Isolation in deutschen Haushalten kommt so häufig vor, dass die Bundesfamilienministerin nun eine Plakatserie in Auftrag gegeben hat. Was man dagegen tun kann, weiß sie nicht, aber man kann doch wenigstens darauf hinweisen. Vielleicht denkt sich ja einer was dabei. Oder spürt einfach nur, dass er verstanden wird, rein intuitiv. Frau Schröder grübelt zwar mit ihrem Team über eine passende Plakatüberschrift, aber sie fühlt sich ganz schön einsam dabei, weil sie wieder mal die Jüngste ist.
Bodos Welt mischt sich ein. Für Minden und die ganze Welt. Bodos Welt bleibt stehen, wo andere weitergehen. Bodos Welt geht weiter, wo andere stehen bleiben. Parteiisch. Übernatürlich. Unablässig. Erscheint täglich. Unaufhörlich.Unhöflich.
Missverständnisse durch Mundart: Verpatzte Gehaltserhöhung
Wat iss dann eine B-Chef, Chef?, fragt der Angestellte. Isch meine, wegen B-Chef-Tisch?
Jetzt hömma auf zu sabbele, Jung!, spritzt aus dem Chef jovial heraus. Isch weiß schon, watte willz, du willz mehr Monete.
Der Angestellte bestätigt den Wunsch, den habe er schon länger, weil er sich eine neue Laube zulegen wolle; der Chef lacht, und fügt, wiederum jovial, an, es müsse sich wohl um eine Rostlaube handeln.
Der Angestellte verneint und hebt noch einmal auf den Chef-Tisch ab, bzw. was denn nun ein B-Chef sei, dann müsse es ja auch A-Chefs, oder heiße es A- Cheffe, geben.
Der Chef prustet vor Lachen und legt den G-Chef oben drauf. Isch bin heut so G-Chef-Tisch, macht er seinen Witz.
Der Angestellte versteht den Witz nicht, weil er zu sehr über seine Gehaltserhöhung nachdenkt und trollt sich. Das neue Gehalt schreibt er in den Wind.
Abseits der Städte
Wenn Dorfdüssel ihre Schorfrüssel recken,
Wenn Talwupper das Plastiktupper lecken,
Wenn Feldbieler die Geldspieler besiegen,
wenn Furtschweine ihre kurzen Beine biegen,
Wenn Kirchengelse Flaschenhälse küssen,
wenn Burghomos Regenbogenfahnen hissen,
dann entspannt man sich auf dem Lande
und genießt das Leben am Rande.
In Ruffeln steht das Tor der Welt nicht
Dann in den 60ern mit den aufkommenden Bandmaschinen gab es Bandsalat. Ärgerlich, schmeckte auch nach nichts.
Später dann Kabelsalat, wenn die Maschine nicht funktionierte oder sich irgendwelche ummantelten Drähte verknotet hatten. Machte aggressiv, führte zu Frustration, zu neuerlicher Aggression oder Depression. Traurig, traurig, weil so enttäuschend. Mediales Zeitalter und keine wirkliche Lösung der immerwährenden Probleme.
Heute haben wir W-Lan. Oder anders gesagt: Da haben wir den Salat. Beziehungsweise, wir haben ihn nicht. Wohin soll das führen?
Vorgeschlagen: Ruffeln. Dahin, wo das Tor der Welt nicht steht.
Vielleicht wird es eines Tages gebaut.
Weg wollen alle. Aber keiner weiß wohin. Beziehungsweise: Wodurch.
Buntes Berlin
Buntes Berlin.
Bär bedrückt.
Ampelmännchen.
Achthunderttausend Ampelmännchen.
Ach.
Ach, achthunderttausend.
Bedrückte Bären:
Acht.
Geometrische Formen im Alltag
Viele unsichtbare Zusammenhänge begleiten und bestimmen unseren Alltag. Nur wenigen Menschen ist bewusst, wie geometrische Formen Sinnzusammenhänge stiften und einen roten Faden bilden, den man vielleicht gar nicht benötigt, der aber Langeweile und Orientierungslosigkeit vertreiben kann. Ist der Blick erst geschärft für immer wiederkehrende geometrische Gebilde, kann man ihnen gar nicht mehr aus dem Weg gehen; sie sind optische Stolperfallen und spinnen ein Netz von Erlebnissen, Begegnungen und Impressionen, ein Netz, das hält, wenn – scheinbar – Zufall und Sinnlosigkeit das Leben regieren. So erinnert ein simples Ei ganz plötzlich an Menschen mit bestimmten Kopfformen und Frisuren und wer bei solch einem gedanklichen Brückenschlag grinsen muss, hat schon wieder eine graue Februarwolke Richtung Nordsee vertrieben, denn da gehören sie ja auch schließlich hin.
Zwergenmusik: Komm in das Land der Plastikfrauen
Gruppe: Zwergenmusik
CD: Hinter den Bergen
Erschienen 2011.
Anhören: Komm in das Land der Plastikfrauen
Fasten für Männer: In die Röhre gucken
Ein Mann, der die Fastenzeit für eine Erweiterung des Horizonts, eigentlich eine punktuelle Verkleinerung, nutzen will, wählt diese schöne Übung: Er setzt sich vor eine Betonröhre in der Nachbarschaft und fokussiert seinen Blick in dieser, fasst das Weite, das Große, das Ferne, das Ganze zusammen und legt es symbolisch in die Röhre. Er nimmt eine Inwertsetzung des Unwichtigen vor, das in der Kleinen Welt sehr wohl wichtig ist. Er sitzt, bis Ruhe einkehrt, bis er sich nicht mehr leiten lässt von der Dynamik der Großen Welt, sondern in Demut und Liebe den kleinen Dingen begegnen kann.
Fasten für Fortgeschrittene
Sieben Wochen geradeaus gehen und sehen, nicht nach links und nicht nach rechts blicken, weder im Gespräch noch beim Überqueren der Straße, das ist eine Möglichkeit für Fastenerprobte, die schon auf alles verzichten, was das Leben bunt, gefährlich und bequem macht. Unbeirrt den eigenen Weg gehen, dem Gequatsche von der Seite nur ein Ohr, aber kein Auge hinhalten, selbst ins Leere sprechen, in die Unendlichkeit, so als spräche man direkt mit Gott. Öffentliche Verkehrsmittel, Tunnel und Vorfahrtstraßen gewährleisten die eigene Sicherheit, stabile Beziehungen schützen in dieser Zeit vor Vereinsamung. Freunde, die sich in dieser Zeit frustriert von einem abwenden, sind eben keine richtigen Freunde. Eine Fastenübung, die Frauen im Allgemeinen weitaus schwerer fällt als Männern, die ja schon häufig mit einem Tunnelblick geboren werden. Sieben Wochen ohne Sprung oder Blick zur Seite hat auch schon manche Beziehung gerettet.
Was ist los mit deutschen Hausfrauen?
Zu Hause wartet in einer Stunde der Gatte, gut situiert in gehobener Position einer Bank, in der Verwaltung oder einer Versicherung. Das gestern frisch gebügelte Oberhemd zeigt kleine feuchte Flecken unter den Achseln, ein feiner Schweißgeruch hat das hochwertige Rasierwasser und das dazu passende Deodorant fast zurückgedrängt. Er hat seine von ihr geschmierten Brote bis auf eines aufgegessen (stattdessen hatte er in Emilias Kiste gegriffen, die sie ihm freudestrahlend angeboten hatte; vielleicht war sie ein bisschen verliebt in ihn?)und nur zwei der Apfelschnitze übrig gelassen, die sie ihm sorgfältig zubereitet hatte, mundgerecht und von allen Kerngehäuseresten befreit.
Aber das reicht den Hausfrauen nicht. Sie wollen mehr vom Leben und warten jetzt am Treffpunkt der alten Damen und Taschendiebe, dass irgendetwas in ihr Leben tritt, irgendetwas passiert, irgendein stinkender, vielleicht glatzkäpfiger Mann, der sich möglichst drei Tage nicht rasiert hat, der riecht, als habe er die Nächte im Pumakäfig verbracht und sich dort auf dem verdreckten Beton gewälzt hat, ihnen die Handtasche entreißt. Und dass er sie vielleicht sogar küsst.
Was ist da los?
He Schneewittchen, hörst du auch den Lärm? Da draußen ist was los. Das ist doch das Volk, oder? Kannst du verstehen, was sie rufen? Vielleicht gibt es einen neuen Pharao. Schade, dass das mit dem Hades damals nicht geklappt hat, dann würden wir jetzt von diesen ganzen Angelegenheiten nichts mehr mitkriegen. Nie hat man seine Ruhe. Wenigstens schicken sie uns nicht mehr um die Welt. Ist das laut! Das ist doch nicht normal. Schneewittchen, du musst das doch hören. Das ist doch nicht gut, wenn das Volk so einen Lärm machen darf, zu unserer Zeit gabs das nicht, nur zum Huldigen durften sie so laut werden. Was sagst du? Du hast dich verschluckt? Aber das ist doch auch schon lange her. Der blöde Apfel steckt doch schon Ewigkeiten in deinem Hals. Was willst du auch so ein riesiges Stück runterschlucken! Gierig warst du, unersättlich, hast mir schon immer Angst gemacht damit. Wie oft hab ich dir gesagt, lass dir die Äpfel von der Zofe klein schneiden, aber nein! Ich habe nie in einen ganzen Apfel gebissen, nie, das hat mir meine Mutter schon ganz früh beigebracht, dass das Unglück bringt. Blöde Kuh. Du natürlich, nicht meine Mutter. Ich werd dich einfach nicht los. Und jetzt verpassen wir bestimmt wieder Weltgeschichte. Ich verschluck mich gleich an meiner Wut.
Günter Krass: Haarschnitt
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| Missglückte Irokesenfrisur |
Körperteile im Revolutionsfieber
Wenn Körperteile sich selbstständig machen, hat das oft einen schwerwiegenden Hintergrund. Geht die Leber auf Wanderschaft, ist sie wahrscheinlich auf der Suche nach einem gesünderen Arbeitsplatz. Haut das Haupthaar ab, ist das vielleicht nur ein Hinweis darauf, dass es sich vernachlässigt fühlt und mit Kuren und Spülungen umsorgt werden möchte. Aber auch bei einem kleinen Gebiss sollte man sich schon mal Gedanken machen, warum es so weit kommen musste. Vielleicht sollte es etwas zerkleinern, was es partout nicht zwischen seinen Kauleisten dulden konnte, ganze Äpfel zum Beispiel, vielleicht war es verwöhnt durch klein geschnittene Apfelstückchen, geviertelt oder besser noch geachtelt und jetzt war es überfordert mit der Aufgabe, kräftig in einen Apfel zu beißen. Und weil das kleine Gebiss nie mit solch großen Herausforderungen konfrontiert worden ist, weil schon im Kindergartentäschchen nur mundgerechte Apfelhäppchen auf den Verzehr warteten, weil das kleine Gebiss gar nicht weiß, ob es sich so weit öffnen, so kräftig zubeißen kann, kneift es lieber, versucht es gar nicht erst und haut ab. Mit solch einem feigen und lebensuntüchtigen Gebiss hätte es Adam nie in die Weltliteratur geschafft.









