Selbstgespräche verlaufen nicht immer optimal

An einem Samstagabend bemerkte Gunther plötzlich sein Problem. Es fiel ihm schwer, sich einzugestehen, dass er ein Problem hatte. Bei anderen Menschen war ihm aufgefallen, dass sie immer mehr Probleme hatten, je öfter sie darüber nachdachten. Und dass die Probleme immer größer und schwerer zu bewältigen wurden, je intensiver und länger sie darüber nachdachten. Schon nach der Trennung von Silvia hatte Gunther deshalb beschlossen, nicht mehr über Probleme nachzudenken. Eigentlich schon vor der Trennung, wenn er ehrlich war. Und wenn er nur ein bisschen mehr darüber nachdachte, dann erinnerte Gunther sich daran, dass Silvia seine fehlende Bereitschaft über Probleme nachzudenken geschweige denn über sie zu reden als Trennungsgrund genannt hatte. Aber Gunther wollte nicht darüber nachdenken und die Sache mit Silvia war auch gar kein Problem mehr. So lange er nicht darüber nachdachte.

Doch jetzt musste er sich nach langer Zeit mal wieder ein Problem eingestehen. Seit Silvia weg war, führte er Selbstgespräche, denn er hatte Angst, sein Wortschatz könnte sich verkleinern und die Aussprache darunter leiden, dass er keine Gespräche mehr führte. Nicht die Selbstgespräche waren das Problem, sondern die Erkenntnis, dass Gunther ein schlechter Zuhörer war. Auch das hatte Silvia ihm häufig vorgeworfen, er erinnerte sich daran, auch wenn er das gar nicht wollte. Jetzt fiel es ihm selbst auf: Er konnte einfach nicht zuhören, kaum war etwas gesagt, hatte er schon wieder vergessen, was er gesagt hatte. Immer häufiger passierte es ihm mitten im Selbstgespräch, dass er sich eine falsche Antwort gab, eine unpassende oder einfach gar keine und jedes Mal entstand ein peinliches Schweigen. Nein, es ließ sich nicht mehr verbergen, dass die Kommunikation gestört war. An diesem Samstagabend dachte Gunther über Trennung nach, doch er wusste nicht, von wem.

Campingtagebuch: Engländer


Engländer nehmen  gelegentlich den eigenen Ziergarten, den sie vorher in schmuckvolle Keramikware getopft hat, mit auf die Reise, um damit den Stellplatz ihres Wohnwagens zu verzieren. Ein Stück Heimat ist mit ins Ausland gegangen. Lediglich die Nachbarn sind hier andere und die täglichen intensiven Regenschauer fehlen im Südfranzösischen. Der Engländer bleibt trotz starker UV-Strahlung blass. Manchmal zeigt er ein kräftiges Rot, das nach zweidrei Tagen aber wieder weiß wird. Es bleibt ein Geheimnis, wie er das schafft.
Stilvoll packt der Engländer seine Gartenmöbel aus Teakholz aus; dieses Zierholz aus dem tropischen Regenwald ist längst verpönt, aber nicht jede Nachricht erreicht die Insel schnell genug, um sie parallel zu den Umweltbewussten umzusetzen. Wenn man dann diese Stühle sowieso schon hat, warum nicht auf ihnen sitzen? Nicht stilvoll wirkt dagegen eine vertikal vor dem Wohnwagen angebrachte Neonröhre, die die weiße Haut der Insulaner kalt-bläulich schimmern lässt. Das hat etwas Geisterhaftes: Vier zusammengesunkene Gestalten, über Bücher gebeugt, in der Dunkelheit, mit starken Brillen ausgerüstet, fast unbeweglich, schimmern bläulich-kalt. Der Toilettengänger, der die Szene passieren muss, beschleunigt seinen Gang und vermeidet bei der Rückkehr zur Schlafstätte diesen Weg, es sei denn er liebt Filme wie Addam’s familiy oder Scream 3.

Edward Hoppser: Eine Rakete steht hinter dem Wald

Immer mehr

Schneller, höher, weiter. Immer hatte er sich um Spitzenleistungen bemüht. Beim „Spiegeleierwettessen“ hatte er, trotz zu hohen Cholesterinspiegels, 16 Eier  auf Kreisebene geschafft, bevor er sie der Kloschüssel übergab. Beim „Fahrradschlauchaufpumpen bis er platzt“ war ihm am Hals eine Ader geplatzt, so dass er den Sonderpreis für die interessanteste Verletzung erhalten hatte. So war es sein Leben lang gewesen. Immer mehr, immer besser, immer länger, immer größer, immer weicher, immer dicker, immer dünner. Immerimmer. Und dann eines Tages hatte er sein schwarzes Fledermauskostüm angezogen und war auf das Dach des Wohnblocks gestiegen, um den schnellsten menschlichen Düsenjet abzugeben. Das war ihm nicht gelungen. Er war auf einen mit S-Steinen gepflasterten Parkplatz, der für den Hausmeister reserviert war, gefallen. Es war der dritte Fleck, der  durch einen Sturz entstanden war, aber der mit Abstand wunderbarste. Der Fleck glich einem Albatross. Das war  zu hoch für ihn, stand auf seinem Grabstein. Und der war ziemlich normal.

Jahreszeitentexte


Laura P. hatte keine Erwartungen an den Vorfrühling. An den Frühling, ja, der musste eine deutliche Temperatursteigerung mit sich bringen, Obstblüte und Lerchengesang. Aber der Vorfrühling war kaum Erwartungen ausgesetzt, weder denen von Laura P. noch von anderen. Die ersten Schneeglöckchenblüten reichten aus, um ihn zu bestimmen und zu sagen: “Der Vorfrühling ist da.“ Es durfte noch kalt sein, grau und ungemütlich, wenn nur wenigstens alle drei Tage der Himmel kurz blau aufleuchtete und für einen kurzen Fußweg die Mütze abgesetzt werden konnte. Laura P. war frisch verliebt und die meisten anderen Menschen hätten sich nun den Frühling gewünscht, Vogelgezwitscher, Blütenfülle und Sonnenschein als Ausdruck der eigenen Befindlichkeit - Neubeginn, Erwachen, Hoffen und Erwarten. Aber gerade die Erwartungen machten Laura P. Angst. Es war Februar und sie wünschte sich, auch ihre Liebe würde im Stadium des Vorfrühlings verweilen, ein Ahnen, was sein könnte, ein Sehnen, das aber noch gedämpft und zurückgehalten werden konnte, kurze Momente, in denen sich schon ein ganzer Sommer wiederspiegelte - eben ein Sommer, der immer ein Ende hatte, auf den zwangsläufig Verfall und Vergänglichkeit folgten. Im Vorfrühling reichten die kurzen hellen, warmen Augenblicke aus, sie beinhalteten alles, was Laura von der Liebe erwartete und sie wurden so bedeutsam durch den Verzicht auf Dauer oder Wiederholung. „Hase“, so hatte er sie genannt. Ja, Angsthase, dachte Laura P.

Jetzt aufpassen, Männer!

Mal abgesehen davon, dass Karneval ist. Allgemein mögen Frauen es nicht, wenn sie ohne eine respektvolle Anrede angesprochen werden. Galt es früher noch als etwas Besonderes, wenn man junge Frauen Fräulein nennen durfte, reicht es heute schon, dass überhaupt etwas vor den Namen gesetzt wird.
Besonders anfällig für Empfindlichkeiten sind Damen, deren Namen Substantiven ähneln, die von Männern gern benutzt werden, um eine besondere Zuwendung zu dokumentieren, bzw. eine gewisse Gelangweiltheit zu kaschieren. Besonders in der Zeit vor Ostern nimmt der Zulauf bei Lebensberatungsstellen seitens der Frauen zu, denen man sagen muss, dass Ochse oder Arsch keine adäquaten Begriffe für einen Mann sind, um dem ungeliebten Kosewort aktiv zu begegnen.

Menschliche Unzulänglichkeiten: Imwegstehen

Manche Menschen echauffieren oder amüsieren sich darüber, wie andere Menschen ihre Äpfel zu essen bevorzugen. Das ist schlimm.
Daneben gibt es aber noch Schlimmeres: Menschen, die ständig im Weg stehen, die den Blick auf das Wesentliche verstellen, die Einblicke verhindern und damit Erkenntnisse.
Diesen Menschen geht es gar nicht darum, als soziales Wesen die Weiterentwicklung der gesamten Menschheit voranzutreiben, vielmehr halten sie den Fortschritt auf. Sie bereiten die Rückführung in die Höhle vor, in die Vergangenheit, in das Dasein als Sammler und Jäger!
Immer war das der erste Schritt zur Erfindung: Die Neugier. Da steht ein Mensch im Weg und jeder, der dahinter steht, möchte wissen, was vor dem Imwegstehenden ist. Warum steht der da und worauf starrt er? Das muss einen Grund haben. Einen wichtigen Grund.
 Ich warte auf den Bus, ist die manchmal enttäuschende Antwort, oder auch: Nur so, keine Ahnung warum. Da geht es natürlich nicht mit der Menschheit weiter.
Aber gesetzt den Fall, eine große Erfindung steht bevor, zwei oder vier Elemente rücken in eine derartige Nähe, dass eine logische Folgerung den großen Durchbruch bringen könnte, etwa bei der Reform der Bundeswehr, oder wie man vermeidet, beim Abschreiben erwischt zu werden und trotzdem mit summa cum laude zu promovieren; und dann steht da einer im Weg. Die Erfindung wird nicht gemacht, denn der Imwegstehende grummelt stumpf: Ich steh nur so da. Hab Zeit., und geht auch nicht weg. Das Geheimnis bleibt geheim, die Erfindung unerfunden. Das ist tragisch. Das ist eine Tragödie. Daran kann die Menschheit zugrundegehen. Am schlimmsten aber sind dazu diese Sätze: Weiß auch nicht. Keine Ahnung. Darum. Und es sind noch nicht mal richtige Sätze.
Tragisch. Ganz tragisch.

Klassische Teesorten


Johann: Du bist heute wieder so ungemütlich.

Friedrich: Ich bin auch jünger.

Johann: Das Wasser ist gerade richtig schön heiß.

Friedrich: Ich will mich nicht entspannen.

Johann: Worüber denkst du nach?

Friedrich: Über den Apfel. Ich pflückte ihn heute Morgen. Ich denke, er ist ein Motiv.

Johann: Ja, dann schreib doch über Äpfel.

Friedrich: Ja, aber was? Er spricht noch nicht zu mir.

Johann: Greif doch was aus der Weltliteratur auf, die heilige Schrift, die Brüder Grimm …

Friedrich: Nein, alles zu weiblich, gierige Frauen essen ganze Äpfel, das macht mir Angst, dann kann ich nicht schlafen. Es muss was Männliches sein, über Mut und Tatendrang und so.

Johann: Jaja, ich kenn wohl deine Themen. Aber ich will heute nicht darüber nachdenken. Ich lehne mich schon mal ein wenig zurück, ich bin ja auch älter. (Gretchen bringt einen Aufguss aus heißer Zitrone)

Friedrich: Ich habs! Tell aus der Schweiz! Ein echter Mann, ein mutiger Mann, Freiheitskampf, eine Wahnsinnstat und mitten drin ein Apfel, nicht aufgegessen, nein, zerschossen, mitten durch. So gehen Männer mit Äpfeln um. Ich muss arbeiten, Johann, heute siegt mein Kopf über den Unterleib, den es zum heißen Bade zieht.

Plumpe Fälscher unterwegs: Edward Hoppser - Morning in Cape Kennedy

Ungeheuer. Ein Bild, das 1950 entstand, in Cape Cod, wird auf den Markt geworfen mit der Behauptung, es sei echt.
Selbst der Laie muss sich hier vorgeführt vorkommen. Amerikanische Frauen schauen gerne vom Balkon aus auf Raketen, das ist nichts Neues. Aber man sollte doch Folgendes zugutehalten: Jeder Halbintelligenzler kann erkennen, dass 1950 keine Schriften am Himmel standen, die die Geräusche, die ohnehin schon laut genug waren, verschriftlichten. Das ist Comic! Das ist unrealistisch.
Und überhaupt: 1950 hatte die Nasa überhaupt keine richtigen Raketen am Start. Das war doch erst kurz nach der Atombombe, die einen ungeheuren  Tötungsrausch bei den Amerikanern auslöste. Niemand dacht doch jetzt schon an eine friedliche Nutzung von irgendwelchen Dingen. Am wenigsten die amerikanische Hausfrau. Die war doch froh, wenn mal eine Rakete hinterm Wald stand und WROOMMH! machte. Tat sie aber nicht. Deswegen langweilten sich die Hausfrauen und kauften sich teure Staubsauger und Tuppertöpfe.
Wer genau hinsieht, bemerkt, dass Edward Hopper das Bild gar nicht gemalt hat, sondern ein gewisser Edward Hoppser. Im Schlussverkauf wird auch dieses Bild seinen Besitzer finden.

Nicht so plumpe Fälschung: Schon besser, Hoppser!

Der alte Weltdompteur

Ken und Barbie wieder zusammen!

Ken und Barbie, die sich seinerzeit nach 43 Jahren gemeinsamen Herumstehens getrennt hatten, sind wieder zusammen. Angeblich soll Ken seinen geistigen Horizont erweitert haben, was jedoch im Widerspruch zu der Wiedervereinigung stehen müsste.
Hier nachlesen: Klick

(Foto: Wer weiß, wie Barbie jetzt aussieht? Die Zeit hinterlässt ihre Spuren.)

Röschen lässt die Vergangenheit ruhen


Ach, die böse Fee, lange nicht gesehen, so hundert Jahre werdens wohl sein. Ja, genau, ich habe ein paar Kilo abgenommen, habe ich in wachen Zeiten nie geschafft, und das habe ich dir zu verdanken! Toll das alles hier, so viel moderner und die Frisuren so praktisch. Komm, wir vergessen die Sache, aber warum hältst du mir die Spindel vor die Nase? Ih, da ist ja noch Blut dran, mein Blut, bäh, böse Fee, du bist makaber, hast du die die ganze Zeit mit dir rumgeschleppt? Nein, ich will nicht mehr über alte Zeiten reden, ja, das war blöd damals für dich, aber was konnte ich dafür, dass wir nur 12 Tassen im Schrank hatten? War doch nicht persönlich gemeint. Nun heul doch nicht, solche Dinge passieren eben, dafür bin ich dir auch nicht böse, könnt ich jetzt ja auch sein, schließlich musste ich mich wachküssen lassen und nicht du. Nein, der Typ ist mir egal, kannst du haben, mit dem Wachküssen hatte sich die Geschichte erledigt. Nun komm, hier ist was los, du bist doch gar nicht so viel älter, hier können wir was erleben, was? Zum Turm? Wieso soll da Rapunzel sitzen? Und wenn schon, ich will die jetzt nicht retten, ach so stimmt ja, wenn die jetzt auch so eine praktische Frisur hat, dann sitzt die da oben ewig. Gut, ich komm ja mit, ja, du darfst den Titel weglassen, Röschen ist mir auch recht, aber komm jetzt, hier steppt der Bär.

Kunstfälscher immer plumper

Früher war das ein Novum und auch die Frauen haben aufgejauchzt: Eine Nackte  in einem Zelt! Das Campen konnte einen Rekordzuwachs verbuchen und die Herren drückten sich an den Bildern die Nasen platt.
Dann plötzlich wurde die Präsentation eines weiblichen Körpers ohne Kleidung als sexistisch eingestuft, niemand traute sich mehr, das zu malen; nackte Männerkörper interessierten kaum Käufer und so kam es zur Entschlechtlichung des Kunstbetriebes, so sogar bis zur Unkenntlichkeit hin wurde gemalt und geschmiert.
Selbst die Fälscher folgten dem Diktat der feministischen Bewegung, die zwar intern über die Körperlichkeit diskutierte, aber nichts Optisches nach außen dringen ließ. Nackte wurde plump übermalt, die Farbenwahl spielte keine Rolle, genommen wurde, was an Resten in der Tube wegmusste. Der Käufer, der auf die Fälschungen reingefallen war, wunderte sich zwar monatelang, dass irgendetwas an dem Bild komisch sei, aber aufbegehren, als er den fatalen Fehlkauf bemerkte, wollte er nicht, um sich keine Blöße zu geben. Nach 4 Wochen war das Umtauschrecht sowieso abgelaufen und so strömt mittlerweile eine Menge an komischen Bildern, die keinen Sinn ergeben, auf den Markt. Dass etwa ein Pechstein einen Akt im Zelt gemalt hat, weiß jeder, dass aber auch ein Hellblauer Bikini im Zelt von seinem Pinsel geformt worden ist, kann nur als lächerlich bezeichnet werden. Die Welt zu seiner Zeit stand kurz vor der Erstveröffentlichung des einteiligen Badeanzuges. Von einem Bikini wusste noch niemand, geschweige denn, kannte das Wort. Also, Käufer: Aufgepasst bei plumpen Fälschungen!

Pschychologie

Ehrgeizige Kinder


Marvin sucht noch an der Einfahrt, weil er da letztes Jahr das Handy gefunden hat. Aber hier hinten lag die Play Station, ich guck lieber hier. Früher gabs alles doppelt und dann wurde geteilt. Mama und Papa wollten aber, dass wir endlich mehr Ehrgeiz entwickeln und jetzt darf jeder behalten, was er findet. Gut, dass Marvin so langsam ist. Und wenn er doch als Erster die Ed-Hardy-Bettwäsche findet, haue ich ihm eine runter und dann sagt er Mama, dass er die nicht mag und sie mir schenkt. Mist, wieder nur bunte Eier. Lass ich einfach liegen. Viel zu klein für meinen Korb. Nächstes Jahr sollten wir statt Suchen ein Wettrennen machen, da mach ich Marvin sowieso fertig.

Günter Krass: Ostern

Es ist Ostern Wie jedes Ostern wird morgens gefrühstückt, zur gewohnten Zeit für Sonntage, um acht Uhr. Bodo ist nervös, denn heute kommt der Osterhase, der bunte Eier im Garten versteckt, die Bodo dann suchen muss.Wie jedes Jahr wird die Mutter den Tisch abräumen und der Vater wird sich entschuldigen, weil er irgendwelche Dinge ganz dringend erledigen muss, etwa in der Werkstatt oder im Keller.

Bodo hat eine Art Hausarrest, ein Ausgehverbot, weil der Osterhase nicht erschreckt werden darf und seine bunten Eier dann einfach wieder mitnimmt.
Mutter kramt mit dem Geschirr und der Vater ist verschwunden.
Bodo fragt sich, wie so ein Osterhase es schaffen kann, an diesem Morgen zwischen halb 9 und 10 allen Kindern Ostereier im Garten zu verstecken. Oder wie viele Osterhasen, wenn es mehr als einer wäre, mit dieser Aufgabe beschäftigt wären. Und überhaupt, wie schleppen sie denn das ganze Zeug? Es gab ja auch noch Schokolade und Zuckereier. Dann musste das Nestgras transportiert werden, das aus grüngefärbten, dünnen Holzstreifen bestand und das es merkwürdigerweise auch im Konsum zu kaufen gab. Genauso wie Heitmanns Eierfarben, mit denen jedermann Hühnereier färben konnte. Dass diese Waren nur für den Osterhasen bestimmt seien, kann sich Bodo nicht vorstellen, denn Osterhasen haben kein Geld und womit sollen sie bezahlen? Einen Osterhasen, der im Konsum einkauft, hatte noch niemand gesehen.
Bodo will nicht über diese Dinge nachdenken, aber die Dinge scheinen Bodo zu zwingen über sie nachzudenken. Jedes Jahr werden sie stärker. Diesmal kann er sie noch einmal niederkämpfen. Er will, dass alles so bleibt wie es ist.
Der Osterhase versteckt jetzt die Eier, legt sie sorgfältig ins Nestgras und wird von Bodo nicht beobachtet, weil der Osterhase sonst erschrecken und flüchten würde.
Warum bringt der Osterhase überhaupt Eier? In wessen Auftrag handelt er denn? Weihnachten waren solche Fragen einfacher zu beantworten. Aber mit Gott und Jesus  und allem hatte der Osterhase überhaupt nichts zu tun!
Schon wieder diese Fragen! Bodo versucht sich auf die gleich beginnende Suche zu konzentrieren. Wo lagen die Eier letztes Jahr? Bodo geht in Gedanken durch den Garten und sieht sich die roten, gelben, blauen und grünen Eier einsammeln. In der Hand hält er einen kleinen, geflochtenen Sammelkorb.
Plötzlich wird er in seinen Gedanken aufgeschreckt. Sein Herz klopft schneller. Der Vater ruft: „Bodo! Komm mal! Ich glaube der Osterhase ist da gewesen!“

Günter Krass: Kotelett am Sonntag

Sorgfältig schneidet Bodo an seinem Kotelett, das die Mutter gebraten hat, den Fettrand ab. Er kann ihn mit dem Messer unter der leckeren,braunen Panade ertasten. Fast von selbst löst sich der Streifen vom mageren Fleisch.
Der Vater schaut kritisch von seinem Teller auf. Koteletts  gibt es nur am Sonntag, und was Bodo da macht ist, für ihn Verschwendung.
Bodo schiebt das Fett vorsichtig an den Tellerrand und einige Erbsen in die Nähe des Fleisches. Am liebsten würde er noch den Knochen entfernen, denn an ihm ist auch noch Fett zu vermuten.
„Äh!“ denkt Bodo und stellt sich vor, wie die wabbelige Masse durch die Zähne flutscht, im Mund unruhig herumrutscht und dann plötzlich im Rachen verschwindet. Ein leichtes Würgen stellt sich ein.Bodo verdrängt den Gedanken und richtet seine Aufmerksamkeit auf das Restkotelett, das überwiegend aus magerem Fleisch und leckerer Panade aus Brötchenbrösel und Ei besteht. Eigentlich ist das Beste am Kotelette die Panade. Aber die abzukratzen und zu essen, ohne das Fleisch anzurühren, für das der Vater hart gearbeitet hat, traut er sich nicht.
Bodo isst ein paar Erbsen und eine in füssiger Margarine zerdrückte Kartoffel.
„Hm, lecker!“ sagt er und die Mutter freut sich über das Lob.
Er schneidet ein Stück Feisch ab, schiebt es in den Mund und kaut. Ein bisschen trocken , aber sonst gut. Paniermehl mit Ei, goldbraun gebraten, das wäre noch besser.
Bodo hofft, dass im Fleisch keine Sehnen sind wie im Rinderbraten, den es an anderen Sonntagen gibt. Auf Sehnen unvorbereitet heumzukauen, wäre noch schlimmer, als Fett zu schlucken. Koteletts sitzen im Rücken des Schweins, da gibt es keine Sehnen, denkt er, um sich zu beruhigen.
„Das Beste lässt du immer liegen!“,sagt der Vater vorwurfsvoll.
Bodo schaut hoch und bietet ein Geschäft an: „Wir können ja tauschen. Du bekommst das Beste und gibst mir dafür das Zweitbeste.“
Der Vater stutzt. Aber das will er auch nicht. „Iss jetzt!“,brummt er, „du müsstest mal richtig Hunger haben……!“
Bodo wartet auf ein Beispiel aus den harten Kriegswintern, wo es wenig zu essen gab. Der Vater isst weiter.

Bodo weiß, dass seine Stunde kommen wird. Bald wird es schmackhaften Steckrübeneintopf geben, weil Steckrübenzeit ist. Der Vater mag keine Steckrüben.
Und zu tauschen gibt es bei einem Eintopf auch nichts. Da wird gegessen, was auf den Tisch kommt.