Alles relativ


Keine Magie im Alltag, sondern eine schlichte Relativierungsübung, die glücklich und zufrieden macht: der Anblick eines verkohlten Balkens, der auch deiner, der Rest deines Zuhauses sein könnte. Entstanden durch einen zufälligen Hausbrand, ausgelöst durch Unachtsamkeit, oder durch einen versuchten Versicherungsbetrug deines Nachbarn, wobei die Flammen von seiner Garage auf dein Haus übergesprungen sind, oder durch einen Bombenangriff – auch wenn es so etwas lange nicht gab, heißt das ja nicht, dass es keinen mehr geben wird. Du stehst morgens müde und lustlos auf und fragst dich, was dir helfen kann, zufrieden und motiviert in den Tag zu starten, und du weißt, dass es keine Morgengymnastik sein soll, Kaffee, ja, unbedingt, aber es dauert so lange, bis er heiß und dampfend in der Tasse ist, weil du immer noch niemanden gefunden hast, der ihn dir morgens ans Bett bringt: Da hilft am schnellsten der verkohlte Balken, denn in kürzester Zeit wird dir bei seinem Anblick klar, wovon du in der vergangenen Nacht wieder einmal verschont geblieben bist. Toll, du lebst noch, dein Haus steht noch, deine Fotoalben mit den Erinnerungen an wenige glückliche Höhepunkte in deinem Leben sind noch da, auch der Ehemann, na gut, das Beispiel war jetzt nicht so überzeugend, du riechst nicht nach verkohltem Fleisch und die Nachbarn haben keinen Grund zur Schadenfreude. Besser kann man nicht in einen neuen Tag starten.

Im Gesicht steht es geschrieben

Manche Menschen sehen förmlich so aus, als hätten sie eine Tüte über dem Kopf. Man kann es ihnen im Gesicht ablesen.

Frau Dasmoni rät: Arbeit bewerten lassen

IPM - Institut für Personalmanagement
Man hat eine Funktion, man rackert und schuftet, man ist betriebsam und steht kurz vor dem Attribut "workaholic" und hat man doch das Gefühl: Halt! Niemand bewertet meine Arbeit wirklich. Alle halten es für selbstverständlich, dass bestimmte Dinge getan werden, und alle machen Geschrei, wenn einmal etwas liegen bleibt oder vergessen wird. Das muss sich der Mensch, besonders die Frau mit Funktion, nicht bieten lassen, da muss einfach einmal ein Kontrast gesetzt werden, damit den Mitarbeitern nicht nur die Augen geöffnet werden, sondern diese auch am eigenen Leib erfahren, was es heißt, die Arbeit zu tun.
Jetzt heißt es "liegen lassen". Was noch in Bewegung ist, wird hingelegt, das, was schon lag, bleibt auch weiterhin liegen und es gelten die Leitsprüche: "Vergessenes kann man nicht noch mal vergessen" und "Was lange liegt, wird immer älter".
Wichtig ist die Geduld, wichtig sind die Nerven: Der Mensch, besonders die immer betriebsame Frau mit Funktion, muss die Nerven haben, nicht zu tun. Nicht zu tun. Abzuwarten. Was soll passieren? Wehgeschrei? Gejammer und Gestöhne?
Unbedeutend. Wenn die Grenze hinter dem Jammern überschritten ist, wenn das Leid anfängt, dann wird klar, was die eigene Arbeit wert ist, wert war.
Die Klagenden, die Jammernden, die Stöhnenden, die Entnervten stehen auf und tun unsere Arbeit, denn sie ist wichtig, sie hat Bedeutung, sie hat einen Zweck. Das mag man in der Betriebsamkeit vergessen haben. Jetzt kehrt die achtsame Wahrnehmung zurück. Unsere Arbeit ist etwas wert. So viel, dass andere sie freiwillig übernehmen. Mehr kann man nicht erwarten.
Und jetzt kehrt tiefe Genugtuung ein: Froh sein, die Nerven behalten zu haben, froh sein, Geduld gehabt zu haben, froh sein, gelassen zu haben. Und gelassen geblieben zu sein. Und zu bleiben.
(Aus: Th. Dasmoni - Die sind doch klein zu kriegen/Über den Umgang mit Mitarbeitern, die gerne in einem Team arbeiten würden/Modernes Personalmanagement ohne Probleme, Hamburg 2008, S. 402)

Georg Krakl: Gedicht mit "tun" drin (2011) -Vollprothesen

Menschen, die im Mund
zu wenig Zähne haben,
eine Art oralen Graben,
schenkt man gerne Vollprothesen.
Diese tun, als sei nie was gewesen.
Machen krankes Lächeln kerngesund.
Lassen knabbern und auch beißen,
und sie tun nicht mal verschleißen.
Ein Beitrag von Gemüsegrafik/Martin Obst Lübbecke 2011

Kunst geht über Tierschutz


Kunst geht häufig über Tierschutz, so wie manche Menschen über Leichen gehen. In beiden Fällen nimmt die eine Partei die Bedürfnisse der anderen nicht wirklich wahr; Kunst und Menschen gehen also nicht nur über etwas, sondern auch über etwas hinweg, und zwar über die Bedürfnisse der Unterlegenen oder der unter ihnen Liegenden, was auf dasselbe hinaus kommt. Hin und weg waren sicher die Betrachter dieser ungewöhnlichen Erscheinung beim Rosenmontagsumzug in Düsseldorf, als der Prinz mit einer dressierten Ziege, die er eindeutig nicht nach ihren Wünschen befragt hatte, auftrat. Er hatte sich natürlich ein paar Erklärungen zu Recht gelegt, falls doch jemand sein Erscheinen und den Umgang mit der Ziege kritisieren sollte. Ist doch schön für die Ziege, mal im Rampenlicht zu stehen, hätte er gesagt, und weil mir wirklich was an den Bedürfnissen des Tieres liegt, habe ich ihr auch eine Sonnenbrille aufgesetzt, um ihre Augen zu schützen, und damit deutlich wird, dass ich mich mit ihr solidarisch fühle, habe ich auch eine Brille aufgesetzt. Dann kann ich später auch immer noch behaupten, dass ich das gar nicht war, der da ein Tier gequält hat, sondern mein Cousin und der soll jetzt die Fahrerlaubnis entzogen bekommen, ich doch nicht, ich bin schließlich ein Prinz, zumindest für ein paar Wochen. Und in der Zeit kann ich machen, was ich will. Zumindest wenn es um Kunst geht. Ich werde mir auch noch ein schönes Kunstwerk mit einem Funkenmariechen ausdenken.

Wo sind die Netzstrümpfe geblieben?

Nachdem in den Sechzigern Twiggy, das lächelnde Bügelbrett, schenkelhohe Netztstrümpfe trug, konnte man sich dem Siegeszug dieses Bekleidungsstückes nicht mehr entgegenstellen. Menschen außerhalb der Konfektionsgröße des Magermodels Twiggy wirkten manchmal etwas wurstig, wenn die Haut plus Bindegewebe sich durch das Netz drückte. An Mettwürsten  hatte man schon Jahrzehnte mit Netzen experimentiert und eine luftige Sommerwurst kreiert, die den Spagat zwischen Geschmack und Geschmacklosigkeit wunderbar hinbekam.
Mit der Rocky Horror Picture Show wurden Netzstrümpfe auch für Männer mit gewissen Neigungen gesellschaftsfähig und schließlich interessierten sie keinen mehr, weil sie häufig unter langen Hosen getragen und nur zu besonderen Anlässen an die Öffentlichkeit gelassen wurden.
Im Zeitalter der sozialen Netzwerke wundern sich die User eher über den Begriff der Netzstrümpfe und halten es für eine Art Animationsgeflecht am Bein um Befehle innerhalb einer virtuellen Realität direkt vom Körper aus zu geben. Net-Zstrümpfe würden sie die Ansammlung von Löchern gerne schreiben, aber der Duden hat ja manchmal auch noch ein Wörtchen mitzuschreiben, abgesehen von Neologismen in SMS und E-Mail.
Um Netzstrümpfe wieder auf dem Markt zu lancieren, um wieder auf das fast vergessene Attribut des menschlichen Körpers aufmerksam zu machen, hat sich die netzverarbeitende Industrie jetzt eines Produkt ausgedacht: Netzstrumpfmaske. Der Bankräuber mag sich in Grund und Boden ärgern, denn für seine Maskierung sind diese Produkte völlig ungeeignet. Menschen, die aber ihr Gesicht, vielleicht weil sie ob des Fernsehprogramms, der Überschwemmungen oder der 20-cm-Schneekatastrophen  vor dem  Nervenzusammenbruch stehen, haben hier ein geniales Objekt, dass nichts verborgen lässt aber doch kaschiert. Nichts verbergen und doch kaschieren. Das wollen die jungen Menschen von heute den ganzen Tag, denn sie wissen nicht was sie tun.
Die ältere Generation kramt dagegen ihre alten Strumpfhosen aus dem Karton auf dem Speichern und zieht sie noch einmal über die eingerissenen Fußnägel bis zum Hüftknochen, um der Protagonistin Twiggy zu gedenken.

Magie im Alltag


Ist nicht billig, aber wirksam: Magie im eigenen Garten, von der Fachfrau geweiht und besprochen, für verschiedene Verwendungszwecke geeignet. In diesem Fall der unkomplizierte Zauber am Baum, zuverlässig und ohne Nebenwirkungen, lange haltbar, dafür nicht übertragbar. Sollte mit Blickrichtung zur Eingangstür angebracht werden, um Nörglern, Besserwisserinnen und anderen unerwünschten Menschen den Eintritt ins Haus oder wenigstens ins Gemüt nicht zu ermöglichen. So können Streit und aggressives Gebaren dauerhaft aus ihrem Umfeld verdrängt werden. Sollten diese doch mal erwünscht sein, um zum Beispiel ein reinigendes Unwetter herbeizuführen, sollte man dem Zauber am Baum einfach die mitgelieferte Tüte überziehen, damit sich die Magie nicht gegen den Besitzer wendet.

Mutter, da haben Leute gelacht

Mutter, hörst du mich? Ja, hallo, ja guten Tag erst mal. Nein, nein, ja.
Mutter, ich brauche ein neues Handy! Da haben eben Leute gelacht, als sie an mir vorbei gegangen sind, und ich habe irgendwas von groß und schief gehört. Lang war auch dabei. Das kann doch nur mein Handy sein, das ist doch dieses Brikett, das du mir Weihnachten vor 14 Jahren geschenkt hast, zum 18. Geburtstag. Wieso Weihnachten? Ja, zum Geburtstag. Ich habe jedes Jahr am 25.12. Geburtstag, und das ist jedes Jahr auf Weihnachten. Wie, Ostern fällt auch nicht immer  auf das selbe Datum. Weihnachten schon, Mutter, das solltest du besonders wissen, denn du hast mich ja auch Weihnachten geboren. Wie, ich soll mich hier nicht anstellen, als ob ich Jesus wäre. Nein, nein, ja. Der ist am 24. geboren. Mutter, ich will nicht mit dir streiten, aber ich habe immer auf Weihnachten Geburtstag. Was heißt hier, selbst schuld? Da kann doch ich nichts dafür. Nein, ich beklage mich nicht, ich sage nur, dass ich mich nicht selber geboren habe und gezeugt auch nicht. Ja klar, geht das auch gar nicht. Wieso, nur weil ich noch keine Freundin...Mutter, du hast es wieder geschafft...mach ruhig so weiter...nein, ich habe verstanden.....wie, ich soll nicht beleidigt sein? Ich bin gekränkt, immer, wenn du nicht mehr weiter weißt, fängst mit den Freundinnen an. Welchen Freundinnen? Ja, denen, die ich noch nicht gehabt habe. Also das Handy kann es nicht sein? Lenk jetzt nicht ab. Nein, du hast angefangen, ich wollte bloß einen Rat, weil Menschen über mein Handy gelacht haben. Wahrscheinlich über meine Nase? Genau, setz noch einen oben drauf. Was hat meine Nase mit meinem Handy zu tun. Nichts, genau. Aber die Leute haben gelacht. Dann wohl über meine Nase, den Mund und den langen Zeigefinger, den ich immer so elegant an das riesige Handy lege, das du mir angeblich gar nicht geschenkt hast? Das ist jetzt demütigend.
Ich wünschte du wärest dement und würdest mich vergessen. Nein, umgekehrt, ich würde dich vergessen, und du müsstest dich den ganzen Tag ärgern, weil ich dich nicht kenne, du mich aber.
Ich lege jetzt auf. Klar, ein Handy kann man nicht auflegen. Ich schmeiß das Ding weg! Das ist doch gar kein Geschenk, hast du eben noch gesagt. Ich mach jetzt Schluss, hinter mir steht eine Schlange, die will auch mal telefonieren. Eine Menschenschlange. Nein, das ist jetzt keine Ausrede.

Beschwörungsformeln im Haushalt


Liebe Haushalthilfe,
seit Jahren hinterlässt du Beschwörungsformeln in meinem Haus, die dich und mich und das Haus offenbar vor Unordnung und Verwahrlosung schützen sollen. Ich kenne diese Beschwörungsformeln aus meiner Kindheit, besonders die Kniffe, die du wahrscheinlich mit einem lauten Schrei und Handkantenschlag in die Kissen zauberst. Doch der Steinkreis auf der Fensterbank, den du heute hinterlassen hast, macht mir ein wenig Angst. Am Morgen lagen hier noch achtlos verteilt Urlaubsandenken, kleine Aufmerksamkeiten und an bedeutsamen Orten mitgenommene Steine und jetzt ist daraus ein sorgfältig arrangierter Kreis entstanden, der offenbar eine weitere Beschwörungsformel enthält. Aber wogegen? Hast du irgendeine schädliche Energie in meinem Haus gespürt? Krankheitserreger, Schimmelsporen oder Silberfische? Willst du dich vor mir schützen oder gilt der Schutz auch mir? Oder hast du auf meiner Fensterbank mit meinen Steinen einen Liebeszauber aktiviert, der deinen Internetbemühungen endlich ein Ende setzen soll? Möchtest du mehr Geld oder soll ich endlich einen neuen Aufnehmer kaufen? Warum sagst du mir nicht einfach, was du willst und machst es so kompliziert? Ist es Rache, weil du genau weißt, dass ich immer sofort die Kniffe aus den Kissen entferne, wenn ich nach Hause komme? Sag mir wenigstens, welche esoterischen Bücher du liest, damit ich den Steinkreis entschlüsseln kann.
Deine Chefin

Fahnen in Gärten


Fahnenmasten im Garten als Phallussymbol? Pah, Blödsinn, so was kann sich nur meine Nachbarin ausdenken, erst linst sie wochenlang über den Gartenzaun und gestern dann hat sie mich endlich mal drauf angesprochen. Als ob ich ein Phallussymbol nötig hätte! Ich!! Jawohl, iiiiiiiiiiiiiich – ganz laaaaaaaaaang gezogen. Ich habe ein Haus gebaut, einen Sohn gezeugt und statt einen Baum zu pflanzen eben meinen Fahnenmast aufgestellt. Na, dann wollte ich wohl mein Revier ganz deutlich, aber so richtig deutlich markieren, meinte sie dann. Die Alte kommt auf Ideen. Das tu ich jeden Abend, auch im Winter, einmal in jede Ecke des Grundstücks, damit auch Nachbars Köter Bescheid weiß. Ich könnte mich totlachen über die Schnepfe, ich weiß genau, dass sie am liebsten noch gefragt hätte, warum ich die dänische Fahne gehisst habe. Hat sie aber nicht. Dafür hat sie gefragt, wie ich denn auf die norwegische Fahne gekommen bin. Da war ich einen Moment plerpex, nein, perplex. Ob ich Fan von skandinavischen Krimis bin. Wieso jetzt skandinavische, eben hat sie doch noch nach der norwegischen Fahne gefragt. Die ist voll durch den Wind, blöde Kuh. Ich les keine Krimis, ich lese überhaupt nicht, hab ich sie angeblöfft, da hat sie echt überrascht geguckt. Oder so getan oder was weiß ich. Hätte mich gar nicht erst auf so ein Gespräch einlassen sollen. Die Alte versteht das nicht. Ich hab das doch gar nicht nötig, der was zu erklären. Morgen kommt die dänische oder was auch immer Fahne weg, so viel steht fest, und dann hiss ich ihr eine ganz Spezielle, irgendwas Gestreiftes, aus irgendsonem Macholand, Italien oder so, drei Farben auf jeden Fall, und wenn sie mich dann fragt, ob ich italienische Opern mag, dann, dann weiß ich jetzt auch noch nicht, was ich ihr sage, aber mir fällt schon noch was ein. Ist nur neidisch, die Alte, aber voll, wie nennt man das doch mal, Phallusneid oder so. Haha. Fahnenneid. Ach ne, Fahneneid. Die redet einen schwindlig, ich hau ab.

Weißer Mann fragt: Glückliche Männer?

Die Männer kennen alle dieses Gefühl: Die Welt steht Kopf, sogar die Frauen machen Kopfstand und trotzdem fühlt man sich als Mann beobachtet.
Was der schlichte Vertreter des männlichen Geschlechts lapidar als  Verfolgungswahn abtut, hat wohl traumatische Erlebnisse als Grund.
Tante Elli im Kindergarten stand doch ständig auf der Matte, wenn mal ein Mädchen gequält wurde, wobei das nun wirklich harmlos war, sie mit einem sich kringelnden Regenwurm unter die Büsche zu treiben. Wir schrien dabei immer laut: Friss ihn, friss ihn, wir wissen, dass du keine Wecktarierin bist. Wir wussten nicht, was eine Wecktarierin ist, aber es wirkte. Tante Elli wusste es auch nicht, wurde aber ungehalten, und hätte fast mit der Sandschüppe zugeschlagen, wenn nicht zufällig der Pastor in der Nähe gewesen wäre.
Na, und dann Fräulein Tönsmann noch, die Handarbeit unterrichtete, ein Fach, das damals schon unterbewertet wurde und schließlich ganz verschwand, die die Nase rümpfte und Jungen, die ihr damals noch unterlegen waren, am Ohr in den Klassenraum führte, wenn diese ungezogen gewesen waren. Aus ihrer Sicht ungezogen. Frau Tönsmann lebte allein und litt wohl unter ihrem Fach, das keiner wollte.
Die Jungen sind jetzt erwachsen, oder geben es vor. Insgeheim aber steht immer noch eine Übermutter hinter ihnen und beobachtet sie auf Schritt und Tritt. Es ist kein Wunder, dass sich erwachsene Männer von Frauen verfolgt fühlen.
Jeder sei glücklich genannt, an dem der Kindergarten vorbeigegangen ist, bzw. umgekehrt.
Die Schule und Fräulein Tönsmann blieben keinem erspart und deshalb gibt es auch keine wirklich glücklichen Männer.
Ein Beitrag von Gemüsegrafik/Martin Obst Lübbecke 2011

In zwei Minuten einen kleineren Kopf

Menschen mit großen Gesichtern, mächtigen Köpfen und undimensionierten Mündern können aufatmen. Die Textilindustrie hat einen kleinen Helfer entwickelt, der in zwei Minuten aus einem Dickschädel einen schmallippigen und auf das Wesentliche reduzierten Kopf macht, der in der Öffentlichkeit nicht aneckt oder im Weg rum hängt.
Mittels eines Schlauchtuchs, das zu 100% aus chinesischer Textilsynthetik besteht, also eine Haltbarkeit -man spricht auch von Halbwertzeit - von generationenüberdauernder Qualität besitzt, kann das Haupt optisch verkleinert werden.
Das macht den doppelten Wert des Tuches aus: Haltbar und doch nützlich. Wer es für den Kopf nicht gebrauchen kann, hat ein nützliches Reparaturutensil, wenn einmal der Zahnriemen reißt oder der Kampfhund an die Leine genommen werden muss, weil ein komisch riechender Zeitgenosse die Zeitung bringt.
Millionen zufriedener Kunden könnten ein Lied davon singen, im Chor der optisch Kopfverkleinerten praktisch, vielleicht unter der Leitung von Gotthilf Fischer, dem das Tuch auch gut stünde.
Alles in allem sollte man die Chinesen nicht unterschätzen, vor allem dass sie sich über Probleme des Abendlandes Gedanken machen, da in Asien doch eher der Filigranschädel  gezüchtet wird.

Weißer Mann fragt: Warum auf Erwachsenen rumhacken?

Wir waren doch alle mal jung, und die anderen sind es noch. Dem jungen Menschen verzeiht man Fehler, man fordert ihn sogar auf, welche zu machen, damit er aus ihnen lernen kann. Dem Erwachsenen wird nichts nachgesehen. Im Augenblick hackt das Volk, die Opposition und der Koalitionspartner auf dem Außenminister herum. Viele hatten nach der Regierungsbildung gehofft: Ha! Der wird Außenminister, dann sehen wir ihn nicht mehr so oft im Inland. Man vergisst immer wieder die Allgegenwart der Medien. Also, nichts mit "Den sehen wir nicht so oft!"
Der Mann hat ja nun genug mit seinem Aussehen, seiner Beziehungsrolle und auch seinem Spaßmobil-Image zu kämpfen, da muss man ihn nicht auch noch inkompetent schimpfen, oder arrogant, oder überheblich, oder opportunistisch, oder günstlingswirtschaftlerisch, oder unappetitlich! Der Mann war auch mal ein Kind, das Träume hatte, und der vielleicht, weil er früh schon Brillenträger war, gehänselt wurde. Vielleicht hat ihn seine Mutter nie wirklich geliebt, sondern immer nur so getan, als ob. Was ein unerlöstes Verhältnis zur Mutter bewirken kann, das mag man sich nicht vorstellen, da sagt jeder schnell: Meine Mutter hatte mich lieb.
Darum, Menschen an den Bildschirmen, seid milde gestimmt. Vergebt denen, die dummes Zeug erzählen oder sogar tun. Wer weiß, ob ihr es besser könntet, nur weil eure Mutter euch nicht links liegen gelassen hat.

Eva kocht Rotkohl


'Mit Rotkohl auf dem Weg der Achtsamkeit' - vielleicht konnte Eva mit solch einem Titel wieder ins Buchgeschäft kommen. Oder 'Wie Rotkohlschneiden spirituelle Energie freisetzt'. Einen Trend hatte der Verlag gefordert, aber unverfänglich und politisch korrekt. Sie schnitt den Kohlkopf durch und seufzte. 'Nur der Pudding hört mein Seufzen' - noch vor wenigen Jahrzehnten war es möglich gewesen, mit solchen Titeln Bestseller zu landen. Damals war Eva noch naturblond und Frauen waren zufrieden mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter und konnten über Lieder wie 'Das bisschen Haushalt' herzhaft lachen. Und sich wieder fügen. Eva wollte sich gern den Anforderungen des Buchmarktes fügen, aber sie wusste einfach nicht wie. Das einfache Leben war ein Trend. Vielleicht ginge 'Kartoffeln, Rotkohl und braune Soße', aber Eva ahnte, dass der Verlag wieder nicht einverstanden sein würde. Und dass sie noch längere Zeit das Glück, nur Hausfrau und Mutter zu sein, genießen müsste.

Vorsicht vor Bossing!

Eine Variante des Mobbing ist das Bossing. Der Chef quält seine Mitarbeiter, häufig durch sein Äußeres. Er sieht belämmert aus, aber alle müssen sagen, dass der Meister prächtig daherkommt, eine Lilie auf dem Felde, die nicht arbeitet, aber mächtig abkassiert. Der die Verantwortung trägt, wenn das nicht klappt.
Und dann Bossing: Der Chef hat sich eine Tüte über den Kopf gezogen und tut so, als ob nichts sei! Die Mitarbeiter werden hier einem quälenden Test unterzogen, denn es geht darum, die Anzahl der Arbeitnehmer zu reduzieren. Umstrukturieren heißt das. Outsourcen. Freistellen. Was Euphemismen sind, weiß nicht jeder, der Chef häufig auch nicht. Aber anwenden kann er sie und Verhaltensweisen, die zum Ziel führen. Bossing eben. Na, Meyer, wie geht's? Das ist die lapidare Frage an den ungeliebten Angestellten, der gern vor der Tür stehen sollte. Und Meyer muss zurückfragen: Und selbst, Chef? Der hat die Tüte über dem Kopf und hofft auf die Frage: Na, Chef, heute wieder durchgeknallt? Das wäre ein Kündigungsgrund.
Der Arbeitnehmer bemerkt aber lediglich: Chef, sie sehen wirklich gut aus heute. So glatt, so unverknittert, so tütig.
Ein Schleimer, erkennt jeder sofort, aber was tut man nicht alles in unsicheren Zeiten? Der Chef weiß: Meyer geht: Der traut sich nicht einmal, den Chef zu fragen, ob er einen Schatten oder eine schizophrene Irritation hat! Der ist nicht zu gebrauchen in einer Ellbogengesellschaft, wo jeder gerne selber Chef wäre.
Andererseits: Hier in der Firma kann auch nicht jeder sagen, was er will. Denn die Zeiten sind hart und da muss man sich auch anpassen können.
Das Konzept greift: Mobbing ist asoziales Verhalten. Wenn's der Chef macht, heißt es eben Bossing. Und das kann man und darf man nicht in einen Topf werfen!

Aus Politik und Haarschmuck: Perückenwechsel

























Ein Beitrag von Gemüsegrafik/Martin Obst Lübbecke 2011

Suchen und Finden


Sie hatten sich gewundert, dass die Koordinaten sie nun auch noch in einen Stall führten. Doch sie trauten ihrem GPS und fanden tatsächlich den Cache im Stall in einer Futterkrippe im Stroh. Ungewöhnliche Fundorte gab es beim Geocaching reichlich, doch dass so viele Leute im Stall waren, war etwas seltsam. Die drei Freunde, Männer im besten Alter, die sich gern noch als Jungs bezeichnten, fischten den Cache aus dem Stroh und unterschrieben, um zu beweisen, dass sie dort gewesen waren. Sie waren etwas erschöpft, denn diese Suche war extrem langwierig und kompliziert gewesen. Alle drei hatten den außergewöhnlich hellen Stern bemerkt, der sie einige Nächte lang begleitet hatte, doch voreinander hatten sie ihre Verunsicherung nicht zugegeben. Eigentlich war das Ganze ja als Hobby gedacht, als Ausgleich zum Berufsstress und naja, manchmal auch, um einfach von zu Hause wegzukommen, ein Risiko würden sie natürlich nie eingehen, aber wenn man so unterwegs war, konnte man schon mal die Zeit vergessen, und aufgeben, bevor das Ziel erreicht war, kam natürlich gar nicht in Frage, aber es war ja alles gut gegangen, sie hatten es mal wieder geschafft. Die Drei quatschten noch ein bisschen mit den anderen im Stall, die, wie sich herausstellte, keine Geocacher waren, und wollten sich auf den Rückweg machen. Ihre Frauen waren sowieso schon knatschig wegen der ungewöhnlich langen Tour. Zum Glück hatten draußen ein paar bärtige Typen ein Feuer gemacht und boten ihnen Bratwürstchen an. Schade, dass man durch solche Heldentaten nicht berühmt wird, dachten sie insgeheim.

Felix MB - Lieder ohne Worte: Der Sturzhelm (2011)

Georg Krakl: Gedicht mit "Einkaufsladen" drin (2011)

Ich kaufte ein in meinem Lieblingsladen.
Dort traf ich eine fremde Frau
und dacht': Die hat wohl einen Schaden.

Ach, Frau, ach, meine Güte!
Sie stecken ja in einer Tüte!
Die Frau: Ein Mann hat mich gekauft
und diese Tüte  für den Kauf benutzt.
Erst hat er fürchterlich geschnauft,
dann war er ganz verdutzt,
weil die Kassiererin sein Geld verlangte.
Er lief davon. Mir bangte
erst, jetzt steh ich vorm Regal,
als Sonderangebot und ganz legal.

Mit einer Tüte überm Kopf im Einkaufsladen,
heißt noch lange nicht, man hätte einen Schaden.
Vielleicht den Spott. Vielleicht den Hohn.
Ich schlich mich tief beschämt davon.

Vorsicht Schweinegrippe!

Virennest Muff

Schweinegrippenzeit! Unmengen an Spritzmitteln liegen nutzlos herum, anstatt in Körper anfälliger Menschen injiziert zu werden. Leider hätte man für das Geld gut die Frostlöcher dieses Winters in den Straßen stopfen können, aber zurückgeben geht nicht. Da ist die Pharmaindustrie stur.
Unter der Hand wird gemunkelt, es gebe eine ganze Reihe von Schweinegrippenüberträgern, vor denen man sich hüten oder  mit denen man vorsichtig umgehen müsse. Dazu gehört der Muff, der ja durch Rückzüchtung wieder groß im Kommen ist.
Tipp: Den Muff niemals ohne Handschuhe benutzen! Gerade in den Einschubtaschen nisten sich gerne die üblen Viren ein, die dann mit dem Grippespitzmittel behandelt werden sollen. 
Die Mittel helfen nicht in akuten Fällen, aber sie können die Angst vor einer Infektion verhindern. Erst gespritzt, dann geschützt!, könnte der Slogan lauten.
Vor Dingen, die man nicht kennt, kann man keine Angst haben. Also, liebe Medien, öfter mal das Wort Schweinegrippe auf die Seite oder in den Mund nehmen. Dann gibt es auch Abnehmer für den Stich in den Oberarm. 
Wer kein Abnehmer sein will, tut so, als wisse er von nichts. Schadet ja auch nicht.
Wer wegen der Handschuhe im Muff warme Hände bekommt, kann den Muff auch ganz weglassen. 

Umgang mit Tieren: Pferde verwirren

Pferde sind häufig schon genug verwirrt, sie wissen nicht, warum sie auf dem Rücken einen Menschen, meistens eine Frau, herumtragen müssen und bestimmte Fortbewegungsarten vorzeigen sollen, die von angetrunkenen, alten Männer mit Hut, die am Rand einer mit Sägespänen ausgestreuten Halle sitzen, mit bestimmten Zahlen bewertet werden.
Dann zeigt sich Frauchen plötzlich mit einer Spitztüte auf dem Kopf, die sogar das Gesicht bedeckt.
Ein Pferd, das sich vielleicht in mühsamer Kleinarbeit an seine Besitzerin gewöhnt hat, kommt ins Grübeln, wenn wir voraussetzen, dass Pferde eine intuitive Art des Denkens pflegen. Was ist los?, drückt das matte Gesicht des Rosses aus, dessen Ausdruck sich zwischen Futternarkose und Stehschlaf bewegt.
Das Frauchen hatte ihrer Obsession gefrönt - Herumlaufen mit einer Spitztüte über dem Kopf- und dabei gedacht, sie könne ihrem Pferd einmal auf die Sprünge helfen, denn etwas unbeweglich, nicht nur geistig, war der Gaul ja schon und auf dem letzten Turnier war ihr der Zossen durchgegangen, nur weil einer Richter mitten in der Prüfung eine ruckartige Bewegung gemacht hatte. Der letzte Doppelkorn hatte den Kreislauf außer Gefecht gesetzt.
Konfrontationprophylaxe nannte Frauchen das selbst ausgedachte Programm zur psychischen Stabilisierung des Reittieres, um allem Unvorhersehbarem auf dem nächsten Turnier entgegenzuwirken.
Das Pferd hingegen denkt bei sich: Was will denn die Frau? Die soll jetzt Futter in meinen Trog kippen und dann Licht aus! Ich will meine Ruhe. Es reicht doch, wenn ich nächsten Sonntag wieder vor betrunkenen Schiedsrichtern Zügel aus der Hand kauen muss! Widerlich! Zügel kauen! Aus der Hand! Wer auf dieser tierfeindlichen Welt hatte sich nur diesen Blödsinn aus gedacht?
Kunst kommt vor dem Tierschutz. Es ist schon eine Kunst, mit einer Sitztüte auf dem Kopf vor einem Pferd herumzustehen. Davor kann man nur den Hut ziehen.

Opa hat einen Kasten


Opa freute sich, denn er gehörte zu den ersten Empfängern des kostenlosen Schuhputzkastens für Senioren. Die Absicht war klar; ältere und alte Menschen sollten die Gelegenheit erhalten, sich nützlich zu machen, denn es ist erwiesen, das Gebrauchtwerden Menschen gesund und glücklich macht. Opa fand den Schuhputzkasten schön, denn er erinnerte ihn an seine Zeit beim Militär, als Schuheputzen noch ein Wert an sich war. Opa hatte immer die allersaubersten Schuhe gehabt, auch den saubersten Gruß, und trotzdem ging der Krieg verloren. Opa dachte gar nicht daran für seine langhaarigen und nichtsnutzigen Enkelkinder die Schuhe zu putzen, jetzt wurde auch noch die Wehrpflicht ausgesetzt, wer lernte denn jetzt noch Schuhe vernünftig zu putzen? Und anständig zu grüßen? Der Schuhputzkasten wurde Opa allmählich zum Fluch, denn der Vergleich von gestern und heute war schmerzhaft und Opa wurde jetzt erst so richtig bewusst, dass er einer von gestern wenn nicht sogar von vorgestern war. Sicher gehörte der kostenlose Schuhputzkasten noch zum Entnazifizierungsprogramm, für die letzten Ewiggestrigen. Opa seufzte. Er hatte verstanden. Eigentlich war doch auch alles gut so wie es gekommen war. Er nahm die Bürste aus dem Kasten und massierte Oma, die in der Badewanne saß, damit den Rücken.

Christiane Alles-Wiemansnimmt: Gedichte mit einer Tüte über dem Kopf(3)

Vuvu Seeler gewidmet
Wie sehr ich die Tüte brauche,
habe ich erst gemerkt,
seit es nicht mehr tütet.

Wie sehr ich einen Menschen liebe,
habe ich erst gemerkt,
als ich von Tüten und Bläsen keine Ahnung mehr hatte.

Ich habe Angst,
irgendwann ganz im Tütenland
zu leben...

schon jetzt
treffe ich
zu viele Menschen,
die "leben" wie Einkaufstüten einer bekannten Einkaufskette.

Blättere doch mal um!
Du liest schon zu lange
auf dieser Seite.
Kannst du aber nicht!
Ein Baum hat Blätter,
ein Blog aber nicht.

Gute Vorsätze


Der große Bär hatte gute Vorsätze für das neue Jahr und dummerweise hatte er dem kleinen Schwein davon erzählt. Er hatte sogar behauptet, er wolle aus Liebe zum Schwein endlich den Honigtopf ins Feuer werfen, obwohl beiden klar war, dass er nur Honigtöpfe lieben konnte, aber keine Schweine. Seit Tagen saßen sie vor dem Feuer und die Stimmung wurde immer schlechter, denn das kleine Schwein konnte nun gar nicht anders, als die Liebe des Bären an das Vernichten des Honigtopfes zu knüpfen. Die Haushälterin hatte Mitleid mit den beiden und ihrer ausweglosen Situation. Sie hatte schon viele Beziehungen zerbrechen sehen und glaubte nicht mehr an die Heilkraft konstruktiver Gespräche. Aus dem Altpapier suchte sie einige Buchstaben heraus, die sie, Beschwörungsformeln murmelnd, hinter Bär und Schwein aufstellte. Dabei war das Ende der Liebe zwischen den beiden längst besiegelt. Als der Bär seinen Hunger nicht mehr bezähmen konnte, warf er das hilflose Schwein und die Weihnachtskarten ins Kaminfeuer und aß den Honig auf. Schmatzend dachte er über die psychologischen Hintergründe seiner Tat nach und er verstand sich.

Christiane Alles-Wiemansnimmt: Gedichte mit einer Tüte über dem Kopf(2)

Wir machen uns
oft "unangreifbar"

mit dem Mäntelchen
der Überheblichkeit
der Tüte
der Arroganz
und den dicken "Cool"-Oberhemden.

...und fragen dann,
warum
wir
was an der Klatsche
haben.

Christiane Alles-Wiemansnimmt: Gedichte mit einer Tüte über dem Kopf


Heute habe ich
mich selbst umgarnt.

Ohne mich zu verstricken.