Erziehung: Gut gemacht, Konstantin!

Früher gab's grimmige Gesichter; Beppo kam nach Hause, hatte nachsitzen müssen, die Wange noch rot von der Hand des Lehrers. Richtig so, bestätigten die Eltern die körperliche Züchtigung des Sohnes, und wenn du nicht aufhörst herumzumaulen, dann setzt es hier auch noch was! Schläge haben noch keinem geschadet. Warum sollst du gerade eine Ausnahme machen?
Selbst wenn der Anlass für den Schlag ins Gesicht ein nichtiger war, entscheidend für die Akzeptanz war doch, dass hier ein Gymnasialer sein Überfordertsein kompensiert hatte. Auch früher waren die Kinder schon so schlimm wie nie, auf jeden Fall schlimmer als noch früher.
Heute ist das anders: Gut gemacht, Konstantin, brüllt es vom Skilift. Der Vater lobt. Konstantin, unbegabter Zögling im Alter von 7-9, ist mit wackligen Knien und ohne Vorlage, mit den Stöcken herumschwenkend und in die Luft stochernd, sturzfrei den Hang hinuntergerasselt, hat fast ein 5jähriges Mädchen weggemäht und wäre beinahe in eine auf der Piste stehende Siebzigjährige gerast. Noch mal gutgegangen! Bravo, Konstantin! Warum klatscht die Menge nicht Beifall? Dass sich Konni noch kurz vor dem Lift versägt hat und in eine Skigruppe rauscht, kann ignoriert werden. Das Betonen der positiven Ansätze erhöht die Wahrscheinlichkeit des Wiederauftretens. Will heißen: Wenn der Knabe genügend gelobt wird für sein Hanghinabfahrspektakel, dann macht er das wahrscheinlich noch einmal, oder sogar zweimal. Das übt doch!
Die Standpauke - Warum fährst du ständig andere Leute um, du Depp! - bleibt aus. Das bringt nichts für den Lernzugewinn.
Wenn Konstantin in der Schule den Lehrer anpöbelt, kann man das loben. Später wird er den Mut entwickeln, Kritik zu üben und sich nicht alles gefallen zu lassen. Er lernt auch, dass er immer Rückhalt bei seinen Eltern hat, falls es mal alleine nicht klappt. Wenn ihm die Eltern wegsterben, müsste er alleine klar kommen. Das wird schwer, wenn seine Kontrahenten ähnlich gestrickt sind. Da heißt es sich durchsetzen. Das ist Nahkampf ohne Supermami oder Hyperpappi. Überlebenskampf im Dschungel der Egoisten, der Zuvielgelobten, der Weichlinge.
Vielleicht empfiehlt sich grundsätzlich die Pflanzen-Pädagogik: Gießen, gießen, gut zureden und fördern; zurechtstutzen, drauftreten, plattmachen; gießen, gießen, gut zureden; plattmachen.... Das macht widerstandfähig, hart für den Garten des Lebens. Da waren die alten Gymnasialen mit dem gelegentlichen Schlag ans Ohr schon auf dem richtigen Weg; allerdings hatten sie es nicht so mit dem Gießen.

Schulinspektion - Qualitätsanalyse (Teil 5): Rucksäcke


Oberinspektor Terrick, Logbucheintrag vom 8.5.07: Der Lerngutbehälter ist der Psychospiegel des Lehrenden. Diesen weisen Satz formulierte mein Assistent Harald gestern, als wir einer Sackkarre angesichtig wurden, mit der ein äußerlich völlig überlasteter Techniklehrer seine Holzreste und seinen Pilotenkoffer, der sich später als Spezialbehälter für Werkzeug zum Öffnen von Haustüren entpuppte, in den Keller karrte. Man mag die Sackkarre dem Techniklehrer nachsehen; der Englischkollege, der sein Orange Line plus CD-Rekorder in den Klassenraum rollt, hat erhöhten Beratungsbedarf.
Was sagt uns ein Rucksack?
Oft ist es ein Begleitbeutel, der auf den Rücken geschnallt wird, weil die Hände voll sind: Links die Ledertasche und rechts das tragbare CD-Gerät, das immer mehr Ersatz für Sprechfaule im Unterricht ist.

Der Rucksack soll sagen: Ich schaffe das nicht mehr! Früher haben ich oder ein Schüler meine Tasche zum Pult geschleppt, da ging noch alles rein, was ich für einen normalen Schultag brauche.

Heute aber ist das anders: Erstens muss man auf alles vorbereitet sein, besser also zu viel als zu wenig dabeihaben! Immer mehr Formulare und Erlasse, die keiner mehr lesen kann, sammeln sich und bevor ich sie nicht gelesen habe, schmeiße ich sie auch nicht weg, es könnte ja immer mal eine Taschenkontrolle der Schulinspektion anstehen. Ich bin vorbereitet.

Ich trage die Last der Pädagogik, die Last der Erziehung, die Last des Bildungsministeriums, die Last der Bücher mit alter Rechtschreibung und der Bücher mit neuer Rechtschreibung, die Last der Verantwortung, die Last der Welt. Ich bin Lehrer, ich werde geächtet, diffamiert, erniedrigt, angespuckt und für alles verantwortlich gemacht. Ich kann bald nicht mehr, ich gehe in die Knie! Hilfe, ich brauche einen Wanderurlaub auf Mallorca mit diesem Rucksack, das wäre eine Hilfe! Aber wer hört mich, will mich hören? Die, die mich hören können, verschließen die Ohren. Ignoranz lastet auch noch auf meinen Schultern.

Wer trägt den Rucksack?
Ein Blender, den ein erfahrener Schulinspektor schnell entlarven kann. Niemand weiß, was wirklich in dem Behälter steckt; der Inhalt ist dem Besitzer wahrscheinlich selber unklar, Altlasten aus den letzten Schuljahren verrotten dort und Cds mit Unterrichtsplaybacks in Fremdsprachen zum leise Mitsprechen.
Ein Jammerlappen, der seine Belastung ständig weinerlich zur Schau stellen will. Rucksäcke sind etwas für Kinder, maximal Jugendliche, oder für Ökos, die beide Hände frei haben wollen, damit sie besser im Biowühltisch schaufeln können.
In der Schule haben Rucksäcke nichts zu suchen; sie verstärken den selbstbemitleidenden Hang zur Depression, und das kann sich aufgrund schlechter Ergebnisse in PISA-Studien und anderer Untersuchungen keiner mehr erlauben. Fröhliche Lehrer sind gefordert; Rucksäcke fördern Krummbuckeligkeit, und die sieht nicht gut aus. Nichts gegen 100%igen Respekt gegenüber dem Dienstherren und seinen Organen; ein einfaches Hände-an-die-Hosennaht reicht da.
Der Rucksacklehrer sehnt sich heimlich nach der Pädagogik der Vergangenheit, als die Schüler noch lieb waren und zu emanzipierten, selbständig denkenden und verantwortungsbewussten Menschen erzogen werden sollten. Der Rucksacklehrer lehnt Unterrichtsentwicklung ab und damit das klippartsche Methodentraining, er widerspricht dem Gebot der Stunde: Anpassung an die Erfordernisse Arbeitswelt. Was nützt denn ein arbeitsloser, aber emanzipierter Mensch? Der hat doch selber nichts davon. Der Rucksacklehrer ist der Rückwärtspädagogik zuzuordnen. Der Schüler weiß nach einer Unterrichtsstunde weniger als vorher; die Qualität wird nicht gesichert, sondern ist hochgefährdet!

Ungeklärte Fragen: Wo bleibt das Ferne?

Immer wieder und wieder habe ich mir die Frage gestellt: Wo bleibt das Ferne, wenn wir uns ihm nähern? Der Zwerg dahinten wird vielleicht zum Riesen, die Schnecke zur Schlange, der Indianer zum Asteroiden, der Knirps zum Sonnenschirm. Ich weiß, alles Vergleiche, die hinken: Der Gehbehinderte wird zum Bettlägerigen. Die Welt ist so verwirrend. Aber wo bleibt denn der Zwerg, wenn er Riese ist? Die Schnecke, der Indianer, der Gehbehinderte? Soll das mal wieder nur der liebe Gott wissen? Weiß Gott, die Frage ist nicht so einfach, tönt es aus den pseudoschlauen Köpfen. Wird das Ferne einfach das Nahe und ist im All verschwunden, oder im Nichts oder im schwarzen Loch, da wo sich der Raum krümmt vor Schmerzen, weil die Zeit gedehnt wird? Erklär mir doch mal einer die Relativitätstheorie. Das kann doch jedes Kind, kräht es aus allen Löchern. Die meisten Kinder können Relativitätstheorie nicht mal schreiben! Die Welt ist nicht fair. Fairne. Blödes Wortspiel, dazu reicht es, aber nicht erklären können, wo das Ferne wirklich bleibt. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah, sagt man doch. Hilft hier aber nicht. Also:Wo jetzt?
(Der liebe Gott spricht von ganz oben: Das Ferne fällt hinten am Horizont runter. Denn wenn etwas Neues entstehen will, muss das Alte weichen.)
Ach so, naja, dann ist ja gut. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht.

Kurze Texte: Horizont


Hinterm Horizont geht's weiter.
Kaum zu glauben.
(Bild: Ödland)

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Rasenmähermeditation

Das Chaos schwappt über dir zusammen, dein Arbeitszimmer wächst, die Papiere stapeln sich, die Büchertürme drohen einzustürzen, das Unerledigte wächst durch die Ritzen deines Dielenbodens, du weißt nicht, wo du anfangen sollst, selbst der sonst unnütze Ratgeber, wie man sein Leben vereinfacht, ist im Bermudadreieck deines Papiermülls verschwunden. Du bist den Tränen nahe. Die Steuererklärung ist längst überfällig, aber seit du im letzten Jahr ein neues Ordnungsprinzip ausprobiert aber nicht wirklich umgesetzt hast, findest du deine Quittungen nicht mehr wieder.
Jetzt nicht Staubsaugen. Jetzt hilft die Rasenmähermeditation. Du schiebst das frisch betankte Gefährt, das leicht nach Benzin duftet, auf die Fläche, die dicht bewachsen ist mit Gras, dessen Halme leider ungleiche Längen aufweisen, du schiebst den Kontakt auf die Zündkerze, greifst zum Quickstarterseil und ziehst. Der Motor röhrt auf und gleichzeitig schießt die Ruhe in deinen Körper. Eine Ruhe, die dir Hoffnung macht: Du kannst alles schaffen, du kannst alles regeln, du kannst alles ordnen. Du drückst den Bügel des Radantriebs nach vorn und langsam, aber kraftvoll beginnt der Mäher seine Arbeit, stetig und unerbittlich kürzt er Halm um Halm auf gleiche Länge, gibt dem gerade noch Ungleichen das Gleiche zurück, die Ordnung, das Schöne. Unter deinen Füßen wächst die Fläche, die hinausschreien will: Du hast uns unseren Sinn zurückgegeben. Wir sind Rasen, eben noch Gras, sind wir jetzt Rasen!
Bahn für Bahn ziehst du mit deinem ordnenden Schnitter, der getrieben von dem Wunsch nach Gleichheit, nach Einheit, nach frischem, duftendem Gartenschnitt voranbrummt, von deiner leichten Hand geführt, winzige Impulse drängen ihn in die richtige Richtung und die Ordnung wächst, das Chaos muss ihr weichen. Du bist der Herrscher, du zeigst wie die Regeln deines Universum lauten, wie die Gestze, die du geschaffen hast. Immer kleiner werden die spiralfömigen Bahnen, winden sich zum Zentrum, zum Ziel, zum Mittelpunkt, zur Überwindung der Unordnung, zur Ruhe, zum Einswerden des Rasens mit sich selbst.
Du bist am Ende des Weges, dein Blick schweift über dein Werk: Hier hat deine Hand gewaltet, hier hat sie Neues erschaffen, aus dem Chaos die Ordnung geschöpft. Der Schnitter schweigt, du fährst mit der Hand über den heißen Körper des Mähers und streichst etwas Rasenschnitt vom Fangkorb. Du seufzt. Die Ruhe ist in dir. Nichts kann dich drängen, nichts in die Hektik des Alltags zwingen. Du hast die Kontrolle. Die Aufforderung zur Abgabe der Steuererklärung ruht im Ablagekorb, der Bücherturm steht, das Arbeitszimmer schweigt. Alles ist, wie es sein soll.
(Zum Photo: Ein unmeditativer Rasen. Ein achtlos hingeworfener Ast stört das Gleichmaß. Auch ist das Gras von einer Struktur, die kein meditatives Mähen zulässt; jahrelang wurde hier nicht vertikutiert, was die Basis für einen guten Meditationsrasen ist.)

Zu Krakl (Zimmermann I und II): Fred schreibt ein Gedicht

Der Zimmermann II
Der Zimmermann
Treibt seinen Nagel in die Latte.
"Will mal zeigen, was ich kann,
die ist ja nicht aus Watte."

Die Latte ist ja nicht von Pappe! Das fehlt mir da irgendwie. Also, Dachpappe eben, das ist ja thematisch in die Richtung gedacht.

Der Latte haut der Zimmermann
mal eben auf die Klappe.
Die ist, so denkt sich dieser dann,
durchaus nicht von Dachpappe.

Rhythmisch etwas merkwürdig. Dachpappe wird ja auf der ersten Silben betont, hier müsste es die zweite sein.
Fred

Aus dem Osten: Wie aggressive Murmeltiere

Manchmal tauchen sie auf, völlig überraschend, schnell, geschmeidig und penetrant, aus dem Osten, aus der Steppe oder von den Kohlfeldern der Börden, von den Flachländern. Aus dem Osten sind die, aus dem Osten, irgendwo dahinten her, vermuten wir, die sie still beobachten, weil wir Angst haben, sie könnten uns anspringen. Zack, sind sie in die Hotelbar geschlüpft und tun, als sei es ihre. Sie tanzen wie die Wilden, zucken mit den Leibern, stoßen mit ihren Köpfen vor und zurück, rudern mit den Armen, als gehöre der gesamte Westen ihnen. Österreich etwa. Oder ein Skigebiet in Österreich samt Hoteldiskothek, die die einzige im kleinen Ort ist. Wo sollen sie denn auch sonst hin? Happy Hour. Alles zum halben Preis, Quatsch, zum gleich Preis das Doppelte, wer ein Bier ordert, erhält zwei. Sie sind wie aggressive Murmeltiere, die geduckt durch den Raum zischen, sie saufen wie die Kesselflicker; ihre Augen schweifen durch den Raum, blitzschenll erfassen sie die Lage und wissen: Unser Raum. Hier machen wir, was wir wollen. Kugelige kleine Männer aus Knochen, Muskeln und Fett, mit tiefem Schwerpunkt; niemand bringt sie zu Fall, nur sie selbst, wenn sie sich die letzte Flasche Wodka in den Hals gießen, wenn das Weiße in ihren Augen schwarz wird und alles um sie herum sich in die verhasste kapitalistische Ausbeuterwelt verzerrt, die man immer mehr hasst, die man hassen muss, weil es einem in den Kopf gedroschen worden ist, gehämmert, auf sozialistischem Amboss. Sie rempeln und rülpsen und rempeln; da beschwert sich eine Frau, weil sie gestoßen wird. Sie rotten sich zusammen und gestikulieren, schauen in Richtungen, zeigen und diskutieren, nein, kotzen Wut heraus, ballen Fäuste.

Die stillen Betrachter ziehen sich zurück. Die Luft vibriert. Das Adrenalin will abgebaut werden. Den Boxsack soll ein anderer machen. Für die Kapitalisten sollte der Abend hier enden. Den Kugelköpfen gehört die Welt, die sie sich mit der Faust zurechtschlagen wollen. Ein Kiefer wird noch krachen diese Nacht. Vielleicht auch zwei oder mehr. Es ist ja Urlaub.

Unbeliebte Sportarten: Tanzen

Besonders bei Männern ist der Tanzsport unbeliebt. Sie behaupten, es sei kein richtiger Sport, weil keine Tore fallen. Besucht man einen Anfängerkurs im Standardtanz, kann man an den Gesichtern der männlichen Teilnehmern ablesen: Ich bin nicht freiwillig hier.
Die milde Form der Erpressung: Ein Drittel der Männer hat den Kurs zu Weihnachten geschenkt bekommen, natürlich mit der vagen Zusage, nach Beendigung des Grundkurses wieder aufhören zu dürfen. Unwissend, dass der Grundkurs auch aus den Folgekursen F1 bis F4 besteht, haben sie dem Geschenk zugestimmt. Dass da noch etwas kommt, kann man beim ersten Treffen der Tanzenwollenden bzw. -sollenden noch nicht in den Gesichtern sehen.
Ein anderes Drittel hat eine oder mehrere schwere eheliche Missetaten begangen, etwa zum wiederholten Mal nicht den zugewiesenen Reinigungsbereich gewischt, den Müll zum fünften Mal nicht rausgebracht, sondern zeitunglesend oder musikhörend, möglicherweise bei einem Glas Roten um 17 Uhr(!), im Sofa gesessen, bei Heimkehr der Ehefrau von der Arbeit. Sie ist dann in Tränen ausgebrochen, was die sofortige Anmeldung zu einem Tanzkurs nach sich gezogen hat. Nun heißt es Buße tun und vielleicht einen Gutschein zu erwerben für fünfmal Nichtmüllrausbringen und dreimal Nichtwischenaufdemklo.
Das letzte Drittel meint, es müsse die Frau mal wieder etwas bewegen. Sie hat sich angewöhnt, es dem Gatten gleichzutun, abends vor dem Fernsehr zu hocken und dies und das zu gucken, ohne Sinn und Verstand, einfach, um abzuschalten, und dabei das Abschalten zu vergessen. Des Fernsehers nämlich. Eine deutliche Fettwanne hat sich beim Manne bereits gefüllt, er hält das nicht für dick, sondern für stattlich. Bevor seine Frau ähnlichen, körperlichen Überschuss entwickelt, will er prophylaktisch handeln und Bewegung in die Sache bringen. Seine Frau wird später leichtfüßig um seine massige Gestalt herumtanzen, meistens um seinen schweren, arhythmischen Schritten auszuweichen, und es schön finden. Tanzen erfrischt nicht nur ihren Körper, auch ihre Seele ist wie verjüngt. Der stattliche Mann ist nach wenigen Minuten verschwitzt, das Hemd klebt auf dem Rücken, die beige-farbene Hose weist dunkle Flecken an der Gesäßrinne auf; dort fließt das salzige Körperwasser ab, das das Hemd nicht mehr binden kann. Das hält er für einen Zeichen von Kondition. Der Frau ist es egal, Hauptsache, sie kann tanzen.
Der einzige Mann, der sich wirklich freut, ist der Tanzlehrer, denn bei ihm klingelt die Kasse. So sind alle zufrieden. Bis auf die Männer, aber das soll ja nichts Neues sein, glaubt man den Frauen und dem Tanzlehrer.

Endreimlyrik: Georg Krakl - Der Zimmermann II

Der Zimmermann
Treibt seinen Nagel in die Latte.
"Will mal zeigen, was ich kann,
die ist ja nicht aus Watte."

Neue Uniformen braucht das Land

Karneval ist schon zu Ende, als Bundesverteidigungsminsiter Jung auf die Idee kommt, die Uniformen der Bundeswehr müssten verschönert werden. Das sehe aus, als marschierten Feldmäuse zur Futterausgabe, oder so ähnlich, lässt er verlauten, im europäischen, und noch schlimmer im weltweiten, Vergleich sei die Bundeswehr farblos. Gerade bei Paraden und anderen Umzügen fielen die Deutschen aus dem Rahmen, oder seien überhaupt nicht als Deutsche zu erkennen, da sie sich problemlos an den Untergrund, meistens hellgrauen Marschasphalt, anpassten. Jedenfalls hätten andere Ländern viel schönere Jacken, Hosen und Mützen, zum Teil mit Lametta und Bömmeln verziert, mit Plaketten und glitzernden Orden. Da könne man nicht umhin, sich über eine Neugestaltung zu unterhalten. Der Finanzminister führt den Kostenfaktor ins Feld, und dass sich die Deutschen schließlich aufgrund ihrer Geschichte nicht zu sehr in den Vordergrund schieben dürften. Wenn schon neue bunte Uniformen, dann müsste die Bundeswehr die bunteste Armee der Welt werden, da dürfe man nicht zurückstehen, so der Bundesminister des Inneren, und nestelt an einem Schräubchen seines fahrbaren Stuhles. Der Wirtschaftsminister sieht nun die Textilindustrie angekurbelt und empfiehlt passende Waffen in den Farben Rot, Grün und Blau, für Frauen in Lila. Einzig der Außenminister zögert, weil er doch schon viel Häßliches gesehen habe auf seinen Ausflügen ins Umland. Man müsse vorsichtig in der Farbgebung sein. Bunteswehr, Bunteswehr!, schreit der Verteidigungsminister und wirft eine Zeichnung, die er während der letzten Plenarsitzung gemacht hat, auf den Stammtisch. Da! So kann das aussehen, jeder bekommt einen andersfarbigen Helm. Da weiß der Feind überhaupt nicht, auf wen er zuerst schießen soll! Euphorie entstellt sein Gesicht, und er fährt fort: Jeder seinen eigenen Helm! Wenn schon jeder sein eigenes Buch im Internet veröffentlichen und auf Abfrage bestellen kann, dann geht das wohl schon lange bei Helmen! Helmets on demand! Nur bei Bestellung kaufen. Bedarfsorientiert. Endlich nicht mehr die alten Schweißtöpfe im Regal! Platz für anderen Krempel.
Eine neue Runde Schnaps wird aufgefahren. Der Wirtschaftsminister rülpst und lacht über den Geruch. Oioioioi!, brummt er jovial und wedelt mit der Hand sein Magengas in Richtung Außenminister. Nicht lange schnacken, Kopp inn Nacken!, versucht der Verteidigungsminister aus Süddeutschland nördliche Gemütlichkeit zu imitieren. Bunteswehr!Ab jetzt Bunteswehr!
Die Runde lacht, Schräuble rollt heim. Der Wirtschaftsminister reißt die Hand hoch und ruft zur Theke: Scheff!Bringst no an Schnops!?
Karneval ist längst vorbei.

Endreimlyrik: Georg Krakl - Der Zimmermann



Der Zimmermann verliebte sich
In eine junge Latte
Beim Nageln auf dem Dach.
Ach, Latte, Latte, liebe mich!
Ich wär’ so gern dein Gatte!
Er legte sie dann flach,
sie konnt’ allein nicht stehen.
Oh, du mein Holz,
oh, du mein ganzer Stolz,
ich lass dich niemals gehen!

Alte Männer: Rechthaberei

Immer gibt es einen, sei es im Fußballstadion, an der Theke oder im Altersheim, der Recht haben will. Er begründet seinen Anspruch auf den langen Zeigefinger, den er jedesmal, wenn er etwas Wichtiges sagen will, erhebt und dann seine neuen Thesen und Postulate formuliert, um andere zu beeindrucken, ja auch, um Macht über sie auszuüben. Denn Wissen ist Macht, sinniert er und duldet keinen Widerspruch. Macht vor allem einen guten Eindruck, ergänzt Kuno. Manchmal hast du auch Recht, erklärt der Alleswissende mit dem Zeigefinger. Lass mich mal ausreden!, setzt Kuno nach. Was denn noch?Erzähl doch nicht immer so viel, ständig unterbrichst du mich, das ist wohl deine neue Masche, nie hörst du mir zu. Der Zeigefingermann ist genervt. Er schmettert eine Welle an Du-Botschaften gegen Kuno, in der Hoffnung, Schuldgefühle zu erzeugen. Schuldgefühle machen jeden klein; Schuldgefühle auslösen, das ist subtile Macht. Lass mich ausreden!, wendet Kuno sanft ein. Was denn noch? Der Zeigefingermann wird lauter. Drohen ist jetzt angezeigt, wenn es mit der Schuld nicht klappt. Also! Zeigefingermanns Also ist keine Frage, es ist ein Befehl. Kuno: Ich wollte sagen, Wissen macht einen guten Eindruck, wenn man als Klugscheißer durchgehen will.
Der Zeigefingermann wird bleich, sein stolz aufregender Zeigefinger erschlafft, klappt in sich zusammen, einem Zollstock, dessen Verbindungsniete ausgeleiert sind, ähnlich. Zähneknirschen. Schweigen. Der Weise schweigt, wo der Narr schwätzt.

Supernanny übertreibt: Kindercamps

Dass Kinder nicht immer so wollen, wie es die Eltern, Oma und Opa oder die Nachbarn wollen, das ist hinlänglich bekannt. Erkannt haben will die Wissenschaft auch, dass Kindern Regeln fehlen und dass sie durch übermäßigen Fernseh- und Internetkonsum dick und gewältig werden, darüber hinaus noch dumm. Gegen diese Gefahren der Medienwelt leisten sich wohlhabende Erziehungsberechtigte, die nämlich keine dicken, dummen und gewalttätigen Kinder haben wollen, eine "Supernanny". Hatte vor einigen Jahren noch die "Stille Treppe" gereicht( Hinsetzen!Maul halten!), so scheint die medienwirksame Erziehungshilfe (Supernanny) noch einmal aufzurüsten. Statt aufwändige Kindercamps zu errichten, genügt das familiennahe und vielleicht in Nachbarschaftshilfe angeschaffte Gartencamp. In einer Art Käfig mit schwingendem Boden und weichem Drahtgitter werden die Zöglinge nach entsprechendem Fehlverhalten platziert und je nach Art und Schwere des Vergehens allein oder zusammen mit ausgewählten anderen Kindern einem Selbsterziehungsprozess überlassen, der in erster Linie dem Dünnerwerden, dem Schlaumachen und dem Abbau von Gewaltausübungswünschen dient. Wer Geld sparen will, lässt die Supernanny zu Hause und steckt den Nachwuchs vorsorglich in die Erziehungsbox. Damit folgt man Gepflogenheiten der Amerikaner, die von solchen Maßnahmen überzeugt sind. Der Waldorf-Pädagoge würde wohl die Stirn runzeln und in Eurhythmie fallen...

In Gesichtern lesen: Alfredo de Funès

Das Leben hinterlässt Spuren, besonders das Leben als ewiges Kind. Alfredo de Funès ist so ein ewiges Kind. Das Leben hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, und manch einer wird fragen: Warum hat der Mann so wenig Haare, so tiefe Furchen und Falten, warum eine so große Nase und einen so merkwürdig geformten Mund? Selbst die Ohren wirken ein wenig vulkanisch im spockschen Sinne. Das ewige Kind bleibt Kind, solange es lebt. Mögen die schicksalshaft mit ihm verknüpften Eltern längst tot sein, so wird immer noch die Frage gestellt: Bist du nicht der Sohn von Louis de Funès, dem französischen Komiker? Alfredo reagiert wie konditioniert; seine Stirn zieht sich in mächtige Schweißrinnen, seine Augenbrauen scheinen augenblicklich zu wuchern und jagen nach oben, das Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse, zu einer Maske, die die Antwort geben will: Nein! Verdammt noch mal : Nein! Lasst mich endlich in Ruhe! Ich bin Alfredo de Funès, ein eigenständiger Mensch, ich habe nichts mit diesem albernen Menschen zu tun, den man Komiker nennt, dessen Faxen und dümmliches Gehabe ich lächerlich finden, aber nicht zum Lachen! Ich bin Alfredo, ein Türstimmenimitator, selbständig, nicht verheiratet und keine Kinder! Louis ist nur mein Vater. Dafür kann ich nichts.

Das konditionierte Gesicht karikiert Alfredos Bemühungen, und jeder Kinoliebhaber ab 47 erkennt hier den Spurenleger: Der französische Klamotteur, dessen sich Frankreich nicht schämen will, aber dessentwegen der deutsche Normalbürger jahrelang glaubte, der Flic trage seinen schornsteinartigen Hut, um von seinem tumben Verstand abzulenken, erscheint, als ob ein futuristische Hologramm, ein dreidimensionales Fernsehbild projiziert werde, auf dem Antlitz des Sohnes; seine gequälte Seele versucht das Schlimmste zu verhindern, aber das eigene Gesicht entgleitet dem Sohn und der Vater erscheint, so, als ob er in ihn geschlüpft wäre und hätte sich von innen hinter die Haut des Sprösslings gedrückt.
Welch ein Jammer für den Sohn eines Stars, der angeblich Menschen zum Lachen gebracht hat.
Schwerer kann das Leben kaum strafen: Das ist überhaupt nicht zum Lachen.

Suchtgefahr: Nur die Genussschiene

Nur die Genussschiene, sagte die Suchtberaterin, also, wenn Alkohol, wenn schon Alkohol täglich, wenn schon Alkohol ohne Grund trinken, dann nur die Genussschiene. Wer sagt, dass der Alkoholiker nicht genießt, wenn der Hochprozentige durch seine Kehle rinnt? Genussschiene, wo ist die überhaupt, wie soll ich die finden, wenn ich zu bin?, fragt der Alkoholiker morgens um 10. Der freie Vogel hat diese Probleme nicht, er ernährt sich nicht von Alkohol, es sei denn, er räumt mal wieder Papierkörbe im Park auf und stößt dabei auf Vergossenes, oder futtert mal tüchtig auf der Mülldeponie Vergorenes. Dann fliegt er die Genussschiene entlang und informiert sich über seine Flugtüchtigkeit und damit über den gefühlten Promillegehalt seines Vogelblutes. Der Mensch hat es da nicht ganz so einfach. Wenn er auf der Schiene entlanggeht, um seine Fahrtüchtigkeit zu demonstrieren, kann es schnell sein, das ein überrollender Zug ihn über seine verlangsamte Reaktion informiert. Leider verbleibt ihm keine Lebenszeit, die gewonnenen Information für ein Umlernen einzusetzen. Wenn sich die Krankenkassen auch heimlich die Hände reiben, weil sie einen Therapieplatz weniger finanzieren müssen, so haben sie doch immer vor den Gefahren des Alkoholismus gewarnt. Wenn Alkohol, dann die Genussschiene, sagte die Suchtberaterin, und meinte ein Gläschen, höchstens zwei. Das sei kein Genuss, das sei Folter, lallte der Beratene.

Doppelkopf als Lebensschule


Doppelkopfspielen gehört zu den Grundfertigkeiten eines Menschen. Es ermöglicht ein Überleben in der technisierten Welt.
Doppelkopfspieler brauchen keine Freunde. Sie haben drei Mitspieler, zu denen sie in einem indifferenten Verhältnis stehen. Diese Mitspieler wechseln häufig, so dass sie oft nur A, B oder C heißen. Da nicht klar ist, wer in dem jeweiligen Spiel der Partner ist, können sich Freundschaften gar nicht erst bilden, sondern ein gesundes Misstrauen bleibt ständig erhalten und ist in Bereitschaft, so dass immer die Möglichkeit besteht, den Eigennutz nach vorn zu bringen und sein Schnäppchen zu machen, bzw. sein Schäfchen ins Trockene. Damit ist Doppelkopfspielen eine gute Vorbereitung auf das Leben und ein hervorragendes Training, sich im Berufsalltag zu behaupten.

Der Doppelkopfspieler geht Freundschaften auch aus dem Grund nicht ein, weil diese so schnell zerbrechen können, z.B. durch das unangemessene Kontrasagen des Partners, wenn man gegen die Alten spielt, was eine Flut an Minuspunkten bringt. Das leichtfertige Hochpuschen von Spielen erzeugt bei den meisten Spielern einen Würgereiz, den aktuellen Partner an der Gurgel zu fassen und zu würgen, dass diesem die Luft wegbleibt.
Das Spiel ginge mit drei Spielern allerdings nicht weiter. Doppelkopfspieler haben eine natürlich Hemmschwelle, die ihre Aggression kontrolliert, denn sie sind am nächsten Spiel interessiert, das vielleicht das ersehnte Großspiel bringt, ein Solo möglicherweise, oder eine Re-Partie, in der der Gegner ein unangemessenes Kontra brüllt und für satte Punkte in der eigenen Spalte sorgt.

Menschen, die nicht Doppelkopf spielen, verkümmern in Einsamkeit, sind der schnelllebigen Zeit hilflos ausgeliefert und darüberhinaus ungewollt aggressiv gegenüber Mitmenschen, weil ihnen die doppelköpfige Hemmschwelle fehlt. "Ich brauche keine Freunde" ist eine dumme Ausrede, die gerne von Leuten benutzt wird, die wirklich keine Freunde haben, sie sich aber heimlich wünschen. Der Doppelkopfspieler braucht keine Freunde; das ist eine Tatsache, nein, sogar eine Notwendigkeit, denn nur so lässt sich sein Spiel optimal gestalten. Die hermetische Weisheit "Wie im Kleinen, so im Großen" manifestiert sich im Doppelkopf: Das Kartenspiel ist eine Schulung fürs Leben.

Demokratie im 21.Jahrhundert


Heute bin ich mal dran mit Bestimmen!
Zweiter!
Dritter!
Scheiße, wieder Letzter....

Peter Goge: Die Farbe Rot


Die Farbe Rot. Klingt wie ein Filmtitel. Und das macht den Pädagogenberuf zur Berufung: Er ist ein Film. Wir entscheiden über das Genre. Mantel und Degen für den Zeigestockliebhaber, Film noir für den, der in unerbelichteten Gruppen arbeitet, Naturfilm für den Biologen, Actionfilm für den Sportler, Horror aus der Schulküche, Historienfilm frisch aus dem Gymnasium. Der Lehrende ist der Protagonist des Films, der Held, der Retter. So gesehen, kann Arbeit sogar Freizeit sein. Wer wollte nicht immer schon mal Jean-Paul Belmondo sein oder Brigittegitt Bardot? Winnetou, das wär's gewesen. Schade, Winnetou ist kein Schauspieler, aber im goetheschen Sinne edel, hilfreich und gut. Fiktion, der der Lehrende in die Wirklichkeit hilft, durch sein Wirken nämlich. Die Farbe Rot ist das alles Bestimmende, die Farbe der Macht. Sie ist Spannung, sie ist Berufsinhalt und Lebenshilfe dem, der sie benutzt. Deutliche Korrektur, sichtbar und wohltuend, wenn sie als Tinte in Signalfarbe durch die Feder rinnt auf das fehlerhafte Papier. So wie das Leben den Lebensweg des Verirrten nachbessert, wenn etwa beim Wurstschneiden der Finger angeritzt oder aufgeschlitzt wird, so sagt die Farbe Rot dann: Iss keine Wurst mehr! Oder besser: Schneide keine Wurst mehr. Da hast du dich geschnitten, wenn du glaubst, Wurst sei gesund! Oder: Halt! Benutze kein Messer!
Der Pädagoge korrigiert dem Lernenden den Lebensweg. Halt, mach nicht so viele Fehler!, heißt es da. Hör auf, mit dem Nachbarn zu quatschen. Geh mir nicht auf die Nerven! Sonst fließt es rot! Die Tinte als Lebenssaft der Pädagogik. Da macht der Blick halt. Da denkt der junge Mensch nach. Ganz abgesehen von der erotischen Komponente, erstarrt das Leben für einen Moment, hält inne, wenn ein vor Fehlern strotzendes Blatt plötzlich auch vor Rot strotzt. Momente, die das Herz höher schlagen lassen, Momente, in denen die Hände feucht werden vor Stolz, in denen klar wird: Deshalb bin ich Lehrer geworden.

Schulinspektion - Qualitätsanalyse (4): Was Taschen mitteilen -Metallkoffer-

Oberinspektor Terrick und Assistent Harald berichten:

Lehrende mit Metallkoffern lassen durch ihr Transportobjekt erkennen,dass ihr Repertoire an Arbeitsmaterialien begrenzt ist, dass es sich nicht dehnen lässt. Sie habe eine klare Linie, nach der sie unterrichten, allerdings sind sie unflexibel und lassen sich auf "Dehnbarkeiten" wenig ein; pünktlicher Unterrichtsschluss gehen einher mit mangelnder Einsichtigkeit,wenn Schul-oderAbteilungsleiter Kritik üben, bzw. mal wieder alles besser wissen. Legt der Metallkofferträger ein Lächeln auf, so darf man sich davon nicht verwirren lassen. In Wirklichkeit hat seinen Metallquader fest in der Hand und versteht es, ihn auch als Waffe einzusetzen. Da der Koffer wegen mangelnder Dehnbarkeit immer gut gefüllt ist und damit ein ordentliches Gewicht aufweist, reicht es, ihn am Arm bzw. an der Hand hängen zu lassen. In den meisten Fällen genügt es, einfach stehen zu bleiben oder ruhig weiterzugehen; der Gegener eliminiert sich fömlich selbst. Zappelige Schüler, die herumspringen und dem Koffermann zu wenig Respekt zollen, sind irgendwann unachtsam und prallen gegen die harten Kanten des Objektes, das sich kaum bewegt, da schwer gefüllt. Zappelschüler werden konditioniert: Herumhüpfen und Respektlossein zieht Schmerzen nach sich. Wenn auch lediglich Vermeidungsstrategien entwickelt werden, so reicht dem Pädagogen, dass der unruhige Schüler ihm aus dem Weg geht. Dem Kollegen/ der Kollegin wird ebenfalls deutlich ein "Platzda! Ich komme!" deutlich gemacht. Reagiert die betreffende Person nicht, wird der Koffer leicht geschwenkt, um sich Nachdruck zu verleihen. Blaue Flecke an Schienbeinen sind gerade in der Sommerzeit bei den Damen und den kurzhosig gekleideten Herren unbeliebt.

Die letzte Dimension des Metallkoffers ist die Vortäuschung, es handle sich um einen sogenannten Methodenkoffer, in dem sich Materialien zur Unterrichtsentwicklung (Bunte Karteikarten, Textmarker in vier Farben, Schere und Klebstoff) befinden. Der Koffermann will anzeigen: Mein Unterricht wird entwickelt! Ich arbeite komplett anders seit der letzten Fortbildung. Wenn ihr mit den Zähnen knrischt, bin ich schon einen Schritt weiter! Vorsicht, ich komme!
Schaut der Verunsicherte dann im Methodenkoffer-Depot nach, dann stehen noch alle fünzehn da; unberührt und gefüllt mit Karteikarten und sonstigem Zubehör.

Jetzt neu entdeckt: Das Weltbild der Griechen

Befürchtet haben wir es immer schon: Die große Ahnung hatten die Griechen nicht, letztlich reduzieren sich ihre Errungenschaften auf Ouzo und Grillteller, vielleicht noch Tsatsiki und Wein, dem man eine Portion Harz beigemengt hat. Dass das die Folgen eines vollkommen verkorksten Weltbildes sind, liegt wohl auf der Hand. Der alte Grieche glaubte nämlich, dass die Erde mitsamt ihren Trabanten auf krummen Umlaufbahnen bewegt wurden, von wem, war allerdings nicht klar. Das mit der Bewegung ging aber nur, weil die Himmelskörper an Schaschlikspießen steckten und aus Knetgummi waren. Damit die Griechen wussten, wie die Planeten hießen, waren ihre Namen an den Schaschlikspießen angebracht. So konnte auch der Stavrosnormalverbraucher sich als Hobbyastronom betätigen und laut ausrufen: Das ist der Saturn! Heute denkt jeder an einen Riesenladen für Unterhaltungselekronik, wenn so etwas an sein Ohr dringt. Da die Lesefähigkeit laut PISA-Studie schlecht ist, bringt das mit den Zetteln sowieso nichts mehr; Buchverlage planen die Planeten als Hörbuch auf den Markt zu bringen. Entsprechend dem Weltbild der Griechen. Dass das völliger Blödsinn ist, weiß mittlerweile jeder. "Immer noch besser, als zu denken, die Erde sei eine Scheibe!", kontert Christos, Wirt des Mykonos-Stübchen. Schaschlik sei sowieso eine Erfindung aus dem Turktarttarischen, und das habe mit Griechenland wenig zu tun. Auch die Frage, wie die Schaschlikspieße in die Planeten gekommen seien, bleibt unbeantwortet; mit dem Urknall sei das nicht zu erklären. "Das sind Stützstäbchen für Topfblumen", will Rolli die Sache aufklären; die Wissenschaft bringt dieser Scherz nicht weiter. Vor allem ist die Behauptung, die Planeten bestünden aus Kentgummi längst bewiesen. Jeder, der schon mal ins Gras gebissen hat, weiß, dass die Erde, übrigens auch ein Planet, überhaupt nicht aus Knetgummi besteht, sondern aus Erde, weshalb sie ja auch so heißt.

"Weiser Mann" Olli D.:Sei wie der Gartenstuhl

Alles zu seiner Zeit, das muss sich der Gartenstuhl jedes Jahr aufs Neue sagen. Alles hat seine Zeit, das Stehen hat seine Zeit und das Sitzen. Im Winter muss der Gartenstuhl verharren und warten, eng gestapelt, die Kollegen unter und über sich, in Enge und Dunkelheit. Wenn das Licht zurückkehrt und die Uhren vorgestellt werden, dann ist die Zeit des Gartenstuhl gekommen; endlich ist er wieder seiner Bestimmung zugeführt, den Erschöpften und Ermüdeten, aber auch den Bequemen und Faulen Platz zu bieten, die Möglichkeit auszuruhen, oder einfach weiter faul und bequem zu sein. Aber das Warten über den Winter gehört genauso dazu wie das Imfreienstehenundmenschenhinternzubeherbergen. Das sollten wir immer bedenken, wenn wir ungeduldig werden, wenn wir glauben, es gehen nicht weiter, oder es gehe nicht schnell genug. Der Gartenstuhl murrt nicht, er wartet, er übt sich demütig in Geduld, um zur rechten Zeit bereit zu sein. Und: Er macht keinen Unterschied. Für ihn sind die Wesen gleich. Der Erschöpfte wie der Faule, die Katze wie der Vogel, der seine Exkremente auf die Lehne sprotzt, alle sind willkommen. Das sollte uns Menschen ein Beispiel sein, die Mitmenschen in Liebe anzunehmen, auch wenn uns Kollege Hostkötter mal wieder ans Bein gepinkelt hat.
Tu es dem Gartenstuhl gleich.

Andi Doth: Optische Täuschungen


Überall lauern Illusion und Manipulation. Die Hektik unserer Welt führt zu Fehleinschätzungen, weil wir uns nicht mehr auf unsere Wahrnehmung verlassen können. Wahrnehmung möchte man gern mit "wahr" verknüpfen; was aber ins Hirn dringt, ist eine Scheinwelt, in der es dem Hirn schwerfällt, die Wahrheit zu erkennen.
Ein einfaches Beispiel: Drei parallele Linien vor verwischtem Hintergrund sind uns ein Rätsel: Was ist das? In unserem Archiv werden wir nicht fündig. Wir werden alleingelassen mit unerklärbaren Informationen. Wer wundert sich noch, dass der eine oder andere gelegentlich Amok läuft und ein paar Menschen enthauptet, weil er sein Samuraischwert für eine Salatgurke hält? Anfangs war das nämlich so, dass der Amokläufer die Salatgurke für ein Schwert hielt, mit dem er dann, völlig harmlos, auf andere Mesnchen eindrosch, um zu demonstrieren, wie gefährlich es wäre, wenn Samuraischwerter frei verkäuflich wären. Irgendwann hat sich die Täuschung in ihr Gegenteil verkehrt: Zu Hause steht eine Schale Samuraischwertsalat und in der Einkaufszone surrt der japanische Stahl durch die Luft und Hälse, begleitet mit dem Schrei: Verbietet den freien Verkauf von Schwertern!
Erst wenn wir unser Leben entschleunigen, können wir die Wahrheit finden. Die drei parallelen Linien entpuppen sich dann als Schienen, durch einen vorbeifahrenden Regionlaexpress beobachtet. Langsamkeit, das ist die Lösung, auch wenn sie für den einzelnen erfunden werden muss. Vielleicht stellt sich heraus, dass eine entschleunigte Andrea Ypsilanti in Wirklichkeit Roland Koch ist; dass Angela Merkel in Zeitlupe wie Horst Köhler aussieht? Harte Wirklichkeit; aber die Wahrheit kann nur wahr sein, sie lässt sich nicht ändern. Wohl aber die Wahrnehmung, und davor müssen wir uns schützen. Im Bereich der Politik scheint es immer belangloser zu sein, wen wir wählen; aber in unserem persönlichen, kleinen Alltag sollten wir für unsere Zufriedenheit arbeiten, die sich durch Wahrheit einstellt. Die beschleunigte Ehefrau Doris sieht aus wie Heidi Klum, wenn Doris jedoch entschleunigt wird, gleicht sie eher Horst Köhler, der wiederum ein Trugbild ist. Damit ist die entschleunigte Doris ähnlich wie Angela Merkel, nur dass sie nicht ständig im Fernsehen erscheint oder entsprechende Diäten erhält. Doris macht eine Diät. Die aufgedunsene Welt der Illusionen hätte das auch dringend nötig.

Geburtstagslyrik: Kristin (Georg Krakl 2008)

Kristin II

Kristin,
krist ihn
nicht.
Schicht








Der lyrische Gastbeitrag: Manuel Ohlemeyer - Udo
Udo will es nochmal wissen!
Vergangene Reize
schleichen sich leise
in sein Altrockergewissen -
und er möchte sie nicht missen.
Der Nackenschalk hat ihn gebissen.

Udo will es nochmal hören!
Wie die Leute ihn betören
"Udo", werden sie laut rufen
mit ihm mit dem Rhytmus grooven.
Vielleicht kommt eine Hemmungslose
und reicht ihm eine Liebesrose
Er, in schwarzer Lederhose
Zieht den Hut tief ins Gesicht
Bevor er mit dem Image bricht
und eine Träne ihn ersticht

Udo will es nochmal sehen!
Wie alle in die Knie gehen.
Doch bei all dem Schnick und Schnack
bleibt ein schaler Beigeschmack.
Denn nicht mehr alle sind erfreut
wenn er in das Mikro heult
und gehn lieber zum Judo
oder hören Smudo
nicht
Udo.

Gefahren im Haushalt: Frühling

Es ist Frühling, der Mensch wird unruhig und versucht seinen aufkeimenden Vermehrungstrieb durch Aufräumen und Putzen zu kompensieren. Vorsicht ist geboten, denn die Dinge, die sich den Winter über problemlos vom Staub befreien ließen, sind gerade in dieser Zeit ungewöhnlich aggressiv. Wer seine Lesebrille zurück ins Etui stecken will, weil gerade in der liebeserfüllten Frühjahrszeit die Sehhilfe abschreckend auf mögliche Partner wirkt, kann üble Überraschungen erleben. Gerade in März und April sind die Kau- und Bissmuskeln der sonst eher reglosen Schutzkoffer für Brillen besonders ausgeprägt. Nähert man sich den Objekten nicht, fällt das nicht weiter auf. Auch das bescheidene Herausnehmen der Sehhilfe macht noch keinen Ärger. Wenn man jedoch kurz nach dem Aufenthalt auf einer WC-Brille sich dem Schutzraumfür den viel sensiblerenund feinfühligeren Verwandten nähert, kann es zu Übergriffen kommen. Bislang ist es der Wissenschaft nicht gelungen, die Ursache für diese Gefahr im Haushalt zu klären. Wohl dem, der keine Brille trägt. Bereits früher wusste man, dass der Sehbehinderte als "Brillenschlange" ein Verlierer war.

Astronautenalltag: Mondlandung

Robbi: Ich kann den Mond überhaupt nicht sehen....
Barnaby: Schlechte Sicht sowieso
Rudolf: Von hier siehst du den sowieso nicht...
Robbi: Und was ist das da hinten?
Barnaby: Ich seh nix.
Rudolf: Mach doch mal dein Visier auf, ja, genau, durch die Geldfolie siehst du wirklich nichts.
Barnaby: Ach, du bist es, Rudolf. Du hast eine Stimme wie Robert de Niro.
Robbi: Seit wann fliegt der denn zum Mond?
Barnaby: Keine Ahnung.
Robbi: Wo ist der Mond überhaupt?
Rudolf: Den siehst du von hier nicht.
Robbi: Das hast du eben auch schon gesagt.
Rudolf: Wenn's doch stimmt.
Barnaby: Nee, eher wie die deutsche Synchronstimme von Robert Redford...Rudolf!
Robbi: Also, der Mond ist nicht zu sehen. Und was ist das da hinten?
Rudolf: Die Erde.
Robbi: Wie jetzt?
Rudolf: Das runde, blaue Ding ist die Erde.
Barnaby: Robert de Niro, oder meine ich Peter Maffay, auf jeden Fall hat der eine Warze im Gesicht.
Robbi: Und der Mond?
Rudolf: Auf dem stehen wir jetzt. Und deswegen kannst du ihn nicht sehen
Robbi: Ich seh ihn ja doch! Ist denn heute nicht Vollmond?
Rudolf: Von der Erde aus schon.
Robbi: Und von hier aus?
Barnaby: Wenn du gehst, dann geht nur ein Stück von dir....
Robbi: Gut, dass Vollmond ist.
Rudolf: Wieso?
Robbi: Sonst hätten wir hier gar nicht landen können, bei Neumond zum Beispiel.
Barnaby: ...schläft nur ein Teil von dir.... oder ein Stück?...ein Teilstück...
Rudolf: ----(Beißt in den Überrollbügel seines Integralraumhelmes.)
Robbi: Wo ist denn jetzt der Mond?

Gedichte mit Tu-Sätzen: Haus am Meer (27.3.08)




Georg Krakl: Haus am Meer (2008)



Ach, Haus am Meer,
du stehst so leer
an sturmumtoster Küste.
Und wenn ich deine Nummer wüsste,
ich käm zu dir, würd in dir wohnen.
Doch ohne Nummer tut der Weg nicht lohnen.

Buchtipp: Simplify your wife (26.3.08)

Lothar Takko Kistenmacher:

Simplify your wife

Ein Buch für Männer, die jahrzehntelang versucht haben, die Frauen zu verstehen. Dieses Buch hilft, zu einem vereinfachten Verständnis zu gelangen, was den Männern insgesamt entgegenzukommen scheint. Warum kompliziert, wenn auch einfach? Warum weit, wenn auch nah?

Vielfältige Themen führen in die unüberschaubare Welt der Paarbeziehungen. Angelehnt an das Buch "Simplify your Life" wird erst mal richtig aufgeräumt, um anschließend zu sehen, was übrig bleibt, bzw. ob die Wohnung nicht viel zu groß für eine Person ist, weil die Ehefrau bereits unbemerkt ausgezogen ist. Selbst wenn das Verhältnis nicht zu kitten ist, so weiß man nach der Lektüre des Buches zwar nicht mehr über die Frauen; aber alles Gerümpel und der ganze Beziehungsmüll ist mitsamt den Ursachen aus der Wohnung. Da kann man es bei einem gemütlichen Herrenabend mal wieder richtig krachen lassen. Ein Buch für Männer und die es werden wollen. (Zum Foto ein Leserbrief: "Da hat Takko den Nagel auf den Kopf getroffen!" Bernd R.)

Andi Doth: Illusion (25.3.08)

So vieles in unserer Welt ist Illusion. Mancher Baum sieht aus, als warte er nur darauf, aus allen Knospen zu platzen, dabei ist es Dezember. Das Vorgaukeln falscher Tatsachen kann nicht mit dem Klimawandel entschuldigt werden! Hier versucht die Natur, den Menschen hinters Licht zu führen und imitiert das menschliche Miteinander. Wer erzählt dem anderen schon, was er verdient, oder ob sein BMW Zdreinummernzukleindafürzuteuer auf Pump gekauft wurde und der Brief noch bei der Bank als Sicherheit lagert? Illusion. Wir gucken den Leuten vor den Kopf, aber was dahinter west und siecht, bleibt uns verborgen. Vielleicht bin ich der einzige, der die dummen Elternbotschaften "Du sollst nicht lügen" und "Der liebe Gott sieht alles" für bare Münze nimmt und danach zu handeln versucht. Alle anderen sind aus diesem kindlichen Stadium heraus und lügen direkt oder indirekt, bis die Schwarte kracht. Das Schlimmste obendrein: Die Natur fängt auch schon an zu lügen. Sie täuscht etwas vor, was es gar nicht gibt. Gletscher verstecken sich, Pflanzen verschwinden vom Erdboden, Tierarten sterben aus. Angeblich, weil der Mensch zu viel Auto fährt. Wer's glaubt, kommt in die Ewigen Jagdgründe und kann dort vielleicht mit imaginären Drillingen auf die versammelten ausgestorbenen Tiere ballern. Auch ein Versprechen, das sich später vielleicht als Versprecher erweist; dann ist es aber zu spät. Also: Nicht alles glauben, was einem vor die Augen kommt. Auch der Aktentaschenträger im Business-Anzug schleppt nicht immer Schwarzgeld mit sich herum. Das passt sowieso in keinen Koffer.

Hasenkostüm gefällig? (24.3.08)

Wer hat schon Lust, zum Kostümverleih zu laufen und sich, wie jedes Jahr, ein Hasenkostüm zu kaufen, um die selbst bemalten Eier fachgerecht im Garten zu verstecken? Die geliehenen Kostüme riechen nach altem Schweiß mit schlechtem Deo; das treibt den Ekel durch die Nase direkt ins Hirn, das das dann weiterleitet ans Verdauungszentrum. Um den jährlichen Kampf gegen den Würgereiz zu vermeiden, hier der Tipp aus Bodos Welt: Einfach eine Kunstpelzhose für Kleinkinder oder Säuglinge kaufen (Größe für 1-2jährige, je nach Kopfumfang), überstülpen, ein Hasengesicht machen und los geht's. Anschließend kann das Objekt verschenkt werden, wenn nicht dieses, dann nächstes oder übernächstes Jahr. Die Bekanntschaft vermehrt sich zwar nicht wie die Hasen, aber manchmal ist doch ein Treffer dabei.

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Weg ins Licht (23.3.08)

Gerade zu Ostern fragen wir uns: Was habe ich die ganze Zeit gemacht? Plötzlich ist schon wieder Ostern, die Regale in den Supermärkten quillen über von Schokohasen mit Progenie, die ihnen dieses dümmliche Aussehen verleiht. Wir fragen weiter: Wer hat eigentlich die Osterhasen erfunden und warum sollen sie bunte Eier verstecken? Alleingelassen ohne Antworten sitzen wir im Fensehsessel und sinken in eine tiefe Feiertagsdepression. Wisst aber, dass das zu unserem Weg gehört. Es ist nicht bequem, ins Helle der Erleuchtung zu gelangen. Einfacher ist es hinabzugleiten in die Finsternis der Steuerhinterziehung, des Lugs und Betrugs, des schönen Lebens in Villen mit Swimmingpools, dicken Autos, der exotischen Urlaubsziele, des Schmucks und des Bodyshapings. Wer will schon daran teilhaben? Sicher, jeder eigentlich. Jeder möchte genug Geld haben, um die Kontoeröffnungsgebühren in Liechtenstein mit Links zu zahlen, jeder möchte dem Autoverkäufer, der ihn vor einem Jahr übers Ohr gehauen hat, mit gleicher Münze heimzahlen, jeder möchte raus aus seiner eingestaubten Dreizimmerwohnung, jeder möchte einen BMW, einen Urlaub auf Hawaii und einen auf Form geschnitzten Körper. Bruder Neid steht uns im Wege. Wir haben nicht das Geld, um den breiten, bequemen Weg zu gehen, der direkt in die Hölle führt. Da soll's auch ganz schön sein, behaupten böse Zungen, Menschen, die das Beste aus ihrer desolaten Situation machen wollen. Denn Reichtum macht einsam; auch wenn man es anfangs nicht merkt vor lauter Prosecco und Kaviar und freundlichst plaudernden Partygästen. Den steinigen Weg gehen die, die wirklich nach einem guten Leben streben. Schritt für Schritt quält euch in die Höhe; der Lohn wird euch gewiss sein. Derweil wird in der Hölle mal wieder richtig gebechert. Eine Scheinwelt, von der ihr euch nicht gefangen nehmen lassen dürft. Macht eure Bude mal wieder richtig sauber, geht eine Runde um den Block, ein paar Sit-ups, um das Fett an Bauch und Hüfte zu shapen, eine schöne Tagesfahrt mit einem Reisebusveranstalter und das Leben auf dem harten Weg erscheint euch wieder lebenswerter. Irgendwann werden auch in der Hölle die Lichter ausgehen.

Folgen der neuen Rechtschreibung (22.3.08)

Die Folgen der neuen Rechtsschreibung sind spürbar. Besonders alte Menschen leiden zunehmend mehr darunter. Was früher als richtig galt, heißt heute schon ganz anders. Man hat den Eindruck, jeder kann so schreiben, wie er will. Dabei sind in der neuen Rechtsschreibung auch feste Regeln eingebaut, die es zu beachten gilt: Dass mit Doppel-s wird immer noch mit Doppel-s geschrieben, auch wenn sich einige Grammatiktumpel schon ins Fäustchen gefreut und auf die Abschaffung des zweiten S gehofft hatten. Das Wort Meer wird weiter mit Doppel-E geschrieben, sodass es keine Meerwertsteuer oder Meerwehrtsteuer oder Meerwährtsteuer geben wird. Auf keinen Fall heißt es jetzt: Der alte Mann und das Mehr. Da sei sowieso Hemingway davor. Alte Männer rennen aber jetzt verwirrt am Strand herum und suchen das Mehr, nur weil ihnen ihr rechtschreibuntauglicher Enkel aus Wut über eine verweigerte Taschengeldzuwendung geschrieben haben: Alter Mann, geh doch ins Mehr!

Ländliche Lyrik: Frühling auf dem Land (21.3.08)


Zu spät

Der Frühling gibt sich Müh
Der Mühling kommt zu früh

Schulinspektion - Qualitätsanalyse (Teil 3): Hausmeister


Einen wesentlichen Eindruck von einer Schule vermitttelt der Zustand der Hausmeister. Sie sind quasi das Treppenhaus oder die Diele bzw. der Flur eines Wohnhauses. Hier wird der Gast begrüßt. Die Form des Erstkontaktes erzählt viel über den "Seelenzustand" einer Schule. Hört man ein freundlich-fröhliches MOGGEN? Die etwas burschikose Art, nett gemeint und einen gewissen Stolz auf die eigene Kaste vermittelnd, zeigt: Hier stimmt die Welt, etwas dick aufgetragen, aber eigentlich läuft der Laden. Wenn denn ein offenes Gesicht und ein Lächeln dazugehören. Das Lächeln kann natürlich auch ein Grinsen sein, im Sinne von: Na, den faulen Säcken gönne ich aber mal eine Schulinspektion, ständig hinter uns rumfragen, man kann ja nicht mal in Ruhe frühstücken oder im Heizkeller rumsitzen. Wurd auch mal Zeit, dass die auf Trab gebracht werden.
Genaues Hinschauen ist nötig. Gibt es ein Händeschütteln? Rustikale Verbrüderungsabsicht, die nicht angemessen ist? Kann heißen: Hallo, ich habe da auch noch was zu erzählen...?! Gibt es ein Wegschauen, ein Rumkramen in der Putzmittelkammer? Hier sind gute Absichten schon früh zerstört worden, hier liegen tiefe Verletzungen vor, die noch lange nicht verheilt sind. Da hat eine Schule die wichtigen Repräsentanten der inneren Zufriedenheit vernachlässigt.
Wir zu laut gesprochen? Wird in Gegenwart des Inspektors ein Dritter robust angesprochen? Haste schon die Zwei hier gesehen? Die kommen heute in deinen Unterricht! Zaghafte Antwort, halbe Lautstärke: Die sollen wohl auch den Heizkeller inspizieren....
Schwierig ist es , wenn die Hausmeister völlig vom Erdboden verschluckt sind. Aber wie man eine verweigerte Aussage zu ungunsten des Angeklagten interpretieren kann, so sind auch hier Rückschlüsse möglich. Und die sollten gezogen werden. Qualität definiert sich auch über das Fehlen von Elementen eines (nicht) funktionierenden Systems.

Lauschangriffe in Vorbereitung

Eine ganz neue Dimension des Lauschangriffes bereitet jetzt das Bundesinnereienministerium vor: Weißbehelmte Männer mit großen Ohren schweben an einem Drahtseil über öffentlichen Veranstaltungen und belauschen, was die Bevölkerung so von sich gibt. Den anfangs geplanten Einsatz von Zwerghubschraubern hat man verworfen, da die Geräuschentwicklung der Geräte so hoch ist, dass sich ein Hinhören erübrigt. Der Lauscher erhalten eine Spezialausbildung, die sie auch befähigt, hinter oder vor Gittern zu arbeiten. Ziel sei es ja auch, den unbequemen Denker, der seine Klappe nicht halten kann, hinter Gitter zu bringen. Denn zu sagen, was man denkt, kann staatsgefährdend sein und die innere Sicherheit verunsichern. Wo genau das Innen ist, konnte das Ministerium nicht beantworten.

Lyrik: Kristiane Alles-Weißmannnicht "Politik"

Politik

Da glaube ich einen Mann
gefunden zu haben
und es ist ein Politiker.
Makramee!
schreit es in mir.
Mein Flusensieb ist mir lieber
als ein seelenfressender
Selbstdarsteller
auf der Kanzel der Selbstverliebtheit
der Unterdrückung der zweitausendjährigen Zwangsheirat
Politiker mit deinem
Politkicker
So kannst du frau nicht ignorieren
Makramee! schreit es
Und du schießt dein erstes Eigentor

Gefahren lauern im Alltag

Der hygienebewusste Mensch von heute begnügt sich nicht mehr mit schlichtem Toilettenpapier, sondern ergänzt die aktuell nach geschäftlichen Sitzungen anfallende Körperreinigung durch sogenannte Feuchttücher. Sandra hilft zu einem sicheren Gefühl, alles ist sauber, der Mensch kann wieder unter seine Mitmenschen gehen. Der angenehm-penetrante Geruch Sandras überdeckt mögliche unangenehme Geruchsreste, die den sensiblen Mitbürger die Nase rümpfen lassen. Sandra ist ein Schatz!

Manchmal jedoch versteckt sich Sandra in ihrer Plastikbox, vielleicht weil ihr nicht genügend Aufmerksamkeit zugeflossen ist, sei es, weil sie nicht schon wieder Lust hat, anderen Menschen zu Sauberkeit zu verhelfen, um selbst eingesaut übrig zu bleiben. Sandra ist sensibel, sie möchte gebeten werden. Manchmal zieht sie sich einer Schnecke gleich in ihr Gehäuse zurück.
Sandra ist neben aller Nützlichkeit für den Waschzwängler auch eine Gefahr im Haushalt. Perfide beißt sie in Finger, die nach verborgenen Tüchern bohren und verursacht nicht nur Schmerzen, sondern auch Entzündungen im Fingerkuppenbereich und an der Nagelhaut.
Die moderne Zeit zahlt hier ihren Preis. Früher reichte ein geknittertes Blatt der Freien Presse oder des Mindener Tageblatts, heute ist die dreilage Klorolle schon überfordert und muss durch Sandra ergänzt werden. Das schafft Aggressionen, weil Sandra eigentlich gedacht hatte, sie werde zum Abschminken übermalter Gesichter benutzt werden. Gesicht ist Gesicht, hatte ihr der Sortimenter des E-Center zugeraunt, für welches dich einer benutzt, das entscheidet nicht das Feuchttuch, ist das klar?
Sandra musste kleinlaut beipflichten und schwor sich Rache zu üben.
Wer unverletzt im Haushalt bleiben möchte, der sollte bedenken, dass auch Reinigungstücher Gefühle haben. Wer mit Blumen spricht, fördert ihr Wachstaum, wer seinem Feuchttuch ein paar liebe Worte zusäuselt, macht auf jeden Fall nichts falsch!

Super: Heather Mills

Humpelstilzchen kann auch einmal einen Schnitt machen! Das hat Heather Mills jetzt bewiesen. Wofür und warum, kann keiner beantworten, aber die Welt ist doch immer voller Fragen, denen die Antworten fehlen. Die meisten Menschen verdienen ihr Geld durch harte Arbeit. Wie aber kommt man in kürzester Zeit auf 33 Millionen Euro? Tipp: Appes Bein und dann an Ex-Beatle Paul McCartney ranmachen! Nix tun, aber abkassieren. OK: Man muss im Groben wie die verstorbene Ex aussehen und vielleicht auch noch Vegetarier sein. Das ist doch immer noch besser, als von Almosen zu leben, oder? Ein Sieg emanzipierter, behinderter Frauen. Oder eher peinlich? Help, I need somebody... oder für Mac: Yesterday...

Neues von der Reinkarnation

Für Menschen, die an eine Reinkarnation glauben, gibt es bedrückende Nachrichten: Man kann auch als Luftballon wiedergeboren werden. Angesagt sind also gute Taten, gute Taten, gute Taten für jene, die nicht auf der Mindener Herbstmesse am Kunststofffaden hängen möchten. Wenn man nicht an die Reinkarnation glaubt, heißt das noch gar nichts. Denn: Bewiesen ist das noch lange nicht! Deswegen lieber vorbeugen, damit es nicht heißt: Was hängst du denn hier rum? Wieso hängen? Ich schwebe! Und warum bist du hier? Keine Ahnung. Vielleicht hast du dich in einem früheren Leben immer so aufgebläht. Weiß ich nicht mehr. Aber, man kann gar nicht viel machen, so ohne Arme und Hände, ohne Beine und überhaupt. Man fühlt sich so leicht, finde ich. Das bringt mir jetzt nichts. Man muss das Beste draus machen. Ja, wie denn, ich komm doch hier nicht weg, und wenn, wo soll ich denn hin? Vom Winde verweht, fällt mir da ein. Hahah, sehr lustig. Da platzt mir gleich der Kragen! Würde ich deinem Kragen nicht raten. Also, Leute, ich bleibe hier nur so lange, bis die Luft raus ist. Meinst du, das wäre eine gute Tat? Wieso? Na, von wegen noch mal als Luftballon auf die Welt kommen. Einmachgummi wäre auch nicht besser. Stimmt.

Ländliche Lyrik: Verheult


Du wirkst verheult.
Man hat dein Lieblingsschwein gekeult.

Skistehen oder Poolliegen?


(Leserservice: Wichtige Wörter sind fettgedruckt!)
Warum Menschen gerne Ski fahren ist nicht bekannt. Noch weniger ist bekannt, ob sie wirklich gerne fahren, oder dies nur behaupten, um etwas andere Menschen, die nicht Ski fahren, neidisch zu machen. Möglich auch, dass sie lediglich wollen, dass andere kein Mitleid zeigen, weil sie Ski fahren müssen und daran keine Freude empfinden können. Wer bemitleidet wird, ist ein armer Tropf, ein Loser (Gesprochen: Lu:ser), ein totaler Versager. Niemand liebt dich, wenn du am Boden liegst. Das ist bekannt. Das gilt nicht nur fürs Skifahren. Das ist überall so. Ausgenommen natürlich der Schattenplatz am Hotelstrand oder Swimmingpool in heißen Ländern. Wer da liegt, ist ein Gewinner. Die Vollidioten finden morgens ihre Handtücher, mit denen sie ihre Plätze am Vorabend bunkern wollten, im Wasser wieder. Gleiche Bedingungen für alle: Ab sechs darf das Handtuch ausgelegt werden. Frühaufsteher sind im Vorteil gegenüber den ganz Ausgeschlafenen. Bei Halbtagsausflügen hat man dann immer „sein“ Plätzchen am Planschbecken, um sich von der beschwerlichen Besichtigungs- oder Shoppingtour zu erholen. Niemand wird am helllichten Tag wagen, das Handtuch dieser Soziopathen im Pool zu versenken. Darüber wachen die anderen, die trotz verbrannter Haut auf ihren Plätzen liegen. Weggegangen, Platz vergangen. Das gilt hier nicht unbedingt. Wenn das Handtuch liegt, liegt gleichsam der Besitzer; und den schmeißt man nicht ungestraft ins Becken, auch wenn einem danach ist, weil dieser Platz gestern mir gehört hat. Aushalten, durchhalten, Platz halten. Liegen muss nicht schlecht sein.

Der Skifahrer steht meistens. Er schaut, ob die Piste frei ist. Er genießt die Gegend. Er steht am Lift. An der Gondel. Am Liftpassschalter. An der Schneebar. Im Restaurant. Beim Après-Ski. In Skischuhen. Der Skifahrer steht, und zwar meistens an.
Der Skifahrer sitzt darüber hinaus. Er sitzt im Lift, in der Gondel, im Restaurant, wenn er endlich einen Platz gefunden hat. Er sitzt im Schnee, um wieder aufzustehen.
Er fährt den Hang hinunter. Auf der Piste. Er fährt die kürzeste Zeit. Je mehr er fahren will, desto mehr muss er stehen und sitzen. Das ist ein proportionales Verhältnis. Je mehr desto desto. Reziprok klingt schöner, wäre aber fatal. Je mehr, desto weniger eben. Das hieße, dass er gar nicht zum Fahren käme. Je mehr er stünde, desto weniger führe er. Bei vollen Gondeln geht die Fahrzeit gegen Null.
Der Skifahrer betreibt seinen Sport bei Nulltemperaturen. Vielleicht aus diesem Grund: Weil er sich im Grunde ein reziprokes Verhältnis wünscht. Je weniger er sitzt, desto mehr kann er fahren. Schluss mit Gegendgucken, Schneebarstehen, Füßeausruhen. Der Sport wird Stress. Niemand kommt zum Halten, alles endet in einer unendlichen Bewegung, die schließlich zu völligen Auszehrung des Körpers führt. Oder im umgekehrten Fall zu breitgesessenen Hintern und platten Füßen.
Skifahren ist im Endeffekt kein Sport, der gut tut. Er schadet. Das will niemand wahr haben. Wer kauft sich schon eine Skiausrüstung für richtig Geld, um hinterher festzustellen, dass das Bewegungsverhältnis der Sportart proportional ist, aber wunschgemäß reziprok sein sollte. Das wird niemand gern zugeben. Auch nicht, dass er seine Ausrüstung billigst wird verschleudern oder nach einem Schleudersturz durch die Haftpflichtversicherung eines naiven Mitfahrers wird finanzieren lassen müssen. Skifahren ist nicht einmal eine Freizeitbeschäftigung, die Wohlbefinden erzeugt. Entweder sitzt man zu wenig und fährt kaum, oder man fährt viel, sitzt und steht aber dauernd herum. Nur – woher die Zeit nehmen? Wer viel fahren will, muss noch mehr Zeit haben.
Da ergibt es doch einen Sinn, am Pool auf seinem Badetuch zu liegen, oder das Tuch alleine liegen zu lassen und sich derweil mit anderen Kostbarkeiten des Lebens zu vergnügen. Denn hier gilt: Je länger ich liege oder liegen lasse, desto länger liege ich, oder lasse ich liegen. Ein Verhältnis, das stimmt. Da gerät nichts durcheinander. Eine Ungleichung, die jeder verstehen kann. Herumliegen ist schlicht und auch für einfachste Gemüter keine Überanstrengung. Wer es dann noch schafft, kurz vor sechs aufzustehen und sein Handtuch an die richtige Stelle zu legen, der kann sich eines übersichtlichen proportionalen Verhältnisses sicher sein; und das ist richtiger Urlaub.
(Zum Foto: Verdammt, wo ist der Schnee geblieben? Eine verwirrte Skifahrergruppe steht vor dem Nichts. Das ist noch einmal superreziprok.)

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Lass ab von Häme!

Wenn dein Erzfeind öffentlich angeprangert wird, wenn die Obrigkeit auf ihn aufmerksam wird, wenn PC und Aktenschränke leergeräumt werden, wenn untersucht und ermittelt wird, hast du dann das Gefühl von Häme, von „Wurdauchmalzeit!“? Jahrelang hast du dich klein gefühlt, ohnmächtig gegen Gehabe und Auftreten, gegen Anweisungen und dringende Wünsche; endlich glaubst du, dass dir Gerechtigkeit widerfahren ist. Fühlst du dich wohl? Bestimmt nicht, denn im Innersten weißt du, dass Vergeben und Liebe die Lösungen sind, die dich er-lösen von der Qual der Wirklichkeit. Jahrelang hat dich eine Sehnsucht nach Rache auf das Rad der Realität geflochten, hat dich gebunden an deine geheimen Wünsche, von denen du nicht loskommst. Im Gefühl der Rache, des „Geschiehtihmrecht“ und des „Wirdwohlwasdran“ bleibst du winzig, verharrst du in deinem Kleinmut und bleibst unerlöst. Die Qual wird weitergehen. Jetzt zeigst du mit dem Finger auf die, die die Wahrheit nicht sagen wollen, die schweigen wollen, weil böse Stimmen ihnen das eingeflüstert haben, ihnen nahegelegt haben: Wer weiß, was mit euch später wird, wenn sich alles als Irrtum erweist, wenn der Geächtete zurückkehrt. Die Rache ist sein!, droht man den Ängstlichen, auf dass sie schweigen, und dieses Schwiegen ist mehr als 1000 Worte. Hinausschreien sollte ihr es, wenn alle Vorwürfe Lüge sind! Warte, Kleinmütiger, nicht zu lange auf deine Rache, sonst fällt sie auf dich zurück! Vergib und liebe, nimm dich selbst an und alle andere in ihrer Schwäche! Und wisse: Die Wahrheit lässt sich nicht tilgen, weder durch Schweigen, noch durch hundertfaches Wiederholen des Falschen. Die Wahrheit ist. Die Wahrheit dauert. Darauf kannst du setzen. Darum, lass ab von Häme und vertraue!

Nacht- und Nebelaktionen - Bist du es, Mutter?

Das passiert immer häufiger: Dass man sich in Nacht- und Nebelaktionen sein täglich Brot, etwas Bargeld oder einfach nur sein Recht verschaffen muss. Der entmündigte Bürger ist immer mehr auf Eigeninitiative angewiesen; früher sorgte der Staat für den Menschen, heute muss er es selber tun.
Es ist dunkel und neblig, der kalte Bruder der Sonne ist nur als diffuses Licht zu sehen, möglich auch , dass es eine Straßenlaterne oder ein Autoscheinwerfer ist, das lässt sich bei solchen Lichtverhältnissen niemals klären. Der Druck ist hoch, die Hände feucht. Jetzt gilt's, was immer es auch sein mag. Das ist die Nacht der Nächte, undsoweiterundsofort. Positive Affirmationen trommeln durchs Hirn, sollen beruhigen oder den nötigen Adrenalinkick geben, um das Vorhaben zum Erfolg zu bringen. Hans tastet sich durchs Dunkel, fühlt den Nebel förmlich mit den Fingern. Dann greifen seine Hände etwas Warmes, Weiches; Hans spürt Stoff, dann Haut, dann Fleisch, Haare, einen Menschen; das Herz hämmert, Adrenlin bis in die Fingerspitzen, der Urmensch in Hans warnt 'Hau ab! dafür ist das Adrenalin auch da!', 'Feige Sau!', kontert Hans in Gedanken, um sich selbst Mut zuzudenken, er greift höher, fasst ein Gesicht, Nase, Ohren, Oberlippenbart: "Bist du das, Mutter?"
Eine tiefe Stimme: "Sammal hast du ne Vollmacke!" Keine Frage, ein Befehl. Alkoholgeruch strömt Hans entgegen, vermischt mit Zigarettenrauch, jetzt dringt der Keipendunst in seine Nase. "Pack mir nicht im Gesicht rum!" Hans kennt die Stimme; das Gesicht dazu fällt ihm nicht ein. Helga ist das nicht, denkt er, dafür ist die Stimme zu tief. Die hat auch keinen richtigen Bart, analysiert er scharf. "Nimm die Finger da jetzt weg! Du kannst froh sein, dass ich gute Laune habe und kaum noch stehen kann!", brüllt die Gestalt. "Ach, du bist das, Horst, Mensch, alter Schwede!", ruft Hans jovial und haut Horst kräftig, aber kameradschaftlich auf den Rücken. Horst kippt vornüber und bleibt liegen, kurz darauf schnarcht er. "Ich hasse Nacht- und Nebelaktionen", murmelt Hans und wischt sich die Hände an seinem Mantel ab.
"Was wollte ich denn noch?", murmelt er leise vor sich hin. Geduckt schleicht Hans weiter durch die Nacht. "Ich hab's vergessen, ganz einfach vergessen; ich weiß es nicht mehr." Wie ein Mantra wispert Hans die Worte vor sich hin und verschwindet allmählich im Diffusen.

Neue Fahrradhelme in Planung


Die Industrie hat neue Fahrradhelme entwickelt. Die alten, stromlinienförmigen, die dem Kopf etwas Echsenhaftes verliehen, waren schon eine Gefährdung des Straßenverkehrs. Wenn ein entspannter Autofahrer plötzlich einer Riesenechse auf zwei Rädern angesichtig wird, so ist die erste Reaktion die Flucht: Aufs Gas und ab nach Hause in den schützenden Bau oder in die sichere Höhle! Sogar anerkannte Verkehrsgutachter bestätigen, dass der Nutzen der Helme den Schaden nicht aufwiege. Zwar sei die Zahl der Radfahrer, die nach rüpelhaftem Verkehrsverhalten unerkannt und unverletzt davon gekommen seien, enorm gestiegen, die Zahl der Blechschäden allerdings auch. Darüber hinaus seien die Helme aufgrund ihres spitzen Hinterstücks äußerst gefährlich, wenn sein Besitzer in einer Schlange steht. Das entnervte Nachhintenrucken des Kopfes, weil die Wartezeit zu lang wird, habe schon manchen eng anstehenden Frührentner vom Linoleum geholt; das müsse unbedingt verhindert werden, so dass die EU ein Verbot des Tragens von hinten spitz zulaufenden Fahrradhelmen in Menschenschlangen beschließen will. Findige Unternehmer haben im Vorfeld dieses Beschlusses bereits reagiert: Sie entwickelten einen ballonartigen Rundhelm, der den Besitzer schützen soll, dem Kopf aber leider etwas Meloniges gibt. Bisher wurden die Helme nur bei Fußgängern getestet, was sich als ungeschickt erwies: Passanten hielten die Helmträger für Wesen von einem anderen Planeten und versammelten sich sofort, um eventuell eine Friedensdemonstration zu organisieren, oder den Alien einfach mit Spaten und Plattschaufel, die jeder gute Bürger im Frühjahr in seiner Nähe weiß, zu erschlagen. Gut auf jeden Fall, dass der jeweilige Alien, wenn es denn einer war, einen soliden Rundhelm trug, der einen gezielten Spatenschlag locker abfängt. Dumm gelaufen: Aber wie, bitteschön, erkennt man einen Fahrradfahrer mit Helm, der gar kein Fahrrad mit sich führt? Da wird auch der neue Rundhelm nichts nützen.

Exotisches auch für Vegetarier

Nach einem Afrika-Urlaub oder einer Exkursion in andere exotische Länder, finden sich Vegetarier immer häufiger in den Feinkostabteilungen großer Kaufhäuser, wie etwa dem KaDeWe, um sich das im Urlaub verweigerte Essen einmal von Nahem anzusehen. Grüne Mamba, rote Blindschleiche oder Ockerlurch standen auf der Speisekarte; der Vegetarier hat sich mit geschmacksneutralem Couscous abspeisen lassen, in dem vielleicht zufällig eine halbe Kakerlake für Fleischanteile sorgte. Immer größer wird der Wunsch nach Rückkehr in die Heimat, die Erinnerungen an einen wunderbaren Urlaub aufzufrischen. Dazu gehört auch der ausgefallene Speiseplan, der ganz klar mit dem Gesicht von Hanni verbunden ist, die kurz vor dem Würgereiz Löwenpranke an frittierter Javanischer Warzenschlange bestellt, und schließlich auch einen halben Teller voll hinunterbekommt. Das muss wiederholt werden, wenn auch nur im Kopf; aber dazu gehörn die Objekte des heimlichen Ekels, den man als Gourmet nicht zeigen will. Was aber den Vegetarier überrascht, ist die Tatsache, dass auch seinen geheimen Fleischeswünschen und -lüsten genüge getan wird; die Feinkostabteilungen bedienen den Fleischverweigerer mit buntestem Schlangenersatz. Den kann sich der Tofufreund ohne schlechtes Gewissen einverleiben. Seine Gäste, die nur an Originalschauplätzen hässliche Tiere essen, kann er mit solchen Objekten überraschen; erst wenn sie hineinbeißen, merken sie, dass es sich nicht um Schlangenfleisch, sondern um eine Mischung aus Zucker, Bindemittel und Knochenextrakten von fleischlosen Tieren handelt. Bis dahin ist der Spaßfaktor auf Seiten des Gastgebers und Grünzeugessers; selten kann man solche langen Gesichter sehen, selten ist die Körperbeherrschung mehr gefordert, selten das Zusammenpressen der hinteren Backenzähne kräftiger. Das zu beobachten, ist der Höhepunkt des Abends. Wie sagt der Nuschler? Schlange nicht mehr so gelacht....

"Weiser Mann" Olli Dallilahmer: Der Choleriker hat unsere Liebe verdient

Hat der Choleriker nicht auch unsere Liebe verdient? Ist es unser Kleinmut, der es verhindert ihn anzunehmen als Mitmenschen, als Nächsten?
Du hast du ne Vollmacke, du verfluchter Sauhund, räum gefälligst das Laub, das dein verschissener Birnbaum in meinen Garten gepfeffert hat, auf deine Seite, aber dalli! Sonst zieh ich dir ein Horn! Ist das jetzt klar? Basta! Und Punkt! Dass das mal ein Ende hat hier. Feierabend! Sonst kauf ich mir ne Kettensäge und dann hat es sich ausgebirnt, Meister!!!!
Was steckt hinter diesen Worten, was hinter seinem cholerischen Auftritt, der auf den ersten Blick verletzend und gewalttätig wirkt? Die Augen des Brüllenden sind in Wirklichkeit ängstlich zusammengerückt; ein kleiner Geist hat in einem mächtigen Schädel seine Heimat gefunden und fürchtet, entdeckt zu werden. Schutzmechanismen, alt und neue, aus Gegenwart und Kindheit, greifen und setzen die Alarmglocken in Bereitschaft. Der Choleriker will nicht verletzen, er will das kleine Kind in sich schützen, das nie seinen Willen bekam, auch wenn es mit Nagelschuhen Glastüren eintrat, Blumenvasen in den Wohnzimmerschrank warf oder dem Hund von Tante Moni kleingeknickte Rasierklingen ins Hundefutter mischte. Schreie nach Liebe, manchmal stumme Schreie, manchmal laute, die Panzerglas zerbersten lassen konnten.
Liebe, das ist es, worum eine arme Seele hier fleht. Wir können nicht einfach weghören; wir müssen unsere Hilfe anbieten. Was spricht dagegen, den ersten Schritt auf den anderen zu tun, den Choleriker anzunehmen wie er ist, und ihn dadurch zum Guten zu verändern? Ist der Birnbaum nicht alt und gehört er nicht längst ins Trockenregal für das Kaminholz? Manchmal muss man sich trennen können, von alten Gewohnheiten und manchmal von einem alten Birnbaum. Wenn es der Liebe dient.