Trecker werden in Frankreich verstoßen


Im heimischen Raum ist der Trecker auf dem Lande ein Statussymbol; der mit dem größten, mit dem stärksten, mit dem schniekesten und den größten Reifen am Fahrzeug ist der König für einen Sommer.
Ganz anders in anderen Ländern, etwa in der Auvergne in Frankreich: Da ist jeder froh, wenn er seinen Trecker los wird. Wie das Tierheim die ausgestoßenen, abgelegten Heimtiere in Obhut nimmt, die nicht mehr den Ansprüchen der Besitzer genügen, so stößt der wegen einer Missernte frustrierte Landmann seine Zugmaschine ab und platziert sie auf ödem Feld neben dort harrenden Genossen.
Als warteten die Abgelegten auf das Startzeichen zur Rallye Paris-Dakar, stehen sie in Reih und Glied und rasten zwangsweise und rosten.
Der Franzose isst Baguette und trinkt tagsüber Rotwein: Das sind die Vorurteile, denen sich ein neues dazugesellt: Er verstößt seine Trecker und lässt die Zeit an ihnen nagen.

Vincent van Eijnoor: Mutter hat ein Huhn geschlachtet (2010)


Mutter hat ein Huhn geschlachtet.
Jetzt sieht sie traurig aus.

Stopp - Die Zeiten ändern sich


Früher reichte das einfache STOP!, um einen Mitmenschen zum Halten zu bringen. Erst mit dem Aufkeimen der Rechtschreibreform wurde es anders, die Menschen regten sich plötzlich auf, sie tobten und  schrien, was der Unsinn denn solle; sie hätten jetzt jahrzehntelang relativ ordentlich geschrieben, jetzt würden sie wieder mehr Fehler machen. Sogar die Rechtschreibunkundigen meldeten sich lautstark zu Wort: Geldverschwendung! Ob wir nach der alten oder nach der neuen Rechtschreibung falsch schreiben, sei doch wohl völlig egal! Und hören könne man das sowieso nicht, denn dann hätten sie eben "KäldverschwendunK! Opp wi nacht der Aktenordner nacht der neunten Regtschreimung flasch bier tringen, dusseldoof!" geschrieben.
Da reicht ein einfaches P nicht, um den Mob zu stoppen, da ist schon ein doppeltes dran. Heißt es jetzt Mob oder doch Mopp?

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch(16) - Anhänger


Hetti: Ich finde immer noch, der sieht komisch aus.
Marki: Der Wagen? Jetzt fang nicht....
Hetti: An den habe ich mich gewöhnt; ich meine, der Anhänger.
Marki: Das ist ein Wohnwagen.
Hetti: Nicht ernsthaft, oder?
Marki: Ja, soll ich mir vielleicht ein 8-Meter-Monster hinter das Cabrio hängen?
Hetti: Ich habe mir den Kopf gestoßen beim Aufstehen.
Marki: Ich habe gleich gesagt, lass uns andersrum schlafen.
Hetti: Das geht doch mit deinen großen Füßen nicht.
Marki: Ins Cabrio passen die ja auch.
Hetti: Da kannst du ja auch sitzen. Trotzdem: Das passt irgendwie nicht.
Marki: Ich kann mir nun mal die Füße nicht verkleinern. Du kannst ja beim Aufstehen besser aufpassen.
Hetti: Ungeschminkt ist das ganz schlecht.....
Marki: Sieht doch sowieso keiner.
Hetti: Aber du!
Marki: Ich kenne dich doch. Mich brauchst du nicht mehr zu beeindrucken. Ich weiß auch, wie du ohne Schminke aussiehst.
Hetti (bricht in Tränen aus): Nein!!!! Du bist gemein!
Marki: Wenn's doch stimmt.
Hetti: Also liebst du mich nicht mehr?!
Marki: Schon.
Hetti: Was heißt schon? Das ist doch keine Antwort!
Marki: Doch.
Hetti: Wie doch?
Marki: Ich-lie-be-dich-doch!
Hetti: Das sagst du nur so dahin.
Marki: Ich habe extra deinetwegen den Wohnwagen gekauft.
Hetti: Anhänger! In einem Wohnwagen stößt man sich nicht den Kopf.
Marki: Ich schon.
Hetti: Ja, du. Immer nur du. Du bist ein Ichmensch.
Marki: Und du bist ein Dumensch.
Hetti: Das gibt es gar nicht.
Marki: Wohl.
Hetti: Nein.
Marki: Und ob.
Hetti: Du musst dich entscheiden. Ich oder der Anhänger.
Marki: Ich nehm den Anhänger.
Hetti(heult lauter): Du Ungeheuer! Ich hätte auf meine Mutter hören sollen, als sie gesagt hat, du hättest Segelohren und einen Silberblick.
Marki: Was hat das denn damit zu tun?
Hetti: Ist jetzt sowieso egal.
Marki: Wenn du meinst.
Hetti: Ja, meine ich.
Marki: Und das Cabrio?

Überhört: Die Steel Guitar


Was haben wir früher nicht alles wohlwollend überhört? Oder wussten wir gar nichts von der Existenz einer Steel Guitar? Anfangs glaubten wir an Hawaii, an weißen Sand, Palmen und halbnackte Mädchen, die uns Blumenketten andienten. Das war wohl ein Traum.
 Cowboymusik war das, was Crosby und Kollegen da runterrasselten; es fehlte lediglich eine quietschende Geige, die zwischendurch auch ein paar Glissandi krächzte und ein Honky Tonk-Piano, dann hätte sich der enttäuschte Plattenkäufer mit einer Flasche Whisky den Frust weggespült.
Die Musiker waren wohl Wunschcowboys ohne eigenes Pferd; eine Pistole konnte ja damals jeder im Supermarkt kaufen. Die Gruppe wollte von diesem nervtötenden Gedudel, an dem sie hing, wie der Kuhtreiber an seinem Sattel, ablenken und verbreitete Botschaften für Eltern mit schwererziehbaren Kindern: Teach your children. Der Steel Guitar-Spieler tat, als interessiere ihn das gar nicht. Vielleicht war er selber ein Schwererziehbarer. Den größten und langanhaltensten Applaus erhielten Crosby und Co, als ihr Nervtöter mit der Brettgitarre auf den Knien wie erschossen vom Stuhl kippte und endlich die ganze Pracht des schönen Stückes zu hören war. Manchmal ist mehr wirklich weniger, bzw. umgekehrt.
Reinhören

Heißer Herbst

Die Grünen drohen ob der Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke, es werde ein "heißer Herbst" und die Regierungskoalition möge sich "warm anziehen".
Der kritische Konsument schluckt einen Moment und hält inne, irgendetwas stimmt hier nicht. Zwar ist er auf der Seite der Grünen, aber hat die bunte Claudia Roth ein Paradoxon konstruiert?
Wenn es heiß ist, zieht man sich nicht warm an. Dann würde einem ja noch heißer. Eher zieht man sich aus.
Ein Aufschrei geht durch die Republik: Angela Merkel im Bikini, Dirk Niebel in Badehose!
Die ganze unansehnliche Bagage in knappster Unterwäsche!
Sollte man da nicht lieber den üblen Kompromiss der Schwarzgelben hinnehmen, weil es die bessere Alternative ist?
Grüne, lasst den Herbst kalt werden, eiskalt, ganzganz eiskalt, damit sich die Koalition warm anziehen muss! Gibt denen Pelzmützen aus Zobelimitat, denn noch ist zu viel zu sehen von Gesichtern, deren Nasen immer länger werden, von Körpern mit kurzen Beinen.
Liebe Claudia Roth! Metaphern sind schön, wenn sie passen. Manchmal verwirren sie Sympathisanten, und das ist dann schade. Denken kommt vor dem Sprechen, sagt der weise Mann.

Ein Garten braucht einen Zaun(1)

Wenn ein Zaun fehlt, kommt es oft zu Alkoholmissbrauch
und Vandalismus
Damals wetterten die Ökofritzen in ihren Jacken aus rückfettender Wolle, während sie gemütlich ihre Socken strickten: Weg mit den Zäunen! Befreit Deutschlands Gärten! Wohin das geführt hat, kann heute jeder in der Tagespresse nachlesen: Die damaligen Gemüseliebhaber nennen sich zwar immer noch Grüne, tragen im Parlament aber keine Turnschuhe mehr mit Sohlen aus naturbelassenem Kautschuk und sind nicht mehr ständig schwanger, weil sie Verhütung ablehnen, sondern zeigen sich im Anzug und freuen sich, wenn sie einen Ministerposten bekommen haben. Jeder ist käuflich, meckert der FDP-Politiker, alles eine Frage des Preises.
Weg mit den Zäunen! Daran will sich kein Grüner mehr erinnern; mittlerweile hat er selbst ein schnuckeliges Eigenheim mit Naturschwimmbecken und Gewächshaus. Fehlt letztlich nur noch der Gartenzwerg, der wohlwollend und milde lächelnd das Ganze bewacht. Denn ein Zaun ist schon da, vielleicht, weil der Nachbar CDU-Wähler ist oder Katholik, weil der auf Spatzen schießt oder Katzenfallen baut, Hunde hasst oder eine verdächtige Glatze hat.
Vielleicht weil er schon beim Kauf des Hauses vorhanden war. Sachwerte ohne Grund zu vernichten ist der Umwelt nicht zuträglich, sondern belastet diese durch die Entsorgung.
Warum eigentlich die Existenz eines Zaunes umständlich erklären? Sie erklärt sich von selbst: Ein Zaun gibt Struktur in den Garten und in das Leben der Menschen, die ihn bewohnen oder benutzen. Er kann den heute Erwachsenen, die immer noch unter einer antiautoritären Erziehung leiden, die Grenzen aufzeigen, die sie seit Jahrzehnten vermissen.
Der Zaun kann Verantwortung einschränken und so das Leben erleichtern. Die Vogelmiere oder die Distel, die sich vom Nachbargrundstück leise durch die Einfriedigung schleichen will, kann eindeutig dem Nachbarn zugeordnet werden. "Hier, kuckensemal, das ist ihr Unkraut, tun Sie das gefälligst weg!" Dieser Satz hat endlich Beweis und Rückhalt und kann umso kräftiger artikuliert werden. Das Selbstvertrauen wird gestärkt, kein infantiles Stammeln mehr, wenn man sein Eigentum verteidigen muss.
Gleichzeitig hilft es bei der Kategorisierung der Mitmenschen. "Schlampe und Hempel" steht auf der Kiste, in die wir Nachbar Schmitz einsortiert haben. Der Angriff seines Würgekrautes fügt diesem Vorgang eine weitere Bestätigung zu. Wir hatten doch Recht.
Der Zaun macht die Welt überschaubar. Das ist meins, und das da hinten ist leider nicht meins. Überschaubarkeit entlastet das Hirn, das sich nicht ständig mit topographischen Problemen beschäftigen muss. Mit geschlossenen Augen durch den Garten rennen, ist der gut gemeinte Rat, haptisch-taktile Erfahrungen machen; die Kniescheiben werden uns schmerzlich signalisieren, dass wir die Grundstücksgrenze erreicht haben. Wie wissen schon die weisen Ärzte: Der Schmerz ist mein Freund. Und wir nehmen unsere Umwelt, unsere Gartenwelt, viel feingliedriger und vielfältiger wahr.
Der Zaun ist der Rahmen, aus dem wir nicht fallen werden.
(Wird fortgesetzt)

Weiße Oberhemden sind wieder im Trend


Jahrelang waren sie weg vom Fenster: Weiße Oberhemden. Mit der Auflösung der Kleinfamilie zugunsten von Singles, Alleinerziehenden und Patchwork-Families verschwanden auch die Wäscherinnen und Büglerinnen, die für ein strahlendweißes Oberhemd sorgten. Natürlich reicht ein Kauf bei Kik oder Ernsting's Family nicht aus, denn ruckzuck ist das weiße Oberhemd mit Eigelb, Rotwein, Leberwurst und anderen übelreichenden und widerlich aussehenden Substanzen besudelt. Da hilft nur Waschen und anschließend Bügeln. Wer will das schon machen? Natürlich die brave Hausfrau, die längst nicht mehr zu Hause herumsitzt. In den späten 70ern hielt man Schwarzes für hip und trendy. Schwarze Unterwäsche konnte endlich unbegrenzt getragen werden und das sah man nach dem Waschen nicht, weil nichts kontrastierte. Mit der Unterwäsche entwickelte sich ein allgemeiner Trend zu dunkler Kleidung, die war pflegeleicht; zwar nie richtig sauber, aber man hatte sie im Handumdrehen wieder im Schrank oder auf dem Leib.
Mit der Entwicklung zum Dunklen löste sich auch die Familie immer mehr auf; nur ein paar Unentwegte trugen weiterhin weiße Unterhosen und hielten die Familie stabil. Was der Mann "drunter" trug, konnte ja keiner sehen; die Frau am Herd und Tisch und im Bett wusste Bescheid, aber man blieb treu und es gab keine peinlichen Enthüllungen.
Während der Rest der Gesellschaft in Schwarz die Partner tauschte, schrubbte sich die gute Hausfrau die Finger wund.
Dann die Wende: Mit dem Fall der Mauer als Symbol für eine sich auflösende Gesellschaft sehnte sich der Mensch nach der Stabilität einer intakten Familie. Die ersten Männer begannen nach weißen Hemden zu schielen, die ersten Weihnachtswunschlisten wiesen wieder das bekannte SOS auf, Schlips, Oberhemd und Socken, mit dem Zusatz: Das Hemd bitte in Weiß, lieber Weihnachtsmann!
Bis heute erkämpft sich das weiße Hemd seinen Weg zurück in die Mediengesellschaft des 21.Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Herrschenden längst keine weißen Westen mehr haben, in der Unschuld an Bedeutung verloren hat.
Weißes Hemd! Geh voran!
Mehr Weißes Hemd

Ungestempelte, italienische Briefmarken


Endlich Post aus dem Urlaub anderer Leute! Man hat mich nicht vergessen! Freude kommt auf nach einer langen Durststrecke; ich bin nicht allein! Es gibt Menschen, die an mich denken! Man liest die Karte und überlegt, warum man mit Evi angeschrieben wird, der eigene Name ist Mario? Und wer sind Bruno und Barbara? Wieso schreiben die eine Karte? Kenn ich nicht!, schießt es durch den Kopf und dann kommt Enttäuschung auf, daraus resultiert Aggression. Die können mich alle mal, ich will meine Ruhe! Karten schreibt doch heute sowieso keiner mehr, wird rationalisiert. Und dann fällt der Blick auf die Briefmarke. Post aus Italien. Nicht abgestempelt! Typisch Italiener. Vorurteile werden hervorgekramt und helfen über den negativen Zustand durch eine fehlgeleitete Karte hinweg. Stempeln gehen können die, Stütze abholen, aber eine Briefmarke ordenlich zu entwerten, dazu reicht die Energie wohl nicht mehr, wenn man stundenlang vor der Bar herumsitzt  und Frauen hinterherglotzt, dabei Rotwein schlürft und selbstgedrehte Zigaretten raucht. Stundenlang. Wenn diese Faulheit wenigstens jemandem nützen würde! Eine ungestempelte Italienerbriefmarke hat einen Gegenwert von 0,65 €, aber eben nicht hier. Sie abzuknibbeln oder gar mit Wasserdampf zu lösen, bringt nichts. Da müsste man nach Italien fahren und sie auf einer Karte abschicken. Aber die Fahrtkosten!
Obwohl - vielleicht könnte man die Karte an sich selbst adressieren und bekäme endlich Urlaubspost?
Streng genommen gehört die Karte wohl Evi oder Bruno und Barbara.
Ehrlich gesagt: Italien ist kein Urlaubsland!

Endlich!


Endlich!
Hunde hinter Gittern!

Georg Krakl: Alter (2010)

Herrn Win zum Geburtstag:



Der Zitronenfalter
kennt kein Alter,
bleibt zeitlos schön und glatt
und hat nur eine Falte, wie das auf DIN-A 5- geknickte Blatt
von DIN-A 4.
Doch wir,
die an der Zeit so gern verzweifeln, haben Falten,
sind zerknittert, Karstgestalten.
Vollgestopfte Backen
können das Gesicht nicht straffen
und die Flügelschraube nicht am Nacken.
Wir werden irgendwann erschlaffen
und der Chirurg, der sogenannte Fratzenschneider,
den wir für unsre Furchen einbestellt,
für Stellen, wo wir eingedellt,
kann auch nichts retten.
Doch wir, die früher mal Adretten,
die Glatten, die Geschniegelten, die Feinen,
wir sollten lachen:
In jeder Spalte, jeder Furche, jeder Falte tost noch Blut.
Und das ist gut.
Zitronenfalter? Kann nichts machen.
Der ist schon nach acht Tagen kalt.
Wir Faltigen, wir werden alt!

Georg Krakl: Das Herz tut weh (2010)



Ach nee, ach nee,
mein Herz tut weh.
Ich hab der Liebsten gar ein Lied geschrieben,
doch sie ist einfach weggeblieben,
ich sei zu depressiv, zuviel vom Weltenschmerz,
und Lieder wolle sie nicht hören.
Ich könnt beschwören:
Das Lied ist gut,
wenn nicht noch besser.

Den Text hab ich vergessen.
So irgendwas mit griechisch Essen.
Ach, weiß sie denn, was sie mir tut?
Wie war doch gleich ihr Name? Ruth!
Janina, Nini oder Tessa!
Tessa!
Ganz genau! Die wusste immer alles besser!
Die ging so schnell auf meinen Zwirn,
die holde Maid, die doofe Dirn!
Bei Vera sei's mir Mahnung:
Von Liedern hatte Tessa keine Ahnung.
Drum schreib kein Lied für doofe Frauen,
die können dir die Depression versauen,
das Selbstmitleid, den Schmerz!

Ach, nee, ach nee,
wie tut mir weh das Herz!

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch(15) - Kleidung 2


TROYES 2010 - Irgendwie dachte ich: Was hat denn die Dame vor? Gehört die hier auf den Platz? Stöckelschuhe und dann auf dem Höckerklo. Gut, man weiß nie genau, wie weit das Wasser spritzt, wenn man denn Spülknopf betätigt, aber Stöckelschuhe sind auch nur bedingt geeignet, da neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Seitlich geschlitztes Kleid - bequem ist das schon, lässt Raum für ungewöhnliche Bewegungen. Trotzdem, dieses Material? Also, Frottee wäre ok. Das benutzen ja manche zum Duschen, also, duschen, anziehen, und  dann einfach drin abtrocknen.
Ein Kleid aus Kunstseide?
Nylonstrümpfe? Es ist mitten am Tag und Nylonstrümpfe sind vielleicht  was für abends.  30 Grad, die Luft ist schwül. Wer trägt da Nylonstrümpfe? Und dann dunkle Nylonstrümpfe. Mit dem bunten Kleid wird sie wohl kaum auf eine Beerdigung gehen. Eine Hochzeit! Sie ist Gast auf einer Hochzeit und übernachtet, weil das Geschenk schon so teuer war, auf einem Campingplatz? Und gleich geht es los zur Feier!
Trotzdem.
Ich werde später den Wohnwagen ausfindig machen und Details erkunden. Vielleicht ist sie auch beruflich in der Gegend.

Helmut Lotterie: Sieger im Contest

Lotti freut sich über den Preis: Ein Eis mit Metallic-Geschmack

Der Belgier Helmut Lotterie, von seinen drei Freunden zärtlich Lotti genannt, hat den José-Feliciano-Look-And-Sound-Alike-Contest gewonnen (JFLASAC).
Vermisst haben die Juroren lediglich die große Sonnenbrille und eine Giatrre mit Nylonsaiten. Beide hatte Lotti wohl in der Aufregung in der Pension auf seinem Zimmer vergessen. Auch die Haare waren nicht wie vorgeschrieben schwarz, sondern eher verwaschen blond. Ok, ein Hocker, um im Sitzen zu spielen und zu singen, war auch nicht da.
Lotterie war der einzige Bewerber im Contest und freute sich riesig über seinen Sieg.
Hören und sehen
Die Vorjahressieger hatten da noch ganz anders geglänzt: Zwar trugen sie statt der Haare bunte Spitzhüte und konnten nicht singen, aber sie hatte sogar zwei Gitarren.
Hören und sehen

Erkenntnisse der Frauenbewegung: Männer gibt es gar nicht

Wissenschaftlich ist jetzt laut amerikanischen Studien erwiesen, dass Männer lediglich mängelbehaftete Frauen sind. Von Gleichstellung kann also eigentlich keine Rede mehr sein. In der Urgesellschaft hätten  unschöne Frauen sich Männer genannt und angefangen, im Stehen zu pinkeln. Die Natur hatte dann ein Einsehen und spendierte den Stehpinklerinnen Schläuche.
Dass sich daraus Machtansprüche entwickelt hätten, die für tausende von Kriegen und für jahrtausendelange Unterdrückung der schönen Frauen geführt hätten, sei damals einfach nicht voraussehbar gewesen. In Wirklichkeit gebe es gar keine Männer und damit weder ein Emanzipations- noch Gleichstellungsproblem.
Jungen seien deshalb in der Obhut von schönen Frauen gut aufgehoben; wer will denn eine unschöne Frau als Vorlage, um seine Identität zu finden? Gender-Mainstreaming -  alles Humbug, Riesenbetrug und Geschäftemacherei!
Seien wir froh, Frauen zu sein!

Unzufriedene Tiere


Wie kann es sein, dass Meisen immer so unzufrieden aussehen?
Der Mensch hängt im Winter Meisenringe auf, oder bastelt sogar eigene Futterstationen aus umgekippten Blumentöpfen, mischt Sonnenblumenkerne mit Schweinefett, lässt es hart werden, und hängt es dann in die Lieblingsbäume der gefiederten Freunde.
Kaum geht es mit dem Frühjahr los, gibt es unzufriedene Gesichter, wenn Meisen überhaupt Gesichter haben.
Undank ist der Welten Lohn!, so scheint die Antwort aus den Knospen zu schallen. Die Insektenfresser sind gezwungen wieder selbst nach Nahrung zu suchen, sich aufzuraffen und hinter den Mücken herzujagen, um mal wieder satt zu werden. Schön, man kann es verstehen; wenn uns der Discounter vor der Nase dichtgemacht würde,machten wir auch lange Gesichter. Ein Kaninchen selber jagen? Ja, wie geht das denn noch? Plattgefahrene Tiere auf dem Asphalt will auch keiner in der Pfanne haben. Mensch und Tier sind verwöhnt; schlechtes Merkmal der nachindustriellen Gesellschaft, die es versäumt hat, ihre Nahrung zu digitalisieren.

Ein Blick in fremde Zimmer

Was horten die Menschen nur in ihren Wohnungen? Es ist vielleicht nicht schön, in fremde Wohnungen zu blicken, um irgendwelche Kuriositäten zu entdecken, aber manchmal drängt sich ein Fenster oder ein vollgepacktes Zimmer förmlich auf.
Man knipst ein Foto und zoomt das dann aus, wenn man  dem Objekt nicht nahe genug kommen kann. Dann fängt man in aller Ruhe an zu analysieren, ohne Gefahr zu laufen, vom Wohnungsinhaber erwischt zu werden. Der käme vielleicht auf die Idee, einem Voyeur in die Augen zu schauen, und wenn er dem nichts anzubieten hat, ist er vielleicht beschämt und flüchtet sich in eine Depression; schlimmer wäre, er fühlte sich erwischt und griffe zum Instrument der nach vorne gerichteten Aggression. Dann hieße es, schnell abzureisen, wenn man seine Beobachtungen von einem Hotelzimmer aus gemacht hätte.
Der schlaue Fotograf analysiert: 
Hat der "Nachbar" ein Sortiment Bambusstäbe, weiß gekälkt, vor dem Fenster lehnen oder sind es gebrauchte Regenrinnen, von denen die Farbe blätter? Warum, wenn ja, hat er das Eine oder das Andere in seinem Wohnzimmer stehen? Will er den Blick auf Wichtigeres verstellen? Hasst er den Blick aus dem eigenen Fenster auf das Hotelzimmer?
Will er den Fotografen in die Weißglut oder in die herbe Enttäuschung treiben, damit bei der fortgeschrittenen Analyse die Sicherungen durchbrennen?
Fragen über Fragen, aber keine Antworten.
Grundsätzlich ist zu überlegen: Was will ich mit den neuen Informationen nach der Analyse anfangen?
Bereichern sie mein Leben oder fühle ich mal wieder vom Leben auf den Opfertisch gepackt? Ich habe keine Bambusstäbe, ich habe keine Regenrinnen, von denen die Farbe abblättert!
Was macht dieser Mangel mit mir?
An dieser Stelle heißt es unbedingt aufhören, denn die Folgefragen stehen bereits Schlange.
Wer fehlt, ist jemand, der Antworten gibt.

Gedichte mit nur einem Reim: Probiert - Georg Krakl (2010)

Probiert

Mann, er hat wirklich alles ausprobiert.
Er hat studiert,
telefoniert,
radiert,
püriert
und sich geziert.

Demonstriert,
denunziert,
defloriert,
destilliert,
disponiert

desinfiziert,
desintegriert,

geschmiert.
Eigentlich geschmiert.
Nur geschmiert.
Rumgeschmiert.
Angeschmiert.

Abgeschmiert.

Gestern ist er abgeschmiert.
Ausprobiert.

(Zum Vergleich: Wolf Wondratschek - Chuck's Zimmer, Hamburg 4, München 1974)

Gedichte mit bunten Schuhen und einem falschen Reim: Letzte Ausfahrt - Georg Krakl (2010)

Letzte Ausfahrt

Letzte Ausfahrt
dahinter ist nichts mehr
letzter Fehlstart
der blaue Schuh ist schwer
der grüne auch
ich stehe auf dem Schlauch
die Laufbahn ist zu Ende
ich wische mir die feuchten Hände
an kalten Oberschenkeln trocken
was bleibt, sind meine Socken
und ihr Geruch.
Vom Sport hab ich genuch.

(Siehe auch: Wolf Wondratschek: Letzte Ausfahrt, in: Chuck's Zimmer, München 1974)

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch(14) - Mensch

SEDAN 2010. Ich habe es immer gewusst und hier in Sedan wird mir klar: Männer sind Menschen und dann gibt es noch die Frauen. Die heißen nur Frauen. Das ist hart. Besonders für die Frauen, so als seien sie Pilze, eine eigene Wesensabteilung, die irgendwo zwischen Tieren und Pflanzen rangiert. Nicht mal zwischen Männern und Menschen können sie sich ausloten, denn deutlich steht auf der Klo-Tür: WC Mensch. 5 Meter weiter: WC Frau. Der Engländer liest: Man. Das kann Mensch bedeuten, das kann Mann bedeuten. Toilet man kann aber auch Toilettenmann heißen, der vielleicht gleich kommt und abkassiert, der nicht einmal eine Brille abputzt, weil es die auf französischen Höckerklos nicht gibt. Toilet, nicht WC!
Wenn ich nur wüsste, was Mensch auf Französisch heißt! Was man den Frauen im Ausland alles antut! Wahrscheinlich gibt es dort noch nicht einmal eine Gleichstellungsbeauftragte, weil man seit Jahrzehnten  stattdessen Gleisstellungsbeauftragte verstanden hat. Europa - da gibt es noch viel zu tun. Da wünscht man sich das gute alte Esperanto wieder, da verstehst wenigstens keiner  was.

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch(13) - Likörchen

CHATEL DE NEUVRE 2010. Jede Nation hat ja so seine Eigenarten, besonders in der Aufnahme von Nahrung. Im Norden ist Alkohol sehr teuer, sodass der Nordeuropäer jede Gelegenheit nutzt, den günstigen Sprit im Süden, etwa in Frankreich, quasi auf Vorrat zu trinken. Dass das nicht geht, sondern lediglich zu Alkoholismus führt, merkt der Fehlgeleitete erst später. Bis dahin aber bewegt er sich in den luftigen Gefilden eines Paradieses, in dem Rotwein, Dosenbier und roter Likör im Überfluss da sind, in einer Art dänischem Schlaraffenland, Mund auf und ab geht die Post!
Am Morgen startet man mit einem Schlehenfeuer oder Eckes Edelkirsch, dazu wird etwas Baguette gereicht  und ein Croissant mit Konfitüre.
Während der Deutsche oder Belgier seinen Pastis zum Frühstück lieber aus Kaffeetassen trinkt, um den Schein zu wahren, zelebriert der Däne den Likör förmlich. Zu Hause muss er erst in der Lotterie gewinnen, um einen Vollrausch zu finanzieren; in Frankreich bezahlt er das mit links.
Das ist Luxus, und den will man zeigen, obwohl der Mensch aus Billigalkoholländern darüber schmunzelt und vielleicht sogar ein Foto macht.

Taiga Wutz: Mein Lieblingsschlager - Das Lied der Taiga

Nun, das Lied heißt eigentlich Sehnsucht und ist das alte Lieder Taiga, das damals meine Mutter sang! Ich erinnere mich nicht mehr daran, viel eher klang es wie Lalilu oder Still, still, weil Mutter endlich schlafen will!
Ein schönes Lied, das den Wodkakonsum in entfernten Gegenden der ehemaligen UdSSR besingt, die unendlichen Weiten der Steppen und die fehlende Liebe. Den Mangel spülte man mit einem Fläschchen Wodka hinunter, wenn das überhaupt geht, einen Mangel wegzuspülen.
Jetzt singt Larissa Strogoff, was ja sehr russisch und ein bisschen wie Boeuf Stroganoff klingt, das Lied, und sie stellt uns mit ihrer rauchigen und kehligen Stimme die Balaleika vor, die nach dem größten See in der Gegend benannt wurde und im Dr.Schiwago-Film den Schrabbel-Klang erzeugt, der damals in den Sechzigern die Herzen der unerfüllten Ehefrauen öffnete.
Larissa Strogoff lässt ihr Ohrgehänge klimpern, das an kleine Kronleuchter oder russische Plastik-Traumfänger erinnert, und wackelt mit dem Kopf, wobei ihre Augen aufgerissen sind und verzweifelt Kontakt mit dem Publikum aufnehmen wollen.
Endlich singt sie Dadadadadada, weil der Text bereits nach einhunterzwei Sekunden zu Ende ist. Aber: Ein Kind winkt zurück und Larissa spielt auf ihrer Gitarre vor Freude etwas schneller, weil das Instrument sowieso nicht zu hören ist. Der Bann ist gebrochen, die Sehnsucht nach Applaus wird gestillt werden.
Die Geigen drehen noch mal auf und die gesamten Taigaemotionen  breiten sich über das Publikum aus. Larissa schwankt auf ihrem Schemel hin und her und demonstriert, wie einen schlecht kanalisierte Gefühle manchmal vom Hocker zu hauen drohen. Daddadididadadidid-edi variiert sie jetzt und kehrt dann zum Text zurück: Die endlosen Stoppeln und die tiefen Wälder, singt sie, das Publikum staunt und denkt nicht über diesen verwirrenden Text nach; aber so ist der deutsche Schlager: Man versteht nicht wirklich, was da gemeint ist, aber es hört sich gut an.
Larissa Strogoff endet mit einem Mmmmmmmh und macht damit nichts falsch.
Schön, schön, schön.
Jetzt anhören!

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch(12) - Kleidung


TROYES 2010: Der Mann auf dem Campingplatz kann alles tragen. Niemand schreit herum oder ruft den Platzwächter, geschweige die Security, wenn Kleidung deplatziert wirkt. Die Frau passt sich an, denn sie reist ja mit dem Mann, der das Wohnmobil oder den PKW mit Wohnwagen steuert.

Häufig will man vom Karomuster der  halblangen Unterhose, die auch als lange Shorts (wie absurd!) oder kupierte Jeans durchgeht, die Nationalität oder den Clan ableiten, manchmal ist es aber nur die persönliche Vorliebe des Trägers für Tischdeckenmuster, die zu ungewöhnlichen Kombinationen führt.
Zur knielangen Hose, die der ausgeblichenen Flagge von Schweden oder einer belgischen Widerstandsgruppe ähnelt, wird in der Regel das langärmelige Oberhemd getragen, darunter das Doppelripp-Unterhemd; ein Paar dunkle Socken und die obligatorischen Sandalen ergänzen. In diesem Dress ist man immer auf der sicheren Seite; die Menschen auf dem Platz wenden ihre Aufmerksamkeit dem Modegewandten zu. Die Frau bleibt farblich angepasst und kontrastiert die Socken mit einer gleichfarbigen Kunststoffumhängetasche. Wer besonderen Wert auf Chic legt, hat einen grau-beigen Hund undefinierbarer Rasse, leicht übergewichtig, an der Kette. So werden in jedem Restaurant Plätze frei.
Tagsüber kann das Arrangement des Mannes noch durch ein Stirnband erweitert werden, in dem vorn eine Taubenfeder steckt. Das betont das Erdverbundene und stellt eine Verbindung zum Element "Luft" her.
Neider halten solches Outfit für eine Zumutung und kratzen sich verlegen an der Funktionswäsche.
Ich werde morgen abreisen, damit ich mein T-Shirt nicht wechseln muss.

Hydra 2010



















GEMÜSEGRAFIK  (Martin Obst 2010)

Segelohren schon bei den Römern ein Grund für Mobbing


Neuere Ausgrabungen haben Beachtliches ergeben: Schon die alten Römer litten unter Segelohren.
Mehr noch als der größere Luftwiderstand beim Wettlauf störte die Altvorderen aber das Gelächter der Kameraden. Hey, Lucius könnte gut als Leitelefant in Hannibals Truppen über die Alpen marschieren!, geierten die Kollegen in der Legion, ohne zu wissen, dass Hannibal demnächst "ante portas" stehen und den Großmäulern etwas auf das Ihrige geben  würde. So bekamen Mobber damals viel eher ihr Fett weg als heutzutage, wo jeder jeden klein machen kann.
Segelohren galten bei bestimmten mongolischen Stämmen sogar als Schönheitsideal; als Kriegstrophäe war sie heiß begehrt, sodass man den Besiegten die Hörmuscheln abschnitt. Leider konnte man nicht genau beweisen, dass diese segelförmig abgestanden hatten und der Brauch verschwand. "Das sind nur anliegende Ohren, das zählt nicht!", waren die lauten Einwände der Komkurrenten, und die mutigen Ohrensammler bissen vor Wut in die Tischkante oder in die Jurtenwand.
Heute droht man dem Gegner gern mit "Ich verpasse dir gleich einen Satz heiße Ohren!", was besonders bei weit abstehenden Muscheln gehörig wehtut.
Warum Segelohren aber als unschön gelten, kann bislang niemand beantworten. Vielleicht weil sie einfach hässlich sind.

Es gibt immer einen Ausweg


Du sitzt in einem Hotelzimmer, sagen wir, in Wittloch, wo auch immer das liegen mag. Das Wort Loch bereitet dir Magenbeschwerden und es ist düster. Du bist gefangen.
Gefangen in deinem alten Leben.
Du weißt, es muss heute passieren, du musst diesen Ausweg finden, der dich hinausführt ins Licht.
Der Abluftfilter sirrt und stößt heiße Luft aus, die  nach Pommes frites und Schaschlik stinkt.
Das kann es nicht sein.
Du willst nicht riechen wie ein unterbezahlter Pommesbudenangestellter, oder schlimmer, wie ein Pommesbudenbesitzer, der sich keine Angestellten leisten kann, nicht mal aus dem Ostblock.
Der Ausweg, die Luft, das Helle, der Tag, die Zukunft. Das gilt es zu finden.
Das Fenster steht offen. Der bequeme Weg.
Du wählst die Tür.
Du bist dein Held.

Günter Krass: Haarschnitt


Du hast die Haare schön!, singt der angetrunkene Kegelverein, wenn der blondgelockte Zugbegleiter durchs Abteil huscht, vielleicht einen Moment bei den Neuzugängen verharrt, die Karten betrachtet, einen Stempel aufdrückt und in die Erste Klasse verschwindet.
Du hast die Haare schön! Das gab es doch früher nicht, das sagte man nicht zu einem Jungen. Das war unmännlich. Es war zum Heulen.
Du hast die Haare zu lang, die stehen ja schon auf den Ohren, und auf dem Kragen setzen sie auch schon auf. Du gehst zum Frisör!
Lange Haare waren modern, das wusste jeder. Es hatte sich nur noch nicht bis ins Elternhaus rumgesprochen. Traurig. Zum Heulen eigentlich. Kleemanns Atti schnitt kurz. Er hatte für Jungen einen einzigen Schnitt, und der war kurz. Der stammte noch aus den 30er Jahren. Facon-Schnitt. Die Haare an den Seiten mussten unkämmbar sein. Die mussten unsichtbar sein. Schneidig, drahtig, flott. Wenn man oben alles wegschnitt, war es amerikanisch. Auch flott, sagten die Damen.
Wenn Attis Laden leer war, wurden die Haare immer kürzer, als wenn Männer auf den Bänken saßen und warteten. Atti erzählte und erzählte. Er schnitt im Schlaf.
Seitdem schreibe ich Frisör mit ö.
Heute ist alles anders. Da gibt es Menschen, die freiwillig Glatze tragen. Da gibt es Gelockte und Gekämmte, Ungekämmte und Gebürstete. Schlecht Gebürstete und Frisierte.
Niemals hätte ich so viel Alkohol trinken können, um die Haare eines Zugbegleiters zu kommentieren.
Aber ich bin ja auch in keinem Kegelverein.

Recycling





















GEMÜSEGRAFIK(Martin Obst 2010)

Vincent van Eijnoor: Knochenmann (2010)


Der Knochenmann sprach: Ich kann deine Knochen sehen. Ich ließ mich nicht erschrecken und antwortete keck: Ich deine auch.
Gut, sagte der Knochenmann, dann einigen wir uns auf unentschieden. Ist genehmigt, sagte ich erleichtert.

(Belauscht auf dem Kongress der Röntgenologen)

"Rotkäppchen" aus der Sicht von Rotkäppchen

Der Wolf war cool, völlig überschätzt in seiner angeblichen kriminellen Energie. Ich musste den echt nerven, bis der überhaupt reagierte. So was von gelassen.
Wir haben dann die Flasche Roten geköpft und natürlich ausgetrunken. Der Wolf meinte, er stehe nicht auf halbtrocken; ich auch nicht, habe ich dann gelacht.
Irgendwann, wir hatten uns schon kräftig amüsiert, kam der Jäger, der kleinbürgerliche Sack,und meinte, ich solle mal schnell den Kuchen zur Oma bringen, weil er jetzt den Wolf erschießen müsse, denn der habe die Oma gefressen.
Ja, hallo?Hey, Momentemal, habe ich eingehakt. Was soll denn der Kuchen bei der Oma, wenn die den gar nicht essen kann? Und überhaupt: Der Wolf ist die ganze Zeit hier gewesen!
Der Jäger hat was von Genfer Konvention gemurmelt, das hat sowieso keiner verstanden und mir die Mündung seines Drillings unter die Nase gehalten. "Ab jetzt!", hat es geheißen. Zu der Zeit war der Wolf schon am Schlafen. Machte der ja eigentlich immer sofort, vor allem, wenn wir eine Pulle Roten drin hatten.
Ich habe dann bei der Oma geklingelt, die hat mal wieder nicht aufgemacht, weil der Klingeldraht irgendwie defekt ist. Na, dann nicht, habe ich gemurmelt und ihr den Kuchen vor die Tür gestellt. Einen eigenen Schlüssel hatte ich ja nicht; nicht mal die Oma hatte einen.
Unterwegs dachte ich dann: Vielleicht ist die Tür ja offen  gewesen, denn die Oma hat ja auch keinen Schlüssel. Sonst wäre sie ja ständig eingesperrt, oder ausgesperrt, je nach dem, wo sie gerade ist.
Vielleicht habe ich auch gerade gedacht, dass es erniedrigend ist, von so wenig Vertrauen zeugt, wenn die eigene Enkelin keinen Schlüssel hat.
Dann habe ich weiter gedacht, ob ich überhaupt die eigene Enkelin sein kann? Weil, ich bin ja ich.
Unterwegs bin ich über den Wolf gestolpert. Der rührte sich nicht mehr.
Tiefschlaf, habe ich so gedacht. Aber woher kam das Blut?
Rotwein, habe ich dann kombiniert, Rotwein, was sonst? Halbtrocken, so wie der auf dem Pelz glänzte.
Ob der Rotwein wohl auch feucht geglänzt hätte, wenn es ein trockener gewesen wäre?, dachte ich zu Hause.
Dabei bin ich eingeschlafen.
Habe dann geträumt, dass es auch feuchte Rotweine gibt.


Neue Mitglieder bei der FDP


Die FDP rekrutiert neue Mitglieder. Um den Imageverlust zu kompensieren, sollen jetzt aus dem Sportbereich ausrangierte Pappkameraden angekauft und mit dem FDP-Parteibuch ausgestattet werden.
Die Mitgleidsbeiträge sollten über die Gesundheitsreform finanziert werden, denn die gelben Jungs hätten in Bezug auf Vitalorgane eine Defizite aufzuweisen, auch im Kopf sei so gut wie nichts; damit wären sie ein Fall für den Notarzt.
Es gehe ja auch nur um die Mitgliedszahl, ansonsten sollten die Neugeworbenen sich unauffällig verhalten und nicht das Maul aufreißen. Da habe man schon den Guido, und der verstehe sein Mundwerk.

Was ist weise?


Verbunden sein, ohne sich einzuengen.
An einander hängen, ohne zu ersticken.
Ruhig bleiben, ohne nervös zu werden.
Bodenständig sein, ohne abzuheben.
Ein Klotz sein, aber nicht rumzuklotzen.
Knoten aushalten können, ohne an eine Lösung zu denken.
Neben der Schiene zu sein, ohne zu entgleisen.
Weise sein, ohne dummes Zeug zu erzählen.
Das ist weise.

Ch.Risto: Ballungszentrum (2009)


Ästhetik des Banalen.
Wunderbar, Risto.
Man muss nicht erst einen Reichstag verpacken. Das geht auch schneller und billiger.
Rahmen drum und zack!, fertig ist das Bild.
Da lacht der Sammler.

Wortergänzungsaufgaben für Männer mit Akzent ohne Muttersprache: Gack


Da brummt es in den Köpfen der jungen Männer mit schlechtem Deutsch und Akzent, deren Eltern nicht aus diesem Land stammen:
Wortergänzungsaufgabe 4002. Wie vom Sturm in die Markise gefetzt wirkt dieses Fragmant, das die Generierung neuer oder alter Wörter fördern soll.
Jetzt hocken sie vor ihrem Getränk und starren gebannt auf die Aufgabe.
Back, rutscht es aus A. heraus, sollst du Brötschen backen!
Tottalfallsch!, grunzt V., back isch ausländisch. Heiß zurruck, happisch in Schule gehört.
So geht das stundenlang hin und her, die Getränke werden geleert, die Flaschen gegen neue ausgetauscht, nur die jungen Männer bleiben und grübeln. Nach Einbruch der Dämmerung wird die Unterhaltung niveauloser, mit der Aufgabe hat sie wenig zu tun.
Gauck wäre die Lösung gewesen; gesucht war der Gegenkandidat zum noch nicht gewählten Wulff. Aber das Wort Gegenkandidat ist eine unüberwindbare Hürde. Da hätten sich die jungen Männer, symbolisch gesehen, die Schienbeine aufgeschrammt. Entschuldigend muss gesagt werden, dass der Sturm das U vergessen  und insgesamt sehr undeutlich geschrieben hatte.
Die Lösung gibt es diesmal in jeder Filiale von "Back-Becker".


















GEMÜSEGRAFIK (Martin Obst 2010)

Frische Brötchen von gestern sind heute nicht mehr da

Die Brötchen baumeln in der Tüte in  meiner Hand. Komisch, denke ich, etwas, was es gestern noch gar nicht gegeben hat, werde ich gleich essen.
Wie das Leben so spielt. Ich esse, verdaue, scheide aus. Input, output, sagt der Computerfachmann.
Und morgen: Vielleicht werde ich etwas essen, das es heute noch nicht gibt. Ganz zu schweigen von übermorgen.
Ich verliere mich ins Unendliche.
Was wird sein, wenn ich mal irgendwann keine Brötchen mehr esse?
Bleiben die dann liegen, ungekauft, ungegessen, unverdaut?
Es war schon immer alles da, und es verschwindet nichts, sagen die weisen Männer, die es wissen müssen und grinsen mit ihren zahnlosen Mündern.
Brötchenessen ohne vorher die harte Kruste einzustippen mag ihnen wohl nicht mehr gelingen. Aber darüber fantasieren, das können sie, die weisen Männer.
Sei es ihnen gegönnt von denen, die es tun. Die nicht immer darüber nachdenken.
Aber: Das muss es ja alles geben. Das ist gesellschaftliche Arbeitsteilung.
Die einen essen die Brötchen, die anderen denken darüber nach.
Da ich zu den Essern gehöre, schwöre ich mir, nicht mehr über diesen Schwachsinn nachzudenken. Vielleicht fallen mir sonst die Zähne aus.

Tiervölkerwanderung

Da haben wir es: Die Pinguine drehen durch. Das Klima verändert sich, die Frösche wachsen, die Elefanten werden kleiner und die Pinguine bleiben, wie sie sind. Aber sie drehen durch. Lange haben sie sich am Südpol aufgehalten; aber jetzt wollen sie den Kontinentalsprung wagen und sind auf dem Weg zum Nordpol, um endlich mal einen Eisbären zu sehen. Dass die aber über kurz oder lang geschmolzen sein werden, kümmert in der Ersten Welt kaum jemanden. Alle denken an die WM und daran, dass Deutschland den dritten Platz gemacht hat. Und: Wohin mit den Vuvuzelas?
Im Augenblick  wandern die Pinguine über die Große Resopalplatte, die sich in einer Geschwindigkeit von 5cm pro Jahr Richtung Recycling-Hof bewegt. Die Welt ist in Bewegung. Manche bleiben auf der Strecke. Vor allem Elefanten, klein geworden und gummiartig, sodass man die Rüssel demnächst als Gartenschlauch in deutschen Baumärkten finden kann, wenn die Pinguine ihre Drohung war gemacht haben werden: An uns kommt keiner vorbei! Beziehungsweise: Wir lassen alle links liegen. Oder: Wir gehen über lebende Leichen.

Evel Kniebel: Sei kein Frosch!

Hey, Leute! Seid keine Frösche! Hängt nicht irgendwem an der Backe und wartet, dass der sein Sorgentelefon anschaltet.
Macht mal was, was ihr überhaupt nicht könnt! Macht mal was, was euch überhaupt nicht liegt, wo ihr im Grunde völlig dagegen seid!
Selbstvertrauen, coole Brille, flotte Mütze, dicke Backe - und schon seid ihr wer!
Einfach mal nicht hinhören, wenn andere dich kritisieren!
Sich für nichts zu schade sein! Auch mal Praline lesen, wenn's keiner sieht.
Nicht immer dieses intellektuelle Gemeckere!
Das Leben leicht nehmen. Mitnehmen, was du kriegen kannst, egal, was sonst dabei rum kommt. Vom großen Kuchen was abkriegen. Frech sein und den Leuten ins offene Maul spucken.
Dafür braucht man keine Aknenarben.
Auch keinen Frosch.
Machen!
Wie euer Evel Kniebel!

Vincent van Eijnoor: WM ist vorbei (2010)


Der Ball ist rund, hatte damals Sepp Herberger postuliert und meinte damit, dass Fußball nicht gerade das große Ding sei, dass man einfach zu viel Bohai um das Leder mache und überhaupt sei Handball auch nicht der Renner. Sepp Herberger ist dann später zum Deutschen Jugendherbergswerk gegangen und hat dort das Übernachtungswesen für jungen Menschen zu Weltruhm verholfen.
In der Zwischenzeit hatte sich der Fußball als Sportart weiterentwickelt, über alle Kontinente verbreitet und auch in Afrika für Furore gesorgt.
Nachdem man im südlichen Bereich alle sozialen Probleme aus dem Blickfeld geräumt hatte, konnte der Viertelkontinent sogar die Weltmeisterschaft ausrichten.
Der Weiße Mann zeigte den Schwarzen mal wieder, wer den Ball treten kann. Jetzt bleibt eine große Leere.
Was ist Fußball schon ohne Ball? Ja, eben: Fuß.
Leere Stadien bleiben zurück und Probleme sind immer noch da.
Die Matchwinner aber suhlen sich im Ruhm und denken darüber nach, wo Afrika eigentlich liegt, vor allem aber Südafrika, und warum es da kühler ist als in Deutschland, Holland oder Spanien. Vielleicht weil es am Südpol ja auch nicht richtig warm ist.

Wortergänzungsaufgaben für Männer mit Akzent ohne Muttersprache


Hey, guckst du!, scheint es aus dem Gebüsch zu schallen; weit gefehlt, denn die jungen Männer, die keine eigene Muttersprache haben, obwohl ihnen eine Mutter an die Wiege gelegt worden war, machen sich Gedanken, wie sie ihre Mängel kompensieren können.
Wenn es mit dem Lesen nicht immer klappt, sind Bilder und Symbole hilfreich. Sie regen die linke Gehirnhälfte an und speichern langanhaltender, als wenn nur die rechte Seite in Betrieb wäre.
Nun, besser eine Gehirnhäfte, als gar kein Gehirn, denkt der Überhebliche, ohne zu wissen, dass man eine Hälfte nur haben kann, wenn auch ein Ganzes da ist. Damit wäre wir im Bereich der Mathematik, der mit Sprache weniger zu tun hat, es sei denn man will Textaufgaben lösen, was den obengenannten Männern aber fern liegt. Langer Text, kurzer Sinn: Was mag das Schild den Männern im Gebüsch sagen?
a) Das Motorrad steht über dem Auto, da es schwieriger ist, mit zwei Rädern nicht umzukippen.
b) Unter dem Strich bleibt dem Motorradfahrer nur das Auto.
c) Vorsicht, Drahtseilakt! Nicht mit dem Auto untendurch fahren!
Gegen Abend werden wir ein leises Mahlen und Knirschen hören, wenn die beiden linken Gehirnhälften der jungen Männer mit Akzent und ohne Muttersprache grübeln und aneinanderreiben. Es ist längst dunkel, wenn sie, vielleicht enttäuscht, dass sie keine Lösung gefunden haben, nach Hause gehen, um mal eine Nacht darüber zu schlafen.
Die Lösungen gibt es diesmal beim Gewerbeaufsichtsamt, das auch für das Abheften von Drahtseilakten zuständig ist.

Golfergruß























GEMÜSEGRAFIK(Martin Obst 2010)

Sie Suche nach dem Heiligen Grill

Es ist Hochsaison. Abends liegt die Holzkohle auf dem Grill, der Grillanzünder kokelt vor sich hin, stinkt; der Mutige greift wie immer seit Jahren zum Spiritus, auch wenn das Risiko, den Kleinen zu verbrennen, hoch ist; die Wurst landet wenig später auf dem Rost und zischt, bis sie braun ist.
Es sind die Männer, die fernab jeder Kocherfahrung, fernab kleiner Handreichungen zum täglichen Gericht, plötzlich den Platz am Feuer für sich beanspruchen, so als sei es selbstverständlich, dass sie für die warmen Mahlzeiten zu sorgen hätten. Frauen halten sich dann lieber im Hintergrund und mischen einen Kartoffelsalat an.
Es ist wie ein Ritual, als müsse man sich reinwaschen, reingrillen besser, von der Schuld der Verweigerung, von der Schuld der unterlassenen Hilfeleistung im Ernährungssektor der Familie. Mit Herzblut wird gegrillt, mit Hingabe, ja fast mit Anmut, so, als gelte es, einen heiligen Vorgang in der richtigen Reihenfolge mit den richtigen Handlungen und den richtigen Utensilien  zu vollenden, der Unheil abwenden soll von der Familie und Schutz bieten kann für die nächsten Monate, für den Winter, den es ohne Grillabende zu überstehen gilt.
Die Männer sind auf der Suche nach dem Heiligen Grill, den sie in ihrem Garten, auf ihrer Terrasse, auf ihrem Balkon finden wollen, indem sich der eigene Rost aus dem Hagebaumarkt in diesen verwandelt und Heilung spendet und die Wiedererlangung der Unschuld ermöglicht.
Aber die Männer sind wie Parzival, dem die wichtige Frage nicht gelingt: Wie geht es dir? Woran leidest du?
Dem schüchternen Vegatarier hinter der Ligusterhecke, der leidend und ein wenig neidisch auf die fröhlich zechende und schmausende Gesellschaft blickt, der an seiner selbstgewählten Askese krankt, muss sie von den Andachtsgriller gestellt werden, die alles erlösende Frage: Na, Chef, willst ne Wurst? Oder geht's dir heute nicht so gut?
Aber vergessen ist Parzival, wenn die erste Wurst, wenn das erste Schweinenackensteak auf dem Teller liegt. Dann wird gegessen und mit vollem Mund fragt man nicht.
Und es wird nicht helfen, noch häufiger zu grillen oder noch mehr Fleisch auf den Rost zu werfen. Empathie und die richtige Frage, das ist die Lösung.

Sommerrezepte




















GEMÜSGRAFIK Lübbecke (Martin Obst 2010)

Neue Sportarten demnächst auch im Fernsehen


Nachdem es im Fußball für den afrikanischen Kontinent nicht so geklappt hat, versuchen findige Geister nun neue Sportarten zu entwickeln, in denen die Einheimischen erst mal über Jahre einen Heimvorteil haben.
Im Elefantenweitwurf wird so schnell kein anderes Land idealere Übungsbedingungen schaffen können, sodass man sich bei der ersten Weltmeisterschaft Hoffnung auf den Titel macht.
Die deutsche Mannschaft hat schon Kontakt zum Frankfurter Zoo aufgenommen, um auf hohem Niveau zu trainieren; weiter will sie mit dem Allwetterzoo in Münster verhandeln, falls es einmal regnen sollte.
Der Zuschauer wird sich auf spannende Wettkämpfe freuen dürfen. Im Moment gibt es allerdings noch bedenken der Tierschutzverbände.

Aus dem Tierreich: Erinnerung


Woran erinnert mich der?  Diese Augen.....die habe ich schon mal gesehen.

Beliebt: Selbstgemachte Geschenke

Es gibt Menschen, die glauben, dass man mit selbstgemachten Geschenken Geld sparen kann und gleichzeitg dem Beschenkten Freude bereitet. Beides ist falsch. Die Zeit, die man in ein selbstgemachtes Geschenk investiert, ist mit Geld nicht auf zurechnen. Jeder glaubt, es gehe um die Zeit, die man benötigt, um die Materialien zu besorgen und dann diese zu einem  Wandteppich mit merkwürdigen Applikationen zu vernähen.
Weit gefehlt!
Allein die Erklärungen, warum man gerade diesem Menschen dieses besondere Objekt angefertigt hat und ihn nun damit beschenkt, kann Stunden kosten, wenn der verwunderte oder bestürzte Gesichtsausdruck einem ungläubigen Staunen weichen soll. Das Zurechtlegen von Argumenten hat vorher schon Tage und ein paar schlaflose Nächte gekostet!
Und dann: Die Zeit des Beschenkten wird darüber hinaus verschwendet. Lebenszeit wird vergeudet.
Wieviel Mühe macht es, bei anstehendem Besuch des Schenkers, das eigentlich verhasste Objekt aus dem Keller zu schleppen und an die Wand zu nageln?
Dann die Angst, der Schenker könne einmal unangemeldet kommen! Welche Ausrede muss der Beschenkte parat haben, um eine plausible Erklärung für das Fehlen des Objektes haben? Welche Erklärung, dass da jetzt eine großbusige Zigeunerin mit tiefem Ausschnitt in Öl von der Wand lächelt?
Ein Tipp: Wer sich überlegt, aus welchen Gründen auch immer, etwas Selbstgebasteltes zu überreichen, sollte nie wieder einen Schritt in den Haushalt des Beschenkten machen. Zu Hause bleiben hilft allen Beteiligten.

Andy Werwohl: Sstock (2009)


Gelungen. Hier hat Werwohl mitten ins konservativ-traditionalistiche Lager geschossen. Der Stock als Züchtigungsinstrument, obwohl der Natur entstammend, von den Menschen missbraucht, die Schwachen zu treffen, zu quälen, zu demütigen.
Mit dem doppelten S am Anfang des Wortes ein Neologismus, der hinweist auf die dunkle Vergangenheit der Deutschen, wo der Terror ein Instrument der Herrschaft war, wo Widerspruch erstickt wurde.
Dunkle Zeit, die in allen Schlagstöcken der Welt weiterexistiert, genährt von der schwarzen Milch der Ewiggestrigen.



Mixa entlastet

Wenn Steine starren....


Die Welt hat keine Lust mehr zu arbeiten. Diesen Eindruck muss man gewinnen, wenn man neuerdings sogar Steine herumsitzen sieht, die nichts tun, die unmotiviert auf dem Fleck bleiben, wo sie hingesetzt wurden und einen Brunnendeckel anstarren.
Angeblich seien sie versunken in tiefer Meditation und konzentrierten sich darauf, dass aus dem Brunnen Wasser schösse und die trockene Welt benetze. Das will den Steinen aber keiner abnehmen. Vielmehr glauben Beobachter,  die Blöcke warteten darauf, dass sich Wasser in Öl verwandele und sie steinreich auf dem Weltmarkt würden.
"Wisset denn, ihr Steine," versucht der weise Mann Günter die Starrenden zu beleben," jemand der viele Steine sein eigen nennt, den nennt man steinreich. Der aber viel des Öles hat, den nennt man Ölscheich. Ihr aber seid weder das eine noch das andere."
Trotz der guten Ratschläge hat sich bisher keiner der Steine auf dem Weg gemacht, denn man sei schließlich kein Zugstein. Die gebe es nur beim Schach.
Vielleicht meine man Bahnstein, ja, Bahnstein könnte es sein. In Wirklichkeit heiße es aber Bahnsteig, und das sei etwas ganz anderes.

Da vergeht einem die Lust auf steinreich.

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch - 11/ Schwarzes Loch


Heute ist Vollmond, das macht mich immer so sentimental. Aber vieles ist anders am Rhein, wenn das Wasser vorbeischleicht und gleichzeitig die Gezeiten an der Küste ihr Unwesen treiben. Ich frage mich seit Jahrzehnten, ob der Rhein bei Ebbe schneller fließt, weil dann das Meer nicht so voll ist? Ich könnte ein Bad nehmen und das jetzt und hier testen, aber mir fehlen Vergleichsdaten. Ein Gläschen Rotwein bringt mich oft auf philosophische Gedanken. Lecker, der Cabernet.
Der Mond dünkt mich komisch. Er ist so dunkel, als sei eine Sonnenfinsternis. Oder ist es dann eine Mondfinsternis? Und dann das Helle hinter dem Mond? So große Sterne gibt es nicht. Also, sie sind schon groß, aber nicht hier auf dem Campingplatz. Und dann: Was macht der Griff an der unteren Mondseite? Warum kann man den so lange sehen? Ist es nicht so, dass der Mond sich dreht, genauso wie die Erde?
Und dann weiter: Sind das dunkle Sternzeichen? Der Kleine Baum, der Busch und der Große Baum? Alles ist so Negativ, wie ein entwickelter Film damals. Das Helle ist dunkel, das Dunkle hell.
Wo bin ich gelandet? Welch Stellplatz verwirrt meine Sinne.
Ich werde so durch und durch philosophisch; es durchdringt mich.
Vielleicht ist es gar nicht der Mond und ich habe das erste, mit bloßem Auge erkennbare Schwarze Loch entdeckt. Das Motzkesche Loch. Klingt schön. Ein Loch mit Griff. So volksnah, weil zum Anfassen.
Ich werde mal den Merlot aufmachen. Der Cabernet war nicht unlecker.

Immer wieder sonntags

Eigentlich wollten wir nur Dieter hören, der nie sang, nur gelegentlich, was er aber nicht als Singen bezeichnete, etwa das „Dibbedibbe dibdib“ in dem Schlager von Cindy und Bert „Immer wieder sonntags“. Wir, die wir damals King Crimson gut fanden oder ähnlichen Kram, Hauptsache skurril, hassten Cindy und Bert und wir waren viele Jahre später froh, dass sie sich getrennt hatten. Später traten sie dann als Ernie und Bert auf, oder auch als Zillertaler Lederhosen, niemad von uns hat das je verfolgt, warum auch, denn wir wollten nur Dieter, oder Olschi, wie wir ihn nannten, hören. Tage vorher kündigten wir an, dass wir uns den Titel wünschen würden, sei es auf einer Zeltfestveranstaltung im Nachbardorf oder zu einem Tanznachmittag im Hotel Bad Finden.
Wir hofften, dass Olschi, der den Bass in der Schlagerkombo zupfte, die immer nur Miller mit seiner langweiligen Tenorstimme singen ließ, weil er das wollte, denn er hatte eben diese langweilige, für Tanzveranstaltungen so unaufdringliche Tenorstimme, die jeden Fahrstuhl in Vollbesetzung eingeschläfert hätte, unruhig wurde. Dass er innerlich zitterte und dann nach geschaffter Tat eine Runde Escorial Grün ausgäbe, natürlich erst am nächsten Freitag, wenn dann spielfrei wäre.
Wir hassten „Immer wieder sonntags“, denn es war Samstag.


Anhören


Oma Hackeböller: Der Winfried war damals schon hinter Rost her


Ach, das waren noch Zeiten, als der Winfried den Rost von den Stockrosen gekratzt hat, er wusste ja nicht, dass das eine Krankheit war. Später haben wir es ihm dann gesagt und er war ganz traurig, ist zu jedem verrosteten Reifen oder Nagel gerannt und wollte ihn pflegen. Er hatte nach zwei Jahren eine ganze Scheune voll mit Schrott. Erst mit zweiundzwanzig ist ihm klar geworden, dass rostiges Eisen nicht krank ist, sondern nur die Stockrosen, was man aber mit einem ordentlichen Eimer voll Dünger beseitigen kann. Er war dann ziemlich wütend und hat mit unserem Vorschlaghammer eine Woche ohne Pause auf die Sachen in der Scheune eingedroschen. Er hatte Blasen an den Händen, die schon geplatzt waren und entzündet. Aus den verbeulten Eisenteilen hat er dann Kunst gemacht, hat einfach ein Schild drangehängt und einen saftigen Preis, so dass die Schrotthändler im Affenzahn das Weite suchten. Mit hat er eine rostige Hacke geschenkt, die mir aber vorher schon gehört hat, was er aber wohl nicht wusste, hat ein Schild drangehängt und „Rosthacke“ und „Winfried Hackeböller 1989“ draufgeschrieben und die ungeheure Summe von 12.000,- DM, damals hatten wir ja noch D-Mark. Heimlich, wenn es der Winfried nicht sieht, lache ich mich ein bisschen kaputt, denn mit der Hacke habe ich dreißig Jahre im Garten rumgerackert und jetzt soll das Ding 6.000,- Euro, wir haben jetzt ja Euro, wert sein. Ich habe in meinem ganzen Leben niemals eine so teure Hacke besessen. Schön fände ich auch, wenn die mal endlich einer kaufen würde. Mit dem Geld würde ich mir einen super Aufsitzmäher kaufen.

Der Gastbeitrag: Fußballweltmeisterschaft















GEMÜSEGRAFIK (Martin Obst 2010)

Freier Abfluss jetzt umweltfreundlich

Pfiffige Handwerker mit guten Lungen haben jetzt eine neue Geschäftsidee entwickelt, die sie an interessierte Menschen verkaufen wollen. Mundgeblasene Abflussreinigung statt ätzender Streumittel, die das Stopfgut auflösen und dann freien Durchfluss ermöglichen sollen.
Umweltschonender ist auf jeden Fall die nur von menschlicher Energie betriebene Lösung; im Moment mangelt es jedoch an genügend Interessenten, um die Idee zu effektivieren, da sich Vorurteile gegen PVC-Rohre tief in die Bevölkerung und damit auch in die freigesetzte Reservearmee gebohrt haben: Ein gewisser Ekel sollte überwunden werden, auch wenn man versucht, die Kontaktstellen durch Auftragen weichen Bienenwachses geschmacklich zu neutralisieren.
Interessant zu beobachten, was aus dem Projekt werden wird. Die Deutsche Bahn hat bereits erste Aufträge erteilt und lässt ihre Pleuelstangen durchblasen, damit sie den Erklärungshintergrund bei Verspätungen erweitern kann. Vor allem will man mit der ewigen Ausrede "Personenschaden" aufhören und etwas Schöneres finden.

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch - 10/ Gäste

Camping ist wie Kino. Der Ton ist manchmal zu leisen. Manchmal Stummfilm in Farbe, auch ein Ding. Benno, nenne ich ihn mal, bekommt Besuch. Ein älterer Mann mit Kappe und Bart, eine jüngere Dame, an manchen Stellen zu gut gepolstert.
Benno kocht. Die jüngere Dame lacht. Vielleicht ist sie die Tochter des Alten mit der Kappe, oder die blinde Freundin. Wohl eher die Tochter. Benno lacht jetzt auch. Er hat vornehm gedeckt. Nicht nur Campinggeschirr, auch richtige Weingläser aus echten Glas.
Es gibt Gegrilltes, was sonst? Benno am Grill: Er tänzelt, mimt den Fünf-Sterne-Koch, dann den Oberkellner im Feinschmeckerlokal. Serviert auf Tablett. Die Dame lacht. Das freut Benno und er macht weitere Scherze. Der Mann mit Kappe lacht leise mit, hustet, kommt kaum zu Wort. Also doch der Vater, oder der Onkel, oder der ältere Freund, den sie bald ablegen wird. Benno tänzelt, bemüht sich um die Gunst der Dame, gießt Wein aus, gießt Wein in sich, schenkt nach und lacht ohne Grund oder über einen Witz, der er macht und für einen solchen hält. Die Gesellschaft entspannt sich. Der Abend senkt sich. Es ist halb elf, der Abend kühl und Camper gehen früh ins Bett.
Der Alte mit der Kappe fährt mit der Dame in einem alten Benz weg; beide wohl nicht mehr ganz nüchtern. Benno bleibt zurück. Er lässt das Geschirr und die Gläser und die Grillreste auf dem Tisch und starrt an die Kunststoffdecke seines Wohnwagens, als er versucht, einzuschlafen.
Was war das jetzt?, fragt er sich und denkt daran, dass er vor einer Stunde noch auf lustig gemacht hat und jetzt nicht einschlafen kann, weil alles so traurig ist. Er dreht sich auf die Seite und der gute alte Wohnwagen wackelt ein wenig, als habe auch er ein Gläschen Rotwein zu viel genommen.

Neologismus: Lukas Podölski

Vier zu eins gegen England. Und dann Lukas Podolski: Wie müssen uns eben immer neu konstrieren.
Oder meinte er: Neu konstrutieren?
Was immer er meinte, wir wissen es nicht.
Aber: Deutschland hat gewonnenen. Gegen England. Gegen das es eigentlich immer gewinnt.
Wir freuen uns über neue Wörter, auch wenn wir nicht wissen, was sie bedeuten.
Konstruktieren?
Konnektieren.
Kongenieren.
Konzentristieren.
Kolieren. (FDP!)
Kallobieren(Zusammenbruch!).
Kallopieren(Pferde)!
Egal.
Vier zu eins.
Ergibt vier!
Eins zu vier sind 25%!
Das liegt gerade unter der Mehrwertsteuer, wenn man kein Hotel besitzt.
Vier zu eins.
Vierhundert Prozent. Mehr geht nicht.

Karl-Friedrich "Khalef" Motzke: Aus meinem Campingtagebuch - 9/ Bedürfnisse

Wohin mit dem Kind, wenn es mal muss, und die Toilette ziemlich weit weg ist? Der Kleine quengelt, die Mutter zerrt ihn vor einen Baum am Nachbarplatz, reißt die Hose runter und lässt den Knirps einen warmen Strahl an die Pappel plätschern. Im Zelt hinter der Pappel ist alles ruhig, die Bewohner schlafen noch, im Traum wird die Pinkelaktion als Pladdern eines Tischspringbrunnens, wie er in den Sechziger Jahren aus durchsichtigem gelbem oder grünem Kunststoff üblich war, in den Traum eingebaut. Wohnzimmeridylle als Hüter des Schlafs.

Der Nachbar ist bereits aktiv. Es ist zwar Pfingsten, aber der Mann hat einen sächsischen Akzent und ist wahrscheinlich Heide. Die SED hatte es ja damals nicht mit der Kirche.
Heute will er seinen Wohnwagen tapezieren; der sei schon über zwanzig Jahre in seinem Besitz und da seien doch einige unschöne Stellen, die es zu überdecken gelte. Ob wir etwas dagegen hätten, wenn er ein paar Bohrungen vornähme? Solange er nicht in den Boden auf unserem Stellplatz nach Wasser bohre, gehe das in Ordnung. Die leichte pfingstliche Ironie scheint ihm zu entgehen.
Am Pinkelfleck summen die Fliegen. Die Zeltbelegschaft ist aus dem Zelt gekrochen und räkelt sich. Vom Abschlagen des kindlichen Wassers auf Mutters Geheiß weiß sie nichts. Fröhlich klappt die kleine Gesellschaft ihren Campingtisch auf, um zu frühstücken.
Der Sachse hat seinen Tapetentisch links von uns aufgebaut und streicht klumpigen Kleister auf das Papier, dessen Farbton mit "Gilb" umschreibbar wäre.
Später hören wir Bohrungen aus dem Wohnwageninneren. Morgen wird er übel riechende Rostschutzfarbe auftragen, um Problemzonen am Wagen vor dem Verrotten zu schützen. Dann wird ja Pfingstmontag sein, und da wurde im Osten immer gearbeitet.
Derweil hat sich beim Kleinen erneut Wasser gesammelt. Die Mutter führt ihn diesmal zum WC, denn der Nachbar frühstückt.