geschmacksverstärker sozusagen. Der Mensch greift gedankenlos zum Messer und  schneidet die Halme, die nur unmerklich im leichten Wind zittern. Was aber kann eine Pflanze, die Schnittlauch heißt, denn anderes erwarten, als das, dass sie geschnitten wird? Abgeschnitten.
Wenn Menschen Vegetarier werden, ist das gut. Dass man ihnen aufbürdet, sich über die Gefühle ihrer Restnahrung Gedanken zu machen, ist unerhört. Von irgendwas müssen Fleischverzichter doch leben.
Dem Schnittlauch ist damit nicht geholfen. Es kann nicht fliehen, weil festgepflanzt in die Kräuterkiste. Er harrt seine Schicksals. Und dem Menschen läuft das Wasser im Munde zusammen, ob des geschmacklich bereicherten Rühreis in wenigen Minuten.
Guten Appetit!
Den Film dazu sehen.

kugelsicher ?

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Die Boliden brummen wieder

Es ist Saisonstart, Abgaswolken schweben in der Luft, die Motoren, die über den Winter geruht haben, werden gestartet, Aufheulen und Brüllen der Hochleistungsverbrenner erfüllt die Idylle im Wohngebiet.
Wenn der erste Ton zu hören hören ist, heißt es in die Startlöcher und ohne Boxenstopp in die Garage oder den Geräteschuppen und den Liebling der Gartenbearbeitung herausgezerrt, Superbenzin eingefüllt, vielleicht einen Spritzer Starthilfe in die Klappe gegeben, und dann am Seil gezogen, bis das wohlbekannte und geliebte Geräusch ertönt. Vollgas und durchstarten, dem fetten Grün zeigen, wie lang es zu sein hat. Den Maulwurf das Fürchten lehren, denn der alte Geselle im Beamtenpelz macht Haufen, wie sie nur in den Schreibstuben deutscher Behörden als Aktenstapel zu finden sind. Der Mäher wird sie alle hinwegfegen. Maulwurf, aufgepasst und Kopf eingezogen!
Es ist das Gefühl von Konkurrenz, das sich mit Stolz und Ehrgeiz zu einem gefährlichen und hochexplosivem Gemisch anreichert. Benzin liegt in der Luft. Und Detonation.
Der Frühling ist da. Der Sommer kann kommen. Der Bolide ist kaum zu bändigen und will endlich etwas leisten. Lassen wir ihn!
Anhören wie sie brummen.

ohne Titel 4

Gelobt sei die Dialektik

Kirschblütengucken
Tun wir es dem Japaner gleich: Kirschblütengucken. Hanami.
In den Kirschblüten spiegelt sich die Schönheit und Vergänglichkeit wieder.
Wir vergessen so oft, dass wir die Schönheit und auch die Vergänglichkeit um uns haben. Wir müssen nur richtig hingucken und nicht erst auf die Kirschblüten warten.
Guido Westerwelle zum Beispiel. Ist jetzt mal weg. Das ist schön.
Sein schicker Adoptivsohn aus Vietnam ist noch da. Wie lange noch, fragt sich der Bürger?
Das Atomkraftwerk Krümmel. Lange da gewesen, ist jetzt abgeschaltet. Leider noch nicht weg. Aber glänzt so ruhig in der Abendsonne.
Die schönen Kugeln aus Jülich sind wahrscheinlich weg. Auf jeden Fall: Nicht mehr da. Keiner weiß wohin. Die Promovierten verschwinden von der Bildoberfläche. Jetzt ist die Schöne Silvana dran. FDP.
Das Volk atmet auf. Wir sind gar nicht so dumm, weil wir keinen Doktortitel haben. Wir haben gesunden Menschenverstand und das ist schön. Hoffentlich geht der uns nicht verloren.
Ach, wie vieles und wie viele gibt es, wo es schön wäre, wenn es weg wäre, einfach als eine Synthese von  Schönheit und Vergänglichkeit. Gelobt sei die Dialektik!
Der Vorteil der japanischen Kirschblüten: Sie bringen keine Früchte hervor. Sie sind weg und nicht mehr da. Keine Metamorphose, kein Phönix aus der Asche, keine Reanimation. Nichts. So schön.

Wenn Eier zu sehr zappeln

Es ist kurz vor Ostern. Die Eier werden unruhig, denn der Osterhase hat schon Ausschau gehalte und es heißt, ruhig bleiben, wenn man nicht im falschen Korb oder im falschen Farbtopf landen will.
Das starre Herumsitzen, -liegen oder -stehen führt wie bei uns Menschen nicht zur langanhaltenden Ruhe, sondern eher ins Gegenteil: Irgendwann kollabieren die Muskeln und ein ausgeprägter Tremor zeigt sich, der dem Osterhasen signalisiert: Nichts für den Farbtopf, nichts für den Korb, nichts für Ostern und schon gar nichts für den Osterhasen! Dieses Ei zappelt zwar eifrig, ist aber eigentlich motorisch gestört und unmotiviert.
Dieses Ei will gar nicht arbeiten. Dieses Ei ist faul.
Darum, lieber Kosument, der du Eier besorgst, um sie vom Osterhasen kolorieren und verstecken zu lassen: Finger weg von zappelnden Eiern!
So sieht das aus: Ansehen.

Appetitlich hingerichtet

Der Tod

mitten im Leben

eben

noch im Meer, im Fluss,

eben

noch war Leben.

Jetzt hingerichtet

hergerichtet

auf dem Totenbett

dem Silbertablett.


gefangen

Wachsblumen

Die Zeitlupe hat es an den Tag gebracht:
Wachsblumen wachsen überhaupt.

Wachsmalkreide wird immerhin immer kleiner, aber bei Wachsblumen tut sich nichts. Über Jahre nicht.
Da heißt es, sich von einem Mythos zu verabschieden.

Hier den Beweis ansehen.

Fußballfans pflegen deutsches Liedgut

Deutsches Fußballfans pflegen deutsches Liedgut. Die Polizei hat eine interne Fortbildung organisiert und hört gespannt zu, was sie da Neues und Altes kennen lernen kann.
Der normale Bahnreisende wirkt verstört, weil er häufig Englischsprachiges hört.
Auch wenn der Text nicht ganz verständlich ist, fühlt sich jeder an Szenen erinnert, die ganz lange zurückliegen.
Eins zu null für den Fußball.
Hier mal hören: Klicken!

Georg Krakl: Kaschmir (2011)

Das wir
Kaschmir
je getragen
kann man so nicht sagen

Nylon, Dralon, Hausschafwolle
und Pomade in der Tolle


Maskenspiel

Georg Krakl: Frisiert (2011)

Ständig unter Strom, elektrisiert.
Der Stecker steckt, das Kraftwerk ackert.
Du bist toupiert, frisiert, hoch motiviert.
Bist ohne Atem, ohne Raum.
Hast einen Traum.


Der Hahn bleibt ruhig, denn er gackert.

Schulinspektion - Qualitätsanalyse (Teil 8): Politisch motivierter Unterrichtsausfall

Qualitätsanalyse: Hat immer ein Auge auf
Gesprächsprotokoll 2356/2:
QA: Sie denken, es gibt eine politisch motivierte Begründung für spontanen Unterrichtsausfall?
Lehrer: Wenn ich Schüler nach Haue schicke, dann heißt das immer: Ich mache den Mangel an Lehrerstellen deutlich und helfe nicht mit, ihn zu kaschieren. Alles wird vertreten und die Eltern denken, alles läuft rund. Wenn die Eltern nicht auf die Barrikaden gehen, wer denn sonst? Was ich nicht unterdrücken kann, muss ich betonen. Alte Philosophenweisheit. Schüler wegschicken heißt, Betonung von Unterrichtsausfall und Mangelsituation mit dem Imperativ: Politik, rühr dich endlich! Tu was!
QA:Das sprechen Sie mit der Schulleitung ab.
Lehrer: Nicht direkt. Die würde das ja verbieten. Aber wenn keiner was tut, dann passiert doch nichts.
QA: Was machen Sie in der neu gewonnenen Zeit?
Lehrer: Ich habe genug zu tun.
QA: Sie nehmen an einer Demonstration teil, die sich für mehrere Lehrerstellen einsetzt, etwa?
Lehrer: Nein, dann heißt es ja wieder: Die Lehrer haben nichts zu tun, die gehen sogar vor Langeweile demonstrieren. Das wäre kontraproduktiv.
QA: Denken die Eltern nicht, sie hätten keine Lust zu arbeiten? Das ist doch das klassische Vorurteil? Schüler sind zu Hause, Lehrer ist zu Hause. Auf dem Sofa.
Lehrer:Die Realität koninzidiert nicht immer mit dem Gerede über die Realität.
QA: Interessant.
Lehrer: Frankfurter Rundschau.
QA: Zu diesem Thema?
Lehrer: Nein. 1992.
QA: Die Frage bleibt offen: Sie rechnen eine  Ausfallstunden für sich an, die sie später dann erteilen?
Lehrer: Eher nicht, das würde ja die Wirkung der Strategie aufheben.
QA: Und dienstrechtlich? Wie ist Ihre Sicht?
Lehrer: Wenn's immer nach dem Dienstrecht gegangen wäre, säßen wir heute noch in der Höhle, weil wir uns vor dem Blitz fürchten.
QA: Da koinzidieren wir eher nicht.
Lehrer: Revolutionäre Gedanken wurden selten von konservativistischen Kräften getragen.
QA: Wie würden Sie sich den politisch einordnen?
Lehrer: Linksliberal mit einem Hang zur konservativen Mitte und stark hedonistischen Elementen.
QA: Also doch FDP?
Lehrer: Das tut hier ja nichts zur Sache.

ohne Titel 3

Das fehlende Wort:Lesers Lyrikhilfe - Wer findet das richtige Wort?

Esserei und das Emaille
sind Seite zwei einer Medaille,
wo vorne drauf ein Kopf sich findet,
der Anmut mit                       verbindet.

Höllische Träume

Nachtgestalten. Was wollt ihr von mir? Mich erschrecken, mir Angst machen, mich hetzen und jagen?
Ist das nicht Heinz, der mit der Zipfelmütze? Das sieht doch immer noch blöd aus.Heinz, du schuldest mir noch 10 Euro, die ich dir für ein Mettbrötchen geliehen hatte. Was machst du in meinem Traum, ich müsste in deinem vorkommen? Rechts der sieht aus wie Frilli, der sich immer über mich am Kiosk lustig macht. Frilli, tut mir leid, dass ich dir die Nase gebrochen habe und das mit dem Auge auch. Aber deswegen in meinem Traum zu erscheinen, finde ich etwas übertrieben.
Kord, du alte Qualle! Was machst du denn mit Heinz und Frilli zusammen? Ihr wart doch nie so richtig dicke. Mich ekeln Quallen an, ich habe mal in eine gefasst, das war in Cuxhaven, als so viele an Land geschwemmt wurden, die haben sie dann im Sand untergegraben, weil es nicht gut aussah. Wer Urlaub macht, will sich nicht ekeln. Kord, jetzt weiß ich endlich, warum ich immer an Urlaub denken musste, wenn ich dich traf.
Und der mit der leeren Augenhöhle, das ist Fido, unser guter Kettenhund. Jetzt beiß nicht, auch wenn ich dich gequält habe. Du hast nie begriffen, dass deine Kette zu kurz war. Du warst einfach zu dumm. Wer dumm ist, muss büßen. Das Gesetz der Globalisierung. Sogar die Träume sind schon global.
Wenn ich aber weiß, dass ich träume, dann bin ich doch eigentlich wach. Vielleicht ist es auch die Hölle? Witzig! Heinz, Frilli, Cord! Ja, du auch, Fido! Wisst ihr eigentlich, dass ihr in der Hölle seid? Hab ich doch immer gesagt! Ihr kommt in die Hölle, wenn ihr so weitermacht! Und wer hat mal wieder Recht gehabt? Ich.

55 Jahre Niederlage Fußball-WM gegen England

Wahrnehmung

Sinnvolle Geschenke

Dieses Gefühl des Überdrusses, des Ich-habe-doch-schon-alles-gesehen hatte sich schon mit 12 Jahren eingestellt, die Eltern hatten ihn mit nach New York genommen,er war am Great Barrier Riff getaucht und hatte auf Feuerland Kieselsteine ins Meer flitschen lassen. Sein Blick war häufig leer, ohne Erwartung und Neugier. Doch nun war die Welt wieder weit und geheimnisvoll, dunkel und fremd. Onkel Bob kannte die Probleme globalisierter Wohlstandsteens und hatte das passende Geschenk aus Toronto mitgebracht. Zwar hatte er in seiner Jugend mit anderen Problemen zu kämpfen, sie konnten knapper zusammengefasst werden und hießen Susi, Babsi, Pils oder Shit, aber er ging mit der Zeit. Und nun konnte er gelassen, mit den Händen in der Hose, neben seinem verwöhnten und an alles gewöhnten Neffen herschlendern und aufpassen, dass dieser nicht über den Bordstein stolperte. Der Neffe quietschte vor Vergnügen und Onkel Bob dachte darüber nach, wie lange der Junge für diese neue Welt Begeisterung empfinden würde.

kristallklar

Die Tasse wartet. Sie ist nicht ausgetrunken worden. Vielleicht ist der Restkaffee aufgefüllt worden. Die Tasse wartet geduldig. Wer hat sie dorthin gestellt?
Ein nicht mehr sauberer Wischlappen und ein verkalkter Wasserhahn können nicht Trost sein.
Sie warten, dass man sie wäscht, dass man sie entkalkt.
Jetzt die Tasse. Die gehört gar nicht dahin, denkt der Wischlappen und dem Hahn tropft die Nase vor Mitleid. Selbstmitleid.
Das war einer, der immer noch glaubt, Mama kommt und räumt die Tasse in die Spülmaschine, grient der Hahn.
Aber die Maschine ist doch einen Meter weiter rechts, antwortet der Spüllappen.
Vielleicht weiß das der Kaffeetrinker nicht, weil er noch nie eine Spülmaschine bedient hat, räumt der Hahn ein. Vielleicht, weil das immer Mama macht?, wispert der Lappen. Vielleicht ein psychischer Defekt, denn in einem Großraumbüro gibt es keine Mama und schon gar nicht in der, ehrlich gesagt, zugesifften Kaffee-Ecke, näselt der Hahn und lässt einen Tropfen fallen. Der platscht in die Kaffeetasse.
Schreibt man Kaffeeecke eigentlich mit drei e?, will der Wischlappen wissen.
Wasch man weisch, wasch man wischen sollte, lacht der Hahn, mit drei natürlich, du alter Bescherwischer! Egal, was Mama sagt!

Schlechte Endreime: Georg Krakl - Fliegenpilz(2009)

Wenn du mal liegen wilz,
schluck einen Fliegenpilz.

Blut und Wasser

Bodo und Piete waren Cousins. Sie wären gerne Freunde gewesen, aber leider waren sie schon Cousins. Das eine schloss das andere aus. An Tagen, wenn sie nicht gestritten hatten, dachten sie darüber nach, wie sie ihr Zwangsverhältnis, das durch die Verwandtschaft ihrer Väter bestimmt wurde, selbstbestimmt intensivieren konnten. Auch wenn ihnen das Vokabular fremd war, ahnten sie, worum es ging. Cousin war man, da konnte man nichts machen. Sie beschlossen Blutsbrüder zu werden.
Blut ist dicker als Wasser, sagte die Oma in der Kittelschürze, wenn sie ein geschlachtetes Huhn rupfte. Das Blut des Huhnes hing draußen am Hauklotz, das Beil steckte oben im Holz.
Auch hier ahnten die Cousins, um was es im Leben wirklich ging. Blut. Der Saft, aus dem Leben gemacht ist. Der Saft, der verbindet bis in den Tod und darüber hinaus.
Winnetou und Old Shatterhand hatten es vorgemacht. Mit ihren riesigen Bowiemesser schnitten sie sich mutig in die Handflächen. Sie zuckten nicht. Gut, Indianer kannten keinen Schmerz, aber Lex Barker, das war doch ein Weißer, der musste doch etwas spüren. Und warum gerade in die Handflächen, das konnte leicht entzünden? Ein anderes Mal oder in einem anderen Film oder gar im Buch schnitten sie die Stelle am Unterarm, wo jeder sofort dachte, die treffen da eine Ader, dann spritzt es nur so heraus!
Mein weißer Bruder! Mein roter Bruder! Diese Anrede war der Lohn für den Schmerz, für die Entzündung, für drei Wochen Wundversorgung, drei Wochen Einschränkung beim Niederschmettern von Feinden, drei Wochen Einschränkungen in allem! Blutsbrüder. Das war schon was. Da wusste jeder sofort, dass hier keine Softies sich einem Ritual hingegeben hatten.
Bodo und Piete dachten noch einmal über die Blutsbrüderschaft nach. Wo sollte man den Schnitt machen, das war keine unwesentliche Frage. Welches Messer wollte man nehmen? Ein scharfes oder eher ein stumpfes, damit es nicht so schnitt? Vielleicht sollten sie warten, bis beide eine Borke hatten, etwa auf dem Knie, die konnte man dann vorsichtig anknibbeln und leicht anheben, dann sickerte das Blut meistens von selber.
Borken. Das war die Lösung. Das Warten auf Borken und dann Blutsbrüderschaft.
Das gerupfte Huhn stand am Sonntag als Frikassee auf dem Tisch. Die Oma in der Kittelschürze murmelte: Suppe macht man nicht nur aus Wasser....

Blut ist dicker als Wasser

Ohne diesen Vergleich wäre dem Blut vielleicht gar nicht aufgefallen, dass es dicker geworden war. Aber der Blick aufs Wasser, rank und schlank wie immer, und dann der Blick auf die Waage machten deutlich, dass das Blut tatsächlich im Winter ein paar Kilos zugelegt hatte. Eigentlich war Blut schon immer dicker als Wasser gewesen, aber trotzdem ärgerte sich Blut darüber und überlegte, wie es die überflüssigen Kilos wieder loswerden konnte. Das Blut hatte schon von Möglichkeiten zur Blutverdünnung gehört, Aspirin wurde da empfohlen, aber das war doch auf die Dauer ungesund. Also lief wieder mal alles auf mehr Bewegung hinaus, sich nicht einfach im Strom mittreiben lassen, die Pumpwirkung passiv erleben und seinen Job tun, sondern ein bisschen dagegen halten, wie im Wellenbad, rudern und arbeiten, um möglichst viele Kalorien zu verbrauchen. Dem Wasser werd ichs zeigen, dachte es, ich schaff das, Hauptsache, es gibt kein Gerinnsel. Und wenn nicht, ja, meine Güte, dann ist das eben so, Sprichwörter haben ewige Gültigkeit, dann kann ich auch nichts machen, ich schmeiße die Waage weg und dem Wasser sage ich, dass es krank aussieht.

Schweigen ist Reden ohne Worte

Manchmal sollte man schweigen, auch wenn man nicht stumm ist
Meine Oma hatte immer eine Weisheit auf Lager, meistens gab sie diese von sich, wenn sie, gehüllt in einen Kittelrock, eine Schale Wasser auf dem Schoß und Schweinekartoffeln, die kleinsten der kleinen Kartoffel, die eigentlich für den Schweinetopf gedacht waren, schälend auf einem Schemel im Keller saß: Schweigen ist immer noch besser, als stumm sein.
Der Stumme kann ja gar nicht reden, weil er keinen Ton herausbekommt, er würde aber vielleicht gern, weil sich so viele Geschichten in seinem Kopf angestaut haben, dass er fast platzt. Der Schweiger hingegen schweigt, weil er es will. Der große Schweiger damals, Gregory Peck, sprach nicht, er nickte, er zwinkerte, er zuckte vielleicht einmal, aber eigentlich tat er auch das nicht; er wartete. Vielleicht hat er die Frage nicht verstanden, dachte ich. Dann aber merkte dich, dass er gar nichts sagen musste, die Leute waren verunsichert und plauderten los, plätschernd wie zehn Wasserfälle quasselten sie dem Peck den Patronengurt von der Taille, und irgendwann zog einer der Plaudertaschen seinen Colt, weil er sich um Kopf und Kragen geredet hatte und wollte damit seinem Schicksal zuvorkommen und selber Schicksal spielen. Der große Schweiger aber hatte sich auf diese Situation vorbereitet, denn er hatte geschwiegen und nicht seine Zeit mit sinnlosen Worten, mit Geschwätz und Geschwafel vertan. Wummm! Das hatte gesessen. Nicht viel Worte machen, handeln, das war die Erfolgsdevise.
Meine Oma, die jetzt die zweiundzwanzigste Schweinekartoffel filigran umschälte, meinte etwas anderes: Manchmal sei es besser gewesen, das Leben hätte Menschen mit Stummheit belegt, dann würde man nicht hören, dass sie dummes Zeug erzählen oder aber einen unangenehmen Sprachfehler hätten. Das wäre hart. Denjenigen, die sich aber unter Kontrolle hätten, sei das Schweigen die bessere Variante. In der Regel würden sie den Mund halten, hätten aber immer noch die Möglichkeit, junge Frauen zu beeindrucken, die auf Sprachfehler stehen, zum Beispiel verursacht durch eine schwerfällige Zunge oder eine, die lispelt. Diese Menschen wirkten dann immer etwas tumb, könnten aber die jungen Frauen, die vor ihnen wegschmölzen, nicht an zwei Händen abzählen, denn Sprachfehler weckten den Mutter- und Beschützerinneninstinkt in jungen Frauen. Meine Oma hatte die letzte Kartoffel geschält und murmelte: Alles ist im Leben zu irgendwas gut. Und Schweinekartoffeln können auch Menschen schmecken.

Guido kann fliegen

Schnittlauch ist ein feiges Küchenkraut

Wir hatten doch alle Angst vor dem ersten Schnitt. Die Messerimpfe gegen Pocken, die hässliche Narben auf dem Oberarm hinterließ, der Schnitt bei der Blutbrüderschaft, wo die Frage sich aufdrängte: Wo soll ich schneiden? Tut das denn nicht weh?
Ja, es würde wohl wehtun. Wir schlossen doch lieber Blutsbrüderschaft durch Zahnfleischbluten, denn Zahnfleischbluten konnte man durch ein bisschen Drücken an der Stelle, wo der Zahn dann herauskommt, erzeugen. Ein Kuss und schon war Fred der Bruder und Evi seine Schwester. Blutsgeschwisterschaft. Doofes Wort.
Dann der Schnitt beim Arzt. Irgendwas musste herausgeschnitten, in irgendwas musste hineingeschnitten werden. Immer Angst, Angst, Angst.
Das Schnittlauch hat seine Bestimmung im Namen; es wächst mit diesem Ziel auf. Schnitt. Irgendwann wird geschnitten, Schnittlauch, da kannst du dich mal drauf einstellen. Du heißt ja nicht Stehherumundwachsefröhlichweiterlauch. Das wäre ja auch viel zu lang. Wenn man nur herumsteht, kann man das Rührei nicht würzen.
Immerhin haben sich endlich Wissenschaftler in Amerika um die Gefühle des Schnittlauchs gekümmert und festgestellt, dass es Gefühle hat! Das heißt, es bringt diese durch Herumschreien und -Jammern zum Ausdruck. Das kann man aber nur hören, wenn man die hochfrequenten Töne auf hörbaren Level heruntertransponiert. Was die Wissenschaftler jetzt mit dieser Erkenntnis anfangen wollen, ist noch unklar. Man will sowieso erst mal rausfinden, ob die Petersilie auch so ein Jammerlappen ist.
Wer sich die Sache mal anhören will, muss hier klicken.

Georg Krakl: Alles kostet was (2011)


Ein letztes verbeugen
ein letztes beäugen
I
ein mensch ohne arme!
die Flügel sind blass
verneig mich davor
ich tue mal was!

II
der hintern ist rot
mein blick eher tot
die Zunge hängt raus
das sieht nicht gut aus

III
dies glotzen und beugen
dies schlotzen und säugen
der hintern ist rot
die blicke sind tot

mir sind meine flügel
so feucht und so blass
und auch meine arme
die fühlen sich nass

sie sind nicht recht bei mir
und dann dieser blick
und auch die verbeugung
ach, alles so öde,
so wahnsinnig schnöde,
so quälend
so häute abschälend
so nackt fühlt sich alles und bloss und verkocht
die kerze, sie brennt ohne docht!
doch brennt sie, und ganz ohne talg
ach, vor seiner zeugung
verhindre den balg!
der papst, wie er wettert
und zetert und schmettert,
und schnüffelt und riecht,
monstranzen im rucksack,
und die welt, wie sie kriecht
vor dem fluch ihres erbes,
schwacher trost des gewerbes:

paradies
kostet kies