Mauerblümchen

Früher sagte man Mauerblümchen, heute ist das eher ein Mobbingopfer. Die Zeiten ändern sich, aus der floralen Verniedlichung des Einsamseins, des Ausgegrenztwerdens, wird das harte Wort Mobbingopfer. Damit würgt man dem Mauerblümchen noch eins rein, was den Mobber freut, den hilflosen Amrandesteher, der zur schweigenden Mehrheit gehört, treibt es die Tränen in die Augen, denn er kann da nicht helfen, weil er ja auch gar nicht will. Und das stört ihn am meisten. Er will gar nicht helfen, er wollte auch früher nicht mit dem Mauerblümchen sprechen, er hat es ignoriert, hat hinter seinem Rücken gelästert, hat Witze gemacht, hässliche Briefe geschrieben, sein Radiergummi versteckt und üble Gerüchte in die Welt gesetzt. Ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, denn das Mauerblümchen konnte wenigstens blühen, wenn auch in Grau. Aber heute, wo alle schönen Begriffe kaputt gemacht werden durch technokratisches Geseire, wo Blümchen zu Opfern werden, die schweigende Mehrheit plötzlich kriminell ist, obwohl sie nur am Tatgeschehen steht und nichts sagt, endlich einmal nichts sagt in Zeiten des medialen Geplappers, da kann man nur folgern, dass die wahren Opfer diese "Nichtsprecher in Überzahl" sind, diese Nichthandelnden, denn sie müssen verkraften, dass sie nicht helfen wollen, damit müssen sie leben, und damit lässt man sie allein, tagein und tagaus. Vielleicht kann dieses Wissen auch dem Mauerblümchen helfen. Nur - wer hilft der schwiegenden Mehrheit?

Was ist eigentlich weise?

Ist es weise, sich wie ein Block Cadbury-Schokolade zu verkleiden und in die kanadischen Wälder zu gehen, um darauf zu hoffen, dass ein Bär den Menschen unter der Verpackung erkennt und vor allem respektiert? Wir sagen: Nein! Es ist dumm. Ist es weise, in derselben Verkleidung in eine norddeutsche Kleinstadt zu wandern und sich vor das Rathaus oder den Invalidendom zu stellen? Wir sagen: Nein! Das ist dümmer als die Polizei erlaubt, und das ist schon dumm genug. Es ist völlig blöd, eine Montur zu tragen, an der verschiedenste Rottöne herrschen, denn die beißen sich. Das macht aggressiv. Ein angetrunkener Bananenverkäufer kann genauso gefährlich werden wie ein nüchterner Braun- oder gar Grizzlybär. Schlau wäre, sich auf den Boden zu werfen, um den Widerstand gegen die Staatsgewalt und den gesunden Menschenverstand aufzugeben. Weise ist das keinesfalls. Auch mit Dialektik ist da schwer dranzukommen. Reg dich nicht auf, spricht der weise Mann, und meint, dass man sich nicht aufregen soll, denn das sei sinnlos, es bringe sowieso nichts. Vielleicht spricht hier aber nur ein enttäuschter Mensch, dem nicht mal die Hoffnung geblieben ist, durch einen plötzlich inszenierten Brüllanfall die Umherstehenden zum Schweigen zu bringen. Die Umherstehenden bleiben nicht einmal stehen, sondern gehen gelangweilt weiter. Wer sich dann nicht aufregt, soll weise werden. Er ist es aber noch lange nicht. Beim Weggehen über einen zu Boden liegenden Mann in roter Montur, der aussieht wie ein Packung Cadbury-Schokolade, zu fallen und sich dann nicht aufzuregen, obwohl die neue Breitling einen Kratzer abbekommen hat, das zeugt von wahrer Größe und deutet an, was wir alle unter Weisheit verstehen wollen: Maul halten. Weitergehen!Nicht in die Schokolade treten! Ruhig bleiben, ganz ruhig, es ist nicht mehr weit bis nach Hause.... (Nachtrag: Cadbury-Schokolade sieht schon lange nicht mehr aus wie ein verwirrter Rettungshelfer, der auf seinem Weg in die Südeifel seine Orientierung verloren hat. Mittlerweile sieht sie eher aus wie ein Feuerwehrmann oder auch wie ein französischer Straßenfacharbeiter.)




Menschen von hinten

Erfüllt es uns nicht immer wieder mit Trauer, wenn wir Menschen von hinten sehen? Menschen von hinten im Schatten, obwohl die Sonne scheint, das ist noch eins drauf. Noch mehr Trauer, tiefe Depression, Tränen wollen sich über unsere Wange schieben, verstohlen tupfen wir mit dem Taschentuch an den Tränensäcken herum, um dem Entgegenkommenden nicht zu zeigen, wie Menschen von hinten auf uns wirken. Diese Menschen sind Sinnbild des Abschiednehmens, des Weggehens, des Alleinelassens, des Abgewendetseins. Ein schöner Rücken kann auch entzücken, sagten zum Trost unsere Vorfahren, aber geholfen hat dieser hohle Spruch nicht. Wir werden zurückgeführt in unsere Kindheit, als Uwe Ziegler uns einen Schneeball, oder war es sogar ein Kiesel?, vor den Kopf geworfen hat, um sich dann abzuwenden, schnell wegzugehen und uns mit unserem Schmerz grußlos alleine zu lassen. Menschen von hinten zeigen uns aber auch, dass wir selbst in diese Richtung gehen, dass die Nachkommenden uns ebenfalls von hinten sehen, dass die ganze Welt im Grunde hintereinander herläuft wie in einem ewigen Kreislauf. Das kann uns Trost sein, das kann helfen, an diesem Konflikt nicht zu zerbrechen. In diesem Sinne einen schönen, besinnlichen Sonntag.

Folgen falscher Dialektik

Man stelle sich vor, eine halb geleerte Flasche steht am Fenster in einem Abteil eines Interregionalexpresses. Draußen fliegt die Landschaft scheinbar vorbei, was allerdings eine Täuschung ist, denn in Wirklichkeit bewegt sich der Zug. So relativ kann die Welt sein. Nun kommt der Dialektiker und glaubt, er könne aus diesen zwei Komponenten, die er These und Antithese nennt, etwas Neues machen, die Synthese. Jetzt weiß er aber nicht so recht ober er These und Antithese multiplizieren soll, oder dividieren oder gar potenzieren. Da er als Geisteswissenaschaftler kein Mathegenie ist, versteht sich von selbst, und so entscheidet er sich für das Additionsverfahren, das schon Marx als spätkapitalistisch und damit überflüssig bezeichnete. Aus dem Zug als These und der Flasche als Antithese ergibt sich für den zahlenunbegabten Dialektiver der FLASCHENZUG, was natürlich völlig falsch ist, denn es ist nur eine Flasche zu sehen. Flaschezug spricht sich aber nicht gut, so dass er pragmatisch wie er obendrein sein will, Wissenschaft fälscht, nur um der Sprachgefälligkeit willen. Der Leser aber denkt sich sofort: Hier war mal wieder eine Flasche am Zug. (Übrigens: Durch das Subtraktionsverfahren -Beispiel Auto minus Haut gleich Ho!- ergibt sich überhaupt nichts, denn im Wort Zug kommt kein einziger Buchstabe des Wortes Flasche vor. Pulle wäre halbwegs geschickter.Dann entsteht wenigstens Pllzeg, was vielleicht ein Wort aus dem Balkan sein könnte. Dialektik ist im Alltag vollkommen unbrauchbar.)

Telefongesellschaften greifen nach den Großhirnen

Man glaubt sich beim Zeitunglesen in einem relativ geschützten Medium, keiner kann einen abhören, man hinterlässt keine Spuren im Internet und man schließt nicht zufällig durch das Drücken eines falschen Knopfes einen Knebelvertrag ab, der einen finanziell in die Knie zwingt. Man glaubt mit einem überregionalen Tageblatt die richtige Wahl getroffen zu haben, weil man sich sein Leben lang geschämt hat, die Bildzeitung zu kaufen, obwohl da interessante Fotos zu sehen sind. Niveau ist Pflicht, knallt es durchs Hirn und daran will sich der Bildungsbürger halten.
Und dann dieses verdächtige Klingeln im Ohr, dieses Fiepen im Hirn, dieses diffuse Gefühl der Verblödung. Was ist los? Die Zeitung ist angefüllt mit Bildern von Telefonhörern, die heute kein Mensch mehr benutzt. Was soll das? Unterschwellige Werbung, schallt es aus dem Off. Du glaubst dich auf einer Seite, die dir bei der beruflichen Entwicklung helfen soll, und dann liest du plötzlich zwischen den Zeilen und entdeckst einen Telefonhörer, so einen Einpfünder aus Bakalith, wie ihn früher die Menschen benutzten, als es ihnen zu anstrengend wurde, laut zu schreien. Dann noch einen und noch einen. Überall zwischen den Zeilen Telefonhörer. Du merkst, dass dein Bedürfnis nach diesen Dingern steigt, du willst einen, einen echten, einen schweren, einen schwarzen, einen aus Bakalith. Die gibt es aber nicht. Egal, du rennst los, rennst in den nächsten Telefonladen, du musst dein Bedürfnis befriedigen, egal wie, und wenn es kein schwerer Hörer ist, dann eben ein leichter, und wenn eine Telefonanlage dranhängt auch egal, her damit, gekauft, fertig,aaaaah...Ruhe im Schädel; der Herzschlag normalisiert sich.
Was du nicht weißt: Jetzt bist du in den Klauen der Telefongesellschaften. Jetzt haben sie dich an der Angel, oder an der Strippen, wie man früher sagte in der Welt vor dem Schnurlostelefon.
Du gehörst zu den bemitleidenswerten Menschen, die zwischen den Zeilen lesen.
Da sind die Menschen, die zwischen den Bildern nicht lesen, zu beneiden, die haben nie was gemerkt und werden das auch weiterhin nicht tun.

Gefährliche Müllentsorgung

Da gibt es Menschen, die sind er irrigen Meinung, sie könnten Restmüll kompostieren und damit die teuren Müllentsorgungsgebühren sparen. Der Gedanke ist vielleicht nicht dumm, denn das Verfahren soll simpel sein. Einfach ein nicht mehr gebrauchtes, aber funktionstüchtiges Waffeleisen in den Müllsack stecken und Strom durch das Gerät laufen lassen. Das, was im Sack steckt, erwärmt sich und entwickelt ungeahnte chemische Reaktionen. Je nach Zusammensetzung kann es zu Ex- oder Implosion kommen, Giftdämpfe entstehen oder eine neue Art von Sondermüll, der nur in speziell dafür vorgesehenen Behältern transportiert werden darf. Gibt man dem Gemenge eine tote Katze bei, dann wird auch der noch ruhig gebliebene Nichtriecher unruhig, vor allem wenn sich verschiedenstes Getier im Vorgarten versammelt, um eine Art Kakerlaken-Burger zu sich zu nehmen. Der Geschmacksinn der Tiere ist nicht immer vergleichbar mit dem der Menschen, auch wenn man den Homiden der Neuzeit häufig in Schnellimbiss oder in Burgerläden antrifft. Tiere riechen besser und ihnen schmeckt etwas anderes. Menschen haben oft einen gestörten Geruchsinn, der auch das Schmecken einschränkt; denn wenn der Hungrige nicht nur riechen, sondern auch schmecken würde, was er auf dem Teller hat, sähe sein Speiseplan anders aus.
Insgesamt heißt die Botschaft: Hände weg von unqualifizierten Versuchen beim Restmüllkompostieren! Das Waffeleisen ist zum Waffelbacken da! Man kann es höchsten mal als Gesäßwärmer auf der Zuschauertribüne bei einem Bundesliga-Spiel benutzen. Aber: Kleinste Stufe einstellen!

Frage an die Leser: Was ist ein Lok-Schuppen?

Mal ehrlich: Schrieb man das nicht früher mit ck? Und wer war denn da schon mal drin? Was ist dann der Ringlockschuppen in Bielefeld? Eine Eheanstiftungssinstitut für Freunde der Pop- und Rockmusik? Man munkelt, es handele sich bei einem Lockschuppen um eine Dienstleistungeinrichtung, die gegen Bargeld halb- bis einstündige eheähnliche Zustände anbahnt...
Wer weiß mehr?

Vom Lande: Der sieht gesund aus

Wenn man auch auf dem Lande mittlerweile Bluthochdruck und die damit zusammenhängende Rotgesichtigkeit, besonders bei Männern, als Krankheit akzeptiert hat, so hält sich nach wie vor die alte Einschätzung: Der sieht aber gesund aus. Der hat aber eine gesunde Gesichtsfarbe. Wenn heute der bleichgesichtige Magerkerl, der sagt, er sei Vegetarier und seine Rostbratwurst oder das gegrillte Schweinenackensteak nur heimlich konsumiert, als Vorbild von den meisten Ärzten propagiert wird, dann entspricht das immer noch nicht der landläufigen Vorstellung von Gesundheit. Der ist nicht dick sondern stattlich, heißt es hier und dort. Zur Großleibigkeit gehört auch ein großer Kopf und der ist rot. Das Rot erinnert an die roten Bäckchen der Kinderzeit und die Leibesfülle ist als Ideal den mageren Jahren nach dem Kriege entlehnt. Die Annahme, ein rotes Gesicht sei ein Zeichen für Gesundheit, unterstreicht der eine oder andere mit dem täglichen Konsum einiger Schnäpschen, die dieses rote Gesicht, auch langzeitig, fördern und erhalten. Die dem Großkopf angetraute Dame ist häufig wohlgenährt und trägt zur Stabilisierung des Leibes und dessen Glieder Mieder und Gummistrümpfe. Im Trend der Fitnesswelle liegt die fortschrittlichere Damenwelt mit einer Turngruppe, in der manchmal noch schwarze Stoffturnschuhe mit gelben Sohlen getragen werden und schwarze köpernahe Turnanzüge aus dem in den 60er Jahren erfundenen Plastikmaterial Helanca. Übungsleiterscheine gibt es nicht. Geturnt wird, was in der Volksschule gelehrt wurde. Diese Übungen werden den körperlichen Bedingungen angepasst. Die Übungsleiterin muss nicht besonders schlanke Qualitäten haben, sondern gute organisatorische. Die Veranstaltung ist lustig, und häufig gibt es etwas zu essen oder zu trinken für zwischendurch und hinterher, meist, weil irgendwer Geburtstag hatte. Turnen ist ein schöner Grund, aus dem Haus zu gehen, um Kuchen zu essen und einzwei Saure Paul oder Persico zu trinken. Regional ist die Bezeichnung der Getränke unterschiedlich, die Mischung ist gleich: Basisstoff ist Korn, dem wird etwas Süßliches oder Süßlich-Saures beigemengt.

Krankheiten haben etwas Naturgesetzliches, so als seien sie von oben erlassen, gottgegeben; sie werden als normaler Bestandteil des Alltags akzeptiert, an denen nichts zu ändern ist. Die seit Jahrzehnten bewährten Lebensumstände werden nicht in Frage gestellt, denn sie haben sich ja bewährt. Die körperliche Indisponiertheit ist Schicksal. Unveränderbar. Hinnehmbar. Annehmbar. Damit lebt man. Und das nicht schlecht. Im Notfall wird mit Wacholder, für die Männer, und Persico oder Ersatzstoffen, für die Frauen, beruhigt.
Bodo hatte als Kind gedacht, dass Löcher in den Zähnen zu einem normalen Gebiss gehörten. Blendend weiße Zähne, wie sie hinterher die Werbung propagieren wollte, waren ihm fremd. Mutti, Mutti, er hat gar nicht gebohrt! Dieser Werbeslogan gehörte noch der Zukunft an. Dr. Martin hatte aus Sachsen rübergemacht und forderte Bodo zum Mundöffnen auf: Weit ääufmochen! Bodo wusste, dass jetzt der Bohrer angesetzt wurde, um ein Loch zu schaffen, in das Amalgam geschmiert wurde. Sehr gesund. Zahnärzte hatten Freude an Schmerzen anderer. Damit verdienten sie sogar gutes Geld. Bodos Verhältnis sowohl zu Zahnärzten als auch zu Geld sollte dadurch lebenslang gespannt bleiben.

Um gesund auszusehen, was wichtiger ist, als es auch wirklich zu sein, reicht es seit einigen Jahren nicht mehr, einen roten Kopf zu haben. Das Bild hat sich gewandelt.
Braun ist die Farbe der Wahl. Braun ist das Synonym für Erholtsein, Gutdraufsein, Fitness und Gesundheit. Dazu ein makelloses Gebiss! Endlich hat sich durchgesetzt, dass gesunde Zähne keine Löcher haben!
Die Sonne auf dem Lande schient bescheiden in diesen Breiten.
Um die gesunde Bräunung zu erreichen, gibt es Einrichtungen, in denen gegen Münzgeld gespeicherte Sonnenstrahlen gezielt auf den ganzen Körper geschossen werden, um schließlich beim Betrachter die Zauberworte auszulösen: Die sieht aber gut aus! Der sieht aber gesund aus!
Manche Sonnenbankbenutzer verkennen, dass der Zusammenhang von Bräune und scheinbarere Gesundheit sich nicht endlos steigern lässt. Ab einer gewissen Wirkintensität, die sich aus Strahlungsstärke, Zeit des Beschusses und Zahl der Wiederholungen sowie Länge der Pausen zwischen den Anwendungen ergibt, wird aus einer guten Bräune eher eine Brutzeligkeit, die an das Aussehen von halben Hähnchen erinnert, die zu lange im Grillautomaten verweilt haben. Die Haut des zerteilten Geflügels zeigt dann jene Knittrigkeit, die dem Esser erleichtert, an das weiße Fleisch zu kommen. Angesichts überbratener Sonnenbankbenutzer fürchtet der Betrachter, dass sich Letztere beim Kratzen der juckenden Wange gleich die ganze Kopf- und Gesichtshaut vom Schädel reißen. Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der Grad der Bräune im umgekehrten Verhältnis zu Schlaffheit, Krankheit und Stress stehe.
Auf dem Land ist die Zeit nicht stehen geblieben.
Die meisten haben erkannt: Gummistrümpfe und fleischfarbene Mieder sind unsexy und ein roter Kopf muss nicht gesund sein.
Braune Haut dokumentiert, dass der Träger vielleicht gern in Urlaub fahren möchte, aber nicht kann. Oder er möchte dem Fitnesspapst Dr.Strunz ähneln, dessen Lachen in seinem bronzierten Gesicht an ein aufgebrochenes Fischstäbchen erinnert. Grillgesichter lassen ahnen, dass der rote Kopf einfach zeitgemäß überbräunt werden sollte. Dabei ist manchmal auch dessen Inhalt verschmort.
Was gesund ist, muss nicht unbedingt gesund aussehen. Oder umgekehrt.

Konditionierung - Völlig normal...


Dem Pawlowschen Hund floss der Speichel aus dem Maul, wenn er eine Klingel mit einem Fleischbrocken zusammen wahrnahm, später reichte die Klingel, um den Kläffer sabbern zu lassen. Wir als treue Zeitungsleser wundern uns, wenn wir bei Fotos von Josef Ackermann plötzlich Zähneknirschen, Ohrensausen und das verstärkte Gefühl wahrnehmen, die Faust zu ballen und auf das Druckerzeugnis zu knallen, dass die Tassen Schuhplattler tanzen. Hier liegt schlicht eine Konditionierung vor. Wir reagieren gar nicht wirklich auf das Foto solcher Finanz-Arroganz, sondern auf seine über Jahre gezeigten Unverschämtheiten im Umgang mit Millionen und Milliarden. Also, Ruhe bewahren, alles halb so schlimm, der Mann ist es nicht, sondern das, was hinter ihm steht; da kann einem schon mal der Schaum aus dem Maul fließen, allerdings vor Wut und nicht in Erwartung irgendwelcher magenfreundlicher und hungerstillender Speisen. Scheiß-Psychosomatik oder wo das her kommt....

Leidenschaft: Sammeltassen


Endlich ist mir das Wort Leiden-schaft deutlich geworden.
Außenbezirkskorrespondent Peter Henne

Hörfehler: Herr Ober, ein Wasser und....


Genau hingehört, wenn man im Restaurant-Gewerbe Karriere machen will!
Herr Ober, ein Wasser und ein Pils, bestellt der durstige Kunde, und da der nicht besonders wohlgenährt aussieht, bringt ihm der Ober ein stilles Wasser in der Plastikflasche, in der zwar mehr drin ist als in einem Glas, die aber nicht schön aussieht, und eine von Schnecken angeknabberte Marone, die sich hurtig blau färbt, wenn man seinen Daumen in die Lamellen drückt.
Herr Ober, ein Wasser und einen Pilz, hätte der Kunde sagen müssen, aber dem Ober sind Rechtschreibung, die man in der Regel natürlich nicht hört, und Grammatik fremd. Da muss nachgebessert werden. Und überhaupt: Wer will denn angefressene Pilze roh essen? Sprachliche Unzulänglichkeiten in Verbindung mit Hörfehlern, den Schuh muss sich Schuhministerin Sommer anziehen.

Dem Hausmeister ein Denkmal

Es sind besondere Menschen: Busfahrer, Hausmeister und Menschen, die gern uniformartige Kleidung tragen, obwohl kein Grund dazu besteht. Es sind empfindsame Menschen, die ständig auf der Hut sind. Ihnen ist tief ins Innerste eine Angst eingegeben worden, sie seien nicht soviel wert wie ihre Mitmenschen. So sind sie ständig bemüht, zu zeigen, dass sie mehr wert sind, als man ihnen, wie sie glauben, zugesteht. Ihnen ist es zu profan es durch Leistung zu tun, zu plumb, das durch Mehrarbeit, durch eine höfliche Zuvorkommenheit, durch ein selbstloses Dienen zu demonstrieren. Oft sind sie verletzt, vielleiht gekränkt, manchmal beleidigt, dass sie ihren Beruf ausüben müssen, ohne dass das anerkannt wird, dass ihnen die Ehre zuteil wird, die einem Schutzmann selbstverständlich erscheint, wenn ein altes Mütterlein sich bei ihm bedankt, weil er es sicher über den Zebrastreifen geleitet hat. Die Mitmenschen sind häufig lediglich froh, die oben genannte Gruppe nicht zu treffen, weil sie Angst vor Schuldgefühlen haben, weil sie nicht immer sagen wollen: Ich kann nichts dafür, dass du Busfahrer, Hausmeister oder Security-Frau bist. Ich habe das nicht für dich ausgesucht. Das hast du doch selbst getan, oder? Dieses Zurückweisen der Schuld ahnt der empfindsame Mensch, es bringt eine tiefe Saite ihn ihm zum Schwingen, die unheimlich klingt und die nur durch ein lautes: Hömma, Scheff, hast du gestern das Licht auf dem Herrenklo angelassen? Hömma, das ist Energieverschwendung. Nicht ständig vom Abholzen vom Regenwald reden und dann das Licht anlassen. Wo kommwa dann hierhin? Dem Angesprochenen fehlen die Worte; auch wenn er erklären könnte, dass er gestern gar nicht im Hause gewesen ist, weiß er: Wer sich verteidigt, klagt sich an. Die Stadt Göttingen hat jetzt den empfindsamen Menschen im Dienstleistungsgewerbe ein Denkmal gesetzt, um ihnen zu zeigen: Ihr seid etwas wert, ihr macht gute Arbeit, weiter so, wir erkennen das an. Aber lasst uns in Ruhe...

Morgengrauen oder Morgenrot?

Der erste Blick trügt: Rotblauer Himmel,dramatische Wolken, die Windräder stehen still und schweigen.
Was wird der Tag bringen?, stellt sich die Frage wie von selbst. Morgenrot - Schlechtwetterbot', hieß es früher. Verstanden haben die meisten "Morgenrot- Schlechtwetterbrot" und fragten sich den Tag lang, wie denn eine Scheibe Schlechtwetterbrot schmecke. Jeder kannte Schlechtwettergeld, wenn der Mauerer aufgrund starker Regengüsse die Abeit einstellte und sich seinen Unterhalt zwischendurch als Hausschlächter verdiente. Viel zu spät wurden den meisten klar, dass es nicht Schlechtwetterbrot sondern Schlechtwetterbot hieß, aber da war das Leben schon mit einer sinnlosen Frage und der sinnlosen Suche nach einer Antwort vergeudet. Dass einem dann graut, wenn das Morgenrot am Horizont auftaucht, wird schnell klar. Und deswegen spricht man heute lieber von Morgengrauen, denn es ist noch viel zu früh und wahrscheinlich wird es wieder ein grausiger Tag, nachdem man eben mit dem falschen Fuß aufgestanden ist, kein Kaffee mehr da war und der Toaster seinen letzten Röstvorgang gestartet aber erfolglos beendet hat.

Frucht sucht Geselligkeit: Die Banane

Kirschen liegen gern allein herum, genau wie Äpfel, die ständig darüber nachdenken, ob sie vielleicht Druckstellen bekommen, wenn sie zu nahe an einem Kollegen oder einer Melone liegen. Nicht so die Banane, die beliebte Südfrucht, die auch in Ostdeutschland ihren grandiosen Siegeszug nach dem Fall der Mauer angetreten hat. In den versorgungsharten Jahren vor der Wende griff man dort ersatzweise zu Salatgurke, behaupten böse Westzungen, was wahrscheinlich eine der größten Lügen ist, seit Walter Ullbricht behauptet hat, im Westen sei es doof, wer dorthin gehe, sei selber schuld, bzw. auf den werde geschossen. Was die Banane aber mit der Salatgurke gemeinsam hat, ist der Drang nach Geselligkeit. Immer auf der Suche nach einem kleinen Schwätzchen, einem Pläuschchen oder einem Tratsch auf dem Wochenmarkt zieht es die gelbe Süßfrucht in die Nähe exotischer und einheimischer Obstsorten, um dort einen Blick über den eigenen Kistenrand tun und nach dem Rechten zu schauen. Bananen können Informationen speichern wie sonst nur SD-Karten und sind dem menschlichen Hirn weit überlegen, weil das Wissen nicht vergessen wird. Bananen besitzen allerdings auch nur ein Kurzzeitgedächtnis, das man vor dem Verzehr oder vor der Beisetzung in der Biotonne nutzen könnte, wenn man als Konsument wüsste, wie. Eines sei geraten: Nicht in das Kartenlesegerät schieben. Vielleicht bekommt man die Banane hinein, auf dem Bildschirm wird aber nichts angezeigt und der Brei lässt sich nur schwer aus den Kartenschächten entfernen. Einfach essen und hoffen, dass man schlauer wird...

Günther Krass: Erinnerungen (3) - 1968 - Flügelhorn

Heimlich legte ich den Eltern einen Zettel in die Obstschale, auf dem ich mit nervöser Hand "Ich möchte gern Flügelhornspielen lernen". Das kam nicht in Frage, das wusste ich, nicht, dass die Eltern unmusikalisch waren, oder wirklich etwas hatten gegen den Posaunenchor, in dem dieses Unterfangen stattfinden sollte, nein, es ging, obwohl beiden nicht ganz klar war, um welches Instrument es sich wohl handeln konnte, da sie zwar einen Flügel und ein Horn zu unterschieden und zu benennen vermochten, nicht aber deutlich auf ein Flügelhorn hätten zeigen können, es ging darum, was die Leute, die sogenannten Leute, die man nicht näher bezeichnen konnte, die sich aber immer zu Wort meldeten, wenn es über andere etwas zu sagen gab, was diese Leute sagen würden, wenn das Flügelhornspielenlernen scheiterte, wenn der Auszubildende unfähige Lippen besaß oder ungelenke Finger oder eine Unmusikalität an den Tag legte, die nicht zu heilen war. Was würden die Leute sagen? Und wie stünde man anschließend da? Als Eltern eines Kindes mit schlaffen Lippen, arthritischen Fingern und einer Unmusikalität, die einen sofortigen Schulwechsel hätte nach sich ziehen müssen. Was würden die Leute dann noch mehr denken bei einem Schulwechsel? Undenkbar. Ich schluckte und verließ das Wohnzimmer in der Hoffnung, dass der Zettel gelesen würde, um das Unaussprechliche nicht von Angesicht zu Angesicht aussprechen zu müssen. Aber es war geschrieben, es war aus mir heraus, ich hatte es veröffentlicht. Jetzt hatten es die Verantwortlichen schriftlich. Jetzt mussten sie sich auseinandersetzen und mussten entscheiden. Die Antwort kam kurz darauf, sie lautete :Nein!
Ich überlegte, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Hätte ich schreiben sollen "Ich möchte gern Flügelhornspielenlernen"?, also den Vorgang des Lernens näher an das Flügelhornspielen rücken und damit meine Lernwilligkeit bekunden sollen? Wo lag der Fehler? Zwei Tage später schrieb ich einen neuen Zettel "Ich möchte gern Trompete spielen lernen". Also, Gitarre wäre auch ok, dachte ich bei mir. (Zum Foto: Es muss nicht immer eine Bodenzither sein, manchmal tut es auch eins chlichtes Flügelhorn. Hauptsache, es ist laut genug, um gegen ein Akkordeon anzudröhnen.)

Herbst: Ich bin eine Flasche

Wir werden automatisch still, wenn wir etwas Zerbrochenes sehen. Unwillkürlich denken wir an unser klägliches Sein und erinnern uns an die gute alte Deadline. Das Wort fanden wir früher cool und ziemlich englisch, doch mittlerweile jagt es Schrecken ein und überzieht den Rücken mit einer Gänsehaut. Ist das Zerbrochene eine Flasche, die vielleicht zuvor billigstes Hansa-Pils beinhaltete, dann kehrt tiefe Depression ein und schmiegt sich an das bereits vorhandene Missgefühl, das der Herbst aufkommen lässt. Du bist echt eine Flasche, sagen wir uns im Selbstgespräch, du bist völlig kaputt. Du bist total leer, ausgelutscht, zerbrochen an der pflastersteinharten Realität, an deinen Ansprüchen, an den unfähigen Versuchen, dein Leben in den Griff zu bekommen. Aber- und da keimt ein wenig Hoffnung auf- du kannst immer noch verletzen, wie zerstört du auch bist, da werden sich die Lacher und Höhner geschnitten haben! Die werden sich geschnitten haben!, flüsterst es aus dir heraus. Wie eine Gebetsmühle murmelst du diesen Satz vor dich hin und er gibt dir Kraft. Ein letztes, vielleicht sogar ein vorletztes Mal wirst du dich aufbäumen, und alle, die dich treten, werden sich wundern, wenn ihn das Blut in den Socken steht. Das Leben hat wieder einen Sinn!

Schicksal als Chance: Doofe Namen

Nehmen wir mal Domino Carina. Das ist ein in Deutschland erlaubter Name. Niemand kann sich vorstellen, wer sein Kind so nennen würde, aber es gibt immer wieder Eltern, die ihr Kind bereits in frühem Stadium strafen und ihm einen lebenslangen Schaden besorgen wollen. Anfangs nennen sie den Zögling Dommi; das Kind denkt, es heiße Dominique. Wenn das Kind ungezogen ist, droht der Vater, seine Identität preiszugeben. Domino Carina, das klingt wie eine Mischung aus Süßigkeit und Damenbinde und ist garantiert ungeschlechtlich, bzw. vereint beide Geschlechter in einem Namen! Wahnsinn für ein Kind! Wie könnte eine Strafe schlimmer sein? Adermann! Ab morgen heißt du Adermann, das ist erlaubt. Venera ist die weibliche Form. Godot. Da ist der Name Programm; der Junge kann nur zu spät kommen und erfüllt stringent die Erwartungshaltung, dass alle auf ihn warten müssen. Uragano, Herrschaften, wo sind wir denn gelandet? Oregano - ok, das ist Griechenland. Aber Uragano? Hört sich nach einem Mittel gegen Blaseninfekte an. Fanta. Das muss erlaubt sein, will man sich auf dem Amt nicht Rassismus vorwerfen lassen. Fanta ist nicht die weibliche Form von Coco Cola, sondern die Freundin von Kunta Kinte, und der war Vorzeige-Sklave in der amerikanischen Alibi-Serie Roots. Fanta, doch, das passt, Kunta hat man da weniger, vielleicht wäre Sinalco nicht schlecht, als italienische Assoziation? Sonne, Strand, Amore? Ach, Ideen sind genügend da, es scheitert häufig an der Engstirnigkeit des Behördenschimmels, der laut aufwiehert, wenn ihm eine Kreation von den schlichten Eltern präsentiert und das dazuhörige Bild gezeigt wird. Aber dass auf dem Amt gewiehert werden darf, ist verbürgtes Recht seit Otto von Bismarck. Übrigens eine guter Name: Otto. Auch für Legastheniker. Liest sich vorwärts und rückwärts und auf dem Kopf. Klasse!

Neues aus Allerwelts

Bushaltestelle. Die Bushaltestelle von Tokio Hotel steht natürlich nicht in Tokio, sondern irgendwo hinter Magdeburg, irgendwo hinter Plattenbauten und neben Datschas von Stasipensionären. Aber an dieser Bushaltestelle haben die Kaulitzbrüder gestanden und auf eine Karriere als Rockmusiker gewartet, während sich der Schulbus näherte, der diesen Träumen jeden Morgen ein Ende bereitete. Und doch: Sie sind berühmt geworden, sogar in Lateinamerika, und jetzt versuchen findige Abzocker, die Bushaltestelle zu verkaufen. Bei Ebay stand das Angebot im Netz; keiner wollte das Wartehäuschen haben. Zu groß für mein Zimmer, schreibt Mandy aus Leipzig; nicht in Barbie-Rosa, ist der Kommentar von Nancy aus Belzig. Schließlich wurde das Gestell in Einzelteile zerlegt und Stück für Stück an willige Idioten verkauft, die sogar drei Kaugummis, die am linken Stützpfeiler klebten und eindeutig gebraucht waren (eine DNA-Analyse hat ergeben, dass alle drei von Bill stammen, sein Bruder nimmt sowieso nie die Kaumasse aus dem Mund, wie man bei Auftritten beobachten kann), für harte Euros in ihren Besitz brachten. Hier haben Mädels eine Alternative, falls sie chancenlos sind, von Bill je geküsst zu werden, nicht nur weil sie Mädels sind, sondern weil sie vielleicht nicht gut genug aussehen oder Akne haben. Einfach weichkauen und an Bill denken. DNA ist ja drin. Die Eigentümer des Bushäuschen wollen nun an den noch nicht verkauften Resten der Bude nach Urinspuren suchen, um den Preis der unteren Latten in die Höhe zu treiben. Selbst hierfür werden sich junge Menschen finden, die sonst nichts zu tun haben.

Ackermann. Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank und hämischster Grinser der letzten Jahre neben Manager Esser, lehnt staatliche Hilfe in der Bankenkrise ab. "Ein Fond ist eben keine Rindersuppe, mit der man eine beige Mehlsauce kochen kann!", so sein Kommentar zum Angebot der Regierung. Aufgeschreckt hat ihn wohl Peer Steinbrücks Vorschlag, Managergehälter auf 500 000 Euro pro Jahr zu begrenzen. Das würde bei einem Ackermanngehalt von 12 Millionen fast einer Enteignung gleichen. Und - mal ehrlich, wer will denn für 500 000 Euro bei der Deutschen Bank arbeiten und das ganze Risiko tragen?
Ackermann: "Auf die eine Null am Ende mehr oder weniger kommt es doch gar nicht an. Hauptsache die Kasse stimmt..." Dass er die 1 vorne vergessen hat und es wohl um die eigene Kasse geht, sollte nicht unerwähnt bleiben.

Busweise. "Busweise wäre schon zu viel", so die Überschrift in einem Artikel des Weserstädtischen Tageblattes. Was ist gemeint? Handelt es sich um ein Adverb? Er kam busweise nach Hause, also mit dem Bus und nicht zu Fuß? Oder ist es ein Lied, das in einem Bus oder über einen gesungen wird? Sind es Fahrausweise, speziell für Busse: Busweise eben?
Wer mehr weiß, meldet sich!

Schlechte Gedichte (1): Georg Krakl - Die Wurst


Du Wurst
Du Wurst in Beton
Ich hab Durst
und nicht Hunger
also lunger
hier nicht rum.
Amphore
Amphore in Beton
Ich habe Durst und nur Durst
Ich will dich trinken, ich will keine Wurst!
(Man kann Amphoren nicht trinken, man kann nur aus Amphoren trinken. Das führte zur Abwertung des Gedichts. Sonst ist es eigentlich ok, wenn man bedenkt für welchen Schwachsinn Preise vergeben werden.)

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Rote Mülleimer-Meditation

Ich sitze auf der Parkbank. Die Füße tun mir weh, meine Schultern schmerzen, mein Tennisarm meldet sich, obwohl ich gar kein Tennis spiele. Die Sonne quält sich durch den Spätsommerwald. Eigentlich eine Zeit der Ruhe, des In-Sich-Gehens, der Nachdenklichkeit ohne Schuldgefühle, des Annehmens der Unzulänglichkeiten des Seins. Erschöpfung. Wie nach einem erfolglosen Sommerschlussverkaufstag. Glückliche Enttäuschung. Nicht schon wieder unsinniges oder hässliches Zeug gekauft, das die Regale vollstopft. Das Kreuz vor mir, aus Sandstein, Sinnbild für die Vergebung der Sünden. Der Mülleimer. Sinnbild für das Überflüssige. Für das Endliche, das vergehen muss, das verwesen muss. Roter Mülleimer. Ich atme tief ein und konzentriere mich. Ich bin im Mülleimer. Ich atme erneut tief ein und weiß: Eine Biotonne. Eine LEBENStonne. Hier gehört das Leben hinein, wenn es ausgehaucht hat, wenn es nicht zuckt und pulst und strampelt. Wenn es zur Ruhe gekommen ist. Ich betrachte meine Hände. Das Rot des Mülleimers wird dort gespiegelt. Rote Haut. Rothaut. Alle Indianer der Welt sind plötzlich um mich herum, sie sind in mir, ich bin in ihnen, wir sind eins. Rassismus, schießt es mir durch den Kopf. Was ist mit den braunen, den schwarzen, den grünen, den blauen Mülltonnen? Warum stehen die nicht hier? Warum dieser rote? Keine Antwort. Das Kreuz und der rote Mülleimer. Eine Wortfolge wie der Titel eines Krimis, eines nordischen Krimis. Die Schwalbe, der Fuchs und der Dampfdrucktopf von Hakan Nessy etwa. Das Huhn, die Möwe und die Bremer Stadtmusikanten. Ach, meine Gedanken schweifen ab, ich bin nicht mehr bei mir, wo ich doch sein sollte, die vielen Indianer sind nicht ohne, die Schlacht am Little Big Horn und dahinten Winnetou mit seiner Silberbüchse. Die Tränen steigen mir in die Augen. Ich bin unendlich traurig, dass eine stolze Rasse verschwinden musste, weil es Weiße so wollten. Der Amerikaner. Uns hat man früher gezwungen, Amerikaner süß zu finden. Sie waren süß, zu Zeiten, als wir noch keine Hamburger kannten. Kuchen eben. Als positive Verbindung mit dem Amerikaner im Allgemeinen. Wie gemein. Wie plump. Genau wie Dr.Oetker, der uns in der Volksschule seinen Pudding servierte. Wir glaubten, Dr.Oetker sei ein freundlicher Arzt, der uns zum Aufbau der Knochen etwas Stärke mit Zucker und Farbstoff servierte, dabei war das schlichte Werbung. Kaufenkaufen!, war die Devise.
Ich öffne den Deckel des roten Mülleimers und ziehe mich aus dem Roten heraus. Genug der heulenden Pfeileschießer, genug der verwundeten Knie und der kleingroßen Hörner. Custer, der Arsch! Ich weiß nicht, was soll es bedeuten? Ein roter Mülleimer hinter einem Sandstein-Kreuz.
Hände fest, tief durchatmen, Augen auf! Ich bin wieder voll und ganz im Hier und Jetzt!

Göttingen- Verfall der Sitten


Kunst will provozieren. Aber es ist doch eine Ausgeburt der Langeweile, wenn man meint, dadurch zu provozieren, dass man eine gute Handvoll Göttinger nackt in Bronze gießt und dann an irgendeine hässliche Stadtmauer klebt, um den Touristen zu veranschaulichen: Der Göttinger ist nicht prüde, der geht auch nackt vor die Tür, wenn es sein muss. Gott sei Dank, musste es bislang nicht sein. Lichtenberg hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und mindestens 1004 Aphorismen und spitzfindige Bemerkungen in sein neuestes Sudelbuch geschrieben. Heute aber geht der Tourist ein wenig konsterniert an diesem scheinbaren Kunstwerk vorbei und schaut dann hinter einem Holunderbusch in der Botanik in seiner Hose nach dem Rechten, um sich verstohlen zu fragen: Ist bei mir denn alles in Ordnung?

Wenn einem nichts einfällt


Also, mal ehrlich, fällt dir, wenn ich mal dieses persönliche Personalpronomen gebrauchen darf, fällt dir, der du dieses Bild siehst, irgendetwas ein? Da sitzt ein verkrüppeltes (nur ein Bein!) Holzmännchen in einer Ecke des Stadtrandbungalows, zitternd vor Kälte und hoffend auf eine Kaminentzündung, gleichzeitig zitternd vor Angst, dass es Teil des Brennmaterials wird, das die Kälte durch warme, wohlige Wärme verscheuchen soll. Wir wissen doch alle: Holzmännchenkrüppel verbrennt man nicht, das ist fast Blasphemie. Aber es tut doch auch leid. Da sitzt jemand, gestützt auf seine Hände, bekommt also den Arsch praktisch nicht auf den Boden, wir sagen, der ist lebensuntüchtig, vielleicht meditiert er, aber wahrscheinlich nicht, da sitzt also einer in einer total unbequemen Haltung und fürchtet sich, Feuerholz zu werden, den Frierenden Wärmeelement zu sein. Meine Güte andererseits, wie viele Gläubge sind durchs Feuer gegangen und haben es der katholischen Kiurche recht gemacht, um einen Platz im Himmel zu bekommen? Also, da hat doch keiner Verständnis. Also, mir fällt nichts dazu ein, ganz ehrlich, man muss doch auch mal an andere denken und nicht nur an sich selbst, da hat so ein Bursche vielleicht vier, fünf Jahr still in der Ecke gesessen und jetzt ist er plötzlich dran; andere freuen sich, an der Fleischtheke, beim praktischen Arzt, auf dem Arbeitsamt endlich mal dranzukommen. Aber, das ist es ja, Undankbarkeit, erst jahrelang auf Kosten anderer im Trockenen gesessen und schön gefaulenzt, die Sonne genossen, sich an den Streitereien der Nachbarn ergötzt und dann, rums, soll es zum Einsatz kommen. Ja, Leute, was glaubt ihr denn, wo ihr seid? Nix ist umsonst. Selbst der Tod kostet das Leben, wie Tante Minchen immer sagte, und Recht hatte sie. Ich wiederhole für unsere Legastheniker: Da fällt mir nichts ein! Basta.

Geheimnisvolle Botanik

Jeder meint, Botanik, hohoho!, das ist doch was mit Grün? Kommst du mit in die Botanik?, hieß es jovial bei Schmitz und auch bei Kunzes, und sie meinten eine Fahrt ins Blaue, an deren Ende hinterher etwas Grünzeug in Form von Kakteen, ein paar Köpfen Salat und einem Minzlikör stand. Botanik hat mehr zu bieten. Botanik ist die tabellisierte Form der Natur, der Pflanzenwelt, des um uns Seienden, das Luft spendet zu unserem Wohlgefallen. Und- Botanik kommt uns geheimnisvoll daher, als etwas, das hinter blinden Fenstern passiert, als etwas Schlüpfriges, etwas Rutschiges, etwas Feuchtes, etwas Unsägliches und Unaussprechliches. Ja, das ist die wahre Natur der Botanik. Nicht ein Haufen Heu mit einer Kuh davor.

Praktische Geschenke: Wackersteine


Was hat man früher für unnützes Zeug geschenkt? Eine Packung TOSCA mit Seife und Toilettenwasser, einen Zigarettenspender oder einen Tischgong aus Messing mit künstlichem Grünspan, einen röhrenden Hirschen, der 24-Karat-vergoldet war und auf dessen Sockel "Braunlage" stand; zwei Gästehandtücher. Ein Oberhemd. Ein Buch. Noch ein Buch, obwohl es das letztes Jahr schon gegeben hat. Ist aber ein anderes Buch...Aha. Geschenke konnten Krisen auslösen, weil sich die Menschen nicht mehr richtig freuen können. In der schlechten Zeit hat man sich über ein Glas Leberwurst gefreut oder eine kleine Mettwurst. Heute sind wieder nützliche Geschenke gefragt, nachdem die unnützen sämtliche Abstellkammern, Kellerräume und unbenutzte Garagenteile plus angebautem Carport blockieren. Der Schenker will etwas zum Vorzeigen haben, der Beschenkte will sagen können: Meine Gäste können schenken, ich kenne keine doofen Leute, bzw. die lade ich nicht ein.
Jetzt in der Vorweihnachtszeit geht der Trend wieder zum Päckchen, weil das so heimelig wirkt. Wer das Schöne mit dem Nützlichen verbinden und gleichzeitig einen guten Eindruck hinterlassen will, greift jetzt auf Angebote der Baumärkte zurück: Eine Palette Wackersteine, fix und fertig als Geschenk verpackt mit schlichten Plastikbindern kann den finanziell ans Ende geratenen Bauherrn aus seiner Konto-Depression retten, eine Tüte Kies ab 25kg kann jeder gebrauchen oder einen Sack Zement, den man vielleicht schon in der eigenen Werkstatt vorgehärtet hat. Da lachen die Herzen auf beiden Seiten und es schießt der Satz durchs Hirn: Gottseidank nicht schon wieder TOSCA (für die Dame) oder TABAC (für den Herrn)! Richtig schenken ist kein Zufall.

Grafitti im Sauerland


Zarte Ansätze einer regional gefärbten Grafitti-Kunst, die von etablierten Bildungsbürgern als Schmiererei verschrien wird, kann man im Sauerland beobachten. Wenn auch Form und Inhalt schwer übereinanderzubringen sind, so kann man mit geübtem Auge doch Formen und Muster erkennen. Immer versucht der waldnahe Farbspritzer dem Objekt der Besprühung gerecht zu werden. Zu einem Baumstamm passen besonders gut florale Motive, einem Tannenbaum stehen gut weihnachtliche Muster. Wenn die Hand wohl noch gezittert hat, so kann man den Respekt, der der Natur gezollt wird, erkennen. Dass dann gelegentlich ein Bild daneben geht, ist verständlich. Bei der Darstellung des Isenheimer Altars, einem Triptychon immerhin, in der Grafitt-Version, kann dann etwas schiefgehen: Die Landkarte von Isenheim ist wohl zu undifferenziert und dass der Altar mit einem A anfängt, ist hinlänglich bekannt. Wo aber ist die Kreuzigungsszene und überhaupt: Wo sind hier die Menschen, das Allerwichtigste bei einer Kreuzigung? Na schön, über wäldliche Grafitti wächst schnell etwas Moos oder ein Parasitenpilz, das ist der Vorteil gegenüber Beton oder Eisenbahnwaggons. In diesem Sinne: Weiter so! Aber noch ein bisserl üben, gell?

Facelifting auch für junge Menschen


Man muss nicht immer warten, bis man eine Greisin ist, auch junge Menschen brauchen eine Gesichtsstraffung manchmal eher, als sie es sich in faltenloser Zeit gedacht haben. Kopfschmerzen sind oft die ersten Anzeichen für eine langsam voranschreitende Krankheit, die Gesicht und Schädel deformiert, so als wolle ein Balken aus dem Haupt herauswachsen und sich vor die Stirn schieben. Manchmal kann man ihn mit langen blonden Haaren oder einem auffällig großen Rollkragenpullover kaschieren bzw. von ihm ablenken; irgendwann ist dann aber eine Operation fällig, will man nicht lebenslang mit merkwürdigen Dellen auf der Straße herumlaufen. Die Bevölkerung hatte in Bezug auf junge Leute dafür bislang kein Verständnis. Jetzt wirbt eine Plakataktion dafür. Auf großflächigem Papier werden zwei Damen im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit gezeigt, die über ihr Bedürfnis nach Schönheit sprechen. Bei den beiden haben sich schon seitlich vom Kopf an den symptomatischen Dellen Scharniere gebildet, sodass man glaubt, man könne die Kopfmakel aufklappen oder aus der Angel heben. Das ist ein Irrglauben; ebenso wie die Vorstellung, man könne mit den Türgriffen, die sich am Ende der zweiten Phase in der Nähe der Arme bilden, irgendwie etwas öffnen. Völlig falsch, selbst als Deko oder Spezialpiercing sind diese Objekte nicht umzuwidmen. Hart für die Betroffenen. Darum: Verständnis ist angesagt.

Weizenbier und Kinder

Neue Statistiken haben es belegt: An deutschen Biertischen sitzen weniger Kleinkinder als Weizenbiergläsern auf ihnen stehen. Ein zufälliger Streifzug durch die Kneipenlandschaft scheint sogar zu bestätigen, dass das Verhältnis von zwei Weizenbiergläsern zu einem Kleinkind noch geschönt ist. Die Dunkelziffer liegt da ganz anders. Wahrscheinlich kommen auf 100 Hefe nicht einmal zwei Knirpse, was denn auch die These stützt, dass in Deutschland Menschen a) immer schneller altern, weil sie zu viel Bier trinken und b) überhaupt keine Zeit mehr haben, für den Nachwuchs zu sorgen, der später die Folgen übermäßigen Bierkonsums zu finanzieren. Anstatt Ausschau nach gebärfreudigen Frauen zu halten und den eigenen Körper fit und zeugungsfähig zu halten, stiert der Normalverbraucher in sein halbvolles Glas, in dem sich der Schaum bereits verabschiedet hat und sinniert darüber, warum der Weizenpreis auf dem Weltmarkt schon wieder gestiegen ist. Selbst ein kleines Kind am Tisch, das gierig nach dem gelben Nass langt, kann den Nachdenklichen nicht aus seinem Tagtraum reißen. Drei Schlucke und das Hefe ist weg! He, Meister!, klingt es durch den Saal, nochen Hefe, aber kalt! Die Frauen, die sich im Outback zurecht gemacht haben, um den Männern zu gefallen und einen Partner zu finden, warten derweil vergeblich. Nach dem nächsten Hefe ist sowieso nichts mehr mit Zukunftsplanung...

Skulpturenpark in Körbecke am Möhnesee

Wie wenig der bescheidene Kunstliebhaber erwartet darf, wenn er an einem verregneten Feiertag, etwa dem Tag der deutschen Einheit, durch die Wiesen oder einen nahegelegenen Skulpturen-Park schlendert, zeigt das Angebot, das ihm eine kleine, möhneseenahe Ortschaft anbietet: Schlichte, in den Boden gerammte Holzpfähle genießen schon das Etikett "Skulptur", wenn sie in entsprechender Umgebung dargeboten werden. Was bei Sonne eher dem unvollständigen Kleinsspielfeld für Schnappball gleicht, wirkt auf den Betrachter, nachdem die Begrenzungsdrähte entfernt worden sind, wie die Einsamkeit des Holzfällers, der in nasskaltem Wald seinem zerstörerischen Handwerk nachgehen muss und dessen Axt unbarmherzig in die weisen Bäume schlägt, die seit Jahrtausenden über das Terrain wachen und den Menschen längst nicht mehr brauchen, ihn sogar noch nie gebraucht haben. Dem Holzfäller rinnen die Tränen über die verwitterten Wangen; die Motorsäge ist ihm nicht angesprungen, seine treue Freundin liegt kalt am Boden. Verletzungen, die so schnell nicht heilen. Die Axt frisst sich durch das Holz; kein schneller Tod. Mein Freund, der Baum, singt Alexandra aus dem Schaub-Lorenz-Radio, dessen Batterien schon schwach sind, mein Freund, der Baum, ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot.
Kunstliebhaber, der du intuitiv mit dem Baum hältst, denke daran: Die Skulptur stellt die Einsamkeit des Holzfällers dar! Bäume sind nämlich nicht einsam, die haben immer noch den Wald. Der Holzfäller aber ist eine aussterbende Art, der mit jedem gefallenen Baum auch seine Existenzberechtigung verliert. So weit kann Kunst greifen.
Zu Halloween sollen wieder Drähte gespannt werden, einmal, weil es lustig ist, wenn Menschen mit Kürbisköpfen über diese stolpern, zum anderen, weil ein Schnappballkleinfeld irgendwie besser einleuchtet.

Frühe Comics an alten Rathäusern

Dass der Mensch vor langer Zeit schon Spaß an Comics hatte, dokumentiert immer wieder die eine oder andere Front eines Rathauses oder des Wohngebäudes eines reichen Tuchhändlers.
In Soest, der Bördestadt am Rande des Sauerlandes, hängen diese zwei Protagonisten des wortarmen Geschichtenerzählens. Hoss und Maik, zwei Symbolgestalten der Hansestadt, haben sich nach einem Zechgelage mal wieder mächtig was vor den Schädel gehauen, weil keiner der beiden den Haustürschlüssel dabei hatte. Nachdem sie ihr Bargeld und die gesamte Oberbekleidung verzockt hatten, blieben ihnen lediglich die grünlichen Inkontinenzwindeln und zwei Stäbe, an denen sich spitz zulaufende Hämmer befanden. Als ihnen die Köpfe vom vielen Hauen wehtaten, beschlossen sie, Frieden zu schließen und sich nicht zum Gespött der Leute zu machen. Sie montierten schnell das Wappen des Wirthauses "Zum roten Schlüssel" ab und trugen es lässig vor ihre Dreizimmerküchbad-Wohnung in der Unterstadt. Nachdem sie ihre Laubsägen aus der Wohnung geholt hatten, begannen sie, den Schlüssel auf dem Wappen auszusägen, um ihn in die Wohnungstür zu stecken und diese dann zu öffnen. Sag mal, fragte Maik, wie bist du denn an deine Laubsäge gekommen? Hoss antwortete: Ich bin einfach rein und hab sie aus meiner Schachtel mit der Weihnachtsdeko herausgeholt, da hast du sie ja wohl letzte Woche versteckt, oder? Dann war die Tür die ganze Zeit offen?, wunderte sich Maik. Wird wohl so sein, nickte Hoss völlig entspannt. Als die beiden zur Tür gingen, um den ausgesägten Schlüssel auszuprobieren, entdeckten sie, dass ihr eigener Wohnungsschlüssel nocht steckte. Morgen lasse ich sofort einen neuen machen, den verstecke ich dann in der Schachtel mit der Weihnachtsdeko und dann haben wir im Notfall immer einen zweiten, schlägt Hoss vor. Gute Idee, meint Maik.
Zum Andenken an diese langweilige Geschichte aus dem Soester Hansealltag hat man die Brüder samt rotem Schlüssel an die Frontseite des Rathauses genagelt, als Warnung für den Bürger: Ein bisschen blöd ist ok, aber nicht mehr, klar?

Mathematik im Sauerland


Der Sauerländer ist bekannt dafür, dass er aufgrund erhöhter Niederschlagsmengen zu den Problembuddlern in Deutschland gehört; es reicht ihm nicht, einfach fröhlich durch die Welt zu gehen und sein täglich Brot mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Der Sauerländer braucht Probleme. Wer sich als Erholungssuchender durch ein Dickicht schlecht ausgeschilderter Wanderwege quält - angeblich habe Kyrill einen Teil der Markierungen "weggeputzt" - und glaubt, er könne sich an der Natur erfreuen, stößt immer wieder auf Stellen, an denen der Sauerländer sein Wesen offenlegt. Es reicht ihm nicht, dass der Gast durch den Forst schlendert, er drückt ihm immer wieder etwas für den Kopf auf! Achtausendunddreizweiundsiebzigstel! Was soll das denn hier? Selbst wenn man die Zahlen, was ja der Strich zwischen ihnen symbolisiert, teilt, kommt man auf kein glaubwürdiges Ergebnis, vor allem nicht ohne einen Taschenrechner, den der Wanderer wohl kaum in seinem Rucksack findet. Beide Zahlen hatten jahrzehntelang um den Status als Primzahlen gekämpft, verloren hat die 72 als kleinere Zahl, was ja niemanden wundert, denkt man an die immer weiter auseinanderklaffende soziale Schere im Land. Die Kleinen werden nichts, die Großen können sich alles leisten. Primzahl, als wenn das was Besonderes wäre! Der Sauerländer hat jedoch im gleichen Jahr, als es der 72 abgelehnt wurde, Primzahl zu werden, einen absolutes Teilungsverbot erlassen. Was als schlichte, wenn auch unlösbare Aufgabe am Baumstamm leuchtet, ist nur eine böse Falle. Wer dennoch teilt, weil er es nicht lassen kann, wird mit Bußgeldern bis zu 100 € belegt. Dieses Geld fließt in sauerländische Gemeindekassen und wird für den Bau von Regenschutzüberdachungen angespart. Der kluge Mensch denkt an die ehemalige DDR und weiß: Vereinigen ist das Zauberwort, das wir uns teuer zu stehen kommen lassen. So bleibt nur der Rat: 8003 geteilt durch 72 ist verboten. Das richtige Ergebnis heißt: Achttausendfünfundsiebzig!

Serielle Fotografie: Auf dem Wochenmarkt in Soest



Serielle Fotografie soll das sein?

Sellerie-Fotografie, ganz plumpe Sellerie-Fotografie. Also: Bevor man ein Fremdwort benutzt, sollte man wissen, was es bedeutet.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Eiskugelmeditation


Mit Andacht essen ist gut; wie wenig hilft es der Welt, wenn Currywürste und Döner mit gierigen Bissen zerkleinert und hektisch heruntergeschluckt werden, nur um das profane Hungergefühl zu betäuben, um schneller zu sein als der Nachbarm, der vielleicht die minderwertige Nahrung vom Teller stiehlt, um sie sich selbst einzuverleiben. Schnelles Essen ist Egomanie. Bloß nichts abgeben, alles alleine haben wollen! So denkt und funktioniert der Alltagsmensch, dem der eigene Bauch näher ist, als die Hüftrolle des Nachbarn. Und dann in der Menge der Schlingenden: Der Pilger! Andächtig hält er seine Nahrung vor die Stirn. Er dankt dem Universum, er dankt allen Wesen, Tieren und Pflanzen, die ihm Nahrung sind; er hält inne, hat Zeit sich zu besinnen, er respektiert das Große und Ganze, in dem der kleine Mensch versinkt, in dem er wie ein Tropfen im Ozean ist. Das Profane wird bedeutungslos; die Nahrung wird geheiligt.
Immer tiefer versenkt er sich mit jedem Tropfen des geschmolzenen Schokoladeneises, der auf den Boden oder die Goretex-Wanderhose tropft. Der Pilger weiß um die Bedeutung seines Opfers für die Schwingungen der Welt, er weiß darum, dass er dem Guten hilft, dass er einen Teil seiner Nahrung opfert, symbolisch, um den Unfrieden, den die Schnellesser und Schlinger, die armen Schlucker eben, mit jedem Hamburger, mit jedem Schnitzel, mit jeder Bockwurst stiften, zu begegnen und in Harmonie zu verwandeln.
Wenn der Pilger zurückkehrt in das Hier und Jetzt bleibt ihm ein braunes Muster der süßen Tropfen auf dem Boden oder vielleicht sogar auf der Hose. Er weiß, dass es gut ist, so gehandelt zu haben, sich in der Masse zurückzuziehen in sich selbst und Kontakt aufzunehmen mit den Wesen einer höheren Welt, um unerkannt zu helfen. Wanderer hinterlässt keine Spuren, mag ein wahrer Leitsatz der Wissenden sein. Manchmal muss aber auch eine Ausnahme gemacht werden, wenn es der Sache dient.

Samstag, 27.9.08: Inkognito reisen


Wer will nicht unbehelligt bleiben, wenn er reist? Inkognito nennt man das. Vor allem der Prominente, der zwar immer sein Maul aufreißt und die Zähne zeigt, um zu lachen, seine Fans aber eher zum Kotzen findet, sie aber billigend in Kauf nehmen muss, weil sie seinen üppigen Lebenswandel finanzieren, so dass er sich ein Bahnticket leisten kann, um einmal einen Ausflug machen zu können, will unentdeckt bleiben. Am häufigsten werden Prominente am Gesicht erkannt. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Charlie Chaplin, der an seinem Bambusstöckchen erkannt wurde und wie Winnetou, den man über die Silberbüchse und die Tatsache, dass er wie ein Althippie aussah, identifizieren konnte, ist der Kopf das Haupterkennungsgebiet an einem Prominenten. Den Kopf zu verhüllen ist eine einfallslose und nutzlose Methode, sich vor Übergriffen durch Fans zu schützen, die nicht davor zurückscheuen, mit ihren Fingern in der kopfverdeckenden Kleidung herumzuwühlen, bis sie einen warmen Körperteil zwischen Daumen und Zeigefinger halten und laut aufschreien können: Heino Ferch!, oder Heidi Klum! Anschließend wird mit Fanpostkarten im Gesicht des Gefundenen herumgestochert, was üble Schnittwunden nach sich ziehen kann, wohl aber dem Erheischen einer Unterschrift dienen soll.
Am schlimmsten aber ergeht es Reisenden, die ihren Kopf hinter einer Windbluse verstecken, weil sie ein Nickerchen machen wollen. Wenn der hoffende Fan, nachdem er gewühlt und gestochert hat, feststellt, dass es sich gar nicht um einen Prominenten handelt, nicht einmal um einen Schausteller aus einer täglichen Seifenoper, sondern um eine belanglose Person des Alltags, kann das Erwachen böse sein. Frustabbau heißt dann die Devise, und da weiß der Fan nicht wohin. Da bleibt nur noch, ihm die Bildzeitung hinzuhalten und zu hoffen, dass ihn das täglich wechselnde Bild einer Barbusigen ablenkt.
Tipp: Wenn schon Nickerchen, dann immer mit unbedecktem Kopf. Wenn schon nicht erkannt werden wollen, dann zu Hause bleiben!

Freitag, 26.9.08: Weltstadt Berlin - Sicherheit geht vor


Der deutsche BIG APPLE Berlin krankt doch am Detail. Klar, man will dem Ausländer, der vielleicht englisch spricht, das Leben etwas einfacher machen und teilt ihm mit: Meister, nicht mit der Tür in die Hotellobby fallen, sondern den Türgriff benutzen. Im Ausland sind Türgriffe, manchmal sogar Türen, weitgehend unbekannt. Da denkt jeder sofort an die Fliegengittertüren in der Fernsehserie Lassie, die sich sogar mit dem Butterbrotsbeutel von Timmy öffnen ließen, oder an die praktischen Wigwams, die gar keine Türen besaßen, sondern nur einen Schlitz, durch die der Häuptling seinen Federkopfschmuck pressen musste. Das Ein- und Ausgehen glich einer Geburt. In Deutschland ist das anders, besonders in Berlin, dort hat sich die Türklinke seit den wilden Zwanzigern durchgesetzt, als nämlich die Mode überhand nahm, einfach hereinzuplatzen. Egal wo herein oder hinein, man platzte in den Raum, als ob es zum guten Ton gehöre. Der Türgriff schob dem im wahrsten Sinne einen Riegel vor, einen versteckten nämlich. Der ausländische Mensch läuft immer noch auf eine Tür zu und hofft, dass sie sich, vielleicht wie in der Heimatstadt New York, von selber öffnet, oder, vielleicht in seiner Heimatstadt Rejkjavik, einfach wegtaut durch die Körperwärme des Heraneilenden. Berlin ist eine Weltstadt und da denkt man an die Verletzungsgefahr, die Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund droht. Ein praktisches Schild mit dem Hinweis auf einen DOOR HANDLE verhindert das Schlimmste; übersetzt heißt das TÜRGRIFF und warnt den auch den deutschen Mann, der gern einmal durch die Wand geht und glaubt, Türen seien für ihn kein Problem. Denkste, Meister! Hauptstadtkorrespondent Peter Henne

Donnerstag, 25.9.08: v. Eijnoor - Einsam wegen schlechter Zähne


Häufigste Ursache seit Erfindung der Parodentose.

Mittwoch, 24.9.08: v.Eijnoor - Beäugt.


Iss so, ganz ehrlich.

Dienstag, 23.9.08: v. Eijnoor - Auf andere zeigen


Zeigt man eigentlich nicht.

Montag, 22.9.08: v.Eijnoor - Karneval in Rio...

...aber total schlecht sitzende Masken.

Sonntag, 21.9.08: v.Eijnoor - Blödes Huhn findet drei Körner


Drei Körner nur, zu blöd.

Hämorrhoiden oder Hämorriden?

Vor der Reform der Rechtschreibung waren Hämorrhoiden tabu. Die Leute konnten das Wort nicht schreiben, also wurde es auch nicht geschrieben. Darüberhinaus befanden sich die Objekte in einem Bereich, der nur hinter vorgehaltener Hand besprochen wurde, in einer Tabuzone, die seit der Erfindung der Unterhose unter dem Oberbegriff "unaussprechlich" zu finden war. Wenn dann doch gesprochen wurde, so sagte man Hämoritte, vielleicht assoziierte der Hörer die freundliche Margaritte und konnte dem Sprecher den Tabubruch verzeihen. Dadurch dass niemand die Krankheit bzw. die Protagonisten dieser aufschreiben konnte, erhielt das Ganze eine Art Glorienschein, eine Form der Mystifikation lief ab, es erhielt etwas "Unbeschreibliches". Dann kamen die forschen 90er-Jahre und das noch forschere 2.Jahrtausend. Erst die Rechtschreibreform: Die Hämorrhoide wurde ganz legal zur Hämorride, immerhin noch rechtschreibtechnisch schwierig, weil mit zwei r, und entledigte sich ihrer Heiligkeit, wurde quasi profan, bürgerlich, nein, trivial, und schließlich entblödete sich eine schreibende Frau nicht, darüber ein Buch zu verfassen, in Romanform auch noch, und nötigte die Bürger, dieses zu kaufen, in einer Menge, dass es auf die ersten Plätze der Bestsellerliste schnellte, und nötigte sie weiterhin, die vorgehaltenen Hände herunter zu nehmen und zu schreien, einfach weil niemand hinter dem Trend herhinken wollte, zu schreien, wenn der Beflüsterte nach dem Wo fragte: Am Arsch! Mit dieser Ausdruckweise lag der oder die Schreiende natürlich im Trend, spätestens seit der Hobbythek zum Thema Bauch, Darm und Hintern, und bewertete gleichzeitig das Gelesene, um weiteres Interesse zu wecken und den Kaufanreiz für das Pamphlet zu steigern. Alles nur wegen der Rechtschreibreform.

Leichtfertig gesagt: Du hasten Schuss

Leute, die an der Schießbude stehen, fühlen sich wohl, wenn der von Markt zu Markt ziehende Anbieter privater Showdowns sagt: Du hast einen Schuss! Immerhin haben sie Geld bezahlt und machen auch gern ein paar Schüsse mehr, weil sie Geld sparen.
Wenn dann die Schießwütigen statt auf die Plastikblumen oder Synthetikbären in den Keramikröhrchen aus Versehen auf die Angestellten schießen, weil sie keinen Jagdschein besitzen, kommt es schon mal zu unliebsamen Äußerungen wie: Du hasten Schuss, Meister, pass bloß auf! Damit haben sie an diesem Stand praktische auch einen Jagdschein erworben, der zwar nicht zum Erwerb einer Waffe berechtigt, wohl aber eine Art Freischein ist, die das unstrukturierte Herumschießen in der Gegend verstehbar macht. Ein Makel bleibt trotzdem, denn niemand bekommt dieses Dokument wirklich ausgehändigt. Menschen mit solchen Attributen müssen jeden Tag aufs Neue beweisen, dass sie berechtigte Träger des Qualitätsmerkmals sind. Nicht einfach und manchmal nervend. Da geht auch schon mal ein Schuss nach hinten los.

Gastbeitrag: Leser und Leserinnen stellen sich vor – heute: April aus Norwegen


Ich lese gern in Bodos Welt – natürlich nur dann, wenn ich in meiner kleinen Hütte in der Nähe des Polarkreises Strom habe. Wenn nicht, muss ich selbst schreiben. Ich glaube ja immer noch, dass Bodo in Wirklichkeit eine Frau ist. Viele seiner Ansichten sind sehr weiblich, und wenn man so wie ich inmitten der Natur ganz allein ist, entwickelt man ein Gespür für so etwas. Am besten gefallen mir die Gespräche der Aliens. Bodo, ich finde, du solltest wieder mehr Science Fiction schreiben. Olli Dallilahmer kann ich nicht so gut ertragen. Er erinnert mich zu sehr an den Aussteiger in der Hütte unten am See, der leider gerade deutsch lernt, um mit mir seine Ansichten zu teilen bzw. damit ich seine Ansichten teilen kann. Und es nervt mich, dass Bodo so pingelig ist, was den Fleischverzehr betrifft. Ich würde hier im Winter gar nichts zu essen haben, wenn ich nicht meine Fallen im Wald hätte und mir ab und zu etwas braten könnte. Manchmal wünsche ich mir hier Menschen, die mir z.B. einfach nur etwas von ihrem letzten Urlaub erzählen, ob es auf dem Campingplatz laut war oder ob es zu viele Hunde gab. Tja, und weil das hier nicht geht, lese ich in Bodos Welt.